Aspektanalyse: Kreieren eines Überladungsframeworks – ND
Tobias Strobl und der SC Verl greifen im Offensivspiel gegen blockende Gegner regelmäßig auf gezielte Flügelüberladungen zurück. Doch nach welchen Prinzipien und Motiven agieren sie dabei? Mit welchen Intentionen wird der Gegner überladen und wie wird diese Spieldynamik fortgesetzt? Ein Blick auf die taktischen Muster und ein mögliches Framework
ND
1212 Motiv
Während im Spiel gegen pressende Gegner die Raute + X das Kernmotiv bildet als Leitplanke, an der entlang kombiniert und reagiert wird. Ist es im Spiel gegen blockende Gegner das 1212 Motiv hierbei ist der primäre Referenzpunkt der gegnerische Block. Das 1212 Motiv lässt sich in 4 Zonen unterteilen
1te Ebene – Vor erster Blockebene (Grün) – Initator + Anker
1 Spieler, der in der Regel ohne direkten Druck vor dem Block agiert oder den Druck gezielt lockt: Seine Hauptaufgabe liegt darin, das Spiel zu initiieren, den Ball in die höheren Ebenen zu transportieren, oder den gegnerischen Block durch Andribbelbewegungen ins Verschieben und Springen bringt. Zudem fungiert er als Anker dahinter, der eine ständige Rückpassoption und Absicherung bietet.
2te Ebene – Um erste Ebene (Grau) – Verbindungsspieler
2 Spieler, die sich situativ anpassen und sich dabei vor, neben oder hinter der ersten gegnerischen Blocklinie postieren. Diese Zone bietet klare Orientierung, lässt den Spielern jedoch bewusst Interpretationsspielraum für eigenständige situationsbedingte Entscheidungen. Ihre Aufgabe ist es, den Initiator zu unterstützen, als Zielspieler für Ablagen zu dienen, den Ball durch andribbelnde Bewegungen selbst in die nächste Ebene zu tragen oder durch ihre Bewegungen Passwege und Räume aufzuziehen.
3te Ebene – Innen zwischen Ebenen (Blau) – Pocketspieler
1 Spieler, der in der Pocket flexibel agiert ,dabei füllt den Raum entsprechend seinen individuellen Stärken aus oder der Situation. Seine Aufgabe ist es durch seine ständige Aktivität entweder Gegenspieler aus ihrer Position zu ziehen, um Räume für umliegende Mitspieler zu öffnen, Anspielstationen in die Schnittstelle zu schaffen, Verbindungen zu den restlichen spielern herzustellen, um aufzudrehen oder den Ball klatschen zu lassen.
4te Ebene – An letzte Ebene (Schwarz) – Tiefenbedroher
2 Spieler, die sich vor oder neben der zweiten gegnerischen Blocklinie anbieten: Ihre Aufgabe ist es, die Gegenspieler zu binden um den Raum im Zentrum möglichst groß zu halten. Dazu bedrohen sie kontinuierlich die Tiefe, sowohl außen Richtung Grundlinie als auch innen in Richtung Tor, rücken Verteidiger heraus, so gilt es, die dadurch entstehenden Räume sofort in der Tiefe zu attackieren. Zudem wechseln sie immer wieder die Zonen mit dem Pocketspieler, um die gegnerische Abwehr vor Aufgaben zu stellen.
Das 1212 Motiv darf keineswegs nur streng vertikal verstanden werden. Auch für die eigene Mannschaft ist das Motiv kein starres Schema oder rigides Positionskorsett. Es fungiert vielmehr als dynamische Orientierungshilfe, die den Spielern in Ballbesitz Unterstützung gewährt, ohne ihre Entscheidungsfreiheit einzuschränken. Die tatsächliche Durchschlagskraft des Motivs entsteht erst durch kontinuierliche Variationen und Anpassungen, sowie durch das gezielte Aufbrechen der „Grundordung“
Außerhalb des Motiv
Eine interesannte Frage, ist ebenso welche Aufgabe + Orientierungsspunkte die 4 Spieler haben die nicht direkt in der Überladung involviert sind. Hierbei gibt es 4 tätigkeitsfelder, welche jenach Spieldynamik verwendet werden:
Absicherungs- und Verlagerungsoption – Türkis
Meist ein Spieler, der in der ballnahen Zentrumsspur als zentraler Ankerpunkt neben und leicht hinter der Überladung agiert. Er sichert das Aufrücken der Mannschaft gegen gegnerische Umschaltmomente ab und dient gleichzeitig als verlässliche Exitoption sowie als Verlagerungsspieler, um das Spiel aus dem verdichteten Flügelraum heraus dynamisch auf die offene, ballferne Seite zu verlagern und den Ballbesitz zusichern.
Connector in Überladungsnähe – Pink
Meist ein Spieler, der sich ziemlich frei im näheren Bereich der Überladung bewegt. Er befindet sich meist in der ballnahen Halbspur oder der Zentrumsspur, vorwiegend im Zwischenraum zwischen der zweiten und dritten Motivebene. Er dient weniger als Exit Option, sondern dafür, um aus der Überladung heraus dynamisch die ballferne Seite zu attackieren.
Breitenspieler – Gelb
Meist ein Spieler, der eine angepasste Breite, meist etwa in der ballfernen Halbspur, besetzt und dabei flexibel in seiner Positionierungshöhe variiert. Er zieht das Spielfeld nicht stumpf bis zur fernen Außenlinie auf, sondern bleibt nah genug am Geschehen, um mit vorzustoßen, er sorgt aber trotzdem dafür, dass die letzte Linie des Gegners auseinandergezogen wird und das er bei möglichen Verlagerung recht schnell in die Maximale breite bekommt
Tiefenspieler – Orange
Meist ein Spieler, der sich an der Abseitsgrenze auf maximaler Tiefe befindet, wobei er in der Breite variabel sowohl überladungsnah als auch überladungsfern agieret. Seine Hauptaufgabe ist das permanente Binden und Beschäftigen der gegnerischen Abwehrkette, entweder durch ballferne Tiefenläufe oder alleine durch die ständige Drohung in die Tiefe.
Auch dieses Framework bietet den Spielern einerseits klare Leitplanken, lässt ihnen aber dennoch viel Raum für individuelle Interpretationen und das Einbringen ihrer persönlichen Stärken:
So kann selbst nach dem Herausspielen aus der Überladung durch diese vier Spieler schlagartig eine Angriffsdynamik entwickelt werden: Mhamdi zieht durch seine Positionierung die gegnerische Kette in der Breite auseinander, während Wörner als Tiefenspieler den Raum hinter der Abwehr beläuft. Stark agiert in dieser Situation als Connector und ermöglicht über eine direkte Ablage eine schnelle Verlagerung auf Ens. Nach dieser Verlagerung bespielt Ens mit einem Vertikalpass direkt den tiefen Raum, in den Wörner startet.
Call and Response um Motiv herum
Auch im Offensivspiel basieren viele Kombinationen auf dem Verler Call and Response, bei dem die Akteure ununterbrochen auf die Bewegungen ihrer Mitspieler, die Positionierung des Gegners und die Dynamik des Raumes reagieren (Call). Dies kann der Laufweg eines Spielers sein, der einen Raum öffnet, eine Körperstellung, die ein Passfenster andeutet, oder die Schärfe und Platzierung eines Zuspiels.
Die umliegenden Mitspieler nehmen diesen Auslöser wahr und antworten mit der Folgeaktion, die sie für passend halten (Response). Dadurch entsteht kein starres Abspulen auswendig gelernter Spielzüge, sondern ein kollektives Verständnis sowie eine hohe Assimilationsfähigkeit. Die Mannschaft ist so in der Lage, auf gegnerische Drucksituationen intuitiv zu reagieren und immer wieder flexible Lösungen gegen einen defensiven Block zu finden, der jede Szene ein Stück weit anders verteidigt.
Eine simple und häufig genutzte Dynamik war dabei die Interaktion zwischen dem Pocketspieler und einem Tiefenbedroher. Immer wieder versuchten beide, sich durch abgestimmte Gegenbewegungen anspielbar zu machen oder Räume zu ziehen. Teilweise gelang sogar beides in derselben Aktion: Waidner räumt die Pocket und bewegt sich in die innere Zone. Damit löst er das visuelle Signal für den inneren Tiefenbedroher Taz aus, genau diesen verlassenen Raum in der Pocket zu besetzen. Taz kommt entgegen, wobei ihm sein Gegenspieler nur halbherzig folgt wodurch dieser weder Tiefe noch den Gegenspieler sinnvoll verteidigt: Er steht zu tief, um Taz beim Anspiel unter Druck zu setzen, gibt aber gleichzeitig den Raum im eigenen Rücken frei. Waidner erkennt die Situation, beläuft die freigezogene Tiefe und wird von Taz bedient.
Neben diesen einfachen Call and Response gab es auch deutlich komplexere:
Gayret hinterläuft Eze, welcher reagiert und den von Gayret zuvor verlassenen Raum besetzt. Gayrets Gegenspieler folgt dem Laufweg nach innen und orientiert sich dabei rein ballbezogen. Dadurch entsteht ein Raum auf außen, Eze wird dort angespielt und kann durch die große Distanz zu nächsten bmit dem ersten Kontakt die erste Blocklinie brechen
Unterdessen kommt Mhamdi leicht seitlich versetzt aus der Breite neben der letzten Linie entgegen, womit er seinen Gegenspieler aus der Kette herauszieht. Eze spielt Mhamdi und startet nach der Ballabgabe sofort in die leicht aufgezogene Tiefe in den Rücken des Gegenspieler, dadurch kann er entweder frei in die Tiefe angespielt werden, wenn der Gegenspieler weiter Mhamdi fertig und auf ihn Druck gibt, oder er sorgt dafür dass die Diagonale freigezogen wird, wenn der Gegnenspieler seine Lauf aufnimmt. Da Eze den Ball jedoch nicht direkt rausspielt, kurz verzögert wodurch Duisburg gut die Tiefe sichert und Nachverteidigt kann, öffnet sich kein direkter Korridor,
Durch das Nachverteidigen des Gegners befindet sich Mhamdi nun imBereich um die erste Blocklinie, Gayret ist indes ballnah nachgerückt, bietet eine Rückpassoption an und wird auch angespielt. Mit der Passabgabe attackiert Mhamdi direkt den Bereich neben der letzte Blocklinie in der Breite. Darauf reagiert Eze, indem er sich nach innen, in der höchsten Ebene bewegt, während Waidner linksseitig neben Gayret die Ebene um die erste Blocklinie auffüllt.
Durch all diese ganzen Call and Response Bewegungen entlang der Motives wurde die Pocket freigezogen. Waidner kann anschließend in die Pocket spielen. Allerdings ist die Passsprache in dieser Szene nicht optimal gewählt, anstatt den Ball in den Vorderfuß zu spielen, was Taz signalisieren würde, dass er aufdrehen kann, kommt der Pass auf den hinteren Fuß. Dies ist im Fußball meist das Signal, den Ball direkt klatschen zu lassen, so klatscht Taz auf Gayret raus
Die Intention ist zwar aufgegangen, da der freie Spieler im Zentrum gefunden wurde und aufdrehen könnte; aufgrund der schlechten Passsprache und nicht optimalen Vororientierung von Taz kann in dieser konkreten Situation jedoch kein Kapital daraus geschlagen werden.
Aus Motiv Torgefahr entwickeln
Doch alle diese Call and Response Interaktionen und Überladungen bringen nichts wenn man daraus keine Gefährlichen Situationen kreieren kann, hierbei sind die Spieler die außerhalb des Motives agieren sehr wichtig
Durch eine Zirkulation vor dem gegnerischen Block öffnet sich schließlich eine Passweg durch die Schnittstelle auf den inneren Tiefenbedroher. Dieser erkennt die Situation reagiert sofort darauf indem er dem Ball entgegenkommt, umso bestmöglich die Ablage in die Pocket zu spielen. Ebenso wird durch die fallende Bewegung auch die Kette auseiander gezogen. Indes beläuft Besio den Raum hinter der Überladung.
Hierbei stellt sich jedoch die Frage, wie hoch die tatsächliche Erwartungswert Qualität dieses Laufs sei: Zwar könnte Besio von Taz mit einem Schnittstellenpass bedient werden, das dafür verfügbare Passfenster ziemlich klein Zudem würde die Ballannahme in einer ungünstigen Zone zwischen 5ner und 16ner Breite, der Assistzone, aus der ein direkter Torabschluss aufgrund des spitzen Winkels kaum Erfolg verspricht.
Der Ball wird stattdessen flach auf den Flügel verlagert, sie dringen ins letzte Viertel ein und es ergibt sich folgenden Dynamik nach Mhamdis 1ten Kontakt folgende Dynamik
Nach dem Durchbrechen der Linien und dem Eindringen ins Angriffsviertel verbleibt der angreifenden Mannschaft ein Zeitfenster von maximal vier Sekunden, um die gegnerische Unordnung auszunutzen und effektiv zum Abschluss zu kommen, bevor sich der Abwehrblock wieder geordnet hinter dem Ball formiert hat. In dieser Szene ist die Besetzung der Torspur jedoch katastrophal gelöst: Ein Spieler steht bereits deutlich zu nah am Tor, während der zweite die Box gar nicht erst besetzt. Dadurch verpuffen alle drei aussichtsreichen Flankenoptionen: Weder eine scharfe Flanke vorne rum mit dem ersten Kontak, eine Chipflanke an den zweiten Pfosten als auch durchdribbeln auf die Grundline gefolgt von einem Cutback versprechen unter diesen Voraussetzungen Erfolg. Dem Außenspieler bleibt folglich nur das Abkappen, wodurch der Gegner nun fallen und die Räume wieder verdichten kann.
Eine interessante Lösungmöglichkeit um nicht nach Außen spielen zu müssen, wäre die Nutzung von 1ten und 2ten Läufen als Dynamik
Erneut schaffen es die Verler aus dem Motiv heraus über ein Dribbling und eine Spiel-und-Geh-Dynamik von Gayret über den Verbindungsspieler Waidner vor die gegnerische letzte Linie. Erneut startet der Tiefenspieler einen Lauf diagonal in den Raum hinter der Überladung. In dieser Situation ist jedoch der Unterschied, dass sofort danach ein nächster Tiefenlauf in den von Wörner geöffneten Raum gestartet wird. Dieser ist in die Torspur und deutlich isolierter, wodurch die Erfolgsaussichten deutlich höher sind. So auch in dieser Szene, die im 1-gegen-1 von Stöcker und dem gegnerischen Torwart endet.
Ein anderer Ansatz wäre das ballferne Verharren und Reagieren, wie diese Situation verdeutlicht:
Eze, Mhamdi und Gayret spielen gezielt vor dem Block und warten, bis sich eine Lücke im Verschiebeverhalten der Saarbrücker offenbart. Dies geschieht nach 8 Pässeny Gayret hat einen offenen Passwinkel auf den Pocketspieler. Als dieser den Ball bekommt, bleiben Besio und Kijewski ballfern zu nächst inaktiv und warten erst auf die Folgeaktion:
Wird der Ball auf den Flügel gespielt oder eher diagonal nach innen connectet? Zweiteres ist der Fall: Taz kommt über den diagonalen Doppelpass weiter ins Zentrum und besitzt einen offenen Fuß. Erst dies nutzt Besio als Signal, um aus der inaktiven Position den Tiefenlauf in die 5er-Spur zu starten. Dabei wird er schließlich auch von Taz bedient und kommt ebenfalls im 1gg1+1 durch den nachverteidigenden Verteidiger gegen den Saarbrücker Keeper durch.
Beide diese Optionen bieten unterstützung darin, um von Außen effektiv nach innen zu kommen, um somit den Anteil der Aktionen die im letzten Viertel auf dem Flügel enden zuminimieren und die aussichtreicheren Situtation Zentral zu maximieren.
Viele Teams und Trainer betonen immer wieder, dass sie primär durch das Zentrum kombinieren wollen und dafür extrem viele Spieler in den zentralen Räumen positionieren. Dies führt in der Praxis jedoch meist dazu, dass der Gegner genau dieses Zentrum schließt, wodurch viele Mannschaften über den Flügel angreifen und dort teilweise Überzahl/Isolationssituation herstellen
Dabei stellt sich die fundamentale Frage, ob der Ansatz des SC Verl und Strobls nicht deutlich effektiver ist, um am Ende tatsächlich zentrumsfokussiert anzugreifen. Denn statt den Flügel als zweite Angriffsoption zu nutzen, wird er bei Verl zum Köder: Durch das gezielte Überladen und Bespielen der Flügel- und Halbspuren wird der gegnerische Block gezwungen, nach außen zu verschieben und Teile seiner Kompaktheit im Zentrum aufzugeben. Statt aussichtsreicher isolierter Aktionen auf dem Flügel entstehen so isolierte Dynamiken im geöffneten Zentrum, vorausgesetzt, es gelingt der Mannschaft, den Ball in einer gewissen über die Diagonale aus der Außenzone ins Zentrum zu verlagern. Zudem kommt hinzu, dass die Angriffsdynamik dabei häufig gegen das Momentum der verteidigenden Mannschaft läuft; somit wird es für diese extrem schwer, die Dynamik- und Orientierungsvorteile der Verler zu verteidigen.
Signale
Ein zentraler Bestandteil des freien Spiels beim SC Verl/ Tobi Strobl sind klare, kollektive Signale. Diese sorgen dafür, dass die Spieler trotz aller individuellen Freiheiten und adaptiven Positionen stets dieselbe Spielidee teilen und wichtigen Momenten die identische Intentionen verfolgen. Erst durch diese abgestimmten Signale wird das prinzipiengeleitete Offensivspiel in der Praxis konstant effektiv, und sie erlangen Gedankenvorsprünge vor den Gegnen.
Im Folgenden betrachten wir zwei wesentliche Signale, die greifen, sobald den Verlern das Überspielen der ersten gegnerischen Blocklinie gelingt:
Signal 1: Äußere Spieler werden hinter der Blocklinie angespielt
…. in den Fuß
Hierbei ist es vollkommen egal, ob ein äußerer Spieler aus der zweiten oder vierten Ebene angespielt wird, das Signal und die darauf folgenden Abläufe bleiben identisch:
Sobald der Ball in der Außenspur angenommen wird, dient dies als Signal für den Pocketspieler einen Tiefenlauf zu starten. Dieser Lauf bindet meisten sowohl den gegnerischen Innen- und Außenverteidiger, zudem fällt die gegnerische Abwehrkette meist im Verbund zurück. Durch das tiefenfixierende Verhalten entsteht genau der Raum, der benötigt wird, um den diagonalen Passweg von außen zurück nach innen frei zu ziehen.
Für die inneren Spieler, egal ob Tiefenbedroher oder Verbindungsspieler, ist dieser Tiefenlauf wiederum ein Gegensignal: Sie schaffen ein diagonales Angebot im Zwischenraum, entweder durch Entgegenkommen aus der vierten Ebene oder durch Vorstoßen aus der zweiten Ebene. Da vor allem im Midblock verteidigende Mannschaften bei einem Tiefenlauf mit der kompletten letzten Linie nach hinten fallen, öffnet sich vor der Abwehrkette oft ein riesiger diagonaler Raum, der es ermöglicht, dynamisch die isolierte Situationen im Zentrum zu attackieren.
..,in die Tiefe
Wird ein äußerer Spieler in die Tiefe angespielt, meist der Akteur aus der Ebene der Tiefenbedrohung, greift ein anderes Muster:
So dient dies als klares Signal für den Pocketspieler, ein Angebot im Raum vor der letzten Linie zu geben. Für den inneren Tiefenbedroher bedeutet dies, die Tiefe zu belaufen; dadurch wird die gegnerische Abwehrkette zum Fallen gezwungen. Es entsteht ein diagonaler Korridor vor der Kette, den der abgesetzte Pocketspieler als freie Anspielstation bespielen kann, um das isolierte Zentrum durch ein Eindribbeln oder einen Pass zu attackieren.
Signal 2: Innere Spieler werden hinter der Blocklinie angespielt
Wie zu Beginn angesprochen, ist die genaue Positionierung in der Pocket stark vom jeweiligen Spielerprofil abhängig. Während ein Spielertyp wie Taz seine Stärken im Aufdrehen und Andribbeln hat, positioniert er sich weiter entfernt von der gegnerischen Kette und dafür näher an der ersten Blocklinie. Ein Spielertyp wie Arweiler hingegen arbeitet bevorzugt mit dem Gegner im Rücken und sucht folglich die Positionierung an der letzten Linie. Je nach Spieldynamik werden somit unterschiedliche Reaktionen der umliegenden Mitspieler eingefordert:
Hier wird Arweiler als hoher Pocketspieler geschlossen angespielt, ihm bleibt kaum eine Chance aufzudrehen, allerhöchsten in dem er sich in seinen Gegenspieler reindreht. Um ihm also ein Angebot zugeben erfordert eine abrollende Bewegung des äußeren Tiefenbedrohers um die Ablage entgegenzunehmen und das Spiel mit einer tororientierten Stellung und Dynamik fortzusetzen zu können.
In dieser Situation wird Taz als Pocketspieler eng markiert, steht jedoch nicht an der letzten Linie. Ein abrollendes/abkippendes Angebot aus der Ebene der Tiefenbedroher macht hier kaum Sinn, da der Weg zu weit wäre und den Raum unnötig verdichten würde. Stattdessen ist eine direkte Aktivität jener Spieler gefordert, die um die erste Blocklinie herum agieren. Wie Wörner in dieser Aktion, er nimmt durch sein Scanning war, das Taz nicht aufdrehen kann also reagiert er unmittelbar nach dem der Pass gespielt wird darauf um Klatschoption anzubieten.
Auch diese Dynamiken arbeiten auf die Intention hin, einen offnen Spieler bestenfalls tororientierten Spieler vor der letzten Linie zufinden. Entwerder Indirekt wie in dieser Dynamik oder direkt sprich, dass Pocketspieler direkt aufdrehen kann. Ist dieser Intent erreicht so ist dies ein Schlüsselsignal im Verler Angriffsspiel:
Eze wird in der Pocket gefunden, kann aufdrehen und sogar noch andribbeln. Für die umliegenden Spieler heißt es nun, die Tiefe zu attackieren und ein Angebot in den Fuß zu geben, wenn die Kette reingedrückt wird. Doch dieses Angebotsverhalten läuft in dieser Situation nicht optimal. Dies liegt zum einen daran, dass beide Spieler aus der Ebene an der letzten Linie in die Tiefe laufen und somit den Gegner vor keine Doppelgefahr stellen, da dieser nur die Tiefe verteidigen muss. Zum anderen liegt es daran, dass Taz auf der ballfernen Seite die Tiefe nicht beläuft, sondern den Ball eher in den Fuß fordert. Das ballferne Tiefenangebot ist in solchen Situationen jedoch essenziell bezüglich der Verteidigungsrichtung des Gegners. Sollte deren Momentum gebrochen werden und der ballferne Tiefenläufer gefunden werden, ist dieser extrem schwierig zu verteidigen.
Das Verler Motiv und die Aufgaben, die um das Motiv herum erfüllt werden, bieten eigentlich ein perfektes Framework für solche Situationen, wie die folgende Szene zeigt:
Taz wird gefunden und kann aufdrehen. Sofort attackiert einer aus der Ebene der Tiefenbedroher die Tiefe in diesem Fall Besio als äußerer Spieler, während Waidner als innerer Spieler eher entgegenkommt und Taz ein Angebot in den Fuß gibt. Durch Besios Tiefenlauf wird jedoch Waidners Gegenspieler ebenso hinten reingedrückt und kann dessen Bewegung nicht folgen. Ballfern, außerhalb des Motivs, startet Otto, der die Aufgabe als Tiefenbedroher erfüllt, ebenfalls in die Tiefe.
Hier zeigt sich, wie das Framework effektiv aussehen kann, wenn ein Spieler zwischen den offen gefunden wird und agieren kann. Aus der letzten Ebene des Motivs startet ein Spieler in die Tiefe, um die Kette nach hinten zu drücken, während der andere Spieler entgegenkommt und ein Angebot in den Fuß gibt, um den freigezogenen Raum zu nutzen. Hierbei ist es egal, welcher Spieler die jeweilige Aufgabe übernimmt, beide Variationen bieten Vor- und Nachteile. In einer Dynamik wie in dieser Szene erzeugt man etwas weniger direkte Torgefahr, als wenn der innere Spieler in die Tiefe läuft. Jedoch muss der Gegner weniger Breite verteidigen und der entgegenkommende Spieler kann trotzdem in recht torgefährliche Zonen im Rückraum gelangen. Parallel dazu attackiert der Tiefenspieler außerhalb des Motivs ballfern die Tiefe, um die Möglichkeit zu haben, ihn momentumbrechend in der Tiefe zu finden. Zudem zieht dies den Raum für den Spieler auf, der sich in der Breite befindet und dadurch auch noch involvieren kann
Diagonales 1212
In den vorherigen Szenen zeigt sich das 1212 vor allem als vertikale Anordnung, doch aufgrund seiner Flexibilität und der Orientierung am gegnerischen Block kann das diagonale 1212 ebenfalls ein auftretender Phänotyp sein. Dennoch bleiben hierbei die Intention und die Signale ähnlich: Erst wird versucht, durch Zirkulation oder Dribblings vor dem Block Pass- und Dribbelwege in den Block aufzuziehen, den Ball in diesen hineinzuspielen und dies als Signal für den weiteren Angriffsfortsatz zu nutzen. Dieser Ansatz ließ sich jedoch leider nur selten beobachten; und wenn, liefen die Anschlussaktionen nach dem Eindringen in den Block eher nach außen ab. Dennoch könnte diese Variation aufgrund der Körperstellung und Blickrichtung noch ein Stück effektiver sein, um von außen diagonal nach innen zu attackieren.
Überspielen des Motives
Natürlich gelingt es den Verlern nicht immer sich durch das Motiv rauszukombinieren, hierbei greifen sie dan Häufig auf Diagonale Tiefenläufe hinter die Überladungsszone zurück, insbesondere wenn der Gegner aus dem Block auslöst oder um wenn nach längeren Zirkulationsphasen kein Durchkommen ist.
Hierbei lassen sich zwei klare Varianten beobachten:
Zum einen der doppellinienbrechende Tiefenlauf aus der Ebene des Connectors…
Zum einen der doppellinienbrechende Tiefenlauf aus der Ebene der Verbindungsspieler: Dieser eignet sich besonders gut, um effektiv hinter die letzte Kette zu gelangen, da die hohe Dynamik aus der Tiefe für den Gegner extrem schwer aufzunehmen und zu kontrollieren ist. Verfolgt ein Gegenspieler aus der Mittelfeldlinie diesen Laufweg, öffnen sich augenblicklich wertvolle Räume um das Motiv herum. Übernimmt ein Mittelfeldspieler den Lauf nicht, so stehen die Verteidiger der letzten Linie vor dem Problem,den Spieler der bereits in der Dynamik ist verteidigen zu müssen. So auch in dieser Szene Taz kann den Ball nahezu ohne Gegnerdruck erlaufen, kann ihn jedoch nicht kontrollieren Der Nachteil dieser Variante liegt jedoch im Umschaltverhalten: Durch den weiten Laufweg des Verbindungsspielers wird die Absicherung in der Mittelfeldzone geschwächt, was zu einem etwas schwächeren Gegenpressing führt.
…zum anderen der Tiefenlauf aus der Ebene der Tiefenspieler:
Dieser eignet sich hervorragend dazu, die gegnerische Abwehrkette nach hinten zu drücken und so größere Distanzen zwischen den einzelnen Linien zu kreieren. Dies liegt daran, dass dieser Laufweg nahezu konsequent von einem gegnerischen Verteidiger aufgenommen wird und meist auch der Rest der Kette mit zurückfällt. Zudem ermöglicht diese Struktur eine deutlich bessere Gegenpressing-Staffelung, da die Verbindungsspieler im Zentrum kompakt abgesichert bleiben und bei Ballverlust sofort Zugriff auf den zweiten Ball bekommen. Allerdings ist die Erfolgsquote, durch solche Tiefenläufe effektiv hinter die letzte Kette zu gelangen, vergleichsweise gering.
Gegenpressing
Auch Ballverluste beim Durchkombinieren über das Motiv sind keine Seltenheit. Doch das 1212 bietet hervorragende Gegenpressing Voraussetzungen: Durch die hohe Spieleranzahl, die 4 Ebenen und die Orientierung am gegnerischen Block kann das Gegenpressing zu einer echten Waffe werden.
Die meisten Ballverluste entstehen beim spielen in den gegnerischen Block hinein, also meist in der Pocket oder bei den Tiefenbedrohern. Nur sehr selten passieren sie in der ersten oder zweiten Motiv-Ebene. So auch in dieser Szene: Eze und Besio kombinieren vor dem Block. Besio will den Ball in den Block auf den tiefstartenden Waidner spielen, welcher jedoch vom Gegner abgefangen und auf einen Mitspieler weitergeleitet wird.
Sofort löst das Gegenpressing aus: Kijewski springt raus, während Waidner rückwärtspresst. Die anderen beiden Spieler auf der letzten Linie schieben ballnah rüber und versuchen dabei, zwischen den Ball und ihren eigentlichen Gegenspieler zu kommen. Ähnliches gilt für die Spieler, die um die erste Blocklinie herum agieren in diesem Fall Besio und Eze: Auch sie bewegen sich bei Gegenpressingsituationen in der Pocket vor ihre Gegenspieler, um Pässe auf sie zu schließen. Dabei sichert der Initiator, Otto, hinter ihnen die Tiefe ab, auch Gayret und Ens schieben ballnah durch, wodurch effektiv ein 8gg5 für sie entsteht.
Dennoch zeigt sich in dieser Situation auch eine „Schwäche“ je nach Höhe und Breite des ballfernen Breitengebers, der hier quasi auf Höhe der letzten Linie steht sowie auf der ballfernen Außenspur. Er kann dadurch nicht direkt ins Gegenpressing eingreifen, wodurch sich teilweise große Lücken im Raum um die gegnerischen, ballfernen äußeren Mittelfeldspieler auftun. Und auf der Taktiktafel und Grafiken wie diese hier wird es nach einem Armageddon aussehen, doch tatsächlich ist die Quote, den Ball direkt in diese Zone zu bringen, so gering. Klar könnte man den ballfernen breiten Spieler deutlich flacher positionieren, in manchen Spieldynamiken wäre dies auch sinnvoller.

Doch statt des Super GAUs entsteht kurz nach der Ballrückeroberung genau jene Chance durch die hohe Position des ballfernen Breitengebers, eine Situation, zu der es niemals kommen würde, wenn dieser dauerhaft flach und in direkter Nähe zum gegnerischen äußeren Mittelfeldspieler agieren würde, nur um im Gegenpressing einen Akteur zu decken, der den Ball de facto fast nie erreichen kann.
Diese Situation zeigt erneut die Mentalität von Tobi Strobl und dem Sportclub: Sie gehen lieber das Risiko ein, eventuell etwas mehr gegnerische Torchancen zuzulassen, um im Gegenzug deutlich mehr eigene Chancen zu kreieren.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich das 1212 auf dem Flügel als ein effektives und offenes Framework beschreiben. Es bietet den Spielern klare Leitplanken und Unterstützung, ohne sie in ein starres, rigides System zu pressen, das ihnen die eigene Interpretation und die Entfaltung ihrer individuellen Stärken raubt. Auch den Flügel als primäres Angriffsziel zu nutzen, um über gezielte Überladungen den gegnerischen Block zu locken, auseinanderzuziehen und letztlich über Diagonalität gefährliche Aktionen im Zentrum zu kreieren, ist eine hochinteressante Dynamik, die sich in den nächsten Jahren verbreiten kann.
Nach Strobls Wechsel wird es nun spannend zu beobachten sein, wie er diese Prinzipien beim VfL Wolfsburg implementiert und an das höhere Niveau anpasst. Genauso spannend bleibt der Blick auf den SC Verl, sie werden sicherlich offensiven Vereinsphilosophie treu bleibt und unter dem neuen Trainer Orest Shala diese Elemente womöglich weiter nutzen, adaptieren oder sogar auf die nächste Stufe evolvieren.
ND


















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