Dinamo spielt hohes Thuner Pressing aus – SR
Letzten Dienstag traf der Schweizer Meister auf den kroatischen Meister. Es entwickelte sich eine intensive und ausgeglichene Partie mit leichten Vorteilen für die Gäste aus Kroatien. In der Schweiz wurde mit Spannung auf das Debüt des neuen Trainers Gian-Luca Privitelli gewartet. Er ersetzte den im Sommer zu Union Berlin abgewanderten Mauro Lustrinelli. Viele fragten sich, wie sich die Thuner nach zahlreichen namhaften Abgängen und dem Trainerwechsel präsentieren würden. Die Antwort lautete: genau gleich wie in der vergangenen Saison, als der Aufsteiger überraschend Meister wurde. Doch wie würden sie sich gegen ein Team schlagen, das technisch beschlagener ist als die meisten Super-League-Teams? Wie so oft im ersten Spiel der Saison zeigte sich das berühmt-berüchtigte hohe Pressing der Thuner noch etwas anfällig, was im Folgenden genauer beleuchtet wird.
Zagreb sucht Antworten und findet sie

Verallgemeinerter Thuner Pressingablauf, wenn Dinamo auf die freigelassenen Aussenverteidiger spielt. Der linke Zehner Maier rückt raus. Der ballferne Zehner rückt auf den ballfernen Achter, dadurch wird der ballferne Aussenverteidiger frei. Vidovic bietet sich stark ballorientiert an, wodurch der Weg für den raumorientierten Roth zu lang wird. Dadurch rückt der linke Innenverteidiger Bürki raus. Roth fällt in solchen Situationen in die letzte Kette zurück, weshalb sich der Zwischenlinienraum öffnet. Dinamo löst die Situationen mit „Spielen-und-Gehen“ des Aussenverteidigers auf.
Dinamo baute in einem klassischen 2-3-2-3 auf. Thun antwortete aus ihrem 4-2-2-2 heraus mit einem 4-1-3-2 daraus. Die Stürmer standen den Innenverteidigern gegenüber und schlossen so das Zentrum, während sich die Halbraumzehner zu Beginn an den kroatischen Achter orientierten. Der linke Sechser Matoshi rückte vor, um Sechser Misic zu decken. Roth orientierte sich zur Mitte und verschob auf den ballnahen Achter, wenn der Ball auf die Seite gespielt wurde. Er stopfte Lücken in der Abwehrkette, wenn ein Achter zu weit weg für ihn war und ein Innenverteidiger rausrückte, um ihn aufzunehmen oder wenn in der Abwehrkette durch starkes horizontales verschieben Raum entstand. .
Zu Beginn versuchten die Kroaten den Raum hinter der letzten Kette von Thun auszunutzen mit langen Bällen auszunutzen. Dinamo positionierte sich in einer tiefen Torhüterkette. Thun löste das Pressing durch Labeau aus, der den Torhüter Bogenförmig anlief und das Spiel auf die linke Seite lenkte. Die Pressingauslösung diente nicht unbedingt dazu grösstmöglichen Druck auszuüben, sondern das Spiel in eine Richtung zu lenken. Ziel war es den Torhüter zu einer Aktion zu zwingen und den Mitspielern die Vororientierung zu erleichtern. So konnten sie früh auf ihre Gegenspieler schieben.
Belijo diente meistens als Zielspieler für die langen Bälle. Er kam im Zwischenlinienraum kurz und zog so einen Innenverteidiger mit sich. Orsic startete dann in die Tiefe in den geöffneten Raum. Doch die langen Pässe von Filipovic waren zu ungenau und Belijos Verarbeitung war nicht perfekt und seine Entscheidungsfindung war manchmal ungünstig. Er leitete den Ball lieber an den tiefgehenden Spieler weiter. Dieser hatte gegen die enge Staffelung und der +1-Absicherung der Thuner Abwehrreihe und mit seinem Positionsnachteil eine schwierige Ausgangssituation. Ausserdem rückte die 2. Pressinglinie der Thuner frühzeitig zwischen ihre Gegenspieler und dem Ball, und eroberten so den 2. Ball ein ums andere Mal für sich. Hierbei war auch die Positionierung und der folgende Bewegungsablauf des rechten Flügelspielers ungünstig. Flache Strukturen in der Sturmlinie, bei denen die Flügelspieler horizontal auf gleicher höhe wie der Stürmer fungieren, sind meiner Meinung nach nicht für ein Spiel mit langen Bällen auf den Stürmer geeignet, da der Gegner einfach darauf verschieben kann und 2. Bälle meistens nicht neben, sondern vor oder hinter dem Zielspieler landen.
Mit der Zeit versuchte Filipovic die flache Auslösung über die Innenverteidiger. Dabei nutzte er aus, dass Labeau eher spät und langsam das leitende Pressing auslöste. So konnte er bei schneller Ausführung selber entscheiden, auf welcher Seite das Spiel fortgesetzt werden sollte. Er entschied sich vor allem für die rechte. Doch die folgenden Muster wurden auch auf der anderen Seite eingesetzt.
Der Ball landete meistens beim «freien» Aussenverteidiger, weil sich dieser sehr flach positionierte und durch den verlängerten Pressingweg des Halbraumzehners sowie dessen spätes Pressing (erst beim Pass auf den Aussenverteidiger und teilweise mit etwas unentschlossenem Herausrücken) mehr Zeit und Raum erhielt.
Labeau schloss beim Pass auf den Aussenverteidiger die Verlagerung auf den ballnahen Innenverteidiger, der ballferne Stürmer stellt die Verlagerung über den Torhüter und den Innenverteidiger zu. Durch Maiers Startposition konnte er beim Pressing auf Valiinic den Deckungschatten auf den ballnahen Achter halten. Roth übernahm diesen in Mannorientierung, während der ballferne Zehner auf den ballfernen Achter einrückte, um den Raum zu verdichten. Durch das starke ballnahe einrücken, war Thun anfällig für Verlagerungen, was sich ein ums andere Mal in dieser Partie zeigen sollte. Dinamo hatte aber einen anderen Plan.
Die Kroaten setzten beim schwimmenden Roth an. Vidovic liess sich immer weiter auf die Seite fallen und erweiterte somit den Übernahmeweg des Thuners. Somit musste Bürki den Achter übernehmen. Was manchmal zu Komplikationen führen sollte, denn Bürki agierte etwas hüftsteif und nahm Dynamik erst über eine länger Distanz auf.
Durch den diagonalen Pressingwinkel von Maier auf Valinic wurde der Longline-Pass auf den kurzkommenden Flügelspieler bewusst offengelassen. Dies war Teil der Thuner Pressingstrategie: Maier löste sich beim Pass von seinem Gegenspieler, um Lisica gemeinsam mit dem eng am Mann agierenden Heule in die Mangel zu nehmen. Dadurch konnte Thun auf dem Flügel eine Gleichzahlsituation herstellen. Gleichzeitig wurden durch das Zustellen der Verlagerungen durch die Stürmer die Optionen des Aussenverteidigers eingeschränkt und dieser isoliert. Die +1-Absicherung in der Abwehrkette durch einen Innenverteidiger oder Roth – wodurch ein freier Spieler übrigblieb, der verlorene Duelle ausgleichen oder aufgehendende Räume in der Tiefe absichern konnte – sowie das ballferne Einrücken des Zehners verstärkten die ballnahe Raumverknappung. Dadurch entstand ein noch stabileres Pressingkonstrukt der Thuner.
Um Gleichzahlsituationen und Mann-gegen-Mann-Sequenzen ausspielen benötigt es einen Geschwindigkeits- bzw. zeitlichen Vorteil gegenüber einem direkten Gegenspieler. Manchmal resultiert ein zeitlicher Vorteil, weil ein Spieler einen Vorsprung gegenüber seinem Manndecker hat, doch dieser ist nicht immer gegeben. Zeitliche und Geschwindigkeitsvorteile können mit individualtaktischen Aspekten, wie (Körper)Täuschungen und ein gutes Timing oder auch durch gruppentaktische Muster, wie Gegenbewegungen, Rausziehen des Gegners und dynamisches besetzen des Raumes oder durch „Spielen und Gehen“ generiert werden. Dinamo setzte vor allem auf Raumziehen und Spielen und gehen. Dies wurde durch das Doppeln des Flügelspielers und den aggressiven Mannorientierungen der Thuner möglich.
Der Thuner Zugriff funktionierte nicht, da Valinic sehr lange mit seinem Abspiel wartete, um den Raum hinter dem ausschiebenden Halbraumzehner zu vergrössern. Genau dieser Raum war der Zielraum des Flügeldreiecks, bestehend aus dem ballnahen Achter, dem Aussenverteidiger und dem Flügelspieler. Nach seinem longline Abspiel startete, er sofort in den Halbraum. Durch seinen Richtungsvorteil (Maier musste sich um 180 Grad drehen, was Zeit kostete) konnte Valinic eine situative 3vs2-Überzahl erzeugen. Somit hatte er, falls er angespielt wurde verschiedene Fortsetzungsmöglichkeiten in der Überzahl. Er konnte andribbeln und warten, bis Bürki, oder Heule ihn pressten und so die Überzahl ausspielen. Doch Dinamo spielte solche Situationen über die Aussenverteidiger meistens gut aus. Sie variierten das Muster, in dem Manchmal der ballnahe Achter an die Seitenlinie auskippte und so den Zwischenlinienraum komplett freizog, oder der Flügelspieler direkt den Doppelpass mit dem ballnahen Achter spielte und dann die Tiefe suchte. So kamen die Kroaten gut nach vorn. In den Situationen, in denen die individuellen schwächen der Thuner zum Vorschein kamen konnte Dinamo sogar Verlagerungen suchen. Denn einige Spieler verschoben zu Ballorientiert und vergassen Gegenspieler komplett oder besassen Mängel in der defensiven Positionierung, wenn Dinge nicht nach Plan liefen. Verlagerungen waren im tiefen Aufbau waren aber eher selten, da die Schweizer gut eingestellt waren und Dinamo Zagreb die Vorteilssituationen lieber schnell ausspielte. Denn Thun ist nämlich stark im Rückwärtspressing und fällt schnell in einen tiefen 4-4-2-Block. Der Vorteil und die Überzahl wären zunichte gewesen.
Die Berner-Oberländer hätten auf das „Spielen und Gehen“ reagieren können, indem der pressende Halbraumzehner nicht in den Mehrkampf sondern dem Aussenverteidiger mannorientiert verfolgt hätte. Zwar wäre der Flügelspieler „nur“ gestellt gewesen, doch hätte er aufgrund seiner vom Tor abgewandten Körperposition und den bereits genannten Isolierungen der ballnahen Anspielstationen, nicht unbedingt eine Gefahr dargestellt. Eine 2. Option wäre gewesen, dass der ballnahe Zehner hätte früher rausrücken können, und das aufdrehen des Aussenverteidigers verhindern können.
Fazit und Ausblick
Mit dem Fortschreiten der Partie kam Zagreb immer besser ins Spiel. Durch das starke Verschieben war Thun anfällig für Verlagerungen, und es blieb unklar, wer den freien Sechser anlaufen sollte, wenn Thun im tiefen Block stand. Dadurch konnten die Gäste das Spiel nach Wunsch verlagern, da Thun auch im tiefen Block ballfern einrückte. Dennoch blieben die Gastgeber mit schnellen und gut ausgeführten Kontern gefährlich, weshalb das 1:1 als Schlussresultat vermutlich verdient war.
Die Thuner haben mit ihrem Spielsystem eine interessante aber riskante Spielweise für sich gefunden, die sie letzte Saison zum Meistertitel geführt hat. Trotz Abgänge wichtiger Spieler scheinen sich die Neuzugänge grösstenteils an die Taktik gewöhnt zu haben. Deshalb wird Thun meiner Meinung nach auch diese Saison eine gute Falle machen. Mit dem 3:1-Sieg gegen Luzern fährt man mit einem guten Gefühl zum Rückspiel in Zagreb. Mit ein klein wenig Glück ist ein Weiterkommen möglich. Es wäre typisch für die Thuner, haben sie doch letzte Saison bereits die ganze Schweiz überrascht. Ist nun Europa dran?
SRA ist Fasziniert vom Fussball und wie dieser funktioniert. Er will die Mechanismen der schönsten Nebensache der Welt zu ergründen und ist immer offen für Feedback und Diskussionen.
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