Wunderteam? – MH
Österreich konnte sich zum ersten Mal seit dem Jahr 1998 wieder für eine Weltmeisterschaft qualifizieren. In einer Playoff-Gruppe mit unter anderem Bosnien-Herzegowina, die sich ebenfalls durch einen Sieg gegen Italien für die WM qualifizieren konnten, gelang der erste Platz und damit die direkte Qualifikation.
Unter Trainer Ralf Rangnick spielt Österreich in einer nominellen 4-2-3-1 Formation. Mit insgesamt 13 Spielern ist ein Großteil der österreichischen Nationalspieler in der deutschen Bundesliga aktiv. Christoph Baumgartner, einer der wichtigsten Akteure Österreichs und ebenfalls aus der deutschen Bundesliga, fällt zudem verletzungsbedingt für die Weltmeisterschaft aus. Ersetzt wurde der bei Österreich als Zehner agierende Baumgartner im Freundschaftsspiel gegen Tunesien durch den Augsburger Gregoritsch.
In der Startelf gesetzt sein dürften zudem, sollte er fit genug sein, Innenverteidiger Alaba, Außenverteidiger Laimer, Sechser Schlager, der im offensiven linken Halbraum agierende Sabitzer sowie wahrscheinlich auch der inzwischen 37 jährige Stürmer Arnautovic, welcher momentan bei dem serbischen Meister Crvena zvezda spielt. Ganz im Gegensatz zu Argentiniens Kader ist im österreichischen Kader auffällig, dass es kaum klassische 1gg1 Spieler gibt. Das wird insbesondere bei Ballbesitz deutlich, wodurch Österreich sich durch andere Mittel behelfen muss. (Möglicherweise bin ich allerdings auch einfach noch von der Argentinien-Analyse verwöhnt.)
Zu meiner Frage in unserer gemeinsamen Spielverlagerungs-Gruppe, ob Österreich wirklich über keinen 1gg1 Spieler verfüge, bemerkte MR, dass Arnautovic ein „Zocker“ sei. Dementsprechend würde ich mich, insbesondere wenn der 1,93m große Gregoritsch ebenfalls auf dem Feld steht, darüber freuen, wenn Arnautovic flexibler agieren würde, indem er sich immer mal wieder vor den gegnerischen Block oder auf den Flügel fallen ließe, um von dort aus ein bisschen „zu zocken“ und das österreichische Ballbesitzspiel etwas unvorhersehbarer zu gestalten. Momentan bindet Arnautovic als klassischer Stürmer hauptsächlich die gegnerische letzte Kette und wird versucht durch Hereingaben von außen im Strafraum zu finden.
Österreich in Ballbesitz (A) – 4-2-3-1
Der Analyse zu Österreich liegen vorrangig zwei Spiele zugrunde. Interessant ist, dass sich die Ballbesitzstaffelung gegen Südkorea, welche wahrscheinlich die klassisch genutzte Variante von Österreich sein dürfte, deutlich von der Staffelung in Ballbesitz gegen Tunesien unterschied. Gegen Südkorea baute Österreich aus einer Viererkette mit den Außenverteidigern, insbesondere in der ersten Halbzeit, auf Höhe der Sechser auf. Sechser Wanner agierte zudem, vor allem wenn Südkorea keinen Druck auf den Ballführenden ausübte, häufiger höher als Sechser Schlager. Gemeinsam mit dem zentralen Zehner Baumgartner bildete er dann teilweise eine 4-1-2-3 bzw. mit den etwas hochgeschobenen Außenverteidigern eine 2-3-2-3 Staffelung.
Grundsätzlich agierten allerdings erstmal beide Sechser auf einer Höhe, sodass eine 4-1-2-3 bzw. 2-4-1-3 Staffelung entstand. Baumgartner bildete dabei als Zehner im Zwischenkettenraum den wichtigsten Zielspieler im Spielaufbau. So bewegte er sich immer wieder unmittelbar hinter der gegnerischen Mittelfeldkette in den Schnittstellen und sollte so anspielbar werden. Interessant bei dieser Staffelung war, dass die drei vorderen Spieler Arnautovic, Sabitzer sowie Wimmer nicht die Breite besetzten.
Alle drei Spieler positionierten sich auf Höhe der letzten gegnerischen Kette, wobei die Außenspieler Wimmer und Sabitzer immer im Halbraum blieben. Dadurch wurde die gesamte letzte Kette von Südkorea gebunden und Baumgartner konnte sich als Überzahlspieler frei zwischen den Ketten bewegen. Gleichzeitig agierten die österreichischen Außenverteidiger unterschiedlich. Während der linke Außenverteidiger Mwene als einziger Spieler auf dem Feld die Breite besetzte, positionierte sich Laimer ebenfalls nur so breit wie nötig unmittelbar neben seinem Gegenspieler im Halbraum.
Um im Spielaufbau mit der Viererkette bzw. mit den zwei Innenverteidigern nicht zu oft unter Druck zu geraten, ließ sich Sechser Schlager immer mal wieder zwischen die Innenverteidiger fallen und es entstand ein 3-1 Aufbau mit Sechser Wanner bzw. 3-3 Aufbau mit den Außenverteidigern. Ebenfalls interessant waren die Bewegungen der Innenverteidiger, welche mit Ball teilweise sehr weit auf eine Seite verschoben, um die Passwinkel einer Dreierkette simulieren zu können. Gleichzeitig konnte dann der ballferne Außenverteidiger sich etwas hinten rein fallen lassen, um abzusichern.

Der Aufbau im 2-4-1-3 bzw. bei Entgegenkommen von Baumgartner und Hochschieben von Wanner 4-1-2-3 Aufbau: Die drei vorderen Spieler besetzen nicht die Breite und Baumgartner hält sich zumeist im Zwischenkettenraum auf.
Zur zweiten Halbzeit fand eine Veränderung im österreichischen Positionsspiel auf der rechten Seite statt. Mit dem Wechsel von Posch für Wimmer auf der rechten Zehner bzw. Flügelposition veränderte sich das Zusammenspiel von Außenverteidiger Laimer mit dem neuen rechten Flügelspieler Posch. Fortan agierten nicht mehr beide Spieler im Halbraum, zudem tauschten sie regelmäßig die Höhen. So besetzte nur noch einer der Spieler den Halbraum, während der andere breit an der Außenlinie positioniert war.
Durch eine dieser veränderten Positionierungen nach der Halbzeit entstand auch das Tor zum spielentscheidenden 1:0 für Österreich. So war Laimer auf der letzten Kette im Halbraum positioniert, während Posch an der Außenlinie entgegen kam. Auch durch das Entgegenkommen von Zehner Baumgartner auf der rechten Seite, welcher eigentlich eher im linken Halbraum aufzufinden war, konnte das Südkoreanische Mittelfeld über Posch überspielt werden. So orientierte sich der vordere äußere Mittelfeldspieler der Südkoreaner zum einen an der aus der ersten Halbzeit noch gewohnten Besetzung seines Gegenspielers im Halbraum und wurde zum andere durch das Entgegenkommen von Baumgartner gebunden. Dadurch stand er zu weit innen und Posch konnte, nachdem er gefunden wurde, direkt auf die gegnerische Abwehrkette zudribbeln.
Hier findet ihr das Tor im Video. Es lässt sich der 4-1-2-3 Aufbau erkennen sowie der Wechsel der Positionen von Laimer und Posch auf der rechten Seite, wobei Posch ausnahmsweise in der Breite zu finden ist.
Österreich in Ballbesitz (B) – 3-1-4-2
Wie bereits erwähnt, funktionierte das Positionsspiel in Ballbesitz gegen Tunesien auf andere Weise als gegen Südkorea. So baute Österreich gegen Tunesien aus einem asymmetrischen 3-1-4-2 auf. Das könnte auch dem (für die gesamte WM) verletzten Baumgartner geschuldet sein, welcher die wichtigste Rolle im Spielaufbau aus dem 4-2-3-1 bzw. 2-4-1-3 gegen Südkorea einnahm. Aus dem Aufbau des 3-1-4-2 ist Österreich weniger auf einen freien Spieler zwischen den Linien angewiesen und verteilt dadurch die Rolle von Baumgartner auf mehrere Spieler, die situativ zwischen den Linien frei werden können.
Zur Bildung der 3er Kette ließ sich Sechser Seiwald fallen und bildete den linken inneren Verteidiger. Sechser Schlager bildete den alleinigen Sechser. Das 4er Mittelfeld bildeten der etwas hochgeschobene und meist sich im Halbraum befindende Laimer, während auf der anderen Seite als nomineller Außenverteidiger der ebenfalls hochgeschobene aber häufiger in der Breite agierende Posch aufzufinden war. Gregoritsch und Schmid bildeten die zentralen Mittelfeldspieler und Stürmer Arnautovic positionierte sich auf Höhe der letzten Kette des Gegners.

Der 3-1-4-2 Aufbau entsteht durch das Fallen Lassen Seiwalds und dem Hochschieben der Außenverteidiger. Sabitzer hat eine freiere Rolle und kann durch seine Bewegungen aus dem 3-1-4-2 ein 3-1-5-1 entstehen lassen.
Eine Sonderrolle kam Sabitzer zu, welcher sich häufig initial auf Höhe der letzten Kette in der Breite befand und mit Außenverteidiger Laimer das bereits aus dem Spiel gegen Südkorea bekannte Wechselspiel zwischen Breitenbesetzung und Halbraumbesetzung sowie der Höhenbesetzung nutzte. Immer wieder kam bei Ballbesitz der aufbauenden 3er Kette Sabitzer aus der Breite diagonal ins Zentrum entgegen, um dort anspielbar zu werden. Dadurch stellte er den tunesischen Außenverteidiger vor das Dilemma, den Raum auf der Außenbahn für Laimer zu öffnen oder alternativ Sabitzer ins Zentrum ziehen zu lassen.
Kam Sabitzer in der Breite entgegen, so ließ sich ebenfalls das klassische Vorderlaufen der österreichischen Außenverteidiger durch Laimer beobachten. Die 3-1-4-2, oder um der Rolle Sabitzers gerecht zu werden, 3-1-4-1-1 Staffelung, ist insbesondere für eines der zentralsten Prinzipien im österreichischen Ballbesitzspiel sehr hilfreich. Unabhängig der Staffelung versucht Österreich immer wieder die ersten beiden Pressinglinien außen um den Block herum zu überspielen, indem der Passweg aufgezogen wird. Entscheidend sind die vier Mittelfeldspieler sowie Sabitzer, welche in der Folgesituation nach Überspielen der ersten beiden Verteidigungslinien des Gegners und bei Ballbesitz des österreichischen Breitengebers für Anspielstation bei der „Inside Diagonalen“ sorgen sollen.
Die sogenannte Inside Diagonale sucht Österreich immer wieder in Ballbesitz. Sie ermöglicht ihnen von außen durch den Block in Richtung des Zentrums zum Tor zu kommen. Gelangt der Ball zum Außenspieler, so wird sehr aktiv der diagonale Ball durch den Block forciert. Dazu nutzen die Mittelfeldspieler vor der gegnerischen Abwehrkette gegenläufige Bewegungen und werden somit anspielbar. So wird auch häufig durch sogenannte Escadinhas, in denen ein Spieler den Ball diagonal durch seine Beine lässt oder durch eine kleine Berührung weiterleitet, im Optimalfall der ballferne sich im Zentrum zum Tor befindende österreichische Spieler gefunden.
Das sogenannte Shadow Play, in welchem ein Spieler den Ball in die Richtung der geschlossener Körperhaltung, also in seinen blinden Rücken, weiterleitet, findet sich in diesen Situationen immer wieder bei Österreich und macht sich damit auch den Überraschungseffekt beim Gegner zunutze. Gerade hier ähnelt das Spiel dem deutschen Ballbesitz, in welchem Diagonalität von außen nach innen in Richtung des Tors ebenfalls eine große Rolle spielt. Das 3-1-4-2 Österreichs nutzt hier insofern, als das aufgrund der großen Anzahl von Anspielstationen zwischen den Ketten die Nutzung der Inside Diagonalen erleichtert wird.
Hier findet ihr ein Video zum Österreichischen Aufbau aus dem 3-1-4-2. Ganz im Gegensatz zum argentinischen Spiel erkennt man die Struktur sofort. Österreich findet, wie beschrieben, am Ende des Videos durch die Inside Diagonale von links ausgehend durch den freier agierenden Sabitzer das Zentrum.
Ein Problem, welches Österreich im Ballbesitz auch durch den Ausfall von Baumgartner noch beheben muss, ist das Spiel durch das Zentrum. Dadurch, dass Baumgartner im Spiel durchs Zentrum der hauptsächliche Zielspieler war, fiel es Österreich auch aus dem 3-1-4-2 schwer, die ersten Pressinglinien des Gegners direkt durch den Block zu überwinden. Das zu häufige Freiziehen der Außenlinie und Suchen der Inside Diagonalen fördert natürlich die Vorhersehbarkeit ebenso wie das an feste Positionen gebundene Spiel der Österreicher allgemein. Möglicherweise wäre es hilfreich, durch einfache Prinzipien, das Spiel der Österreicher situativ von starreren Positionsvorgaben zu befreien.
Möglichkeiten hierfür könnten alle möglichen Prinzipien sein, die die Österreicher Mittelfeldspieler ins Rotieren bringen, wie bspw. das dauerhafte Suchen des diagonalen Raums jedes ballnahen Spielers, wodurch die Bewegungen der Österreicher für den Gegner noch weniger vorhersehbarer sein dürften.
Österreichs Pressing
Pressing ist in aller Regel äußerst schwierig ohne Tactical Cam zu analysieren. Die interessanten Verhaltensweisen von Spielern im Pressing sind zumeist in der zweiten und dritten Pressinglinie aufzufinden, wo Übergaben oder Absicherungen stattfinden. Da bei Österreich jener Zugriff auf Tactical Cam fehlt, lassen sich einige Verhaltensweisen nicht zweifelsfrei klären. Dabei ist Österreichs Pressing eines der wichtigsten Merkmale des Teams.
Eines der wichtigsten Unterschiede des österreichischem Pressings zu dem aktuellen Trend der vollen Manndeckung ist, dass Österreich nicht unbedingt in Gleichzahl anläuft, sondern häufiger auf der letzten Linie eine +1 Überzahl behält. Dafür verschieben die vorderen Spieler nicht rein manndeckend sondern insbesondere die ballfernen Spieler verschieben in Richtung der ballnahen Seite, um die Optionen des Ballführenden zu reduzieren und die Überspielten Spieler pressen zurück, um den Raum des Ballführenden selbst zu minimieren.
Dennoch lassen sich ebenfalls Situationen finden, in denen Österreich in Gleichzahl ohne +1 auf der letzten Linie presst. Das Pressing Österreichs gegen das argentinische Aufbauspiel wird eines der interessantesten Matchups von Gruppe J. Grundsätzlich ist Pressing natürlich von intensiven Läufen geprägt und dem schnellen unter Druck setzen des Ballführenden. Gerade deshalb ist die Rede von hoher Intensität meist eher eine Floskel. Bei Österreich fällt das sehr hohe Tempo und das besonders aggressive Attackieren des Ballführenden allerdings besonders auf.
Dabei kann Österreich den Ballführenden auch deshalb so aggressiv unter druck setzen, weil die ballfernen und überspielten Spieler sich nicht lediglich am Gegenspieler orientieren. Ich halte es auch deshalb für wahrscheinlich, dass wir in Zukunft nicht mehr beinahe ausschließlich manndeckende Pressingsysteme in Gleichzahl und ohne Absicherung sehen. Das Pressings in Gleichzahl ohne +1 in der letzten Linie funktioniert wahrscheinlich noch besser durch hybride Varianten.
Fazit
Vergleicht man die Analyse Argentiniens mit jener Österreichs, wird schnell deutlich, dass der österreichische Fußball deutlich einfacher zu analysieren ist. Die klare Grundstruktur, wiederkehrende Abläufe bzw. typische Muster und deren Variationen lassen sich bei Österreich sehr gut identifizieren. Argentinien hingegen stellt Analysten vor deutlich größere Herausforderungen. Das Verständnis für das argentinische Ballbesitzspiel zu entwickeln, erfordert erheblich mehr Zeit, da viele Abläufe weniger klar vorgegeben sind und die Mannschaft auf den ersten Blick sogar chaotisch wirken kann.
Gerade diese geringere Vorhersehbarkeit ist jedoch einer der Gründe, weshalb das argentinische Ballbesitzspiel für Gegner so schwer zu verteidigen ist. Je schwieriger es ist, die Muster einer Mannschaft zu erkennen und zukünftige Aktionen vorherzusagen, desto schwieriger wird es auch, passende Defensivlösungen zu entwickeln. Die Vielzahl an möglichen Interaktionen erschwert sowohl die Analyse als auch die Vorbereitung des Gegners erheblich.
Gleichzeitig wäre es zu einfach, die Unterschiede zwischen beiden Mannschaften ausschließlich auf ihre Struktur zurückzuführen. Auch die unterschiedlichen Spielerfähigkeiten spielen natürlich eine wichtige Rolle. Gerade deshalb wäre es wünschenswert, einen unvorhersehbareren Zocker wie Arnautovic häufiger durch Dribblings vor dem Block einzubinden. Letzten Endes könnte ein etwas weniger vorhersehbares Ballbesitzspiel Österreich zusätzliche Möglichkeiten eröffnen, gegnerische geordnete Defensiven vor größere Probleme zu stellen.
Der Erfolg von Rangnick mit Österreich beruht auch darauf, dass das Spiel sehr gut auf die österreichischen Spieler zugeschnitten ist, welche beispielsweise das intensive Pressing aus den jeweiligen Vereinsmannschaften oder aus vergangenen Stationen bereits kennen. Zudem ist das Spiel mit Ball vergleichsweise einfach und schnell zu implementieren, was sehr vorteilhaft für Nationalmannschaften ist, da diese über besonders wenig Trainingszeit verfügen.
Autor: MH ist Fußball-Aficionado von Herzen. Seine Wohnung gleicht einer Fußball-Bibliothek in deren Regalen Bücher über die großen Taktiker von Rinus Michels bis Pep Guardiola stehen. Das Buch von Spielverlagerung.de fehlt hier natürlich nicht. Für MH ist Fußball nicht nur ein Spiel. Es ist ein Lebensgefühl. Auf X ist er unter Mh_sv5 zu finden, auf LinkedIn ebenso.
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