Die Schattenseite vom Relationismus (im niederländischen Pokalfinale)
N.E.C. Nijmegen konnte diese Saison aufgrund ihrer relationistischen Ansätzen und ihrer Lösungsstrategien gegen Manndeckungen mit vertikalen Positionswechseln auf sich aufmerksam machen. Am vorletztem Sonntag trafen sich in Rotterdam zum niederländischen Pokalfinale AZ Alkmaar und das Überraschungsteam der Niederlande, N.E.C. Nijmegen. AZ gewann nach einem Standardtor in der ersten Hälfte und gut ausgespielten Kontern in Halbzeit zwei, am Ende deutlich, mit 5:1. Als Kenner der niederländischen Fußballwelt hat sich HH dem Spiel gewidmet und beide Teams genauer unter die Lupe genommen.
N.E.C. spielte aus einem 3-2-4-1 im Ballbesitz und druckvoll mit Mann gegen Mann Pressing, bei dem Linssen AZs Torwart bogenförmig anlief. Generell probierte N.E.C. bei jeder Gelegenheit durchzupressen und in ihre 1-1 Struktur zu kommen. AZ hatte sich darauf eingestellt und ihre 4-2-3-1 artige Grundformation zu einem 4-2-2-2, bei dem Parrot und Daal die vorderste Linie bildeten, verändert. AZs Idee für lange Bälle gegen Nijmegens klassisches 1-1 Pressing (Intention des Ballgewinns im direkten Duell durch maximal kurze Abstände unabhängig von Deckung der zentralen, inneren Linie) waren quer- und tiefenlaufende Bewegungen gegen Nijmegens 3er-Abwehr-Verbund (abgestimmt auf 4-2-3-1 AZs), um maximal viele Verteidigungsspieler Nijmegens zu binden und Angriffsräume neben und vor der letzten Linie maximal groß zu machen. Dabei drifteten Mijnans und Smit immer wieder clever in mögliche Ablage- oder Weiterleitungsräume vor und seitlich von Parrot. Da Nijmegen Freilaufbewegungen direkt verfolgte und keine kollektive letzte Linie und Höhe wählte, wurden die Staffelungen in der Vertikalen sehr gestreckt. Besonders Sandler als zentraler Innenverteidiger und direkter Gegenspieler von Parrot agierte mitunter als Libero weit hinter seinen Verteidigungskollegen. Ein großes Manko bei N.E.C. war so oder so, dass ein kollektives Aufrücken der letzten Linie, die Organisation einer gemeinsamen neuen Höhe nicht oder nur sehr verhalten und zweifelnd passierte. AZ nutze das mit cleveren Laufwegen hinter die Kette und/oder schnellen Ausspielen von Kombinationen im (großen) Raum vor der Abwehr.
Die Streckung und gleichzeitig die körperliche Präsenz durch Mijnas und Smit sowie der kämpferischen Doppelsechs aus Koopmeiners und Clasie kam dem 4-2-2-2 AZs mehr entgegen. Mitunter machte es den Anschein, dass genau diese vertikale Streckung (4-2-2-2, Laufwege Parrot tief/wegziehend, Nijmegen ohne eigene Abseitslinie) sowie horizontale Streckung (Querlaufen Parrot, asynchrones/anschließendes Ausweichen Mijnans) bewusst von AZ gewollt und vorbereitet wurde, indem man aus einem sehr breiten 4-2 Aufbau direkt und früh lange Passdistanzen zum Torwart Owusu-Oduro wählte, um Nijmegens sofortiges Anlaufen (Linsen, wobei die Abstände zu weit waren um den Ball ernsthaft abfangen zu können) auszulösen und dadurch eigene lange Bälle gut vorbereiten zu können.
Wenn AZ sich doch für einen kurzen Aufbau entschied, fielen sie in eine Art 3-1 Aufbau mit einrückenden linken Außenverteidiger (de Wit) zurück. Auffällig war insgesamt aber die deutliche Fokussierung auf die Vorbereitung von langen Bällen. So suchte in 3-2 Aufbaumomenten bspw. Koopmeiners, statt den freien Raum zum Druckauflösung zu besetzen, den direkten Weg nach vorne in die Zehnerlinie, um Präsenz für zweite Bälle zu zeigen.
AZs hybrides 4-2-3-1 zum 5-2-2-1 als Kryptonit gegen N.E.C.
Bei Ballbesitz Nijmegen entschied sich AZ für eine grundlegende Spiegelung N.E.C.‘s. Dabei wählten sie ein konservatives, manndeckendes Mittelfeldpressing. Während Clasie (ein Sechser N.E.C.) und die beiden Zehner Daal und Mijnans (jeweils den Halbverteidiger sprich Dasa und Fonville) sehr klassisch ausgehend vom Mittelfeldpressing ballnah manndeckten und manngerichtet anliefen, wählte Parrot immer wieder klug tiefere, passivere Positionen, um jegliche Wege ins Zentrum zu schützen.
Eine Sonderrolle kam Koopmeiners zu. Er ging, ausgehend von einer Mannorientierung gegen Nijmegens Kreativspieler Chery, immer wieder beim Übergang in einen tieferen Block in die letzte Linie und stellte so eine 5er-Kette her. Insgesamt ergab sich also ein 5-2-2-1 in tieferen Phasen AZs, durch ein Zurückfallen von Smit auf die Doppelsechs mit Clasie. Chery wurde so nicht zwingend extrem manngedeckt, aber vielmehr sein Aktionsradius nach vorne gekappt und gleichzeitig ein nötiges Rausrücken Koopmeiners aus der 5er-Kette gut aufgefangen. Eingestellt auf Nijmengens Überladungen rechts schloss AZ somit in der ersten Hälfte erfolgreich ihre linke Abwehrseite. Goes, der rechte Innenverteidiger AZs, musste mitunter dafür weite Wege gegen Lebreton verteidigen und war ihm zugeordnet. Nijmegens freier Spieler, besonders durch die mitunter doch sture Manndeckung Clasies, war dementsprechend ein zentraler Spieler, meist Sano, als linke und höhere Sechs, da sich Nejasmic oft in den Aufbau mitfallen ließ, um eine Art 3-1 Aufbau herzustellen.
Die 5-2-2-1 Struktur AZs passte auch zum eher relationistischem Ansatzes N.E.C.’s (wobei es hier weniger um ballorientierte Freilaufbewegungen zueinander ging, mehr darum frei-radikal Überzahl in Ballnähe zu schaffen, eher weniger zueinander abgestimmt oder in Relation zu bestimmten Gegenspielerbewegungen/-Positionen), die weniger Spieler horizontal staffeln, um zu verlagern, sondern eher ballnah mit tlw. 7-8 Spielern bündeln. So konnte der ballferne Zehner AZs auf der einen Seite das Zentrum mit schließen, Laufwege aus der Aufbaulinie von N.E.C.’s abfangen, zwang N.E.C.’s Sechser entweder außerhalb des Blockes breiter aufzufächern oder sich höher zu staffeln, womit sie weniger in Überladungen involviert waren oder die Absicherung vernachlässigten. Gleichzeitig war er im Konter schnell anspielbar (kurze, aber verlagernde Passdistanzen gegen Gegenpressing nach Überladung). Die beiden Zehner AZs zeigten sich verantwortlich N.E.C.’s immer wieder vertikal aufrückende Innenverteidiger (auch Sandler nach Pässen – „spelen en doorbewegen“) aufzunehmen. Insgesamt schaffte es AZ mit diesem Übergang ins 5-2-2-1 ein +1 in letzter Linie zu kreieren, weil sich Clasie tiefer eher ballfern am Zehner (Lebreton) orientierte, Goes in der Kette +1 gegen Linsen verschieben konnte, der Raum vor der Abwehr mit Smit verdichtet wurde und die beiden zentralen Zehner das Zentrum schlossen. Dabei wurde dann auch eher weniger versucht, direkte Ballgewinne zu erzielen, aber umso mehr Aktionen nach vorne zu blocken und passiv den Ballführenden zu stellen. . Es schien etwas, als probierte AZ länger die Kontrolle von Positionen und Raumbesetzung zueinander halten, als N.E.C. das mit ihren vielen Positionswechseln und Neuschaffungen probierte/konnte.
Löste AZ dann doch mal das Pressing aus, passte dies gut zur Aufbaustatik N.E.C.‘s. Meist wählte Parrot dann eine zentrumssichernde, eher weitere Position zu Sandler oder einem zentralen Innenverteidiger von N.E.C. Wenn N.E.C. dann über die Halbverteidiger andribbelte, vergrößerten sich so automatisch die Distanzen in ihrer ersten Aufbaulinie. Das Andribbeln der Halbverteidiger konnte von den Zehnern AZs gut abgefangen werden, ein Rückpass in der Bewegung vom zuvor rausgerückten Zehner durchgelaufen werden, Parrot nahm vertikale Anschlussbewegungen vom passgebenden Halbverteidiger auf. Durch die weitere Passdistanz (durch das frühe Andribbeln) war der Laufweg des Passgebers nach vorne wirkungsloser, weil der Ball zu lange unterwegs war und der Druck von AZ auf (meist) Sandler gut gehalten werden konnte. Kurze Passabstände bei N.E.C. für ein anlockendes Spielen und Bewegen waren aufgelöst, auch weil Nejasmic im Pressing folgen und auflösen als dritter Mann keine gute Leistung zeigte. AZ lief allerdings oftmals nicht bis zu Cillessen durch, der unnötigerweise trotzdem häufig drucklos zum langen Ball griff (der wie bereits erwähnt kein Erfolgsmittel darstellte). Ohne Andribbeln lief es für N.E.C. auch nicht besser, denn dadurch, dass Sandler gerne probiert, von tieferen Positionen weiträumige Pässe zu spielen (Schlotterbeck-Vibes), muss N.E.C. beim Aufrücken weitere Distanzen im Nachrücken der letzten Linie zurücklegen. Dies gelingt ihnen immer wieder nur unbeständig, sodass die letzte Linie nicht wünschenswert angeschlossen war.
Nichtsdestotrotz zeigte N.E.C. in Hälfte eins, vermehrt über rechts, gute Ansätze vom Flügel ausgehend, sich Chancen zu erspielen. Ein sich über das gesamte Spiel durchziehendes Offensiv-Problem war es, dass Aktionen vom Flügel nach innen nicht weiträumiger (also Räume Richtung Zentrum dynamisch öffnen) oder tororientierter (Laufwege im Rücken des ballnahen Innenverteidigers) favorisiert wurden. Die Anschlussbewegungen, um Gegenspieler bewusst vom freigespielten Flügel wegzuziehen, waren zu selten. Stattdessen wurden teilweise mögliche Passrouten nach innen durch passives Ballnachlaufen (um eine kurze Passoption zu sein?) zugelaufen. Eine „Escadinha“, also eine diagonale Staffelung mehrerer Spieler als „Leiter“ nach vorne, idealerweise zum Tor hin, wäre auch ein gutes Mittel gewesen, um N.E.C.’s relationistische Ansätze in torgefährlicheres Kapital umzuwandeln, wurde nicht kreiert. Besonders über Sano als freien, höher schiebenden, leicht ballfernen Sechser hätte man Abschlusspositionen mit einer präzisen Halbraum-Halbraum-Verlagerung (gegen Manndeckungsteams sowieso immer effektiv) erzielen können. Besonders links mit Koopmeiners und rechts mit Goes, die beide mit dem Decken auf der Linie des ballnahen Zehners beschäftigt waren, hätte man gut Räume in ihren Rücken besetzen und bespielen können – ob hinter oder vor der Abwehrlinie AZs. Ein paar Mal, als es N.E.C. gelang von außen nach innen hinter dem ballnahen Innenverteidiger zu agieren, wurde es auch direkt gefährlich. In diesem Momenten wurden durch die Duos (N.E.C. nutzt die Duos am Flügel etwas ähnlich zu Bayern in vorder- oder hinterlaufenden, fortlaufenden Bewegungen am Flügel) von N.E.C. (Ouaissa-Chery/Dasa und Önal-Lebreton/Fonville) natürliche Verteidigungsmechanismen (hinter Außenverteidiger spielen = Innenverteidiger, der rausrückte, wird wahrscheinlich in letzte Linie fallen, ab- oder durchsichern) ausgelöst, wodurch sich N.E.C., gepaart mit gutem Wegbewegen vom Gegenspieler, im Rücken der Abwehr ein paar (Halb-)Chancen erspielen konnte. AZ löste diese kleinen Zugriffsschwierigkeiten damit, dass Clasie sich als ballferner Sechser doch mehr ballorientierter positionierter, weniger klassisch Lebreton ballfern folgte.
Lange Bälle von NEC in ein bereits durchgeschobenes, gestrecktes AZ, was schnell nach hinten lief, um Tiefe zu sichern, waren nicht erfolgsversprechend – weder wie bereits einleitend beschrieben dynamisch, noch numerisch (oftmals allein Linsen als Zielspieler).
Über-Überladung überdreht das Rad
In der zweiten Hälfte probierte N.E.C. mehr über ein Aufdribbeln Fonvilles über die linke Seite zu überladen. Nejasmic wählte eine deutlich mehr zentrumshaltende Positionierung in Ballbesitz (Sechser gestaffelt), Lebreton spielte als linker Wing-Back, der eingewechselte Willumsson etwas tiefer, wohl um AZs Goes aus der Abwehr zu ziehen. Sano, Fonville aufrückend sowie teilweise Chery beteiligten sich an der Überladung links. Eine Intention schien es zu sein, links anzulocken um dann rechts auszuspielen und Ouaissa in 1vs1 Duelle zu bekommen. Koopmeiners folgte Chery aber nicht konsequent mit, N.E.C. stand teilweise mit 6-7 Spielern im linken Halbraum, weil sogar Dasa (!) in diese Richtung verschob. Allerdings waren die Bewegungen in dieser Überladung selten gut genug zueinander abgestimmt. Die noch stets vorhandenen Räume (auch weil AZ bereits früh ballnah mit ihrer 4/5er-Kette verschob und beide Außenverteidiger de Wit sowie Dijkstra individuelle Schwächen im Verteidigen des Rückens haben) von außen nach innen im Rücken (tief oder vor der Abwehrlinie) des halb-rausrückenden Goes wurden zu selten konsequent bespielt oder erst zu spät besetzt. Vorderlaufende, bogenförmige Bewegungsabfolgen um einen Zielspieler, der positionstreu einen Raum besetzt und als Ablagespieler fungiert, wurden nicht eingesetzt, was alle Bewegungen zueinander wie improvisiert oder Stückwerk aussiehen ließ. Wenn man es schaffte einmal ein Pocket im Halbraum zwischen mehreren AZ Spieler zu öffnen, wurde diese geöffnete Raum nicht weiter verfolgt durch bspw. einen gegenspielerbindenden Laufweg hinter diesem geöffneten Raum, sondern vielmehr versuchte jeder Spieler ein bisschen, sich dominant den Ball abzuholen und weiterzupassen. Kurz gesagt gab es viele dominante Spieler, die alle gerne den Ball direkt und ohne Intention zueinander haben wollte. Ergänzende, zuarbeitende/unterstützende Intentionen bei Spielern waren Seltenheit. Wählte man in der ersten Hälfte noch frühe Flankenstaffelung und ließ einem Duo am Flügel so Raum, war Linsen nun der einziger Spieler N.E.C. im Strafraum gegen AZ, die weiterhin konsequent ein +1 hielten. Schaffte es N.E.C. über den gut, aber noch zu verhaltenden, nicht bis zum Ende des möglichen Aufrückpotential andribbelnden Fonville aufzurücken, fehlte es an Aktivität und Anschlussbewegungen, über eine schnelle kurze Verlagerung von abkippenden/verbindenen Sechser/Innenverteidiger die entstanden Räume im Zentrum zu bespielen. Gerade Willumsson zeigte hier keine gute Passoptionen, obwohl er in aussichtsreichen Räumen unterwegs war. Trotz der fehlenden Durchschlagskraft konnte N.E.C. mehr Kontrolle über das Spiel erlangen und AZ etwas hinten einschnüren. AZ wiederum presste ab ca. 55. Minute als Reaktion aggressiver, Goes verfolgte in höheren Mittelfeldpressingphasen Willumsson weit nach vorne. N.E.C. schaffte es nicht, reichzeitig in manndeckungslösende Abläufe zu kommen, auch das Spiel über den Zusatzspieler Cillessen schaffte keine Entlastung. Die Kommunikation von Sano und Nejasmic bzgl. abgestimmtes Freilaufen und Freibinden, Bewegungen zum Ball, ließ zu wünschen übrig.
Die Einwechslung von Willumsson zeigte allerdings defensiven Mehrwert. Der 193 cm große Isländer konnte bei AZs langen Bällen mehr Raum abdecken und raumgreifender mehr Präsenz auf zweite Bälle zeigen, ohne Lücken in der Manndeckung als Zehner auf AZs Sechser zu reißen. N.E.C. passte nämlich Nejasmic in die Rolle des Zuarbeiters von Sandler an. Der Sechser wählte nun seine Positionierungen so, unmittelbar um/mit Sandler gegen Parrot zu verteidigen und ihn abzusichern, sodass häufig eine Art Viererkette bei N.E.C. entstand, was AZ erstmal eindämmte.
N.E.C. probierte weiterhin von links nach rechts auszuspielen. Leider mussten sie die Probleme in der Restverteidigung sowie die Lasten ihrer Über-Überladung teuer bezahlen, weil AZ zweimal nach Verlagerung zu Ouaissa Ballgewinne erzielte, Konter starteten und N.E.C. individuelles Rest-Mannverteidigen letztendlich eiskalt mit den Toren zum 2:0 und 3:0 bestraften. Besonders beim zweiten Tor wurde deutlich, dass die individuelle Orientierung am Gegenspieler, beinah unabhängig von der Ballposition auf dem Feld und ohne kollektive Abstimmung, deutliche Nachteile mit sich bringt. Sowieso ist Manndeckung am eigenen Strafraum ein weniger logisches Mittel – ohne Balldruck und kollektive Höhenfindung einer letzten Abwehrlinie wird es eine Einladung zum Chancen erspielen. Beim 2:0 durch Mijnans lag Nijmegens Zentrum vor dem Tor offen, beim 3:0 wurde nicht gegenseitig abgesichert. Vorausgegangen war beiden Toren aber ein Überladungsversuch links, besser beschrieben ein Über-Überladungsversuch. Klassische Überladungen mit einem, vielleicht zwei Extra-Spielern bringen den Effekt mit, den Gegner (idealerweise) kurz in einem äußeren Raum zu binden, ohne dass er Zugriff auf einen Ballgewinn hat, dann in vorbereitete Strukturen (Passdistanzen so weit wie möglich für maximal wenig Ballzwischenstopps aber so kurz wie nötig um Überladungseffekt zu nutzen) zu verlagern und die freiere Seite per 1vs1 oder Kleinzahlablauf oder Halbfeldflanke (Nutzung des Überladungspersonals ballfern) zu gebrauchen. Bei einer Über-Überladung im Sinne des Relationismus geht es weniger um gut balancierte Verlagerungsstrukturen, Kleinzahlabläufe auf der freieren Seite oder ein gesundes Zahlenverhältnis, sondern um sich auf der überladenen Seite durchzuspielen. N.E.C. über-überlut links, verlagerte dann relativ weiträumig (also nicht kurz) über die Innenverteidiger um Dasa zu Ouaissa, wobei AZ kurz Überzahl auf der „freieren“ rechten Seite hatte. Bei Ballbesitz Ouaissa vor dem 2:0 standen 5 (!) Spieler von N.E.C. noch links funktionslos, nicht beteiligt nebeneinander – also auch Anschlussbewegungen, um Kleinzahlabläufe zu unterstützen oder tororientierte Laufwege, Flankenvorbereitungen fehlten. Sandler, der die Verlagerung beim 2:0 einleitete, lief nach seinem Pass zum Flügel nach vorne durch (scheinbar ein Prinzip Nijmegens). Allerdings so, dass er Ouaissa im 1vs1 blockierte, danach nicht als Unterstützungsspieler fungierte und eigentlich etwas orientierungslos vor ihm stand. Durch den Laufweg von Sandler ließ sich Nejasmic deutlich in die letzte Linie fallen und auch Dasa sah davon ab, Ouaissa kürzer zu unterstützen, sodass er im 1vs2 auskam. Letztendlich kam es aufgrund der Unterzahl zu einem Ballverlust von Nijmegen – durch den fehlenden Bodyguard Dasa. Sandler stand vor dem Ball, das Zentrum war unbesetzt, AZ konnte leicht nach vorne spielen und angreifen – da es in der Restverteidigung am Situationsverständnis (Nejasmic) und konsequentem Absichern fehlte. Letztendlich verschlechterte Sandlers Laufweg die Situation eigentlich.
Auch dem dritten Gegentreffer ging eine Verlagerung von links nach rechts voraus, diesmal lief Dasa als Passgeber zur Verlagerung nicht durch – was anders als Sandler beim zweiten Gegentreffer passend gewesen wäre – sondern bot sich wieder kurz an – allerdings verhaderte sich Ouaissa wieder im Unterzahldribbling (Entscheidungsfindung individuell, aber auch wenig Support). Dieses Mal war die Situation aber ideal für Gegenpressing, wozu sich die umliegenden Nijmegen Spieler auch entschieden, lediglich Dasa deckte nicht durch, wodurch AZ mehr oder weniger kontrolliert rausspielten konnte. Mit viel Glück konnte sich AZ, wieder hinter dem letzten Verteidiger (Sandler) N.E.C.s, aber in der eigenen Hälfte, durchspielen und das 3:0 erzielen. In der Folge probierte Nijmegen alles, mehr als kurze Hoffnung nach dem 3:1 kam nicht mehr auf.
Fazit
N.E.C. drehte an der Positionswechselkurbel so viel, bis es beinah glühte. Ständige Über-Überladungen, neue Positionen, vertikal durchlaufende Innenverteidiger eines 3-er-Aufbaus sind eine große, in diesem Spiel gegen ein clever verteidigendes AZ, zu große Hypothek, um gleichermaßen Spielrhythmus, Feldkontrolle und Restorganisation im Blick zu haben. Zu viele Spieler, bspw. Sano als linker, abgekippter Sechser aus der Überladung, der bei Ballbesitz Ouaissa zweimal nicht konsequent genug neben dem letzten Verteidiger N.E.C.s für eine 2vs1 Absicherung schob, müssen in Situationen verteidigen oder angreifen (Sandler vor dem 2:0), die zu fremd/zu ungeeignet oder zu anspruchsvoll bzgl. der Situationsdynamik für ihre Profile sind.
Trotzdem ist Nijmegen ein Team, was sich aufgrund ihres freien-radikalen Spielstils dem attraktiven, unterhaltenden Fussball verschrieben hat. Überragende Ansätze könnten offensiv durch Simplizität, Beständigkeit (Positionstreue) und Teamorganisation (Rhythmus der Angriffsrichtung, Balance der Überladungen) gesteigert werden. Defensiv sollte eine Kollektivität der letzten Linie Einzug erhalten. Sollte dies in der Zukunft gelingen, wird N.E.C. nicht nur als eins der spannendsten Team der Niederlanden für Furore sorgen, sondern auch in Europa. Auf dem bestem Weg sind sie als Drittplatzierter der Eredivise allemal.
HH ist an der niederländischen Grenze großgeworden, hat sich fußballtaktisch aber lieber Richtung Südeuropa orientiert. Neben Freelancer-Tätigkeiten für deutsche Proficlubs ist er seit zwei Jahren auch als Jugendtrainer bei der U17 von N.E.C. Nijmegen tätig.


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