Türchen 23: Real Madrid – Stade Reims 1956

Das erste Finale eines Europapokals überhaupt – in mehrfacher Hinsicht ein Ausgangspunkt für Mehr.

Je weiter man in der Vergangenheit zurückgeht, desto seltener sind die Fußballspiele, die über die komplette Spieldauer gefilmt wurden (oder bei denen sich längere Aufnahmen erhalten haben). Vor allem vor ca. 1960 ist das ein größeres Thema. Es gilt selbst für eine Partie wie das Finale im Europapokal der Landesmeister aus dem Jahr 1956, immerhin das allererste Endspiel dieses mittlerweile unter dem Namen Champions League äußerst berühmten Wettbewerbs. Real Madrid krönte sich im Juni 1956 in Paris gegen Stade Reims mit einem 4:3-Erfolg zum ersten Champion Europas.

Im Vergleich mit der Analyse eines kompletten Spiels funktioniert die Analyse nur von Spielausschnitten natürlich anders und bietet andere Erkenntnismöglichkeiten. Man kann weniger die größeren strukturellen Gegebenheiten eines Spiels untersuchen. Stattdessen muss man stärker Aktionen analysieren.

Diese Analyse mit einem Fokus auf die jeweiligen konkreten Aktionen, also auf kleinere Einheiten einer Partie, erfordert wiederum eine andere Einordnung. Der Maßstab für eine Einordnung sind nicht Häufigkeit und damit Repräsentativität oder Muster, weil man als Betrachtungsgrundlage keine allzu große Dichte der Aktionen zur Verfügung hat. Wie „typisch“ ein oder zwei gute oder schlechte Aktionen für die Gesamtheit eines Spiels waren, lässt sich ohne die Gesamtheit des Spiels nicht bewerten.

Man kann alternativ dazu aber andere Perspektiven einnehmen, um Rückschlüsse auf die Spiel- und Verhaltensweisen von Mannschaften oder Spielern zu gewinnen, also darauf, wie grundsätzlich – etwas allgemeiner und jenseits der Struktur – das „Fußballspielen“ funktionierte.

Was bedeutet das im Einzelnen? Beispielsweise lassen sich Aktionen, die selten oder außergewöhnlich wirken, mit Aktionen und Ausschnitten aus anderen Partien aus derselben Zeit vergleichen, wenn man sie schon nicht mit allzu vielen Aktionen aus ein und derselben Match vergleichen kann. Ferner kann die Ausführungsqualität von ein oder zwei guten Aktionen zumindest Aufschlüsse darüber geben, welches Maximallevel der jeweilige Spieler im Vergleich zu seinem Gegenspielern erreichen konnte.

Bei Spielausschnitten, die überwiegend aus Toren und Torchancen bestehen, stellt sich die Ausgangslage für die Analyse am kompliziertesten dar, aber auch in einem solchen Fall bieten sich Möglichkeiten für Erkenntnisse, wenn auch kleine Erkenntnisse, die sich in einem eingegrenzten Rahmen bewegen. Die Frage, wie Tore typischerweise fallen, ist für jede Epoche eine interessante Frage, die zumindest manches Licht auf die Epoche und die beteiligten Mannschaften zu werfen vermag. Wenn man weiter ins Detail geht, kann man die Tore unter der leitenden Fragestellung betrachten, ob, wie und welche Tore selbst gegen eigentlich gutes Defensivverhalten gefallen sind. Darüber hinaus ist es lohnenswert, darauf zu achten, wie viele und welche Tore entscheidend durch hochwertige Aktionen entstanden (also ohne diese Aktionen definitiv nicht passiert wären) bzw. welche eher zufällig passiert sind.

Genau dieses Thema der hochwertigen Aktionen stellt für das Finale von 1956 ein Leitmotiv dar. Das erste Endspiel der Europapokal-Geschichte war rein sachlich der Anfang eines ungeahnten Erfolgsprojektes, das seit der Champions-League-Reform von 1992 nochmals in neue Höhen fortentwickelt wurde. Tatsächlich fühlt sich dieses erste Finale auch wie der Startschuss zu einer neuen Zeitrechnung an – so hoch wirkt die Qualität im Vergleich zum „Durchschnitt“ der 50er-Jahre. Fast in jedem Ausschnitt taucht mindestens eine Aktion mit Wow-Effekt auf – ob eine beeindruckende Ballmitnahme unter Druck, ein 1gegen1-Duell im Mittelfeld mit hoher Intensität oder die enorm treffende Passgewichtung von Reims René Bliand bei einem Steilpass aus hoher Geschwindigkeit als Vorlage zum zwischenzeitlichen 0:2.

Als außergewöhnlich kann man auch festhalten, dass Reims in mehreren Szenen mit gleich sieben beteiligten Spielern in der kompakten Defensivarbeit verteidigt – keinesfalls eine Selbstverständlichkeit für die damalige Zeit. Solange die Franzosen nicht zu weit zurückgezogen agierten und sich bis in den Sechzehner fallen ließen, spielten sie diese zahlenmäßige Besetzung auch laufstark und geschlossen aus, fanden recht enge Abstände im Maßstab der 50er-Jahre und ein überdurchschnittlich engagiertes Nachschieben auch aus ballferneren Positionen.

Diese Bissigkeit änderte sich aber im Verhalten unmittelbar um und im eigenen Strafraum – und darin lag ein wesentlicher Grund, wieso Reims die Partie nach der frühen Führung aus der Hand geben und letztlich vier Treffer kassieren sollte. Vor allem stürzten die Verteidiger in Tornähe sehr hektisch in die meisten Defensivsituationen hinein. Dass die äußeren Verteidiger aus ihren nominellen Flügelzuordnungen nicht systematisch in die Sicherung ihrer Mitspieler hineinkamen, war aber für die Zeit nicht ungewöhnlich.

Hinzu kam dann auch noch die individuelle Klasse der Madrilenen, für die der Sieg erst der Auftakt zu einer Serie von gleich fünf Henkelpötten (nicer Plural) werden sollte. Das galt vor allem für das psychologisch sicher besonders wichtige 1:2-Anschlusstor: Es fiel eigentlich durch einen sehr simplen und total erwartbaren Steilpass auf den aus der Tiefe startenden Torschützen Alfredo di Stéfano. Das ungeschickte und wohl auch unkommunikative Defensivverhalten bei Reims war die eine Seite der Medaille. Aber daneben gab es eben auch die andere Seite aus Madrider Perspektive – und da passten das Timing sowohl beim Passgeber (wohl Muñoz?) mit entsprechender Verzögerung als auch beim Einstarten di Stéfanos ideal zueinander.

Im größeren Kontext anderer Spiele der damaligen Zeit sticht die Prägekraft von diagonalen Dribblings der jeweiligen Rechtsaußen hervor. Gleich mehrere Offensivaktionen und Tore wurden in diesem Finale so eingeleitet – nicht das ganz typische Bild der 50er-Jahre. Sowohl Joseíto bei Real als auch Michel Hidalgo bei Reims agierten mit hoher Aktivität aus dem zweiten Drittel heraus und trieben auch großräumige Dribblings durch den rechten Halbraum an. Bei Joseíto machte seine Explosivität Eindruck, bei Hidalgo seine Agilität in Anschlussaktionen (und vor dem ersten Tor die Tatsache von gleich zwei super passend und angenehm für die Dynamik des Angriffs gespielten One-Touch-Pässen innerhalb von nur wenigen Momenten).

Hervorzuheben wäre schließlich noch Reims rechter Halbstürmer Léon Glovacki, der praktisch in allen Szenen, in denen er beteiligt war, mit außergewöhnlicher Übersicht bestach. Er spielte viele einfache Aktionen und vor allem unspektakuläre kurze Ablagen, aber meistens ziemlich klug gegen die Bewegungsrichtung des Gegners, die er bis auf passende Abstände herankommen ließ, um sie etwas zu binden ohne selbst unter Druck geraten zu können. Das zeichnet auch noch heute sehr gute Unterschiedsspieler aus.

Glovacki, der nach 1955 keine Länderspiele mehr absolvierte, und ebenso Joseíto oder Hidalgo wären also interessante Spieler, die man sich nochmals in anderen Partien anschauen könnte (sofern man welche findet). Auch das sind Teil-Erkenntnisse, die man aus solchen Aufnahmen ziehen kann – bloße Hinweise, wo die nächste Analyse warten könnte und wo man weitersuchen muss, um wieder etwas Neues herauszufinden.

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