Die Lehrstunde vom Comer See – LC

Como schlägt Manchester United mit 4:1 – und das Ergebnis ist in diesem Fall tatsächlich der passende Ausdruck des Spiels. Die Partie war über weite Strecken einseitig, nicht über Chancenmengen, sondern über Zugriff: Como bestimmte in jeder Spielphase, wo der Ball hinlief, wer ihn bekam und unter welchen Bedingungen er weitergespielt werden musste. United kam in keiner dieser Phasen dagegen an.

Die Mannschaft von Cesc Fàbregas zeigte dabei zwei Dinge, die selten zusammenfallen. Gegen den Ball eine Pressingstruktur mit klaren Richtung, Isolierungen und einer Manndeckung, die ballnah nur für die laufende Aktion galt und drumherum bereits auf den zweiten Ball spekulierte. Und mit Ball ein Positionsspiel von beachtlicher technischer Reife, das Gegner bindet, verlagert und systematisch in deren Rücken arbeitet. Das 4:1 ist damit weniger ein Ausreißer als ein Beleg für eine Arbeit, die sich über die vergangenen Spielzeiten aufgebaut hat.

Diese Analyse geht die Spielphasen einzeln durch: zuerst Comos Spiel mit Ball und Uniteds Antwort darauf, danach die Arbeit gegen den Ball vom hohen Pressing bis zur Strafraumverteidigung, und am Ende die Tore.

Como baut auf, United kommt nicht heran

Im Aufbau löste sich Como vom nominellen 4-2-3-1 und stand näher an einem 4-3-3, wobei die Achter die eigentliche Variable waren: sehr frei in der Bewegung und vor allem in den Halbräumen aktiv. Die Grundstruktur blieb dabei stabil – eine flache Vier plus ein Sechser davor, der mal vor der Kette, mal etwas hinter der Sturmreihe stand.

Nah am eigenen Tor bezog Como ihren Torhüter Butez konsequent als zusätzlichen zentralen Mitspieler für ihren Spielaufbau ein. Damit entstand ein Fünf-gegen-vier gegen Uniteds vordere Reihe – rechnerisch unangenehm, in der Umsetzung noch unangenehmer, weil Como diese Überzahl nicht zum Durchspielen nutzte, sondern zum Binden. Von dort entstand nach rechts wie nach links wiederkehrend dieselbe Form: Innenverteidiger, Außenverteidiger, ein Spieler aus der Halbposition aus dem 8er Raum und ein Sechser dazu. Eine Raute, die kein Selbstzweck war, sondern ein Ziel hatte: den diagonalen Weg heraus.

Ein Detail daran verdient besondere Aufmerksamkeit. Die Außenverteidiger standen zeitweise nicht breit, sondern flach in einer Halbposition. Das klingt nach einer Nuance, hatte aber eine klare Funktion: Es gab den Flügel frei und schuf damit den Raum, in den sich die Achter herausfallen lassen konnten – Paz und Perrone taten das regelmäßig. Wer den Flügel nicht selbst besetzt, zwingt den Gegner, ihn trotzdem zu bewachen.

Für Uniteds Sechser war genau das kaum lösbar. Tielemans, Mount und Andrey Santos hatten über das ganze Spiel Probleme, überhaupt eine Zuständigkeit herzustellen, geschweige denn in Zweikämpfe zu kommen. Kippte ein Achter heraus, konnten sie nicht mitgehen, und wurde einer von ihnen dabei gebunden, entstand auf dem ballfernen Flügel ein Zwei-gegen-eins. Como hat diese Situation nicht einmal hergestellt, sondern seriell.

Der entscheidende Mechanismus steckte in der Ballan- und -weiterleitung. Der Spieler aus der tiefen Position arbeitete meist mit zwei Kontakten: Den ersten nahm er nach hinten mit, mit dem zweiten leitete er den Ball auf den offen stehenden Mitspieler weiter. Am Ende jeder dieser Aktionen stand ein Spieler mit dem Spiel vor sich – und aus dieser offenen Position ließ sich verlagern.

Möglich wurde das durch die Auftaktbewegungen. Paz und Kapitän Da Cunha lockten ihre Gegenspieler zunächst in die falsche Richtung und arbeiteten anschließend mit dem Bewegungsvorsprung. Dieser Vorsprung ist nicht nur Raum, sondern vor allem Zeit: Zeit, den Ball erst zu kontrollieren und dann weiterzuleiten, statt beides in einem Kontakt erledigen zu müssen.

Exemplarisch dafür eine Szene in der 17. Minute. Mason Mount schiebt heraus, Mazraoui geht gleichzeitig mit in den Zweikampf – United ist in dieser Situation nominell in Überzahl. Nur kommt keiner der beiden wirklich an den Gegenspieler, weil beide zu spät sind. Paz kann deshalb in Ruhe den Kontakt nach hinten setzen und mit dem zweiten Kontakt direkt verlagern, womit der Druck aufgelöst ist, bevor er entstanden war.

Lief der Aufbau über rechts, zeigte sich das in einem wiederkehrenden Muster: Paz und Da Cunha nahmen den Ball im ersten Kontakt nach hinten bzw. innen mit und verlagerten anschließend mit dem linken Fuß aus der geschlossenen Position heraus. Getroffen wurden dabei systematisch Spieler in offener Stellung – Milla, der ballferne Sechser, oder direkt die Verbindung von Flügel zu Flügel.

In der zweiten Halbzeit passte Como die Form an und spielte häufiger mit zwei Sechsern, um die Rauten schneller herzustellen und schneller auf die ballferne Sechs verlagern zu können. Auffällig wurde dabei Couto: Der Rechtsverteidiger brachte mit Ball wiederholt den Chip in den Sechser- beziehungsweise Zehnerraum – in einer Phase sechs, sieben Mal hintereinander. Dort bekam vor allem Paz den Ball und konnte den Angriff einleiten.

Besonders auffällig in der Raute sind die Rotationen der Mitspieler. Durch die Connections der jeweiligen Spieler agierten diese, je nach Laufweg, Raum und Ballbewegung in Rotation. Die immerwiederkehrenden Räume wurden neu besetzt. Bei Druck auf den Ballführenden Spieler schoben die äußeren Spieler flach oder starteten in den Rücken der Gegner, der vorderste Spieler der Raute stoß aus dem Deckungsschatten hervor und bildete den Bezugspunkt in der Tiefe. Bei tiefen Pass lösten sich die beiden breiten Spieler und stoßen der Tiefe hinzu und konnten sich in offener Spielstellung direkt wieder anbieten. Wurde der Pass über die flachen Außen gespielt, konnten die Räume vor den danach ballführenden Spielern belaufen werden. Jede Rotation, jede Positionsanpassung war aufeinander abgestimmt und führte am Ende zu vielen druckauflösenden Pässen nachdem ManUnited vergeblich ins Pressing rannte.

Übergang und letztes Drittel: das Z in den Rücken des Gegners

Das zweite Drittel überbrückte Como außergewöhnlich schnell, über Tempodribblings und diagonale Pässe. Dahinter stand ein wiedererkennbares Prinzip: erst den Gegner auf einen Flügel binden, dann über die Diagonale in dessen Rücken kommen, und im letzten Drittel noch einmal dasselbe. In der Summe ergab das die Form eines Z – Aufbau über rechts, Übergang über links, Abschluss wieder von rechts.

Die Verbindungen zwischen Flügel und Stürmer trugen diese Angriffe und waren bewusst flexibel gehalten. Die Flügelspieler standen mal breit, kamen mal entgegen, rückten mal ins Zentrum ein. Douvikas wartete entsprechend entweder tief vor der Kette auf den Chipball oder nahm, wenn sich am Flügel  der Raum ergab, das tiefe Zuspiel an und lief anschließend auf dem Flügel tief, sobald der Ball beim Außenverteidiger auf einem offenen Fuß lag. Aus dieser Flexibilität entstanden die Überladungen einer Seite, und aus den Überladungen die zentrale Überzahl.

Im letzten Drittel kam ein Element hinzu, das bei schnellen Umschaltmannschaften selten ist: Geduld. Como zog die Gegenspieler über Dribblings und kurze Pässe heran, arbeitete bei Bedarf mit Rückpässen und verlagerte dann vor dem Block. Da Cunha, Baturina und Paz waren die drei, die Gegner binden und anschließend die Diagonale finden konnten. Sie schufen die Positionen in der Diagonalen, waren anspielbar und nutzen ihren Raum um Druck auszuüben. So wurde der Block meist mit kurzen Kontakten gebunden, die Verlagerung und Position im Rücken des Gegners vorbereitet und schnelle Abschlüsse gesucht.

Die Intensität mit Ball ist dabei nicht zu unterschätzen. An praktisch jedem Angriff waren mindestens drei oder vier Spieler beteiligt, die Breite war besetzt, das Zentrum ebenso, es gab durchgehend mehrere Optionen. Gesucht wurde fast immer der Rücken des Gegners auf der ballfernen Seite – also genau die Zone, die beim Verschieben zuletzt geschlossen wird.

Paz brachte für dieses Muster das passende Profil mit. Mit starkem linken Fuß von rechts nach innen ziehend, ließ er sich wiederholt in den rechten Rücken der Gegenspieler fallen, kam dort mit wenigen Kontakten zum Abschluss und sammelte die meisten Abschlüsse der Partie. Dass die Abschlüsse insgesamt mit wenigen Kontakten fielen, ist kein Detail, sondern die Folge des Zeitgewinns weiter vorne.

Was das Ganze trägt, ist die technische Ausführung. Weiche Pässe, im richtigen Moment auch scharfe, durchgehend gut getimt und in den richtigen Fuß gespielt – über neunzig Minuten. Ein so sicheres Passspiel unter diesem Tempo ist das, was ein variables Konzept erst abrufbar macht.

Warum United nicht in die Zweikämpfe kam

Uniteds Grundproblem gegen den Ball war die Mischform. Gepresst wurde halb mannorientiert, in der letzten Linie aber mit einem Plus-eins – eine Konstruktion, die in beide Richtungen Kompromisse erzwingt. Sie verlangt vorne Zugriff, den sie hinten nicht finanziert.

Es gab durchaus Momente, in denen es funktionierte. Schob Dalot auf der rechten Seite ins Pressing durch und übergab seinen Gegenspieler nach hinten, entstand eine saubere Mannorientierung bis in die Spitze – und damit auch für Mount eine klare Zuordnung, aus der heraus der Ball gewonnen werden konnte. Nur blieb das die Ausnahme. Meist stand Dalot gegen den Ball zu flach, sodass United die Zweikämpfe nach vorne nicht auslösen konnte und mit einer Unterzahl ins Pressing ging.

Mount war in diesem Zusammenhang der auffälligste Fall. Er kam über die gesamte Spielzeit kaum in einen Zweikampf, weil die Entscheidung zum Herausrücken jeweils zu spät fiel. Gegen eine Mannschaft, die mit Auftaktbewegungen arbeitet, ist ein spät getroffener Entschluss praktisch gleichbedeutend mit keinem: Der Gegner hat den Bewegungsvorsprung bereits, bevor der Weg angetreten wird.

Hinzu kam ein Problem auf der ballfernen Seite. Dort sicherte Uniteds Flügelspieler die Tiefe häufig nicht ab – meist Mbeumo, der eher zurücktrabte als den Raum zu schließen. Genau dieser Raum war aber die Zielzone von Comos diagonalen Verlagerungen. Die Mannschaft konnte dadurch fast beliebig die Seite wechseln und fand auf der anderen Seite regelmäßig eine offene Struktur vor.

Die zweite Halbzeit brachte keine Besserung. Die Abstände zu den Gegenspielern blieben groß, zentral entstand weiterhin nicht das, was eigentlich beabsichtigt war. Michael Carricks Doppelwechsel zur Pause sollte mit Carlos Baleba mehr Physis auf die Sechs bringen, löste das Problem aber nicht – die Zuteilungen stimmten weiterhin nicht, die Zweikämpfe im Zentrum kamen weiterhin nicht zustande, und durch die breiten Positionen wurden die Achter zusätzlich herausgezogen, was neue Räume öffnete.

Am Ende fehlte schlicht die Energie, um das Anlaufen mit der nötigen Intensität zu betreiben. Uniteds Pressing wurde zunehmend statisch, und ein statisches Pressing führt gegen einen Gegner mit dieser Passqualität zu keinem einzigen Ballgewinn – es liefert ihm nur die Ausgangslagen, die er ohnehin sucht.

Comos Pressing: Lenken und isolieren

Como begann die Partie im hohen Pressing und hielt es vor allem in der ersten Halbzeit durch, mit einzelnen Ansätzen auch nach dem Seitenwechsel. Ausgelöst wurde es über Rückpässe und bei Abstößen – und bemerkenswerterweise auch über die eigenen Tore: Nach jedem Treffer schob die Mannschaft sofort wieder hoch, statt den Vorsprung in einem tieferen Block zu verwalten.

Das lenken lief konsequent auf Uniteds linke Aufbauseite. Der Grund dafür ist personell: Harry Maguire spielte dort mit dem schwachen linken Fuß als Außenfuß, und mit Noussair Mazraoui stand daneben ein weiterer Rechtsfuß auf der linken Seite. Zwei Rechtsfüße auf einer Aufbauseite bedeuten, dass der Ball zum Weiterspielen immer erst wieder nach innen genommen werden muss – also genau dorthin, wo Como zustellte. Ausgelöst wurde das Pressing meist vom linken Stürmer, womit der Ball entweder bei Maguire oder Mazraoui.

Im Zentrum verteidigte Como mannorientiert, wobei beide Sechser sehr hoch schoben und die flachen Anspiele auf Uniteds Sechser aus dem Spiel nahmen. Damit war der kurze Weg durch die Mitte keine Option mehr, und es blieb der lange Ball. Der allerdings löste bei United nichts aus: Die zweiten Bälle gingen praktisch durchgehend an Como.

Dahinter steckt kein Zufall, sondern Laufarbeit. Die Sechser liefen die negativen Pressingwege konsequent mit zurück, antizipierten den langen Ball früh und waren vor der Kette, bevor er ankam. Luis Milla spulte in diesem Muster die meisten Meter aller Spieler auf dem Platz ab – Rückwärtsläufe nach überspielten Situationen, Doppeln am Ball, Zugriff auf den zweiten Ball. Kam der lange Ball von Maguire oder einem der Außenverteidiger, war regelmäßig ein Sechser mit einem intensiven Sprint vor der Kette, machte das Zentrum dicht, nahm die diagonalen Anschlusspässe weg und attackierte die Abpraller.

Lag der Ball erst einmal auf einer Seite, wurde diese Seite isoliert. Der ballnahe Stürmer hatte Zugriff auf den Innenverteidiger und fiel beim Pass auf den Außenverteidiger wieder ein Stück zurück, sodass er gleichzeitig Innenverteidiger und Sechser abdeckte und den Querpass schloss. Der ballferne Stürmer stellte den Torhüter zu. Das erfüllte zwei Funktionen gleichzeitig: Es nahm United den Rückweg über den Keeper samt Verlagerung, und es hielt einen Spieler in Position für den Moment des Ballgewinns.

Die Doppelsechs arbeitete dabei in einer bewussten Halbposition. Der ballnahe Sechser blieb eng am Mann, der ballferne kippte leicht dahinter ab – damit war der Raum gesichert und gleichzeitig der Zugriff auf den ballfernen Innenverteidiger in Uniteds Dreierkette hergestellt.

Die letzte Linie verteidigte im hohen Pressing überwiegend Mann gegen Mann, und zwar sehr eng. Entscheidend ist aber ein Detail, das das ganze Konzept trägt: Die Manndeckung galt ballnah nur für die laufende Aktion. Drumherum lösten sich die Spieler bereits aus der Zuordnung und orientierten sich auf den zweiten Ball. Das ist nur mit sehr hoher Intensität abrufbar – und es ist der Grund, warum Uniteds erzwungene lange Bälle keinen einzigen verwertbaren Moment produzierten.

Mittelfeldpressing: die Halbposition und die Umstellung zur Pause

Fiel Como eine Reihe tiefer, blieb die Mannorientierung auf zweiter Höhe außergewöhnlich hoch. Auch hier diente der Rückpass als Auslöser, um geschlossen nachzuschieben und wieder in die Manndeckung zu kippen. Stand United in einer geschlossenen Position, rückten die Comasken bereits so weit auf, dass sie den Rückpass im Moment seiner Ausführung attackieren konnten – ein Muster, das im Spielverlauf direkt zum 3:0 führte. Auch dort wirkte wieder die Halbposition: auf Höhe des Innenverteidigers zugestellt, gleichzeitig vorbereitet, auf den nächsttieferen Spieler durchzurücken.

Bis zur Pause hatte Como damit allerdings ein strukturelles Problem. Die reine Manndeckung gelang nicht sauber, weil von den beiden Sechsern vor der Kette eigentlich einer hätte einkippen und die Halbposition für die Innenverteidiger übernehmen müssen. Das passierte nicht konsequent. Die Folge: Ein Innenverteidiger rückte heraus, der Raum hinter ihm blieb unbesetzt, und genau den attackierte United immer wieder.

Zur Pause stellte Como um. Ein Sechser rückte direkt in die Kette, der ballferne Flügelspieler schob dafür mit auf die Sechs – gepresst wurde nun aus einem 5-2-1-2 heraus. Lucas Da Cunha presste von rechts auf Maguire durch, während der Nico Paz Uniteds Sechser aufnahm. Der zentrale Stürmer lief den zentralen Innenverteidiger an und von dort weiter auf den Torhüter. Der ballferne Außenmittelfeldspieler und der verbliebene Sechser standen auf dem Sprung – einmal auf Uniteds freien Sechser, einmal auf den ballfernen Innenverteidiger -, wieder in jener Halbposition zwischen Gegenspieler und zu schützendem Raum.

Der Effekt war unmittelbar sichtbar. Como kontrollierte die Halbpositionen, bekam durchgehend Zugriff bis in die letzte Linie hinein und bestimmte von dort an den Rhythmus der Partie. Die Umstellung löste genau das Problem, das die erste Halbzeit noch offengelassen hatte, ohne das Grundprinzip zu verändern.

Tiefes Verteidigen: die Box dicht, den Fernschuss offen

In der letzten Phase verteidigte Como aus einer sehr tiefen Linie in der Box. Damit blieb hinter der Kette kaum Raum, der sich bespielen ließ – was United ohnehin kaum suchte. Die Gäste attackierten wenig Tiefe und besetzten im letzten Drittel selten die Breite, sodass Como eng bleiben konnte, ohne dafür bestraft zu werden.

Entsprechend standen viele Spieler sehr zentral in und vor der Box. Daraus entstanden zahlreiche Deckungsschatten und eine personelle Überlegenheit um den Ball, die es erlaubte, im Block aktiv zu lenken, statt nur zu reagieren. Teilweise wurde dabei bewusst nach innen gelenkt, um den Gegner in die vorbereitete Enge zu führen und aus tieferer Position abzusichern.

Der entscheidende Punkt daran ist, dass Como die Lücken nicht trotz, sondern wegen dieser Anlage offen ließ. Wer die Box verdichtet und tief sichert, gibt den Raum vor der Kette her – und genau dort sollte United abschließen.

Die Bilanz gibt der Entscheidung recht. Rechnet man den Gegentreffer aus der Box heraus, ließ Como über neunzig Minuten neun Abschlüsse von außerhalb des Strafraums zu, die zusammen bei etwa 0,24 xG landeten; nur drei davon kamen überhaupt aufs Tor. Hinzu kommt, dass von den vier Abschlüssen innerhalb der Box zwei aus mindestens 14 bis 15 Metern fielen und damit faktisch ebenfalls in die Kategorie Distanzschuss gehören. United nahm das Angebot an, und die Abschlussqualität war durchaus ordentlich – nur ist bei dieser Trefferwahrscheinlichkeit über eine ganze Partie das wahrscheinlichste Ergebnis eben genau das, was eingetreten ist.

Die Tore

1:0, Nico Paz (2.) – Der Treffer fällt, bevor United überhaupt justiert ist. Como führt den Abstoß schnell aus und spielt direkt auf den Außenverteidiger, womit die Gäste ins Pressing gelockt werden – nur eben nicht sauber. Mason Mount löst druck aus und wird überspielt, und beim zweiten Ball schiebt er mit in den Zweikampf, statt die Mitte zu halten und Raum zu suchen, wo er den Ball aufsammeln könnte. Genau damit öffnet sich das Zentrum, der Raum für den zweiten Ball ist da, und Paz kann den Ball durchspielen.

Was folgt, ist das Prinzip aus dem Übergangsspiel in Reinform: ein schneller Wechsel auf die diagonale Seite, dann kleine Pässe gegen eine sehr tief stehende Kette. Matheus Cunha nimmt den Spieler im Rücken nicht auf und lässt den Zehnerraum offen, in dem Paz steht. Der braucht zwei Kontakte, weil weder Cunha von oben noch Maguire aus seinem Abstand heraus in den Zweikampf kommen. Lammens wiederum verteidigt nicht mit dem Deckungsschatten das Tor, sondern nimmt die kurze Ecke – was einem starken linken Fuß die lange Ecke überlässt. Der Schlenzer dorthin ist dann allerdings auch Qualität.

2:0, Anastasios Douvikas (49., Vorlage Paz) – Dieselbe Zone, dieselbe Ursache. Bryan Mbeumo entscheidet sich nicht dafür, das Zentrum zuzumachen, sondern schließt den Innenverteidiger, womit der Raum für Da Cunha entsteht, der andribbelt und auf Martin Baturina spielt. Zentral nimmt Mount seinen Gegenspieler erneut nicht auf. Außen stellt der zur Pause eingewechselte Amad Diallo im Zentrum keinen Druck her, sodass Mazraoui den äußeren tiefen Spieler gar nicht erst übernehmen kann.

Das Ergebnis ist Paz im Rücken des Gegners, im Zehnerraum, im freien Dribbling auf das Tor. Matthijs de Ligt stellt zum Tiefenlauf von Douvikas keinen Gegnerbezug her und rutscht zusätzlich weg – ein Eins-gegen-eins gegen den Torhüter, das Douvikas abgeklärt abschließt.

3:0, Nico Paz (57.) – Der einzige Treffer, der direkt aus der Arbeit gegen den Ball entsteht. Como steht im Mittelfeldpressing in einer geschlossenen Position mit Zugriff auf die innere Bahn, gewinnt dort den Ball und bestraft eine Unkonzentriertheit im Aufbau der Gäste. Am Ende steht wieder Paz allein vor Lammens.

4:0, Jacobo Ramón (76., Vorlage Kaiki) – Dieser Treffer kommt aus einer längeren Ballbesitzpassage und zeigt das Zuordnungsproblem in seiner klarsten Form. Mazraoui steht zu eng und hat keinen Zugriff auf den äußeren Spieler. Diallo steht im Raum und hat weder Zugriff auf den zentralen Spieler noch auf den Außenverteidiger oder den Flügelspieler – eine Orientierung, die in keiner Richtung funktioniert.

Como verlagert auf Máximo Perrone, der den Ball nach außen durchstecken kann, weil der Platz schlicht frei ist. Von dort kommt die Hereingabe aus offener Fußstellung, und im Zentrum läuft Como ein Zwei-gegen-eins durch, an dessen Ende Ramón trifft.

4:1, Joshua Zirkzee (90.) – Comos einziger Aussetzer, und einer in einer Phase, in der die Mannschaft sich bereits sehr weit hatte fallen lassen. United bringt den Ball auf den Flügel, in der Box steht es zwei gegen zwei, und die Hereingabe wird zunächst nur angetäuscht. Zirkzee orientiert sich in diesem Moment gut nach vorne, während Comos Verteidiger nach der angedeuteten Flanke bereits im Herausschieben sind. Der Ball von Diallo in den Rücken der Kette ist stark, die Abseitsstellung haarscharf keine, und Zirkzee nimmt zwei Kontakte, ehe er im Eins-gegen-eins gegen den Torhüter abschließt. Ein Schönheitsfehler, kein Strukturproblem.

Der gemeinsame Nenner – Drei der vier Comer Treffer entstehen in derselben Zone: dem Raum vor beziehungsweise hinter Uniteds Kette, den niemand verantwortet. Mount ist an zwei der Szenen durch eine nicht hergestellte Zuordnung beteiligt, Diallo nach seiner Einwechslung an zwei weiteren. Nico Paz steht bei drei der vier Tore im Mittelpunkt, zweimal als Torschütze, einmal als Vorlagengeber – immer aus dem Rücken des Gegners heraus.

Fazit

Comos 4:1 hat eine gemeinsame Ursache über alle Spielphasen hinweg, und sie liegt weniger in einer einzelnen Idee als in deren Ausführung unter Dauerbelastung. Gegen den Ball wurde gelenkt, isoliert und auf den zweiten Ball spekuliert – mit Manndeckungen, die ballnah nur für die laufende Aktion galten und drumherum bereits aufgelöst wurden. Mit Ball wurde gebunden, verlagert und systematisch in den Rücken gearbeitet. Beides verlangt, dass elf Spieler die Entscheidung des Mitspielers vorwegnehmen, und beides funktionierte über die volle Distanz.

Das verbindende Detail ist die Halbposition. Im Pressing stand der ballferne Sechser zwischen Gegenspieler und zu schützendem Raum, mit Ball arbeiteten die Achter aus derselben Zone, und die Außenverteidiger besetzten sie flach, um den Flügel für genau diese Spieler freizugeben. Como hat also in beide Richtungen die Position besetzt, aus der sich zwei Dinge gleichzeitig erledigen lassen – weshalb die Mannschaft weder im Pressing überspielt noch im Aufbau gestellt werden konnte.

Für United ist die Diagnose unangenehmer als das Ergebnis. Das Problem lag nicht in einzelnen Fehlern, sondern darin, dass die Mannschaft in keiner Phase in die Zweikämpfe kam, die sie gebraucht hätte. Die Mischung aus halber Mannorientierung und einem Plus-eins in der letzten Linie finanzierte vorne keinen Zugriff, und ohne Zugriff wird jede Entscheidung zu spät getroffen – von Mount im Zentrum bis zu Mbeumo, der die ballferne Tiefe nicht sicherte. Carricks Doppelwechsel zur Pause sollte mit Carlos Baleba Physis auf die Sechs bringen, änderte aber nichts an den Zuteilungen, und mit Diallo kam außen ein Spieler, der im Raum weder den einen noch den anderen Gegenspieler erreichte. Dass am Ende die Energie fehlte, war dann eher Folge als Ursache.

Bleibt die Einordnung. Ein 4:1 gegen Manchester United ist für sich genommen noch kein Beweis, und Comos Abschlüsse waren an diesem Abend auch außergewöhnlich effizient. Was sich aber unabhängig vom Ergebnis zeigte, ist eine Mannschaft, die in allen vier Spielphasen eine erkennbare, eingeübte Antwort hatte – und die mit dem Ball eine technische Reife auf den Platz brachte, die man einem Aufsteiger von vor zwei Jahren nicht ohne Weiteres zutraut.

LC ist oft im Klassenzimmer, am liebsten auf dem Fußballplatz und ausnahmsweise auch auf LinkedIn zu finden.

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