Wie spielt Deutschland? – FN
„Dass man zwei Jahre warten muss, bis man Weltmeister wird tut weh“, sagte Nagelsmann nach der Heim EM. Doch wo steht Deutschland so kurz vor der Weltmeisterschaft wirklich? Wir werfen einen gesonderten Blick auf die Spielanlage Deutschlands, woran es aktuell noch hapert und worauf es bei der WM ankommen wird.
Das DFB-Team zeichnet sich unter Nagelsmann vor allem über ihr Ballbesitzspiel aus, welches gerade in der gegnerischen Hälfte seine Stärken hat. Dabei zeigt Deutschland immer wieder gute bis sehr gute Ansätze im Kombinationsspiel und ist bei aller negativer Stimmung, die vor allem aufgrund der öffentlichen Kommunikation rund um die Nationalmannschaft herrscht, eines der Teams, die aufgrund ihrer offensiven Ausrichtung in diesem Turnier sicherlich Spaß machen werden.
Zentrumsgedanke
Typisch für Nagelsmann setzt er wie in seinen vorherigen Trainerstationen auf eine 3-1-5-1 Struktur. Diesen Dreieraufbau erzeugt man aus der 4-2-3-1 Grundformation durch eine Asymmetrie der Außenverteidiger. So rückt Kimmich als rechter Part des Dreieraufbaus ein, während Raum/Brown in einer variablen offensiveren Rolle agieren. Dies hat vor allem den Hintergrund den Einfluss seiner aufbaustärksten Spieler Kimmich und Schlotterbeck über möglichst viele Kontakte außerhalb des Blocks zu maximieren und deren Rollen aus dem Verein zu replizieren.
Den alleinigen Sechser davor wird ziemlich sicher Pavlovic bekleiden. Auch er nimmt genauso wie Kimmich hier eine ähnliche Rolle wie bei Bayern ein. Pavlovic überzeugt in dieser Rolle vor allem durch seine hohe Aktivität, wodurch er den Innenverteidigern ständig ballseitige Optionen seitlich der ersten Aufbaulinie des Gegners bietet. Diese Anspiele aus dem Dreieraufbau in den Druck sind von enormer Bedeutung für das deutsche Spiel Dies liegt vor allem an der Priorisierung des Zentrums. So geht der erste Blick der Halbverteidiger bei der Ballannahme sofort ins Zentrum. Dabei liegt der Fokus stets darauf den höchsten Spieler linienbrechend zu finden und per Ablage oder direktem Aufdrehen über die Zehner Dynamik zu entwickeln, wodurch gerade von Halbraum zu Halbraum teilweise vielversprechende Kombinationen im gegnerischen Block entstehen.
Druch die halbräumige Positionierung der Halbverteidiger zirkuliert das DFB-Team hauptsächlich von Halbraum zu Halbraum und sucht aus der reinen Zirkulation in der Kette kaum den Weg in die volle Breite. Dadurch haben die Klatschspiele auf Pavlovic beziehungsweise einen entgegenkommenden Zehner vielmehr eine zirkulierende Funktion. Zusätzlich haben diese Pässe die Funktion den Gegner zu locken. Über das Zusammenziehen der Gegenspieler an der Bruchstelle des Blocks sollen anschließend Räume im Zehnerraum beziehungsweise am Flügel geschaffen werden, welche nach Klatschen des Balles über den Halbverteidiger per linienbrechendem Pass oder Verlagerung auf die Außenstürmer bespielt werden können.
Entscheidend ist in diesen Momenten auch die Aktivität der Zehner, sowie der Rhyhtmus in der Zirkulation. Gerade in diesen Punkten mangelte es Deutschland in den vergangenen Testspielen etwas. Dadurch wirkte das deutsche Spiel phasenweise schnell behäbig und wenig aktiv.
Der zweite Sechser
Neben der zwischenzeitlich etwas aus dem Ruder gelaufenen Diskussion rund um Deniz Undav bleibt die Rolle des zweiten Sechsers neben Pavlovic eine der offenen Fragen. Dies liegt neben der offenen Personalfrage auch daran, wie die Rolle interpretiert werden soll. Durch das Festlegen auf den 3+1 Aufbau mit Pavlovic als alleinige Sechs und Kimmich als einschiebendem Rechtsverteidiger als Fixpunkte nimmt der zweite Sechser im eigenen Ballbesitz eine deutlich offensivere Rolle ein.
In den letzten Länderspielpausen hatte diese Rolle hauptsächlich Goretzka inne. Dieser agierte fast dauerhaft in einer Zehnerrolle, während Musiala und der einrückende Linksverteidiger pendelnd mit Wirtz die Halbräume besetzten. Der Gedanke dahinter war vor allem Goretzkas Physis bei späten Vorstößen in die Box zu nutzen und einer erhöhten Präsenz in der Box zu schaffen. Gleichzeitig sollte er gegenläufig zum ausweichenden Stürmer für Tiefenangebote aus dem Kombinationsspiel heraus sorgen. Die Zwickmühle dieser Rolle ist, dass man eigentlich einen Spieler bräuchte, der gegen den Ball auf der Doppelsechs agiert, dir gleichzeitig mit Ball einen Mehrwert als Zehner gibt und zusätzlich eine gewisse Physis mitbringt. Goretzka ist wahrscheinlich auch der Spieler, der diese Rolle am ehesten erfüllt, bringt jedoch einige Limitationen im Kombinationsspiel mit und wird in dieser Zehnerrolle stark auf sein Vorstoßen in die Box beschränkt. Zusätzlich agieren Wirtz und Musiala, welche bereits bewiesen haben, dass sie ein sehr gutes Verständnis auf dem Platz haben, so häufig zu weit auseinander. Dadurch kommen die beiden seltener ins Kombinieren kommen, was das Bild der fehlenden Aktivität teilweise verstärkt.
Im Testspiel gegen Finnland passte Nagelsmann diese Rolle an. Musiala nahm nun die zentrale Zehnerrolle ein und agierte dadurch nicht nur näher an Wirtz, sondern konnte auch über Entgegengehen mehr zentrale Anbindung in den Druck abseits von Pavlovic schaffen. Nmecha, der nominell neben Pavlovic spielte, agierte hauptsächlich im rechten Halbraum. Aus dieser halbräumigen Positionierung gelang es Nmecha immer wieder gut sich ins Kombinationsspiel einzubinden und zeigte gerade in Kombinationen mit Wirtz, Musiala und Karl vielversprechende Ansätze. Speziell nach Verlagerungen bot er im Halbraum immer wieder eine diagonale Option, wodurch er eine gute Dynamik entwickelte und dem deutschen Spiel eine etwas physischere Komponente gab. Doch auch Nmecha ist zweifelsfrei keine Optimallösung. So weist der Dortmunder immer wieder Schwächen in der Aktivität sowie im defensiven Positionsspiel auf. Ähnlich wie auf dem rechten Flügel – nach Karls Verletzung – tut man sich schwer eine klare Optimallösung herauszuheben.
Schlüsselspieler Wirtz
Wie bereits thematisiert priorisiert Deutschland durch den ersten Blick zur Spielfeldmitte das Spiel ins Zentrum, was jedoch nicht heißt, dass die Außenstürmer in der Zirkulation nicht eingebunden werden. Man vermeidet lediglich die einfache Zirkulation durch die Kette um den Block. So suchen die Halbverteidiger erst nach Klatschspiel auf einen der Sechser den Weg in die Breite, um von dem Effekt des Zusammenziehens zu profitieren. Dadurch soll der direkte Druck des Außenstürmers von hinten gegen eng manndeckende Außenverteidiger vermieden werden.
Gerade die Einbindung von Schlüsselspieler Wirtz ist hier besonders spannend. So agiert der 23-jährige zunächst in der Breite als linker Außenstürmer. Der Hintergrund ist, dass man durch Wirtz initiale Positionierung außerhalb des Blocks die Anzahl seiner Aktionen maximieren will. So ist es deutlich einfacher ihn in der Breite anzuspielen als im eng gestaffelten Zentrum zu finden. Aus der Breite heraus setzt man so vor allem auf die Dribblingstärke von Wirtz und will ihn bei Anspiel in die Breie schon im Halbfeld in Horizontaldribbling bringen.
Raum/Brown agieren dabei initial in einer eingerückten Halbraumrolle und haben hauptsächlich eine unterstützende Funktion. Diese drückt sich gerade in Vorderlaufen im Halbraum aus, wodurch sich Räume für Wirtz horizontale Dribblings öffnen, aber auch im Doppelpassspiel, sodass Wirtz aus der Statik heraus effektiv Dynamik im Dribbling aufnehmen kann. Der Hintergrund dieses Dribblingfokus bei Wirtz ist es aus dieser Dynamik des horizontalen Dribblings seine Spielmacherqualitäten bestmöglich zu nutzen. So ist Wirtz sehr gut darin in diesen Momenten des hohen Tempos sehr gute Entscheidungen zu treffen und im richtigen Moment den Steckball zu spielen oder aus dem Dribbling in eine Kombination mit dem Stürmer oder Musiala überzugehen. Gerade über die Diagonalität der Angebote kann man in diesen Situationen immer wieder guten Zug zum Tor entwickeln.
Deshalb sind gerade die Angebote um Wirtz herum entscheidend. Zusätzlich zum Halbraumlauf des Linksverteidigers folgt deshalb meist ein zweiter Tiefenlauf aus der gegenläufigen Stürmer-Zehner Dynamik heraus. Auch der ballferne Halbraumspieler schaltet sich in diesen Momenten gerne ins Kombinationsspiel ein oder sucht den direkten Weg in die Box.
Sollte bei aufgenommener Dynamik keine durchbrechende Lösung per Steckball oder Kombinationsspiel entstehen sucht man zumeist die Verlagerung auf die rechte Seite. Dort soll nach Verlagerungen Karl/Sane in 1gg1 Duelle gegen den Außenverteidiger isoliert werden. Zusätzlich schiebt Kimmich in diesen Momenten drucklösend im rechten Halbraum nach. Dadurch kommt der DFB-Kapitän wiederholt in gefährliche Räume rund um die Box, und kann mit Chipbällen den Weg in die, durch die vorausgegangenen Läufe des Linksverteidigers, sowie der Zehner und Stürmer nun sehr gut besetzte Box suchen. Diese Verlagerungen auf Karl/Sane stellen gerade gegen Viererkette eine sehr effektive Möglichkeit dar. Durch den weiten Verschiebeweg auf Karl nach ballfernem Einschieben entsteht ein relativ großer Zeitvorteil, der genutzt werden kann, um Tempo im 1gg1 aufzunehmen.
Als Folge seiner Dribblings agiert Wirtz etwas freier und sucht positionsungebunden nach Funktionen, um sich ins Kombinationsspiel zu involvieren. Gerade aus diesen Anschlusskombinationen, wenn Wirtz frei auf dem Feld mit Spielern wie Musiala oder Karl interagiert, entstehen, zumeist erst die wirklich guten Gelegenheiten Deutschlands. Raum/Brown ist dann zumeist der breiteste Spieler, agiert jedoch wie so häufig bei Deutschland im letzten Drittel minimal breit am breitesten Gegenspieler orientiert. Anders als Wirtz auf der linken Seite bleibt der rechte Außenstürmer spielphasenunabhängig in der Breite. Dadurch kann Schlotterbeck auch immer wieder per langer diagonaler Verlagerung ähnlich wie beim BVB viel Raum überbrücken und direkt den Außenstürmer suchen.
Problemphasen
Eine Thematik, die in den vergangenen Testspielen Deutschlands wiederholt auffällt, sind die wechselnden Phasen des Spiels. So lassen sich beim DFB-Team in beinahe jedem Spiel Phasen erkennen, in denen man gegen die zuletzt eher schwächeren Gegner etwas den Zug in der Kontrolle oder gar die Kontrolle verliert. Nagelsmann beschrieb diese Phasen in letzter Zeit häufig als, dass man es teilweise zu sehr will. Dies führt vor allem darauf zurück, dass man in manchen Phasen etwas zu ungeduldig. Infolge dieser Ungeduld trifft man teilweise zu häufig die falsche Entscheidung und wählt die mögliche durchbrechende Lösung anstelle der ballsichernden Lösung. Daraus resultierte eine Reihe an Ballverlusten, wodurch man selbst die Dynamik des Spiels etwas zum eigenen Nachteil veränderte. Denn wie bereits zu Beginn thematisiert, kommen die Stärken Deutschlands vor allem im geordneten Ballbesitzspiel zu tragen, wo man zu einem der besseren Nationalteams dieser WM zählen dürfte.
Ein weiterer Erklärungsansatz für diese Phasen ist die teilweise fehlende Aktivität Deutschlands in hohem Ballbesitz. Dies scheint auf den ersten Blick in Kombination mit dem Punkt der Ungeduld wie ein Widerspruch, bedingt sich allerdings viel eher. So kann diese Ungeduld aus des Ballführenden und Tendenz zur durchbrechenden Lösung aus der fehlenden Aktivität ohne Ball heraus entstehen.
Ein weiteres Dauerthema der Nationalelf, dass sich durch die letzten Jahre zieht ist das Thema der Konteranfälligkeit. Gerade bei Teams mit einer ballbesitzorientierten Spielanalage wie Deutschland ist dies immer wieder ein viel diskutierter Punkt, der sich nie ganz vermeiden lässt. Gerade die 3+1 Restverteidigung bietet in diesem Fall nicht die beste zentrale Absicherung, wobei sich jedoch die Frage stellt, ob sich dieses Problem durch einen 3+2 Aufbau mit einem Spieler weniger in unmittelbarer Nähe im Gegenpressing so einfach lösen lässt oder gar zu einer erheblichen Limitierung der eigenen Offensivpotentiale führt. Der entscheidende Faktor im Thema Konterabsicherung wird aufgrund der Spielanlage Deutschlands daher eher die Effektivität des deutschen Gegenpressings sein. Durch die kurzen Abstände im deutschen Ballbesitzspiel sind hierfür auch sehr gute Voraussetzungen geschaffen, wodurch Deutschland die möglichen Konter meist schon früh in der ersten Gegenpressingwelle unterbindet bei langen Bällen über die zweite Gegenpressingwelle hinweg zeigt man sich gegen physisch starke Angreifer anfällig. Gerade die Schweiz kam so über Verlängerungen von Embolo auf die schnellen Außenstürmer mehrfach zu vielversprechenden Kontern. Ein Muster, dass sich gegen die pfeilschnellen Angreifer der Elfenbeinküste wiederholen könnte.
Lösungen gegen Manndeckung
Auch bei dieser WM wird sich der Trend der Manndeckung aus dem Klubfußball fortsetzen. Dadurch stellt sich zwangsweise die Frage welche Lösungen man dagegen findet. Generell ist zu sagen, dass es für Nationalmannschaften deutlich schwieriger ist in der Kürze der Trainingszeit konstante Lösungen gegen Manndeckung zu finden, weshalb man auch bei spielerisch stärkeren Teams nicht selten lange Bälle auf die Zielspieler sehen wird. Dennoch gibt es ein paar Mechanismen, auf die sich das DFB-Team verlässt.
Deutschland baut im tiefen Aufbau zumeist aus einem 2-3-2-3 heraus mit beiden Außenverteidigern auf Höhe der Sechser auf. Das Zentrum soll hierbei dynamisch besetzt werden, was sich an den hohen Startpositionen der Achter zeigt. Gerade Musiala und Havertz versuchen hier immer wieder mit entgegenkommenden Bewegungen neben Pavlovic für Angebote zu sorgen und die Manndeckung per Dribbling über den Bewegungsvoteil des Abkippens zu lösen. Insgesamt sucht man aber vor allem den Weg über den sich unter Gegnerdruck aufdrehenden Außenverteidiger den Weg über den Flügel bis zum Außenstürmer. Speziell gegen aus dem Zentrum heraus auslösende Gegner ist dies möglich, da der vertikale Passweg von Außenverteidiger auf Außenstürmer in diesem Fall nicht isoliert wird und der Außenverteidiger einen gewissen Zeitvorteil besitzt.
Durch den direkten Gegnerdruck im Rücken des Außenstürmers sieht man hier häufig ein Verzögern der Anschlussaktion durch die Ballmitnahme vertikal zum eigenen Tor. Ein Muster, dass man in der vergangenen Saison auch viel bei Luis Diaz und Bayern gesehen hat. Im Anschluss ist in diesen Situationen vor allem das Höhenspiel, sowie das Timing des ballseitigen Achters entscheidend, um die Ablage per Doppelbewegung in den Lauf oder wie Kane so häufig bei Bayern im Entgegenkommen per Aufdrehen ins Zentrum zu empfangen.
Zusätzlich griff Deutschland in den letzten Spielen mehrfach einen Conte-ähnlichen Automatismus zurück. Gerade der entgegenkommende Wirtz suchte mehrfach mit seinem starken rechten Außenfuß den diagonalen Pass auf den Stürmer. Um anschließend direkt auf den im Halbraum tiefgehenden Achter abzulegen. Trotz ihrer Vorhersehbarkeit sind diese Automatismen aufgrund der Reaktivität der Manndeckung bei freiziehenden Bewegungen, sowie Pässen mit dem ersten Kontakt recht schwer zu verteidigen und bieten eine effektive Möglichkeit aus dem Gegnerdruck in der Breite heraus eine Dynamik Richtung Tor zu erzeugen. Die Schwierigkeit besteht viel hierbei viel eher in den Passwinkeln, weshalb Deutschland hier teilweise auch noch Schwierigkeiten in der Ausführung zeigt. Zudem erfordern diese planbaren Automatismen nicht die größte Trainingszeit und bieten eine gewisse Planbarkeit sowie Sicherheit für das Team.
Sollte der Passweg von Außenverteidiger auf Außenstürmer nicht möglich sein versucht Deutschland tendenziell ein weiteres Mal durch die Kette auf die andere Seite zu zirkulieren. Auffällig ist hier vor allem wie häufig Kimmich versucht den Druck über Horizontalbewegungen in den Sechserraum per Dribbling aufzulösen, in dem man eine direkte drucklösende Option auf den Torhüter schafft und so die ballferne linke Seite erneut bespielt beziehungsweise einen der Achter im Zentrum findet.
Eigene Manndeckung die logische Konsequenz?
Wie schon zeitweise bei der Heim-EM setzt das DFB-Team gegen den Ball auf eine Manndeckung, welche in den letzten zwei Jahren noch einmal intensiviert wurde. So setzt man im Angriffspressing nun dauerhaft auf einen vollen Mann gegen Mann Zuordnung mit recht einfach gehaltenen Prinzipien. Diese erreicht man zumeist über das Durchschieben der linken Seite, wodurch Wirtz als zweiter Stürmer den Innenverteidiger anläuft. Raum/Brown agieren dahinter auf Sprung gegen den Rechtsverteidiger, während Schlotterbeck den Außenstürmer übernimmt. Ein Vorteil dieser Art der Auslösung ist es, dass nicht beide Sechser auf Sechser pressen, wodurch Pavlovic etwas tiefer gegen einen möglichen Zehner agiert, wodurch die Innenverteidiger nicht dauerhaft vertikal aus der Kette stechen.
Trotz der recht einfach gehaltenen Manndeckung zeigt sich das DFB-Team aus dem Spiel heraus etwas unorganisiert. So sind gerade bei Auslösen der Manndeckung unmittelbar nach eigenen Rotationen im zuvorgegangenen Ballbesitzspiel die Zuordnungen nicht klar beziehungsweise werden die Übergaben nicht sauber genug durchgeführt. Diese fehlende Sauberkeit ist auch im Durchschieben der linken Seite ein Thema, wodurch es den Gegnern zuletzt teilweise gelang ihre Zeitvorteile gewinnbringend zu nutzen und über den rechten Außenstürmer in die Tiefe zu kommen. Diese Unklarheiten in den Zuständigkeiten waren auch ein Faktor in den bereits thematisierten Phasen des Leistungsabfalls. So tat man sich in diesen Phasen schwer über eine gewisse Dominanz der Manndeckung nach einigen Ballverlusten wieder den Weg zurück in die Kontrolle zu finden.
Zuletzt zeigte das DFB-Team gegen Finnland und die USA zudem einige Phasen des tiefen Verteidigens. Nagelsmann betonte dies auch nach dem Spiel, man wolle „Nicht so zwischendrinstehen, entweder mal ganz hoch oder ganz tief“. Im tiefen Verteidigen setzte man auf einen 4-4-2 Block. Auffällig war hierbei vor allem die recht tiefe, passiv blockende Grundhaltung der Stürmer, sowie die sehr enge, zentrumsfokussierte Positionierung der Außenstümer im Halbraum. Dies ermöglichte es den Sechsern eher horizontal zu arbeiten und die Lücken hinter den rausschiebenden Außenverteidigern zu schließen beziehungsweise Tiefenläufe aufzunehmen und durch Fallen in die Kette zu verfolgen.
Dieses situative tiefe Verteidigen könnte im Blick auf den Verlauf eines Turniers, indem diese Phasen kaum zu vermeiden sind eine wichtige Ergänzung im deutschen Repertoire darstellen. Gerade im Vergleich zu dem in den letzten Länderspielpausen teilweise halbgar wirkenden Mittelfeldpressing stellt dies eine Weiterentwicklung dar. Mit Blick auf die extreme Hitze, die das Team in den USA erwarten wird, wird es außerdem kaum möglich sein das manndeckende Angriffspressing jedes Spiel über 90 Minuten durchzuziehen.
Fazit
Deutschland hat seine Stärken vor allem im eigenen Ballbesitzspiel in der gegnerischen Hälfte und gehört mannschaftstaktisch im Spiel mit dem Ball weiterhin zu den interessantesten Nationalteams. Trotz einiger Probleme verspricht das DFB-Team gerade über das starke Kombinationsspiel trotz zuletzt negativer Grundstimmung einiges an Spaß und kann an einem guten Tag jedes Team schlagen. Die Probleme des DFB-Teams sind allerdings dennoch nicht zu unterschätzen. des Weiteren fehlt es an Optimallösungen auf der Position der zweiten Sechs, sowie dem rechten Flügel und auch die Form von Musiala bereitet sorgen, wodurch eine große Last auf den Schultern von Schlüsselspieler Wirtz lastet. Aus diesen Gründen sehen wir das DFB-Team aktuell hinter den Titelanwärtern Frankreich, Spanien, Argentinien und England nur mit Außenseiterchancen. Gerade das mögliche Aufeinandertreffen mit Frankreich im Achtelfinale bereitet Sorgen.
FN fand durch die Ära Guardiola (und Spielverlagerung) zum taktischen Diskurs und hat ein Faible für undurchsichtige Muster und extrem fluiden Ballbesitzfußball. Auf X ist er unter @felix_nb zu finden


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