Dumm aber schlau? Bayerns Ecken und die meat wall meta – SZ

Wenn man Michael Caley glaubt, spielt der FC Bayern jetzt auch den klassischen Meatwall, beziehungsweise tat dies zumindest im Champions-League-Halbfinale. Daran soll sich zeigen, dass der Meatwall die überlegene Taktik bei Eckstößen sei, an der selbst der FC Bayern nicht vorbeikomme, wenn es ernst wird. Da müssen wir mal drüber reden.

Was ist der Meatwall und warum reden alle darüber?

Für die nicht eingeweihten: Meatwall bedeutet, dass die angreifende Mannschaft bei einem Eckball viele Spieler in den Fünfmeterraum bringt mit dem Ziel, den Eckball dorthin zu schlagen, ohne dass der Torwart den Ball abfangen kann. Um das zu erreichen, blockieren die Spieler die Laufwege des Torwarts zum Ball – und zum Teil auch die anderer Verteidiger, die den Ball hinausköpfen könnten. Der Meatwall kann, aber muss dabei nicht immer wirklich die Form einer Mauer annehmen. Der FC Arsenal ist etwa für sein spätes gestaffeltes Einlaufen aus dem Rücken der Angreifer berüchtigt. Dem zugrunde liegt die eigentlich schlichte Erkenntnis, dass Kopfbälle aus dem Fünfmeterraum oder kurz davor ungleich effektiver sind als solche aus größerer Distanz. Das ist keine neue Feststellung. Was neu daran ist, ist der Cheatcode, wie man an diese Kopfbälle kommt, denn ebenso banal wahr war bis vor kurzem, dass die Chance, überhaupt zum Kopfball zu kommen, innerhalb des Fünfmeterraums ungleich geringer ist als aus größerer Distanz, da der Torwart Bälle im Fünfmeterraum ebenso ungleich leichter abfangen kann.

Beginnend mit immer intensiveren Rangeleien vor der Ausführung des Eckstoßes, hat sich erst ganz langsam, dann lawinenartig immer schneller die Erkenntnis durchgesetzt, dass man dem Torwart diese Option nehmen kann, indem man seinen Laufweg blockiert. Dadurch werden Ecken signifikant gefährlicher als zuvor, was sogar (in Verbindung mit der Entwicklung bei Einwürfen) der New York Times einen Artikel wert war. Mit dem FC Arsenal als absolute Speerspitze ist die Premier League Vorreiter dieser Entwicklung, die aber auch vor anderen Ligen und Wettbewerben nicht halt macht.

Und der FC Bayern?

Betrachtet man, wie der FC Bayern München unter Trainer Vincent Kompany und Standardtrainer Aaron Danks derzeit seine Eckstöße ausführt, fällt zunächst auf, dass die grundlegende Staffelung fast immer dieselbe ist, sozusagen der Look, der der gegnerischen Verteidigung gezeigt wird. Drei Spieler befinden sich außerhalb des Strafraums, davon einer nahe beim ausführenden, etwa zehn bis zwölf Meter von der Grundlinie entfernt, einer im ballnahen Halbraum wenige Meter von der Strafraumgrenze und einer im Teilkreis. Weitere sechs Spieler befinden sich im Strafraum, einer etwa am Elfmeterpunkt, einer davor etwa auf Höhe der Fünfmeterlinie tendentiell leicht im Rücken des Torwarts, ein weiterer zwischen Grundlinie und gedachter Verlängerung der Fünfmeterlinie ballnah, einer auf oder nahe der Torlinie zentral beim Torwart, in der Regel hinter ihm, und schließlich zwei weitere im Rücken des Torwarts, oft auf Höhe der Fünfmeterlinie oder zwischen ihr und der Grundlinie.

Was die Bayern aber daraus machen, ist nicht immer gleich. Sie bieten mehr Variation als so mancher Premier League Club. Die Bewegungen der Spieler kurz vor und nach der Ausführung der Eckbälle lassen sich grob in drei Kategorien einteilen:

1) Ausführung zum ballnahen Spieler am Strafraumrand,

2) Ausführung zum ballnahen Spieler im Strafraum,

3) Ausführung zum Fünfmeterraum.

Kategorie 3

Die ersten beiden Varianten sind eindeutig keine Meatwall-Varianten. Die dritte Variante kann man durchaus als eine Art Meatwall Light bezeichnen, wobei es auch hier wieder Unterschiede gibt. Was alle davon aber gemeinsam haben, ist, dass der Ball eben in den Fünfmeterraum oder an den Fünfmeterraum geschlagen wird. Man verzichtet dabei tendenziell auf maximales crowding des Fünfers, eine echte Mauer, besonders berüchtigte Taktiken, wie Arsenals Einlaufen aus dem Rücken eng an Torwart und Gegenspieler vorbei, um Kollisionen zu provozieren, sowie allzu ausgeprägte Rangeleien. Das Ziel bleibt allerdings: Kopfballchance im/am Fünfmeterraum, indem insbesondere der Torwart davon abgehalten wird, den Ball abzufangen. Den Ball vom langen Pfosten gezielt ins Getümmel hinein zu köpfen, sieht man beim FC Bayern nicht.

Außerdem charakteristisch für Bayern-Ecken ist viel Bewegung kurz vor der Ausführung. Diese Bewegung hat üblicherweise eine Art Strudelform, wobei Ecken von links einen Strudel im Uhrzeigersinn auslösen und Ecken von rechts einen Strudel gegen den Uhrzeigersinn. Man könnte es auch als Dreiecksrotation beschreiben, bei der eine Gruppe von Spielern aus dem Rücken des Torwarts in Richtung des kurzen Pfostens läuft, während der ballnahe Spieler im Strafraum Richtung Elfmeterpunkt zurückfällt und ein oder zwei Spieler aus dem Rückraum zum langen Pfosten heranstürmen.

Diese Grundstruktur ist fast immer gegeben, nur, je nachdem, wohin der Ball kommen soll, ändern sich die Details. Soll der Ball an den langen Pfosten kommen, bewegen sich teilweise weniger Spieler zum kurzen Pfosten. Soll der Ball zum kurzen Pfosten geschlagen werden, bewegen sich entsprechend mehr Spieler in diese Richtung beziehungsweise in den Raum zwischen Torwart und Zielpunkt des Eckstoßes. Wird der Ball eher ins Zentrum des Fünfmeterraums geschlagen, ist der Fokus des Meat Wall natürlich dort und hier kann man ihn dann auch am klarsten so nennen, da in diesem Fall die Dynamik der Bewegung minimiert ist und sich besonders viele Spieler zusammenklumpen. Während Fall 3 allgemein der häufigste Fall bei Bayerns Ecken ist, gilt das für diese Unterkategorie echter Meatwalls so keineswegs.

Kategorie 2

Was wir hier die “halblange” Ausführung nennen, ist vielleicht die spannendste Kategorie. Gemeint ist damit die Ecke zum ballnahen Spieler im Strafraum. Diese kann auf verschiedene Arten und Weisen ausgeführt werden, nämlich zum einen als (fast) kurze Ecke, bei der der Spieler entgegenkommt und den Ball flach ohne besondere Schärfe bekommt, zum anderen kann er hoch angespielt werden, um den Ball vor das Tor zu verlängern, oder schließlich scharf flach angespielt werden und von dort schießen, chippen oder zurücklegen.

Teil der Strategie ist es dabei, dass es für die gegnerische Mannschaft bei erwarteter Strudelbewegung mit Ecke grob in den Bereich des Fünfmeterraums nicht besonders attraktiv ist, einen Spieler dafür abzustellen, den ballnahen Angreifer hier zu bewachen. Auch ist der Anreiz hoch, sich zu früh – in Erwartung einer Ecke der Kategorie 1 oder 3 – von ihm abzusetzen

Kategorie 1

Die typische kurze Ecke auf den Spieler ballnah neben dem Strafraum bildet die letzte Kategorie. Naturgemäß ist hier der genaue Ausgang am offensten. Schon die Positionierung dieses Spielers im Moment der Ballannahme kann erheblich variieren. Je kürzer er kommt, desto eher liegt eine Flanke von dort nahe, doch ein Dribbling in den Strafraum ist oft noch attraktiver. Manchmal wird der Doppelpass zurück zum Eckballschützen gesucht, manchmal kann der Spieler sich aber auch sehr weit in den ballnahen Halbraum hinein orientieren, wenn der Gegner alles daran setzt, eine Ecke der Kategorien 2 oder 3 zu verteidigen.

Gesamtkonzept

Betrachtet man die Verteilung der Ecken des FC Bayern auf diese drei Kategorien, ist leicht ersichtlich, dass Kategorie 3 die am häufigsten genutzte ist mit etwa zwei Dritteln der Ausführungen, die auf Varianten dieser Kategorie entfallen. Das ist nicht neu. Wenn wir also zu Caleys These zurückkommen, dass der FC Bayern nun plötzlich auch dem Meatwall verfallen sei, beziehungsweise diesen zumindest dann nutze, wenn es hart auf hart kommt, muss man sich fragen, ob das heißen soll, dass Bayerns Meatwall Light nicht in diese Kategorie gehören soll. Wenn dem so sei, muss man wiederum feststellen, dass sich an diesem Meatwall Light im Halbfinale der Champions League maximal leicht etwas geändert hätte. In den beiden Halbfinalspielen nutzte der FC Bayern Kategorie 1 einmal und zwar ohne ballnahen Spieler im Strafraum, Kategorie 2 keinmal und Kategorie 3 fünfmal, einmal davon ohne Spieler ballnah im Strafraum, worin die eigentliche Veränderung liegt. Bei den Ecken ohne ballnahen Spieler im Strafraum handelte es sich um die letzten beiden Ecken im Hinspiel. Die kurze Ecke aus dieser Konstellation könnte man damit sogar als Vorbereitung auf die der Ecke zum Fünfer aus derselben Konstellation verstehen. Durch die Wegnahme des Spielers und die folgende Umstrukturierung der Verteidigung hatte Kimmich bei der kurzen Ecke besonders viel Platz, sodass PSG beim nächsten Mal bei diesem für Bayern ungewöhnlichen Look eine weitere kurze Ecke hätte erwarten können. Stattdessen zeigte allerdings Kimmich eine abweichende Positionierung und einen ganz anderen Laufweg ins Zentrum, mit dem er fast Safonovs gefausteten Ball hätte verwerten können. Angesichts der kleinen sample size kann man hier allerdings kaum ernsthaft eine Tendenz herauslesen.

Ist der FC Bayern jetzt eine Meatwall-Mannschaft? Und ist das gut oder schlecht, dumm oder schlau? Man muss viel mehr sagen: Der FC Bayern nutzt einige Aspekte des Meatwalls, bringt aber nicht so viele Spieler in oder an den Fünfmeterraum wie das Meatwall-Vorbild Arsenal. Wo es bei Arsenal oft nur zwei oder drei Spieler sind, die sich im Rückraum befinden, während teilweise einer deutlich weiter hinten absichert, oder schlicht alle den Fünfer attackieren, legt der FC Bayern auch bei Varianten der Kategorie 3 viel größeren Wert auf eine Besetzung des Rückraums. Beim FC Bayern sind es mindestens drei Spieler, die sich im Moment des ersten Kontakts in der Nähe des Strafraumrandes befinden, dazu lauert in aller Regel mindestens ein weiterer Spieler in der Nähe des Elfmeterpunkts, oft gesellen sich einer oder zwei weitere hinzu. Anders gesagt: Ein Team wie Arsenal sucht nach dem ersten Kontakt mit Nachdruck ein Flippertor und sichert gegen Konter, während der FC Bayern die Situation ausspielen will und sich notfalls mit dem Sichern des Ballbesitzes zufriedengibt. Sie minimieren das Risiko des Verlusts des Ballbesitzes, gehen aber mehr Risiko in der Konterabsicherung und verlassen sich mehr auf ihr Gegenpressing.

Die Bayern perfektionieren also nicht so sehr die Verwertung von Eckbällen, sondern nutzen sie in einem anderen Kontext, der ihrer Spielweise vermutlich mehr nutzt. Vor allem verlassen sie sich damit aber auch nicht auf ein Konzept, dem in naher Zukunft regeltechnische Einschnitte drohen könnten, was man durchaus für einen geschickten Schachzug halten kann.

SZ nennt Adolfo Valencia weiterhin konsequent den “Bayern-Express”, anstatt den “Entlauber”, egal was Uli H. darüber denkt, und ist außer Podcaster a.D. (Super Bayern Podcast) auch Germanist.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*