Türchen 22: Ajax Amsterdam – AC Mailand 1995 – MH

1:0

Ajax Amsterdam gewinnt gegen AC Mailand mit 1:0. Nach den drei aufeinanderfolgenden Siegen des Europapokals der Landesmeister 1971-73 konnte sich Ajax Amsterdam zum insgesamt vierten Mal die europäische Krone aufsetzen.

Nach dem Finale 1969 trafen Ajax und AC Mailand das zweite Mal im Finale des höchsten europäischen Wettbewerbs aufeinander. Dieses Finale wurde in Türchen 18 bereits analysiert. Interessanterweise stand auch das Finale 1995 vor ähnlichen Vorzeichen wie das Finale 1969. Mailand unter Trainer Capello zeichnete sich durch einen besonderen Fokus auf die Defensive aus, während Ajax unter dem jungen Trainer van Gaal die Methoden von Johan Cruijff fortführte.

Das Finale 1995 fand zudem passenderweise im Ernst-Happel-Stadion in Wien statt. Das Stadion wurde nach Happel benannt, jenem Trainer, der mit Feyenoord 1970 als erste holländische Mannschaft den Europapokal der Landesmeister gewinnen konnte und damit auch entscheidenden Einfluss auf die Spielweise Ajax Amsterdams in den erfolgreichen Jahren 1971-1973 hatte.

Historische Einordnung beider Teams

Ajax Amsterdam wurde zwischen 1985 und 1988 von Johan Cruijff trainiert. Dieser entwickelte den noch als Spieler unter Rinus Michels (Ajax Trainer von 1965-1971) praktizierten „totaalvoetbal“ weiter. Dabei implementierte er auch das 3-Raute-3 System und verbesserte das Positionsspiel weiter. 1988 wechselte Cruijff zum FC Barcelona und tat es damit seinem früheren Trainer Rinus Michels gleich. Dort gewann er 1992 den Europapokal der Landesmeister. Auch 1994 erreichte er das Finale, verlor allerdings gegen die von Capello trainierten Mailänder.

Luis van Gaal war von 1991-1997 Trainer von Ajax Amsterdam, seiner ersten Trainerstation im Profifußball. Er setzte ebenfalls wie Johan Cruijff auf die 3-Raute-3 Formation. Im Jahr 1995 erreichte er mit einer sehr jungen Mannschaft den Champions-League Sieg. Lediglich Kapitän und Innenverteidiger Blind sowie Sechser Rijkaard waren über 30 Jahre alt. Blind spielte von 1987-1999 bei Ajax Amsterdam und war damit auch schon unter Trainer Cruijff als Spieler aktiv. Auch Frank Rijkaard spielte zwischen 1981 und 1988 bei Ajax. 1989 wechselte Rijkaard zu AC Mailand und pünktlich zur Saison 1994/95 wieder zurück zu Ajax. Alle weiteren Spieler der Startformation des Finals gegen Mailand 1995 waren maximal 25 Jahre alt.

AC Mailand wurde zwischen 1989 und 1991 von Arrigo Sacchi trainiert. Er veränderte den italienischen Fußball maßgeblich und galt als einer der Vorreiter unter den italienischen Trainern. Unter anderem implementierte Sacchi die von Michels und Cruijff eingeführte aggressive, ballorientierte Abseitsfalle. Auch weil mit Ruud Gullit, Marco van Basten und Frank Rijkaard gleich drei Niederländer bei der Rossoneri spielten, ließen sich einige Aspekte des Fußballs aus den Niederlanden wiederfinden, was für den italienischen Fußball mit einer Revolution gleichzusetzen war.

Als direkter Nachfolger Sacchis, der 1991 die italienischen Nationalmannschaft übernahm, folgte Fabio Capello. Dieser konnte an die Erfolge Sacchis direkt anknüpfen und ebenfalls den Europapokal der Landesmeister bzw. die Champions-League gewinnen. Im Finale 1994 gegen das von Cruijff trainierte Barcelona gewann man den Titel und ging somit 1995 als Titelverteidiger ins Duell mit Ajax Amsterdam. Allerdings implementierte Capello eine deutlich defensivere, weniger risikoreiche Spielweise, die ganz in der Tradition des Catenaccios von Nereo Rocco stand, jenem Trainer, der AC Mailand 1969 gegen Ajax Amsterdam zum Titel führte.

Johan Cruijff vor dem Champions-League Finale 1994 mit dem FC Barcelona über die Spielweise des von Capello trainierten Gegners, AC Mailand:

“’Barcelona are favourites,’ Cruyff said. ‘We’re more complete, competitive and experienced than [in the 1992 final] at Wembley. Milan are nothing out of this world. They base their game on defence, we base ours on attack.’ To illustrate the point, Cruyff noted that while he had signed Romário, the Brazilian who had scored 30 in 33 games, Milan had spent the same on Marcel Desailly. ‘That,’ he said, ‘is telling.’” – aus The Guardian 

Zwei Erfolgssysteme treffen aufeinander

Die Mailänder starteten in dem unter Arrigo Sacchi implementierten und von Capello fortgeführten 4-4-2 System. Mit unter anderem Baresi und Maldini in der Verteidigung sowie Desailly im defensiven Mittelfeld war die Rossoneri besonders in der Verteidigung stark besetzt.

Ajax wiederum startete aus dem bereits beschriebenen 3-Raute-3 System. Mit den beiden erfahrenen Akteuren Blind in der zentralen Innenverteidigung und Rijkaard auf der 6 bildeten drumherum weitaus jüngere Spieler die Startelf. So agierten auf den Achter Positionen beispielsweise der 19-jährige Seedorf und der 22-jährige Edgar Davids. Auf der 10 startete der 24-jährige Litmanen.

Auch wenn die Rossoneri in bester Tradition auf das bewährte 4-4-2 defensiv setzte, so war es faktisch doch eher eine 4-1-3-2 Staffelung defensiv. Desailly suchte das gesamte Spiel über die Manndeckung gegen die 10er Position von Ajax. In den ersten 70 Minuten deckte Desailly folglich Spielmacher Litmanen.

Zudem waren die unter Vorgänger Sacchi üblichen Abseitsfallen der Mailänder zwar noch selten vorhanden, jedoch weitaus weniger aggressiv. Grund hierfür könnte auch die in den 90ern angepasste Abseitsregel sein, die das passive Abseits konkretisierte. So konnte in den 70ern und 80ern auch bei Spielern, die aus dem Abseits nicht direkt ins Spiel eingriffen, Abseits gepfiffen werden. Das begünstigte die aggressive, ballorientierte und raumverknappende Abseitsfalle natürlich maßgeblich.

Die aggressive Abseitsfalle Arrigo Sacchis im Video: OFFSIDE TRAP “ AC MILAN 1980-1990 TEAM | SIF FOOTBALL

In der ersten Halbzeit presste Mailand noch aktiv aus einem Mittelfeld- respektive Abwehrpressing. Dazu liefen die beiden Stürmer Simone und Massaro die aufbauende 3er Kette an, wobei sie sehr häufig den rechten Halbverteidiger von Ajax, Reiziger, im Pressing ausließen. Dribbelte dieser an, so wurde er über das durchschiebende Mittelfeld um Albertini und Boban gepresst.

Um dennoch den Ballbesitz zu kontrollieren, ließen sich die Flügelspieler von Ajax, insbesondere der rechte Flügelspieler George immer wieder an der Außenlinie weit fallen. Dabei presste Außenverteidiger Maldini nicht mit, sondern sicherte die Tiefe ab. Stattdessen übernahm Mailands Flügelspieler Boban den sich fallenlassenden George auf. Das hatte zur Folge, dass der verbliebene Sechser Albertini bei Ballbesitz von Reiziger rausrückte, um diesen zu pressen.

Das Pressing Mailands hatte zwar viel Absicherung auf der letzten Kette, jedoch gab es eigentlich eine strukturelle Unterzahl im Zentrum.

Folglich richtig schob Rijkaard immer wieder hoch ins Mittelfeldzentrum, wo er eigentlich Albertini in die Zwickmühle zwischen ihn decken und auf Reiziger pressen, brachte. Dennoch schaffte es Ajax kaum, das Zentrum zu finden. So tat sich Ajax schwer dabei, den freien Spieler, Seedorf oder Rijkaard, zu finden und hatte jede Menge „unproduktiven“ Ballbesitz in wenig attraktiven Räumen. Progression konnte lediglich dann erzeugt werden, wenn Litmanen Desailly über die Manndeckung wegzog und dann Mittelstürmer de Boer als Wandspieler von der Aufbaukette hoch gesucht wurde.

So entwickelte sich ein Spiel mit sehr wenigen Torchancen, kaum attraktiven Passstafetten oder interessanten Angriffen. In der ersten Halbzeit schaffte es Mailand über zwei Umschaltgelegenheiten die einzigen beiden gefährlicheren Torabschlüsse zu generieren. In der zweiten Halbzeit stand Mailand noch tiefer als in der ersten Halbzeit. Dabei suchte die Rossoneri kaum noch das Pressing, sondern konzentrierte sich auf das Verteidigen bzw. Verschieben im Block mit vereinzeltem Herausrücken auf den Ballführenden.

Dass AC Mailand in weiten Teilen der zweiten Halbzeit aus einem Low-Block verteidigte, war mit Sicherheit auch dem Ballbesitzstil von Ajax geschuldet. Sechser Rijkaard kippte häufiger in die 3er Kette, bzw. dann entstehende 4er Aufbaukette ab, was für mehr Pressingresistenz sorgte. Ebenso wechselte van Gaal mit Kanu einen weiteren großen Stürmer für 8er Seedorf ein. Stürmer De Boer rückte dafür auf die Achterposition, ließ sich ebenfalls häufiger fallen und sorgte spätestens mit dem in der 70. Minute kommenden 10er Kluivert für 10er Litmanen für längeren Ballbesitz. Ajax verlagerte auch dadurch häufiger die Seiten, brachte die Mailänder ins Verschieben und machte es damit schwerer, gepresst zu werden.

Da sich Rijkaard, de Boer und Kluivert immer wieder fallen lassen, hat Ajax eine größere Pressingresistenz. Mailand muss sich in den Low-Block fallen lassen, auch weil Ajax immer wieder verlagern kann.

Auch wenn es weiterhin ein chancenarmes Spiel blieb, so hatte Mailand deutlich weniger Entlastungsangriffe aufgrund des tieferen Verteidigens im Low-Block. So kam es, dass der 18-jährige 10er Patrick Kluivert in der 85. Minute den 1:0 Siegtreffer erzielen konnte. Begünstigt wurde dieser allerdings auch durch eine äußerst unkoordinierte Abseitsfalle der Mailänder.

“Patrick has said more than once that his goal was one of the ugliest goals of his career, but by far the most important. It was such a liberating goal for our team.” – Jari Litmanen

Fazit

Louis van Gaal schaffte das, was Johan Cruijff als Trainer von Ajax Amsterdam nie schaffte. Der Gewinn des größten europäischen Vereinstitels war allerdings auch eine Hommage an Cruijff. Das 3-Raute-3 System, eingeführt von Cruijff und auch weiterhin bei Barcelona genutzt, führte Ajax Amsterdam 1995 unter dem jungen Trainer van Gaal zurück an die Spitze Europas.

Falls ihr mehr zu Johan Cruijffs Trainerkarriere oder das Ajax Amsterdam unter van Gaal lesen wollt, habe ich euch hier weiterführende Artikel verlinkt.

» Traineranalyse: Johan Cruijff

» 1995 Champions League final: AFC Ajax – AC Milan 1:0

CL-Finale 1996: Juve – Ajax

Autor: MH ist Fußball-Aficionado von Herzen. Seine Wohnung gleicht einer Fußball-Bibliothek in deren Regalen Bücher über die großen Taktiker von Rinus Michels bis Pep Guardiola stehen. Das Buch von Spielverlagerung.de fehlt hier natürlich nicht. Für MH ist Fußball nicht nur ein Spiel. Es ist ein Lebensgefühl. Auf X ist er unter Mh_sv5 zu finden, auf LinkedIn ebenso.

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