Türchen 13: Sergio Ramos

Im Clasico Anfang März diesen Jahres agierte Sergio Ramos als extrem weit und aggressiv herausstechender Innenverteidiger. Seine Qualitäten in der Entscheidungsfindung und im Zweikampfverhalten bildeten dabei einen wichtigen Baustein, wieso Real Madrid den FC Barcelona am Ende mit 2:0 schlagen konnte und wieso diese prinzipiell etwas riskante Spielweise am Ende gar nicht so große Risiken offenbarte.

Barcelona mit dem Ball: Hybridformation und Rechtsfokus

Aufstellungen und Grundabläufe der beiden Teams im Spiel mit Ball

Der FC Barcelona agierte in dieser Partie aus einer Hybridformation heraus, die im Spiel mit Ball wohl am ehesten einer 4-3-3- / 4-4-2-Grundordnung entsprach und gegen den Ball zu einem klarem 4-4-2 wurde. In der Defensive rückte Vidal dabei neben Arthur und bildete mit Busquets und de Jong eine flache Mittelfeldreihe. Im Spiel mit Ball war der Chilene hingegen weniger auf dem Flügel zu finden, sondern positionierte sich häufig im rechten Halbraum zwischen den Linien der Madrilenen. Von dort aus konnte er situativ auf den Flügel wechseln oder die Rückfallbewegungen von Messi aus dem Sturmzentrum – in dem sonst nur Griezmann präsent war – in den rechten Halbraum mit aufrückenden Bewegungen kontern. Arthur agierte als nomineller rechter Achter daher tiefer und häufig auf einer Höhe mit Busquets, de Jong als linker Achter hingegen relativ konventionell. Was sofort auffiel: Der FC Barcelona fokussierte sich im Spiel mit dem Ball damit stark auf Überladungen des rechten Halbraums und der rechten Spielfeldhälfte.

Real gegen den Ball: Viele Mannorientierungen

Real Madrid reagierte im Spiel gegen den Ball auf Barcelonas Plan in der Offensive durch zahlreiche Mannorientierungen und geschickte Anpassungen einzelner Spielerrollen innerhalb der nominellen 4-1-4-1-Grundordnung. Während Kroos sich vor allem an Arthur orientierte, bewegte sich Isco zumeist in der Nähe von Busquets. Isco stellte Busquets dann entweder direkt zu oder nahm ihn in seinen Deckungsschatten, wenn er auf eine Höhe mit Benzema vorrückte. Die Rolle Iscos hatte zur Folge, dass Valverde auf dem rechten Flügel zwischen de Jong und dem aufrückenden Alba pendeln musste und generell weite Wege in die letzte Linie ging, um Varane und Carvajal ein weites Einrücken auf die linke Seite zu ermöglichen. Und auch Casemiro agierte in Folge von Kroos und Iscos Spielweise häufig relativ alleine vor der Abwehr.

Sergio Raumos und die Pressingfalle vor der Abwehrkette

Photo by Lars Baron/Getty Images

Dass Real trotzdem Zugriff im Sechserraum entwickeln konnte, obwohl dort immer wieder ein großes Loch neben Casemiro klaffte, in das sich Vidal und Messi bewegten, lag im Wesentlichen darin begründet, dass Ramos in der Lage war dieses Loch situativ und durch weiträumige Herausrückbewegungen aus der Abwehrkette – teilweise über 15 Meter – zu füllen. Je nach Situation hatten diese Herausrückbewegungen dabei einen etwas anderen Charakter.

Im tiefen Mittelfeldpressing wirkten sie aufgrund der Vielzahl an Balleroberungen durch den Kapitän fast schon wie eine Ein-Mann-Pressingfalle. In diesen Situationen ließen Casemiro, der vorrangig das Zentrum hielt, und Ramos den jeweiligen Zwischenlinienspieler Barcelonas zunächst frei, wobei Ramos, falls der Ball am Flügel war, leicht zum Flügel überlappend (d.h. weiter zum Flügel als das Pressingopfer) stand. Mit einem Anspiel auf das Pressingopfer rückte Ramos dann dynamisch aus der Abwehrkette nach vorne und versuchte wenn möglich vor Messi bzw. Vidal hineinzuschneiden, um den Ball direkt abzufangen. Erreichte Ramos den Ball hingegen nicht vor Messi bzw. Vidal, so konnte er zumindest ein Aufdrehen des jeweiligen Gegenspielers verhindern und erhielt durch Vinicius Junior und Toni Kroos Unterstützung im Rückwärtspressing – die Pressingfalle hatte zugeschnappt. Dabei kam Real die eigene, horizontal enge Staffelung zugute, weil Kroos und Vinicius Junior trotz ihrer Positionierungen nur kurze Wege im Rückwärtspressing zurücklegen mussten. Die Entscheidung darüber, aus der Kette herauszurücken oder nicht, machte Ramos dabei nahezu ausschließlich daran fest, ob sich der Ball auf diese Art und Weise erobern lassen würde. Ob Real in der Restverteidigung in Gleich- oder Überzahl war, war für seine Entscheidungsfindung nachrangig. In diesem Sinne war die Spielweise des Kapitäns gegen Akteure wie Messi und Griezmann zwar prinzipiell riskant, weil sie immer wieder Lücken in der letzten Linie öffnete – in Folge der guten Ausführung und in Kombination mit Casemiros situativem Zurückfallen in die Kette bekam Real die Folgen dieses Risiko allerdings kaum zu spüren.

Ramos Herausrücken im Angriffs- und Gegenpressing

Ramos weites Herausrücken war dabei allerdings nicht allein auf Szenen des tiefen Mittelfeldpressings beschränkt. So zeigte der Spanier beispielsweise im Gegenpressing oder wenn Real sich im Angriffspressing befand aufrückende Bewegungen bis weit in die Hälfte Barcelonas – immer allerdings in Verbindung mit dem Unterdrucksetzen von Vidal oder Messi. Im Gegensatz zu den Aktionen im tiefen Mittelfeldpressing agierte Ramos hierbei allerdings mit einem stärkeren Fokus auf die Absicherung von Kontern durch die entsprechende Präsenz in der Restverteidigung, frei nach dem Motto: Durchaus risikobereit und mutig ins Angriffs- und Gegenpressing, aber keinesfalls kopflos. Somit hat es der Real-Kapitän mit seiner Leistung im Clasico zurecht in diesen Adventskalender geschafft. 

Ein paar abschließende Hinweise: Wer sich an dieser Stelle noch tiefergehend mit dem Spiel beschäftigen möchte, dem sei die Analyse der Partie von TR ans Herz gelegt.

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