Türchen 18: Sven Bender

Wie Iron Manni sich neu erfand.

Als wir zu Beginn des Jahrzehnts mit der Taktikbloggerei angefangen haben, gab es keinen laufstärkeren Spieler in der Bundesliga als Sven Bender. Er verkörperte das Ideal von Klopps zweifacher Meister-Mannschaft: ein junger Spieler, der sich aufopferungsvoll in den Dienst der Mannschaft stellte und dem kein Weg zu schade war.

Dortmunds Meistermannschaft 2010/11. In die Jahre gekommen ist nicht nur das Team, sondern auch die Grafikvorlage.

Sven Bender war Sechser, per Definition und mit ganzer Seele. In der ersten Dortmunder Meistersaison 2010/2011 bildete er ein kongeniales Duo mit Nuri Sahin. Der türkische Spielmacher ließ sich fallen und verteilte die Bälle, während Bender vorrückte und die Offensivkräfte unterstützte. Auch gegen den Ball ergänzten sich die beiden Spieler optimal. Bender war der Jäger, der sich im Pressing festbiss und über ein herausragendes Timing im Herausrücken verfügte. Sahin war der Sammler, der in der Tiefe lauerte und fehlgeleitete Pässe aufsammelte. Auch nach Sahins Wechsel nach Madrid blieb Bender unter Klopp eine Konstante auf der Doppelsechs; mal im Zusammenspiel mit Sebastian Kehl, mal mit Ilkay Gündogan.

Der Fußball veränderte sich – und Bender auch

Nun ist diese Zeit fast zehn Jahre her. Zehn Jahre – oder wie man im Fußball sagt: eine ganze Generation. Der Fußball hat sich in den vergangenen Jahren rasant entwickelt. Erinnere ich mich an die frühen Jahre von Spielverlagerung zurück, dann erscheinen in meinem Kopf Analysen von Spielen, in denen 4-2-3-1 auf 4-2-3-1 traf. Woche für Woche, Spieltag für Spieltag. Ausnahmen bestätigten natürlich die Regel, aber: taktisch waren die Zeiten simpler. Mittelfeldpressing war zu jener Zeit das Maß der Dinge, ein Sechser konnte immer den gegnerischen Secher attackieren. Ein Spieler wie Sven Bender konnte hier mit seiner Kombination aus Wucht und Intelligenz im Stellungsspiel punkten.

Mit der Zeit veränderte sich der Fußball in der Bundesliga: Teams wurden flexibler, immer mehr Bundesligisten wagten ein hohes Pressing. Aus Sicht von Borussia Dortmund war jedoch eine andere Entwicklung bemerkenswert: Immer mehr Gegner sahen die Dortmunder auf einer Stufe mit dem FC Bayern. Das bedeutete, dass sie im Zweifel auch ein 0:0 mitnahmen. Der BVB sah sich plötzlich defensiven Gegnern entgegen, die nichts Anderes taten, als am eigenen Strafraum zu lauern und nach Ballgewinnen lange Bälle zu spielen. Diese Entwicklung kumulierte in einer absoluten Freak-Saison 2015/15, als der BVB zwischenzeitlich sogar in Abstiegsnot geriet – Schusspech, Verletzungssorgen und der Unfähigkeit, tief stehende Gegner zu knacken sei Dank.

Bender war in all den Jahren unter Klopp gesetzt. Nach der Saison kam mit Thomas Tuchel jedoch ein neuer Trainer. Die Verpflichtung von Julian Weigl bedeutete, dass dem BVB nun neue Optionen im zentralen Mittelfeld zur Verfügung standen. Und Tuchel nutzte sie. Weigl agierte als absichernder, raumorientierter Sechser, der flache Bälle in die Breite verteilte. Ilkay Gündogan als dynamisch-Passstarker Achter sowie Shinji Kagawa komplettierten das Mittelfeld. Und Bender? Er saß auf einmal auf der Bank. Seine Fähigkeiten als Balleroberer mit der guten Dynamik und dem perfekten Timing beim Herausrücken waren nicht mehr gefragt.

Neuerfindung als Innenverteidiger

Aufgrund von Verletzungsproblemen war Bender nach einigen Wochen jedoch wieder gefragt. Aber nicht als Sechser, sondern als Innenverteidiger. Tuchel setzte ihn in den kommenden eineinhalb Jahren praktisch nur auf dieser Position ein. Zunächst verteidigte er als absichernder Part neben dem stürmischen und spielstarken Mats Hummels, später war er der zentrale Akteur einer Dreierkette. (Letztere Rolle hatte er bereits 2012 in einem seltsamen Derby übernommen; eins der wenigen Spiele, in denen Klopp mit Fünferkette spielen ließ.)

Sven Bender als Innenverteidiger in einer Partie gegen Bayern München

Bender akklimatisierte sich schnell in seiner neuen Rolle. Schon in den Jahren zuvor war sein Spiel auf der Sechs weniger stürmisch, weniger vorwärtsgerichtet als in jungen Jahren. Bender verließ sich häufiger auf sein Stellungsspiel. Das kam ihm in der tiefen Rolle als Innenverteidiger zugute.

Optimal war für Bender, dass er die körperlichen Voraussetzungen mitbrachte für einen Innenverteidiger. Mit 1,86 Meter Körpergröße muss er sich bei Kopfball-Duellen nicht verstecken, zumal er weiß, wie er seinen Körper im direkten Duell einzusetzen hat. Zudem ist Bender nicht der langsamste Akteur der Bundesliga, er kann in einem Eins-gegen-Eins-Sprintduell also durchaus mithalten.

Bender steht damit gewissermaßen für einen Trend, der sich durch die Bundesliga zieht. Im zentralen Mittelfeld haben sich – gerade bei den Top-Klubs – spielstarke Akteure durchgesetzt. Kein Spitzenteam kann darauf verzichten, kreative wie passstarke Sechser aufzustellen. Groß gewachsene Spieler, die eher mit ihrer Körperlichkeit punkten, werden immer häufiger umgeschult oder als Hybrid aus Innenverteidiger und Sechser eingesetzt. Kevin Vogt etwa wurde unter Julian Nagelsmann vom Sechser zum Innenverteidiger umgeschult, Selbiges passierte Kaan Ayhan in Düsseldorf. Herthas Niklas Stark und Gladbachs Matthias Ginter pendelten lange Zeit zwischen Verteidigung und Mittelfeld, ehe sie nun primär als Innenverteidiger agieren. Freiburgs Robin Koch agiert noch heute in einer Hybridrolle.

Sven Benders Neuerfindung als Innenverteidiger passt also zu dem Trend, dass sich die körperlich robusten Spieler an den beiden Enden einer Formation wiederfinden, während der Bereich dazwischen immer stärker den technisch beschlagenenen Akteuren gehört.

Stammspieler in Leverkusen

Nach seinem Wechsel zu Bayer Leverkusen wurde Sven Bender praktisch nur noch als Innenverteidiger eingesetzt. Gerade unter Trainer Peter Bosz genießt er hohes Vertrauen. Er ist der Ruhepol in der Abwehr. Seine Pässe mögen weniger raumgreifend sein als die Zuspiele seines Nebenmanns Jonathan Tah. Sie kommen aber stets an.

Bender verfügt über eine weitere Qualität: Da er lange Jahre im Mittelfeld gespielt hat, fühlt er sich in diesen Räumen durchaus wohl. So dribbelt Bender gerne den freien Raum an oder rückt etwas nach vorne, um sich anspielbar zu machen. Auch im Gegenpressing agiert er aggressiv und verlässt bisweilen seine Position – nie aber, ohne die Absicherung zu vergessen.

Mit der Laufstärke seiner früheren Jahre kann er nicht ganz mithalten; Bundesliga-Bestwerte stellen mittlerweile andere Akteure auf. In einer spezifischen Kategorie führt er jedoch: Kein Innenverteidiger läuft mehr Kilometer pro Spiel als Sven Bender (knapp elf Kilometer). Damit schließt sich der Kreis: Damals wie heute überragte Bender die Konkurrenz mit seinem Willen und seiner Laufstärke. Das hat sich auch nach seiner Umschulung vom Sechser zum Innenverteidiger nicht geändert.

Ein Zuschauer 19. Dezember 2019 um 12:42

Ayhan war meines Wissens auch in der Schalker Jugend hauptsächlich Innenverteidiger und letztendlich auch auf Schalke. Bei Düsseldorf eigentlich auch schon ziemlich früh. Würde da nicht wirklich von Umschulung sprechen. Rene Maric hatte damals ja auch schon in einem der Podcasts gemeint, dass Ayhan in der Verteidigung bleiben wird.

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a 18. Dezember 2019 um 18:12

ayhan hat den großteil seiner schalker karriere als iv gespielt, da kann man nicht von umschulen sprechen

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studdi 18. Dezember 2019 um 11:22

Sehr schöner Artikel von dem Wandel der Sechser vor allem weil ich gerade zuletzt am Beispiel Bender ebenfalls darüber nachgedacht hatte. Die Sechser Position hat sich schon sehr gewandelt mit der Zeit vor allem in den Topteams. Wenn ich daran denke das für mich früher immer Lampard Gerrad Keane oder Ballack als die Perfekten Zentralen Mittelfeldspieler galten würden diese bei einer All Time Traumelf wohl nicht mehr in der Startelf stehen bei mir.
Bin gespannt wie sich der Fußball weiter entwickelt und ob es in 10-20 Jahren vl auch diesen Wandel auf der IV Position gibt oder ob es nur noch „Komplette“ Spielertypen gibt die quasi jede Position spielen können. Evtl Ähnlich zu dem Trend im Basketball zum „Smallball“.

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