Türchen 16: Adrien Silva

Im 16. Türchen besprechen wir eine ziemlich einzigartige Spielerrolle, die mal einen Europameister-Titel gewonnen hat.

Einer der merkwürdigsten EM-Titel, der von Portugal 2016, einer Mannschaft, die nur ein Spiel in 90 Minuten gewann, als Cristiano Ronaldo gekrönt wurde, während er nicht mal mehr auf dem Platz stand, der wurde getragen von einer hochinteressanten taktischen Ausrichtung, die weitestgehend unterging:

Die Formationen im EM-Finale 2016.

Portugal spielte ein 4-4-2, welches immer wieder ins 4-3-1-2 rückte. Das erste Mal, das der Begriff „4-4-2-Raute“ Sinn ergab: Ein 4-4-2, aus dem durch Bewegungen immer wieder Rauten entstanden.

Der Zehner einer Viererreihe

Schlüssel dafür war Sportings Mittelfeldspieler Adrien Silva, der mit dem defensiveren William Carvalho die Doppelsechs bildete – und mit Joao Mario und Renato Sanches außerdem eine Raute. Die beiden Flügelspieler der Portugiesen waren nämlich beide vom Spielertyp her Achter und daher an die Defensivarbeit im Zentrum und ein sehr hohes Laufpensum gewohnt (so wie Matuidi 2018 bei Frankreich). Durch diese Konstellation konnte Adrien Silva vorrücken, ohne dass es die Kompaktheit seiner Mannschaft beschädigt hätte.

Dadurch bekam Portugal mit und ohne den Ball eins der Hauptprobleme des 4-4-2s in den Griff: Den fehlenden Zehner. Durch die Lücke hinter den Stürmern gehen bei Ballbesitz Verbindungen verloren, gegen den Ball wird man zur Passivität gezwungen und bietet dem Gegner klare Kanäle in die Halbräume. Durch Silvas Vorrücken war Portugal deutlich anpassungsfähiger und konnte bei Gelegenheit oder Bedarf die Struktur dichter und mit mehr Verbindungen gestalten.

Situative und formative Anpassungsfähigkeit

Die Anpassungsfähigkeit der Portugiesen zeigte sich zum einen in der Reaktion auf Situationen, zum anderen in der Reaktion auf Gegner. Ersteres war Silvas Interpretation überlassen. Er konnte etwa frühzeitig vorschieben, um seine Mannschaft in eine Raute zu „zwingen“, wenn der Gegner etwa das Zentrum massiver besetzte. In der Flügelverteidigung konnte er vorschieben, um Rückpässe zu schließen oder zu attackieren, sodass er ein Stück weit verhinderte, dass Portugal nach Seitenwechsel zu tief zurückfiel und Raumpräsenz für Konterangriffe verlor.

Da Frankreich hinter dem 2-v-2 am Flügel den Raum nicht anläuft, muss Silva nicht hinter den Außenverteidiger schieben, sondern orientiert sich bereits nach vorne, sodass es für Frankreich wesentlich schwieriger wird, über Rückpässe die Seite zu wechseln oder diagonal auf Griezmann zu kommen.

In der Formation betonte Portugal gegen die diversen Gegner unterschiedliche Möglichkeiten: Gegen Polen fiel Nani vermehrt auf den Flügel zurück, um die Seite von Piszczek und Blaszczykowski zu schließen, Sanches und Silva rückten in die Mitte und stellten eine Art 4-1-4-1 her. Gegen Wales, die im 3-5-2 mit drei Zentrumsspielern und dem zurückfallendem Bale viel durch die Mitte aufbauten, rückte Silva meist schon früh nach vorne und es wurde eine stabilere Raute. Als Wales dann auf 4-3-3 umstellte, konnte sich Portugal in Führung liegend ins normale 4-4-2 zurückziehen. Im Finale gegen Frankreich ging es dann oft in Richtung 4-3-2-1, in dem Silva mit Nani zusammen die Zirkulation durch die Mitte blockte, sodass Frankreich die Anbindung an Griezmann verlor und sehr flügellastig wurde.

Extreme Kompaktheit der Portugiesen im Zentrum, durch Silvas Positionierung ist die Staffelung eher ein 3-1-2 bzw. vor dem Ball ein 1-2-2 und nicht das klassische 4-2 bzw. 2-2: Mehr Dreiecke.

Adrien Silvas individuelle Eignung

Neben der taktischen Optionen war diese Systematik und diese Rolle eine sehr gute Anpassung an die individuellen Gegebenheiten des portugiesischen Kaders. Während Carvalho seine typische Sechserrolle behalten konnte und Sanches seine athletischen Fähigkeiten verstärkt einbringen konnte, ist Silva ein sehr kompletter Spieler, der als Sechser, Achter und Zehner spielen kann. Zudem hat ein sehr gutes Gespür und Verständnis der Spielsituationen im Mittelfeld, sodass er aus dieser Freirolle heraus sehr viel Kontrolle auf das Spiel ausüben konnte und direkt wie indirekt seine Mitspieler coachen bzw. beeinflussen.

(Grundsätzlich ist so eine Freirolle günstig für Spieler mit herausragendem oder mit eher schwachem Spielverständnis: In ersterem Fall können sich die Mitspieler viel an der Freirolle orientieren und seine Entscheidungen übernehmen; im zweiteren Fall können die Mitspieler besser reagieren, wenn dem Spieler in der Freirolle Fehler unterlaufen, während dieser sich nicht mit Vorgaben beschäftigen muss.)

Bei Silva kam hinzu, dass er unheimlich kombinationsstark ist und bei Sporting, unter dem extrem Kombinationsspiel-affinen Jorge Jesus, eine ähnliche Rolle bekleidete. Er kann hervorragend in offene Räume stoßen und aus der Bewegung heraus schnell Lösungen finden, dabei sogar tororientiert bleiben und auch Bewegungen in die Spitze fortsetzen.

Statische Struktur, dynamische Struktur

Insofern bot die portugiesische Mannschaft mit Silva ein gutes Beispiel dafür, dass Formation und Struktur nicht das gleiche sind, und dass selbst Struktur und Struktur nicht das gleiche sind: Silva besetzte die Zehn ja nicht dauerhaft von einer anderen Position aus, sondern kam immer wieder aus unterschiedlichen Räumen in diese Position und verließ sie wieder in neue Räume. Sodass Portugal zwar in vielen Situationen nicht gut strukturiert wirkte, jedoch (teilweise) im richtigen Moment dann die notwendigen Positionen besetzen konnte.

Der Unterschied liegt im Wesentlichen im Moment: Besetze ich die Position frühzeitig, um sicherzustellen, im entscheidenden Moment da zu sein? Oder versuche ich so spät wie möglich aber noch im entscheidenden Moment in die Position zu kommen? Beides hat Vor- und Nachteile: Die statischere Besetzung erleichtert die Kommunikation und Orientierung innerhalb der Mannschaft, damit beispielsweise auch die Nutzung bestimmter Angriffs- oder Zirkulationsmuster, sowie das Aufrechterhalten bestimmter struktureller Aspekte wie Breite oder Tiefe. Die dynamische Besetzung ermöglicht mehr Aktionen, anpassungsfähigere Aktionen und erschwert dem Gegner die Anpassung.

Das kann man beides so für die Defensive wie die Offensive sagen, dennoch sind dynamischere Positionsbesetzungen in der Offensive viel häufiger und beliebter als in der Defensive. Insofern ist es interessant, dass Silva bei Portugal nicht nur in allen Phasen seine Freirolle behielt, sondern dass es auch defensiv besser funktionierte als offensiv. (Portugal erzielte nur 9 Tore in 7 Spielen + 3 Nachspielzeiten, drei Tore davon gegen Ungarn ohne Adrien Silva.)

Coach auf dem Rasen

Neben diesem Aspekt ist auch die Herangehensweise der taktischen Organisation hier interessant: Besonders die Positionierung der Spieler und besonders Defensivspieler wollen viele Trainer sehr genau kontrollieren, Entscheidungen finden vermehrt innerhalb der vorgegebenen Positionen statt oder in einem gewissen Spektrum möglicher Positionierungen. Die Freiheiten, die Silva eingeräumt wurden, gaben ihm zusätzliche Verantwortlichkeiten, die nicht viele Spieler bekommen.

Wenn der Spieler dann sehr gut darin ist, solche Positionierungsentscheidungen zu treffen, hat man nicht nur die Möglichkeit bessere Ausgangspositionen zu finden als bei strikter Planung, sondern man reduziert auch den Umfang der Spielvorbereitung. Das kann bei einem Nationalmannschaftsturnier, bei dem die Zeit zum Vorbereiten und Einspielen rar ist, eine gute Lösung sein, um schneller eine gute Organisation zu erreichen.

tobit 16. Dezember 2019 um 16:01

Geiles Ding. Vor allem der kurze Exkurs zu Formation, Struktur und Varianten der Strukturherstellung.

Sehr schade, dass Silva nach dem verunfallten Wechsel nach Leicester nie mehr wirklich Fahrt aufgenommen hat (oder hab ich da wieder Mal was verpasst?).
Die Rolle fände ich auch für Maxi Arnold sehr interessant, der finde ich ein ähnlich komplettes und unterstützendes Profil aufweist.

Von der vollständigen Sinnlosigkeit des Terms „4-4-2 mit Raute“ in allen anderen Kontexten bin ich aber nicht überzeugt. Mindestens Juve mit Pirlo, Pogba, Marchisio und Vidal verdient diese Beschreibung auch. Auch Salzburg hat in den letzten Jahren ein paar Mal so gespielt, auch wenn da meistens eher das „4-3-3 mit Raute“ angesagt war. Für genau diese Unterscheidung hat das ganze finde ich einen großen Wert, den man aus den anderen Bezeichnungen nicht so ohne weiteres bekommt.

Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*