Türchen 11: Karim Benzema

Der große Schatten Cristiano Ronaldos hat ja vielen Spieler der Serien-CL-Sieger von Real ein wenig der Aufmerksamkeit verwährt, die ihnen angemessen gewesen wären. Wer auch im taktischen Sinne in seinem Schatten agierte, ist Karim Benzema. Das Zusammenwirken der beiden sehr unterschiedlichen Stürmertypen und die generelle Komplettheit und Brillanz sind ein wenig beleuchteter Erfolgsfaktor dieser Real-Mannschaft.

In Reals defensiv ausgerichteter Struktur mit vielen zurückfallenden Spielern und kaum personeller Präsenz in den vordereihen Linien wurde das Angriffsspiel Reals oftmals zum Zwei-Mann-Job. Während Cristiano viel die Tiefe attackierte und teils die Breite, sorgte Benzema für Präsenz in den Zwischenräumen als vertikale Anspielstation.

Pressingbrecher

Insbesondere beim letzten Champions-League-Triumph der Madrilenen wurde Benzemas Rolleninterpretation und -variation zu einem immer wichtigeren Erfolgsgaranten. Im Halbfinale und Finale ging es gegen Liverpool und Bayern, zwei Teams, die taktisch durchaus überlegen waren und lange Phasen der Spiele kontrollierten.

Was in beiden Duellen aber die Dominanz des Gegners immer wieder aushebelte, zumindest punktuell, war Benzema. Er agierte als Pressingbrecher, der sich in kritischen Momenten zum Ball bewegte, ihn unter großen Druck, oft gegen mehrere Gegner, hielt und weiterverteilte. So bekam seine Mannschaft Zeit zum Aufrücken, um sich aus dem gegnerischen Klammergriff zu lösen und Präsenz hinter den Pressinglinien herzustellen.

Vom Wandstürmer zum Wandzehner…

Interessant dabei war, dass er in beiden Spielen auf unterschiedliche Weise eigentlich als Zehner agierte. Er hatte eine ähnliche Funktion wie der klassische Wandstürmer, der die Bälle – oftmals lange Befreiungsschläge – in der Spitze unter Kontrolle bringen muss, doch tat dies eher eine Linie tiefer. Da Real eher flach spielt, wäre er in der Spitze dann oftmals nicht erreichbar gewesen, sondern zeigte sich im Bereich des gegnerischen Sechsers.

Das CL-Finale 17/18

Im Finale gegen Liverpool tat er das quasi als falsche Neun. Er bewegte sich mit dem Ball in vertikaler Linie und wenn Real die Zirkulationsoptionen ausgingen, kam er zum Ball, um die Situation aufzulösen. Der Folgepass war dann meist auf die Außenverteidiger, da Liverpool oftmals mit den Flügelstürmern von außen nach innen auf die Innenverteidiger presste. Dieses Pressingmuster konnte Benzema so auflösen.

…zum Umschaltzehner

Gegen Bayern hingegen war weniger das Pressing, mehr das Gegenpressing die Problematik, da Bayern eben längere Ballbesitzphasen spielte und die Partie auf diesem Weg kontrollierte. Hier positionierte er sich bereits bei Ballbesitz auf der Zehnerposition in einer Art „4-4-1-Ronaldo“ (letzterer auf seiner typischen Halbstürmerposition, nicht klassisch zentral).

Das hatte zwar auch einen defensiven Nutzen, indem die Zirkulation über die Sechser erschwert wurde, was im tiefen 4-4-2 ja sogar Standard ist. Hier war das allerdings sekundär, denn Real bekam ohnehin in diesem Bereich wenig Zugriff. In Verbindung mit Ronaldos Positionierung war der wichtige Effekt hier, dass Real auch während sehr tiefer Verteidigung grundsätzlich nicht die offensive Tiefe und die Anbindung an diese verlor.

Das klassische Problem sehr tief verteidigender Mannschaften ist ja, dass man aus der tiefen Stellung nicht mehr rauskommt und Präsenz nach vorne fehlt. Über Benzema und Ronaldo, die beide mehrere Gegenspieler überwinden können (Benzema eher mit, Ronaldo eher ohne Ball), in so einer diagonalen Staffelung konnte Real diese Problematik zumindest teilweise auflösen.

Wechselwirkung mit Ronaldo als systematische Gegenbewegung

Die besonderere Effektivität dieser beiden Rollen kann man besonders gut aus gegnerischer Perspektive nachvollziehen: Wie verteidigt man Benzema, wenn er so tief kommt und das Sturmzentrum aufgibt? Wenn der Sechser ihn übernimmt, kann dieser nicht mehr nach vorne oder zur Seite verteidigen; zudem kommt Benzema aus seinem Rücken, ist also schwer zu sehen. Optimalerweise möchte man, dass der Innenverteidiger mit rausgeht. Selbst dann ist es aber sehr schwer, ihn tatsächlich vom Ball zu trennen.

Außerdem: Dann besteht immer die Gefahr, dass Löcher aufgehen, die von Ronaldo angesprintet werden. Solche Gegenbewegungen – einer verlässt seine Position, der andere besetzt sie im Tempo – sind eine der am schwierigsten zu verteidigenden Situationen für Abwehrreihen.

Interessant hierbei: Real nutzte diese Gegenbewegung de facto kaum in der Situationsdynamik, also so, dass beide die Läufe gleichzeitig begannen und dann der Ball in die Bewegung der Abwehrspieler gespielt wurde. Es war häufig eher so, dass Gegner nicht reagierten und dann auch die Gegenbewegung gar nicht kam, sondern Benzema schlichtweg frei gelassen wurde. Sodass Ronaldos Rolle eher die war, den Lauf machen zu können (und weniger die, den Sprint tatsächlich zu machen).

Im Falle des Bayernspiels, wo Benzema ja statisch die Zehn besetzte, gab es zudem ja ohnehin den dynamischen Aspekt nicht. So war das Prinzip der Gegenbewegung hier weniger eine gemeinsame Aktion, als mehr ein struktureller Aspekt. Dem Gegner wurde eine effektive Anpassung dadurch sehr erschwert.

Wieso die Rolle zukunftsweisend sein kann

Derartige Rollen als Pressingbrecher durch zulaufende oder schlichtweg tiefer positionierte Offensivspieler könnten in der Zukunft noch deutlich wichtiger werden. Es ist grundsätzlich eine Rolle, die dann greift, wenn man keine stabile strukturelle Dominanz halten kann, sprich: Man findet nicht mehr systematisch freie Spieler, um den Gegner mit Pässen auszuspielen.

Das ist genau der Zustand, den Trainer normalerweise erreichen beziehungsweise vermeiden wollen. Defensiv will man dem Gegner die Optionen nehmen, offensiv will man die Optionen herstellen.

Nun gibt es zum einen Spiele, in denen eine Mannschaft diesen Teil des Spiels klar dominiert: Dann sind derartige Pressingbrecher für die unterlegene Mannschaft Gold wert, weil sie womöglich der einzige Ausweg sind. Wandstürmer für lange Bälle sind hier das benannte klassische Beispiel, Benzemas Rolle könnte aber eine bessere Alternative dafür darstellen.

Dann gibt es Spiele, in denen die strukturelle Dominanz immer wieder wechselt, typischerweise, wenn beide Mannschaften sehr gut eingestellt sind – Klopp-vs-Guardiola-Spiele sind häufig so. In diesen Spielen ist es dann wichtig, einen Plan B zu haben, zu dem man greift, sobald man die Optionen verliert, um dann nicht komplett die Präsenz und Kontrolle zu verlieren.

Andere Beispiele

Ein hervorragendes Beispiel für eine Mannschaft, die beides hatte ist etwa Nagelsmanns Hoffenheim mit Sandro Wagner: Wir spielen solang es geht und wenn es nicht mehr geht, langer Ball zu Wagner. Ein anderes Beispiel – vor allem aus individueller Sicht – ist Max Kruse bei Werder, der oftmals eine extreme Freirolle inne hatte, sich aus unterschiedlichen Positionen extrem zum Ball bewegte und immer wieder mit Rücken zum Tor Pressingsituationen durchbrach.

Aktuell gibt es auch ein Beispiel, bei dem quasi beides verbunden wird: Timo Werner spielt bei Leipzig zuweilen eine Rolle, die an Kruses bei Werder erinnert, also die Benzema-Interpretation. Gleichzeitig kann Poulsen für ihn Tiefe attackieren, ist seinerseits aber auch wieder potentiell der Sandro Wagner, für den Werner dann wiederum aus der zweiten Linie in die Tiefe gehen kann. Hier werden also Wandstürmer und Wandzehner im Wechsel miteinander kombiniert.



spyri 11. Dezember 2019 um 14:56

„Karim Benzema“ kann man übrigens gut auf „Feliz Navidad“ singen. Passt somit auch nochmal mehr in diesen Kalender. Viel Spaß mit dem Ohrwurm … 😛

Antworten

tobit 11. Dezember 2019 um 17:24

Danke dafür.

Benzema wird ja mittlerweile auch medial sehr geschätzt. Nachdem er und Real sich vom Ronaldo-Abgang erholt haben, ist er (trotz teurer Neuzugänge) zum wichtigsten Offensivspieler aufgestiegen und macht jetzt auch die Tore (die der Boulevarrd früher vermisst hat). Intern war er ja sowieso mindestens seit dem Higuain-Abgang unumstritten.

Die Rolle des offensiv frei beweglichen Stürmers ist leider immer noch recht unterrepräsentiert. Und das obwohl fast überall starke Abschlussspieler vom Flügel kommen, denen ein solcher Spieler sehr helfen könnte.

Ich würde da auf jeden Fall noch Firmino nennen, der diese Rolle jetzt schon seit Jahren in verschiedensten Variationen spielt. Auch in Hoffenheim hat er da schon Ansätze in diese Richtung gezeigt, da gab es aber neben Allrounder Volland immer noch einen zusätzlichen Wandstürmer (oft Szalai), der die vorderste Linie besetzt und lange Bälle angesaugt hat. Passenderweise ist sein Nachfolger Kramaric auch ein solcher Spielertyp.

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