Türchen 9: Milot Rashica

50 Millionen Euro. Diese Summe möchte Werder Bremen einem Bericht der Bild-Zeitung zufolge für Milot Rashica einnehmen. Und diese Summe ist keineswegs zu hoch angesetzt bei der aktuellen Preislage im Fußball.

Rashica steht mit seinen 23 Jahren noch am Beginn seiner Karriere, und doch ist bereits jetzt Schlüsselspieler seiner Mannschaft. Auf sechs Tore und drei Vorlagen kommt Rashica in dieser Saison. An seiner Spielzeit gemessen gehört Rashica zu den effektivsten Spielern der Liga: Nur Robert Lewandowski, Timo Werner und Christopher Nkunku kommen auf mehr Torbeteiligung pro neunzig Spielminuten, Rashica erzielt mit 1,1 Torbeteiligungen pro neunzig Minuten auf denselben Wert wie Marcus Thuram, Thomas Müller und Jadon Sancho.

Rashicas Markwert ist deshalb erwähnenswert, weil noch vor etwas über einem Jahr einiges dafür sprach, dass Rashica sich für Werder als Verlustgeschäft herausstellen wird.

Typischer Flügeldribbler

Sieben Millionen Euro überwies Bremen im Januar 2018 nach Arnheim, um sich die Dienste des jungen Kosovaren zu sichern. Das klamme Werder befand sich als Tabellensechzehnter mitten im Abstiegskampf. Die Fans erhofften sich von Rashica, eine sofortige Verstärkung zu sein.

Das war er aber keineswegs. Als Rashica nach Bremen kam, war er ein typischer Außenstürmer niederländischer Prägung. In Arnheim hatte er gelernt, auf dem rechten Flügel zu spielen (u.a. unter dem heutigen Leverkusen-Trainer Peter Bosz). Als Flügeldribbler sollte er seine Gegner narren und den Ball ins Zentrum flanken. Zwölf Torvorbereitungen sammelte er auf diese Art in der Saison 2016/17. Seine verspielte Art zu dribbeln sah man auch in seinen ersten Auftritten in Bremen häufig. Er bekam den Ball am Flügel, senkte den Kopf und schaute auf seine Füße. So wollte er seine Gegner narren. Seine Umwelt blendete er aus.

Doch Rashicas Tricks funktionierten in der Bundesliga nicht, er kam an seinen Gegenspielern nicht vorbei. Die eigenen Fans verzweifelten angesichts der egoistischen Spielart des jungen Talents. Trainer Florian Kohfeldt sah in ihm zunächst keine Alternative für die Startformation. Er monierte sein schwaches Defensivverhalten sowie taktische Anpassungsschwierigkeiten. Öffentlich mahnte er, Rashica brauche Zeit, ehe er sich in Bremen durchsetzen kann. Zeit, die ihm die Öffentlichkeit nicht geben wollte. So mancher Fan sprach nach ein paar Wochen schon von einem Fehleinkauf.

Still und heimlich arbeitete Kohfelt jedoch mit Rashica an einer Transformation seines Spiels. Bereits wenige Wochen nach seinem Wechsel testete Kohfeldt Rashica als inversen Linksaußen. Rashica sollte den Ball am linken Flügel erhalten, an seinem Gegenspieler vorbeiziehen und in Richtung Tor dribbeln. Kohfeldt erkannte die hohe Geschwindigkeit Rashicas. Er wollte diese tororientierter einsetzen.

Vom Außen- zum Halbstürmer

Auch wenn Rashica in diesen Monaten immer wieder sein enormes Talent und seine Lernwilligkeit andeutete: Es dauerte fast ein ganzes Jahr, ehe Rashica sich in Bremen durchsetzen konnte. Dies tat er nicht mehr in seiner klassischen Funktion als Flügelstürmer – sondern als Halbstürmer.

Bremens Spiel war in den ersten eineinhalb Jahren unter Kohfeldt klar gegliedert. Fixpunkt war Max Kruse, der als Mischung aus falscher Neun, Zehner und abkippender Spielmacher sämtliche Freiheiten genoss. Kruse war nicht nur Verwerter der Angriffe, sondern häufig zugleich deren Entstehungspunkt. Seine Schnittstellenpässe sollten gegnerische Abwehrreihen aushebeln.

Nachdem Kruses kongenialer Partner Finn Bartels lange Zeit ausfiel, fehlte ihm jedoch ein Abnehmer für seine Pässe. Hier kam Rashica ins Spiel: Kohfeldt schulte ihn nach und nach zum Halbstürmer um. Rashica sollte nicht mehr nur an der Außenlinie kleben, sondern weiter ins Zentrum rücken. Häufig agierte Rashica als linker Stürmer in einer Raute. Er nahm hier eine Hybridrolle aus Außen- und Halbstürmer ein: Mal postierte er sich auf dem Flügel, gerade im Spiel gegen den Ball stand er breit. Doch bei Ballbesitz rückte er weiter in, meist in den linken Halbraum.

Die Idee war es, sowohl Rashicas Geschwindigkeit als auch seine Fähigkeiten im Eins-gegen-Eins zu nutzen. Rashicas Spiel sollte tororientierter sein: Mit Geschwindigkeit sollte er in die Schnittstelle zwischen gegnerischem Außen- und Innenverteidiger starten, den Ball in hohem Tempo erhalten, einen Gegenspieler umkurven und dann zum Torabschluss kommen.

Vom Ersatzmann zu Werders Schlüsselspieler

Seit Kruses Weggang im Sommer hat sich Rashicas Rolle weiter verändert. Rashica ist nun nicht mehr Endpunkt der Kombinationen, sondern wird viel stärker im Aufbauspiel fokussiert. Noch immer postiert sich Rashica im Halbraum, häufig startet er auch hinter die Abwehr. Er setzt seine Dribblings aber noch forcierter ein: Manchmal lässt er sich fallen, um Tempo aufzunehmen und mit Geschwindigkeit auf die gegnerische Abwehr zuzulaufen. Rashica gibt mehr Schüsse ab als vergangene Saison (4,3 zu 3,4 pro Spiel) und legt etwas mehr Torschüsse auf (1,8 zu 1,7).

Kohfeldts Plan fruchtete: Rashica avanciert seit der Rückrunde 2018/19 zu einem veritablen Torjäger. Seit Januar 2018 erzielte Rashica 19 Tore; in den vier ersten Jahren seiner Karriere gelangen ihm 14 Tore. Nicht nur das: Er ist mittlerweile fokaler Punkt in fast jedem Werder-Spiel. Das Positionsspiel von Kohfeldt ist darauf ausgerichtet, Rashica in eine gute Position zu bringen.

Das soll an dieser Stelle aber kein reines Loblied auf Kohfeldt werden. Es war Rashica selber, der in den vergangenen zwei Jahren hart an sich gearbeitet hat. Seine Art, sich im Raum zu bewegen, hat sich gänzlich verändert. Früher hat er in der Peripherie des Feldes agiert, außerhalb der gegnerischen Abwehrreihekonnte er es sich erlauben, den Kopf nach Erhalt des Balls zu senken und alles bis auf seinen direkten Gegenspieler auszublenden. Mittlerweile ist er mitten drin in der gegnerischen Formation. Seine Dribblings müssen auf engerem Raum funktionieren, seine Positionsfindung muss wesentlich genauer sein, um den Gegenspielern zu entwischen, sein erster Kontakt muss immer sitzen. Mittlerweile bewegt er sich clever zwischen Halbraum und Flügel, immer auf der Suche nach einer Lücke, um den Ball zu erhalten und zu einem Dribbling Richtung Tor anzusetzen.

Der Trend geht zum quirligen Halbstürmer

Rashica ist kein Einzelfall. Es gibt im deutschen Fußball einen Trend dahingehend, Spieler, die früher reine Flügeldribbler waren, ins Zentrum zu ziehen. Ihre Stärke im Eins-gegen-Eins sowie ihre hohe Geschwindigkeit soll genutzt werden, um hinter die gegnerische Abwehr zu gelangen. Serge Gnabry wäre hier das prominenteste Beispiel, aber auch Leroy Sanes neue Rolle in der Nationalmannschaft dient als Anknüpfungspunkt. Es ist ein interessanter Weg, mehr Tiefe ins eigene Spiel zu bekommen, ohne den kreativen Part auszulöschen. Man fragt sich fast schon, wieso Spieler wie Gnabry und Rashica solange auf dem Flügel spielen mussten: Ihre Geschwindigkeit und Dribbelstärke kommen in einer tororientierten Ausrichtung sehr viel besser zur Geltung, zumal Beide über einen starken Abschluss verfügen.

Für Bremen war die Umschulung Rashicas ein Glücksfall. Nicht nur wären die Aussichten ohne ihn in dieser Saison noch düsterer, als sie angesichts der angespannten Tabellenlage sowieso schon sind. Zugleich bietet ein Verkauf Rashicas die Chance, ein ordentliches Plus zu erwirtschaften. Die Entscheidung, Rashica umzuschulen, dürfte sich also in mehrfacher Hinsicht bezahlbar machen.

WVQ 12. Dezember 2019 um 20:31

Terminologische Frage:

> Häufig agierte Rashica als linker Stürmer in einer Raute.

Ist hiermit gemeint, daß er als linker Stürmer VOR einer Raute agierte? Bzw. daß die Mannschaft in einer Formation mit Raute spielte, und darin war er linker Stürmer? Ich meine die obige Formulierung jetzt schon mehrmals gelesen zu haben und frage mich immer, ob damit womöglich irgendeine mir unbekannte Formation mit einer Art Sturm-Raute gemeint ist – ein 4-2-1-2-1 oder sowas…

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tobit 13. Dezember 2019 um 00:46

Ist eine Verkürzung von „linker Stürmer in einer Rauten-Formation“. Im aktuellen Fußball gibt es ja quasi nur eine Art, mit Raute zu spielen, das 4-3-1-2 bzw. 4-1-2-1-2. Da diese Formation fast die einzige im „Mainstream“ bekannte Formation ohne offensive Flügelspieler ist, fällt sie selbst den taktisch ungeschulten oder uninteressierten als anders auf und hat daher (und weil maximal drei Ziffern zur Formationsbeschreibung genutzt werden „dürfen“, sonst wird es ja zu kompliziert) ihren eigenen Namen „Raute“ bekommen.
Deine andere Idee „linker Stürmer vor einer Raute“ wäre aber eine genauso passende Beschreibung für Rashicas Position.

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WVQ 13. Dezember 2019 um 22:46

Danke. War mir nicht sicher, ob nicht vielleicht doch hier oder da Leute etwas „verrücktere“ Dingen mit Rauten probieren. Und den Mainstream-Sprachgebrauch habe ich diesbezüglich kaum verfolgt, lediglich die (auch etwas unglückliche) Formulierung „4-4-2 mit Raute“ war mir neulich in irgendeiner öffentlichrechtlichen Sportsendung aufgefallen.

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tobit 14. Dezember 2019 um 01:30

Das 4-4-2 mit Raute stammt aus der Mitte der 00er-Jahre. Da hatte man oft noch einen Sechser und einen Zehner zentral mit zwei verkappten Flügelstürmern daneben. Das war zwar keine richtige Raute, aber sah auf dem Spielberichtsbogen halt so aus. Man darf da halt das 4-4-2 nicht als Anordnung von Linien oder Ketten sondern nur als Einteilung in Verteidiger, Mittelfeldspieler und Stürmer sehen. Dann finde ich die Bezeichnung sogar ziemlich passend.
Auch Klopp hat in Dortmund zu Beginn noch so ähnlich spielen lassen mit Hajnal auf der Zehn. Oder Pep Mal kurz bei Bayern mit
Lewy – Müller
– Götze –
Ribery – Robben
– Alonso –
Viererkette.

Klar gibt es immer Mal wieder Trainer, die verrückte Rauten nutzen. Pep 2011 in Barcelona z.B. mit dem 3-Raute-3. Ich fände auch ein 5-Raute-1 Mal interessant, das wäre aber in den meisten Fällen eher eine Variation eines „normalen“ 5-3-2. Das wären auch schon so ziemlich alle Rauten, die man (ohne komplette Auflösung des Kettenmechanismus der Abwehr) als Grundformation spielen könnte.

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WVQ 14. Dezember 2019 um 10:46

Vielleicht habe ich ja grundsätzlich irgendetwas mißverstanden, aber was ist nun der Unterschied zwischen einem „4-4-2 mit Raute“ (so wie Du es beschreibst und wie ich es selbst auch verstanden hatte) und dem, was Du oben als „die“ heute übliche Raute bezeichnetest, also das 4-1-2-1-2? Ist „Raute“ nicht einfach eine Bezeichnung für das Formations-Element 1-2-1? Und da dies ja wohl nur im Mittelfeld eingesetzt wird also dafür, daß man – von Details in der Aufgabenverteilung mal abgesehen – mit einem Sechser, zwei Achtern und einem Zehner spielt? (Ich habe Deinen Kommentar so verstanden, daß Du da einen Unterschied machen wolltest; aber vielleicht meintest Du mit Bezug auf die Nuller-Jahre ja auch nur den bloßen Begriff „4-4-2 mit Raute“… Welcher im besagten Fall übrigens vom aktuellen Gladbach unter Rose gebraucht wurde, und unglücklich finde ich die Bezeichnung eben deswegen, weil ein 4-1-2-1-2 doch – abgesehen von der blanken Zahl der Abwehr-/Mittelfeld-/Angriffsspieler, die Sportschau-Zuschauer tatsächlich mehr interessieren mag – in etwa genauso wenig mit einem klassischen 4-4-2 zu tun hat wie ein 4-3-3, und sicherlich noch weniger als ein 4-2-3-1 oder ein 4-2-2-2…)

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tobit 14. Dezember 2019 um 13:15

In den 00ern haben die „Halbpositionen“ halt viel klarer die Flügel bearbeitet als das heute der Fall ist. Viele der damaligen „4-4-2 mit Raute“-Systeme würde man heute (zumindest hier) wohl eher als 4-1-3-2 bezeichnen, was dann schon wieder sehr nah am klassischen 4-4-2 mit zwei 4er-Ketten ist.
Grundsätzlich gibt es im heutigen Begriffsverständnis fast keinen Unterschied zwischen einem 4-4-2 mit Raute, einem 4-1-2-1-2 oder einem 4-3-1-2. Alle bezeichnen eine Formation mit 4er-Abwehr, einem Sechser, zwei Halbspielern (die meist breiter als „normale“ Achter agieren) und einem Zehner. Je nach Verhalten des Zehners ist das ganze sehr nah am „klassischen“ 4-4-2 oder fast schon eher ein 4-3-3. An der Stelle wird dann für mich das „4-4-2 mit Raute“ als taktische Bezeichnung relevant und interessant, da es in Verbindung mit der taktischen Bezeichnung „4-3-3 mit Raute“ eine schnelle und klare Unterscheidung dieser Zehner-Verhaltensweisen erlaubt. Im 4-4-2 mit Raute spielt der Zehner klar wie ein Mittelfeldspieler und orientiert sich im Verschieben klar an seinen drei Hintermännern. Im 4-3-3 mit Raute stößt der Zehner im Pressing viel zwischen die dann viel breiteren Stürmer vor und agiert eher losgelöst vom Mittelfeld. So ähnlich wie Reus zuletzt im Dortmunder 3-4-1-2.

WVQ 14. Dezember 2019 um 12:02

PS:

> Das wären auch schon so ziemlich alle Rauten, die man (ohne komplette Auflösung des Kettenmechanismus der Abwehr) als Grundformation spielen könnte.

http://lineupbuilder.com/?sk=v21f

Hat eine Viererkette und eine Raute. ;-} Fände ich nicht mal gänzlich uninteressant.

Oder – ich weiß nicht, wie Guardiola das 3-Raute-3 genau implementiert hat – apropos verrückte Formationen, die Variante mit Dreierkette bzw. eine Art Dreifach-Raute:

http://lineupbuilder.com/?sk=v21g

Das Ding ließe sich sehr leicht situativ Richtung Flügel verschieben (komplett oder auch in Teilen, sozusagen diagonal gedreht), evtl. entstehende Leerräume auf der ballfernen Seite wären auch recht trivial zu stopfen, bei Dreierreihen sind die Wege zum Verschieben generell auch nicht so weit… Im hohen Angreifen und tiefen Verteidigen müßte man natürlich etwas breiter werden, aber auch das schiene mir aus der Grundordnung heraus recht flexibel machbar zu sein…

(Ich finde Rauten als Grundstrukturen hochinteressant und wundere mich immer wieder, daß nicht viel mehr damit gearbeitet wird, abgesehen halt vom inzwischen etablierten 4-1-2-1-2.)

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