Blick über den Tellerrand – Folge 49

In einer weiteren Ausgabe erspäht der Blick über den Tellerrand spezielle Wechselwirkungen in der Zweiten Liga. Außerdem geht es viel um strategische Aspekte und Spielbalance.

Wo es gut läuft: Treffsichere Schützen

Zum Einstieg aber ein viel einfacher scheinendes oder gar nicht so banales Thema: Tore und genauer gesagt Torgefährlichkeit. Vor allem Stürmer gelten normalerweise als besonders torgefährlich oder sollten es nach allgemeiner Erwartung sein. Robin van Persie beispielsweise konnte das lange Jahre erfüllen, aktuell durchaus auch wieder. Der Niederländer ist eines der jüngsten Beispiele für das sich zuletzt wieder häufende Phänomen einer Rückkehr ehemaliger Weltklasse-Stars am Ende ihrer Karriere zu ihrem einstigen „Ausbildungsverein“. So schnürt seit dieser Halbserie auch der 34-jährige van Persie wieder für Feyenoord die Schuhe. Die ersten Auftritte des ehemaligen Nationalspielers für die Rotterdamer waren allesamt Kurzeinsätze und nicht allzu aussagekräftig, es dauerte etwas bis zum ersten Einsatz in der Anfangself. Insgesamt hat van Persie aber schon auf sich aufmerksam machen können und in bisher zehn Einsätzen seit seiner Rückkehr immerhin bereits fünf Mal getroffen.

Bei seinen nur zwei Auftritten in der Startformation wurde er interessanterweise jeweils in einem offensiv interpretierten 4-4-1-1/4-2-4 als hängende Spitze hinter Jörgensen aufgeboten. Mit seiner technischen Klasse und vor allem seiner unorthodoxen Vielseitigkeit in der Ballsicherung funktionierte das auch ganz gut, im Kontext der häufigen Eredivisie-Mannorientierungen fällt ein stürmischer, eher punktuell im Mittelfeld präsenter Zehner nicht so sehr ins Gewicht. Über die laufstarken Allrounder im defensiven Mittelfeld kann Feyenoord das Spiel aggressiv antreiben und van Persie brachte überraschend viele vertikale Pendelbewegungen ein, wenngleich er dann jeweils recht früh ausgewechselt wurde.

Einer der größten Vorteile dieser speziellen Einbindung, die nicht unbedingt auf langfristige Dauerhaftigkeit ausgerichtet ist, besteht in der Torgefahr aus dem Rückraum – ein Element, das gut in Feyenoords Spielweise passt. Häufig lauert van Persie im Bereich der Strafraumgrenze darauf, dass die Mannorientierungen dort Raum für Abschlussgelegenheiten nach Quer- oder Rückpässen freigeben. Schon zu seinen Glanzzeiten hatte kaum ein Spieler einen so umfassenden, weiträumigen Gefahrenradius wie van Persie, vor allem wenn man noch seine gar nicht so klassische Athletik in die Rechnung einbezieht. Übrigens ist ein solcher Punkt in einem allgemeinen Sinne dahingehend wichtig, dass ein fast floskelhaft erscheinender Begriff wie „Torgefährlichkeit“ tatsächlich ein analytisches Kriterium sein kann, wenn man ihn inhaltlich unterfüttert und systematisiert.

Unterschiedliche Spieler haben unterschiedliche Arten von „Torgefährlichkeit“, bei manchen sticht sie besonders heraus und ist aufgrund bestimmter Faktoren tatsächlich eine Art Charaktermerkmal. Bei speziellen Abschlussfähigkeiten ließen sich verschiedene Facetten finden, und Torgefahr durch gutes Bewegungsspiel kann davon herrühren, dass ein Spieler für eine konkrete Art von systemisch vorgesehenen nachstoßenden Läufen das Timing herausragend umsetzt oder ganz allgemein in seinem Profil ein eigentümliches Raumgespür im Sechzehner hat. In China hat in der neuen Saison, die seit März läuft, der seit Jahren sehr erfolgreiche Angreifer Wu Lei für Shanghai SIPG schon wieder acht Saisontreffer markiert: Mit seinen vielseitigen, dabei jeweils definierten und rationalen Läufen als Flügel- oder derzeit teilweise gar als Mittelstürmer ist er logischerweise auf eine ganz andere Art torgefährlich als van Persie.

Dieser hat sich bei Feyenoord also bisher ganz gut eingefügt und das Ganze funktioniert auch eigentlich etwas effektiver, als vielleicht zu erwarten. Vor der Saison hatte es auch bei Ajax eine solche Rückholaktion mit Klaas-Jan Huntelaar gegeben, der mit zwölf Saisontreffern ebenfalls nicht schlecht dabei ist. Alte Bekannte, die momentan in guter Form und treffsicher sind – da kann man auch Yago Pikachu, den brasilianischen Flügellallrounder mit dem auffälligen Namen nennen, der deshalb ein „alter Bekannter“ ist, weil er vor vier Jahren schon einmal von einem „Blick über den Tellerrand“ erfasst wurde. Damals beim Zweitligisten Paysandu, hat er es mit einigen Verzögerungen mittlerweile in die erste brasilianische Liga geschafft und erlebt aktuell bei Vasco da Gama einen herausragenden Start ins Spieljahr 2018: Stammplatz und zahlreiche Treffer, unter anderem drei in der Copa Libertadores und zwei im Finale um die Rio-Staatsmeisterschaft.

Was ihn als Rechtsverteidiger vor vier Jahren offensiv ausmachte und damals etwa zu einer Bilanz von neun Toren in einer Saison führte, sieht man auch jetzt im rechten Mittelfeld: Besonders auffällig ist sein geschicktes, harmonisches Positionsverhalten im Strafraum. Seine diagonalen Bewegungen in die Spitze sind gut und gehen häufig bis zum ballnahen Pfosten durch, besonders glänzt er jedoch mit explosiver, interessanter Neuorientierung für Folgemomente. In seinem Fall ist es dieser Aspekt, der Yago Pikachu zu einem – im Vergleich mit grundsätzlich ähnlichen Spielertypen – besonders torgefährlichen Akteur macht.

Spiel der Woche: Arminia Bielefeld – Holstein Kiel 1:1

Dass die zweite Liga sich derzeit – mal wieder, und noch mehr als in den letzten Jahren – so ungemein eng ist, liegt nicht nur an einer hohen Leistungsdichte, sondern auch einer gewissen Standardisierung oder Einheitsbrei-Problematik als deren Kehrseite. Viele Teams ähneln sich recht stark ohne die ganz spezifischen, eigentümlichen Besonderheiten und so gibt es viele knappe Partien, auf deren Ergebnis der Zufall einen vergleichsweise hohen Einfluss nehmen kann. Man hat sicherlich eine Reihe unspektakulärer Begegnungen in dieser Liga, zu denen man gar nicht groß etwas sagen kann – so lässt sich schon kritisieren.

In keinem Fall kann man aber sagen, dass das deutsche Fußball-Unterhaus taktisch komplett langweilig und gleichförmig wäre. Man findet immer auch Partien mit spezielleren Wechselwirkungen: Das muss gar nicht heißen, dass dies auch immer die qualitativ besten Spiele der Liga sind, sondern nur, dass vergleichsweise viel „Erwähnenswertes“ passiert. Für ein Beispiel sei einfach nochmals zwei Wochen zurückgeblickt, auf die Ostertage: Da gab es das Duell zwischen Arminia Bielefeld und Holstein Kiel, in welchem die Gastgeber sogar nah an den aktuellen Tabellendritten hätten heranrücken können.

Die Kieler von Trainer Markus Anfang agierten ähnlich wie in der Hinrunde mit viel aufgerückter Offensivpräsenz und aus dieser dann mit Tiefenläufen hinter die Abwehr sowie langen Bällen. Verbunden war dies im Aufbau häufig mit engen Außenverteidigern, insbesondere in Person von Herrmann rechts. Dagegen war das bei Bielefeld in den letzten Wochen favorisierte 4-1-4-1 zunächst einmal gut aufgestellt: Der ballnahe Achter rückte jeweils gegen die ballführenden Abwehrspieler heraus und versperrte den Halbraum im Deckungsschatten. Zudem konnte der Flügelspieler daneben aufgrund der tiefen Position seines „nominellen“ Gegenspielers die Kompaktheit nach hinten fokussieren und sich auf Absicherungsaufgaben konzentrieren.

Häufige Ausgangslage in der Anfangsviertelstunde, als Bielefeld gut im Spiel war

Sollte doch einmal ein Ball auf einen der hoch lauernden Kinsombi und Drexler (punktuell auch Weilandt) durchkommen, bot sich für die Gastgeber noch der Vorteil, dass Schütz quasi durchgehend frei und immer in einer günstigen Position war, um schnell mit zu pressen. Für Kiel musste eher etwas über außen gehen, wo die offensiven Flügelspieler aufgrund ihrer eng agierenden Hintermännern meistens die Breite hielten. Eine Gefahrenquelle kann in dieser Systematik darin liegen, dass die verteidigenden – hier also die Bielefelder – Außenverteidiger bei Anspielen weiträumig nach außen rücken und die Innenverteidiger ballnah entsprechend ebenso lange Wege hinterher schieben müssen.

Dies vermochte die Spielweise der Kieler in dieser Saison wegen ihrer offensiven und beweglichen Achter-Einbindung sich schon oftmals zunutze machen, wenn ihnen von den Flügelpositionen aus schnelle Weiterleitungen gelangen. Dann konnten Drexler und Co. mit hoher Präsenz hinter Duksch die letzte gegnerische Linie attackieren. Auch in dieser Begegnung sollte jenes Phänomen in ihrem Verlauf häufiger zutage treten, nachdem Bielefeld in der Anfangsviertelstunde ein gewisses Übergewicht verbucht hatte. Gegen die Mannorientierungen der Gäste nutzten die Hausherren unter anderem Dribblings von Staude sowie einfache Verlagerungen konsequent aus, was ihnen recht regelmäßig Präsenzphasen von gewisser Dauer in Offensivzonen verschaffte.

Der zwischen Tiefbleiben der Kieler Außenverteidiger und deren Angriffspräsenz entstehende Raum bot dem jeweils ballfernen Flügel der Gastgeber zudem recht zuverlässige Konterauslösungsmöglichkeiten, zumindest für das Ballsichern im Umschalten. Demgegenüber landeten bei den Holsteinern zunächst viele lange Bälle im Nichts. Nach einer Viertelstunde mit viel Bielefelder Spielanteilen aber gab es auf Seiten der Gäste dann eine ziemlich wirksame Anpassung. Die Aufteilung in der ersten Linie wurde konsequenter dahingehend, dass häufiger nur noch ein Außenverteidiger klar hinten blieb und der andere sauberer aufrückte. War eine solche Asymmetrie zuvor nur leicht angedeutet worden, entwickelte sie nun mehr Effekt.

Hauptsächlich übernahm Herrmann den tieferen und van den Bergh den höheren Part. In dieser Konstellation bewegten sich die Aufbauspieler zudem etwas ökonomischer im Raum, so dass Vertikalpasswege durch den Halbraum nicht mehr so leicht zugeschoben werden konnten. Mit der verschobenen Asymmetrie wurden gewissermaßen für Bielefeld die „Zugriffspunkte“ ebenso verschoben und dadurch unklarer, wenngleich sie sich zumindest auf der jeweils ballnahen Seite öfters noch mit „getauschten“ Mannorientierungen zu behelfen versuchten, also Achter gegen Außenverteidiger, Flügelstürmer gegen Flügelstürmer und Außenverteidiger gegen hohen Achter.

In dieser Konstellation sah es für die Kieler besser aus. Solche Fälle fielen verstärkt in den Mittelteil der ersten Halbzeit, in dem die Gäste auch zu ihren besten Torchancen kamen

Um vor diesem Hintergrund die erste Linie griffiger unter Druck setzen zu können, rückte der Gesamtverbund als solches tendenziell etwas weiter heraus und der ballferne Achter stand prinzipiell weiter bzw. schon etwas zu weit in die Höhe Richtung der gegnerischen Aufbaulinie gezogen. Wenn die Gäste hinten nun in einer Dreierkette zirkulierten, wurden die Wege für das Mittelfeld-Herausrücken bei den Ostwestfalen länger. Bei manchen Abläufen nutzten die Kieler zudem eine tiefere Position des jeweils breiter bleibenden Außenspielers, meist Schindlers, der quasi seitlich zwischen den Reihen schwierig aufgenommen werden konnte. In der Summe bedeutete all das letztlich, dass Kiel häufiger in den Raum hinter den Bielefelder Achtern eindrang und dort mit ihren eigenen Offensivakteuren mehrmals Überzahlen gegen den allein verbleibenden Schütz hatte.

Im Mittelteil der ersten Halbzeit brachte das mehrere gefährliche Angriffe auf die Abwehr zu, wenngleich Behrendt und Börner im Herausrücken noch manche Szene entschärfen. Ein typisches Szenario sah vor allem so aus, dass die Kieler Achter den gewonnen Raum zur Vorbereitung von Schnittstellenpass in den Rücken der gegnerischen Außenverteidiger nutzen konnten. Insbesondere die Läufe von Schindler hinter Hartherz, die der Linksverteidiger und Staude dann auch aufgrund der jeweiligen Dynamiken nicht mehr kontrolliert bekamen, sorgten für einige Durchbrüche zur Grundlinie. Allerdings war diese Drangphase bei den Gästen nicht von letzter Konstanz gekrönt. Ganz konsequent wurde die Asymmetrie mit der verschobenen Aufbaudreierkette dann doch nicht umgesetzt, es gab quasi über die gesamte Spielzeit immer mal unsaubere Ausnahmeszenen und diese häuften sich zum Ende des ersten Durchgangs wiederum.

Bei den Kielern zeigten sich recht klare Mannorientierungen auf allen Positionen. Gerade die Bielefelder Achter wurden weit verfolgt, so deckte insbesondere Peitz gegen Prietl mehrmals bis in die letzte Linie. Dass die Außenstürmer in dieser Systematik vereinzelt dann mal höher bleiben konnten statt immer zwingend an die Kompaktheit anzuschließen, eröffnete den Gästen punktuell interessante Kontermöglichkeiten. Ansonsten kamen sie mit ihren Mannorientierungen noch ganz gut hin, auch wenn die Hausherren vom Grundsatz schon sinnvoll dagegen vorgingen: Sie arbeiteten mit vielen Rochaden der Achter – jedoch untereinander zu wenig verknüpft – und versuchten in unterschiedlichen Konstellationen, Raum für Tiefenpässe der Außenverteidiger frei zu ziehen.

Insgesamt passte die Art der gewählten Bewegungsmechanismen gut gegen die Mannorientierungen, die Umsetzung selbst erwies sich aber als nicht durchschlagend genug: Dafür hätte es innerhalb des Mittelfelds eben noch mehr Synergien gebraucht und auch den durch zurückweichende Gegner entstehenden Raum vor flachen Defensivstaffelungen hätte man im Angriffsdrittel noch etwas ruhiger nutzen können. Wie wirksam die Vorstöße der in Überzahl gegen den Mittelstürmer agierenden Vorstöße der Innenverteidiger sein konnten, zeigte Behrendts Sprint vor seinem Fernschuss zum 1:0. Nach diesem Tor kamen die Gäste relativ zügig zum Ausgleich, der aus einem Konter nach einer Bielefelder Ecke resultierte. Das Remis ging in Ordnung nach einem ausgeglichenen ersten Durchgang, auch wenn Kiel an dessen Ende letztlich etwas gefährlicher gewirkt hatte.

Zur zweiten Halbzeit brachte Bielefelds Trainer Saibene mit Fabian Klos für Putaro einen weiteren Stürmer. Dies war eine riskante Wahl, die man in jener Konstellation auch erst einmal wagen musste, stand doch zu befürchten, dass eine Umstellung auf 4-4-2 das Mittelfeld und insbesondere dessen Absicherung gegen die hohen Kieler Achter zu sehr öffnen würde. Zu Beginn gab es in der Tat manche brenzlige Szenen, hauptsächlich nach Umschaltsituationen und losen Bällen sowie Chip-Pässen, als das Leder im Rücken der zweiten Bielefelder Linie zu einem der Kieler Halbspieler sprang, welche dann viel Personal gegen die Viererkette der Ostwestfalen stellen konnten.

Ansonsten – und vor allem: über den weiteren Verlauf hinweg – machten sich etwaige Risiken für die Gastgeber aber erstaunlich wenig bemerkbar, da sie ihre neue Ausrichtung auch gut umsetzten: Bei Ballbesitz gab es ohnehin eine gewisse Asymmetrie in jenem 4-4-2, da Kerschbaumer – nun nominell im rechten Mittelfeld – in Verbindung mit einem leichten Linksfokus etwas einrückte und so zumindest immer ausreichend Stabilität in der Formation blieb, selbst wenn sich jene Bewegungen nicht spielerisch ausnutzen ließen. Dafür wichen dann Klos oder auch mal Voglsammer etwas zu rechten Seite aus und agierten schon mal im Dunstkreis des gegnerischen Linksverteidigers.

Insgesamt wirkte Bielefeld nach der Pause gefährlicher als die Gäste, wenngleich nicht in erster Linie durch die Linksüberladungen und auch nicht durch die gelegentlichen Abläufe rechts, die sich aus Synergien zwischen Kerschbaumer und Prietl speisten. Dafür kamen sie gegen Kiels Mannorientierungen mit verringerter Präsenz nicht mehr gut genug durchs Spielfeldzentrum, mussten also viel mehr mit langen Bällen operieren. Das taten sie aber sehr konsequent, etwa im Hinblick auf vorbereitende Rückpässe zum Keeper, und wurden so gefährlich. Mit dem neuen Doppel-Sturm gab es mehr Möglichkeiten und Wucht gegen die Kieler Innenverteidigung, und tatsächlich entstanden zwei Szenen von der Liste der Tormöglichkeiten aus einfachen Kopfballweiterleitungen nach Vorarbeiten Ortegas. Dagegen versuchten sich die Gäste durch ganz tiefes Verteidigen von Peitz in ein 3gegen2 abzusichern.

Eine andere und noch wichtigere Facette in der Umsetzung der Bielefelder Spielweise betraf aber das Pressing. Indem das 4-4-2 hier gut genug griff, konnte es insgesamt funktionieren. Vor allem Klos nutzte seine Kraftreserven für häufiges Anlaufen und erhöhte somit die Intensität der Ostwestfalen gegen den Ball maßgeblich. Die genaue Anordnung zwischen ihm und Voglsammer gestaltete sich leicht versetzt in passender Balance, so dass Erstgenannter diagonal über den Halbraum verteidigen konnte und Letzterer etwas höher den Querpassweg blockierte. Aufgrund der kurzen Abstände zu den engen Kieler Außenverteidigern konnte Bielefeld mit einem Sturmduo zudem leichter durchpressen. Das wirkte sich mit der Zeit mehr aus, nachdem Kiel sich in der ersten Viertelstunde über die Flügelzonen und konsequente Abläufe zunächst noch ziemlich oft lösen konnte. Insgesamt fand Bielefelds 4-4-2 in einer Entwicklung hin zu einem von Intensität und vielen Zweikämpfen geprägten Kampfspiel etwas mehr Gewicht, jedoch nicht ganz ausreichend für ein mögliches Siegtor.

Interessant zu beobachten: Strategische Themen bei AZ – PSV

Das größte Topspiel des Spieltages in den Niederlanden stieg am letzten Wochenende zwischen dem derzeit mal wieder oben mitspielenden AZ Alkmaar und dem souveränen Tabellenführer PSV.

Interessant war diese Begegnung in erster Linie aus strategischer Perspektive. Währenddessen wurden die Grundstrukturen eredivisie-typisch stark von Mannorientierungen geprägt, besonders auf Seiten des Tabellenführers. Jedoch geschah dies nicht in Form der so zahlreichen 4-3-3-Duelle, sondern vor dem Hintergrund einer der in der jüngeren Vergangenheit überraschend selten gewordenen Dreierkettenformationen bei AZ. Tatsächlich sollte wiederum die Reaktion der PSV auf das 5-3-2 der Gastgeber die strategische Komponente entscheidend mit beeinflussen: Nur sollten presste das Team von Philip Cocu einfach im 4-3-3 direkt auf die Gegenspieler, indem hinter einer engen Sturmreihe die Außenverteidiger weiträumig auf die gegnerischen Flügelläufer herausrückten.

Häufig orientierte sich vielmehr Lozano nach vorne in einen asymmetrischen Doppelsturm, wohingegen Pereiro deutlich tiefer verteidigte. Er nahm für gewöhnlich dort den Flügelläufer auf, Brenet konnte dadurch hinten und gewissermaßen „frei“ bleiben. Das vertrug sich gut mit der Seitenaufteilung in der gegnerischen Offensive, zog es doch Jahanbaksh als den hängenden AZ-Angreifer immer wieder nach außen oder zu weiträumiger pendelnden Bewegungen durch die Halbräume – dem sollte sich der PSV-Linksverteidiger dann annehmen. Vor allem auf diesen Positionen wurden letztlich gar extreme Manndeckungen ausgeführt, aufgrund derer die Gäste auch einige gefährliche Szenen hinnehmen mussten, beispielsweise eine Riesenchance in der Anfangsphase. Auch bei den zwei Gegentoren nach dem Seitenwechsel sollte das mit hineinspielen.

Die Pressingasymmetrie der PSV bedeutete für die strukturellen Gewichte der Partie zudem eine Ungleichverteilung im eigenen linken Halbraum in der ersten Linie zwischen dem tiefen Pereiro und dem nur leicht nach außen verschobenen de Jong. Mit zwei Spielern vorne ließ sich die horizontale Zirkulation für die auch traditionell nicht allzu intensive Cocu-Truppe nicht immer unterbinden. Mit diagonalen, deckungsschattennutzenden Pressingbewegungen des ballnahen Achters hätte man den Raum auffüllen können, diese mussten aber stets aus der Mannorientierungs-Logik gelöst werden. Dadurch entstand ein weitgehend konstantes Muster der ersten Halbzeit: Aufrückraum für den rechten Halbverteidiger von AZ. Dieser konnte das Leder nach vorne tragen und auch mal die eine oder andere Offensivaktion einleiten.

Der Hauptnutzen für die Gastgeber war aber der, sich so Sicherheit und Raumgewinn im Aufbauspiel zu generieren. Über diese Route vermochten sie häufig dem gegnerischen Zugriff zu entwischen und erzeugten darüber reichlich Spielanteile, statistisch gesehen ziemlich genau zwei Drittel Ballbesitz. Hinzu kam, dass sie das strategisch relativ gezielt, ruhig und bewusst nutzten. Gerade an dieser Stelle lag bei John van den Broms AZ in den vergangenen Jahren häufig ein Knackpunkt insofern, dass die Mannschaft in Sachen Kontrolle mitunter etwas nachlässig war und sich vor allem auf offene Spiele einließ. Das sorgte für die wiederkehrende Ergebnisstruktur, dass man gegen schwächere Mannschaften sehr regelmäßig punktete, in den Duellen mit den drei Top-Teams aber trotz Potentials sofort deutliche Niederlagen hinnehmen musste.

Aus der Sicht der PSV wiederum ließ sich jene strategische Konstellation dieses Spiels ebenfalls in den größeren Kontext der Mannschaftsentwicklung einordnen: Gegen den Ball begleitete sie über die letzten und zum Teil sehr erfolgreichen Jahre oft der Nachteil geringer Zugriffsintensität. Es gab wenig kohärente Vorwärtsbewegungen aus der ersten Linie hinaus mit mehr Präsenz gegenüber des starken Übergewichts der Mannorientierungen. So waren Eindhovener strategisch ein Stück weit eingeschränkt und hatten ziemlich wenig Mittel, eine Veränderung der „Spielgewichte“ mal zu erzwingen. Solange der Gegner den Ball hatte, mussten sie im Rhythmus meistens mitlaufen. Gerade in den CL-Auftritten, wo sie teilweise noch eine bessere Rolle hätten spielen können, wurde ihnen das zum Verhängnis. In dieser Saison scheint man konsequenter gegenzusteuern, mit wieder verstärkten Phasen höheren Pressings und dank des Effekts, mehr Spielanteile durch die Fortschritte im Gegenpressing zu sichern.

Kurios daran: Nachdem die Mannen aus Eindhoven in dieser lange 0:0 stehenden Begegnung im zweiten Durchgang mit zwei Toren in Rückstand gerieten, erzielten sie das zwischenzeitliche 2:2 ausgerechnet aus einer sehr konsequenten Angriffspressingsituation, wenngleich auch mit viel Glück. Am Ende konnte der Tabellenführer die Partie in einer turbulenten Schlussphase noch für sich entscheiden, obwohl sie schon fast wie der Verlierer aussahen. Innerhalb von nicht einmal acht Minuten machten sie aber aus einem Zwei-Tore-Rückstand eine Führung, aber ohne eine besondere, dynamikentfachende Umstellung – ein Treffer per Standardsituation, einer aus dem Angriffspressing dank des enormen Fauxpas des Keepers und einer per Elfmeter nach einer Ecke. Insgesamt war es in der Offensive beileibe nicht die beste Partie der PSV, die sich lange schwer tat.

Zumindest konnten sie ihre Qualitäten aber andeuten, so etwa das Freilaufverhalten und generell das Bewegungsspiel im Mittelfeld, welches diese Saison noch etwas strukturierter daherkommt. In der zweiten Halbzeit formten sie teilweise eine sehr kompakte Doppel-Sechs nach hinten, für den Aufbau verhielten sie sich in ihrer typischen Vielseitigkeit insgesamt recht kontrolliert. Gelegentlich fanden sie daher Zwischenräume um die Deckungen ihrer Pendants herum und konnten das Leder gegen die Rückzugsbewegung nach außen weiterleiten, zudem arbeiteten sie viel mit horizontalen Rochaden und versuchten – insbesondere in Person Ramselaars – die Schnittstellen der Fünferkette zu attackieren.

Das sah insgesamt ganz gut aus, bedeutete aber auch, dass viele Angriffe schnell und vertikal durchgespielt werden mussten. Hier lag letztlich wiederum ein Faktor für die vergleichsweise niedrigen Spielanteile. Die Außenverteidiger konnten – nach einigen guten einleitenden Aktionen – nicht immer schnell genug nachrücken und gegen die letzte AZ-Defensivreihe ergab sich schlussendlich nur selten die nötige Angriffspräsenz. Hierbei spielten auch die teilweise sehr freien Rollen der nominellen Außenstürmer eine Rolle, insbesondere jene des fast schon unkontrolliert herum driftenden Lozano. Teilweise wirkte etwa ihr Einrücken beinahe kontraproduktiv, wenn das Spiel der PSV weiter nach innen getragen wurde, da sich dann die dortigen Aktionen im Ausspielen zu stark auf die einzelne spielmachende Handlung des Individualisten konzentrierte.

kalleleo 16. April 2018 um 15:43

Ist Heidenheim immer noch auf deiner Liste? 😉 Ich hab mal mit dem Tabellenrechner gespielt und am Ende waren drei Mannschaften mit 40 Punkten. Glaub das wird dieses Jahr ganz bitter fuer die Mannschaft die dann mit so einem guten Ergebnis runtermuss.

Antworten

xyz 14. April 2018 um 08:49

Stichwort 2. Liga.

Wie siehst du den Abstiegskampf – der Fck ist seit gestern Abend ja quasi abgestiegen. Sie hatten sich zwar insgesamt gesteigert, hatten aber m.E. immer noch phasenweise zu massive Zugriffsprobleme um in dieser Liga mit der Hinrundenypothek bestehen zu können. Bzw. die Mannschaft ist zu unausgeglichen – Mwene, Osawe, Borello (Callsen-Bracker,Altintop), Moritz sind m.E. min. gehobenes Zweitliga Niveau, aber dann sind da halt auch einige Spieler, die entweder zur Ausrichtung nicht so wirklich passen, oder bei denen die 2.Liga eigtl. eine Nr. zu gross ist.

Darmstadt, Heidenheim sind nat. auf Grund der Ausgangslage auch favorisiert für die Abstiegsplätze, aber ich denke gerade Heidenheim ist immer für 4-8 Punkte aus den letzten 4 Spielen gut.
Wer rettet sich? wer steigt ab? Gibt es *besondere* Teams da unten?

Antworten

rb 17. April 2018 um 08:48

interessant: datenanalysen mit ganz unterschiedlichen methoden sehen heidenheim, dresden, pauli und fürth jeweils mit 42(!) punkten auf den plätzen 13-16

https://twitter.com/Goalimpact/status/986114007445721088
https://projects.fivethirtyeight.com/soccer-predictions/bundesliga-2/

Antworten

AG 17. April 2018 um 12:50

Bei FiveThirtyEight schaue ich zwar auch gerne, aber deren Vorhersage vor der Saison passt da doch nicht gut – sie haben Kiel als wahrscheinlichen Absteiger gesehen (unter der Tabelle kann man das Datum der Vorhersage einstellen – aktuell berechnen sie nur, was ab jetzt noch passieren kann).

Antworten

TR 18. April 2018 um 21:13

Hallo, mit etwas Verspätung wollte ich hier noch eine Antwort nachliefern, kann mich leider aber gar nicht so besonders ausführlich dazu äußern. In der Breite habe ich diese Saison einfach zu wenig Spiele gesehen, um da eine genauere Einschätzung über die möglichen Verläufe des Abstiegskampfes abgeben und etwaige besondere Teams nennen zu können. Heidenheim beispielsweise war über die letzten Jahre immer ganz gut dabei und wurde auf der Seite auch einige Male behandelt. Generell sind mir bei den Partien, die ich so gesehen habe in dieser Spielzeit, nur einige wenige „spezielle“ Teams aufgefallen, aber die stehen dann – wie beispielsweise Regensburg mit ihrem Pressing – nicht da ganz unten mit drin.

Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*