Blick über den Tellerrand – Folge 47

Schlagwörter zu dieser Ausgabe: Luxemburg, Komplettheit und unorthodoxe Ausweichbewegungen. Was sich dahinter verbergen mag, dürfte ähnlich spannend sein wie Adventskalendertürchen.

Interessant zu beobachten: Unorthodoxe Elemente im Stadtderby von Verona

Zum Start in die Vorweihnachtszeit ließen es die Teams in vielen internationalen Top-Ligen etwas geruhsamer angehen, was Glanzpunkte und Spektakel anging. Unter der Woche gab es zuletzt aber beispielsweise im Achtelfinale der Coppa Italia ein sehenswertes Stadtderby zwischen den beiden Kontrahenten aus Verona, Chievo von Trainer Rodrigo Maran und Hellas unter Coach Fabio Secchia. Der ungewöhnliche Facettenreichtum dieser Begegnung sollte aus taktischer Sicht einige recht spezielle Punkte bereit halten.

Innerhalb der zahlreichen ambitionierten Bewegungen konnte beide Mannschaften zunächst gegen aufrückende Pressingmomente des Gegners nicht die letzte Kontrolle im Sechserraum erzeugen und lieferten sich unruhige Ballwechsel, die Gastgeber kamen aber näher an jene Zielsetzung heran. Ohnehin schienen die Teams jeweils viel mit langen Bällen operieren zu wollen. In der Anfangsphase der Partie machte sich als Hintergrund schon ein bisschen die Thematik bemerkbar, dass ein aus einer breiten Raute hergestelltes 4-4-2 aufgrund der 4-1-3-2-Nähe für ein höheres Attackieren im Durchschnitt etwas effektiver wirkt als das Improvisieren aus einem normaleren 4-4-2 heraus. Bei Chievo versperrte das vordere Dreieck das Zentrum schon in der Grundstellung, Gaudino pendelte gut in der Abdeckung beider gegnerischer Sechser. So konnte Hellas nach außen geleitet werden, wo der ballnahe Halbspieler ins Pressing ging, die Offensivleute nachschoben und der ballferne Kollege sehr harmonisch im dortigen Halbraum etwaige Ein- oder Aufrückbewegungen aufnehmen konnte.

Währenddessen startete Hellas mit den Flügeln im Pressing breiter und konnte das nicht so flexibel umsetzen: Hinter den Stürmern rückte Zuculini immer wieder sehr weiträumig wie dynamisch – und individuell aber doch manchmal unbalanciert ausgeführt – auf Radovanovic nach, dahinter funktionierte das mannorientierte Nachschieben bei zwei gleichzeitigen Zurückfallbewegungen aus Chievos Mittelfeld zur tiefen Unterstützung des Aufbaus aber nicht mehr. Die Hausherren banden ihren Keeper gut in die Zirkulation ein, Routinier Dainelli spielte einige kluge Pässe und vor allem Garritano fand ein sehr ausgewogenes Timing, wann er in den Halbruam pendeln musste, um beim Auflösen von Drucksituationen zu helfen. Vor dem 1:0 sorgte er zumindest „off-the-ball“ dafür, dass Fossati die Verfolgung von Gaudino lockern musste und dieser im tiefen seitlichen Halbraum so etwas Freiheit erhielt.

Tatsächlich waren die gegnerischen Angriffspressingsituation für die Hausherren besonders „aussichtsreich“, weil das eigene Aufbauspiel bei etwas passiverer, normalerer gegnerischer Ausrichtung nicht so gut funktionierte – eine solche Verteilung ist normalerweise ein seltenes Phänomen. Die eigenen „Halbspieler“ tendierten in diesen Konstellationen vermehrt zu aufrückenden Bewegungen und auch einigen unpassenden Läufen in die Breite, da von ihnen weniger unterstützende Aktionen zur Ballsicherung in der Tiefe verlangt wurden. Dadurch konnte sich aber Radovanovic gegen die dichte Viererlinie von Hellas nur wenig Präsenz schaffen, auch wenn deren Vertikalkompaktheit dahinter nicht ganz so optimal war. In der Folge musste Chievo auch viele anspruchsvolle längere Zuspiele in die Offensive versuchen, ein Beitrag zum wechselhaften Charakter der Partie.

Konkret geschah das aber recht geplant über drei typische Routen: In früheren Phasen des Aufbauspiels nahmen weite Diagonalbälle auf die teilweise extrem hochschiebenden Außenverteidiger eine wichtige Rolle ein. Diese selbst wiederum griffen bei eigener Beteiligung zu Flügellinienpässen auf aggressive Rochaden des ballnahen Halbspielers auf den Flügel. In beiden Fällen gelang es den Bewegungen der sich etwas nach außen schiebenden Stürmer effektiv, die gegnerische Viererkette zu binden und so Herausrückbewegungen der Außenverteidiger zu verhindern. Sobald aber ein Halbspieler Chievos in der Vertikallücke innerhalb der Hellas-Flügelbesetzung freigespielt worden war, lösten sie sich schließlich nach vorne und wussten mit Hilfe eines doppelnden Sechsers die folgenden Dribblingversuche von Depaoli bzw. Garritano auch mehrheitlich abzufangen.

Schließlich boten sich gelegentlich auch die Chievo-Stürmer selbst mit ihren horizontalen Pendelbewegungen für Pässe nach außen an. Vor allem bei erfolgten Raumgewinn im Bereich des zweiten Drittels versuchten die Gastgeber ihre Angreifer dann mit aggressiven Zuspielen schnell zu bedienen. Im Angriffsdrittel wurde ihr Spiel durch diese breite und auch breit bleibende Gesamtstruktur aber insgesamt etwas hölzern und tat sich schwer, Dynamik aufzunehmen. Nach dem Erlaufen der Vorwärtspässe durch die Ausweichbewegungen gelang es ihnen zunächst aber zumindest ganz gut, Bälle fest zu machen und dann auch wieder ins Zentrum zurück zu legen. So konnten sie den Stadtrivalen zurückdrängen und erreichten auf diesem Wege speziell in der Phase nach deren Ausgleichstor reihenweise einen leichten Ballvortrag. Im Endeffekt brachten sie immer viel Präsenz nach vorne, diese war aber flach gestaffelt.

Nach beendeten Vorwärtsläufen orientierten sie sich aber horizontal oft noch einmal neu und wirkten im gruppentaktischen Ausspielen recht kreativ, so dass punktuell Gefahr durch die Schnittstellen entstand. Auch deshalb agierten sie trotz der vielen Läufe in die letzte Linie noch vergleichsweise kontrolliert und wurden nicht ganz so konteranfällig wie das bei ähnlichen Konstellationen häufig ist. Wichtiger dafür war aber ohnehin die Rückzugs- oder Aufrück-Bewegungen der Außenverteidiger in teilweise sehr enge Dreierlinien neben Radovanovic. Als Stabilisierungsfaktor sicherten sie die Offensivaktionen somit entscheidend ab. Viele ballfordernde Bewegungen zu den Flügeln und viel Zirkulation zwischen den beiden Außenbahnen um die Strukturen herum – so die prägende Zusammenfassung bei Chievo, die übrigens für den Stil von Hellas auch recht ähnlich galt.

Zwar hatten die Gäste trotz ebenfalls recht guter Torwarteinbindung im Aufbau Probleme, konnten aber ihre Bemühungen im zweiten und punktuell im Angriffsdrittel zumindest für Kurzphasen – etwas mehr Geduld hätte dann schon noch gut getan – um die gegnerische Raute herumführen. Eine Voraussetzung dafür war auch, dass diese formative Grundlage für den Gastgeber keine generelle Überlegenheit beim – in diesem Match nicht so selten auftretenden – Duell um etwaige Abpraller hervorrief. Dies speiste sich unter anderem aus dem nötigen Aufrückverhalten, das sie vorne im Pressing investieren mussten, und dem eher zurückhaltenden Herausrücken der Abwehrreihe, wozu wiederum die unorthodoxe Spielweise von Hellas zumindest in Teilen beitrug. Die Gäste agierten ebenfalls mit vielen Bewegungen zum Flügel und vor allem ungewöhnlichen Asymmetrien, die von hoher Tiefenpräsenz auf halbrechts ihren Ausgang nahm:

Abwechselnd ließen sich Fassoti und der Allrounder-Kapitän Romulo in den Halbraum von Zuculini fallen, um von dort aufzubauen. Der nominelle Rechtsaußen versuchte neben dem Aufbau auch in anderen Konstellationen immer wieder, das Leder im gruppentaktischen Verbund über den Flügel nach vorne zu schleppen. Auch Abpraller sammelte er in seiner fast flügelläuferartigen Ausrichtung häufig ein. Bei Raumgewinn und Angriffen auf rechts rochierte oft der linke Flügelspieler Fares ganz aggressiv durch die gesamte Horizontale und bot sich für Läufe zur Grundlinie oder sogar außen neben der Abwehrkette an. Das machte er gelegentlich sogar bei Angriffen, die er selbst vom linken Flügel mit aggressiven Dribblings nach innen gestartet und nach denen er dann den Ball nochmals ins Mittelfeld verteilt hatte.

Dieses äußerst ungewöhnliche Element wurde durch Fassoti leicht ausgeglichen, während die beiden zentralen Offensivspieler hauptsächlich innerhalb des mittleren Bereiches herum drifteten oder am Strafraumrand lauerten. So aggressiv, wie einige Laufwege angelegt waren, zeigten sich oft auch die Entscheidungen im Ausspielen, da Hellas mehrmals sehr attackierende Bälle in den Sechzehner suchte, ohne dass dieser teilweise überhaupt schon besetzt war bzw. werden konnte. Insgesamt wirkten sie also noch etwas direkter als der Stadtrivale und mit überfrühten Aktionen. Im Gegenzug blieb das Einschalten der zwei nominellen Sechser in die Angriffszonen vergleichsweise rar, so aktiv und vielseitig sie sich innerhalb des zweiten Drittels bewegten und so aggressiv bis riskant sie sich teilweise im Pressing auf den Weg nach vorne machten – in Ballbesitzmomenten schien dann ab einer gewissen Grenze Schluss zu sein.

Die beiden vorderen offensiven Zentrumsspieler zeigten Weiträumigkeit hauptsächlich bei Linksüberladungen, in denen sie dann teilweise ziemlich weit mit nach außen schoben. Auch hier traten wieder einzelne seltsame Freilaufbewegungen neben die gegnerische Abwehrlinie auf. Insgesamt fehlte es der eigenwilligen Angriffsstruktur der Gäste über lange Strecken an klaren offensiven Ausweichstationen ins Zentrum und zur anderen Seite, um sich gegen das Zuschieben der gegnerischen Rautenlogik dynamisch lösen zu können. Zu Anfang ihrer Szenen und nach zweiten Bällen sicherten sie das Leder zwar recht zuverlässig und zielstrebig nach außen, mussten dort die Szenen aber oft recht direkt auch zu Ende spielen. Alles in allem kamen sie vor allem sehr stark über die zahlreichen Flanken ihres antreibenden rechten Flügelallrounders, der sich im späteren Verlauf im Zuge verschiedenster positioneller Umbesetzungen aber mehrmals ins Zentrum einreihte.

Generell hatte Hellas mit einigen kleinen Modifiktionen sehr schnell die Möglichkeit, noch mal ein Stück besser ins Spiel zu kommen. Wenn die nominellen Flügel im Pressing etwas enger agierten, machte dies schon einiges aus. Der zwischenzeitliche Versuch einer wirklich rautenartigen Struktur mit höherem Fares quasi in der Sturmlinie und der asymmetrischen Umorganisation der beiden dortigen Akteure funktionierte aber nicht so balanciert. Interessant war zudem, die bei Ballbesitz prägenden Bewegungsmuster bzw. deren Zielstaffelungen stärker schon als Grundstruktur anzulegen: Romulo baute dann breiter und flügelläuferähnlicher auf, Fares positionierte sich schon früher am Flügel in der letzten Linie und sollte den Außenverteidiger binden, um damit generell mehr Zurückhaltung im gegnerischen Block zu provozieren, während die zwei Offensivspieler sich klarer und diagonaler dazu in die Halb- bzw. Zwischenräume orientierten. Nachdem Chievo etwas besser angefangen hatte und Hellas recht zügig nachzog, agierten beide leistungstechnisch nicht weit voneinander entfernt. Lange blieb es beim 1:1-Remis, die Gäste entscheiden letztlich das Elfmeterschießen für sich.

Spieler der Woche: Leandro

Mindestens in Rio de Janeiro wird für viele Leute die Flamengo-Legende José Leandro de Souza Ferreira der beste brasilianische Rechtsverteidiger aller Zeiten sein. Der angriffslustige Defensivmann wurde 1981 Weltpokalsieger und war Stammspieler der unvergessenen, ungekrönten „Seleção“ von 1982, die immer wieder als Inbegriff oder fast als mythische Erzählung des tragischen Scheiterns im Fußball thematisiert wird. Nicht zuletzt die Tatsache, dass auch die Außenverteidiger des Teams unbändig mit Finesse und Spektakel nach vorne stürmten, machte die enorme Ausstrahlung dieser Mannschaft rund.

Im Falle Leandros und seiner Spielweise war enorm offensive Ausrichtung gepaart mit teilweise verrückter Entscheidungsfindung. Wie ein Allrounder konnte er überall auf dem Platz auftauchen, setzte das gelegentlich auch ausschweifend um und in diesen Momenten entwickelte seine Selbsteinbindung dann einen klaren Hang zur Totalität. Jene WM 1982 schrieb diesbezüglich vielleicht die Extremmomente seiner Karriere: Gelegentlich gab es Szenen, in denen er wie selbstverständlich als Rechtsverteidiger mit auf die linke offensive Bahn schob und sich dort im Angriffsspiel beteiligte. Auf plötzliche Weise konnte er in unterschiedlichsten Positionen auftauchen und sich recht flexibel einschalten, mal mit aufgedrehten Läufen, mal sogar recht dominant im Angriffsvortrag, mal unorthodox im Gegenpressing. In jener Form war es bei ihm aber schon eher Ausnahme als Regel.

Sehr prägend für die Spielweise Leandros war das Dribbeln, vor allem auch quantitativ gesehen. Ständig nutzte er dieses Mittel in zahlreichen, auch unorthodoxen Situationen. Dessen Anwendung geschah dabei in einer ziemlich offensiven, attackierenden Art und Weise. Trotz gewisser Unsauberkeiten in der Ballführung und auch in der leicht unorthodoxen Koordination gelangen dem Brasilianer immer wieder überraschende und teilweise feinfüßige Haken in seinen Aktionen – teilweise auch gerade deswegen ließen sich seine Versuche nicht so leicht antizipieren. Zu der Effektivität dieser Dribblings und Haken trugen schließlich noch zwei weitere Faktoren bei: Zum einen zeigte er eine vergleichsweise beidfüßige Ballführung und brachte das aktiv ein. Zum anderen war er von seiner Athletik und weiteren physischen Voraussetzungen gut bei abrupten, aber fast gleitend wirkenden Richtungswechseln. Generell nutzte er jene Haken oft auch in taktisch sinnvollen Situationen.

In diesen Zusammenhang gehörten zudem seine teilweise kuriosen, aber starken Ballkontrollen: Vor allem beim Erlaufen von gegnerischen Pässen in die Tiefe (bzw. als Beispielfall dem Ablaufen von Gegnern) gelang es ihm auch aus schwierigen Situationen sehr gut, das Spielgerät quasi „dynamikdrehend“ mitzunehmen und sich ganz schnell wieder in eine offene Spielstellung zu bringen. Das kam als Innenverteidiger – eine Position, auf der er seit 1985 fast nur noch eingesetzt wurde – natürlich besonders oft zur Geltung, wo er immer wieder zügig Gegenangriffe bei erfolgten Balleroberungen initiieren konnte und quasi als Umschalteinleitungsspieler so prägend und zielstrebig agierte, dass sich die Übergänge zwischen den (nach van Gaal so klassifizierten) „Spielphasen“ fast bis zur Auflösung verkürzten. Diese Fähigkeit bedeutete hohes Potential und sorgte gelegentlich für einige sehr überraschende Wendungsmomente innerhalb von Szenen.

In der genauen Umsetzung seiner Spielweise ließen sich bei Leandro natürlich auch noch einige Aspekte kritisieren: Technisch beispielsweise hatte er eben – wie auch schon angedeutet – einige Schwächen, selbst im Vergleich zur damaligen Zeit. Allerdings war das nun auch wiederum keinesfalls extrem deutlich, befand er sich schon auf einem soliden bis guten Gesamtniveau und wurde dadurch auch nicht gehemmt, eine tragende Säule bei zeitgenössischen Topmannschaften zu bilden. Man dürfte ihn also schon als „spielstarken“ Außenverteidiger einordnen, seine Passtechnik etwa stellte sich sehr effetvoll dar. Auch Inkonstanz ist bei historischen Spielern natürlich immer noch mal eine zwar nicht stärker, aber doch auf jeden Fall anders geartete, strukturell unterschiedlich geartete Thematik als heute: Leandro war einfach durch seine aufgedrehte und verrückte Art ein Stück weit von jener Inkonstanz betroffen. Das äußerte sich in gelegentlich seltsamen Offensiventscheidungen und vor allem manchen ungeduldigen Fehleinschätzungen bezüglich der Wahl des Risikos seiner Aktionen.

Im Grunde genommen handelte es sich dabei um die negative Kehrseite seiner generell eben verrückten Spielweise. Dieses Element prägte Leandro als einen in vielerlei Hinsicht sehr extremen und potentiell totalen Fußballer. Übrigens behaupten manche Flamengo-Beobachter, er sei für seinen Verein – einzige Station seiner gesamten Karriere – tatsächlich auf jeder Feldspielerposition aufgelaufen. Rollenflexibilität ist aber gar nicht unbedingt der erste hauptausschlaggebende Punkt, sondern die Totalität innerhalb einer Rolle und der Gesamtcharakteristik. Wenn – und das war quantitativ natürlich häufiger – seine Verrücktheit nicht durchschlug, agierte er eigentlich sogar vergleichsweise rational und zuverlässig. Ein Spieler wie Leandro war definitiv speziell und etwas eigenwillig, aber auch wirklich selten.

Spiel der Woche: 1. FC Kaiserslautern – Arminia Bielefeld 0:2

Schon am vorletzten Wochenende gab es ein Zweitligaspiel, das fast ganz Luxemburg in Atem gehalten haben soll: Zwei Trainer des kleinen westeuropäischen Landes mit seiner insgesamt doch kleinen Bevölkerungszahl standen sich im direkten Duell gegenüber – der erst kürzlich ins Amt gekommene Jeff Strasser, der Kaiserslautern wieder etwas Hoffnung im Abstiegskampf machte, und auf der anderen Seite Jeff Saibene mit Arminia Bielefeld. Letztere kamen bei diesem Aufeinandertreffen zweier 4-4-2-Formationen, aus denen die Kontrahenten jeweils recht viel mit langen Bällen auf die Spitzen operierten, von Beginn weg etwas besser in die Partie, konnten sie doch beispielsweise aus solchen weiten Zuspielen oder den folgenden Abprallern mehr Effektivität ziehen.

Das lag an mehreren Punkten: Zum einen kamen die Gäste etwas dynamischer und unangenehmer ins Angriffspressing, welches zuletzt etwas eingeschlafen war, nun aber wieder nachdrücklicher betrieben wurde und an die Konsequenz des Saisonstarts erinnerte. Mehrmals pressten Klos und vor allem Voglsammer mit guten Bewegungen bis auf den Keeper nach. Zum anderen – und das war insgesamt klar der wichtigere Aspekt – bewegten sie sich harmonischer und zeigten sich überlegen im gruppentaktischen Bereich, wo es zuvor in der Phase der fünf sieglosen Partien auch eine kleine Schwächeperiode bei den Gästen gegeben hatte. Beide Teams agierten hier zwar im 4-4-2; doch während die Hausherren ihre Stürmer recht hoch hielten und sehr abgetrennt stattfindende Zurückfallbewegungen eines Angreifers kaum einbanden, agierten die Bielefelder Angreifer mit deutlich mehr Kontakt zueinander.

Sie rochierten gut in die Breite, suchten gezielt die Schnittstellen bei weiterem Aufrücken der Außenverteidiger im Angriffspressing und tauchten häufig gemeinsam an den Halbraumrändern auf. So konnten sie lange Bälle füreinander ablegen oder schneller Anbindung an die nominellen Flügelspieler finden. Auf rechts feierte der Putaro sein Saisonstartelfdebüt und sicherte einige Bälle mit seiner Technik. Links versuchten die Ostwestfalen ebenfalls eine interessante Neubesetzung: Der zuvor stets im Mittelfeldzentrum eingesetzte Kerschbaumer nahm eine angedeutete Hybridrolle ein und rückte recht weit ein. Am jüngst ausgetragenen Spieltag beim 5:0 gegen St. Pauli war das noch ein Stück konsequenter umgesetzt und ein wichtiger Schlüsselfaktor, indem der Österreicher mit gutem Timing etwa bis nach halbrechts durchschob. Beim Gastspiel in der Pfalz ergaben sich durch jene Tendenz zur Mischrolle halblinks ein klarer, als Orientierung dienender Grundfokus auf diesen Bereich und viele Anknüpfungspunkte für Dynamiken und gegenläufige Bewegungen.

Im Grunde genommen bildeten sich innerhalb des 4-4-2-Duells somit zusätzliche Linien, wenn die Angreifer nach außen rochierten, Kerschbaumer schräg dahinter durch den Halbraum driftete und die Sechser sich gut einschalteten. Mit Schütz und Prietl verfügen die Bielefelder hier ohnehin über eine sehr starke Besetzung. Diese kleinen strukturellen Feinheiten reichten als Grundlage schon aus, damit die gruppentaktischen Qualitäten für das Ausspielen greifen konnten: Auch nach unkontrollierten Abprallern erkannten die Gäste ihre Möglichkeiten reaktionsschnell und gingen dann in zügige Spielzüge über. Wichtig war vor allem, dass die durch die Asymmetrie vorhandenen Optionen konsequent genutzt, gezielt auf Ablagen, Weiterleitungen und Dreiecke gesetzt wurden – Risiko und Unsauberkeiten in Kauf genommen. Im Laufe des Spiels fanden sie bei diesen Aktionen immer besser in einen harmonischen Rhythmus und hatten sich so ihre knappe Führung verdient.

Es war jedoch nur ein knappes 0:1 – Kaiserslautern also noch mit allen Chancen. Lange blieben die Gastgeber sehr harmlos, verströmten eigentlich hauptsächlich über die Diagonalsprints von Moritz Gefahr. Dieser orientierte sich bei Raumgewinn am rechten Flügel teilweise sehr unorthodox über den Halbstürmer hinweg bis ans rechte Strafraumeck oder noch weiter halbrechts in den Sechzehner und dort von der Dynamik her unangenehme, weil aus dem Lauf entstehende Präsenz. Punktuell konnte Lautern so nach Verlagerungen über den dann ballnah werdenden Halbraum Überzahlen nahe der letzten Linie herstellen. Im Verlauf der zweiten Halbzeit, als sich das Spiel öffnete, versuchten sie wiederum mit Präsenz in die Partie zu finden, unterstützt von offensiven Wechseln. Im mittleren Teil des zweiten Abschnitts hätte durch die Konsequenz der Zirkulationsaktionen schon auch der Ausgleich fallen können, wobei auch Bielefeld weiter sehr gefährlich blieb. Mit der Umstellung auf 5-4-1 für die Schlussminuten konnten diese dann etwas den Druck abschwächen. Per Konter in der Nachspielzeit besiegelten sie dann den in der Gesamtbetrachtung gerechtfertigten Sieg.

Kk 7. Dezember 2017 um 01:16

Kleine Frage zum BVB – Real spiel von eben: Wie hat Zidane umgestellt, als er für Asensio für Varane gebracht hat? Habe das Spiel nicht gesehen… wusste nicht wohin ich die Frage plazieren soll, deshalb hab icj sie hierhin gestellt

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tobit 7. Dezember 2017 um 10:21

Reals Grundformation (gegen den Ball) war etwas unklar für mich, wirkte aber oft wie eine flache, breite Raute mit Casemiro auf der Sechs, Isco auf der Zehn und Kovacic (links) und Vazquez (rechts) auf den Halbpositionen. Nach dem Wechsel Varane => Asensio ging Nacho von RV in die IV, Vazquez wurde zum RV und Asensio übernahm die halbrechte Mittelfeldposition. Später kam dann Llorente für Isco(?), was wieder zu einigen Umsortierungen führte. Casemiro ging in die IV neben Ramos (der immer öfter ins Sturmzentrum rückte), Llorente übernahm die Sechs neben Kovacic/Ceballos, Nacho wurde wieder zum RV und Vazquez und Asensio besetzten die Flügel des 4-4-2-artigen Gebildes.
In der Ausgangsformation bewegte sich Isco noch freier als sonst durch alle Mittelfeld- und Flügel-Bereiche. Vazquez besetzte den Zehnerraum, die zentrale Spitze oder zog auch Mal in den hohen linken Halbraum. Kovacic spielte relativ positionsorientiert im linken Halbraum, kippte ab und zu heraus und kombinierte manchmal gefällig mit Isco, war aber insgesamt recht unfokussiert und teilweise passiv eingebunden. Casemiro war normalerweise der zentrale Sechser, reagierte aber immer wieder gut auf Iscos zurückfallen. Vorne wanderten Mayoral und Ronaldo durch verschiedenste Räume und fielen (angesichts der ambitionslosen, Tiki-Taka-esken Zirkulation) in der Phase vor der Halbzeit immer öfter auch ins Mittelfeld zurück um sich Bälle abzuholen.

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kolle 5. Dezember 2017 um 18:05

Wagst du auch eine Prognose zum weiteren Saisonverlauf der Lauterer? Wenn man bei Transfermarkt liest, gibts da ja wenig Hoffnung. Es sieht ja zunächst mal so aus, als ob es unter Strasser zu einer Leistungssteigerung kam (2 Punkte unter Meier vs. 8 Punkte). Taktisch hatte ich in den kurzen Spielausschnitten die ich gesehen habe insgesamt den Eindruck das man etwas besser (höher) steht, aber insgesamt weiterhin viel zu wenig Bewegung drin ist und dann auch noch zu schlecht einstudierte Bewegungsabläufe da sind. Das ganze in Verbindung mit einigen schlecht besetzten Positionen (Innenverteidigung, Zentrales Mittelfeld u. z.T. die Aussen), so das auch insgesamt einfach kein Spielfluss aufkommt. Also sprich ohne 2-3 passende Transfers in der Pause wirds dunkel.

Ist die Mannschaft einfach so schlecht ? ich habe z.B. immer viel von Halfar gehalten und würde Ihm eigtl. immer noch zu trauen in einer gut funktionierenden Mannschaft in Liga 2 herauszuragen. Passen kann der ja schon sehr gut.

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TR 8. Dezember 2017 um 20:27

Entschuldigung für die späte Antwort. Keine ganz leichte Frage: Grundsätzlich würde ich deiner Einordnung im oberen Absatz so zustimmen, sehe ich ähnlich. Hinsichtlich der Prognose kann ich mich natürlich nur eingeschränkt äußern, weil das auch das einzige Lauterer Spiel war, das ich in dieser Phase gesehen habe, aber es scheint generell doch eine ähnliche Richtung zu nehmen. Grundsätzlich würde ich auch bei solchen Problemlagen – so sie denn nun nicht extrem gravierend sind – noch nicht zu skeptisch sein, aufgrund der doch sehr engen Leistungsdichte in der 2. Liga, wo man auch mit einer kurzzeitigen Leistungssteigerung in gewissen Bereichen selbst bei Beibehaltunmg einzelner klarer Schwächen einen ziemlichen Schub auch generieren kann. Vielleicht gewinnt man dann plötzlich auch mal 2-3 Spiele hintereinander, obwohl sich gar nicht so viel geändert hat (mit gewissen Parallelen zur Köln-Thematik). Vom Personal her würde ich auch keine dramatische Unterlegenheit sehen: Halfar schätze ich ähnlich wie du sehr gut ein, auch Borrello oder punktuell Andersson machten – wenn man sich auf die bisher maue Offensve mal bezieht – bei dem Match einen interessanten Eindruck, Ziegler wäre beispielsweise auch noch eine wichtige Figur. Andererseits schien mir natürlich die simple Flügellastigkeit schon noch etwas stärker und „unflexibler“ ausgeprägt als im umkämpften Zweitligadurchschnitt und daher doch schwächer, was dann für ein Eintreten meiner obigen Erklärung schon ein großes Hindernis wäre. Zumal muss man den bereits entstandenen Punkterückstand berücksichtigen, so eng die Liga im Mittelfeld beisammen liegt. Also insgesamt sieht es tatsächlich aktuell für den FCK recht ungemütlich aus.

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tobit 4. Dezember 2017 um 22:11

Kleine Grafik-Kritik: die Spielernamen bei Hellas sind aufgrund der Farb- und Umrandungswahl der Schrift kaum zu lesen.

Leandro klingt sehr interessant. War der ein Adventskalender-Kandidat oder wie kamst du jetzt auf den?

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TR 8. Dezember 2017 um 20:16

Ja, ist etwas schwierig mit den Umrandungen, habe das in diesem Fall aber bewusst so gemacht, um die gelb-schwarze Musterstruktur bei Hellas reinzubringen und das dafür in Kauf genommen, dabei so gut wie möglich die Dicke der Umrandung anzupassen versucht.

@Leandro: Hehe, war er in ganz losen Überlegungen sogar kurzzeitig tatsächlich mal. Aber auch ohnehin hatte ich ihn und seine Karriere schon häufiger und genauer beobachtet bei unterschiedlichsten Recherchen und beim Schauen von alten Spielen.

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tobit 8. Dezember 2017 um 22:21

Fällt dir ein aktueller Spieler ein, mit dem man ihn vergleichen könnte? Solche AV würde ich gerne viel öfter sehen – gerade vor den wieder prominenter werdenden 3er-Ketten könnten die sehr wirkmächtig eingebunden werden.

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