Donnerstag, 08.12.2016

Argentinien – Bosnien-Herzegowina 2:1

In einem Spiel voller Individualität und mit wenig gruppentaktischen Leckerbissen schlägt Argentinien den WM-Neuling Bosnien-Herzegowina. Nach der Umstellung auf die Raute dominiert Messi das Duell der Unkompaktheiten nach Belieben.

Ausgangssituation

Grundformationen in der ersten Halbzeit

Grundformationen in der ersten Halbzeit

Der Favorit aus Argentinien startete in einem 3-5-2/5-3-2/3-5-1-1. Diese Aufstellung hatten wir in unserem Heft erwähnt, aber als unwahrscheinlich bezeichnet. Sie kam unter Sabella nur zu Beginn seiner Amtszeit kurz in Pflichtspielen zum Einsatz. Diese an Argentinien bei der WM 1986 erinnernde Aufstellung erinnerte auch in der Rollenverteilung an die große Elf um Diego Maradona. Der zentrale Innenverteidiger Fernandez agierte etwas tiefer, die Flügelverteidiger Rojo und Zabaleta rückten nur situativ nach vorne und es waren die Halbspieler Rodriguez und insbesondere di Maria neben dem zurückhaltenden Sechser Mascherano, welche immer wieder nach vorne stoßen und die Anbindung an den Sturm herstellen sollten. Ähnlich wie Maradona ließ sich Messi als hängender der beiden Stürmer immer wieder zurückfallen und versuchte schon im Mittelfeld Bälle zu erhalten. Agüero sollte wohl sein übliches Spiel aufziehen und mit seinen Schnittstellensprints die gesamte Viererkette beschäftigen, um so eine Verfolgung der Rückfallbewegungen Messis durch Bosniens Innenverteidiger zu verhindern.

Bosniens Trainer Susic hatte seine Mannschaft formiert, um speziell dieses Rückfallen Messis zu unterbinden. Dazu spielten die Bosnier in einem 4-4-1-1, welches sie in dieser Form nie zuvor in einem Pflichtspiel genutzt hatten, aber in den letzten Testspielen (voraussichtlich für diese Partie) ausprobierten. Pjanic und Besic bildeten die Doppelsechs, wobei insbesondere Besic weitestgehend in der Defensive mit seiner weiträumigen Spielintelligenz überzeugen und die Rückfallbewegungen von Messi auffangen sollte. Dazu sollte er sich situativ am argentinischen Topstar orientieren, wenn dieser ins Mittelfeld ging – Susic sprach in diesem Kontext sogar von einer Manndeckung. Die aus der Bundesliga bekannte Viererkette aus den Außenverteidigern Mujdza und Kolasinac und den Innenverteidigern Bicakcic und Spahic agierte sehr eng, um die Schnittstellen für Agüero zu blockieren und Überzahl gegen Argentiniens Ballkünstler im Sturm zu haben. Die Breite sollte von den beiden Außenspielern Hajrovic und Lulic abgedeckt werden, wobei diese in ihrer natürlichen Spielweise etwas unterschiedlich sind. Hajrovic ist ein offensiver Flügeldribbler, während Lulic die Flügelläuferposition auch im Verein bekleidet. Vor der Doppelsechs agierte der alternde Spielmacher Misimovic in einer Freirolle. Dzeko musste zunächst alleine ohne seinen Partner Ibisevic das Sturmzentrum besetzen.

Früher Rückstand

Grundformationen in den ersten zwei Minuten

Grundformationen in den ersten zwei Minuten

In den ersten zwei Minuten schien Bosnien, den hohen Favoriten Argentinien erst einmal kommen lassen zu wollen. Dzeko und Misimovic erwarteten leicht vertikal und seitlich gestaffelt in Höhe der Mittellinie die argentinischen Angriffsbemühungen. Diese hatten aber die Ruhe weg und bauten mit Ihrer Fünferkette sowie dem davor horizontal pendelnden Mascherano mit sechs Leuten vor der bosnischen Formation auf. Dieser Umstand schien den Außenseiter zu verunsichern. Zum einen sorgte die ungewohnte Formation für Zuordnungsprobleme, zum anderen provozierte die tiefe Ballzirkulation teils irre, sehr weiträumige und individuelle Herausrückbewegungen der Mittelfeldspieler auf die Halbverteidiger der Argentinier. Zweimal konnten sich die Argentinier durch die ihre individuelle Klasse aus den fast tölpelhaften Anlaufversuchen befreien, was ihnen direkt umfangreiche Räume im Zentrum anbot – auch weil die Bosnier daraufhin panikartig in eine flache Formation zurückfielen. Der erste dieser Durchbrüche endete noch mit einem verunglückten Pass durch die recht engen Schnittstellen in der Abwehr, der zweite führte zum Foul, dessen resultierender Freistoß Bosniens frühen Rückstand bedeutete.

Die geplante Formation der Bosnier war in dieser Phase nur schwer zu erkennen – tatsächlich war es am ehesten ein 5-3-1-1. Die Asymmetrie der Außenspieler (siehe Grafik) war wohl den Mannorientierungen auf di Maria und Maxi Rodriguez zu verdanken, die ebenfalls leicht asymmetrisch agierten. Insbesondere die zurückgezogene Position von Hajrovic war kontraproduktiv, da sie zu Zuordnungsproblemen mit dem dafür etwas breiter agierenden Pjanic und dem Außenverteidiger Mujdza führte. Diese sorgten auch maßgeblich für den leichten Durchbruch di Marias vor dem Foul.

Schock und Instabilität

In der Folge des Rückstands war den Bosniern die Verunsicherung deutlich anzumerken. Die Angriffe wurden viel zu hektisch gespielt und insbesondere Pechvogel Kolasinac rückte in dieser kurzen Phase viel zu unbedacht auf. In der Folge einfacher Fehlpässe aus dem Zentrum auf die Außenbahnen konnte Argentinien direkt in die offenen Räume kontern. Bosnien hatte Glück, nicht direkt höher in Rückstand zu geraten.

Überladen der Flügel und flügelnahen Halbräume

Nach ein paar Minuten konnte sich Bosnien wieder fangen und die Ballzirkulation etwas beruhigen. Besic kippte tief ab und bemühte sich, das Spiel aus dem Zentrum zu ordnen. Auch Pjanic hielt sich noch nah am ersten Drittel auf, um den Übergang ins zweite Drittel zu gestalten. Da sich Messi und Agüero nicht ernsthaft bemühten, gegen die Überzahl aktiv die Passwege in die wichtigen Zonen zu verschließen, konnten die Bälle so ohne großes Risiko nach vorn getragen und diagonal verteilt werden. Dazu wurde bevorzugt der linke Flügel anvisiert, wo Kolasinac weiter schnell aufrückte und versuchte, zusammen mit dem breit stehenden Lulic sowie dem herüberrückenden Misimovic zu kombinieren.

Argentinien konnte jedoch mit der breiten Fünferkette gut direkte Durchbrüche verhindern und mit der kompakten dreifachen Zentrumsbesetzung die Bosnier in diesen Zonen isolieren. Insgesamt gelang es den Bosniern so jedoch, die Argentinier etwas nach hinten zu drücken. Aus diesem Grund gab Pjanic seine zurückhaltende Position auf und versuchte, seine Stärke im Dribbling und individuellem Nachsetzen (Gegenpressing wäre ja kollektiv) einzubringen. Zwei gute Szenen zwischen der 10. und 15. Minute konnten so vorbereitet werden.

Mannorientierungen zerstören das Pressing

Bosniens Defensivformation bei aufgerückten argentinischen Flügelverteidigern. Die roten Zonen können nicht gepresst oder kontrolliert werden.

Bosniens Defensivformation bei aufgerückten argentinischen Flügelverteidigern. Die roten Zonen können nicht gepresst oder kontrolliert werden.

Dieser Anflug von Dominanz konnte jedoch nicht über längere Phasen konserviert werden. Der maßgebliche Grund dafür war das absolut untaugliche Pressing der Bosnier. Mithilfe eines einfachen Vorschiebens der Flügelstürmer konnte Argentinien die Flügelspieler weit Richtung Abwehrkette zurückdrängen. Bosnien stand somit phasenweise in einem 6-2-1-1. Druck in höheren Zonen oder ein zielgerichtetes Lenken der argentinischen Angriffe war somit unmöglich. Da auch Dzeko und Misimovic ob der aussichtlosen Lage ihre Bemühungen hinsichtlich einer passenden vertikalen und seitlichen Staffelung einstellten, mussten Pjanic und Besic allein riesige Räume covern, was gegen die ballstarken Argentinier der Konstruktion des Perpetuum Mobile gleichkam.

Argentiniens Feinanpassungen in der ersten Halbzeit

Trotz der schwachen Qualität des bosnischen Pressings, konnten auch die Argentinier nicht über längere Phasen Dominanz aufbauen. Die Schnittstellen der Sechserkette waren verschlossen und Besic und Pjanic schafften es, Messi und di Maria zumindest in den höheren Halbräumen zu isolieren. Dies gelang vor allem aufgrund der mangelnden Synergien im offensiven Bewegungsspiel bei Argentinien. Aus diesem Grund waren im Verlauf der ersten Halbzeit mehrere Feinanpassungen zu beobachten. Zuerst positionierte sich Mascherano etwas tiefer, während Rodriguez und di Maria weiter aufrückten, so dass eine klare 1-2-Stellung im zentralen Mittelfeld entstand. Mascherano spielte in dieser Phase fast einen Hybrid aus Sechser und Innenverteidiger. Die ganze Abwehrreihe stand entsprechend etwas verschoben. Da Rodriguez in der höheren Stellung die Rückfallräume für Messi zusätzlich blockierte wurde diese Anpassung jedoch schnell korrigiert. Argentinien agierte nun eher in einem 5-2-3 mit einer Doppelsechs aus Mascherano und Rodriguez und di Maria als linkem Flügelstürmer. Doch auch diese Anpassung konnte keine großen Synergien erzeugen. Wie man mit dem argentinischen Kader nicht genug Präsenz ins Zentrum bekommt, ist eine Geschichte für sich (Stichwort Banega).

Die Rückkehr zur Raute

Grundformationen in der zweiten Halbzeit

Grundformationen in der zweiten Halbzeit

Nach dem Wechsel versuchte Sabella, die Offensivprobleme mit umfangreicheren Änderungen zu beheben. Er stellte auf die in der Vorbereitung schon oft erprobte Raute um. Messi ging auf die Zehnerposition, Gago übernahm die rechte Halbposition von Maxi Rodriguez und mit Higuain kam ein weiterer Stürmer für den Halbverteidiger Campagnaro.

In den ersten Minuten nach der Umstellung kam jedoch Bosnien viel besser ins Spiel. Das 4-4-1-1 passte plötzlich deutlich besser zur Aufteilung der Argentinier, die Mannorientierungen konnten klarer und positionstreuer gespielt werden. Insbesondere konnten die beiden Außenspieler Hajrovic und Lulic durch die tiefere Position der Außenverteidiger höher am Pressing teilnehmen und waren für den Umschaltmoment besser positioniert. Das Spiel wurde schneller und direkter, was den Bosnien vorerst zu liegen schien. Zudem konnten Kolasinac und Mujdza effektiver nachstoßen.

Diese Phase hatte für etwas weniger als 10 Minuten Bestand. Bosnien wurde, wie auch Argentinien, durch das hohe Tempo immer mehr zu einem zerrissenem Team – vorne warteten die drei (Argentinien) bzw. vier (Bosnien) Offensiven, hinten sicherten sechs (Argentinien) bzw. fünf (Bosnien) Verteidiger ab. Verbunden wurden die Mannschaftsteile nur durch Pjanic und di Maria. Diese Spaltung wurde für Bosnien insbesondere dann zum Problem, wenn auch Pjanic weit aufrückte. Messi hatte so im Umschaltmoment nur Besic bei sich, und konnte seine starke Ballbehauptung nutzen, um trotz des Verfolgers in seinem Nacken Richtung Strafraum zu starten und Lochpässe auf Higuan und Agüero zu spielen.

Messis Dominanz

Die hektische Struktur der zweiten Halbzeit kam Messi generell zugute. Er hatte das Recht, auf den Umschaltmoment zu zocken und war der primäre Umschaltspieler. Da Bosnien nach wie vor kein kollektives Gegenpressing organisieren konnte und sehr tief stand, hatte er meist viel Raum vor sich, um seine typischen Dribblings anzuziehen. Diesen Raum braucht er zwar eigentlich nicht unbedingt, doch führte er auch dazu, dass er sich weiträumiger freilaufen konnte und dadurch öfter und leichter anspielbar war.

Doch auch im ruhigen Aufbauspiel wurde Messi dominanter. Er holte sich oft den Ball zwischen den Halbspieler der Raute im zweiten Drittel ab, um den Übergang ins letzte Drittel zu gestalten. Fast jeder Angriff lief über ihn. Diese Dominanz schadete di Maria, der in der zweiten Hälfte fast nur noch als Wasserträger agierte, und reduzierte die Präsenz im letzten Drittel.

Starke Umstellungen in der Endphase

Argentinien - Bosnien Endphase

Bosniens asymmetrisches System in der Endphase nach den Umstellungen

Zwischen der 69. und 74. Minute wechselte Susic dann drei Mal, was eine scheinbar improvisierte, willkürliche Offensivumstellung zur Folge hatte, die aber überraschend clever war und gut griff: Lulic übernahm die linke Abwehrseite und wurde von Kolasinac abgesichert, der auf die linke Innenverteidiger-Position rückte. Spahic und Bicakcic rückten ebenfalls je eine Position nach rechts. Bicakcic hatte zwar zwei schlechte Offensivaktionen auf der ungewohnten Rechtsverteidiger-Position, doch die Abwehr agierte nun dichter und geschlossener gegen die Bewegungen von Agüero und Higuain.

Vor dieser Kette war die Formation nun weniger klar: Um Besic herum agierten Pjanic halbrechts als Achter oder Zehner und Medunjanin, der vom linken Flügel sehr weit ins Zentrum ging, viel aufrückte und auch vereinzelt mit Besic tauschte. Rechts verteidigte Visca breiter und rückte bei Ballbesitz in die Spitze oder entlang des Flügels auf. Ibisevic agierte gegen den Ball als zweiter, halblinker Zehner und zog von dort auch in den Strafraum. So schuf er Raum für das spielstarke Dreieck aus Besic, Medunjanin und Pjanic, die den Ball nun deutlich fokussierter und stabiler über die halblinke Seite schleppten. In dieser sehr ausgeprägten Asymmetrie und der offensivstarken Besetzung zeigten die Bosnier klar ihre beste Phase. Besic und Pjanic konnten in der flachen Rautenordnung auch beim Spiel gegen den Ball ein paar sehenswerte, leitende Aktionen einbringen.

Der bosnische Anschlusstreffer hatte aber nur bedingt mit den taktischen Umstellungen zu tun. Es war lediglich die offensivere Besetzung der Linksverteidiger-Position und die Einwechslung von Ibisevic, die den Ausschlag gaben: Ersterer marschierte nach einem gescheiterten argentinischen Konter ungestört die Linie runter und spielte dann den Pass hinter die Abwehr in den Strafraum. Zweiterer irritierte Fernandez mit sehr guter Bewegung und ermöglichte den Durchbruch (und schloss natürlich ab). Wie sagenhaft simpel dieser Spielzug war, war beinahe eine Karikatur der großen taktischen Defizite, welche die Partie prägten.

Sabella reagierte in der 87. Minute daher auch noch mal mit einer kleinen Umstellung, um den Vorsprung zu verteidigen. Der defensivstarke Biglia kam für Agüero und ging auf Gagos Position. Dieser rückte auf die linke Halbposition und di Maria rückte nach vorne, sodass ein 4-3-2-1 entstand. Messi und di Maria konnten im Zusammenspiel noch ein bisschen Zeit von der Uhr nehmen und gegen die Dreifachsechs fand Bosnien auch keine entscheidenden Räume mehr.

Fazit

Vor allem zeichnete sich dieses Spiel durch die permanente Unkompaktheit auf beiden Seiten aus, die bisher einzigartig bei diesem Turnier war. So gab es ständige großräumige undynamische Umschaltsituationen, die beide Mannschaften mangels passendem Rhythmus nicht vernünftig ausspielen konnten. Beide Mannschaften agierten alles in allem fahrig, hektisch und unfokussiert.

In dieser Hölle der mannschaftstaktischen Schlamperei entwickelte sich aber trotzdem ein hochspannendes Taktikduell mit vielen Twists. Argentinien schaffte es zunächst, die Zuordnungen in Bosniens mannorientiertem System durch eine unkonventionelle 5-3-2 Formation zu stören. Die fehlende offensive Durchschlagskraft veranlasste Sabella, in der Pause auf ein 4-4-2 mit Raute zu wechseln. Dies vereinfachte den Bosniern erst einmal die Zuordnungen, offenbarte aber auch deren Anfälligkeit im Umschaltspiel. Insbesondere Messi konnte in der Raute dominieren, dies ging jedoch zu Lasten der Stabilität und seiner Nebenmänner. Es wird interessant, zu sehen, inwieweit dieser Messi-Fokus sich für Argentinien als erfolgreich erweist. Die Bosnier können vor allem aus der Endphase positive Aspekte mitnehmen. Für ein Weiterkommen in der Gruppe könnten aber Fortschritte bezüglich ihrer Kompaktheit nicht schaden.

Individuell gab es bei Bosnien jedoch nicht viel auszusetzen. Wenn Spahic so weiterspielt, könnten sie wohl auch das 1-2-7 bedenkenlos wiederbeleben. Kolasinac war ebenfalls extrem stark. Das soll zwischen den ganzen Formationswechseln nicht unerwähnt bleiben.

Vielen Dank für die Unterstützung bei der Erstellung des Artikels an RM und MR!

BG 18. Juni 2014 um 17:37

Erstaunlich, dass Messi so gut in der Analyse wegkommt (auch wenn es sich zugegeben nur auf die zweite Hälfte beschränkt). Gibt es eigentlich irgendwo die Trackingdaten einsehbar? Ich hatte in der ersten Halbzeit zeitweise das Gefühl, dass Messi eine der wenigen Spieler im Profi-Fußball zu sein scheint, der mehr mit als ohne Ball läuft – ich habe generell den Eindruck, dass er heuer schon fast die ganze zweite Saisonhälfte körperlich nicht bei 100% zu stehen scheint. Man denke an die „mysteriöse“ Krankheit, wegen der er ich auf dem Platz mehrmals übergeben musste oder auch die 6,8 Laufkilometer im Halbfinalspiel gegen Atleti. Das Spiel hat dennoch sein Genie gezeigt: Mit Tempo und Ball am Fuß ist er wohl für kaum zu verteidigen!

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TW 20. Juni 2014 um 10:23

Ich finde das lustig, dass alle finden, die Analyse würde Messi zu gut bewerten. Ich schreibe ja z. B.
– „Da sich Messi und Agüero nicht ernsthaft bemühten, gegen die Überzahl aktiv die Passwege in die wichtigen Zonen zu verschließen, konnten die Bälle so ohne großes Risiko nach vorn getragen und diagonal verteilt werden“
– „…Besic und Pjanic schafften es, Messi und di Maria zumindest in den höheren Halbräumen zu isolieren. Dies gelang vor allem aufgrund der mangelnden Synergien im offensiven Bewegungsspiel bei Argentinien.“
– „Fast jeder Angriff lief über ihn [Messi]. Diese Dominanz schadete di Maria, der in der zweiten Hälfte fast nur noch als Wasserträger agierte, und reduzierte die Präsenz im letzten Drittel.“

Ich kritisiere Messi also für die fehlende Arbeit im Pressing, die mangelnde mannschaftstaktische Einbindung seiner Bewegungen und seine Egomanie, die das gesamte Team schwächte. Lobend hebe ich nur seine Ballbehauptung, sein Dribbling und seine Lochpässe hervor. Das will doch nun wirklich niemand abstreiten, oder? 😉

Dominanz eines Spielers muss nicht immer positiv sein!

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Maturin 18. Juni 2014 um 14:30

Interessant, Argentinien kommt in eurer Analyse jedenfalls besser weg als das Land, Sabella, Ich und alle Spieler es empfunden haben. Die Stimmung ist hier schon sehr frustriert nach so einem Resultat und der Spielweise. Sabella selbst hat das 5-3-2, das seine Lieblingsformation ist, als einen Fehler bezeichnet, den er korrigieren musste. Bei der Wahl des Systems hat sicher auch die fehlende Fitness von Higuain und Gago reingespielt.

Ich verzweifel am fehlenden Pressingkonzept der Argentinier, in Halbzeit 1 lies man sich einfach hintenreindrücken, da einfach Breite im Mittelfeld fehlte und in Halbzeit 2 hat man in einem 4-3 verteidigt, was auch nicht besser war.

Argentinien kann und darf sich nicht auf Endverteidigung verlassen, dafür ist die individuelle Qualität in der Verteidigung und im Tor zu niedrig.

Persönlich würde ich ja die Raute spielen, und dann defensiv ein 4-3-3-0 aufziehen bei dem die Stürmer passiv die Passwege ins Zentrum verdecken, Di Maria, Mascherano, Gago können schlechte Pässe gut antizipieren und sind alle in der Lage einen tollen Ball im Umschaltmoment zu spielen. Ohne die Stürmer ins Defensivkonzept einzubinden wird die WM wohl im Viertelfinale spätestens vorbei sein.

Di Maria kann im 4-1-2-1-2 deutlich dominater spielen und ist der Schlüssel, leider war er am Sonntag ehr schwach in der Rolle.

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yahudi 18. Juni 2014 um 16:17

Finde überhaupt nicht, dass im Mittelfeld die Breite gefehlt hat. Im Gegenteil, die Breite war da, weil sich Maxi Rodriguez und Di Maria ziemlich weit außen positioniert haben und zusammen mit Mascherano und Messi eine sehr breite Raute aufgebaut hatten.

Was viel mehr gefehlt hatte, war der Zugriff im Zentrum. Dadurch, dass Rojo relativ wenig nach vorne ging, hat Di Maria die meisten Bälle weit außen bekommen und dann erst den Weg/Pass ins Zentrum gesucht. Rodriguez blieb sowieso die ganze Zeit außen und wurde entsprechend kaum angespielt. Das Zentrum bestand somit eigentlich nur aus Mascherano und teilweise Messi gegen 3-4 Spieler.

tl;dr: Abstände in der MF Raute in der 1. Hz zu groß, Zentrum unterbesetzt

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Maturin 18. Juni 2014 um 17:13

Hm, mein Eindruck war da zumindest Defensiv der, dass die Breite fehlte, kann mich da aber auch täuschen, leider gibt es keine Defensiv Heat-maps, könntest da nämlich auch recht haben.

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mh 18. Juni 2014 um 12:36

Ja, das Spiel war nicht gut! Aber die System-Variabilität von Argentinien kann im Turnier noch wertvoll sein. Wesentliche Umstellung war von 5:3:2 auf 4:3:1:2 (so würde ich es eher bezeichnen) nach der Pause, dazwischen noch viele kleinere Anpassungen.
Wenn ich mit nur je einem Aussenspieler in der ersten Hälfte als Favorit keine Zentrumsdominanz hinbekomme, ist das m.E. ein Spielerproblem. Also nicht mannschaftstaktisch, eher individuelles Verhalten.
Dass Argentinien keine Pressingmaschine ist, sollte schon vorher bekannt gewesen sein. Sie verlassen sich stark auf die Qualität der Abwehrkette (by the way, auch lauter IV!). So lang es gut geht, ist das durchaus kräftesparend.

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Maturin 18. Juni 2014 um 14:32

Kräftesparend ja, passiv ist auch nicht schlecht, aber weder Romero noch die IV hat die Qualität dauerhaft in der reinen Endverteidigung zu bestehen, wie beispielsweise Chelsea in der CL. Ob das 5-3-2 wiederkehrt muss man sehen, Sabella war wohl sehr enttäuscht und das öffentlich, keine Ahnung ob er es noch als Variante betrachtet.

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yahudi 18. Juni 2014 um 16:24

Das 5-3-2 wird gegen Gegner mit 2 Stürmern, vorzugweise in einem 4-4-2 eingesetzt. Also in etwa so,wie Sabella Bosnien erwartet hatte.

Für alle anderen Gegner ist es in dieser Form weniger geeignet

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CE 18. Juni 2014 um 16:28

Kann mir nicht vorstellen, dass Sabella B-H wirklich in einem 4-4-2 erwartete.

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Maturin 18. Juni 2014 um 16:51

Hast du dazu ne Aussage von Sabella? Laut allem was man in den Medien gehört hat war es Sabellas Idee grundsätzlich 5-3-2 zu spielen, von einer Anpassung auf den Gegner war nie die Rede, auch nach dem Spiel hat er von eigenen Fehlern gesprochen, nicht von einer Überaschung Bosniens, lasse mich aber gerne aufklären also her mit den Infos!

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CE 18. Juni 2014 um 16:54

Zumal sich schon angedeutet hatte, dass B-H nur mit Džeko als Spitze spielen möchte.

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yahudi 18. Juni 2014 um 12:29

Sabella ist in das Spiel mit der Erwartung von Dzeko und Ibisevic gegangen, deswegen 3 IVs. Ferner wurde vermutlich erhofft, mit der breiten Mittelfeldraute Anspieloptionen im bosnischen Spielaufbau abzuwürgen.

Der Plan ist logischerweise nicht aufgegangen, nachdem Susic einen zusätzlichen zentralen Mittelfeldspieler gebracht hatte. Damit konnte er zum einen Manndeckung gegen Messi spielen, ohne Unterzahl im Mittelfeld zu befürchten. Zum anderen wurde Argentinien zentral in zwei Blöcke getrennt und fand entsprechend offensiv nur über Driblings statt.

Zur Halbzeit hat Sabella auf die bosnische Formation reagiert und die fehlende Bindung im Mitteleld mit der Einwechslung von Gago ausgeglichen. Außerdem kam mit Higuain ein Stürmer rein, der die beiden bosnischen IVs wegentlich besser binden konnte. Entsprechend hat Argentinien und vor allem Messi davon profitiert.

Grundsätzlich hat Susic taktisch das meiste richtig gemacht, einzig Ibisevic hätte schon kurz nach der Halbzeit kommen können, um die sich zwangsläufig öffnenden Schnittstellen einer 4er-Kette zu bespielen (was beim späten Treffer auch gelungen ist). Sabella hat sich anfangs verspekuliert und dann erfolgreich zur Halbzeit reagiert. Nach wie vor bleibt aber das zentrale Mittelfeld als Bindeglied zwischen Abwehr und Angriff das Sorgenkind der Argentinier.

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Lino 18. Juni 2014 um 11:50

Was die taktische Qualität angeht das mit weitem Abstand schlechteste Spiel dieser WM! Eigentlich bin ich ja ein Fan des argentinischen Fußballs – aber so!?

Der Fokus auf Messi hat sich seit 2010 ja eher noch vergrößert und dennoch ist er schlecht eingebunden bzw. keinerlei gruppentaktische Abläufe sind zu erkennen. Am deutlichsten wurde das in Halbzeit 1, als Messis Zurückfallen bei Ballbesitz ein 5/3-1/1 entstehen lies, wobei der Abstand zwischen Messi und Aguero ca. 20-30 (!!!) Meter betrug. Ich meine die Spielweise Messis oder die einer falschen Neun im Allgemeinen lebt davon, dass das Zurückfallen durch Schnittstellenläufe anderer kompensiert wird. Dies war aber mit diesem Abstand und der Tatsache das die gesamte Vierekette sich auf Aguero konzentrieren konnte, unmöglich (zudem war in dieser Formation auch die Besetzung der Flügelverteidiger völlig unpassend).

In der zweiten Halbzeit wurde dies nur dadurch besser, dass durch den zweiten Stürmer endlich eine weitere Anspielstation vorhanden war. Dennoch waren die Abstände aufgrund nicht vorhandenen Nachrückens immer noch gigantisch, was zur Folge hatte, dass auch niemand ins Gegenpressing gehen konnte (von Rückwärtspressing durch Messi, Aguero und Higuain ganz zu schweigen!).

…so, ich hör jetzt auf, bevor ich mich noch in einen Herzinfarkt schreibe. Genug zu meckern hätte ich jedenfalls…

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mk 18. Juni 2014 um 10:54

Super Analyse. Das Spiel hat mich wegen dieser vielen merkwürdigen Phasen so frustriert, dass ich es irgendwann ab Mitte der zweiten Halbzeit in doppelter Geschwindigkeit geguckt hab (hatte es aufgenommen). Zum einen, weil ich nicht mehr wollte, zum anderen weil ich dachte so vielleicht einen übergeordneten gruppentaktischen Sinn zu erkennen. Aber es wurde dadurch nicht angenehmer, ich mag solche Spiele überhaupt nicht… Aber da ist auch sehr aufgefallen, dass quasi jede argentinische Aktion, egal ob Umschalten oder geregelter Spielaufbau, über Messi und das Zentrum lief und di Maria fast völlig raus war. Fast nie Breite im Spiel und dann kamen meistens in meinen Augen schlechte Entscheidungen von Messi als er kurz vor der bosnischen Verteidigung angekommen war. „Ken“ Aguero (das spricht man doch nicht wirklich so aus oder hab ich das jetzt seit Jahren falsch gesagt?!) war dann auch nicht wirklich geschickt in seiner Positionierung. So richtig viel Angst macht Argentinien nach diesem Eindruck nicht…

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Maturin 18. Juni 2014 um 14:34

ne das spricht man definitiv nicht mit nem e aus. Auf deutsch ist das ein Kun mit kurzem u. Da man hier Reus aber auch Re – us ausspricht brauchste dir da kaum sorgen machen 🙂

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rodeoclown 18. Juni 2014 um 09:40

Danke, dass es doch noch eine Analyse für das Spiel gibt. War bisher das seltsamste, was die WM zu bieten hatte und freut mich nicht alleine den Eindruck gewonnen zu haben, dass das Spiel mehr nach Bolzplatz als nach WM aussah. 5er-Kette Argentiniens mit Mascherano davor war sehr komisch anzusehen. Zumal mit Rodriguez davor, der irgendwie gar nichts so wirkich konnte. Hatte erwartet, dass wir aufgrund der 6-Mann Absicherung einige verrückte 40m Dribblings von Di Maria oder Messi zu sehen bekommen, aber die hielten sich da auch zurück. Messi auch mit Licht und Schatten, gerade was den letzten Pass anging oft zu hastig oder (vor allem in Kontersituationen!) auch einfach mit schlechten Entscheidungen. Mit Ball am Fuß natürlich toll.
Bosnien auch schlechter als erwartet. Das die unkompakt stehen ohne vernünftigen Sechser war zu erwarten (Und dank Spahic nicht so schlimm wie ich gedacht hatte) aber da passte auch in den Offensivabläufen wenig, sah aus, als ob das Team noch nie zusammen trainiert hätte und der Trainer vor dem SPiel gesagt hat „Du spielst vorne links, du rechts und du deckst die Nummer 7.

Glaubt ihr, dass 4-3-2-1 wäre ein Alternativsystem für Argentinien auch ohne Badelj (Biglia-Mascherano-Gago/Perez)? Di Maria/Messi auf der Doppelzehn wäre ein Traum, weiß nur nicht ob da nicht einer fehlt, der die Breite gibt um den beiden Raum fürs Dribbling zu öffnen.

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Maturin 18. Juni 2014 um 14:41

Mir wäre eine 4-3-2-1 in der Besetzung zu statisch, da man auf der 3-fach 6 keinen beweglichen Spieler hätte. Denke die Alternative ist das 4-4-1-1 das Sabella schon gegen starke Mannschaften gespielt hat.

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LM 18. Juni 2014 um 09:28

In der zweiten Hälfte dachte ich vom Spielrhythmus manchmal, ich guck Premier League…das ging echt nur hoch und runter. Da konnte Messi dann noch ein bisschen seine Laufstatistiken aufpolieren, in der ersten Halbzeit spazierte er entweder als Pressingverweigerer durch die Gegend oder hatte einen Ballverlust nach dem anderen in sinnlosen Dribblings. Mal sehen, ob Argentinien gegen stärkere Gegner ein kollektiveres Pressing aufbauen kann, wenn sie weiter Messi und Aguëro von Defensivaufgaben entbinden, seh ich da eher schwarz für sie. Allein für ihre manchmal unglaubliche Schlampigkeit hätte ich den Argentiniern gegönnt, dass Bosnien noch den Ausgleich macht.

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