FC Barcelona – Athletic Bilbao 2:1

Barcelona abermals mit einer schwierigen Partie gegen eine der Top-Mannschaften Spaniens, die sie dieses Mal aber dank zwei effektiver Minuten und einer insgesamt durchaus guten Leistung für sich entscheiden konnten. Athletic verdient allerdings Lob für ihre Defensivspielweise und ihre Abläufe in dieser.

Barcelona zwischen hui und pfui

Es ist schwierig den Katalanen trotz des langen Rückstands und vieler Probleme in Chancenverwertung und Defensive eine schlechte Partie zu attestieren; sie hatten eine Vielzahl von Großchancen schon in der ersten Halbzeit, sie zeigten Kabinettstücken, besaßen eine gute Mischung aus Vertikalität und Horizontalität in der Ballzirkulation und wechselten die Angriffskanäle sehr gut. Sehr oft spielten sie intelligent in die Mitte, banden Messi besser ins Spiel ein und kamen dann mit schnellen Seitenverlagerungen oder Schnellkombinationen zu Durchbrüchen ins letzte Drittel.

Auch Iniesta im linken offensiven Halbraum und Xavi halbrechts wie im Zentrum wurden sehr gut im zweiten Drittel mitgenommen, dazu kamen mit Pedro und Alexis auf den Flügelstürmerpositionen zwei körperlich wie technisch hervorragende Akteure, die oft diagonal vom Flügel in Richtung Tor zogen. Diese Aspekte sorgten für die in der Offensive wirklich gute Leistung, doch defensiv war man einmal mehr instabil und hatte gruppentaktische Probleme.

Dabei waren das Pressing und die Laufbereitschaft durchaus vorhanden. Aus dem 4-1-4-1 als defensiver Grundformation rückten die Achter oder auch die Flügelstürmer immer wieder nach vorne, um Messi vorne zu unterstützen; wobei Messi nur selten zurückunterstützte und seine Pressingarbeit meistens in Form von Zustellen eines Innenverteidigers oder Anlaufen des Torwarts bei Rückpässen erfüllte. Die anderen machten viele Meter, pressten auch weit aus ihrer Position und versuchten viel Druck auf Athletic im Aufbauspiel zu entfachen.

Barcelonas Pressingabstände

Barcelonas Pressingabstände. Nicht gut.

Allerdings gab es hierbei viele problematische Aspekte. Obwohl Messi sicherlich eher taktisch statt aus Faulheit diese Rolle ausfüllte, war seine nur situative Beteiligung ein Problem, weil es den Zugriff in der gegnerischen Abwehr erschwerte und Athletic dadurch fast immer eine Ausweichzone unter Druck aus dem Mittelfeld zurück hatte. Ein anderes (individuelles) Problem war Song. Er zeigte nicht die hervorragende Balance von Sergio Busquets auf der Sechserposition, sondern spielte deutlich aggressiver, rückte mehrmals zu weit aus seiner Position hinaus und öffnete Räume. Es wirkte gar so, als würde sich Song als „Jäger“ betätigen, anstatt die Rolle des „Sammlers“ als alleiniger Sechser hinter den beiden (ebenfalls eher jagenden) Achtern zu behalten.

Ob Song diesen Konter wirklich so weit vorne hätte "absichern" müssen?

Ob Song diesen Konter wirklich so weit vorne hätte „absichern“ müssen? Aber gut, kam ja nicht durch. Mascherano klärt.

Im defensiven Bewegungsspiel mussten darum Xavi und Iniesta einige Male diese Bewegungen ausgleichen. Wenn Song zu weit aus seiner Position rückte, ob zur Seite oder nach vorne, ließ sich meist der ballferne Achter zurückfallen und spielte dann auf eine Linie mit Song, wodurch eine Art Doppelsechs entstand. Einen Effekt brachte dies nicht, da diese Räume von Athletic nicht bespielt wurden; allerdings konnten die Basken einige Male zurückspielen und den Ball hinten wieder um Barcelonas Formation zirkulieren lassen.

4-2-3-1ig

4-2-3-1/4-4-1-1ige Formation, Xavi geht neben Song in den Sechserraum.

Das nächste Problem – und ein deutlich größeres als Songs positionelle Disziplin oder Messis Pressingbeständigkeit – war jedoch kollektiver und strategischer Natur. Einmal mehr mangelte es den Katalanen an der mannschaftlichen Harmonie im Verschieben, die gruppentaktischen Abläufe waren überaus instabil und die Kompaktheit in der Mitte war wie auch die Dynamik im defensiven Umschaltspiel nur in Einzelfällen vorhanden.

Sehr oft fand sich Song in einer ähnlichen schwierigen Situation wie Busquets im Clásico, fand aber eben nicht die nötigen Antworten darauf. Diese Instabilität in der Defensive war die gesamte Partie über vorherrschend und sorgte für die Chancen Athletics, auch wenn diese nicht so häufig waren wie jene der Katalanen. Dabei waren die Basken gar die in der Defensive interessantere und rein taktisch sogar bessere Mannschaft.

Athletic Bilbao in der Defensive

Valverdes Mannschaft zeigte eine enorme – und für mich überraschende – horizontale wie vertikale Kompaktheit in der Arbeit gegen den Ball. Teilweise war das sogar zu sehr fokussiert, da Messis Zurückfallen und seine hervorragenden Fähigkeiten im Spielen von (angeschnittenen) Diagonalbällen hinter eine Abwehr zu einigen gefährlichen Chancen führten sowie Xavi und Iniesta mit ihren grundlegenden, tollen Fähigkeiten im Passspiel ebenfalls die Räume hinter der Abwehr einige Male bespielten.

Kompaktheit um der Kompaktheit willen?

Kompaktheit um der Kompaktheit willen?

Durch diese hohe Kompaktheit und das Mittelfeldpressing wollte man aber vermutlich Barcelona in der Mitte bedrängen, was durchaus gut funktionierte; die Katalanen hatten in vielen Phasen „nur“ knapp über 60% Ballbesitz, für ihre Verhältnisse kein allzu hoher Wert. In der strategischen Wechselwirkung war Bilbaos Ausrichtung aber keineswegs hervorragend, doch die taktischen Aspekte wussten durchaus zu gefallen und zu überzeugen.

Es gab viele intelligente Mannorientierungen, die nur situativ und weitgehend zonal gespielt wurden. Sehr oft wirkt es so, als würde man sich zuerst auf die Sicherung des gegnerischen offensiven Zwischenlinienraums – ergo dem Raum vor der eigenen Abwehr – fokussieren, sich dort kurz kompakt zusammenziehen, hohe Defensivkompaktheit erzeugen und dann nach vorne rücken. Man schob einerseits sehr gut kollektiv nach vorne, versuchte sich nicht nach hinten drängen zu lassen, spielte auf Abseits und riskierte eben die schon erwähnten Pässe hinter die Abwehr, andererseits rückten immer wieder einzelne Spieler dynamisch nach vorne und pressten im gegnerischen Sechserraum.

Bilbao rückt kollektiv gut heraus und stellt einfach mal halb Barcelona ins Abseits.

Bilbao rückt kollektiv gut heraus und stellt einfach mal halb Barcelona ins Abseits. Hier ist das 4-4-1-1 auch ganz gut zu sehen, ebenso die Mannorientierungen.

Die Grundformation hierbei war eigentlich ein 4-4-1-1, doch der hängende Stürmer spielte eher als Mittelfeldspieler und immer wieder wurde ein 4-5-1 mit flacher Fünf gebildet. Durch das Herausrücken entstand dann neben dem 4-5-1 und 4-4-1-1 auch sehr oft ein 4-3-2-1 oder ein 4-2-3-1, wo man mit viel Aggressivität Xavi, Iniesta und Song bedrängte, um sie zur schnellen Ballzirkulation auf den Flügel zu zwingen.

Hier ist es eher ein 4-3-2-1. Ein Tannenbaum zu Ostern. Basken, was?

Hier ist es eher ein 4-3-2-1. Ein Tannenbaum zu Ostern. Basken, was?

Zusätzlich hatte Barcelona nach hinten mit Bartra und Mascherano zwar zwei gute Optionen, doch hier presste Aduriz und Pinto als Rückpassoption für die beiden Innenverteidiger war suboptimal, wodurch Barcelona selten die langen Zirkulationsstafetten im ersten Drittel wie mit Valdes unter Guardiola spielen konnte, um Ruhe ins Spiel zu bringen. Bilbao presste auch immer wieder auf Pinto (und ging dann mehrmals ins 4-4-2 über), der dann zu langen Bällen gezwungen war; auch bei den Innenverteidigern kam das mehrmals vor.

Ein bisschen 4-5-1.

Ein bisschen 4-5-1. Ausnahmsweise ist der Zwischenlinienraum bisschen offen.

Nach der Führung kurz nach Seitenwechsel zog sich Bilbao etwas früher zurück, stand öfter im Abwehrpressing da, ohne aber intervallsmäßig aufzuhören höher zu pressen und auch Pinto bei Möglichkeit zu bedrängen. Desweiteren spielten sie nun deutlich häufiger im 4-5-1 mit flacher Fünf statt dem 4-4-1-1, sicherten den Zwischenlinienraum gut und agierten nach wie vor enorm kompakt in der Horizontale.

Neben Messi boten sich die Aufbauspieler des Mittelfelds von Athletic immer wieder an und zogen Barcelona damit auseinander.

Neben Messi boten sich die Aufbauspieler des Mittelfelds von Athletic immer wieder an und zogen Barcelona damit auseinander.

Innerhalb weniger Minuten konnte Barcelona dann die Partie allerdings noch drehen. Sie erzeugten mit ihrer individuellen Klasse bei tieferer Positionierung Bilbaos Gefahr um den Strafraum herum und trafen letztlich zum Ausgleich, nur um zwei Minuten später per Freistoß noch das 2:1 zu machen. Daraufhin verlegte sich Barcelona auf ein tiefes Pressing mit Konterfokus und stand die Partie aus.

Mannorientierung auf dem Flügel führt zu einem 6-2-1-1. Damit erhält man Gegentore! Ich mag Bildunterschriften.

Mannorientierung auf dem Flügel führt zu einem 6-2-1-1. Damit erhält man Gegentore! Ich mag Bildunterschriften.

Fazit

Barcelona überwindet durch die offensive Stärke die eigenen Defensivprobleme und kaschiert sie durch den 2:1-Sieg. Damit ist die Meisterschaft noch nicht ganz abgehakt, während die diesjährige Überraschungsmannschaft Athletic in diesem Prestigeduell keinen Sieg feiern kann.

Defensiv und taktisch wussten die Basken sogar mehr zu gefallen, konnten aber letztlich nur einen Achtungserfolg mit dieser knappen Niederlage erringen. Athletics Ballzirkulation, ihre gute Positionsfindung um Messi herum, das damit verbundene Raumöffnen und die Diagonalbälle führten aber zu selten zu gefährlichen Aktionen, um sich einen Sieg wirklich verdient zu haben. Laporte ist übrigens ein sehr talentierter Innenverteidiger.

Danke an laola1.tv für das Bildmaterial!

LM 22. April 2014 um 12:09

Schöner Artikel, die Bilder bei den Spanienartikeln helfen immer sehr. Was ich mir aber immer wieder wünsche, wäre wenigstens eine Grafik mit den Grundformationen. Ist jetzt bei dem Artikel nicht so wichtig, aber manchmal steht da dann etwas wie “xy rückte immer wieder zu weit aus seiner Position“, aber leider hab ich keine Ahnung, welche das eigentlich war 😀

Und Bildunterschriften sind super, vor allem bei euch 😉

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Magic_Mo 22. April 2014 um 17:25

Stimmt, eine oder zwei Grafiken mit Grundformationen oder schematische Darstellungen wären trotz (überragendem!) Bildmaterial ganz nett 🙂

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C 21. April 2014 um 14:40

Wer von euch schreibt eig diese bissigen kurz Charakterisierungen eurer Autoren?

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RM 21. April 2014 um 15:50

Indirekt die Leser.

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Mananski 21. April 2014 um 13:52

Yeahh, endlich mal wieder ein Bilbao-Artikel, bitte mehr!!
Dieses Jahr hat Athletic mehr Punch nach vorne, vor allem durch Aduriz, der beständig trifft. Das hat etwas gefehlt sonst. Bis zum Tor spielt Athletic schon seit Bielsa sehr gut, doch es fehlte dann oft ein Verwerter. dazu laufen sie immer noch extrem viel und spielen unmenschliches Pressing. Mir gefällt das echt gut, ich hoffe mal das nicht wieder die besten weggekauft werden. Laporte ist echt schon ziemlich krass, spielerisch…

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AP 20. April 2014 um 23:42

Ich mag Bildunterschriften übrigens auch. Schöner Artikel

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