Donnerstag, 08.12.2016

Periodisierungstechniken: Abschlussdiskussion

In diesem letzten Artikel wollen wir eine sehr kurze Abschlussdiskussion machen und die Leser zu eigenen Anregungen einladen.

Strukturell unterschiedliche Arten von Periodisierung?

In den bisherigen Artikeln ist den Lesern sicherlich aufgefallen, dass es bei den jeweiligen Arten der Periodisierung nicht immer um das Gleiche geht. Auch die wichtigsten Aspekte innerhalb der Konzepte unterscheiden sich. So bezeichnen die Blockperiodisierung, die klassische Periodisierung und die wellenförmige Periodisierung im Normalfall eher die Art der Periodisierung ĂŒber eine bestimmte Zeit hinweg.

Die Blockperiodisierung zielt dabei verstĂ€rkt auf die Mesozyklen und eine Konzentration der zu trainierenden FĂ€higkeiten in diesen ab, wĂ€hrend die klassische Periodisierung eher eine Hochform fĂŒr den Wettbewerb ĂŒber eine empathische Beeinflussung des Biorhythmus und gezielte Verbesserung des Körpers erreichen möchte. Die wellenförmige Periodisierung hingegen versucht sich ĂŒber die Art des Trainings positiv zu definieren, indem das körperliche Maximum im Training durchgehend erreicht werden soll, ohne zu ĂŒbertrainieren.

Die Coerver-Methode als Variante eines pyramidalen Aufbaus und die DFB-Jugendkonzeption hingegen sind Beispiele fĂŒr eine einfache inhaltliche Konzeption. Damit sind sie Leitschemen fĂŒr einen zeitlich weitreichenden Zeitraum ohne „peaks“ fĂŒr einen Wettbewerb. Bei ihnen geht es um eine möglichst intelligente konstante Weiterentwicklung des Athleten in den fußballspezifischen Eigenschaften. Eine körperliche Periodisierung ĂŒber einen Jahresablauf gibt es somit kaum; eher altersgemĂ€ĂŸe Entwicklungsziele. Sie dienen somit eher als Entwicklungsmodelle in der Jugendausbildung. Die taktische Periodisierung geht hierbei einen Mittelweg zwischen den erstgenannten und den langfristigen Konzepten. Es geht um eine konstante Spielerentwicklung – allerdings auf deutlich höherem Niveau – und gleichzeitig eine Periodisierung im klassischen Sinne ĂŒber eine Saison hinweg.

José Mourinho sagte dazu passenderweise Folgendes:

„Der wöchentliche Trainingsaufbau fokussiert sich nur auf das nĂ€chste Spiel. Es gibt keinen Plan in einer bestimmten Phase im Dezember oder im Mai topfit zu sein und keine Planung im Vorhinein. Es gibt auch keinen Plan gegen Topteams auf einem höheren Niveau zu sein.“

Diese Meinung entspricht natĂŒrlich dem Leitpfaden der taktischen Periodisierung. In der taktischen Periodisierung wird schlicht alles auf eine bestimmte Art und Weise im Wechsel innerhalb dieses Rahmens ĂŒber die Saison hinweg trainiert.

Eine Periodisierung ĂŒber die Saison ist somit nicht nötig; und Mourinho hat vermutlich ausreichend Titel gefeiert, um als positives Beispiel fĂŒr eine potenzielle Erfolgsmöglichkeit dieser Periodisierungsweise zu dienen. Was genau bedeutet das also fĂŒr den Fußball?

Mehr KreativitÀt, weniger Anleihen?

Beim Fußball könnte es fortan in puncto Periodisierung weniger Aspekte aus der Leichtathletik geben. Die GrĂŒnde dafĂŒr sind relativ klar. Einerseits gibt es im Fußball nicht ein, zwei oder drei große Wettbewerbe pro Jahr, sondern einen durchgehenden Wettbewerb mit vielen, flexibel verteilten Höhepunkten.

Andererseits sind Fußballer in ihrer Ausbildung nicht auf einen einzelnen Aspekt fokussiert, sondern auf mehrere Aspekte, bei denen sie ein sehr hohes, aber kein extremes Niveau (wie 100-Meter-Sprinter in ihrer Disziplin z.B.) haben mĂŒssen.

Dadurch sehen die Anforderungen ganz anders aus. Wichtig wÀre deswegen eine Methodik zu finden, welche diese Unterschiede betont. Die so entstandene Methodik sollte dann erforscht und empirisch untersucht werden. Beispielsweise könnte man unterschiedliche Arten der taktischen Periodisierung schaffen und diese vergleichen oder die taktische Periodisierung mit einer Trainingsweise mit Àhnlicher saisonaler Periodisierung, aber ohne ganzheitlichen Ansatz vergleichen.

NatĂŒrlich wĂŒrde sich dies wissenschaftlich gesehen schwer gestalten. Der Trainingsfortschritt bei Akteuren ist nicht einfach zu messen, trotz Laktattests. Letzteres ist bei AnsĂ€tzen wie von Verheijen oder der taktischen Periodisierung ohnehin ein zu vernachlĂ€ssigender Parameter. Auch Beurteiler sind natĂŒrlich immer subjektiv und tun sich bei Bewertungen im Fußballbereich schwer.

Statische Verfahren wie TSR und PDO können zwar AuskĂŒnfte ĂŒber den kollektiven Erfolg geben, allerdings sind diese Sachen ebenfalls mit vielen Störvariablen versehen. Darunter fallen zum Beispiel die unterschiedlichen MannschaftsstĂ€rken. Vergleiche mit der Vorsaison, Vergleiche von Trainerkarrieren mit klaren Methodiken und viele Langzeitstudien könnten aber zumindest auf Dauer und bei passender Zahl helfen.

Diese Forschungen wĂŒrden dem Fußball immerhin langfristig in seiner Entwicklung helfen. Ähnliches könnte in der Jugendausbildung versucht werden. Eine Messung der Entwicklung von FußballfĂ€higkeiten bei Jugendspielern und den darauffolgenden Erfolgen auf Profiniveau in einer auf eine sehr große Population angelegten Langzeitstudie könnte Wunder wirken. Dabei könnte man die Erfolge der ausgebildeten Spieler unter einer speziellen Methodik messen. Die Niederlande im historischen Kontext oder die Spanier und der DFB aktuell sind Paradebeispiele dafĂŒr, auch wenn man die dort vorhandenen konzeptuellen Änderungen leider nicht klar erfassen kann.

Dabei könnten die genauen Erfolge der Coerver-Methode, des Trainings nach Horst Wein oder weiteren Jugendkonzeptionen ĂŒberprĂŒft werden. Langfristig wĂ€ren auch gegenseitige Anleihen und die Verbindung mit neuesten Erkenntnissen aus der Trainings- und Sportwissenschaft interessant.

Auch Verbindungen zwischen den auf Wettkampfpeaks fokussierten und den niveauerhaltenden Periodisierungskonzepten wĂ€ren umsetzbar. Eine Kombination der Methodiken fĂŒr unterschiedliche Phasen – beispielsweise eine Blockperiodisierung in der Sommervorbereitung, Wellenperiodisierung danach – oder eine Integration einzelner Aspekte in die taktische Periodisierung. Dies wird dort schon ansatzweise gemacht, da in der taktischen Periodisierung die Vermittlung der defensiven Inhalte priorisiert wird. Das könnte in anderen Bereichen angewendet ein weiterer Fortschritt sein.

Der Weg zu einem klaren Umgang der Öffentlichkeit mit den einzelnen Konzepten, ihrer Verbindung und der empirischen Untersuchung ist aber noch sehr lang.

Ein Einwand – und eine persönliche Meinung

Allerdings muss man auch sagen, dass im Breitensport durchaus viel getan wird. Es gibt viele Weiterbildungen einzelner Trainer, gute Ideen und viele tolle Umsetzungen auch von weniger bekannten Personen, wie es unser Gastautor Marco Henseling (vangaalsnase) mit seiner praktischen Umsetzung der taktischen Periodisierung bewies. Dabei ist auch schön zu sehen, dass dies sogar bis nach oben dringt.

Historisch gab es einzelne Trainer wie Cramer und Lattek, die sich mit einem eher wissenschaftlichen Hintergrund nach oben arbeiten konnten. Aktuell ist dies auch der Fall. In der Bundesliga kommen viele der erfolgreichsten Trainer eher aus dem Nachwuchsbereich, haben Sportwissenschaft oder PĂ€dagogik studiert und nutzen ihre Erkenntnisse dabei im Training.

Spielverlagerung möchte da nicht allzu sehr hinterherhinken. In den nÀchsten Wochen und Monaten werden wir beziehungsweise ich auch versuchen, etwas mehr Theoriearbeit in Sachen Trainingswissenschaft zu geben. Dies ist zwar sehr zeitaufwÀndig und mit viel Recherchearbeit verbunden, doch ich hoffe, dass es ein umsetzbares Projekt wird.

Aktuell habe ich mich schon mit einigen interessanten Sachen beschĂ€ftigt, arbeite noch an der genauen Ausarbeitung. Wenn einzelne Leser sehr lesenswerte sportwissenschaftliche Artikel oder generelle Ideen haben, freue ich mich natĂŒrlich auf einen Hinweis darauf [ rm@spielverlagerung.com ]. Eventuell werden wir in den nĂ€chsten Monaten ein Forum grĂŒnden, falls wir herausfinden, wie, dann hoffe ich dort auf einen regen Austausch zu diesem Thema.

Das Gesamtwerk habe ich ĂŒbrigens in einer PDF zusammengefasst und biete es allen Lesern nochmal kostenfrei zum Download an.

Abschließend möchte ich noch Marco Henseling fĂŒr den tollen Gastbeitrag sowie unserem Leser und Bloggerkollegen TW fĂŒr Korrektur- und Beraterarbeiten bei meinen Artikeln danken.

Lobanowskyj 17. Januar 2014 um 11:51

Kommentar kommt spĂ€t, ich weiß, aber vielleicht kommt ja doch noch eine Diskussion zustande…
erstmal vielen Dank fĂŒr die schon sehr umfangreichen EinfĂŒhrungen in die verschiedenen Konzepte. Da ich mit dem Gedanken spiele, ab Sommer (wenn ich mehr Zeit habe) im Kinder-/Jugendbereich mich als Trainer zu probieren, bin ich sowieso auf der Suche nach vielen guten Ansatzpunkten. Ich kann also nur befĂŒrworten, dass ihr zu solchen Themen mehr bringt.
Was die grundsĂ€tzliche Philosophie der Jugendausbildung angeht, hat mich van Gaals „Vision“ sehr beeindruckt, muss ich sagen. Kann ich nur jedem weiterempfehlen. Auf der Suche bin ich aber noch nach Werken, die Ă€hnlich wie Henselings Beschreibung der „6-Zonen-Spielform“ detailiert konkrete Spielformen darstellen, mit denen sich sowas wie taktische Periodisierung oder Coerver praktisch umsetzen lĂ€sst. Welche kannst du/könnt ihr mir da (von den genannten BĂŒchern und anderen) empfehlen?

Kleiner Kritikpunkt: Zwischen Periodisierung im Sinne von (Saison-)TrainingsplĂ€nen und Periodisierung in der Jugendausbildung mĂŒsste stĂ€rker differenziert werden, damit diese Konzepte nicht in der Diskussion durcheinandergeworfen werden. Eine Wellenperiodisierung oder taktische wie sie Mourinho macht, dĂŒrfte im Jugendbereich nicht zielfĂŒhrend sein, da hier die ĂŒber Jahre angelegte Grundlagenentwicklung das Ziel ist und nicht das Erreichen einer bestimmten Performance innerhalb einer Saison.

In dem Zusammenhang sehe ich es durchaus auch als kritisch, wenn bei Mourinho oder Barcelona immer hervorgehoben wird, dass sie versuchen, mit ihrem taktischen System (und Trainingsmodellen) schon in den Kindermannschaften anzusetzen. Man muss aufpassen, dass man dadurch den eigentlich erwĂŒnschten kreativen Lernprozess und die Weiterentwicklung des Spiels nicht hemmt. Da kann die Spielphilosophie schnell zum Dogma werden.
Nicht ohne Grund konzentriert sich die hollĂ€ndische Schule v. a. auf den technischen Aspekt und forciert den taktischen nicht zu stark. Wenn Mourinho die Jugend zu sehr an der ersten Mannschaft ausrichtet, könnte das (leichtere) Einstudieren von Defensivkonzepten zu sehr in den Vordergrund rĂŒcken.

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Frank 21. Januar 2014 um 09:04

Eine ausgeprĂ€gte Spielphilosophie „hemmt“ meiner Ansicht nach nicht den Lernprozess. Ganz im Gegenteil, sie liefert die Orientierung zur Zielvorstellung (Wie wollen wir spielen und was mĂŒssen wir dafĂŒr lernen?).

Denn Spielstil, Basisformationen, Positionsspiel und Automatismen können nur so einen ĂŒbergeordneten Rahmen fĂŒr zielfĂŒhrende Ausbildungsinhalte geben.

Im unteren Jugendbereich werden auch beim FC Barcelona keine theoretischen Taktikinhalte gelehrt, hier liegt der Fokus auf der Technikschulung. Doch gibt es eine Reihe von Spielformen, die auch die jĂŒngsten Spieler auf die taktischen Herausforderungen vorbereiten, so dass sie Taktik lernen ohne es zu merken: die Basis, fĂŒr einen freien Kopf fĂŒr KreativitĂ€t.

Hier ist ein Artikel, der gut erklÀrt, wie eine Spielphilosophie das leisten kann:

http://excitingfootball.com/entwicklung-einer-spielphilosophie-am-beispiel-des-fc-barcelona/

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ZagƂębie rules 21. Januar 2014 um 13:06

Den Lernprozess per se hemmt sie sicherlich nicht. Aber das ist ĂŒberspitzt ausgedrĂŒckt so als wenn du in der Schule nur z.B Mathe hĂ€ttest. Deutsch, Geographie und Physik kommt nicht vor wird aber spĂ€ter genauso gebraucht. Letztendlich haben sich alle Spielstile die von Philosophie geprĂ€gt waren deshalb auch irgendwie weiterentwickelt. Auch das Barca von Guardiola ist mehr oder weniger schon Geschichte. Er spielt anders in MĂŒnchen und Barca spielt anders unter Martino. Und was sollen all die Spieler machen die nicht bei Barca in der Jugend spielten? Taugen die jetzt nicht mehr fĂŒr Profifussball? Ich finde eine Philosophie steht oft einer ganzheitlichen Ausbildung entgegen. Muss aber nicht zwangslĂ€ufig. Ich sage damit nicht dass es grundsĂ€tzlich schlecht ist eine Philosophie als ĂŒbergeordneten Rahmen zu haben. Aber letztlich besteht die Gefahr dass Fantasie und KreativitĂ€t auf der Strecke bleiben. Gerade Guardiola zeigt doch letztlich auch wohin die Evolution zwangslĂ€ufig fĂŒhren wird. Es werden behutsam mal andere Systeme bzw. Philosophien ins Spiel integriert. Unterstellt man dass die SpielstĂ€rken in der einzelnen Teams in Zukunft als Folge von besserem Training und besserem Scouting immer weiter nivelliert werden und das auch die Trainer immer besser werden, dann wird dass der einzige Weg bleiben wettbewerbsfĂ€higer zu sein.

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Frank 22. Januar 2014 um 10:27

In einer Sache hast du grundsĂ€tzlich Recht. Wie Ken Robinson in seinem großartigen, auch fĂŒr Trainer absolut sehenswerten und ĂŒber 21 Millionen Mal gesehenen (!) Vortrag beschreibt, hat Ausbildung immer ein hohes Potenzial, um KreativitĂ€t zu ersticken: http://www.ted.com/talks/lang/de/ken_robinson_says_schools_kill_creativity.html (Englisch, mit deutschen Untertiteln).

Aus der entgegengesetzten Perspektive liefert die Ausbildung ĂŒberhaupt erst die Möglichkeiten, um kreative Glanzleistungen in die Tat umzusetzen; das Handwerkszeug. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns auch als Trainer. Die Spielphilosophie liefert dabei Orientierung, wie das „Handwerkszeug“ aussehen soll.

Was Barca und Guardiola betrifft, kann ich allerdings keine VerĂ€nderung der Spielphilosophie erkennen: Ballbesitz, offensivspiel, Bewegung der Spieler in einem Netz aus Passlinien, das Spiel durch Ballzirkulation steuern und mit Rhythmuswechseln das Vertikalspiel beschleunigen. Insofern darf die taktische Einstellung oder das Spielsystem nicht mit der Spielphilosophie verwechselt werden. Eine gute Philosophie, wie die von Barca und Guardiola, lĂ€sst genug Raum fĂŒr unterschiedliche Taktiken, Spielsysteme und KreativitĂ€t. Hier ist wieder die Analogie zu den Ausbildungssystemen.

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Leon 10. Januar 2014 um 12:40

Mehr zum Thema Krafttraining als Supplement zum eigenen Sport kann man im hervorragenden Buch „Easy Strength“ von D. John und P. Tsatsouline nachlesen. Ich glaube, dass Buch wurde sogar auf Deutsch ĂŒbersetzt.
Es richtet sich nicht speziell an Fußballer, zeigt aber, wie man neben des Sporttrainings effektiv die Kraft steigern kann und dadurch einen Vorteil gegenĂŒber der Konkurrenz zu haben.

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Leon 10. Januar 2014 um 11:42

Ich poste hier noch einmal meinen Kommentar zur Wellenperiodisierung, weil dort keine Diskussion entstanden ist. Dies sind vor allem Anmerkung zum Krafttraining und dessen Rollen

Höchst interessanter Artikel. HÀtte nie gedacht, hier Periodisierung zu lesen.

Der amerikanische Trainer Dan John unterteilt Athleten in vier Quadranten.
Quadrant 1 ist prinzipiell jeder bis 18 und sollte so viele verschiedene Sportarten wie möglich beinhalten. Idealerweise sollte jemand beim Anschauen der Olympischen Spiele sagen können, dass er jede Disziplin mal gemacht hat.
Zusammengefasst viele QualitÀten auf niedrigem Niveau.

Quadrant 2 sind viele QualitÀten auf hohem Niveau. Darunter fallen Mannschaftssportarten und bestimmte Einheiten der Polizei und des MilitÀrs.

Quadrant 3 sind alle, die diesen Artikel lesen. “We don’t do much and we don’t do it well.” Wichtig ist hier lediglich ein gewisses Maß an Kraft, MobilitĂ€t und Ausdauer aufzubauen.

Quadrant 4 sind wenige oder auch nur eine QualitĂ€t auf dem höchsten Niveau. Sprinter oder Gewichtheber sind dafĂŒr gute Beispiele.

Normale Freizeitsportler sollten nicht den Fehler machen, Methoden von Athleten aus Quadrant 2 oder 4 zu kopieren.

Das Problem mit Quadrant 2 ist es zu bestimmen, was genau wirklich hilft. Daher findet man in den TrainingsrĂ€umen von Am. Football Vereinen so gut wie jedes TrainingsgerĂ€t, dass auf dem Markt ist. Da so viele QualitĂ€ten vorhanden sein mĂŒssen, ist es schwer zu sagen, was wichtig ist, und was wirklich hilft. Ein Fußballteam kann in grandioser physischer Verfassung sein und trotzdem jedes Spiel verlieren.

Dass ihr das Thema ansprecht, finde ich sehr positiv. Ich habe den Eindruck, dass Fußball eher konservativ ist, was neue Trainingsmethoden angeht. Im Eishockey werden schon seit den 70igern Übungen aus dem Gewichtheben verwendet, um die Spieler explosiver und krĂ€ftiger zu machen.
Und anscheinend herrscht im Fußball immer noch hĂ€ufig der Eindruck, dass Muskeln langsam und unbeweglich machen. Ich könnte mir vorstellen, dass Fußballer in Zukunft krĂ€ftiger aussehen werden. Götze ist ein gutes Beispiel fĂŒr diese These. Klein von Wuchs, aber durchaus krĂ€ftig.

Off-season vs. in-season Training
Mittlerweile wurde in vielen Mannschaftssportarten festgestellt, dass in-season Training eine Reduzierung des Volumens nicht aber der IntensitĂ€t erfordert. Volumen meint die totale Anzahl an Wiederholungen einer KraftĂŒbung, IntensitĂ€t bezieht sich (einzig) auf das verwendete Gewicht in Hinblick auf die persönliche Bestleistung.
FrĂŒher reduzierten Trainer meist Volumen und IntensitĂ€t. Die Spieler wurden schwĂ€cher im Laufe der Saison und Verletzungen nahmen zu.
Der Leichtathletiktrainer C. Francis konnte seine Sprinter in Topform fĂŒr bis zu 9 Monate halten. Dabei passte er sehr auf, den Athleten weder ĂŒber- noch unterzufordern, wobei er im Zweifel dem Athleten eine Pause gönnte, anstatt ihn mĂŒde trainieren zu lassen.

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Lobanowskyj 17. Januar 2014 um 12:22

GrundsĂ€tzlich finde ich auch, dass der Fussball noch viel Nachholbedarf in Sachen professionelles Training hat, gerade wenn’s um den Bereich Physis geht. Da kann man sich sicher so einige Methoden von Gewichthebern, Leichtathleten etc. abschauen. Andererseits wird man wohl kaum einzelne Übungen kopieren können, wie im Eishockey. Im Fussball sind letztlich doch viel feinere koordinative FĂ€higkeiten gefragt und viele Bewegungsmuster könnten meiner Meinung nach durch eine zu einseitig aufgebaute Muskulatur eher gehemmt werden. Wenn zB ich als Gitarrist KraftĂŒbungen mache, um meine Muskulatur besser auf die Anstrengungen eines mehrstĂŒndigen Konzerts vorzubereiten, kann durchaus meine Fingerfertigkeit darunter leiden, wenn ich’s ĂŒbertreibe.
Einen solchen Effekt konnte man ĂŒbrigens in der Vergangenheit schon beobachten: nachdem Mourinho bei Porto und Chelsea einen sehr athletischen, wuchtigen Spielertypus populĂ€r gemacht hatte, versuchten immer mehr Spieler diesem „Drogba-Ideal“ nachzueifern. Beim Afrikacup waren dann jahrelang Teams wie CĂŽte d’Ivoire, Senegal, Mali zu bewundern, die nur so vor Kraft strotzten, wĂ€hrend Spielgeschwindigkeit und -fluss immer mehr abnahmen. Die Zukunft des Fussball ist das meines Erachtens nicht.

Die Periodisierungsmethoden aus anderen Sportarten aufzugreifen, ist gut, aber dann muss man sie fussballspezifisch weiterentwickeln.
Dein Beispiel mit dem Kraftraum beim Football zeigt’s doch sehr anschaulich: das Training einer bestimmten Muskelgruppe (und das bei ALLEN Spielertypen einer Mannschaft) wie beim Gewichtheben ist fĂŒr die meisten Mannschaftssportarten einfach nicht sinnvoll, weil man der Vielzahl unterschiedlicher Bewegungsmuster damit nicht gerecht wird. Anstatt ewig nach dem besten TrainingsgerĂ€t zu suchen, kommt man eben doch wieder zu der alten Erkenntnis: der Ball ist das beste TrainingsgerĂ€t. Wenn JĂŒrgen Klopp sagt, dass der beste Weg, um das Laufen zu trainieren, ist, zu laufen, dann ist die logische Konsequenz, dass die beste Art, Fussballspielen zu trainieren (das aus viel mehr besteht als Laufen), ist, Fussball zu spielen.

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Peda 8. Januar 2014 um 16:14

Herzliche Gratulation zu dieser Artikelserie, starke Arbeit!

Eine Sache möchte ich aber ansprechen, mit der ich nicht einverstanden bin:
Es wird mehrere Male darauf hingewiesen (u.a. unter Berufung auf ein Zitat Mourinhos), dass es im Fußball im Unterschied zu anderen Sportarten keine richtigen Peaks gibt auf die durch entsprechende Periodisierung hingearbeitet wird, weil man wĂ€hrend der Hauptperioden permanent in einer Wettbewerbsphase steckt.

Salopp gesagt, das glaube ich nicht.

Wenn sich die IntensitĂ€t der taktischen Periodisierung zumindest ĂŒber eine Hauptperiode nicht Ă€ndert und ich wĂ€hrend dieser nach und nach komplexere Aufgaben dazunehme, dann heißt das doch, dass meine Mannschaft zumindest am Ende der (Halb-)Saison auf einem höheren Level agieren wird als zu Beginn.
Wenn erst mit 31. August der Kader fertig zusammengestellt ist, dann wird am ersten Spieltag nicht die selbe Mannschaftsleistung möglich sein wie am 17.

Wenn ein Trainer behauptet, dass man sich auf jeden Gegner gleich gut vorbereitet, dann ist das nichts anderes als eine liebe Floskel, damit das vierte SchlĂŒsselelement nicht ganz vernachlĂ€ssigt wird. Die Leistung wird trotzdem je nach „GrĂ¶ĂŸe“ des Gegners eine andere sein.

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RM 8. Januar 2014 um 16:50

Peak heißt ja ein punktueller Höhepunkt, hier hast du einfach eine langsame Kurvensteigung, wenn ich es richtig verstehe, was du meinst (= langsame Periodisierung wie bei Verheijen, oder? 🙂 ). Außerdem geht es ja um die Periodisierung des Trainingsinhalts, du beziehst dich dann eher auf die letztliche Leistung und das erhöhte Leistungsniveau generell. Dass die prĂ€zise Vorbereitung auf den Gegner bei bestimmten Spielern anders ist, sehe ich auch so. 🙂

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Peda 9. Januar 2014 um 14:55

Jetzt habe ich dreimal einen satten Antworttext formuliert und wieder gelöscht, weil ich nicht genau weiß, was ich eigentlich will! 😀

Ich wollte wohl irgendwie darauf hinaus, dass die taktische Periodisierung sich liest wie die eierlegende Wollmilchsau, eine sture Konzentration auf grĂ¶ĂŸtmöglichen Trainingsfortschritt aber dazu fĂŒhren könnte, dass man zur falschen Zeit die richtige Leistung bringt.

Ein Beispiel, du kennst die österreichischen Vereine ja eh besser als ich:
Ried spielt(e) Jahr fĂŒr Jahr einen Bombenherbst, um dann im FrĂŒhjahr einzubrechen – und das hat mMn gute GrĂŒnde:
Einerseits spielen die ĂŒblichen Titelaspiranten im FrĂŒhjahr meist nicht mehr (wenn ĂŒberhaupt) international und können sich daher ganz auf die Meisterschaft konzentrieren. Zum anderen ist die SV Ried ein Ausbildungsverein, der von den Ablösen seiner Spieler lebt. Deshalb werden meistens schon lange vor dem Saisonende junge Spieler in die Mannschaft eingebaut, wodurch wiederum der Saisonstart meist reibungsloser funktioniert wie bei der Konkurrenz.
Ein solcher Saisonplan kann und wird aber nur funktionieren, wenn auch der Trainingsplan darauf ausgerichtet ist.

Das ist natĂŒrlich jetzt stark vereinfacht, aber ich denke es ist jetzt klar(er?) was ich meine.

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RM 9. Januar 2014 um 15:14

Haha, ich weiß es jetzt auch nicht ganz! 😀 🙂

Du meinst, dass bei aller taktischer Periodisierung letztlich im Herbst zu gut und im FrĂŒhling im Vergleich mit anderen zu schwach sein könnte?

Die Rieder wĂ€ren dann also dein Beispiel fĂŒr ein Team, welches es … richtig(?) macht. Die verlieren im FrĂŒhjahr eh gegen die besseren Teams, bauen also lieber junge Spieler in der Zeit vermehrt ein und haben wiederum einen guten Start, holen sich viele Punkte und können schon ab Winter Spieler wieder verkaufen – und trainieren demnach auch nach diesem Zyklus?

Antworten

Peda 9. Januar 2014 um 16:18

Also erstmals vielen Dank fĂŒr deine große Geduld!

Als Österreicher bin ich es nicht gewohnt mich so gewĂ€hlt und prĂ€zise auszudrĂŒcken, da treten dann eben hin und wieder gewisse UnschĂ€rfen auf.

Ich finde die Artikel toll, vor allem auch das Praxisbeispiel ist ĂŒbersichtlich gegliedert und verstĂ€ndlich geschrieben. Allein mir fehlt der Glaube daran, dass es das schon ist.

Ried war nur als Beispiel gedacht. Eine Mannschaft, die international vertreten ist muss dagegen wahrscheinlich versuchen das taktische GrundgerĂŒst so gut es geht vor den ersten Gruppenspielen aufzustellen, weil nachher in den vielen englischen Wochen wohl kein richtiger Trainingsrhythmus dahingehend aufrecht erhalten werden kann usw. usf.

Wenn ich mir das so durch den Kopf gehen lasse, danke ich, dass ich mir von den Mannschaften und Trainern wohl zu viel erwarte. Vielleicht stelle ich mir das auch momentan zu theoretisch vor.

Kurz und knapp: ist Marco Henselings Abhandlung ausreichend, um eine Mannschaft der (1) deutschen oder (2) österreichischen Bundesliga angemessen zu trainieren und erfolgreich zu sein, ist die QualitĂ€t der Trainingsarbeit in den Clubs deiner Meinung nach generell ĂŒber, unter oder im Bereich der Abhandlung?

Antworten

RM 9. Januar 2014 um 16:46

Naja, beim Spielmodell definiert man dann auch die Ziele, die Philosophie und Ă€hnliches. Gibt es dort gewisse Extreme, dann setzt man das Training ja auch so um. Raymond Verheijen, der fĂŒr viele als der Fitnessexperte gilt, spricht ĂŒbrigens selbst von einer solchen „langsamen Periodisierung“ (also keine Peaks, sondern einfach der Versuch einer durchgehenden, stetigen Steigerung mit RĂŒcksicht auf die physische Spielerform in puncto IntensitĂ€t), Mourinho spricht sich auch dafĂŒr aus.

Dieser mangelnde Trainingsrhythmus bzw. die mangelnde Zeit ist ja wohl auch die Ursache dafĂŒr, weswegen die Trainer dann fĂŒr ihr „Projekt“ immer die nötige Zeit verlangen.

Den Abschluss kann ich dir nicht beantworten. Ich weiß, dass ein bekannter Trainer in der dt. Bundesliga mit takt. Periodisierung trainieren lĂ€sst (und ich meine nicht Pep), die wohl relativ Ă€hnlich aussieht wie Marcos, ein anderer in der 2. Liga mit Blockperiodisierung in der Aufbauphase und takt. Periodisierung ĂŒber die Saison arbeitet und manche anderen wohl kein wirkliches Konzept haben. Ansonsten habe ich / haben wir relativ wenig Einblick ins TagesgeschĂ€ft, exkl. einzelner Trainer und deren Ansichten zu Taktik.

Peda 10. Januar 2014 um 07:51

OK, gut, dann habe ich mich da am Anfang in meinem Denken etwas verrannt.

Wenn ich an gewisse Trainerleistungen in Österreich zurĂŒckdenke (Kirchler, Polster, Vastic…), dann ist es ja eher unwahrscheinlich, dass da irgendeine Art von Plan dahintersteckte.
Ob sich das in naher Zukunft flÀchendeckend Àndern wird, wage ich
leider auch zu bezweifeln. Immerhin gab es ja auch schon Trainerentlassungen, weil sich unter anderem die Spieler ĂŒber den gesteigerten Trainingsaufwand beschwerten.

In einem Punkt haben mir die Artikel auch auf jeden Fall weitergeholfen, und zwar bei der Interpretierung so mancher Trainerentscheidung oder -aussage. Warum z.B. in den ersten Runden kaum rotiert wird, oder was heißt „noch nicht bei 100%“ zu sein.

PS: Ich finde es ĂŒbrigens schade, dass wir hier in der Abschlussdiskussion nur einen kleinen Dialog fĂŒhren. Ich hĂ€tte mir da von der p.t. Userschaft zum Ende mehr Beteiligung erwartet.


Tim 7. Januar 2014 um 08:37

Euer Blog ist allgemein top. Super, dass ihr jetzt auch diesen Themenbereich bearbeitet. Gerne mehr dazu..

Antworten

AP 5. Januar 2014 um 21:04

Danke RM fĂŒr deinen Aufwand und deine Arbeit. Beeindruckend.

Antworten

RM 5. Januar 2014 um 21:50

Siehe Edit im Artikel.

Antworten

TW 5. Januar 2014 um 20:35

Tolle abschließende ZusammenfĂŒhrung der Einzelkapitel! Ich wĂŒrde mich freuen, wenn es demnĂ€chst mehr zu Trainingsplanung und Spielformen geben wĂŒrde.

Antworten

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