Vorschau Deutschland – Portugal

In ihrem ersten EM-Spiel treffen die deutsche und die portugiesische Nationalmannschaft aufeinander. Jogi Löws Jungs steht eine machbare Aufgabe ins Haus: Mit den portugiesischen Schwächen konnten sie in der Vergangenheit gut umgehen.

Dieser Artikel wurde mit einigen Änderungen aus der Spielverlagerung EM-Vorschau entnommen. Keine Sorge, wir werden nicht die gesamte EM über mit Werbung für unser E-Book nerven – dies ist der letzte Auszug.

Wie viel Pressing?

Interessant zu beobachten wird, welche Mannschaft die Kontrolle über das Spiel übernimmt. Entgegen vieler gegenteiliger Analysen trat das deutsche Team bei der WM 2010 keineswegs dominant auf: In den K.O.-Spielen hatten sie allesamt ein Ballbesitzminus, sie fokussierten sich auf Konter. Seitdem entwickelte Löw sein Team jedoch weiter. Nun lautet vor dem Eröffnungsspiel die große Frage: Früh attackieren oder den Portugiesen die Kontrolle in deren Hälfte überlassen?

Vorraussichtliche Aufstellungen

Dass die deutsche Mannschaft ein starkes Pressing beherrscht, stellte sie in den Qualifikationsspielen unter Beweis. Gegen Portugal wird besonders wichtig sein, den gegnerischen Innenverteidigern den Spielaufbau aufzuzwingen. Pepe und Bruno Alves sind alles andere als sichere Passspieler. Ratsam wäre ein weites Aufrücken der deutschen Außenstürmer, die damit die Passwege zu den Außenverteidigern schließen könnten. Auch die Mittelfeldspieler müssten bei einem hohen Pressing mitarbeiten und die gegnerischen Achter kaltstellen.

Mit solch einer Taktik könnte Deutschland dem Gegner hohe Bälle aufzwängen. Mit einer ähnlichen Strategie fuhr Bayern im Champions League Halbfinale gegen Real Madrid sehr gut: Damals lenkten sie den Spielaufbau auf Innenverteidiger Pepe, dessen planlosen Pässe entweder im Nichts oder in den Füßen der Bayern-Verteidiger landeten. Auch gegen Portugal könnte das Erzwingen langer Bälle ein Mittel sein. Zwar muss die deutsche Verteidigung das Kopfballduell gegen Stürmer Postiga (evtl. ist auch eine Aufstellung von Ex-Werderaner Almeida möglich), aber in dieser Disziplin ist die deutsche Innenverteidigung nicht schlecht aufgestellt. Speziell der Einsatz des groß gewachsenen Per Mertesackers macht in diesem Zusammenhang Sinn.

Nani und Ronaldo Schlüsselspieler

Alternativ zum hohen Pressing ist auch möglich, dass die deutsche Mannschaft phasenweise etwas tiefer steht. In diesen Situationen ist es wichtig, Nani und Ronaldo ständig zu bewachen. Sie müssen direkt bei Ballgewinnen attackiert werden – sobald sie erst Fahrt aufgenommen haben, sind sie nicht aufzuhalten. Im Champions League-Halbfinale neutralisierte Philipp Lahm Linksaußen Cristiano Ronaldo praktisch über 215 Minuten. Unter Jogi Löw spielt der deutsche Kapitän hingegen auf links, wo er auf Manchester Uniteds Nani treffen dürfte. Der gelernte Rechtsverteidiger steht auf der linken Position gerne mal etwas zu zentral, was gegen Nani jedoch nicht negativ auffallen dürfte: Der trickreiche Dribbler zieht oft in die Mitte und wählt nur selten den Weg an die Grundlinie.

Etwas größere Sorgen bereitet die gegenüberliegende Seite. Superstar Cristiano Ronaldo wird es dem deutschen Rechtsverteidiger nicht leicht machen. Die letzten Qualifikations- und Testspiele Portugals deuteten zudem an, dass ein einziger Gegenspieler Ronaldo nicht aufhalten kann: Ausflüge ins Zentrum oder auch auf den gegenüberliegenden Flügel sind bei ihm keine Seltenheit. Bei der schwachen 1:3-Testspielniederlage gegen die Türkei gehörten seine Doppelpässe mit den zentralen Mittelfeldspielern und seine Sprints ohne Ball zu den wenigen Lichtblicken.

Die deutsche Viererkette wird besonders beim Übergeben der Deckung vom Außen- zum Innenverteidiger gefragt sein – Mechanismen, die gegen die Schweiz ganz und gar nicht funktionierten. Dies dürfte ein Grund sein, warum Löw im letzten Test und wohl auch beim EM-Auftakt zu drei Vierteln auf die eingespielte Bayern-Abwehr baut. Trotzdem ist der seit seiner Verletzung noch nicht hundert Prozent fitte Mertesacker auf der halbrechten Innenverteidigerposition ein potenzielles Sicherheitsrisiko. Auch Podolski und Müller werden viel nach hinten arbeiten müssen, um die aufrückenden, portugiesischen Außenverteidiger zu decken. Speziell Müller wird gegen Coentrao, Stammspieler im Real-Dress, viel Arbeit leisten müssen, dessen Zusammenspiel mit Vereinskamerad Ronaldo zu unterbinden. Dazu ist ein gutes Zusammenspiel zwischen Müller und dem Verteidiger hinter ihm unerlässig.

Umso wichtiger wird die Rolle des Rechtsverteidigers. Diese Personalie ist eine der wenigen offenen Baustellen bei der DFB-Elf: Löw kritisierte den eigentlich eingeplanten Boateng am Donnerstag auf einer Pressekonferenz für seine Verhältnisse harsch. Löws öffentlicher Rüffel deutet an, wie enttäuscht der Nationaltrainer über die negativen Schlagzeilen rund um Boatengs Eskapaden mit C-Promi Gina-Lisa ist – öffentliche Kritik  an Spielern gab es in der Löw-Zeit praktisch nie, er klärt solche Dinge lieber intern.

Ob sich Löw tatsächlich auf das angedeutete Experiment mit dem gelernten Mittelfeldspieler Lars Bender auf rechts einlässt, ist wiederum eine andere Frage. Taktisch wäre die Variante mit Bender nicht schlecht, gerade offensiv könnte er mit seiner Dynamik in die Lücken hinter Ronaldo stoßen. Trotzdem ist die Aufstellung Boatengs die wahrscheinlichere, da defensiv stabilere Option. Der Nationaltrainer wollte womöglich mit dem öffentlichen Sinnieren über die Variante mit Bender schlicht den Druck auf den abtrünnigen Boateng erhöhen, nach dem Motto: Eine starke Leistung gegen Portugal – oder du bist raus.

Portugiesen anfällig bei Kontern und über die Außen

Die deutsche Offensive wird von der Frage geprägt sein, wie aktiv Löws Jungs das Spiel machen wollen. Eine reaktive, konterbetonte Strategie wäre hierbei nicht die schlechteste Idee: Portugal bewies in der Qualifikation, dass sie anfällig für schnelle Gegenstöße sind. Im Umschaltverhalten sind sie den Deutschen klar unterlegen. Während besonders Badstuber nach Ballgewinnen vertikale, spielöffnende Pässe spielen kann, verschlafen Ronaldo und Co. das Gegenpressing meist – auch wenn man hier bemerken muss, dass sie im Trainingslager offensichtlich etwas an dieser Schwäche gearbeitet haben. Das deuteten zumindest die letzten Testspiele an. Ihre große Stärke ist das Umschaltverhalten von Offensive auf Defensive trotzdem nicht.

Beim eigenen Pressing rücken mind. einer, manchmal auch beide Mittelfeldspieler der Portugiesen weit auf. Hinter ihnen tut sich ein Freiraum in den Halbfeldern auf, den Deutschland nutzen könnte.

Besonders in Situationen, in denen die zwei Achter im zentralen Mittelfeld aufrücken, sind die Iberer anfällig. Da der Sechser, zuletzt meist Veloso, sehr tief agiert, entsteht zwischen Verteidigung und Angriff im Zentrum ein großes Loch. Dies könnte ein Vorteil für Özil sein: Der Spielmacher von Real Madrid liebt es, bei Gegenstößen Freiräume im zentralen Mittelfeld zu haben. Von dort aus kann er den Ball auf die Außenstürmer weiterleiten. Eine Variante mit Kroos und Özil als Achter, die aufgrund Schweinsteigers Wadenproblemen nicht unwahrscheinlich ist, könnte ein Loch ins Zentrum der Portugiesen reißen.

Von dort aus sind Pässe in Richtung des Flügels ein probates Mittel: Ronaldo und Nani sind, freundlich formuliert, defensiv nicht immer die größte Hilfe. Nani ist anzumerken, dass er Sir Alex Fergusons Disziplinwahn etwas besser umsetzt als sein Ex-Schüler Ronaldo. Dessen Defensivarbeit ist den Namen eigentlich kaum wert – ob er mit zurücktrabt oder nicht, hängt von Lust, Laune und Wetter ab. Um die mangelnde Defensivarbeit der Flügelstürmer auszugleichen, müssen die Außenverteidiger oft aus der Kette herausrücken. Speziell Müller könnte durch seine Raumintelligenz auf Rechtsaußen die Lücken hinter Ronaldo und Coentrao nutzen. Konter über die Räume hinter den Außenstürmern wären dementsprechend eine gute Variante. Es war sicher kein Zufall, dass Löws Männer im letzten Testspiel gegen Israel nahezu jeden Angriff über die Flügel aufbauten – hier haben die Portugiesen die größten Probleme.

Dominanz im Mittelfeld?

Nani und Ronaldo arbeiten nicht immer gut nach hinten, auf den Flügeln entstehen Löcher. Oftmals müssen die Außenverteidiger weit herausrücken, so dass wiederum hinter ihnen Freiräume entstehen. Kann Deutschland diese Löcher ausnutzen?

In der Qualifikation hat Löw stets darauf bestanden, dass seine Mannschaft aktiv das Spiel an sich reißt. Gegen die passstarken Portugiesen dürfte das nicht einfach werden, aber es ist machbar. Deren 4-3-3-System bietet die theoretische Chance, Überzahlsituationen im Mittelfeld aufzubauen: Zwar reihen sich die Portugiesen oft defensiv in einem 4-1-4-1 auf, die Rückwärtsarbeit von Nani und Ronaldo ist aber wie erwähnt eher schwach. Die zentralen Mittelfeldspieler werden daher oft aus ihren Positionen herausgezogen. Mit einem passstarken Mittelfeld könnte Deutschland daher das Zentrum dominieren.

Der Schlüssel könnte hier das bereits erwähnte 4-1-4-1-System mit Özil und Kroos sein. In der Qualifikation wurde dies oft gespielt. Der Vorteil: Kroos und Özil könnten beim Zurückfallen im Zusammenspiel eine lokale Überzahl erzeugen. Da der portugiesische Sechser eher tief steht, wäre eine Dreiecksbildung mit Khedira gegen die zwei portugiesischen Achter möglich. Dies ist allerdings eine arg theoretische Variante: Ob der Sechser nicht doch raus- oder die Außenstürmer einrücken würden, ist nicht gesagt. Fakt ist allerdings: Ein Ausfall von Schweinsteiger wiegt im Auftaktspiel weniger stark als in den darauf folgenden Partien, da die Ballkontrolle wohl eher im zweiten oder gar letzten Drittel stattfindet und nicht so sehr in der eigenen Hälfte, von wo aus der Bayern-Star zuletzt oft operierte.

So oder so, die deutsche Mannschaft hat bei einem ballbesitzorientierten Spiel einen weiteren Vorteil: Das eher schwache portugiesische Pressing. Die erste Reihe nimmt es mit der Defensivarbeit wie erwähnt nicht sehr ernst, sodass Querpässe in der eigenen Hälfte möglich sein sollten. Ein geduldiges Gegnerzurechtlegen alà Barcelona ist nicht unwahrscheinlich, dürfte allerdings nicht so effektiv sein wie ein schnelles Konterspiel.

Zudem müsste sich das deutsche Team bei einer aktiven Variante selbst vor dem gegnerischen Kontern schützen. Raul Meireles ist im zentralen Mittelfeld einer der besten Verbindungsspieler Europas, sein direktes Passspiel ist einer der Gründe, warum sein Klub Chelsea das Champions League Finale erreichte. Ein starkes Gegenpressing sowie das Vermeiden unnötiger Ballverluste hat für Deutschland oberste Priorität. Nur so kann verhindert werden, dass Boateng und Lahm zu oft gegen Ronaldo und Nani bei schnellen Gegenstößen ins Eins-gegen-Eins müssen.

Die taktischen Möglichkeiten für Löw sind dementsprechend groß. Egal ob konterlastiges 4-2-3-1 oder ballbesitzorientiertes 4-1-4-1, beide Formationen können gegen die Portugiesen zum Erfolg führen. Die individuellen Personalentscheidungen hängen sicherlich auch davon ab, welche Strategie Löw bevorzugt. Bei einer Konterausrichtung wäre beispielsweise Gomez als pfeilschnelle Sturmspitze und Abnehmer für flache und hohe Flanken keine schlechte Wahl. Klose ist nicht ganz so schnell, er würde hingegen ein eher spielerisches Element ins Team bringen, gerade durch sein blindes Verständnis mit Özil und Müller. Ansonsten darf davon ausgegangen werden, dass dieselbe Mannschaft wie gegen Israel beginnen dürfte – aus den dargelegten Gründen (eingespielte Viererkette, Kroos und Özil zwischen den Linien, Podolski und Müller als Konterstürmer auf den Flügeln) keine schlechte Variante.

Fazit

Für welche Herangehensweise sich Löw am Ende auch entscheidet: Portugal dürfte ein Gegner sein, der seiner Mannschaft liegt. Das deutsche Team hatte unter Löw hauptsächlich Probleme, wenn der Gegner kompakt im Mittelfeld stand (Serbien und Ghana bei der WM 2010), starke Konter aus der Abwehr heraus spielte (Testspiele gegen Ukraine und Polen) bzw. rund um den Mittelkreis über viel Passstärke verfügte (Spanien).

Alle drei Faktoren treffen auf die Portugiesen nur bedingt zu. Im Gegenteil, deren schematische Löcher im Mittelfeld und die Fokussierung auf die Flügel dürften Deutschland zugutekommen. Vieles spricht also für einen gelungen Auftakt in die EM 2012 – und dennoch muss die deutsche Elf stets wachsam bleiben. Ein, zwei schnelle Konter über Nani und Ronaldo, und das Spiel kann schnell kippen. Deshalb gilt: Genauso wichtig wie eine gute Taktik wird heute Abend eine hohe Konzentration sein. Bleibt zu hoffen, dass die hohe Erwartungshaltung die Mannschaft nicht lähmt.

bubu 9. Juni 2012 um 19:27

Taktisch alles sehr gut analysiert, wobei die man die meisten Dinge bereits aus dem Artikel über Potrugal erfahren hat.
Sprachlich stören mich die häufigen doppelten Verneinungen, manchmal ganz passend, aber in diesem Ausmaß doch eher störend.

Antworten

Padh1j0 9. Juni 2012 um 15:21

„Der Spielmacher von Real Madrid liebt es, bei Gegenstößen Freiräume im zentralen Mittelfeld zu haben.“ Welcher Spielmacher/ Zehner liebt das bitte schön nicht? Ich würde selber behaupten, dass Özil mehr als andere Spielmacher wie Eriksen, Giovinco, Silva (nur Bsp.) freie Räume im Mittelfeld braucht um seine Klasse aufblitzen zu lassen.

Antworten

Jay 9. Juni 2012 um 15:21

Sehr guter Artikel.

Nur eine Anmerkung: Coentrao ist kein Stammspieler bei Real Madrid. Er hatte eine sehr sehr durchwachsene Saison und hat seine hohe Ablösesumme nicht einmal in Ansätzen rechtfertigen können.

Antworten

Zirkeltraining 9. Juni 2012 um 15:54

Er ist halt ein anderer Spielertyp als Marcelo. Und je nach Spiel und Gegner hat Mourinho halt den einen oder anderen aufgestellt.
Zum erweiterten Stamm würde ich ihn auf jeden Fall zählen, er hat diese Saison 33 Pflichtspiele für Real gemacht und war zwischendurch auch ein paar Wochen verletzt.

Der Bundestrainer sagte letztens so schön, man müsse sich vom Stammspieler-Denken verabschieden.

Antworten

firedo 9. Juni 2012 um 15:13

super.
hochinteressant und geschmeidig zu lesen.
weiter so bitte.

Antworten

maxlrainer 9. Juni 2012 um 15:10

Nervt nur ruhig weiter mit Werbung für euer E-Book! Solche Texte kann man auch gut ein zweites oder drittes mal lesen. Solange ihr euch nicht auf den Lorbeeren ausruht, stattdessen weiter produktiv am Ball bleibt ist alles gut und die EM um mehr als einen Genuss reicher.

Antworten

elnino545 9. Juni 2012 um 14:38

Von mir aus kann es ruhig noch mehr „Werbung“ für euer ebook geben. Ich fühl mich jetzt so kluk vor dem Spiel.

Antworten

CP 9. Juni 2012 um 14:12

Hallo.

Kann mir jemand aushelfen?

Gerade bei der hier kurz angerissenen Alternative zu Boateng, Bender auf Außen, warum wird nie über das IV-Paar Badstuber/Boateng diskutiert? Sie wären eingespielt, international erprobt (beim FCB zumindest) und ausgewiesen erfolgreich?

Antworten

B 9. Juni 2012 um 15:13

Bei den Bayern hat man in der Rückrunde einen 2. richtigen Außenverteidiger gefunden, bei der DFB-Elf fehlt der nach wie vor. Und Boateng macht als Außenverteidiger keinen schlechten Job (siehe Hinrunde der Bayern). Zieht man ihn in die Innenverteidigung fehlt er logischerweise außen, und wen will man denn da spielen lassen? Höwedes, Schmelzer, Aogo, Beck und wen auch immer man als 2.Außenverteidiger getestet hat, keiner konnte so recht überzeugen. Da ist Boateng auf außen noch die beste bzw. die am wenigsten schlechte Variante.

Antworten

Simon 9. Juni 2012 um 17:27

Warum stellt er nicht Lahm rechts??

Antworten

C 10. Juni 2012 um 17:09

weil offensichtlich auch Schmelzer nicht überzeugen konnte

Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*