Dynamo Dresden – Bayer Leverkusen 4:3 n.V.

Dynamo Dresden schafft gegen Bayer Leverkusen eine Pokalüberraschung und gewinnt mit 4:3 nach Verlängerung. Nachdem Leverkusen in der ersten Halbzeit das Spiel dominierte, bringen Defensivfehler den aufopferungsvoll kämpfenden Zweitligisten zurück ins Spiel.

Alles im Fluss

Neue Saison, neuer Trainer: Bei Bayer Leverkusen ist ab dieser Spielzeit Robin Dutt für das sportliche Abschneiden verantwortlich. Schon beim SC Freiburg ließ er attraktiven Offensivfußball spielen. Wie nicht anders zu erwarten bleibt er auch bei Bayer seiner Linie treu und setzt auf flüssiges Passspiel, bei dem die Spieler immer wieder die Positionen wechseln. Nicht umsonst spricht er im Zusammenhang mit seiner Formation nicht von einem System, sondern von mehreren Systemen, die fließend gewechselt werden.

Bayers Spielweise gegen Dresden kann man dementsprechend keine klare Formation zuordnen. Gerade die zentralen Mittelfeldspieler Bender, Rolfes und Augusto hatten nicht immer eine klare Position im Spiel. Renato Augusto ist besonders viel unterwegs: Er fällt oft aus dem offensiven Zentrum zurück, um als Anspielstation Überzahlsituationen im eigenen Aufbauspiel zu kreieren. So geht er auf die Sechser- oder Außenverteidigerposition, um von dort das Spiel zu strukturieren. Bender und Rolfes halten ihre Positionen ebenfalls nicht starr, sondern ziehen nach vorne, um vor dem ballführenden Spieler anspielbereit zu sein.

In der Offensive agierten Schürrle und Sam ebenso flexibel. Sie waren wahlweise weit auf dem Flügel oder im Zentrum zu finden, je nach Spielsituation. Derdiyok bekam unter anderem deshalb den Vorzug vor Kießling, weil er sich sowohl als Stoßstürmer eignet als auch als Anspielstation weiter hinten, wenn er sich zurückfallen lässt.

Weiterhin ist es ein zentrales Merkmal des Spiels von Robin Dutt, dass seine Mannschaft die gesamte Breite des Feldes ausnutzt. Die Außenverteidiger bleiben fast immer an der Seitenlinie postiert, selbst wenn der Ball auf der gegenüberliegenden Seite war. Im Falle eines durch einen Rückpass abgebrochenen Angriffes konnte man so schnell die Flanken wechseln und die gegnerische Defensive entblößen.

Durch diese flexible Positionsinterpretation aller Spieler hatte Bayer Leverkusen in der ersten Halbzeit fast durchweg eine Überzahl in Ballnähe. Dynamo Dresden konnte in ihrem 4-2-3-1 gar nicht anders, als Ball und Gegner hinterherzulaufen. Teilweise mit nur einem Kontakt spielte Leverkusen Dynamo schwindelig. Diese machten allerdings auch den Fehler, zu oft kein Angriffs- oder Mittelfeldpressing auszuüben.

Zur Halbzeit führte Leverkusen durch zwei schöne Tore 2:0 und hatte rund 75% Ballbesitz. Sie ließen Dynamo Dresden komplett alt aussehen. Selbst als diese nach der Halbzeit auf ein 4-4-2 umstellten und etwas aggressiver in der gegnerischen Hälfte störten, fanden sie nicht besser ins Spiel. Als Schürrle mit einem sehenswerten Schuss auf 3:0 erhöhte (49.), schien das Spiel gegessen.

Leverkusen stärkt Dresden

Leverkusen muss man nach dem 3:0 den Vorwurf machen, dass sie ihr Spiel nicht konsequent durchzogen. Bis dahin waren bei jedem Angriff alle Spieler in ständiger Bewegung. Das änderte sich in der zweiten Hälfte. Ebenso wurde das aggressive Gegenpressing, das unter anderem das Tor zum 1:0 einleitete, nicht mehr so konsequent angewandt. Manche Spieler ruhten sich ein wenig zu sehr auf der klaren Führung aus

Mit abnehmender Konzentration bei Bayer und zunehmendem Regen häuften sich Leverkusener Abspiel- und Annahmefehler. Die Innenverteidiger zeigten ab der 60. Minute ihre Schwächen, wenn sie unter Druck den Ball spielen müssen. Nachdem Reinartz schon zuvor zwei bis drei Fehlpässe spielte, konnte er nach einer verpatzten Annahme seinen Gegenspieler nur mit einem Foul stoppen.

Beim fälligen Freistoß offenbarte sich Leverkusens Schwäche an diesem Abend: Hohe Bälle in den Strafraum konnten sie nur schlecht verteidigen. Daran nicht ganz unschuldig war Keeper Yelldell. Bis zu diesem Zeitpunkt ungeprüft, kam er bei der Freistoßflanke zu zögerlich raus. Schuppan köpfte diese ins Tor (68.).

Schwächen auf Außen und bei Flanken

Nur zwei Minuten später offenbarte Dynamo Dresden eine weitere Schwäche des Gegners: Durch die sehr offensive Rolle der Außenverteidiger entstanden hinter ihnen Lücken, die die Außenspieler zu Flankenläufen einluden. Sowohl das 2:3 als auch das 3:3 kurz vor Schluss fielen nach Flanken von der rechten Leverkusener Seite. Hier hatte Balitsch offensichtlich Probleme gegen seine Gegenspieler. Mitschuld hieran war Außenstürmer Sam, der zu oft mittig stand und auf Außen nicht konsequent nach hinten arbeitete.

Bayer Leverkusen war nach der unerwarteten Wendung im Spiel vollkommen von der Rolle. Die Mittelfeldaufteilung klappte nun nicht mehr. Die eingewechselten Ballack (63. für Rolfes) und Castro (80. für Augusto) erreichten zu keiner Zeit die Flexibilität, Passsicherheit und Dynamik, die das Mittelfeld in der ersten Halbzeit so auszeichneten. Bayer kreierte fortan keine nennenswerten Chancen mehr.

Dynamo Dresden hatte das Momentum auf seiner Seite. In der Verlängerung mussten sie sich nicht mehr bemühen, nach vorne zu spielen. Sie stellten wieder auf ein 4-2-3-1 um, standen tief und warteten auf den entscheidenden Konter. Dieser folgte in der 117. Minute. Abermals muss sich Leverkusens Abwehr fragen lassen, wieso sie eine eigentlich simple Situation so schlecht verteidigen. Dadurch dass zu viele Spieler augerückt waren, konnte der eingewechselte Schnetzler (99. für Schuppan) nach einem Pass in den Lauf von der Mittellinie aus alleine auf Yelldell zulaufen. Sein abgebrühter Heber setzte den Schlusspunkt unter eine nervenaufreibende Partie (117.).

Fazit

Nachdem Dynamo Dresden 60 Minuten lang kaum in die Nähe des Balls kam, drehen sie mit einer engagierten Leistung in der zweiten Hälfte das Spiel. Freundliche Unterstützung bekamen sie von Leverkusens Defensive und von Keeper Yelldell und seiner schlechten Strafraumbeherrschung. Hohe Flanken waren an diesem Abend die Achillesverse der Gäste.

In Leverkusens Spiel gab es allerdings mehr Licht als Schatten. Das unschöne Ergebnis überdeckt die wirklich starke Leistung der ersten Hälfte. Das, was insbesondere das Mittelfeld um Renato Augusto anbot, war eine Augenweide für Fans einer flexiblen Interpretation des ballbesitzorientierten Fußballs. Diesem hochinteressanten Pokalspiel werden daher diese Saison sicher noch einige interessante Partien der Dutt-Elf folgen.

44² 4. August 2011 um 03:41

Auf meinem Blog gibt’s nun auch eine weitere Analyse zu lesen, noch etwas detaillierter.

Ich hoffe mal, das darf ich hier posten. 😉

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Louis 31. Juli 2011 um 15:16

in der Aufstellung von Dynamo ist ein Fehler: es gibt keinen Russ in Dresdens Mannschaft. stattdessen hat Stoll neben Brégerie in der Innenverteidigung gespielt.

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TE 31. Juli 2011 um 15:49

Danke für den Hinweis. Das war ein fehlerhaftes Überbleibsel der Vorlage vom Wolfsburg-Spiel!

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44² 31. Juli 2011 um 00:41

War im Stadion und kann die Analyse mal wieder genau so unterschreiben. (Ich werd wohl morgen noch eine eigene, etwas detaillierte schreiben zum Release meines Blogs.)

Da ich zum einen Dresdner bin und zum anderen maximaler Fan von flexiblem, fluiden Fußball, war das so ziemlich das perfekte Spiel für mich: Eine Stunde Taktik, eine Stunde Ekstase. ^^

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