José Mourinho – der Mann mit den zwei Gesichtern

Als Selbstdarsteller, Lügner und gar Fußballfeind verschrien, von seinen Fans jedoch immer verteidigt. José Mourinho ist nicht nur der polarisierendste Coach, er ist auch der populärste.

1,8 Millionen Fans hat er auf Facebook, sechsmal so viel wie Felix Magath, viermal so viel wie Borussia Dortmund. Doch woher kommt diese unheimliche Popularität und Medienpräsenz?

Die Anfänge des José Mourinho

Bereits als Kind war José Mourinho sehr beliebt: intelligent, zielstrebig und ein Mädchenschwarm. Doch Josés Interesse galt jeher dem Fußball, hauptsächlich aufgrund seines Vaters Félix, der Torhüter in der ersten Liga war und auch die Farben Portugals verteidigen durfte.

Woche für Woche folgte Mourinho jr. dem Senior, um ihn bei seinen Spielen zu unterstützen. Zu Auswärtsspielen trampte der Knirps mit Truckern. Da die damaligen Löhne nicht für eine gesamte Familie ausreichten, mussten die Mourinhos immer etwas von ihrem Vermögen zehren, welches 1974 gen Null ging, als das faschistische Regime gestürzt wurde und die Karten im Land neu verteilt wurden. Nur eines ihrer Grundstücke ging nicht in die Hände anderer über und auch auf den Wohlstand von Josés Mutter Maria konnte man nicht mehr zählen. Auch ihr Bruder, jener Architekt, der unter anderem das Stadion „Estádio do Bonfim“ in Mourinhos Heimatstadt Setúbal entworfen hatte, litt unter Armut.

Als Felix Mourinho ins Trainerbusiness wechselte, zeigte sich das große Talent seines Sohnes, der mithilfe von Statistiken und Beobachtungen des Trainings den nächsten Gegner für seinen Vater analysierte. Doch nicht nur das, er war auch Spieler unter seinem Vater bei Rio Ave. José war somit, entgegen vieler anderslautender Behauptungen, ein Profifußballer; er hatte die Jugendakademie von Belenenses durchlaufen und spielte in seiner Karriere bei Rio Ave, bei Belenenses und Sesimbra. Seine Karriere ließ er bei einem Konzernverein in den unteren Ligen ausklingen, für einen Stammplatz in den Profiligen sollte es nie reichen.

Auch schulisch folgte Mourinho niemals den Wünschen seiner Mutter. Er schrieb sich zwar auf ein kaufmännisches College ein, doch bereits am ersten Tag verließ er die Schule und studierte fortan Sportwissenschaften an der technischen Universität Lissabons. Während seines Studiums übernahm er für sein Praktikum den Sportunterricht an verschiedensten Schulen und schaffte seinen Abschluss nach 5 Jahren mit herausragenden Noten. Doch sein Traum, ein Fußballtrainer zu werden, war noch nicht erloschen. Mourinho besuchte zahlreiche fußballbezogene Kurse und begann bereits damals, seinen jetzigen Stil theoretisch zu definieren.

Die wahre Geburtsstunde des Trainers José Mourinho war jedoch an Heiligabend 1982 – während des Weihnachtsessens bekam sein Vater die telefonische Auskunft, dass er entlassen sei und Mourinho schwor sich an jenem Abend, dass er nie entlassen werden würde. Bis heute ist ihm das gelungen.

Vom Übersetzer zum Trainer

Mourinho, ähnlich wie sein späterer Mentor Louis Van Gaal, legte seinen Job als Sportlehrer beiseite und übernahm eine Jugendmannschaft bei Vitória de Setúbal, bald darauf wurde er Assistenztrainer bei Estrela de Amadora.

Nach Auseinandersetzungen mit Jesualdo Ferreira, ehemaliger Lehrer Mourinhos an der technischen Hochschule in Lissabon, wechselte Mourinho zu Ovarense, welchen er ebenfalls bald verließ. Im Jahre 1992 wurde Bobby Robson Trainer von Sporting Lissabon und suchte nach einem Übersetzer, der gute Englischkenntnisse besaß, die Stadt kannte und außerdem ein hohes fußballerisches Fachwissen benötigte – Mourinho sah sich selbst als die Idealbesetzung, bewarb sich und erhielt die Stelle.

Als Robson nach einer Niederlage gegen Casino Salzburg im UEFA-Cup trotz Spitzenposition in der portugiesischen Liga im Dezember 1993 entlassen wurde und beim FC Porto Trainer wurde, nahm er Mourinho mit.

Die Zeit bei Porto war sehr erfolgreich, der kriselnde Verein mit geringen Zuschauerzahlen gewann 1993 den portugiesischen Pokal (im Finale gegen Sporting) und wurde daraufhin zweimal Meister. Robson übertrug Mourinho in dieser Zeit mehr Aufgaben, der Übersetzer war nun die rechte Hand des Trainers. Er gab dem Trainer Beratung, den Spielern Motivationsreden und trainierte mit ihnen die Defensive, Robson übte die offensiven Spielzüge mit der Mannschaft ein – eine Aufteilung, wie es im American Football üblich ist.

Im Jahr 1996 wurde Robson Trainer des FC Barcelona und er nahm Mourinho, offiziell noch immer Übersetzer, mit. Es zeigte sich ein anderes Talent Mourinhos: in wenigen Monaten lernte er perfektes Katalanisch und machte sich bei Spielern und Fans des FC Barcelona sehr beliebt. Robson übertrug ihm weitere Aufgaben, unter anderem das Abhalten von Pressekonferenzen, das Planen von Trainings und die taktische Vorbereitung auf den nächsten Gegner.

Die Spielzeit 1996/97 verlief sehr erfolgreich, man wurde Vizemeister und gewann den spanischen Pokal, den spanischen Supercup und den Pokal der Pokalsieger. Luis Enrique sieht die damalige Mannschaft sogar als gleichwertig zum heutigen Barçateam und glaubt, man hätte damals auch die Champions League gewonnen. Diese großen Erfolge wurden mit einer spektakulären Spielweise erreicht und als Bobby Robson zum Sportdirektor befördert wurde, erhielt auch Mourinho seine Würdigung, als er offiziell Assistenztrainer wurde und an der Seite von Louis Van Gaal arbeiten durfte.

Abermals übernahm Mourinho das Training der defensiven Organisation, während sich Van Gaal um die Offensive kümmerte und der FC Barcelona wurde in den beiden folgenden Jahren Meister.

Van Gaal erkannte Mourinhos Talent und förderte ihn. Bei kleineren Pokalen wie dem Copa Catalunya, den man 2000 gewann, fungierte Mourinho als Trainer, Van Gaal als sein Assistent. Mourinho übernahm auch die zweite Mannschaft Barcelonas und arbeitete dort bis zu seinem Wechsel zu Benfica Lissabon im September 2000.

Mourinhos Anfangsjahre

Die Zeit bei Benfica fing im sportlichen Bereich gut an für Mourinho, doch es sollte verschiedene Streitigkeiten mit dem Präsidium geben. Der Präsident Benficas, João Vale e Azevedo, wollte ihm als Assistenztrainer Jesualdo Ferreira zur Seite stellen, was Mourinho aufgrund persönlicher Differenzen entschieden ablehnte und den ehemaligen Benfica-Verteidiger Carlos Mozer einstellte – einen Ex-Spieler zum Assistenztrainer zu ernennen, wurde fortan Tradition bei Mourinho.

Nach wenigen Wochen bot ihm Bobby Robson erneut eine Stelle als sein Assistenztrainer mit Aussicht auf seine Nachfolge bei Newcastle an, doch Mourinho lehnte ab, da er nicht glaubte, Robson würde in zwei Jahren für Mourinho Platz machen. Bis Dezember blieb Mourinho Trainer Benficas. Seine Kündigung kam nach einem Zwist mit dem neuen Präsidenten Manuel Vilarinho, der eine vorzeitige Vertragsverlängerung Mourinhos ablehnte. Das Gesuch nach einem neuen Vertrag war Mourinhos Antwort auf Gerüchte, dass der neue Präsident den ehemaligen Spieler Toni als neuen Coach installieren wollte – daraufhin trat Mourinho zurück und Jahre später bereute Vilarinho seine Entscheidung öffentlich.

Aufgrund des Mangels an Angeboten als Cheftrainer wechselte Mourinho im April 2001 zur grauen Maus der portugiesischen Liga, União de Leiria. In der Folgesaison führte er die Mannschaft aus dem unteren Tabellendrittel zu ihrer bis dato besten Vereinsplatzierung, als er mit einem flexiblen 4-4-2-System und Offensivfußball nach Vorbild Robsons und Van Gaals Tabellenfünfter wurde. Bereits im Sommer meldeten Vereine ihr Interesse an, doch bis nach der Winterpause der Saison 2001/02 blieb er Leiria treu, dann wechselte er zum FC Porto als Nachfolger Octávio Machados.

Mourinhos Aufstieg

Mit elf Siegen und zwei Unentschieden aus den letzten 15 Spielen wurde man noch Dritter und Mourinho durfte sich erstmals auf dem Transfermarkt beweisen – mit Nuno Valente, Derlei, Paulo Ferreira und Maniche kamen vier neue Stammspieler, die ersten beiden von Mourinhos ehemaligem Verein Leiria. Unter Mourinho modernisierte sich vieles beim FC Porto, die Webseite wurde aufgefrischt und mit vielen Berichten gefüllt, auch zur Trainingsgestaltung Mourinhos. Die Spielweise wurde dynamischer, Mourinho ließ mit einem sehr aggressiven Pressing und einer hohen Abwehrlinie spielen, was in einer Rekordsaison mündete – 86 Punkte (27 Siege und fünf Unentschieden bei insgesamt 34 Spielen) bedeuteten unglaubliche elf Punkte Vorsprung auf Benfica Lissabon, Mourinhos erster Trainerstation. In Pokalbewerben konnte man ebenfalls Erfolge feiern, der portugiesische Pokal und der UEFA-Cup wanderten nach Porto und machten das Triple perfekt.

Im folgenden Jahr gewann man den portugiesischen Supercup, verlor den europäischen jedoch gegen den AC Mailand. In der portugiesischen Liga knüpfte man an die letztjährigen Erfolge an, verlor nur einmal und wurde bereits fünf Runden vor Schluss Meister.

Das Rautensystem von Mourinho funktionierte hervorragend, mit Deco als Spielmacher, einem klassischen Sturmduo und zwei Box-to-Box-Mittelfeldspielern vor einem klassischen Sechser beherrschte man das Zentrum. Die ausdauernden und aggressiven Außenverteidiger beackerten die Seiten und sorgten für Unterstützung im Angriffsspiel. Die Flexibilität, das schnelle Umschalten und die hervorragende Abseitsfalle sorgten bei den portugiesischen Teams für Verzweiflung und auch international hatten die meisten Teams Probleme mit diesem System, einzig Real Madrid in der Gruppenphase konnte Porto eine Niederlage auf europäischen Gefilden zufügen.

Der Traum vom Triple wurde durch eine Pokalfinalniederlage gegen Benfica zerstört, doch nach zwei Defensivschlachten gegen Deportivo La Coruna gewann man mit einem Offensivspektakel mit 3:0 gegen den AS Monaco. Im Anschluss an diesen Erfolg machte Mourinho keinen Hehl daraus, nun einen anderen Verein übernehmen zu wollen und im Sommer gab es viele Angebote. Als aussichtsreichster Kandidat galt der FC Liverpool, zu dem sich Mourinho begeistert geäußert hatte, doch sie boten ihren Job Rafael Benítez an und Mourinho ging zu Chelsea, über welchen er sich zuvor noch sehr kritisch geäußert hatte.

Vom Provinztrainer zum Auserwählten

In seiner ersten Pressekonferenz bei Chelsea sorgte Mourinho für großes Aufsehen, als er sich als „etwas Besonderes“ bezeichnete und von den Medien zu seinem – bis heute populärsten – Spitznamen „The Special One“ kam. Mit Steve Clarkes Beförderung zum Assistenztrainer als Ergänzung zu seinem Trainerstab begann der Startschuss für zahlreiche, von Mourinho eingeleitete, Veränderungen im Verein. Chelsea-Eigentümer Roman Abramovich ließ Mourinho fast 100 Millionen € ausgeben und bekam bald den Lohn dafür – die erste Meisterschaft seit 50 Jahren und ein Sieg im Ligapokal gegen den FC Liverpool.

In der Folgesaison konnte man Mourinhos Handschrift am stärksten erkennen, als weitere Neuzugänge geholt wurden und die Mannschaft ein kompaktes Gebilde war, welches mit einer ausgeklügelten Taktik, hoher Körperkraft und individueller Stärke schwer zu besiegen war.

Essien und Lampard würden die Mitte übernehmen, Angriffe inszenieren und – insbesondere Lampard – oftmals selbst abschließen. Drogba erzielte zahlreiche Tore, öffnete Räume und an schlechten Tagen des Mittelfeldzentrums würden man eine Art Kick’n’Rush-Fußball mit weiten Bällen auf den körperlich starken Ivorer spielen. Joe Cole und Robben spielten zumeist als klassische Flügelstürmer, tauschten aber in den Spielen öfters die Flügel, um Löcher in die Abwehr zu reißen. Hinten würde Makélélé vor der Abwehr absichern und als Staubsauger fungieren, während R. Carvalho und Terry sich in der Innenverteidigung zwei beinharte Verteidiger rein auf die Defensivarbeit beschränkten. Flankiert wurden sie von einem defensiven und einem offensiven Außenverteidiger. Im Tor stand der tschechische Nationaltorhüter Petr Čech, den Mourinho aus Stade Rennes geholt hatte und der in der Saison 2004/05 zahlreiche Rekorde aufstellte, u.a. 1025 Minuten in Folge ohne Gegentor und die wenigsten Gegentore in einer Saison, nämlich 13 in 35 Spielen.

In der Saison 2005/06 konnte man den Community Shield und eine weitere Meisterschaft holen. Mourinhos wie Abramovichs großes Ziel, die Champions League, verpasste man aber bereits im Achtelfinale. Trotz Abwanderungsgerüchten um Mourinho, hauptsächlich aufgrund Abramovichs großer Freundschaft zu Sportdirektor Arnesen und seinem persönlichen Berater de Visser, wurde die Mannschaft mit Shevchenko, Ballack und Ashley Cole um drei weitere Weltklassespieler verstärkt.

Um von den Gerüchten um seine Person abzulenken, inszenierte Mourinho medial eine Kampagne, die er als „Jagd nach dem Quadruple“ bezeichnete. Sein Vorhaben war es in dieser Saison alle Titel zu gewinnen, doch trotz des FA- und Carling-Cup-Sieges scheiterte man spektakulär und mit viel Spott, als man in der Liga von Manchester United auf Platz 2 verwiesen wurde und in der Champions League dem FC Liverpool unterlag. Am 20. September 2007 verließ Mourinho Chelsea überraschend und nahm sich seine Auszeit vom Trainerjob. Erst im Sommer 2008 bekam er eine neue Trainerstelle: bei Inter Mailand.

Der Messias des Calcio

Von Beginn an konnte man Parallelen zu seiner Zeit bei Chelsea erkennen. Als neuen Assistenztrainer ernannte er Giuseppe Baresi, wie Steve Clarke ehemaliger Spieler des Vereins und vor der Beförderung Jugendtrainer. Auch hier sorgte seine Debütpressekonferenz für Aufsehen, als er in fließendem Italienisch vorstellig wurde und behauptete, er hätte die Sprache in drei Wochen gelernt.

Mit Mancini, Muntari und Quaresma wurden drei Spieler verpflichtet, die ihm eine Systemstellung zu einem 4-3-3 ermöglichen sollten, doch Mancini und Quaresma floppten. Mourinho wechselte auf eine 4-3-1-2-Taktik, welche  an seiner Portozeit orientiert war.

Ibrahimovic war der Freigeist im Sturm, der junge Balotelli kam über die Außen und wurde vom offensivstarken Maicon und von Zanetti unterstützt. Stankovic fungierte als defensivstarker Spielmacher, das Eigengewächs Santon und der Neuzugang Muntari sorgten für die Dynamik auf der linken Seite. Córdoba und Samuel bildeten mit Cambiasso das defensive Dreieck vor Julio Cesar. Die Mannschaft spielte einen sicheren Fußball aus der Defensive heraus und verließ sich hauptsächlich auf Starstürmer Ibrahimovic, national konnte man mit dem Supercup und dem Scudetto Erfolge feiern, doch in der Champions League schied man früh aus.

Mourinho baute seine Mannschaft abermals um, namhafte Spieler wanderten ab, welche Mourinho durch passendere Spieler ersetzte. Chefscout André Villas-Boas verließ seinen Trainerstab. Mit Thiago Motta und Diego Milito kamen aus Genoa zwei neue Stammspieler, im Winter stieß mit Pandev noch einer dazu. Wichtigere Verpflichtungen waren jedoch eher auf Zufall gegründet. Barcelona suchte nach einem neuen Stürmer, da Eto’o Probleme mit Trainer Pep Guardiola nachgesagt wurden und tauschte 70 Millionen € und den Kameruner für Zlatan Ibrahimovic. Wesley Sneijder wurde bei Real Madrid regelrecht hinaus geekelt und wurde für nur 15 Millionen € eine Stütze im Team von Mourinho. Auch der neue Abwehrchef Lúcio kam aufgrund von Problemen mit dem neuen Bayerntrainer Louis Van Gaal.

Zu Beginn der 2009/10-Saison blieb er seinem System aus dem Vorjahr weitgehend treu, als im Winter Pandev kam, wurde das System zu einem 4-2-3-1 umgestellt.

Wesley Sneijder genoss wie Diego Milito alle Freiheiten, während Pandev und Eto’o defensiv mithalfen. Maicon hatte eine Paradesaison, ebenso wie Zanetti und Cambiasso, die ihren x-ten Frühling erlebten. Diese Mannschaft war defensiv extrem stark aufgestellt und hatte in der Offensive hervorragende Individualisten. Nach einem holprigen Start (Niederlage im Supercoppa gegen die Roma) wurde Inter immer stärker, besiegte im Mailänder Derby den AC Mailand mit 4:0 und qualifizierte sich etwas überraschend für das CL-Viertelfinale, nachdem man Mourinhos Ex-Team Chelsea ausgeschaltet hatte.

Man schaltete ZSKA Moskau im Viertelfinale aus und traf im Halbfinale auf den FC Barcelona. In einer beispiellosen Vorstellung konnte man den großen Favoriten im Hinspiel mit 3:1 besiegen und nach einer roten Karte für Motta zu Beginn des Rückspiels wurde die Welt Zeuge eines Defensivfeuerwerks Mourinhos. Das ursprüngliche 4-5-1 wurde zu einem 4-1-3-1-0 umgewandelt und die Katalanen konnten trotz zahlenmäßiger und spielerischer (über 80% Ballbesitz) Überlegenheit nur ein Tor erzielen.

Die Abwehrreihe stand extrem tief und die Außenverteidiger platzierten sich an den Ecken des Sechzehnmeterraumes. Ziel dieser Taktik war es, die Außen aufzugeben, um das Zentrum dicht zu machen, was hervorragend gelang – das 0:1 bezeichnete Mourinho als die schönste Niederlage seines Lebens. Nach dem Schlusspfiff feierte der ehemalige Angestellte des FC Barcelona seinen Sieg frenetisch und zog sich den Unmut der Fußballwelt zu, welche seine Mannschaft als  „Antifußball“, „unwürdig“ und „nur auf Zerstörung aus“ bezeichnete.

Mit dem Erfolg im italienischen Pokal und einem neuerlichen Scudetto war das Triple perfekt und Mourinho trat auf dem Höhepunkt ab, als er nach dem CL-Sieg gegen seinen ehemaligen Lehrmeister Louis Van Gaal seinen Abgang zu Real Madrid verkündete. Die Bilder der weinenden Interisti und seiner Spieler (u.a. Marco Materazzi) gingen um die Welt – nicht nur für die Medien war er „The Special One“.

Ein besonderer Trainer für einen besonderen Verein

Wie in seinen vorhergehenden Vereinen war die Ernennung eines ehemaligen Spielers zum Assistenztrainer eine der ersten Amtshandlungen Mourinhos. Aitor Karanka wurde die Ehre zuteil und ironischerweise war jener wie Steve Clarke bei Chelsea und Giuseppe Baresi bei Inter ein ehemaliger Innenverteidiger. Reals Shoppingtour des Vorjahres wurde unter Mourinho nicht fortgesetzt, es kamen hauptsächliche Spieler mit viel Potenzial für kleines Geld.

Lange Zeit führend in der Primera Division schien es, dass Mourinho seinem persönlichen Intimfeind und Reals Erzfeind Barcelona einen Strich durch die Rechnung machen könnte, doch im ersten Clásico der Saison unterlag man im Camp Nou mit 0:5, was Ehrenpräsident Alfredo di Stefano dazu veranlasste, dieses Spiel als schlimmste Niederlage der Vereinsgeschichte zu deklarieren. José Mourinho ließ sich trotz medialer Kritik nicht aus seinem Konzept bringen, blieb Barcelona auf den Fersen, qualifizierte sich in der Champions League überzeigend für die KO-Phase und schaffte es zum erst zweiten Mal seit dem letzten CL-Sieg ins CL-Viertelfinale, wo man die Tottenham Hotspurs ausschaltete und im Halbfinale auf den FC Barcelona traf.

Da im Copa del Rey-Finale ebenfalls beide Teams standen und das Rückspiel in der Liga günstig lag, durfte sich ganz Spanien über vier Clásicos in drei Wochen freuen, welche Mourinho sehr defensiv begann. Das 1:1 im Santiago-Bernabeu war das Ende der Meisterschaftsträume für Real, doch das Copa-del-Rey-Finale konnte man in der Verlängerung knapp für sich entscheiden. Der Sieg im Copa-del-Rey-Finale zeigt eines deutlich: Mourinhos Matchplan war spielentscheidend.

Der Matchplan basierte auf drei Phasen:

  • erste Halbzeit: Zerstören des Spiels von Barcelona im Mittelfeld, wenn möglich das erste Tor erzielen
  • zweite Halbzeit: tiefstehen und kontern.
  • Verlängerung: Das Tiefstehen sorgte dafür, dass die Spieler Reals in der Verlängerung mehr Ausdauer hatten und wieder das aggressive Mittelfeldpressing nutzen konnten.

Das Ziel und die Umsetzung seiner Taktik war sehr komplex, er versuchte auch Messi und Xavi voneinander und von Iniesta zu isolieren, um den Spielfluss der Katalanen zu zerstören, was in der ersten Halbzeit gelang. In der zweiten Halbzeit musste Pep Guardiola nun sein erfolgreiches System ändern, um mit Mourinho in eine Patt-Stellung zu kommen, doch trotzdem bekam Real kein Gegentor und gewann letztlich in der Verlängerung. Dieser Matchplan führte zum Sieg und wurde chronologisch leicht abgeändert und angepasst an die Begebenheiten des CL-Hinspiels auch im nächsten Spiel gegen die Katalanen genutzt. Einzig die rote Karte, so nach Meinung Mourinhos, verhinderte einen neuerlichen Sieg Reals.

Doch trotz seiner Kritik an der Schauspielerei der Spieler des FC Barcelona, am Schiedsrichter und der UEFA hatten die Medien ein anderes Opfer gefunden – Mourinho selbst. Die Kritik an ihm war ähnlich wie vor einem Jahr, seine Mannschaft spiele destruktiven Fußball, der dem Fußball schade.

Dazu sei angemerkt, dass Mourinho in dieser Saison ein offensives 4-3-3 spielen ließ und mehr Tore als der Erzrivale aus Barcelona erzielte (102 zu 95).

Khedira als box-to-box-player und Xabi Alonso als deeplying-playmaker sorgte für den Spielaufbau und das Grundgerüst dieser großartigen Mannschaft. In der Offensive beackerte Di María die rechte Seite und wurde von Sergio Ramos unterstützt, das Prunkstück war jedoch die linke Seite. Der offensive Marcelo, unter Mourinho erst zum Stammspieler geworden, sorgte mit Cristiano Ronaldo und Mesut Özil für andauernde Gefahr über die linke Seite. Nach der Verletzung Higuains spielten Adebayor und Benzema abwechselnd als Sturmspitze, abhängig vom Gegner. Die Portugiesen Ricardo Carvalho und Pepé bildeten die Innenverteidigung vor Welttorhüter und Kapitän Iker Casillas.

Im Frühjahr wurden Gerüchte laut, Mourinho wollte Real aufgrund Sportdirektor Valdano und den kritischen Medien verlassen, doch Präsident Florentino Pérez dementierte dies. Die Gerüchte erübrigten sich, als Valdano im Sommer entlassen wurde und Zinédine Zidane dessen Nachfolger wurde und mit Nuri Şahin, Hamit Altintop und José Callejón ging man den Weg preiswerter und systemkompatibler Neuverpflichtungen weiter. Für die Zukunft wurde das Riesentalent und Innenverteidiger Raphaël Varane geholt.

Was macht Mourinho so besonders?

José Mourinho gilt als einer der komplettesten Fußballtrainer der Welt. Er machte aus unbekannten Spielern Stars, brachte sie zu konstant starken Leistungen und gewann Titel um Titel. Seine größten Stärken liegen jedoch im Bereich der Mannschaftsführung und Motivation, er verbindet moderne Managementstile und Motivationstheorien, um aus seiner Mannschaft das Maximum zu holen. Loyalität und Ehrlichkeit machen ihn bei seinen Spielern beliebt, außerdem stellt er sich bei jeder Möglichkeit demonstrativ vor sie, sei es beim Vorstand, vor den eigenen Fans oder den Medien. Systematisch nimmt Mourinho die Verantwortung auf sich, stärkt seinen Spielern den Rücken und lenkt die mediale Aufmerksamkeit auf sich. Mourinhos Psychospielchen und über die Presse geführten Auseinandersetzungen sind bereits legendär. Nicht umsonst sagte Everton-Coach David Moyes: „Mourinho hat den Trainerjob sexy gemacht“ und zahlreiche Fans stimmen ihm zu – Mourinhos Auftreten weicht von sämtlichen Trainer ab, er ist kantig und provokativ, stellt seine Eloquenz immer in den Dienst der Mannschaft.

Trotz wiederholter Kritik aufgrund Unsportlichkeit zieht Mourinho sämtliche Register:
Bei Inter Mailand ließ er im Winter seine Mannschaft nach der Halbzeitpause solange in der Kabine, bis die Gegner bereits froren. Bei Chelsea beleidigte er Arsené Wenger als Voyeur, bei Real Madrid seinen Vorgänger Pellegrini und seinen Sportdirektor Valdano. Nach der Niederlage gegen den FC Barcelona unterstellte er der UEFA und den Schiedsrichtern Parteilichkeit und Betrug – ein Skandal; doch über die schlechte Leistung seiner Mannschaft redete niemand mehr.

José Mourinhos legt Woche für Woche, in jeder Pressekonferenz, eine Show hin. Pro Monat gibt es über 20 Artikel mit direktem oder indirektem Bezug auf Mourinho im Onlineportal des Guardian – auch Jahre nach seinem Abschied aus London. Seine Spieler danken ihm für diesen Schutz. Sie sind weitgehend aus der Schusslinie der Medien und können sich auf das nächste Spiel konzentrieren. Auch dafür lieben ihn seine Spieler. Materazzi und Drogba weinten um ihn, Ballack und Khedira nennen ihn den besten Trainer der Welt und für Ricardo Carvalho ist es eine fußballerische Liebesgeschichte. Der Verteidiger folgte seinem Landsmann bereits zu drei Vereinen.

Mourinho profitiert ebenfalls von dieser „Alle-gegen-uns“-Stimmung, die er entfacht. Er nutzt sie geschickt, um seinen Spielern eine Siegermentalität zu verpassen, eine Motivation, um jedes Spiel gewinnen zu wollen. Ihnen wird eingeredet, dass man nie nur gegen den nächsten Gegner spielt, sondern immer gegen die ganze Welt, die nur auf einen Ausrutscher wartet. Für seine Spieler wandert Mourinho demonstrativ durchs Feuer, seine Spieler folgen ihm auf dem Platz, sie gewinnen mit ihrer überlegenen Mentalität und Psyche – nicht umsonst sind Mourinho-Teams zumeist die einzigen, die überlegenen Mannschaften wie Barcelona Paroli bieten können. Mourinho:  „Im Fußball hat der Trainer eine einzigartige Rolle, hier ist er der beste Psychologe.“

Sein Selbstbewusstsein ist jedoch nicht nur gespielt, tatsächlich ist er sehr von sich überzeugt. Laut Mourinho könnte nur George Clooney ihn selbst in einer Verfilmung seines Lebens adäquat verkörpern. Als Nationaltrainer zu arbeiten lehnt er ab, das sei zu langweilig und zu einfach. Über seine Streitereien mit anderen Vereinen sagt er: „auch Jesus wurde nicht von allen geliebt.“

Nicht nur im Presseverhalten ist er ein Vorreiter, auch taktisch gilt er als eine Koryphäe. Seine Mannschaften spielen seit seiner Chelsea-Zeit sehr ähnlich, mit einer massierten und sattelfesten Defensive, die Umschaltmomente und die Unordnung der Gegner dynamisch nutzt. Jedes Spiel wird exakt vorbereitet, seine Spieler bekommen DVDs mit Gegneranalysen, exakte taktische Vorgaben und detaillierte Planung des Trainings. Dicke Ordner zu jedem Team der Welt kann man bei Mourinho finden, alle werden sie Woche für Woche umgesetzt, um seiner Mannschaft die größtmögliche Chance für Triumphe zu bieten; seine Defensivschlachten gegen Barcelona wird kaum ein Fußballfan je vergessen.

Im Training konzentriert er sich zumeist auf den taktischen und den psychologischen Aspekt des Spiels, viel Spiel mit Ball, Unterzahlspiele und Pressingformen sorgen für das Grundgerüst Mourinhos Arbeit. „Wenn jeder einzelne Spieler klare Anweisungen bekommt, was er zu tun hat, ist in seinem Kopf gar kein Platz mehr für andere Gedanken. Die Taktik, das System, die Gegenspieler, die Spielzüge, das ist das Thema. Alles andere ist total unwichtig“, sagt DFB-Sportpsychologe Werner Mickler und man könnte glauben, es spricht Mourinho aus ihm – dessen Erfolge geben dieser Meinung Recht. 16 Titel in zehn Jahren, zwei CL-Siege und der Ruf als weltbester Trainer eilen ihm voraus.

Neun Jahre lang war er in Liga-Heimspielen unbesiegt, erst 2011 konnte ihn wieder jemand besiegen, nachdem Mourinho noch mit Porto zuletzt gegen Beira-Mar verlor. Trainer wie Prandelli, Ranieri, Wenger, Ferguson, Benitez und viele andere scheiterten über all diese Jahre. 150 Spiele, 125 Siege und 25 Unentschieden lang war man unbesiegt, die erste Niederlage gegen Beira-Mar war zu neunt. Die zweite Niederlage setzte es Sporting de Gijón, als jene in der 90sten Minute mit ihrem ersten Torschuss den Siegtreffer erzielten – zuvor war Real ein reguläres Tor aberkannt worden. Nach dem Spiel klopfte es an der Tür und Mourinho gratulierte seinem Gegenüber Manuel Preciado zu diesem Sieg.

Eine sportliche Geste eines unfairen Sportsmannes.

Strafraumautist 25. Mai 2015 um 13:15

Interessanter Vergleich der Trainingsarbeit von Pep und Jose.

http://www.squawka.com/news/pep-guardiola-interview-jose-mourinho/378886

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gregor 27. Januar 2013 um 14:48

hi,

danke für den umfangreichen und gehaltvollen artikel!

nur mal so am rande, weil ich erst gestern was über daniel tammet gelsen habe: diese sache mit dem außergewöhnlichen sprachtalent deutet ja irgendwie schon so in richtung inselbegabung.
so gesehen ist das mit dem „special one“ vielleicht treffender als manch einer auf den ersten blick vermuten könnte …

http://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Tammet
http://de.wikipedia.org/wiki/Inselbegabung

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Bazinga 3. Februar 2013 um 16:18

Von einer Inselbegabung bei Mourinho zu reden ist doch etwas übertrieben! Besonders wenn man von einer sonstigen „kognitiven Behinderung“ oder Entwicklungsstörung ausgehen muss…
Das Portugiesische ist dem Spanischen sehr ähnlich und auch Italienisch ist nicht weit entfernt. Ich kenne viele Spanier, die Portugiesisch halbwegs verstehen, obwohl sie es niemals gelernt haben.
Da Mourinho sicherlich über gute kognitive Fähigkeiten verfügt und zudem auch sicher ehrgeizig und fleißig ist, ist es nicht überraschend, dass er in kurzer Zeit, eine Sprache lernt, die seiner Muttersprache ähnelt.

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Rojiblanco 27. Januar 2013 um 00:47

Ein sehr gelungener Artikel mit Infos die ich bis dato nicht wusste. Eine Frage hätte ich doch, wann kommt der versprochene Artikel über Diego Pablo Simeone, derzeitiger Trainer von Atlético de Madrid?

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RM 27. Januar 2013 um 12:16

Über Diego Simeone kommt wohl keiner, aber über Atlético Madrid. Wahrscheinlich in drei Wochen.

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gerrit 14. Dezember 2012 um 12:26

Super-Artikel.
Ab davon:
Ihr könntet Euch das Leben durch Standardisierung ein wenig vereinfachen. Hier steht im Header „Trainerpotrait von José Mourinho“.
Bei Jürgen Klopp: „Trainerporträt: Jürgen Klopp“.
Bei Robin Dutt: „Trainerporträt Robin Dutt“.

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Oleg 29. Juni 2012 um 15:39

Klasse Artikel RM! Ich habe ein Kommentar, eine Anmerkung, eine frage und eine Bitte.

Kommentar: Ein klasse Portrait von Jose Mourinho. Hab bisher kein besseres von ihm gelesen und habe viele neue Dinge erfahren. Ich finde aber, dass bei euren Trainerportraits das taktische zu kurz kommt.

Anmerkung: Dort steht, dass Mourinho es ablehnt den trainerposten des Nationaltrainers zu übernehmen, weil es ihm zu langweilig wäre. Ich habe jedenfalls mal in einem Interview gelesen, dass er unbedingt die Nationalmannschaft nach seiner Zeit bei Real übernehmen will.

Frage: Du beschreibst Mourinho als überwiegend positiv, hast sympathien für ihn? Wenn ja, was schätzt du so an ihm?

Bitte: Könntest du den Artikel aktualisieren, die Saison ist immerhin vorbei.

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nos 21. Juni 2012 um 07:10

Ich bin erst heute auf diese Seite gestossen aber kann nicht aufhoeren zu lesen! Sehr informative und spannende Artikel! 🙂

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Pep 19. März 2012 um 22:57

Mourinho ist für mich in erster Linie ein asozialer und respektloser Gammler. Solche niveaulosen Typen gehören nicht vor die Kamera.

http://sportbild.bild.de/SPORT/fussball/international/2011/10/05/jose-mourinho/zwei-spiele-sperre-nach-augen-attacke.html

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NanLei 26. Juli 2014 um 09:29

Nimm es mit Humor, betrachte immer beide Seiten Genie und Wahnsinn, Wahnsinn obsiegt manchmal, aber es gibt solche und solche Momente. Wenn alles nur noch mit Gentleman bestückt wäre dann ist es umso langweiliger eigentlich ist es gut genau wie im echten Leben geht es auf dem Fußballplatz zu. Augen zwei spiele Sperre. Beißen Beißer Luis Suarez lange Sperre trotzdem ist er bei Barcelona. Ibrahimovic oder Balotelli sind alle so. v.a. Ibra und Jose sind gleich. Auch der gebissene Chielini sympathisiert mit Suarez, genauso der mit den angestochenen Auge ist Jose nicht immer Böse nur in dem Moment. Das gehört alles zum Fußball, erst mit Jose wurde der Sport Fußball interessant sonst gäbe es Fußball aber es wäre kein Massenanziehung. Viele Frauen jetzt in England würden gerne mit Mourinho verheiratet sein, was keiner weiß ist, dass er Jose the Special one eine richtiger Frauen und Mädchenschwarm ist, alle Englische Frauen haben ihn zum attraktivsten Mann erkoren. Zudem deswegen viele Männer neidisch auf ihn sind weil sie Angst haben dass er die Frauen wegschnappt. Fußball braucht bad Boys nur good Boy ist einfach stink langweilig

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OffensivGeist 19. März 2012 um 20:27

Hallo liebes Team von Spielverlagerung,

ich muss sagen ich bin begeistert von euren Inhalten. Treffend beschreibt ihr die interessanten Themen des Fußballs. Kein oberflächliches BLBLA sondern alles mit Tiefgang. Dickes Lob aus München, macht weiter so. Vielen Dank

Ich hab euch geflattr(t) 🙂

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Zirkeltraining 10. Dezember 2011 um 00:22

Moin,
erstmal vielen Dank und ein dickes Lob für den Artikel und die ganze Seite! Es ist wirklich ein Genuss, so viel geballte Fachkompetenz eloquent aufbereitet zu lesen.
Auch dieser Artikel gefällt mir sehr, so bin ich doch ein großer Bewunderer von José Mourinho.
Bezüglich der Passage zu seinem Matchplan im Pokalfinale gegen Barca, weiß ich nicht, ob ich alles richtig verstanden habe.
Du schreibst:
„Der Sieg im Copa-del-Rey-Finale zeigt eines deutlich: Mourinhos Matchplan war spielentscheidend.

Der Matchplan basierte auf drei Phasen:

erste Halbzeit: Zerstören des Spiels von Barcelona im Mittelfeld, wenn möglich das erste Tor erzielen
zweite Halbzeit: tiefstehen und kontern.
Verlängerung: Das Tiefstehen sorgte dafür, dass die Spieler Reals in der Verlängerung mehr Ausdauer hatten und wieder das aggressive Mittelfeldpressing nutzen konnten.“

Glaubst du, Mou ist von Anfang an davon ausgegangen, dass es in die Verlängerung gehen wird? Das wird ja durch die Argumentation mit dem kräftesparenden Tiefstehen ein wenig impliziert.
Oder war es nicht viel mehr so, dass er den Matchplan erst durch das Spielgeschehen nach und nach entwickelt hat? Dazu würde mich deine Meinung mal interessieren.
btw: „wenn möglich das erste Tor erzielen“ ist vermutlich nicht nur in der ersten Halbzeit Teil des Matchplans gewesen 😉

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Luther 25. September 2011 um 23:50

Viele Dank für das sehr ausführliche Porträt.

Mourinhos Spiel mit den Medien macht ihn tatsächlich zum „Special one“. Auch seine Erfolge und seine Karriereplanung sind ausserordentlich. Die Art und Weise wie er jedoch seine Mannschaften spielen lässt, ist alles andere als neu, ausserordentlich oder gar revolutionär. Sie setzt sich aus einer kompakten, sehr kompromisslosen immer auf dem Mann spielende Defensive, einem oft konstanten Pressing und Individualität zusammen. Ein Spiel, das oft erfolgreich schon in den 90er von Trainern wie Lippi, Rehhagel und einer Vielzahl von Trainern italienischer Mannschaften, die sich mit dieser Spielweise in der Vergangenheit auch international oft durchsetzten.

Dieses Spiel stösst aber inzwischen an Grenzen. Das heisst, der Erfolg gelingt nur noch, wenn die Offensive mit Ausnahmekönnern gespickt ist, die das Spiel letztlich alleine entscheiden können. Was vor Jahren also als Garantie für Erfolg galt, verliert heute zunehmend an Boden und an Attraktivität sowieso. Viele jüngere Trainer wie Guardiola oder Klopp, aber auch ältere wie Löw, Prandelli, Wenger, Ferguson oder Guidolin von Udinese, die mit wirklich unbekannten, vornehmlich jungen Spielern seit Jahren kleine Wunder vollbringen, haben den Fussball tatsächlich weiter gebracht und spielen in dieser Hinsicht in einer Kategorie als der letztlich biedere und konservative Mourinho .

An dieser Stelle möchte ich noch die für mich wirklich ausserordentlichste Trainer der letzten zwanzig Jahren, die den modernen, spektakulären und erfolgreichen Fussball eingeführt haben, nennen. In der Hoffnung auch, das über sie ein Porträt auf dieser Seite erscheint: Del Bosque, Sacchi und Zeman.

Mourinho ist und bleibt aber ein hervorragender Trainer, der vielleicht nie wirklich die Fussballprovinz verlassen hat, aber mit Sicherheit die Arbeit seiner Vorgänger perfektioniert hat.

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RTK 13. September 2011 um 11:19

„qualifizierte sich in der Champions League überzeigend für die KO-Phase und schaffte es zum ersten Mal seit dem letzten CL-Sieg ins CL-Viertelfinale…“

Dieser Abschnitt ist nicht korrekt, der letzte CL Sieg von Real datiert aus der Saison 2001/02. In der Saison 2002/03 schied RM dann im Halbfinale gegen Juve aus (verlängerte nicht mit Del Bosque und beendete damit eine große Ära von Real Madrid). Ab der Saison 03/04 war dann regelmäßig im Achtelfinale schluss…

Ein Portrait von Del Bosque würde ich mir hier auch wünschen, steht das schon auf eurer To-Do Liste?

Ich fände es auch sehr spannend mal taktische Analysen einiger Real Spiele Ende der 90er Anfang der 2000der zu lesen. Ich habe da eine katastrophale Abwehr, einen sich in jeden Ball werfenden Helguera und absolute Offensivspektakel in Erinnerung. Was für ein Konzept steckte dahinter?

LG

und ein ganz dickes Lob für eure Seite!!! 🙂 Klasse Arbeit die ihr abliefert!

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RM 13. September 2011 um 11:38

Oh, danke, da hatte ich wohl einen kleinen Gedankendreher drin, ist bereits korrigiert.

Die Galacticos werden ebenso wie Del Bosque und viele andere Trainer früher oder später analysiert, voraussichtlich aber später, da wir privat schlichtweg viel zu tun haben und uns bei sv.de zurzeit hauptsächlich mit Spielanalysen beschäftigen.

Ansonsten ein großes Danke für dein Lob und wir werden versuchen, so viele Wünsche unserer Leser wie möglich zu befriedigen.

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Dodel 13. Juli 2012 um 12:16

Sehr geehrter RM,

Ich wollte mich mal erkunden ob es in naher Zunkunft auch Artikel über den Italiensichen Fussball geben wird? Damit würde ich Artikel eines Prandellis oder Sacchi begrüßen

danke für ihre bemühungen

Dodel

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RM 13. Juli 2012 um 21:19

einen Trainerporträt zu Prandelli gab es in der EM-Vorschau! Sacchi ist, wie so vieles, geplant. Allerdings habe ich zurzeit sehr doofe Arbeitszeiten …

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RonnieBarca 1. September 2011 um 00:58

Sehr guter Artikel…

Meine Meinung zu jemanden wie M ist:
das brauchts einfach nicht…so Verhaltensweisen wollen wir nicht…so einfach ist das doch…

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LaLiga 19. September 2011 um 12:09

Erst solche personen machen den fussball interessant, oder wer erinnert sich nicht gerne an das legendäre interview eines trapatonis 😉
Die classicos wären nur halb so spannend wenn im vorfeld nicht beide seiten provozieren, nur das barca in der letzten zeit medial besser davonkommt … 🙂

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Keks 20. März 2012 um 09:18

Und die Hooligans machen den Stadionbesuch wohl auch erst so richtig spannend? Es besteht kein Zusammenhang zwischen einem lustigen alten Italiener, der vor laufenden Kameras seinen Frust über einen Angestellten in komischem Deutsch rausschimpft und einem Typen wie Mourinho der jeglichen Respekt und Fingerspitzengefühl schon lange verloren hat. Trappatoni ist Kult im Sport, Mourinho einfach nur ein Fremdobjekt, er sollte in die Politik gehen oder sich einer Mafia anschließen oder von mir aus Schauspieler werden!
Fanrivalitäten, Sticheleien, Provokationen, das Spielen mit Stimmungen, ja sogar Schährufe wird man niemals unterbinden können, geht ja auch garnicht, da es menschlich ist. Aber Mourinho überschreitet Grenzen, ist ein mieserables Vorbild, ist absolut kein Sportsmann, es geht ihm nur um Macht, zu demonstrieren das er machen kann was er will. Wenn ich sagen müsste, warum ich Barcelona so toll und Real Madrid so negativ finde, ist dieser Typ unter den Top 5 Gründen, denn irgendwer trägt ihn ja auch, Spieler loben ihn… so ist das eben mit einer großen Macht, es gibt immer viele die davor knien…

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isabella 1. September 2012 um 00:07

@ keks:
du musst deinen unmut ja auch nicht so luft machen, bloß weil barca mal einen titel an real verloren hat ! da konnte man auch mit den spekulationen über schiri-entscheidungen zugunsten des fc barcelona ankommen ! die kursieren ja auch schon länger im raum, was dran ist, weiß ich nicht …
fakt ist: mou`s erfolge geben ihm recht und wer mit seinen aussagen nicht leben kann, die zugegebener maßen ein wenig übertrieben sind, darf eben die artikel über ihn nicht lesen, man weiß ja was kommt !

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United Fan 30. August 2011 um 09:24

Super Artikel!

Würde mich sehr über einen Artikel über Sir Alex Ferguson freuen 🙂

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RM 30. August 2011 um 11:56

Steht neben einigen anderen auf unserer To-Do-Liste, wird aber leider noch einige Zeit dauern, da wir viel mit dem Aufbau der Seite und den regelmäßigen Spielanalysen zu tun haben.

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oscar 23. August 2011 um 19:55

Sehr geehrter Herr RM,

vielen Dank für dieses ausführliche Portrait. Die unterhaltsame Art und Weise wie Sie den Lesern Ihre Fachkenntnisse vermitteln ist für die Sportberichterstattung in Deutschland eine große Bereicherung.

Bedauerlicherweise gehen Sie nur sehr peripher auf die charakterlichen Defizite des Herrn Mourinho ein. Als großer Fan von Real Madrid verfolge ich mit Entsetzen den Image Schaden, den der Verein durch seinen Trainer seit seinem Amtsantritt erlitten hat. Durch seine radikale „der Zweck heiligt alle Mittel“ Philosophie, hat er im spanischen Fussball ein Klima des Hasses entfacht. Sie, lieber RM, loben ihn für diese Ablenkungsmanöver, loben die „sattelfeste Defensive“ und sprechen von „modernem Management“.

Es ist wohl war, dass nach schwachen Spielen weniger über die Leistung der Spieler gesprochen wird als über den Trainer. Das trifft allerdings auch nach guten Spielen der Mannschaft zu.
Nicht wenige Real Madrid Fans nennen das was Sie als Motivation bezeichnen, Anleitung zu überharten Fouls, unter Inkaufnahme von Verletzungen der Gegenspieler (teilweise befreundete Kollegen aus der Nationalmannschaft).
Sie schämen sich für diesen unwürdigen Vertreter Ihres Vereins. Jahrzehntelange Anhänger, wie der preisgekrönte Schriftsteller Javier Marias, sehen die Grenzen Ihrer Loyalität erreicht und bezeichnen Jose Mourinho als diktatorischen, hinterhältigen Aufrührer, sowohl schlechter Verlierer als auch schlechter Gewinner, als Hanswurst, als Jahrmarktsschamane.

Auf Ihre Meinung bin ich sehr gespannt und verbleibe mit freundlichen Grüßen

oscar

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RM 23. August 2011 um 20:03

Sehr geehrter oscar,
ich danke für Ihre Meinung und die Chance, mich hier etwas zu vertiefen. Da wir bei spielverlagerung.de so objektiv wie möglich sein wollen, habe ich ausschließlich seine Fähigkeiten als Teammanager eingeschätzt und seinen Charakter nur insoweit in meinen Bericht einfließen lassen, wie er eben das Trainerdasein José Mourinhos beeinflusst. Für ihn als Trainer und für seine Spieler sind seine Art und seine Manöver abseits des Spielfeldes aufgrund der oben erwähnte Dinge praktisch und positiv.

Wie sowas allerdings, wie Sie absolut richtig bemerken, anderen schaden kann und fremde Images zerstören kann, wäre eher die Frage eines allgemeinen Artikels, den wir wohl eines Tages ohnehin machen werden – ich möchte allerdings insoweit Stellung nehmen zu Ihrer Meinung, indem ich sage, dass ein (medial) guter Trainer kein guter Mensch sein muss; aber auch kein schlechter. Jeder hat seine Meinung zu Mourinho und es ist wohl jede absolut legitim und die Argumente, die Sie für Ihre Meinung aufführen, entbehren keineswegs jeglicher Grundlage, sondern treffen den Kern der Sache durchaus – die Bewertung dieser Fakten hängt dann wiederum von jedem selbst ab.

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knueppelz 22. August 2011 um 03:05

DANKE, ein Spitzenklasseartikel

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AL 20. August 2011 um 15:51

Toller Artikel!
Eine Kleinigkeit noch:
ich finde keine Fanpage wo Mou 20 Mal mehr Fans hat als Pep.
Die Zahlen der offiziellen Pages sagen:
Mou – 1.832.034
Pep – 1.904.367

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RM 20. August 2011 um 16:30

Der Artikel wurde vor einem halben Jahr verfasst und lag dann etwas herum, bis wir ihn veröffentlichten – die Zahlen haben sich ja sehr verändert, was daran liegt, dass Pep, wie man auf der Facebookseite erkennen kann, erst vor kurzem beigetreten ist.
Soll heißen: der Autor hatte einfach etwas Pech bei der Wahl seines Blicks auf die soziale Plattform.

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kernöl 18. August 2011 um 08:49

gratuliere zu dem tollen und gut recherchierten artikel.
was mich noch interessiert hätte, ob er auch fürs konditionstraining einen „auserwählten“ hat oder ob er sich da auf die jeweiligen spezialisten der klubs verlässt?
und gab es eigentlich auch schon einmal bemühungen, ihn nach d. zu holen?
macht weiter so!

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RM 20. August 2011 um 14:15

Nein, die Bemühungen gab es nicht – einen eigenen Konditionstrainer hat er, ja: Rui Faria.

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W. Mike 14. August 2011 um 17:54

Super Portrait dieser Persönlichkeit, an der sich so viele Geister scheiden. Besonders gelungen ist die neutrale Darstellung von Stärken, die man einfach anerkennen muss, und vermeintlichen Schwächen, die die Gemüter immer wieder erhitzen, aber vielleicht wirklich zum Teil einem taktischen Gesamtplan geschuldet sind.

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raoul 8. August 2011 um 10:57

Was ich außerdem interessant finde, ist die in den großen Momenten bei Mourinho herschende Zurückhaltung. Man erinnere sich an die erste Meisterschaft in England oder den Cl-Sieg mit Inter, als er auf einmal wie ein schüchterner Schuljunge wirkte.
Ich halte Mourinho nicht für so überheblich, wie er gemacht wird, oder sich , wie auch im Artikel beschrieben, teilweise selbst darstellt.

Toller Artikel!

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Samuel 29. Juli 2011 um 14:20

Bin auch wieder begeistert von dem Artikel – eure Trainerprofile gefallen mir bis jetzt am besten, owohl die Spielanalysen auch toll sind.
Sehr interessant finde ich, dass Mou früher teils reiner Defensivtrainer war – das erklärt wirklich Einiges!

Aber nochmal: Eure Seite ist wirklich absolut super – macht mir extrem Spaß, hier zu lesen.

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Totaalvoetball 29. Juli 2011 um 10:49

Eine außerordentlich gut gelungenes Porträt! Spielverlagerung ist die inhaltlich beste deutsche Seite zum Thema Fußball.

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