Frauen-WM: USA – Japan 3:5 n.E.

Ein verrücktes Finale beendet eine niveauvolle Frauenfußballweltmeisterschaft. Dem Turnierverlauf folgend ist Japan ein gerechter Sieger – nach diesem Spielverlauf müssen sich die Amerikanerinnen jedoch ärgern, ihre Trümpfe derart aus der Hand gegeben zu haben.

Weder Japan noch die USA mussten vor dem Spiel große personelle Wechsel machen. Japan hatte in diesem Turnier stets die gleiche Taktik angewandt: Aus ihrem 4-4-2 bauten sie auf viel Ballbesitz und ein flaches Passspiel. Sawa sollte auch im Finale wieder mit ihren feinen Pässen die eigenen Angriffe einleiten.

Die wichtigen taktischen Fragen hatte vor dem Spiel Pia Sundhage zu beantworten: Wie sollte man versuchen, die japanische Dominanz zu brechen? Sollte man sich an der deutschen Mannschaft orientieren, die sehr früh aggressiv störte, oder ähnlich wie die Schwedinnen tiefer stehen? Pia Sundhage wählte letzteren Ansatz, wandelte ihn jedoch leicht ab.

Amerikanische Dominanz im Mittelfeld

Das Ziel des amerikanischen Pressings war es, die Japanerinnen aus der Spielfeldmitte fernzuhalten. Hierzu rückten Lloyd und Boxx oft nach vorne, um die zentralen japanischen Mittelfeldspielerinnen direkt zu attackieren. Die Schwedinnen machten hierbei im Halbfinale den Fehler, der japanischen Außenverteidigerinnen zu viel Platz zu lassen. O’Reilly und Rapinoe machten es besser und griffen ihre Gegnerinnen früh an.

Die offensiven Außen waren ein wesentlicher Bestandteil der amerikanischen Strategie: Sundhage stellte die wuselige Rapinoe von Beginn an auf und ließ Rodriguez auf der Bank. Dieser Schachzug gelang: Durch ihre offensive Präsenz band sie Kinga defensiv. Darüber hinaus kreierte sie durch ihre schnellen Dribblings und präzisen Flanken einige Tormöglichkeiten. Schon beim ersten Pass suchten die amerikanischen Innenverteidiger den langen Ball auf ihre Außenbahn. O’Reilly machte auf der anderen Seite ebenfalls einen guten Job.

Die Japanerinnen taten sich mit dieser Spielweise äußerst schwer. In der ersten Halbzeit hatten sie zwar 56% Ballbesitz zu vermelden, allerdings spielten sie sehr oft von der Torhüterin zu den Innenverteidigerinnen und zurück. Die anderen Spielerinnen wurden von ihren Gegnerinnen geschickt aus dem Spiel genommen. Auch auffällig war ihre hohe Anzahl an langen Bällen, die man von ihnen aus den letzten Spielen so nicht gewohnt war. Das amerikanische Pressing zwang sie hierzu.

Für Sundhages Elf lief in der ersten Halbzeit vieles nach Plan. Die Japanerinnen waren nach vorne keine Gefahr, und selber hatte man viele große Chancen. Wambach agierte etwas zurückgezogen, in der Sturmspitze rieb sich Cheney auf und erlief viele hinter die Abwehr gespielte Bälle. Zusammen mit den Außenstürmerinnen war sie immer hinter der japanischen Viererkette anspielbar und sorgte für viel Gefahr. Das direkte Spiel der Amerikanerinnen, die meist schon den ersten oder zweite Pass lange spielten, funktionierte.

Hinzu kam, dass die japanische Abwehrreihe seltsam ungeordnet wirkte. Kinga verschätzte sich ein ums andere Mal, was die wieselflinke Rapinoe begünstigte. Nach einer Viertelstunde hätten die Amerikanerinnen bei einer besseren Chancenausbeute bereits 4:0 führen können. Nur nutzten sie ihre Möglichkeiten nicht.

Nach der Pause

Die Japanerinnen kamen mit dem gegnerischen Mittelfeldpressing nicht zurecht. Sawa, die bereits vor dem Spiel von Journalisten zur Spielerin des Turniers gewählt wurde, blieb in Halbzeit eins selten unbewacht. Erst nach der Halbzeitpause fand sie im Zentrum ab und an ein wenig Platz und ließ ihre Klasse kurz aufblitzen.

Wirklich nennenswerte Chancen hatten jedoch immer noch nur die Amerikanerinnen. Nach der Halbzeitpause kam durch die Einwechslung Morgans (für Cheney) noch eine weitere Facette zu ihrem Angriffsspiel. Die schnelle Stürmerin konnte noch besser als die in ihrer Spritzigkeit etwas limitierte Cheney hinter die Abwehr geschickt werden. Sie fing auch das etwas lahmende Flügelspiel auf – O’Reilley und besonders Rapinoe wirkten ab der 60. Minute müde.

Nach 69 Minuten und zahlreichen vergebenen Torchancen kam erneut ein langer Ball zu Morgan durch. Dieses Mal kam sie an ihren Bewacherinnen vorbei und besorgte das 1:0. Es war hochverdient: Nach zwei Pfostentreffern und einem Lattenkracher von Wambach ging der Ball endlich ins Netz.

Gedanklich war zu diesem Zeitpunkt die Analyse bereits geschrieben. „Gut pressende Amerikanerinnen stoppen Japans Kurzpassspiel“ war bereits in den Laptop getippt, nachdem auch nach dem Gegentreffer kein echtes Aufbäumen der Japanerinnen stattfand. Das Zentrum war hierfür zu sehr im Griff von Boxx und Lloyd. Letztere hatte gar die meisten Ballkontakte auf dem Platz. Das gefährliche Kurzpassspiel durch die Mitte, mit dem Japan  bisher für viel Furore gesorgt hat, war an diesem Abend selten zu sehen. Es hat sich nicht angekündigt, dass Japan nochmal ins Spiel zurückfinden sollte.

Genau das passierte jedoch – mit freundlicher Unterstützung einer herumirrenden Innenverteidigung. Eine eigentlich harmlose Flanke in den Strafraum löste dort so viel Chaos aus, dass der Ball am Ende Miyama vor die Füße fiel. Sie bedankte sich höflich mit dem Ausgleichstreffer.

Taktisch war dieses Malheur nicht zu erklären – eigentlich hatte man 75 Minuten lang hinten gut gestanden. Sawa war fast durchweg aus dem Spiel genommen, auch Ohnos berüchtigten Dribblings von außen in die Mitte wurden gekontert. Ein Moment der Unachtsamkeit schenkte den Japanerinnen die Verlängerung.

Elfmeterdrama

Die Analyse der Verlängerung liest sich wie eine Wiederholung der regulären Spielzeit im Zeitraffer: Erneut hatten die Amerikanerinnen die Hoheit über das Spiel, erneut spielten sie sich viele Chancen heraus. Sie gingen abermals in Führung, wiedermal war Morgan entscheidend beteiligt (sie schlug die Flanke passgenau auf Wambachs Kopf, 104.). Und wieder schafften sie es, kurz vor Schluss den Gegentreffer einzufangen, diesmal weil Sawa bei einer Ecke am Fünfmetereck ungedeckt gelassen wurde(117.).

Diesen Finalverlauf kann sich kein Drehbuchautor ausdenken. Eine rote Karte (Iwashimizu sah rot nach einer Notbremse, 120.) später kam es zum Elfmeterschießen, das das bisher Gesehene krönen sollte. Die Amerikanerinnen schafften es endgültig, den WM-Titel wegzuwerfen, indem sie drei ihrer vier Elfmeter verschossen. Kamagui verwandelte den vierten japanischen Elfmeter zum Endstand von 5:3 nach Elfmeterschießen.

Fazit

Mit Japan gewinnt das spielerisch beste Team das Turnier. Nach ihren tollen Leistungen in Viertel- und Halbfinale muss man festhalten, dass kein Team technisch so stark war wie die flinken Asiatinnen.

Dennoch muss man sagen, dass die Amerikanerinnen das einzige Team neben England war, das ein passendes Rezept gegen ihre Kurzpassstaffetten gefunden hat. Nachdem sie die Partie 75 Minuten der regulären Spielzeit und 25 Minuten der Verlängerung vollkommen dominierten, kosteten sie am Ende zwei Unachtsamkeiten und drei grauenvolle Elfmeter den WM-Titel. So verloren sie in einem der dramatischsten Finale, das es bei einem großen Turnier der letzten Jahre gegeben hat.

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