Gruppe F: Zweikampf um den Gruppensieg? – FN

Eine recht klassische, aber durchaus interessante Konstellation bietet sich in Gruppe F. Ein Team aus dem erweiterten Mitfavoritenkreis mit den Niederladen, ein heiß gehandelter Geheimfavorit mit Japan, die unter Graham Potter zu neuer Stabilität gefundenen Schweden und Außenseiter Tunesien. Wir werfen einen Blick auf die Herangehensweise der Teams und wagen eine Prognose.

Niederlande

Die Niederlande geht als nominell klarer Favorit in die Gruppe F, doch wie weit wird Oranje dieser Favoritenrolle gerecht? Unter Ronald Koeman, der nach seiner ersten Amtszeit von 2018 bis 2020 nun schon das zweite Mal das Amt des Bondscoach bekleidet, stabilisierte sich die Elftal in den vergangenen Jahren. Dies zeigte sich neben dem Halbfinaleinzug bei der letzten EM auch in der Qualifikation, die man souverän ohne Niederlage meisterte. Doch wie stabil ist die Niederlande wirklich und wie viel „totaal voetbal“ steckt im Jahr 2026 in der Elftal?

Ein Blick auf den Kader zeigt im Vergleich zu vergangenen Teams der Niederlande eine spürbare Verschiebung der Stärken des Teams. So überzeugt der niederländische Kader vor allem in der Defensive, sowie im Mittelfeldzentrum, während es in der Offensive an Weltklassequalität mangelt. Im Tor ist Verbruggen gesetzt. Neben Kapitän van Dijk dürfte van Hecke das Abwehrzentrum komplettieren. Auf den Außenverteidigerpositionen führte zuletzt kein Weg an Dumfries und van de Ven vorbei. Das Mittelfeldzentrum als Prunkstück der Niederlande setzt sich aus der Doppelsechs aus Gravenberch und de Jong, sowie Zehner Reijnders zusammen. Hier wird sogar noch Xavi Simons, der aufgrund eines Kreuzbandrisses ausfällt, vermisst. Während auf der linken Außenbahn Gakpo klar gesetzt ist, gibt es auf der rechten Seite noch Fragezeichen. Zuletzt hatte Summerville die Nase vor Koopmeiners, jedoch ist hier auch ein Einsatz von Malen, der zuletzt vermehrt als Stürmer agierte denkbar. In diesem Fall würden Depay oder Brobbey ins Sturmzentrum rücken. Dennoch ist zu Turnierstart von Malen im Sturmzentrum und Summerville auf rechts auszugehen.

Herzstück Doppelsechs

Die Niederlande agiert im eigenen Ballbesitz aus einer 3-2-4-1 Struktur heraus. Diese Struktur formt sich im Laufe der Progression vor allem durch das Hochschieben von Dumfries als Breitengeber auf der rechten Seite, wodurch der rechte Außenstürmer vermehrt im Halbraum agiert. Der Dreieraufbau definiert sich hierbei durch eine gewisse Asymmetrie. So agiert van de Ven zumeist deutlich breiter als van Hecke, der eher aus einer klassischeren Innenverteidigerposition agiert.

Ein wesentlicher Bestandteil des niederländischen Ballbesitzspiels ist der starke Fokus auf den Sechsern. Aus einem durch das Suchen nach Anspielen auf die Sechser eher langsamen Spielrhythmus heraus versucht man durch die Aktivität der Sechser über Aktionen von Gravenberch und de Jong den Spielrhythmus zu beschleunigen und möglichst direkt durch das Zentrum Dynamik auf die Kette zu erzeugen. Eine entscheidende Rolle spielt hier auch die Druckresistenz von Gravenberch und de Jong. So verfügen beide über eine exzellente Vororientierung und können sich durch ihre Ruhe am Ball immer wieder aus Drucksituationen lösen. Durch die starke Vororientierung haben die beiden zustätzlich ein sehr gutes Gefühl für Timing, was sich vor allem im Erkennen und direkten Bestrafen von kleinen Fehlern des Gegners im Durchschieben bemerkbar macht. Aber auch im Ausweichen und Auffüllen gegen das Pressingmomentum des Gegners zeigt sich dieses gute Gefühl für Timing.

Außerdem überzeugen Gravenberch und de Jong durch eine sehr hohe Aktivität. So sind die beiden vielmehr aktions- statt positionsfokussiert. Dieses hohe Maß an Aktivität und Suchen nach Ballaktionen zeigt sich vor allem durch seitliches Ausbrechen in die Halbräume, sowie vor den Pressingwall. Speziell de Jong holt sich gerne den Ball in den Halbräumen von den Innenverteidigern ab. Dieser versucht durch geschicktes Manipulieren des Pressingwinkels durch kleine Bewegungen mit Ball Gravenberch im Druck anzuspielen. Gravenberch kann sich durch die für ihn typische Finte, in der er eine geschlossene Bewegung zum Ball antäuscht und den Ball anschließend in Passrichtung an sich vorbeilaufen lässt, wodurch er die Dynamik des Passes mitnimmt, immer wieder aus diesen Drucksituationen lösen. Aus dieser Dynamik und dem Überdribbeln des direkten Gegenspielers gelingt es immer wieder den Zwischenlinienraum dynamisch zu bespielen. Eine entscheidende Rolle spielt hier die aufgrund der Aktivität de Jongs initial tiefen Zehner. Dadurch versucht man die Mittelfeldkette anzulocken, den Druck über Gravenberch zu lösen und den Zwischenlinienraum aus diesen tiefen Zehnerpositionen dynamisch zu attackieren. Dadurch kommt man immer wieder in vielversprechende Abschlusssituationen in Zone 14, wobei sich auch Steckbälle auf Tiefgengeber Malen anbieten.

Weitere Merkmale des Sechserspiels sind vor allem die diagonale Stafflung zwischen Gravenberch und de Jong, sowie die pendelnden engen Abstände. Unabhängig von der Positionierung des tieferen Sechsers – zumeist de Jong – positioniert sich der höhere Sechser diagonal in fast schon einer Art Achterrolle, wodurch die Zentrumsstafflung zeitweise als ein asymmetrisches Dreiermittelfeld oder eine diagonal verschobene Raute beschrieben werden kann. Die Niederlande zeigt hier immer wieder gute Ansätze im doppelten Spiel in den Druck über die Sechser, wobei man erneut das Ziel verfolgt den Zwischenlinienraum dynamisch zu attackieren. Hierfür rückt auch Gakpo immer wieder in den Zwischenlinienraum ein und schafft so Variationen. Oranje setzt in diesen doppelten Anspielen in den Druck hauptsächlich auf kleine Bewegungsvorteile. Diese erzeugt man durch die teilweise tiefen Positionen der Zehner, wodurch Unschlüssigkeit im Rausschieben auf die Sechser entstehen. Durch gutes Timing gelingt es diese Bewegungsvorteile zu bespielen und doppelt diagonal in den Druck im Zentrum zu spielen.

Linksfokus und Tiefenspiel

Sollte man nicht den Weg durch das Zentrum suchen agiert man hauptsächlich über die linke Seite. Wo derer Fokus klar auf dem Isolieren von Gakpo in 1gg1 Situationen liegt. Dabei sei gesagt, dass Gakpo zwar der kreativste niederländische Offensivspieler ist, jedoch keinesfalls mit Spielmachern wie Wirtz oder Yamal zu vergleichen ist. So tut sich der Liverpooler gerade bei Gegnerdurck von hinten schwer in Dribblings ins Zentrum zu kommen. So gilt es vielmehr Gakpo ins Aufdrehen zu bringen, um dessen explosive Dribblingfähigkeiten mit etwas Raum auf den Verteidiger zudribbelnd zu nutzen. Eine entscheidende Rolle im Erzeugen dieser Aufdrehmomente spiel Linksverteidiger van de Ven. Dieser agiert aus seiner asymmetrischen Halbverteidigerrolle recht variabel im Höhenspiel. Gerade bei Auskippen von de Jong in den Halbraum sucht van de Ven vermehrt den Weg in den Block, um den direkten Passweg auf Gakpo zu öffnen. Des weiteren sieht man nach Verlagerungen auf Gakpo immer wieder unterstützende Läufe aus der Tiefe des Raumes, wodurch van de Ven mit seiner Dynamik immer wieder Gegenspieler bindet.

Gakpo greift im Dribbling vor allem auf zwei Varianten zurück. So sieht man immer wieder wie der Liverpooler ein bis zwei Haken diagonal rückwärts ins Zentrum nimmt, um sich genug Platz für eine Flanke auf den zweiten Pfosten zu verschaffen. Zielspieler dieser Flanken ist Rechtsverteidiger Dumfries, der sehr aggressiv den Weg in die Box sucht. Per Ablagen auf die spät in die versetzt in die Box startenden Malen, Reijnders und Summerville will man anschließend zum Torerfolg kommen. Die zweite Variante – häufig mit einem Lauf von van de Ven kombiniert – ist das explosive Dribbling zur Grundlinie. Von dort aus sucht Gakpo zumeist die Ablage in den Rückraum auf die späten Läufe von Reijnders. Auch Gravenberch der die Kante an der Box besetzt kommt so teilweise zu Abschlusssituationen.

Grundsätzlich zeigt sich im Bespielen tiefstehender Gegner eine gewisse Abhängigkeit von diesen Durchbrüchen Gakpos. So tut man sich durch den verknappten Zwischenlinienraum schwer diesen durch das bereits thematisierte Spiel über die Sechser zu bespielen. So können Spiele gegen tiefstehende Gegner aufgrund des langsamen Spielrhythmus oft recht zäh werden. Der Niederlande fehlt es in der Offensive merklich an Kreativspielern. Malen, Reijnders und Dumfries haben ihre Stärken vielmehr im Attackieren von offenen Räumen. Ein Grund mehr auf den dribblingstarken Summerville zu setzen. Bis auf Ansätze blieb dieser in den vergangenen Testspielen jedoch bislang blass. Gerade die spielerische Komponente eines fitten Depay würde der Niederlande guttun. Torchancen gegen tiefstehende Gegner entstehen so vermehrt auch aus Umschaltsituationen aus dem sehr stabilen Gegenpressing.

Aufgrund der laufstarken Offensivspieler setzt die Niederlande teilweise auch schon früh im Aufbau auf lange Bälle. Der freie Fuß von van Dijk ist dabei ein Signal für Tiefgang. Gerade Malen und Reijnders bieten so immer wieder aus der Statik heraus Läufe hinter die Kette an. Auch Gakpo zeigt hin und wieder diagonale Tiefenläufe, während Dumfries eher als Option für diagonale hohe Verlagerungen dient. Diese werden dabei hauptsächlich mit der Intention genutzt, um über eine anschließende Verlagerung Gakpo möglichst gut im letzten Drittel zu isolieren.

Spiel gegen den Ball

Im Angriffspressing sieht man die Niederlande hauptsächlich aus einer 4-4-2 Struktur heraus. Die Stürmer Reijnders und Malen agieren zunächst mit einem klaren Sechserfokus. Dabei schiebt der ballnahe Stürmer diagonal auf den ballführenden Innenverteidiger, während der ballferne Stürmer im Scheibenwischerprinzip in den Sechserraum fällt. Die endgültige Auslösung erfolgt dabei zumeist erst nach einem Querpass der Innenverteidiger, wodurch Gakpo aus einer halb-halb Positionierung zwischen Innen- und Außenverteidiger auf den Inneverteidiger springt. Van de Ven agiert ebenfalls auf dem Sprung und schiebt bei Bedarf auf den Außenverteidiger. Aufgefangen wird dieses Durchschieben durch de Jong. Dieser fällt im Angriffspressing meist den Halbraumspieler/Außenstürmer aufnehmend in die Kette.

In diesem Auslösemechanismus zeigt die Niederlande allerdings immer wieder Probleme im Durchschieben und auch das Timing von Gakpo im Auslösen stimmt mehrfach nicht, wodurch es dem Gegner gelingt diesen per Chipball zu überspielen. Dies kann zu Kettenreaktionen führen, wodurch man schnell hinterherläuft und nach diesem Auflösen über die Breite verwundbar ist. Durch das teils fehlerhafte Durchschieben gelingt es Gegnern auch immer wieder gut vorbereitete lange Bälle zu schlagen. Ein Trumpf der Niederlande ist hier die enorme Kopfballstärke der Viererkette um Kapitän van Dijk. Generell kann die starke Viererkette im Angriffspressing durch eine gute Aggressvität im direkten Zweikampf viele der Unstimmigkeiten in Detailfragen des Angriffspressing immer wieder gut ausgleichen.

Diese Probleme in der Auslösung ziehen sich teilweise bis ins Mittelfeldpressing durch. So ist man dauerhaft auf die nächste Auslösung orientiert, was zu etwas halbgaren Anlaufen führen kann und die Probleme weiter verstärkt. Erst im tiefen Verteidigen in einem recht klassischen 4-4-2 Block agiert man etwas mehr auf das Blocken fokussiert, wodurch man hier deutlich stabiler agiert. Aus diesen Phasen des tiefen Verteidigens entstehen nach Ballgewinnen zudem immer wieder sehr gefährliche Umschaltsituationen über die konterstarken Malen, Gakpo und co.

Japan

Spätestens seit der vergangenen Weltmeisterschaft, als man eine vermeintliche Todesgruppe mit Spanien und Deutschland abschloss, hat Japan das Image als klassische Außenseiternation abgelegt. Unter Trainer Moriyasu, der nun schon seit 2018 im Amt ist, entwickelte man sich in den letzten Jahren stetig weiter und wird nun als einer der Geheimfavoriten dieser WM gehandelt. Dieser Status bestätigte sich zuletzt durch eine beeindruckende Serie von sechs Siegen, darunter auch Erfolge gegen Schwergewichte wie Brasilien und England.

Ein Blick auf das Aufgebot verstärkt diesen Eindruck. Der japanische Kader ist mittlerweile gespickt mit Akteuren, die in europäischen Topligen eine tragende Rolle einnehmen, was sich in der Startelf widerspiegelt. Im Tor ist Suzuki von Parma gesetzt. Die Dreierkette warf durch die von Verletzungen geprägten Saisons des Stammpersonals zuletzt Fragen auf. Dennoch dürfte das Trio aus H.Ito, Itakura und Tomiyasu gesetzt sein, auch wenn Watanabe sich ebenfalls Chancen ausrechnen darf. Als Flügelverteidiger agieren in der Regel Doan rechts und Nakamura links. Beim defensiveren Part der Doppelsechs wird trotz der zuletzt starken Leistungen von Sano kein Weg an Kapitän Endo vorbeiführen. Den kreativen Part der Doppelsechs wird Kamada bekleiden. Auf den offensiven Halbpositionen hinter der einzigen Spitze Ueda dürften Kubo und J.Ito gesetzt sein. Die Ausfälle von Mitoma und Minamino sind hier besonders bitter.

Positionsspielbasis

Im eigenen Ballbesitz zeichnet sich Japan durch ein zunächst recht klassisch angelegtes Positionsspiel aus. Dieses formt sich aus einer 3-2-4-1 Struktur, in der die Flügelverteidiger als Breitengeber in der letzten Linie agieren. Typisch Positionsspiel liegt der Fokus auf dem Erzeugen positioneller und numerischer Vorteile im Zwischenlinienraum, während man in der Zirkulation einen hohen Wert auf Kontrolle durch einen langsamen Spielrhythmus legt und hauptsächlich um den Block zirkuliert. Aus dieser Position der Kontrolle findet man auch immer wieder gute Momente der Rhythmusänderungen, aus denen es gelingt, Dynamik zu erzeugen.

Ein in der Zirkulation Japans häufig zu beobachtendes Element sind die höhenversetzt agierenden Sechser. So kippt immer wieder einer der Sechser zwischen Itakura und den Halbverteidigern. Dies hat gleich mehrere Effekte. Zum einen dient dieses dynamische Rauskippen der Stabilisation der Zirkulation und wirkt der gegnerischen Pressingauslösung entgegen. Zum anderen erzeugt man dadurch wiederholt neue Winkel im Andribbeln für die Halbverteidiger, welche als Reaktion auf das Abkippen der Sechser breiter auffächern.

Durch das proaktive Einschalten der Halbverteidiger erzeugt man stabile Verbindungen in die Breite und kann durch die Aktivität im Andribbeln Reaktionen des Gegners locken. Dadurch, dass die Halbverteidiger durch den abgekippten Sechser abgesichert werden, schalten sich die Halbverteidiger teilweise auch nach Anspiel in die Breite auch über Durchschieben im Halbraum direkt gegnerbindend in die Offensive ein.

Interessant sind hier vor allem auch die unterschiedlichen Funktionen von Endo und Kamada im Abkippen. Während Endo eher eine stabilisierende Funktion hat und die Priorität auf dem Absichern der Aktivität der Halbverteidiger liegt, zeigt sich Kamada durch seine Fähigkeiten als Spielmacher deutlich aktiver. So tritt dieser auch öfter auf den Ball und versucht über Sohlenspiel den Spielrhythmus zu beeinflussen.

Dynamik aus der Breite

Aus diesem stabilen Gerüst der Ballzirkulation setzt Japan in der Chancenkreation vor allem auf das Verbindungsspiel in der Breite und Überladungen. Hierfür kippen J.Ito und Kubo wiederholt aus dem Block zwischen Halbverteidiger und Flügelverteidiger in die Breite. Diese Bewegungen gestalten sich dabei recht flexibel, wobei die Flügelverteidiger und Halbraumzehner immer wieder zwischen Breite und Verbindungsspie rotieren. Dieser Fokus auf dem Rauskippen der Zehner erinnert etwas an das Manchester City von vor drei bis vier Jahren, unterscheidet sich aber in den grundsätzlichen Intentionen.

Japan zeigt aus diesen Verbindungspositionen immer wieder gute Ansätze und wiedererkennbare Mechanismen, um über das Zentrumsspiel die Tiefe im Halbraum zu attackieren. Die Tiefe im Halbraum stellt einen Zielraum im japanischen Spiel dar. Gerade auf flachen Hereingaben und Ablagen in den Rückraum liegt ein großer Fokus.

Ein mehrfach gesehener Mechanismus ist das aktive Binden des Außenverteidigers durch Läufe nach außen von Kubo. Doan kann sich so durch Entgegenkommen in der Verbindungsposition aufdrehen und diagonal auf den Block dribbeln. Der durch den Lauf von Kubo freigezogene Halbraum wird anschließend durch eine Überladung des ballfernen Zehners nachbesetzt, wodurch dieser ins Aufdrehen gebracht wird. Diese Überladungen der Halbraumzehner spielen eine essenzielle Rolle im japanischen Ballbesitzspiel. So sucht man aus diesen Überladungen immer wieder Verlagerungen mit teilweise sechs involvierten Spielern den ballfernen Flügelverteidiger, der vom ballfernen Halbverteidiger unterstützt wird, aber auch Spiel und Geh Muster in den Block sind ein nicht selten gesehenes Mittel der Japaner. Auch Kamada, der in seiner Achterrolle recht flexibel agiert schaltet sich in diesen Momenten immer wieder ins Offensivspiel mit ein und sorgt durch seine Überladungen für Anbindung ins Zentrum. Japan ist generell am besten, wenn man aus 4gg4 oder 5gg5 anstelle von 2gg2 Situationen agieren kann. Durch die Verlagerung aus der Überladung heraus gelingt es auch immer wieder über die überladenen Spieler die Box ausreichend zu besetzen. Lediglich in der Chancenverwertung besteht noch deutlich Luft nach oben. Diese Mechanismen des Verbindungsspiels und der Überladungen gelten grundsätzlich auch für die linke Seite.

Stürmer Ueda agiert in diesen Situationen ebenfalls gegnerbindend und zeigt immer wieder gute horizontale Ausweichbewegungen in die Halbräume sowie Tiefenläufe, um den ballnahen Innenverteidiger zu binden. Zusätzlich bietet Ueda dadurch eine gute Anschlussoption per Tiefenlauf im Halbraum. Auch Doan und Kubo suchen in diesen Momenten vermehrt diagonal die Tiefe. Die beiden besitzen generell ein sehr gutes Verständnis füreinander und sorgen durch ihre Stärken im Dribbling und Kombinationsspiel immer wieder aus statischen 2gg2 Situationen für Durchbrüche Richtung Grundlinie.

Durch das Timing des Rauskippens gelingt es immer wieder im Pressingübergang des Gegners einen Außenstürmer zu binden, wodurch der Halbverteidiger als freier Mann agieren kann und die Zirkulation aufrechterhalten wird und sich Möglichkeiten ergeben gegen das Pressingmomentum des Gegners in den Block zu spielen.

Vertikale Anbindungen

Ein weiteres Muster, dass sich bei Japan regelmäßig erkennen lässt, sind vertikale Anbindungen im Halbraum aus der Zirkulation heraus. Speziell Ito als spielstärkster Aufbauspieler der Dreierkette sucht immer wieder den linienbrechenden Pass. Dabei ist eine gewisse Asymmetrie im japanischen Aufbau erkennbar.

So schiebt Tomiayasu nach Abkippen des Sechsers in die Breite, während H.Ito ballfern im Halbraum agiert, um nach Rückverlagerungen durch die Kette aus der Breite auf der rechten Seite gegen das Verschiebemomentum J.Ito im Zwischenlinienraum zu finden. Gerade das Gefühl der Halbraumzehner für das richtige Timing im Zwischenlinienraum Anbindungen gegen das Pressingmomentum zu schaffen ist hier hervorzuheben. Dies ist auch ein Resultat der durch die Gegnerbindung des Verbindungsspiel provozierten unsauberen Pressingübergänge des Gegners, wodurch sich diese linienbrechenden Pässe gegen das Pressingmomentum erst anbieten.

Japan zeigt sich in den Rotationen zwischen Außenstürmer und Flügelverteidiger zudem sehr flexibel. So sieht man auch immer wieder, dass Nakamura als Empfänger nach innen zieht. Ein interessantes Detail nach Anspiel im Zwischenlinienraum ist das Prinzip des nicht aufdrehen. Ein Prinzip, dass man vor allem von Pep Guardiola kennt und der Vermeidung von Ballverlusten nach vertikalem Anspiel dient. So soll der Spieler sich nicht unter Gegnerdruck aufdrehen. Bei wenig Gegnerdruck wird der Ball am Körper vorbeigelaufen lassen und bei Gegnerdruck liegt der Fokus auf der Ablage.

So sucht J.Ito nach Anspiel meist mit dem ersten Kontakt direkt die Ablage ins Zentrum um den direkten Gegenspieler herum auf den im Zwischenlinienraum entgegenkommenden Ueda. Anschließend orientieren sich die Halbraumzehner auf Ablage, um aus dem Wandspiel von Ueda heraus einen offenen Fuß zu bekommen und eine Dynamik auf die Kette zu erzeugen.

Besonders gegen Viererketten zeigt man sich durch die Dynamik aus dem Verbindungsspiel in Kombination mit der Stabilität in der Zirkulation und der damit erzwungenen Horizontalverschiebung sehr effektiv. Dennoch zeigen sich auch bei Japan immer wieder typische Vor – und Nachteile des klassischen Positionsspiel, wodurch man gerade auf tiefes Blocken fokussierte Gegner seine Probleme hat. Dennoch ist die Qualität des japanischen Positionsspiels gerade bei Berücksichtigung der geringen Trainingszeit auf Nationalmannschaftsebene hervorzuheben.

Ein weiteres Merkmal des Ballbesitzspiel dieser japanischen Mannschaft ist das Gegenpressing. Hier profitiert man vor allem von der hohen Laufstärke, die sich durch das gesamte Team durchzieht. Gerade die Sechser Endo und Kamada sind hier hervorzuheben. Durch eine gute Kombination aus Antizipation und Vororientierung gelingt es immer wieder Lücken zu schließen Räume, um den Ballverlust zu schließen. Auch, das Zusammenziehen der Flügelverteidiger ist ein wesentlicher Teil der ersten Gegenpressingwelle. Die Halbverteidiger sorgen dahinter in der zweiten Gegenpressingwelle für eine gute Kompaktheit in der zweiten Gegenpressingwelle. So verstärken diese ihre Mannorientierungen und schieben diese aggressiv aus der Kette. Aus diesen Balleroberungen im Gegenpressing zeigt Japan gerade über Ablagen von Ueda auch immer wieder gute Ansätze im Umschaltspiel.

Gegen den Ball

Im Spiel gegen den Ball agiert Japan größtenteils in einem aktiven 5-2-3 Mittelfeldpressing. Der Fokus liegt auf dem Halten der Höhe an der Mittellinie, wodurch man immer wieder versucht nach klaren Auslösern organisiert in den Pressingübergang zu kommen.

Die Auslösung erfolgt hierbei zumeist durch die eng gestaffelten J.Ito und Kubo. Diese sind zwar in der Höhe durch die Außenverteidiger des Gegners gebunden, agieren allerdings durch ihre enge Positionierung mit einem klaren Zentrumsfokus im Blocken. Rückpässe der Außenverteidiger oder Sechser auf die Innenverteidiger fungieren im japanischen Mittelfeldpressing als Pressingauslöser. Der ballnahe Halbraumzehner schiebt dann vertikal auf den ballführenden Innenverteidiger, während Ueda dessen erster Referenzpunkt die Sechser sind, seine Mannorientierung auf den ballfernen Sechser verstärkt. Der ballnahe Sechser wird durch Springen des ballnahen Sechsers aufgenommen. Die Rolle der Sechser ist generell interessant. So agieren diese dauerhaft auf Lücke zwischen Ueda und den Zehnern und pendeln zwischen Halbraumzehner und Sechser. Der ballferne Sechser verstärkt bei Auslösung seine Mannorientierung im Halbraum.

Nach Auslösung auf den ballführenden Innenverteidiger soll ein Querpass, auf den durch den ballfernen Zehner angelaufenen ballfernen Innenverteidiger erzwungen werden, wodurch der Gegner über eine Zwischenstation in die Breite gelenkt wird. Diese Verzögerung durch den Querpass gibt den Flügelverteidigern Japans, die in der Fünferkette initial eine etwas höhere Position einnehmen, die nötige Zeit vertikal auf die Außenverteidiger zu springen. Speziell das Timing und die Antizipation von Doan und Nakamura sind hier hervorzuheben. Gelingt Japan der Pressingübergang ins hohe Pressing agiert man weiterhin in den bereits thematisierten halb-halb Zuordnungen. Die erste Priorität liegt auch dort wieder auf der Kompaktheit, sollte diese nicht gegeben sein, fällt man auch sofort wieder ins Mittelfeldpressing zurück. Gerade diese extreme Zentrumskompaktheit durch die halb-halb Positionierungen zeichnet das Mittelfeldpressing Japans aus. So ist das Zentrum für den Gegner praktisch nicht ohne Ballverlust bespielbar, wodurch Japan immer wieder für Ballgewinne im Zentrum sorgt und in Umschaltmomente kommt.

Sollte es dem Gegner dennoch gelingen den Zwischenlinienraum zu bespielen, so stechen die Halbverteidiger extrem aggressiv aus der Kette heraus. Das Rausverteidigen wird hier teilweise sogar gegenüber einer Übergabe mit dem Sechser priorisiert. Auffällig ist dabei die hohe Linie Japans. Durch die konstanten halb-halb Positionierungen im Zentrum und das auf Lücke verteidigen legt man einen großen Wert auf Kompaktheit, wodurch die Tiefensicherung etwas leidet. So zeigt man sich immer wieder anfällig gegen Steil-Klatsch-Tief Muster aus dem Halbraum heraus. Durch die hohe Kette werden auch lange Bälle und dadurch ein sehr direktes Bespielen der Tiefe zu einer effektiven Option. Gerade nach Chipbällen auf diagonal einlaufende Außenstürmer, sowie diagonalen langen Verlagerungen vom Innenverteidiger auf den ballfernen Außenstürmer zeigte sich Japan immer wieder verwundbar. Durch die Verlagerung wird der Pressingübergang zunächst überspielt, wodurch Japan in einen tiefen 5-4-1 Block fällt.

Dabei agiert man mit zwei engen Ketten an der eigenen Box und zeigt sich im tiefen Verteidigen nach Rückwärtsbewegung immer wieder anfällig. So sind die Zuordnungen und Mechanismen weniger gut aufeinander abgestimmt als im Mittelfeldpressing, wodurch es mehr wie ein überleben statt aktiven Verteidigens wirkt. Man tut sich zudem immer wieder schwer sich aus diesem tiefen Verteidigen zu lösen, wodurch man schnell in eine etwas zu passive Phase rutschen kann. Eine weitere Möglichkeit diesen tiefen Block zu forcieren und das aktive Mittelfeldpressing zu überspielen ist das Höhenspiel der Außenverteidiger. So agieren die Zehner zwar kompakt im Zentrum, lassen sich jedoch in der Höhe durch die gegnerischen Außenverteidiger binden. Durch dieses Binden der Zehner tut sich Japan schwer den Pressingübergang im Mittelfeldpressing auszulösen, wodurch man zwangsläufig in eine passivere Phase des tieferen Verteidigens gezwungen wird.

Schweden

Der Preis für die kurioseste Qualifikation zu dieser WM wird Schweden wohl nicht mehr zu nehmen sein. Trotz nur mageren zwei Punkten in einer Gruppe mit der Schweiz, Kosovo und Slowenien gelang den Schweden über den B-Weg Nations League als einer der vier besten nicht qualifizierten Gruppensieger der Einzug in die Playoffs. Hier schlug man unter dem seit November neuen Trainer Graham Potter die Ukraine und Polen und qualifizierte sich schließlich für die WM. Potter gelang es generell schnell aus der eigentlich sehr ordentlichen Kaderqualität eine Einheit zu formen und einen pragmatischen Fußball zu implementieren.

In der Startelf dürfte Potter auf den durch die verletzungsgeprägte Saison von Johannsson in die Startelf gerückten Playoff-Held Nordfeldt setzen. Die Dreierkette davor bilden in der Regel Kapitän Lindelöf, Hien und Lagerbielke. Gudmundsson gilt auf der linken Seite als gesetzt. Auf der rechten Seite scheint Dortmunds Svensson, der anders als im Verein nicht auf der linken Seite agiert, die besten Karten haben. Interessant ist auch die Besetzung der Doppelsechs. Karlström ist als defensiverer Part gesetzt. Den spielerischen Part davor machen Bergwall und Ayari, der aktuell etwas die Nase vorn hat unter sich aus. In der offensiven Dreierreihe ist Gyökeres gesetzt und auch Isak dürfte nach überstandener Verletzung seinen Stammplatz sicher haben. Auf der Position des rechten Halbraumzehners gibt es sowohl Argumente für Elanga als auch für Nygren. Zum Turnierstart rechen ich allerdings eher mit Nygren.

Erste Priorität Intensität

Das Defensivspiel Schwedens ist grundsätzlich recht einfach gehalten und definiert sich hauptsächlich über die hohe Intensität und Aggressivität. Aus einem 5-2-3 Mittelfeldpressing heraus agiert man in der offensiven Dreierreihe zunächst den Sechserraum blockend. Ein Hauptmerkmal des Mittelfeldpressings sind die Pressingfallen auf dem Flügel. Durch eine enge Manndeckung der Flügelverteidiger gegen die gegnerischen Breitengeber gilt es Rückpässe zu forcieren. Dabei presst man nahezu jeden Rückpass und sucht sofort den Pressingübergang. Die Sechser springen aus ihrer Positionierung vor der Kette und verstärken den Mannbezug auf die Sechser, während der ballnahe Halbraumzehner diagonal das Zentrum blockend den Rückpass durchpresst.

Schweden gelingt es durch die kompakte Zentrumsstafflung im Fünferblock, sowie das aggressive Verteidigen auf den Flügeln immer wieder diesen Übergang ins mannbezogene Angriffspressing zu finden. Erste Priorität im Durchschieben ist stets der Druck auf den Ball, wodurch die Art der Auslösung abhängig von der Aufbaustruktur des Gegners und der Spielsituation variieren kann. So agiert gegen eine flachen Viereraufbau Gyökeres teilweise etwas tiefer gegen einen der Sechser, sodass beide Flügelverteidiger auf die Außenverteidiger durchschieben. Das Durchschieben der Sechser, die Pressingfallen auf dem Flügel, sowie das konsequente Auffüllen sind jedoch unverhandelbare Kernpunkte des Auslösens. Die Phasen im Mittelfeldpressing sind bei Schweden eher Erholungsphasen, bevor man erneut den Übergang ins Angriffspressing anstrebt. Das manndeckende Angriffspressing sieht man auch nach Abstößen des Gegners. Auch hier agiert man sehr intensiv und diszipliniert. Auffällig ist vor allem das frühe Absetzen von Karlsson, der so immer wieder Überzahlen nach erzwungenen langen Bällen schafft.

Auch wenn der Kader mit längerer Vorbereitungszeit von Potter auch ein proaktiveres Spiel hergeben würde, hat Schweden ihre Stärken vor allem im schnellen Spiel in die Tiefe, wodurch man von diesem ständig gesuchten intensiven Chaosspiel der Manndeckung profitiert.

Das 5-2-3 Mittelfeldpressing spielt eine große Rolle in der intensiven Spielweise Schwedens ist jedoch keinesfalls fehlerfrei. Gerade im Isolieren der diagonalen aus der Breite heraus zeigt immer wieder Schwächen. So agieren die Sechser in den blockenden Phasen etwas tiefer raumorientiert vor der Kette. Dadurch tut man sich immer wieder schwer ins Halbfeld auszuschieben. Zudem entstehen durch die initiale Grundposition der Halbraumzehner gegen flache Außenverteidiger zu flache Pressingwinkel. Dadurch gelingt es recht einfach diese mit dem ersten Kontakt zu überdribbeln und dynamische Situationen auf dem Flügel zu erzeugen. Auch gegen Verbindungsspiel in die Breite ist man aufgrund der Raumorientierung der Sechser sehr auf das Rückwärtspressen der Halbraumzehner angewiesen. Dadurch kommen die Gegner immer wieder zu Flanken aus dem Halbfeld. Hier verlässt man sich hauptsächlich auf die gute Boxverteidigung, die durch die Sechser zusätzlich verstärkt wird. Gegen stärkere Gegner wie Japan und die Niederlande, die sich aus der Breite spielerisch ins Zentrum lösen können, könnte diese fehlende Isolation im Halbfeld zum Problem werden.

Ein weiterer Schwachpunkt des schwedischen Mittelfeldpressings ist die ergebnisabhängig teilweise zu starke Fokussierung auf den Mannbezug. So zeigt man sich bei unvorteilhaftem Spielstand hin und wieder zu ungeduldig. Diese Ungeduld spiegelt sich vor allem darin wider, dass man nicht mehr sauber über die Flügel auslöst und schon im Mittelfeldpressing die komplette Mann gegen Mann Zuteilung sucht, was Schweden hin und wieder recht wild aussehen lässt. Durch den frühen Mannbezug wird man in diesen Phasen außerdem anfällig für Rotations- und Freiziehbewegungen des Gegners und verliert etwas an Stabilität. Umgekehrt zeigt sich eine ähnliche Dynamik. So zieht man sich bei Führung teilweise sehr stark in einen tiefen Block mit zwei eng an der eigenen Box gestaffelten Ketten im 5-4-1 zurück. Dabei setzt man dann ausschließlich auf lange Bälle in Richtung Gyökeres und versucht über die eigene Konterstärke die Entscheidung herbeizuführen.

Offensivplan Gyökeres

Im eigenen Ballbesitz bietet Schweden recht wenig an. Gelegentlich findet einer der Halbverteidiger vertikal einen linienbrechenden Pass auf Ayari. Dieser schiebt in den Zwischenlinienraum hoch und zeigt sich dort sehr aktiv in den Freilaufbewegungen. Grundsätzlich setzt Schweden allerdings fast ausschließlich auf lange Bälle in Richtung Zielspieler Gyökeres, der sich teilweise gegen mehrere Gegenspieler behauptet.

Dieser Fokus auf lange Bälle kann recht wild und unkontrolliert wirken, jedoch zeigt man gerade über die Gegenläufigkeit von Nygren und Gyökeres hin und wieder auch gute Muster im Vorbereiten dieser langen Bälle. So lässt sich Nygren häufig weit im Halbraum fallen und öffnet dadurch die Tiefe im für Läufe von Gyökeres. Aufgrund dieser Gegenläufigkeit zu Gyökeres, sowie des sehr guten Defensivbeitrags hat Nygren aktuell auch die Nase vor Elanga, der eher über sein Tempo und Tiefgang kommt.

Diese Halbraumläufe waren zu Sporting Zeiten bereits einer der signature moves des heutigen Arsenal Stürmers. Durch sein Tempo und seine bullige Art zu spielen gelingt es Gyökeres in der Isolation gegen einen Verteidiger immer wieder sich durchzusetzen und direkten Zug zum Tor zu schaffen. Häufig bindet Gyökeres durch diese Läufe auch mehrere Gegenspieler. Auch wenn er dadurch etwas nach außen gedrängt wird, gelingt es ihm auch hier immer wieder den Ball festzumachen. Durch die gute Gegnerbindung von Gyökeres entsteht häufig Raum vor der Kette. Dieser offene Raum wird anschließend konsequent durch die Halbraumzehner und den nachschiebenden Ayari attackiert.

Spannend bleibt auch zu sehen, wie sich Isak, der bei den Qualispielen im März noch verletzt ausfiel in die Mannschaft einfügen wird. Durch ihn gewinnt die schwedische Mannschaft weiter an Qualität, wodurch die Last vielleicht nicht mehr ausschließlich auf den Schultern von Gyökeres liegt.

Tunesien

Besondere individuelle Klasse fehlt bei Tunesien und auch die unterschätzte spielerische Finesse der letzten Turniere, aber dafür bringt das Team von Sabri Lamouchi hohe Aktivität auf den Platz, die sich vor allem als Kontermannschaft bezahlt macht. Offensive Umschaltsituationen stellen eindeutig die große Stärke der Tunesier dar. Aus tiefen Positionen, auch auf der ballfernen Seite, starten die Flügelspieler und mitunter die Sechser sehr zuverlässig lange Vorwärtsläufe und verleihen diesen eine enorme Intensität. Vor allem das starke Timing von Celtics Sebastian Tounekti bei Schnittstellenläufen gibt den Tunesiern zusätzliche Kontergefahr und ist die am ehesten unverzichtbare individuelle Komponente. Als nomineller Außenseiter der Gruppe sollte Tunesien oft genug in die günstige Rolle als Konterteam schlüpfen dürfen.

Das nützt aber nur etwas, solange die Defensive stabil genug steht – und dies ist zumindest fraglich. Grundsätzlich setzt Trainer Lamouchi auf ein 4-4-2/4-4-1-1 entweder im höheren oder im leicht zurückgezogen Mittelfeldpressing. Die Mittelfeldreihe verschiebt insgesamt mit hoher Aktivität. Da der ballnahe Flügelspieler ballseitig über die Höhe der beiden Stürmer hinaus rückt und der Außenverteidiger hinter ihm auffüllt, kann Tunesien häufig von situativen 3-4-3-Übergängen profitieren, die die Seite dicht machen. Die Abläufe zehren auch noch von den Erfahrungen der Spieler aus dem 5-3-2 von Lamouchis Vorgänger Sami Trabelsi, das Ende des Vorjahres etwa Brasilien ein Remis abtrotzte.

Allerdings müssen sich die beiden nominellen Stürmer in diesem Szenario ebenfalls darauf beschränken, die Kompaktheit zu halten, und können nur sehr bedingt oben auf Rückpässe lauern. Dementsprechend kann Tunesien die Gegner gut auf Außen bedrängen, aber über diesen lokalen Druck hinaus nicht dort festnageln. Wenn das ballbesitzende Team die verbleibenden Rückpassmöglichkeiten für eine geduldige Zirkulation nutzt, bekommen die Tunesier schnell Probleme.

Gegen einfach gestricktes, lineares Aufbauspiel und/oder flache Außenverteidiger kann Tunesien gut ins Pressing gehen. Das ändert sich aber schnell, wenn das tunesische Team gegen eine nominell „große“ Nation von sich aus in ein zurückgezogenes statt erhöhtes Mittelfeldpressing zurückfällt oder wenn der Gegner dies über hochwertige Halbraumbesetzung erzwingt. Herauskippen eines Achters mit hohem Außenverteidiger, ein asymmetrischer 2-2-Aufbau mit zwei halbhohen Außenverteidigern oder ein 2-3-Aufbau mit zwei eingeschobenen Außenverteidigern: Alle diese Strukturen bringen das 4-4-2 der Tunesier – wie fast alle 4-4-2-Modelle – an seine Grenzen, auch wenn es gut ausgeführt sein mag. Die aktive Rückzugsbewegung der tunesischen Mittelfeldreihe kann dies ebenfalls nur bedingt reparieren, auch wenn sie nach Pässen in zentrale Lücken zwischen den Linien oder auf Breitengeber zwischen den Linien noch manche Angriffswelle verlangsamt.

Sobald der tunesische Block einmal innen gebunden wurde, entstehen mit der Viererkette enorme Probleme in der Flügelverteidigung, die Belgien bei einem 5:0-Testspielsieg zur Generalprobe zuletzt aufdecken konnte. Hinter einem herausrückendn Außenverteidiger liegt die Priorität der Innenverteidiger klar darauf, innen zu bleiben und das Zentrum zu halten – auf Kosten größerer horizontaler Zwischenlücken. Durchsichern kommt nur vor, wenn es sich für den Innenverteidiger gar nicht anders vermeiden lässt. Teams mit guten diagonalen Schnittstellenläufen aus der Tiefe haben auf Dauer mit diesen Bewegungen gute Aussichten gegen Tunesien. Gerade gegen Japan könnte dies zu Problemen führen. Im Gegenzug wirft der Zentrumsfokus der innen bleibenden und zum eigenen Tor orientierten Innenverteidiger dafür gar nicht so viel Mehrwert ab, weil sie in der Strafraumverteidigung individuell zaghaft agieren. Allerdings erhält die Abwehr auch nicht genug Unterstützung des Mittelfelds, dessen Aktivität in der Rückzugsbewegung oft dadurch verpufft, dass sich die einzelnen Spieler nicht Gegnern zuordnen, sondern in nutzloser Überzahl im Raum stehen.

Bei eigenem Ballbesitz agieren die Tunesier insgesamt sehr konservativ. Das resultiert entscheidend mit aus den personellen Gegebenheiten, da das Team auf den zentralen Aufbaupositionen (Innenverteidigung und Sechs) unterdurchschnittlich spielstark besetzt ist. Beispielsweise entwickelt Adem Arous eine gute Aktivität im Absetzen, aber sowohl er als auch Montassar Talbi übersehen häufiger mögliche diagonale Optionen oder spielen Kollegen unpassend zu deren Bewegungsrichtung an. Letztlich läuft bei den Tunesiern vieles auf den langen Ball hinaus. Während der Linksverteidiger über die meisten Phasen flach bleibt (und die meisten Zuspiele longline sucht), ermöglicht die Position des Rechtsverteidigers die größten Anpassungsmöglichkeiten. Frühzeitig hohe Einbindungen breit in der letzten Linie und eingerückte Halbraumpositionen als Ergänzung für zweite Bälle gehören zu den häufigsten Mustern. Die Offensivspieler stellen eine ordentliche Kompaktheit auf die Abpraller im Umkreis des Mittel- oder ballnahen Flügelstürmers her, mit Ansätzen von 2-2-Staffelungen, aber keineswegs überragend. So muss Tunesien letztlich vor allem auf die eigene Konterstärke und auf Missstände bei der Konkurrenz hoffen.

Ausblick

Trotz der Negativpunkte im tiefen Verteidigen hat mich Japan in der Vorbereitung auf diese preview sehr beeindruckt. Japan zeigt sich taktisch sehr komplett und je nach Gegner auch flexibel. Durch das flexible Positionsspiel sowie das aktive Mittelfeldpressing ist man nicht diese klassische Außenseiternation. So dürfte man gegen Tunesien und Schweden als klarer Favorit in die Partie gehen und auch für die Niederlande ein nicht leicht zu knackender Gegner sein, wodurch man durchaus Ansprüche auf den Gruppensieg anzumelden hat. Das erste Gruppenspiel zwischen Japan und der Niederlande dürfte hier wegweisend sein. Mit Japan ist definitiv als eine der Überraschungen des Turniers zu rechnen.

Die Niederlande sind etwas schwieriger zu bewerten. Eigentlich bringt man vieles Mit, um ein erfolgreiches Turnier zu spielen und gerade die Standardstärke könnte im Laufe des Turniers noch zum Faktor werden. Dennoch bereiten gerade tiefstehende Gegner der Elftal weiterhin sorgen. Oranje wird durch ihre offensive Ausrichtung definitiv für Spaß sorgen, der ganz große Wurf ist ihnen allerdings auch in diesem Jahr nicht zuzutrauen. So ist man auch in der Gruppe nicht der unangefochtene Favorit. Gegen Schweden und Tunesien ist zwar mit Siegen zu rechnen, allerdings droht ein Zweikampf um den Gruppensieg mit Japan.

Die Schweden sind trotz der schlechten Qualifikation nicht zu unterschätzen. So sind es neben der intensiven Spielweise aus einer mehr als soliden Defensive vor allem Gyökeres und Isak, die durch ihre individuelle Qualität im Umschalten, sowie nach langen Bällen jedem Gegner in der Gruppe Probleme bereiten können. Trotzdem sehe ich sie deutlich hinter Japan und der Niederlande, allerdings vor Tunesien auf einem dritten Platz, der vielleicht für die K.O Phase reichen könnte.Tunesien setzt zwar grundsätzlich auf eine ähnliche Herangehensweise wie Schweden, jedoch fehlt es den Tunesiern im Gegensatz zu Schweden offensiv an Unterschiedsspielern. Außerdem wirkt die Defensive im tiefen Verteidigen nicht immer ganz sattelfest.

FN fand durch die Ära Guardiola (und Spielverlagerung) zum taktischen Diskurs und hat ein Faible für undurchsichtige Muster und extrem fluiden Ballbesitzfußball. Auf X ist er unter @felix_nb zu finden

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