Gruppe C: Warum Marokko Brasilien ärgern kann – HN

Die Gruppe C versprüht beim Klang des nominellen Gruppenkopfes Spielfreude, Leichtigkeit und Kreativität. “Joga bonito” (das schöne Spiel) wurde in Brasilien erfunden – doch das alleine macht noch keinen Rekordweltmeister. Davon ist Nationaltrainer Carlo Ancelotti überzeugt: „Ich glaube, die letzten beiden Weltmeisterschaften, die Brasilien gewonnen hat (1994 und 2002), hat es dank einer fantastischen Verbindung zwischen Talent und defensiver Stärke gewonnen.”

“Don Carlo” weiß wovon er spricht. Mit genau diesem Zutaten hat der Italiener Real Madrid  2022 und 2024 zum Champions-League-Sieg geführt. Und genauso will er auch Brasilien zurück an die Spitze des Weltfußballs führen. “Die Geschichte spricht eine ganz klare Sprache. Es gibt keinen anderen Weg.” Unter Ancelotti, der mitten während der WM-Qualifikation im Juni 2025 übernahm, gab es in den verbliebenen vier Quali-Spielen nur ein Gegentor – beim 0:1 im bedeutungslosen letzten Spiel gegen Bolivien. 

Brasilien zwischen Intensität und Anfälligkeit

Defensive Kompaktheit hat höchste Priorität unter Ancelotti. Aus einem eher passiven 4-4-2-Mittelfeldblock soll zunächst einmal die Mitte verdichtet und durch situatives Herausstechen Druck auf die gegnerische Abwehrreihe ausgeübt werden. Tendenziell steht Absicherung über einem aggressiven Bedrängen des gegnerischen Spielaufbaus. In einzelnen Phasen des Spiels gelingt es dem Team durch Anlaufen mit hoher Intensität, unkontrollierte lange Bälle oder Ballverluste zu forcieren. Doch diese Intensität kann das Team nicht konstant aufrecht erhalten, weil die Abstände zwischen den Linien dann zu groß werden. 

Erschwerend kommt die Rolle von Vinicius jr. hinzu, der schon bei Real unter Ancelotti wenig zum gruppentaktischen Verteidigen beigetragen hat. Ähnlich wie damals wird er am linken Flügel oder zentral in der letzten Linie des Gegners geparkt – immer bereit, um nach Ballgewinnen direkt umschalten und seine Qualitäten im Vertikalspiel auszuspielen. Wirklich Druck übt Vini aber nicht aus.

Mit zunehmendem Spielverlauf werden die Lücken in der Raumdeckung größer, vor allem wenn Spieler aus ihrer Position zu weit herausstechen. Die sehr umtriebige Doppelsechs aus Bruno Guimarães und dem mittlerweile 34 Jahre alten Kapitän Casemiro stößt dann an ihre Grenzen, in ihrem Rücken können technisch versierte Teams die Zwischenräume zwischen IV-AV-DM zum Aufdrehen bespielen. Dies wird sich in der Vorrunde gegen Schottland und Haiti noch nicht so sehr bemerkbar machen. Zum Auftakt gegen Marokko (14. Juni, 0 Uhr MESZ) könnte dies schon anders aussehen.

Ancelotti vertraut den Individualisten

Im Ballbesitz agiert Brasilien mit einer asymmetrischen Dreierkette aus LV (Douglas Santos) sowie den IVs (Gabriel und Marquinhos), wobei vor allem Marquinhos über diagonale Verlagerungen aktiv wird, die er in Richtung Vinicius jr. schickt. Im Mittelfeldzentrum bietet meist Casemiro zaghaft kurze Anspielstationen im Zentrum, Bruno Guimarães positioniert sich etwas höher, um schneller vorrücken zu können. 

Idealerweise kann die Selecao ihren tiefstehenden Gegner vor der diagonalen Verlagerung durch beidseitig abkippende Achter (Cunha, Guimarães)  so auseinanderziehen, dass Vini eine 1vs1/1vs2-Situation auf dem linken Flügel vorfindet. Gleiches gilt, wenn Martinelli die Position bekleidet und Vini im Sturmzentrum spielt. Wird das Spiel über links aufgebaut, holt sich der Linksaußen die Bälle am Flügel ab und geht ins Kombinationsspiel mit Guimarães und/oder Cunha, der sich aus seiner Stürmerrolle oft sehr tief in den linken Halbraum absetzt. Die erfolgreichen Dribblings gegen einen tiefen Abwehrblock enden mehrheitlich im Strafraum an der Grundlinie, von wo ein Chipball auf den zweiten Pfosten gespielt wird. Hier mangelt es jedoch an kopfballstarken Abnehmern, sodass die Angreifer in der Box eher auf den unkontrolliert abgewehrten Ball lauern. Insgesamt sind die offensiven Positionen sehr variabel besetzt, während Casemiro dahinter verharrt und ballorientiert absichert. Besonders nach Ballgewinnen, geht über alle vier Offensivspieler die Post ab – denn dann sind die Räume hinter der letzte Linie des Gegner groß genug, um mit Tempo bespielt zu werden.  

Spielt Luis Henrique auf dem rechten Flügel, hält er meist die Breite, während Raphinha seine Rolle (sowohl als OM als auch RA) sehr variabel auslegt. In den Gruppenspielen werden Marokko, Haiti und Schottland alles daran setzen, durch hartnäckiges Durchschieben Gleich- oder Unterzahlsituationen am Flügel zu verhindern. In diesen Fällen wird Ancelotti ganz Real-like auf die individuelle Klasse seines Kaders vertrauen. Auf der Bank sitzen zahlreiche Spieler (Martinelli, Endrick, Igor Thiago, Paqueta), die mit unterschiedlichen offensiven Qualitäten die Balance des Gegners stören können.

Wird Neymar doch noch zum X-Faktor?

Und dann ist da ja auch noch der reaktivierte Neymar, der trotz chronischer körperlicher Probleme von Ancelotti nach zweieinhalb Jahren Abstinenz überraschend in den WM-Kader berufen wurde. Als Joker kann der 34-Jährige zum Unterschiedsspieler in der Schlussphase werden, mehr als 30 Minuten sind Neymar aber auch im weiteren Turnier nicht zuzutrauen. Bei einer Einwechslung wird Ancelotti sorgfältig abwägen müssen, inwiefern Neymars positiver Einfluss aufs Offensivspiel seine nachteilige (weil nachlässige) Defensivarbeit schlägt.

Schottland: Kick’n’Rush & wackeliges Pressing

Gegen Marokko und Schottland bahnen sich in jedem Fall enge Duelle für Brasilien an, denn die beiden stärkeren Gegner in Gruppe C sind defensiv gut eingespielt und sind in Besitz hochklassiger Außenverteidiger. Schottland hat generell überhaupt kein Problem, den Ball über die gesamten 90 Minuten abzugeben und auf seine Chancen im Umschalten zu lauern. Trainer Steven Clarke hält im Ballbesitz am Erfolgsmodell des modernen Kick’n’Rush im 4-4-2 fest. Schließlich entspricht dieser Stil dem Profil der meisten seiner Spieler und hat den Bravehearts mit dieser Herangehensweise das zweite große Turnier in Folge beschert. 

Nach maximal drei Querpässen segeln lange Bälle auf einen (oder zwei) seiner zahlreichen bulligen Mittelstürmer, im Anschluss wird der Ball auf die Flügel verteilt, wo vor allem der aufgerückte Linksverteidiger Andy Robertson über Flanken für Gefahr sorgen soll. Mit dem nachrückenden McTominay füllt einer der torgefährlichsten Mittelfeldspieler Europas die Box auf, dazu sorgen John McGinn und Ben Gannon-Doak für Gefahr über Dribblings und Abschlüsse rund um den Strafraum.  

Ähnlich simpel und kraftraubend schaut die Defensivarbeit im 4-1-4-1 aus: Zwei massive Viererketten, zusammengehalten von Lewis Ferguson auf der Sechs. Je nach Gegner könnte sich Clarke auch defensiv für ein 4-4-2 entscheiden, mit McTominay und Ferguson auf einer Ebene. Die Mannschaftsteile sind nicht immer ideal abgestimmt, tun sich vor allem dann schwer, wenn der Gegner den Zehnerraum mit mehr als einem Spieler besetzt, oder wenn sich die eigene Pressinghöhe in die gegnerische Hälfte verschiebt. In beiden Fällen rücken die IVs nicht oder nur zögerlich nach vorne und die erste Pressinglinie  bekommt gleichzeitig nicht genug Druck auf den Ball. Diese Räume könnten von den tempoaffinen Brasilianern und Marokkanern im Übergangsspiel sehr effektiv ausgenutzt werden.

Marokko: Konter und Flügelfokus mit neuem Kniff

Marokko hat ähnlich wie Brasilien und Schottland lange einen pragmatischen Ansatz verfolgt. Unter Walid Regragui mauserten sich Atlas-Löwen im 4-4-2-Mittelfeldblock zu einer unangenehmen Turnier-Mannschaft mit großer Konterstärke, die 2022 Platz vier bei der WM und in diesem Jahr den Sieg beim Afrika Cup einbrachte. Auch wenn die Umstände des Triumphes äußerst fragwürdig waren und Regragui wohl auch deshalb im März von seinem Amt zurückgetreten ist, kann Nachfolger Mohamed Ouahbi auf ein gewachsenes Konstrukt zurückgreifen.

Der neue Trainer hat in seinen bisherigen drei Testspielen daran gearbeitet, neue Elemente in die eingespielte 4-2-3-1-Formation zu implementieren. Bislang war bei Marokko ein ganz klarer Flügelfokus zu erkennen, vor allem über die Seite von Rechtsverteidiger Achraf Hakimi im Zusammenspiel mit Brahim Diaz. Neben konsequentem Hinter- und Vorderlaufen war Hakimi bei Hereingaben von links auch als Joker in den Strafraum durchgeschoben. In seiner Rolle als geradliniger offensiver Rechtsverteidiger war er für tiefstehende Gegner jedoch auch verhältnismäßig leicht in seinem Spiel auszubremsen.

Hakimi in Achter-Rolle als Gamechanger?

Um einer Isolierung, beispielsweise gegen Schottland oder Brasilien etwas entgegenzustellen, hat Trainer Ouahbi seinem Kapitän eine neue Rolle im Spielaufbau zugeordnet. Hakimi soll, wenn der Gegner die Seite dichtmacht, im Spielaufbau mit ins Zentrum rücken. Im Testspiel gegen WM-Teilnehmer Paraguay zeigten sich die Vorteile dieser Idee: Hakimi sorgte im Zentrum für  Überzahlsituationen und schwirrte als freies Radikal in den Zwischenräumen umher. Unterstützt wurde er dabei von drei jungen und ebenfalls sehr mobilen Achtern: Neil El Aynaoui, Samir El Mourabet und Bilal El Khannouss.

Während El Aynaoui auf Hakimis RV-Position abkippt, sorgt El Mourabet für ballfern für breite Anspielstationen. El Khannouss sorgt einerseits für Unordnung in den zentralen Zwischenräumen, unterstützt aber auch variabel die Flügelspieler. Für den Marokkos andribbelnde Innenverteidiger ergaben sich so entweder kurze Passoptionen oder die Möglichkeiten eines Chip-Ball zwischen IV und RV von Paraguay, die entweder El Khannouss oder Hakimi erlaufen würden. Ouahbi hat mit  Azzedine Ounahi und Ayyoub Bouaddi noch zwei weitere spielstarke Achter, die wohl zu Turnierbeginn den Vorzug vor El Khannouss und El Mourabet haben werden. 

In Strafraumnähe agieren die beiden dribbelstarken Flügelstürmer (Ezzalzouli und Diaz) fast immer inversiv, meist mit Abschluss von der Strafraumkante oder Dribblings zur Grundlinie. Ein Mittelstürmer als Abnehmer für Flanken wird maximal eine Joker-Option sein, wenn spielerisch mal nichts gehen sollte. Saibari agiert ansonsten als hängende Neun und als Kombinationsspieler. Er kann wie ein Großteil des Kaders dank seiner hohen Dynamik in Umschaltmomenten nach Ballgewinnen die letzte gegnerische Linie aufbrechen. Hier liegt ein Faustpfand, mit dem Marokko vor allem bei der letzten WM 2022 auftrumpfen konnte und wo Hakimi sein enormes Tempo in Gänze zur Entfaltung bringen lassen kann. 

Die hohe Mobilität im Mittelfeldzentrum birgt jedoch auch Risiken. Alle genannten Achter sind keine ausgewiesenen Defensivspezialisten, in 50:50-Duellen ziehen sie öfter den kürzeren. Bei Ballverlusten kommen sie zudem oft nicht richtig ins Gegenpressing, weil sie zuvor ihre Position deutlich verlassen haben. Gleiches gilt für Hakimi, der hinten rechts durch sein weites Aufrücken große Lücken reißt. Sollte das marokkanische Spiel zu wild werden, könnte die Einwechslung des erfahrenen Sechsers Sofyan Amrabat mehr Physis ins marokkanische Spiel bringen. In der tiefen Verteidigung (4-4-2) besitzt Marokko ein stabile Grundsystematik, die vor allem gegen dribbelstarke Teams mit Flügelfokus (z.B. Brasilien) gute Voraussetzungen mitbringt, den 1vs1-Aktionen am Flügel Stand zu halten.

Wilde Wundertüte Haiti

Der große Außenseiter in der Gruppe C ist zweifelsohne Haiti. Die Qualifikation des Inselstaates ist angesichts der prekären Lage im Land schon eine Riesen-Überraschung. Das Team von Sébastien Migné trägt seine Heimspiele aus Sicherheitsgründen nie auf Haiti, sondern im benachbarten Curaçao aus. Das Team besteht komplett aus Legionären, die ihr Geld größtenteils in Europas zweiten Ligen sowie in Nord- und Mittelamerika verdienen. Der Einblick aus den wenigen Testspielen lässt keine großen Rückschlüsse auf ihre Gangart zu.

Wahrscheinlich wird Haiti es wie so viele Underdogs mit einem kompakten 4-4-2 (4-2-2-2) versuchen. Der Spielaufbau ist verhältnismäßig starr mit einem 2-2- oder einem 3-1-Aufbau, wenn sich ein Sechser in die erste Aufbaulinie fallen lässt. Von da aus soll das Mittelfeld mit langen Bällen auf die Doppelspitze um Wilson Isidor überbrückt werden. Im Kurzpass-Spiel haben die haitianischen Spieler sowohl am Flügel als auch im Zentrum auffällig lange Ballhaltephasen, dadurch entstehen schon früh im Spielaufbau viele enge und riskante Duelle. Gegen diese Duelle positiv aus, kann Haiti sich schnell Platz verschaffen und über ihre Premier-League-Stars Bellegarde und Isidor nach vorne umschalten. Das gesamte Mittelfeld als auch der Angriff rücken dann entschlossen und dynamisch nach. Bei negativem Ausgang der Duelle droht jedoch Ungemach, da in der Abwehrreihe um den 36 Jahre alten Abwehrchef Adé definitiv die Geschwindigkeit fehlt, um die Tiefe abzusichern. 

Gegen den Ball ist es bei Haiti ein zurückhaltendes Mittelfeldpressing, vereinzelt wird Druck auf den ballführenden Innenverteidiger ausgeübt. Diese Grundordnung gerät dann ins Wanken, wenn Spieler beim Vorrücken ihre Deckungsschatten freigeben und die Viererkette nicht schnell genug nachschiebt, um diese wieder zu schließen. Generell offenbaren sich im geordneten Verteidigen immer wieder größere Räume zwischen den Ketten, die bei der WM vermutlich durch ein kollektiv tieferes Verteidigen kaschiert werden sollen.

Prognose: Marokko schlägt Brasilien – Schottland muss sich strecken

In Gruppe C wird es auf ein Duell zwischen Marokko und Brasilien um den Gruppensieg hinauslaufen, das schon am ersten Spieltag ausgetragen wird. Der Sieger kann entspannter in die beiden Spiele gegen tiefstehenden Schotten und Haitianer gehen. Marokko bietet mit seiner Sicherheit und neugewonnenen Variabilität die Möglichkeit, früh im Turnier ein Ausrufezeichen gegen Brasilien zu setzen, sollte die Seleção ihre Schwächen im Zentrum offenbaren. Umgekehrt hat auch Ancelotti ein schwer bezwingbares Team, dass im Laufe des Turniers an seinen Aufgaben wachsen kann. Währenddessen werden sich Schottland und Haiti um den dritten Platz streiten, der zum Weiterkommen reichen könnte. Die Elf von Steven Clarke sollte den Anspruch haben, die mutigen Haitianer in Zaum zu halten, vorausgesetzt das Team schüttelt die mäßigen Testspiele aus dem Frühjahr ab und reaktiviert den Spirit der unbeugsamen Turniermannschaft aus der WM-Quali.

Autor: HN ist Sportjournalist mit einem Faible für andribbelnde Inneverteidiger und schwerer Abneigung gegen Halbfeldflanken. Mittlerweile nur noch über Instagram @hannes_ne zu finden.

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