Jugendfußball auf großer Bühne – MH
In der Zwischenrunde der Youth League, dem Pendant zur Champions-League der Herren-Mannschaften, traf der amtierende deutsche U19 Meister FC Köln auf die U19 von Inter Mailand.
Während sich Inter klassisch über die Gruppenphase der Youth League für die Zwischenrunde qualifizierte, nahm Köln den sogenannten Meisterweg. Über diesen können sich die europäischen Jugendmeister auch dann für die Youth League qualifizieren, wenn sich die Herren-Mannschaft des Vereins nicht für die Champions League qualifizieren konnte. Das Spiel verzeichnete zudem einen neuen Zuschauerrekord für ein Jugendspiel. Das Müngersdorfer Stadion war mit 50.000 Plätzen ausverkauft.
Inter startete aus einem nominellen 4-3-3 System mit einem Sechser und zwei Achtern. Als Sechser und Kapitän agierte Cerpelletti. Dieser ist sowohl im Spielaufbau als auch im Pressing einer der Schlüsselspieler der Mailänder. Im Sturm lief Iddrissou auf, welcher mit 1,88m häufig als klassischer Wandspieler agieren kann. Mit Venturini auf der halbrechten Achterposition stand zudem ein entscheidender Spieler auf dem Platz, der bereits in der letzten Youth League Saison zumeist in der Startformation auflief. In der Saison 24/25 konnte Inter die Gruppenphase der Youth League gewinnen und schied im Viertelfinale gegen den späteren Finalisten Trabzonspor aus. Hier geht’s zur Analyse der U19 Inter Mailands aus der letzten Saison.
Köln startete ebenfalls aus einem nominellen 4-3-3 System, allerdings mit 2 Sechsern und einem Zehner. Damit wurde das Mailänder Zentrum gespiegelt. Mit dem 1,94m großen und athletisch starken Fofana in der Innenverteidigung hatte Köln einen geeigneten Gegenspieler für Inters Stürmer Iddrissou. Mit Schenten, welcher sich mit Niang zwischen Sturm und linkem Flügel abwechselte, hatte Köln zudem einen Spieler auf dem Platz, der erst neulich sein Bundesligadebüt in der Herrenmannschaft des FC Köln gab. Auffällig waren zudem die besonders dribbelstarken Ponente, auf dem linken Flügel und Ley auf der 10er Position.
Kölner Lösungen in Ballbesitz in der Anfangsviertelstunde
In den ersten 15-20 Minuten konnten beide Teams immer wieder Durchbrüche erzielen und sich vor das gegnerische Tor kombinieren, wenn auch teils noch ohne Torabschlüsse. Beide Teams agierten zunächst hauptsächlich in einem Mid Block gegen den Ball. Aus dem 4-3-3 der Italiener wurde im Mid Block und im Low-Block ein 4-1-4-1 mit Sechser Cerpelletti raumorientiert zwischen den beiden Viererketten. Hatte Köln den Ball, so wurde aus dem 4-3-3 mit 2 Sechsern vor der 4er Mittelfeldkette aufgebaut. Wollte Mailand entsprechend Zugriff erzeugen, musste die 4er Kette vor rücken und es entstand ein größerer Zwischenkettenräume, den Köln bespielen wollte und konnte.
Insbesondere 10er Ley konnte immer wieder für Durchbrüche sorgen, indem er im Zwischenkettenraum ballfern, diagonal anspielbar wurde. Schließlich verschob sein eigentlicher Gegenspieler, Sechser Cerpelletti, grundsätzlich raumorientiert, um ballnah die Räume so eng wie möglich zu halten. Entsprechend fand Köln besonders in der Anfangsviertelstunde immer wieder den diagonalen, ballfernen Pass in den Zwischenkettenraum zu 10er Ley, der sich meist auf der rechten Seite aufdrehen konnte und mithilfe des ebenfalls sehr dribbelstarken rechten Flügelspielers Ponente weiterkombinieren konnte.

Über den abgekippten 10er findet Köln diagonal die ballferne Seite im Zwischenkettenraum und kann somit die Mittelfeldkette überspielen.
Auch Stürmer Niang sorgte immer wieder im Verlaufe des Spiels für Überzahlsituationen im Zwischenkettenraum. Indem er entgegenkam, zwang er seine Gegenspieler, einen der Innenverteidiger, in die Zwickmühle zwischen Tiefe absichern und Druck ausüben. Da sich die Innenverteidiger Fofana und Stapelmann häufig für die Option der Tiefensicherung entschieden, konnte sich Köln auch über Stürmer Niang häufiger unmittelbar vor die letzte Kette kombinieren.
Kölner Pressingplan
Bei Abstoß von Inter stellte Köln nicht komplett manndeckend zu. Stattdessen wollte man auf der letzten Linie eine +1 Überzahl der beiden Innenverteidiger gegen Stürmer Idrissou wahren. Dadurch musste allerdings auch mit -2 angelaufen werden. Schenten positionierte sich dazu initial als linker Flügelspieler zwischen dem Außenverteidiger und Innenverteidiger. Aus dieser Positionierung sollte er den Mailänder Innenverteidiger von außen nach innen anlaufen.
Die Mailänder reagierten allerdings gut auf diesen Versuch, positionierten ihren Außenverteidiger sehr hoch, während der linke Innenverteidiger auf Höhe des Torwarts blieb. Dadurch wurde der Pressingweg für Schenten zu weit und Mailand fand den direkten Chip-Ball vom Torhüter auf den höher positionierten Außenverteidiger. Natürlich wurde nicht nur dadurch das Kölner Pressing ausgespielt, Schenten und die vordere Pressingreihe mussten allerdings wiederholt gesammelt zurückpressen, was wiederum Inter mehr Raum im Aufbau gab, um das +2 auch mithilfe des Torhüters ausspielen zu können.

Köln presst bei gegnerischem Abstoß mit +1 auf letzter Linie und -2 in vorderster Pressingreihe. Schenten soll dazu zwischen AV und IV pendeln. Allerdings nutzt Inter das wiederholt durch einen direkten Chipball auf den Außenverteidiger aus.
Folglich befand sich Köln sehr häufig im tieferen Mittelfeldpressing. Über das gespiegelte 4-3-3 sollte im Zentrum besonders guter Zugriff auf die Achter der Mailänder entstehen. Zudem blieb Köln auf der letzten Linie weiterhin dauerhaft im +1, wodurch grundsätzlich der Kölner Stürmer Niang gegen 2 Innenverteidiger anlaufen musste.
Mailänder entstehende Ballbesitzkontrolle
Mailand kontrollierte mit zunehmender Spielzeit immer mehr das Spielgeschehen über den eigenen Ballbesitz. Insbesondere im Mittelfeldpressing fand Köln kaum bis gar keinen Zugriff auf das Ballbesitzspiel Inters. Die Italiener bauten grundsätzlich aus dem bereits erwähnten 4-3-3 mit einem Sechser und zwei Achtern auf. Sehr häufig schob Sechser Cerpelletti zwischen die beiden Innenverteidiger und kreierte einen 3er Aufbau. In der Folge schoben ebenfalls die Außenverteidiger Inters an der Außenlinie entlang etwas höher. Es entstand eine flexible 3-4-3 Staffelung mit hohen Achtern und aufgerückten Außenverteidigern.

Inter baut in einem flexiblen 3-4-3 mit abgekipptem Sechser und hohen AVs auf. Im Aufbau herrscht eine 3vs2 Überzahl, die Inter wiederholt problemlos ausspielen kann. Köln bekommt in weiten Teilen des Spiels keinen Druck auf den Ballführenden aus dem Mittelfeldpressing.
Zunächst einmal spielte Inter immer wieder die 3vs2 Überzahl im Aufbau problemlos aus. Einerseits wurde diese Überzahl teilweise sehr geschickt ausgespielt, indem beispielsweise Sechser Cerpelletti durch einen horizontalen Lauf seinen Gegenspieler auf die ballnahe Seite zog, wodurch der Passweg auf den anderen Innenverteidiger frei wurde. Andererseits lief Köln in der 2vs3 Unterzahl auch nicht sonderlich gut an. Selten ließen sich effektive Pressingbewegungen über Deckungsschatten beobachten, ebenso selten ließen sich schnelle Intensitätssteigerungen im Anlaufen aus dem Mid Block erkennen, wodurch der Gegner unter Zeitdruck im Aufbau zu Fehlern gezwungen würde.
Folglich konnte einer der Innenverteidiger immer wieder frei andribbeln und eine Überzahlsituation kreieren. Das zwang Köln dazu, sich im Laufe des Spiels immer weiter in den Low-Block fallenlassen zu müssen. Dadurch wurden die Wege ins Umschalten für die Kölner weiter, die Gegenpressingwege für Inter kürzer und es entstand eine immer größer werdende Dominanz aus Sicht von Inter.
Alternativ hätte Köln im Pressing ebenso Übergänge in ballnahe Manndeckungen suchen können, ohne die Überzahl auf der letzten Kette zu verlieren. Während Schenten teilweise von dem höher geschobenen Außenverteidiger ausgehend von außen nach innen auf den freien Innenverteidiger presste, hätte Köln dahinter seitlich verschieben können, um ballnah den freien Spieler zu vermeiden. Darüber hätten möglicherweise deutlich effektivere Pressingübergänge aus dem blockenden Defensivverhalten gefunden werden können und die Dominanz Inters hätte etwas eingedämmt werden können.

Eine Methode, wie Köln hätte Druck auf den Ballführenden ausüben können: situative Übergänge in die Manndeckungen suchen. Aufgrund der Abstände in diesem Spiel wären Übergaben des IVs, AVs und Flügelspielers die wahrscheinlich beste Variante gewesen.
Inter suchte jedenfalls verschiedene Lösungen, um die Überzahlsituation mit dem frei andribbelnden Innenverteidiger ausspielen zu können. Ein sehr häufig wiederkehrendes Muster waren die nach innen ziehenden Flügelspieler in Kombination mit tiefstartenden Außenverteidigern. Durch die gegenläufige Bewegung wurden der Kölner Außenverteidiger und Flügelspieler vor ein Kommunikationsproblem gestellt. So waren Übergaben in den richtigen Momenten nötig. Zudem musste einer der Kölner Spieler auf den andribbelnden Innenverteidiger rausspringen, was wiederum logischerweise einen anderen freien Spieler verursachte.
Im Zentrum agierte Köln größtenteils mit Manndeckungen – die beiden Sechser Kölns gegen die Achter von Inter und Kölns 10er gegen den Sechser von Inter. Um sich die Manndeckungen zunutze zu machen, kippte einer der Achter häufig diagonal nach außen in Richtung der Aufbaukette ab und zog somit entweder seinen Gegenspieler aus dem Zentrum oder wurde selbst als Anspielstation zum Umspielen der ersten Pressinglinie frei, da er ein 4vs2 kreierte. Gleichzeitig wurde durch den anderen Achter das nun offenere Zentrum belaufen.

Bei Andribbeln des IVs werden beide Achter frei: der ballnahe Achter kippt diagonal nach außen ab, wodurch er das Zentrum aufzieht, der andere Achter beläuft das offene Zentrum.
Ebenfalls kam es vor, dass der ballferne Achter auf die ballnahe Seite schob. Zumeist ging der ballferne Sechser Kölns diese Wege nicht mit, wodurch ballnah ebenfalls eine Überzahlsituation im Zentrum kreiert werden konnte. Auch Inters linker Flügelspieler, Zouin, holte sich häufig durch die bereits beschriebene Bewegung – von außen entgegenkommend und Richtung Zentrum – den Ball ab und sorgte damit für Konflikte bei seinem Gegenspieler, indem er weiter in Richtung des Zentrums andribbelte. Grundsätzlich lag bei Köln in diesen und ähnlichen Situationen primär die Tiefensicherung im Vordergrund, weshalb Köln sich weiter fallenließ, anstatt Druck auszuüben.
Auch wenn Inter sich schwer tat, zahlreiche Torchancen zu kreieren, sorgte die Ballbesitzkontrolle der Italiener für ein Spiel, das zunehmend auf ein Tor ausgerichtet war. Köln konnte aus dem Low Block ebenfalls keinen Druck auf den Ballführenden ausüben, da verständlicherweise die raumorientierte Torabsicherung im Vordergrund stand. Auch nach der zweiten Halbzeit verpasste es Köln mehrfach, sich aus dem Low Block zu befreien und in geeigneten Situationen geschlossen herauszuschieben. Die Dominanz von Inter Mailand resultierte daher vorrangig aus dem fehlenden Zugriff im Kölner Mittelfeld-Pressing. Folgerichtig fiel in der 50. Minute das 1:0 für Inter Mailand.
Köln erlangt wieder Zugriff
Das Köln dennoch wieder Zugriff auf das Spiel erlangte, lässt sich an mehreren Faktoren begründen. Einer der wichtigsten Faktoren waren die vier Wechsel Kölns zwischen der 60. und 70. Minute. Insbesondere im Jugendfußball sind athletische Unterschiede ein wesentlicher Faktor für Erfolg oder Misserfolg. Nach den auch aufgrund der Kulisse athletisch besonders anspruchsvollen ersten 30 Minuten folgten bereits vor der Halbzeit 15 Minuten, in denen Inter Mailand sehr viel Ballbesitz verzeichnen konnte. Durch die Wechsel konnte Köln wieder intensiver pressen und auch den freien Spieler im Mailänder Aufbau wieder erfolgreicher zulaufen.
Die dadurch erlangten Ballbesitzphasen sorgten wiederum für steigende Kölner Spielkontrolle. Schließlich fand Köln, wie bereits oben erwähnt, in Ballbesitz immer wieder erfolgreiche Lösungen sowohl gegen Inters hohes Pressing als auch gegen Inters Mittelfeldpressing. So entstand das 1:1 in der 80. Minute, indem Köln Inters hohes Pressing ausspielen konnte. Besonders hervorzuheben ist hierbei die gegenläufige Bewegung von dem ballfernen Außenverteidiger und dem ballfernen Sechser. Dadurch konnte Köln zum wiederholten Male diagonal den ballfernen, offenen Zwischenkettenraum finden, von wo aus direkt die Tiefe gefunden wurde.

Das 1:1 entsteht wieder in Folge des diagonalen Bespielens des Zwischenkettenraums auf der ballfernen Seite. Diesmal wird der Kölner AV mithilfe einer gegenläufigen Bewegung mit dem 6er dort frei und kann das Tor direkt vorbereiten.
Fazit
Inter Mailand gewinnt letztlich mit 1:3 in Köln und zieht damit ins Achtelfinale der UEFA Youth League ein. Nach der besonders intensiven Anfangsviertelstunde kontrollierte Inter zunehmend durch Ballbesitz, da der FC keinen Zugriff über das Mittelfeldpressing fand. Auf den Ausgleich in der 80. Minute folgten der Treffer zum 1:2 und 1:3 in den Spielminuten 90+7 und 90+9.
Für die U19 Spieler beider Mannschaften war dieses Spiel höchstwahrscheinlich ein unvergessliches Erlebnis. Da selbst aus den Teams der UEFA Youth League nur wenige Akteure den Sprung in die höchsten Profiligen schaffen, gewann das ausverkaufte Stadion in Müngersdorf noch einmal an besonderer Bedeutung.
Autor: MH ist Fußball-Aficionado von Herzen. Seine Wohnung gleicht einer Fußball-Bibliothek in deren Regalen Bücher über die großen Taktiker von Rinus Michels bis Pep Guardiola stehen. Das Buch von Spielverlagerung.de fehlt hier natürlich nicht. Für MH ist Fußball nicht nur ein Spiel. Es ist ein Lebensgefühl. Auf X ist er unter Mh_sv5 zu finden, auf LinkedIn ebenso.


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