Bodø/Glimt gegenpresst sich zum nächsten Sieg – MX

Nach 15 Monaten verliert Atlético Madrid wieder im Wanda Metropolitano – gegen Bodø/Glimt. Die Norweger setzen erneut ein großes Ausrufezeichen gegen ein europäisches Top-Team und holen einen nicht unverdienten Auswärtssieg in der spanischen Hauptstadt.

Die Grundformationen

Nach dem ebenso überraschenden wie verdienten Sieg gegen Manchester City trat Bodø/Glimt auch bei Atlético Madrid an, um Zählbares mit nach Hause zu bringen. Zwar wackelte man deutlich mehr als noch gegen die Engländer, konnte sich jedoch in der zweiten Halbzeit durchsetzen, holte drei Punkte und zog damit in die Play-offs ein.

Atletico mit Probleme gegen 4-1-3-2-Angriffspressing

Zu Beginn der Partie fanden sich die Rojiblancos zunächst vermehrt auf der linken Aufbauseite über Giménez im tiefen 4-3-3-Aufbau wieder, wobei nomineller Stürmer Álvarez im Vergleich zur 4-4-2-Grundordnung neben Barrios in den Zehnerraum rückte. Der große Fokus der Norweger lag in der 4-1-3-2-Grundstellung darauf, einerseits die Passwege ins Zentrum auf Sechser Koke über einen engen Doppelsturm aus Høgh und Blomberg zu isolieren und dessen horizontale Freilaufbewegungen in den Halbraum eng über Hauge zu verfolgen. Zudem zeigte Koke in diesen Freilaufbewegungen insgesamt etwas zu wenig Tempo und konnte sich kaum aus den Deckungsschatten Blombergs lösen – wodurch der Sechser praktisch komplett aus dem Spielaufbau genommen wurde.

Über die halbraumige Grundstellung von Rechtsaußen Evjen unterband man zudem die direkten Vertikalpasswege von Giménez auf Zehner Álvarez, was durchaus essenziell war, da Sechser Berg teilweise etwas zu spät in den Halbraum auf Álvarez ausschob und dieser sich dort phasenweise durchaus frei anbot – durch die Deckungsschatten des eng positionierten Evjen jedoch nicht anspielbar war. Durch das ballferne Aufrücken des ballfernen Stürmers Høgh hielt man Giménez zusätzlich auf der linken Seite und unterband sowohl jegliche flachen Verlagerungen auf die rechte Aufbauseite als auch die Rückpasswege auf Torhüter Oblak, welche man aufgrund der Probleme im Aufbauspiel des Slowaken nur sucht, wenn kein direkter Gegenspieler vertikal durchpressen kann; folglich löste Giménez meist auf Linksverteidiger Hancko auf.

Dieser hatte folglich große Probleme im direkten Duell gegen Rechtsaußen Evjen, der insgesamt eine ausgezeichnete Balance zwischen dem Halten seines Deckungsschattens in den Halbraum und dem direkten Ausschieben auf Hancko zeigte – hervorzuheben sind dabei insbesondere die vorbereitenden Schulterblicke Evjens vor dem Ausschieben auf Hancko, mit denen er überprüfte, ob Berg Álvarez bereits eng markiert hatte. Der Linksverteidiger von Madrid hatte folglich große Schwierigkeiten im Aufdrehen, da er einerseits beim Ballspiel eine zu seitliche Stellung einnahm und sich dadurch bereits im ersten Kontakt weit aufdrehen musste und daraus an Tempo verlor, und andererseits aus dieser Stellung im Passspiel sehr weit mit dem linken Fuß ausholen musste, um Vertikalpässe zu spielen.

Bodo/Glimt im Angriffspressing

Zu diesem Zeitproblem kam hinzu, dass er aus der zu seitlichen Stellung – die eigentlich dazu dient, Koke im Sechserraum anzuspielen – aufgrund des geschlossenen Blickwinkels kaum Überblick über vertikale Anspielstationen vor sich hatte. Koke stand zudem sowohl im Deckungsschatten Evjens, als auch folgte Hauge dessen Ausweichen eng. Infolgedessen scannte Hancko im Moment der Ballannahme teils überhastet nach vorne, verlor dabei die Einschätzung des diagonal anlaufenden Evjen und bewertete dessen Intensität und Distanz mehrfach falsch, was schließlich zu Ballverlusten an der Seitenlinie führte, auch weil er meist nicht direkt auf Flügelspieler González ablegte, der eng von Rechtsverteidiger Sjøvold verfolgt wurde.

Insgesamt meidet Atlético Madrid es sehr, in kurzen Abständen – wie etwa in jenen Szenen in der Breite zwischen Hancko und Gonzalez – direkt in den Druck hineinzuspielen – wohl auch, um etwaige Unterzahlsituationen über Rückwärtspressing zu vermeiden. Möglicherweise wäre dies hier jedoch dennoch ein Mittel gewesen, um Hancko aus seiner Problemlage zu befreien, zumal González durchaus über die technische Qualität im ersten Kontakt verfügt, um mit direktem Gegenspieler im Rücken nach innen aufzudrehen, um etwa mit Zehner Alvarez spielen&gehend zu kombinieren.

Sørloth findet keinen tiefen Freiraum

Ein Nebenproblem dessen könnte zudem sein, dass sich Atlético Madrid extrem schwer tat, Tiefenlaufwege für Sørloth freizuziehen und Hancko demnach auch kaum lange Tiefenbälle suchen konnte. Das lag einerseits daran, dass Zehner Álvarez von Sechser Berg aufgenommen wurde und nicht etwa der rechte Innenverteidiger Bjørtuft auf den Argentinier herausverteidigte, wodurch der Innenverteidiger einerseits keine Passwege im Rücken öffnete und sich andererseits antizipativ nach hinten absetzen konnte, um diagonale Wege von Stürmer Sørloth in den Halbraum aufzufangen – demnach agierte man im 2-gegen-1 gegen den norwegischen Nationalstürmer, der sich gedoppelt in der Luft extrem schwer tat.

Dass Sechser Berg Álvarez überhaupt aufnehmen konnte, ohne dabei größere Räume im Zentrum vor der Verteidigungslinie zu öffnen, lag vor allem am weiten Einschieben von Linksaußen Fet, wodurch er auch situativ Abkippbewegungen von Sørloth (wenn er mit einen der Zehner rotierte) zwischen den Linien aufnehmen konnte. Es bestand demnach eine große Wichtigkeit für Bodø/Glimt darin, dass die Innenverteidiger keine Räume im Rücken durch Herausverteidigen öffneten, sondern man diese Bewegungen stets über das Mittelfeld übernahm. Dieses ballferne Einrücken Fets führte zwar zu einer numerischen Unterzahl auf der ballfernen Seite, die jedoch gerade durch das Aufrücken des ballfernen Stürmers nicht bespielt werden konnte von Atletico.

Nach den Problemen in der Anfangsphase drehte sich Hancko zunehmend seltener auf und suchte stattdessen vermehrt inverse Dribblings in den Halbraum, wodurch er zwar auch mehrmals Evjen überdribbeln konnte, da dieser trotz seiner grundsätzlich hohen Anlaufintensität teilweise nicht durchpresste und so keinen Zugriff auf den nach innen ziehenden Linksverteidiger bekam. Das Problem aus Sicht Hanckos war jedoch, dass Stürmer Blomberg infolge sehr aktiv im Rückwärtspressing agierte und sich auch Fets Einrücken hier als zusätzlicher Faktor erwies; denn zeitgleich mit den inversen Dribblings ließ sich teils Sørloth zwischen die Linien fallen und wurde demnach von Fet markiert. Durch die anhaltenden Probleme löste man die Abstöße zunehmend lang aus, aber auch hier spielte das Thema Rückwärtspressing eine Rolle, denn durch die Breite der Außenverteidiger bekam man bei zweiten Bällen, die gerade Sørloth in der Luft in Unterzahl produzierte, kaum Zugriff im Halbraum gegen die Flügelspieler von Bodø/Glimt, die daraus auch mehrmals direkt aufdrehen und Konter fahren konnten. Nur durch das direkte Zusammenschieben von Pubill und Giménez wurde daraus mehrmals der direkte Tiefenweg auf Stoßstürmer Høgh unterbunden – dennoch spürte man dadurch früh eine grundsätzliche Anfälligkeit der Heimelf.

Akzente aus dem Gegenpressing

Ähnlich wie bei Bodø/Glimt im Angriffspressing ging es auch Atlético Madrid im 4-4-2-Mittelfeldpressing aus einer engen Grundstellung zunächst darum, die direkten Passwege von den Innenverteidigern Gundersen und Bjør­t­uft zu den Flügelspielern in die Breite zu unterbinden. Ziel war es daraus wohl vor allem, das für Bodø typische Dreiecksspiel zu verhindern, etwa über Ablagen der Flügelspieler direkt in den Halbraum auf die Achter – grundsätzlich unterband Atleti diese Direktheit auch sehr effektiv.

Allerdings passten sich die Außenverteidiger Sjøvold und Bjørkan an die enge Grundpositionierung der gegnerischen Flügelspieler an und agierten zunehmend flacher innerhalb der ersten Aufbaulinie des 4-3-3. Dadurch entstanden für Barrios und González sehr lange und diagonale Anlaufwege auf Bjørkan und Sjøvold, wodurch sie kaum Druck ausüben und kaum durchpressen konnten. Zwar isolierte Atlético auf diese Weise die Diagonalpasswege der Außenverteidiger in den Halbraum auf die Achter Evjen und Fet und verfolgte die leichten Freilaufbewegungen der Flügelspieler mit den Außenverteidigern in der Breite eng, indirekt führte dies jedoch dennoch dazu, dass Bodø immer wieder Zugang zu den Achtern fand. Denn diese schoben immer wieder diagonal in deren Rücken durch, während gerade Koke gegen Evjen gewisse athletische Probleme im sprintenden Verfolgen jener Ausweichbewegungen hatte. Dadurch konnte Evjen mehrfach durch sehr gute lange Bälle von Sjøvold im Rücken Hanckos gefunden werden, woraufhin Giménez übernehmend ausweichen musste, um Evjen im Dribbling zu stören. Da Evjen jedoch Probleme im Dribbling mit dem schwachen rechten Fuß gegen den physisch überlegenen Giménez hatte, konnte Atlético darüber zunächst größere Durchbrüche Bodøs unterbinden.

Zunächst auch deshalb, weil Bodø/Glimt gegen Atlético Madrid wieder entscheidende Nadelstiche im Spiel auf den zweiten Ball setzen konnte. Dies war unter anderem dadurch bedingt, dass Barrios und Koke im Zentrum Madrids auf die langen Tiefenbälle der Norweger tendenziell zu weit direkt vor die eigene Verteidigungslinie zurückfielen, wodurch der Zugriff auf zweite Bälle im Zentrum gemindert wurde. Dieses hastige Zurückfallen lag bei Koke möglicherweise vor allem am teils losen Mitverfolgen von Evjens Ausweichbewegungen (trotz der Übergabe an Giménez), wobei er zudem zu leichten diagonalen Ausweichbewegungen neigte, und bei Barrios daran, dass er die weiten Einrückbewegungen von Linksaußen Hauge ins Zentrum aufnahm und sich daher vertikal tief fallen ließ. Gleichzeitig entfernten sich dadurch beide Achter voneinander und öffneten dementsprechend den Zwischenraum im Zentrum, den insbesondere der ballferne Achter Fet einrückend suchte und aus dem heraus er mehrere zweite Bälle sichern konnte. Darüber bot sich auch häufig ein direkter Vertikalpassweg auf Stürmer Høgh an, der zwar im strukturierten Aufbauspiel grundsätzlich etwas zu statisch im Zentrum agierte, dadurch aber auch linken Innenverteidiger Pubill eng band und so unterband, dass dieser weit auf den einrückenden Hauge ins Zentrum herausverteidigte und Barrios nach hinten zog.

Gegenpressing = Spielmacher

Gerade aus diesen Zugriffswinkeln von hinten konnte Barrios kaum aktiven Druck auf den technisch extrem starken Hauge ausüben, insbesondere in engen Räumen wie im Zwischenlinienraum, da dieser sich bereits in der Grundposition horizontal stellte, sodass er sich teils horizontal ins Zentrum eindribbeln konnte und oft nur durch taktische Fouls gestoppt wurde. Tendenziell fand er dabei etwas zu selten den Tiefenpassweg auf Stoßstürmer Høgh, der diese Läufe durchaus mehrfach andeutete und sich aufgrund des großen Zwischenraums zwischen Pubill und Giménez angeboten hätte – ein Nachteil des Horizontaldribblings: Das Blickfeld in die Tiefe ist nicht direkt offen, und Schulterblicke aus dem Dribbling heraus sind bei diesem Tempo teils zu komplex. Dennoch wurde es durch die Dribblings durchaus brenzlig, meist wurde er demnach mit taktischen Fouls gestoppt – etwa durch Koke, der unterstützend wieder einrückte und so gerade Hauges Passweg in die Breite auf etwa Achter Evjen entscheidend unterband. Allerdings konnte man Stürmer Høgh insbesondere über Fets Anspiele einige Akzente aus dem Wandspiel heraus setzen, gerade weil Pubill Probleme im direkten Herausverteidigen hatte und sich Høgh daher mehrfach direkt aus dem Anspiel mit dem ersten Kontakt in Richtung gegnerisches Tor aufdrehen konnte und vereinzelt entweder Abschlüsse aus der Distanz oder Tiefenbälle in den Halbraum auf die Flügelspieler spielte.

Die große Stärke der Heimelf hingegen war das hohe Restpressing des Doppelsturms aus Sorloth und Álvarez, wodurch Rückpässe zu den Innenverteidigern sehr gut unterbunden wurden und Bodø/Glimts Außenverteidiger immer wieder zu einer gewissen Direktheit gezwungen waren, sodass den Norwegern tendenziell etwas Spielrhythmus fehlte. Umso bedauerlicher ist, dass man gerade über die weiten Anläufe der Flügelspieler die Intensität nicht übertragen konnte und auch über die Probleme im Gegenpressing die hohe Position der Stürmer im Umschalten nicht nutzen konnte. Gerade durch das Aufschieben der Achter der Norweger hätten sich hier im Umschalten durchaus Räume ergeben können. Dass die Stürmer Umschaltpotenzial besitzen, zeigte sich hingegen vor allem nach Ecken, als Bodø/Glimt ohne gesonderten Tiefensicherer agierte und sich aus dem Fallenlassen nach Ballverlusten teils etwas zu weitläufig bewegte. Dadurch entstanden in den Zwischenräumen gerade für den dynamischen Álvarez immer wieder Räume zwischen den Linien. In der 8. Spielminute rettete Torspieler Haikin etwa nach einem Umschalten nach Ecke und Kopfball von Sorloth. Insgesamt zeigte der Torhüter, gerade auf der Linie und durch seinen sehr agilen Bewegungskomplex, eine stabile Leistung, insbesondere bei Kopfbällen auf den zweiten Pfosten.

Atletico findet im 2-3-2-3 in die Partie

Schon vor dem Führungstreffer in der 15. Spielminute fand Atletico Madrid zunehmend in die Partie, vor allem über das eigene höhere 2‑3‑2‑3-Aufbauspiel. Gerade im Vergleich zur Partie gegen Manchester City taten sich die Gäste aus Skandinavien mit den Bewegungen um den 4‑4‑2-Mittelblock herum des Gegners deutlich schwerer. Die Basis des linkslastigen Aufbauspiels bildete die halbräumige Grundposition von Linksverteidiger Hancko, wonach er beim Ballspiel meist direkt im Halbraum durchschob – was den Block der Gäste durchaus situativ destabilisierte.

Einerseits agierte Rechtsverteidiger Sjøvold in der Grundposition etwas zu weit auf Sprung herausschiebend in die Breite, wodurch sich zwischen ihm und Bjørtuft immer wieder Räume öffneten, die gerade von Hancko im Halbraum tief belaufen wurden. Sjøvold bemerkte dies tendenziell zu spät und repositionierte sich verzögert, sodass er den durchschiebenden Hancko nur noch von hinten greifen konnte und folglich einen enormen Nachteil im Sprintduell hatte. Man könnte durchaus auch die Thematik bei Sjøvold aufmachen, ob er nicht etwas zu mannorientiert auf González agierte und dadurch vor allem im Scanning den Überblick über den Halbraum verlor und gleichzeitig die Kommunikation zwischen Evjen und Sjovold in den Übergaben etwas zu spät erfolgte.

Baena als Verlagerungsoption, Sjovold öffnet die Tiefe

Das Problem aus Sicht von Atletico: Flügelspieler González in der Breite tat sich schwer, dieses Vorderlaufen von Hancko tief zu bespielen, und konnte kaum saubere Tiefenbälle auf den Slowaken spielen. Zwar konnte er sich aufgrund seiner technischen Qualität grundsätzlich immer direkt mit dem ersten Kontakt gen gegnerische Tor aufdrehen, jedoch misste er einerseits aufgrund der Zögerlichkeit und andererseits auch der technischen Problematik im mittleren Passspiel einige Tiefenspieloptionen auf Hancko. Später sah man auch Rotationen in der Rollenzuteilung zwischen Hancko und González, wobei der initiale Rechtsverteidiger einige sehr gute Tiefenbälle auf González in den Halbraum spielte und dieser daraus mehrmals in die Box eindringen konnte.

Interessanterweise schob Hancko gerade im letzten Drittel teilweise erst nach dem Ballspiel von González im Halbraum durch, woraufhin sich zwangsläufig auch Bodø/Glimt anpassen musste. RV Sjøvold verteidigte dann schlichtweg auf González heraus, und Rechtsaußen Evjen musste das Durchschieben von Hancko übernehmen. Durch das Herausziehen Evjens aus dem Mittlelfeld zeigte sich der wohl initiale Hauptzweck des Durchschiebens von Hancko: Der Passweg von González in den Halbraum auf Zehner Julian Álvarez öffnete sich. Álvarez suchte immer wieder aus hoher Grundposition Abkippbewegungen in den Halbraum, und Berg tat sich schwer, diese Bewegungen aus seinem toten Winkel direkt aufzunehmen, wodurch der Argentinier mehrere Dribblings zwischen den Linien initiieren konnte – gerade durch sein direktes Aufdrehen gen Zentrum.

Bodø/Glimt hatte durchaus Probleme, wenn Hancko durch seine indirekte Bewegung im Durchschieben zunächst im Halbraum Evjens Ausschieben in die Breite auf González unterband, da Evjens Ausschiebeweg schlichtweg durch Hanckos Grundposition blockiert wurde. Dadurch musste Evjen folglich zwangsläufig auch dessen Durchschieben verfolgen, wodurch Atlético den Raum zwischen den Linien – den Bodø normalerweise kaum offenbart – freizog. Besonders das Binden von Achter Berg durch Álvarez’ Dribblings führte dazu, dass sich Sechser Koke immer wieder frei im Sechserraum bewegen konnte und vom Argentinier häufiger gesucht wurde. Aus diesem Raum spielte Koke mehrere Chipbälle in die Box, so auch etwa in der 12. Minute, als Atlético vermeintlich das 1:0 durch Baena nach einem Chipball von Koke erzielte, das jedoch wegen Abseits aberkannt wurde. Man ist also fast geneigt zu sagen, dass Atlético rechts insgesamt noch etwas mehr Mut zur Indirektheit hätte zeigen müssen. Allgemein waren Berg und Fet in diesem Spiel sehr stark durch die Zehner Atléticos gebunden, nahmen daraus eine tiefere Grundposition ein und konnten folglich aus dem Mittelblock nicht auf Sechser Koke herausschieben. Das führte zunehmend dazu, dass der Doppelsturm noch weniger als ohnehin das Pressing auf die Innenverteidiger Atléticos suchte, sondern der Fokus klar auf dem Zustellen der Passwege zu Koke lag.

Probleme auf der linken Seite

Dieser fehlende Druck auf Giménez und Pubill hatte zur Folge, dass gerade Giménez einige Diagonalverlagerungen auf den rechten Flügelspieler Baena nach Rückpässen von González/Hancko spielen konnte und darüber das weite ballferne Einrücken der Norweger angriff. Tatsächlich zeigte sich gerade Linksverteidiger Bjørkan extrem anfällig bei Verlagerungen in seinen Rücken auf den durchschiebenden Baena und hatte große Balanceprobleme, insbesondere im Drehen zur Flugrichtung. Dadurch hatte er – gerade aufgrund von Baenas hoher Qualität in der Ballannahme hoher Zuspiele und des Halten des Tempos darin- kaum Zugriff auf den Flügelspieler und zog mehrfach den Kürzeren.

Zwar zeigte Hauge durchaus aktives Rückwärtspressing und Versuche des Überzahlpressings auf Baena, jedoch konnte er aus seiner halbraumigen Grundposition einerseits die Rückpasswege auf Linksverteidiger Llorente kaum isolieren, weshalb der Druck aus dem Rückwärtspressing insgesamt eher gering blieb. Zudem hatte er einen sehr weiten Rückwärtspressingweg, sodass Baena aufgrund seines Tempos oft schlichtweg nicht erreichbar war. Baena suchte daraufhin vereinzelt auch den Rückpass auf Llorente, der gerade durch das Fallenlassen Hauges einiges an Freiraum erhielt, einige gute inverse Dribblings in den Halbraum zeigte und daraus unter anderem Álvarez zwischen den Linien fand.

Hauge unsauber im Anlaufen

Durch das Ausschieben Bjørkans ergaben sich zudem mehrfach Tiefenwege für Zehner Barrios im Halbraum, der dort am Rande der Box auch mehrmals gefunden wurde. Gundersen hinderte ihn zwar mehrfach an Flanken, dennoch brachte Barrios vereinzelt gefährliche Hereingaben, insbesondere auf Zielspieler Sørloth in der Box. Llorente zeigte auch in der Breite – die er insgesamt deutlich häufiger annahm als etwa Hancko – im Tiefenpassspiel eine exzellente Partie (anmerken möchte ich vor allem, wie wenig Ausholbewegungen Llorente für präzise Bälle braucht; und wie sehr er dadurch auch im Timingspiel punktet) und setzte im Halbraum mehrfach Barrios oder rotierend Baena ein. Dies lag auch daran, dass Linksverteidiger Bjørkan immer wieder – ähnlich wie auf der rechten Seite Sjøvold – zu stark auf Sprung in die Breite herausverteidigte und dadurch den Tiefenlaufweg im Halbraum öffnete, den Llorente gezielt bespielte.

Tendenziell agierte Hauge dabei etwas unsauber im Stellen des Anlaufwinkels und positionierte sich in der Grundposition zu hoch, wodurch sein Winkel zu seitlich wurde und er die Passwinkel Llorentes in den Halbraum kaum isolieren konnte. Zwar konnte Gundersen rechtzeitig seine Markierung auf Sørloth auflösen, ein freies Durchschieben im Halbraum unterbinden und Barrios meist abdrängen, dennoch gelang es Atlético vereinzelt, über diese Mechanismen den Weg in die Box zu finden. Die Übergaben Sørloths zwischen den Innenverteidigern beziehungsweise das Ausschieben Gundersens verhinderten dabei jedoch Schlimmeres. Das 1:0 fiel schließlich nach einer Verlagerung Llorentes, die einem Tiefenspiel auf den durchschiebenden Baena vorausging. Über Álvarez zwischen den Linien fand Atlético anschließend den Weg zu Hancko im linken Halbraum, der Sørloth in der Box bediente, wo dieser einköpfte.

Ausgleich vor dem Pausentee

Nach dem Rückstand und der zunehmenden Anfälligkeit zwischen Außen- und Innenverteidigern agierte man in der Folge deutlich weniger aktiv im auf-Sprung-Herausverteidigen und verblieb zunächst raumorientiert im Halbraum. Dadurch wurde das direkte Tiefenspiel über Atléticos Außenverteidiger weitgehend unterbunden. Zwar suchten die Spanier weiterhin vereinzelt Bälle über die letzte Linie, diese konnten jedoch – auch aufgrund der Kopfballschwäche von Barrios und Álvarez – geklärt werden. Zudem sicherte Bodø/Glimt über den sehr gut rückwärtspressenden Berg vor der Abwehrlinie häufig den zweiten Ball im direkten Zugriff.

Darauf passte sich auch Atlético Madrid an:

  • Rechter Zehner Barrios: Barrios agierte nun deutlich weniger durchschiebend im Halbraum, sondern ließ sich vermehrt vor den norwegischen Mittelfeldblock fallen, um darüber Anschlussoptionen für Llorente zu schaffen. Dadurch entstanden potenziell interessante Passwinkel aus dem Halbraum – etwa für tief gehende Läufe Sørloths oder über einen einkippenden Álvarez vor der Abwehrlinie. Zwar konnte sich Barrios im Abkippen zunächst noch von Fet lösen, dieser schob jedoch beim Ballspiel sehr aggressiv heraus und unterband konsequent sämtliche Vertikaloptionen. In der Folge sah man zwar durchaus gute Ansätze im Spielen-und-Gehen zwischen Barrios und Llorente, allerdings verfolgte Linksaußen Hauge das Durchschieben Llorentes sehr direkt und eng – insbesondere das Aufdrehen ins Verfolgen erfolgte mit hoher Geschwindigkeit. Dadurch fand Barrios keinen direkten Tiefenanschluss.
  • Stürmer Sørloth: Sørloth agierte – auch begünstigt durch Barrios’ Zurückfallen – zunehmend rechtslastig im Halbraum. Zwar wurde er von Barrios kaum gefunden, Llorente konnte ihn jedoch aufgrund der weiterhin unsauberen Anlaufwinkel Hauges situativ im Halbraum anspielen. Der norwegische Stürmer legte mehrere Male sauber in die Breite auf Flügelspieler Baena ab und brachte diesen so ins vertikale Dribbling. Durch das häufige Ausweichen Sørloths fehlte Atlético jedoch zunehmend der wichtigste Zielspieler im Strafraum.
  • Linksverteidiger Hancko: Hancko agierte infolge der zunehmenden Raumorientierung Bodøs und des stärkeren Fokus auf saubere Übergaben beim Durchschieben im Halbraum deutlich klassischer als Linksverteidiger in der Breite. Aus dieser sehr breiten Position konnte Giménez zwar mehrfach Hanckos direkten Gegenspieler Evjen überspielen, dem Slowaken fehlte jedoch sowohl im ersten Kontakt als auch im Dribbling das Tempo, um aus der situativen Überzahl mehr Ertrag zu generieren. Vereinzelt brachte er González aus der Breite ins Dribbling, insgesamt blieb er jedoch – insbesondere im Tiefenspiel – durch die Anpassungen der Norweger in einer zunehmend problematischen Rolle. Im letzten Drittel rotierte er zwar weiterhin situativ mit Zehner Álvarez und brachte diesen regelmäßig in Dribblings rund um die Box, was auch zu einigen der gefährlichsten Chancen nach der Führung führte. Tendenziell hätte Álvarez aus diesen Dribblings jedoch noch häufiger selbst den Abschluss suchen können. Im Passspiel fehlten nämlich weitgehend zentrale Anschlussoptionen, da Sørloth bei Álvarez’ Dribblings im Sturm etwas zu statisch – -fokussiert auf Flanken – agierte und kaum Anschluss in den Strafraum anbot.

Die Probleme Atlético Madrids führten zu unsicheren Situationen von Bodø/Glimt, insbesondere im Halbraum über die andribbelnden Achter. Gerade Berg sicherte immer wieder gut den zweiten Ball, und dieses kontinuierliche Andribbeln zwang die Innenverteidiger Atléticos mehrfach zum Herausrücken, da Barrios und Álvarez als Zehner im Halbraum kaum Zugriff hatten – sowohl aufgrund ihrer hohen Grundposition als auch wegen der rückwärtigen Bewegung – und Koke sich zentrieren musste. Dies öffnete Räume im Halbraum für die tiefen Läufe der Flügelspieler und Stürmer von Bodø, die Hauge im linken Halbraum nutzte, während Høgh erneut sehr direkt den zweiten Pfosten anspielte, ähnlich wie gegen City. Hier sei erwähnt, dass Linksverteidiger Hancko bei diesen Boxbewegungen sehr eng an Høgh agierte und mehrmals Kopfbälle verhindern konnte. Dennoch war es letztlich das Sichern eines zweiten Balls im letzten Drittel und eine Flanke – diesmal in den Rückraum zu Sjøvold – die zum Ausgleich führte. Man könnte anmerken, dass der Fokus der Madrilenen vielleicht so sehr auf die Box lag im defensiven Umschalten, dass gerade vom tiefen Sechser Koke der Raum vor der Verteidigungslinie teilweise vernachlässigt wurde.

Høgh wieder zum Sieg

Danach tat sich in Halbzeit 1 nur noch wenig; es gab vereinzelt Chancen auf beiden Seiten, wenngleich Atlético weiterhin die Oberhand hatte. Nach der Pause änderte sich das Kräfteverhältnis jedoch etwas, und Bodø/Glimt wurde zunehmend intensiver. Dies lag vor allem daran, dass man sich im Mittelfeldpressing gut gestaffelt zeigte und Hauge wieder als zweiter Stürmer neben Høgh agierte. Dadurch wurde insbesondere nach Rückpässen deutlich aktiver auf Pubill bzw. Giménez angelaufen, als es noch mit Høgh und Blomberg in Halbzeit 1 der Fall war. Über dieses Übergangspressing konnte man sehr gut die Diagonalverlagerungen der Innenverteidiger unterbinden, die durchaus systemgefährdenden Charakter annehmen können. Gleichzeitig nimmt Hauge als zweiter Stürmer nach Ballgewinnen eine essenzielle Rolle ein: Als hängender Verbindungsspieler zwischen den Linien wird er oft direkt von den Achtern nach Ballgewinnen angespielt und sucht das Dribbling zwischen den Linien. Dies konnte Koke als Sechser kaum kontrollieren, so auch direkt in der 48. Minute, als er Evjen vor der Box nach einem Dribbling bediente – dessen Fernschuss jedoch knapp verzog. Insgesamt spielten Konter zunehmend eine essenzielle Rolle durch deren entlastetende Wirkung.

Auch Atlético passte sich dezent an, und gerade Rechtsverteidiger Llorente agierte nun deutlich offensiver in der Grundposition, was sich bereits in Halbzeit 1 angedeutet hatte. Dadurch musste er immer wieder direkt von Linksverteidiger Bjørkan übernommen werden. Eine zusätzliche Rolle spielte, dass durch die Umstellung Bodøs nun Fet als Linksaußen agierte – eine Position, mit der er durchaus fremdelte – und sich teils von Llorentes Durchschieben in der Breite aus dem Halbraum ziehen ließ. So öffnete sich der Passweg von Pubill in den Halbraum auf etwa Baena oder Álvarez, die nun wiederholt rotierend agierten. Allerdings schob Achter Berg dann improvisierend in den Halbraum und unterband Dribblings ins Zentrum, zog dabei auch teils wichtige taktische Fouls.

Nach rund 50 Minuten reagierte Atlético Madrid auf die Umstellung Bodøs zunehmend mit einem Dreieraufbau. Dies begrenzte zwar teilweise die Wirkung des Übergangspressings der Norweger, da die sehr breiten Halbverteidiger die Pressingwege abdecken mussten und die Norweger zunehmend kraftlos wurden, wodurch die Wege schlicht zu lang wurden. Vereinzelt konnten daraus wieder Diagonalverlagerungen gesucht werden. Bodø profitierte jedoch davon, dass die Abstände in der Dreierkette Atléticos immer einen gewissen Zeitnachteil beinhalteten, während Bodø den Abstand auf die ballferne Seite verringern konnte. Folglich war die Wirkung der Umstellung nicht so groß wie zuvor. Die personelle Anpassung mit eher aufschiebenden Außenverteidigern bzw. Schienenspielern ging insgesamt eher nicht auf, da gerade Llorente nicht das Tempo im ersten Kontakt aufweisen konnte wie etwa Baena und dadurch die Dynamik im Spiel etwas herausgenommen wurde.

Bodø selbst hatte zwar weniger Ballbesitz, doch wenn sie den Ball hatten, zeigten sich bei Atlético ähnliche Anfälligkeiten wie zuvor. Der Führungstreffer in der 59. Minute fiel nach einer Aktion von Achter Berg, der das Spiel aus dem erneut zu großen Raum vor dem Mittelfeld des 4‑4‑2 von Atlético initiierte. Die Achter Barrios und Koke ließen sich dabei wieder durch die halbraumigen Bewegungen der Bodø-Achter aus dem Zentrum ziehen, wodurch Berg den Weg in die Box fand. Dort schloss Høgh nach etwas Chaos zum Führungstreffer ab – nicht unverdient. Danach setzte Bodø das Spiel weiter überwiegend über Konter fort, während Atlético zwar weiter ins letzte Drittel öfter kam, gegen das zunehmend tiefstehende und enge 4‑4‑2/5‑3‑2 der Gäste jedoch kaum Wege in die Tiefe fand. Stattdessen griff Atlético häufig zu Flanken aus dem Halbfeld, die zunehmend problematisch für Sorloth waren, da er dort von den Innenverteidigern nun praktisch permanent gedoppelt wurde – zugleich agierten die Zehner im letzten Drittel zu sehr im Halbraum, um Sorloth im Zentrum freizuziehen oder etwaige zusätzliche Optionen in der Box zu bieten.

Fazit

Eigentlich hatte ich auf Twitter eine Analyse zu Juventus Turin versprochen (holen wir nach…!), aber die begeisternden Norweger kamen mir mal wieder dazwischen. Gegen Atlético hatten sie zwar über weite Strecken mehr Probleme als gegen City, dennoch zeigten sie klar: Sie sind auf der großen Bühne angekommen und können definitiv mithalten. Unterschätzen sollte man diese Mannschaft keinesfalls. Das 4‑4‑2-Mittelblock-System könnte allerdings gegen noch stärkere Teams an seine Grenzen stoßen – wie auch phasenweise das stark agierende Atlético zeigte, das insbesondere in der zweiten Hälfte deutlich nachließ.

MX machte sich in Regensburg mit seiner Vorliebe für die Verübersachlichung des Spiels einen Namen. Dabei flirtete er mit der RB-Schule, blieb aber heimlich immer ein Romantiker für Guardiolas Fußballkunst.

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