Keep It Simple – MH
Frankfurt und Dortmund trennen sich mit einem 3:3 Unentschieden. Hier geht es zur Aspektanalyse des Dortmunder Ballbesitzspiels gegen das Frankfurter Mittelfeldpressing.
Am 16. Spieltag der Bundesliga traf der zweitplatzierte BVB auf die siebtplatzierten Frankfurter. Dabei verfolgten beide Trainer mit ihren Mannschaften einen durchaus ähnlichen Stil.
Niko Kovac setzte in Ballbesitz auf sein bewährtes 3-2-5. Eine Staffelung, die man in der Bundesliga inzwischen (leider) an jedem Spieltag bewundern darf. Hergestellt wurde diese, indem die beiden Außenverteidiger, Svensson und Ryerson, nach vorne auf die letzte Kette der Frankfurter rückten. Gemeinsam mit Stürmer Guirassy und den beiden Zehnern, Beier und Brandt, bildeten sie die Fünfer-Angriffsreihe. Wie üblich in dieser Art des Positionsspiels im 3-2-5 ließe sich ebenfalls von einem 3-2-2-3 sprechen, da Brandt und Beier hauptsächlich nicht auf der letzten Kette agierten.
Mit den drei nominellen Innenverteidigern Schlotterbeck (links), Anton (zentral) und Süle (rechts) baute der BVB von hinten aus einer 3er Kette auf. Im Aufbau unterstützend wirkten die beiden Sechser, Nmecha und Sabitzer. Das 3-2-5 bietet den großen Vorteil, auf der letzten Linie des Gegners mindestens eine Gleichzahl zu haben, wodurch sich mithilfe von einfachsten Bewegungen Probleme beim Gegner herstellen lassen. Ursprünglich von Guardiola geprägt, wurde das Spiel aus der 3-2-5 bzw. 3-2-2-3 Staffelung international vielfach adaptiert. Inzwischen verfügen die meisten Mannschaften über umfangreiche Erfahrung darin, wie sie das Positionsspiel eines Gegners in dieser Struktur effektiv verteidigen können.
Auch Frankfurt war selbstverständlich darauf eingestellt. So rückte Doan als Außenverteidiger der 5er Kette mit nach hinten, um den aufrückenden Svensson zu verteidigen. Folglich spiegelte Frankfurt die Dortmunder Ballbesitzstaffelung in einem 5-2-3 bzw. 5-4-1. Die beiden Halbverteidiger, Kristensen und Theate, mussten die beiden Zehner der Dortmunder aufnehmen. Mit Hojlund und Larsson konnten die beiden Sechser aufgenommen werden, während Uzun, Neuzugang Ebnoutalib und Knauff die Aufbaukette pressen konnten. Alles in allem ein sehr einfach gehaltenes Dortmunder Ballbesitzspiel gegen ein möglichst simples Frankfurter Verteidigen mit klaren Zuordnungen.
Frankfurter Verteidigen im 5-2-3
Frankfurt presste weite Teile des Spiels aus einem Mittelfeldpressing. Dabei sollte immer ein Spieler den Ballführenden anlaufen und ein Mindestmaß an Druck auf diesen ausüben, sodass freie Tiefenpässe, wenn möglich, nicht zustande kommen konnten. Während aus Frankfurter Sicht die Zuordnungen offensichtlich waren und somit für jeden Spieler klar war, wer bei Ballbesitz angelaufen werden sollte, sollte dahinter die Absicherung durch Deckungsschatten sichergestellt werden.
So orientierte sich die vorderste Pressingreihe um Ebnoutalib und Knauff zunächst zu den beiden Sechsern, Nmecha und Sabitzer, um diese bei Anlaufen des Dortmunder 3er Aufbaus unmittelbar im Rücken im Deckungsschatten zu haben. Selbiges Prinzip galt für die beiden Frankfurter Sechser, Larsson und Hojlund, welche initial die beiden Dortmunder Zehner, Brandt und Beier, im Rücken hatten und aus dieser Position nach vorne zum Pressen aufrücken konnten.

Frankfurt hält durch Deckungsschatten das Zentrum kompakt und sucht aus diesen Ausgangspositionen die jeweiligen mannorientierten Zugänge im Pressing.
Durch die Tiefenabsicherungen mithilfe von Deckungsschatten musste Frankfurt nicht direkt rausrücken und die eigene Kompaktheit aufgeben, um Druck auf den Ballführenden auszuüben. So waren die Halbverteidiger nicht dazu gezwungen, die Tiefe zu verlassen, um die Dortmunder Zehner aufzunehmen und die Sechser konnten im Zentrum bleiben und ebenfalls für Kompaktheit sorgen. Wurde der ballbesitzende Spieler angelaufen, so konnte direkt dahinter abgesichert werden.
Im Gegensatz zu letzter Saison und zum Beginn dieser Saison hat Frankfurt damit die Art des Verteidigens umgestellt. So wurde bis in diese Saison hinein aus einem 4-4-2 Mittelfeldblock verteidigt. Druck sollte nicht auf den Ballführenden erzeugt werden, stattdessen sollten Passwege geschlossen werden und über Balleroberungen nach Fehlpässen des Gegners schnell umgeschaltet werden. Aufgrund fehlender Umschaltspieler, nach dem Abgang von Ekitiké und Marmoush, entstanden allerdings kaum Ballgewinne, die den Gegner zu weniger Risiko im eigenen Offensivspiel veranlassten. Folglich konnten Mannschaften immer wieder ohne Druck aufbauen und die großen Räume hinter der hohen letzten Kette der Frankfurter suchen.
Dortmunder Lösungssuche in Ballbesitz
Dortmund hatte in Ballbesitz mehrere Möglichkeiten, die Frankfurter Verteidigung vor Konflikte zu stellen. Durch einfachste Laufwege aus dem 3-2-5 sollten die Frankfurter Zuordnungen auf die Probe gestellt werden.
Zunächst einmal agierte Süle etwas höher und weiter außen in der Dreierkette als Anton und Schlotterbeck. Das könnte zwei Gründe gehabt haben. Zum einen sorgte die höhere und breitere Positionierung von Süle für längere Wege im Umschalten für seinen direkten Gegenspieler Knauff. Dieser hätte aufgrund seiner Geschwindigkeit die langsamere 3er Kette im Umschalten vor Probleme stellen können. Zum anderen hatte Schlotterbeck durch die tiefere Positionierung mehr Raum und Zeit bevor er durch Uzun angelaufen wurde. Dadurch kamen seine Stärken, für den Gegner überraschende diagonale Bälle, besser zur Geltung.
Ebenfalls auffällig war, dass Sabitzer sehr häufig auf rechts außen abkippte, wodurch Nmecha eine zentralere Rolle einnahm. Durch das Abkippen Sabitzers wurde Larsson vor die Zwickmühle gestellt, entweder auf ihn rauszurücken, um Druck auszuüben oder das Zentrum kompakt zu halten. Schließlich konnte Larsson Sabitzer nicht mehr pressen und gleichzeitig einen der Zehner im Deckungsschatten behalten.
Frankfurt reagierte, indem sich Knauff an Sabitzer orientierte und diesen nicht mehr nur im Deckungsschatten behielt, sondern sich ausschließlich auf ihn konzentrierte. Dafür entstand ein freigezogener Halbraum und es blieb mehr Raum und Zeit für Süle, wodurch Dortmund den Ballbesitz kontrollierte.

Sabitzer kippt auf Außen ab, Nmecha lässt sich in die Kette fallen. Die Frankfurter Sechser lassen sich nicht locken, sondern sichern das Zentrum. Es entsteht Dortmunder Ballbesitzkontrolle.
Ebenfalls für Ballbesitzkontrolle sorgte der abkippende Nmecha, der aus dem 3er Aufbau situativ einen 4er Aufbau machte und somit Überzahl im Aufbau herstellte. Er zwang ebenfalls einen der Frankfurter Sechser, Hojlund, vor den Konflikt zwischen Druck ausüben und Kompaktheit sichern. Hojlund ließ sich allerdings nicht rauslocken.
Zudem sorgten die Bewegungen der 10er in Kombination mit den Bewegungen der Außenverteidigern für Konflikte bei den Frankfurter Zuordnungen. Insbesondere auf der linken Seite ließ sich Brandt häuf diagonal nach hinten Richtung Außenlinie fallen, während Außenverteidiger Svensson gleichzeitig die Tiefe suchte. Das erzwang Abstimmungsprobleme zwischen Kristensen und Doan, die im richtigen Moment die beiden Spieler übergeben mussten.
Die erfolgreichste Variante im Dortmunder Ballbesitzspiel, um Progression zu erzeugen, lag in Schlotterbecks diagonalen Bällen. Aufgrund seiner tieferen Positionierung hatte Schlotterbeck genug Raum, um diese auszuführen. Gleichzeitig sorgte Uzun nicht für genügend Druck auf Schlotterbeck, sondern presste zu passiv ausgehend von seiner tieferen Position mit Brandt im Deckungsschatten.
Schlotterbeck kann über seinen linken Fuß immer wieder überraschende diagonale Pässe spielen. Diese sind für den Gegner schwer vorherzusehen, da Schlotterbeck aus einer eigentlich in Richtung der Außenlinie geöffneten Körper- und Kopfhaltung viel mithilfe seines peripheren Sehens arbeitet. Das sorgt für unerwartete Richtungen in Schlotterbecks Tiefenpässen, insbesondere wenn diese entgegen der eigentlichen Körperhaltung und entgegen des Dribbelwegs diagonal gespielt werden.
So sorgte einer der ersten diagonalen Pässe Schlotterbecks für das 1:0 für Dortmund. Aufgrund des Frankfurter Zentrumsfokus im Verteidigen rücken die Außenverteidiger, insbesondere Linksverteidiger Brown, ballfern sehr weit mit ein. Dortmund ist nicht die erste Mannschaft, die gegen Frankfurt gezielt hohe Verlagerungen nach Einrücken der Außenverteidiger über die gesamte letzte Kette spielt, um von dort wiederum den Strafraum zu suchen. Schlotterbecks überraschende diagonalen Seitenwechsel passen dazu natürlich hervorragend. Im Übrigen ging auch dem 3:3 Ausgleichstreffer der Dortmunder ein diagonaler Seitenwechsel auf die ballferne linke Seite voraus.
Schlotterbeck suchte nicht nur diagonale hohe Verlagerungen auf die andere Seite, sondern versuchte auch immer wieder diagonal die ballnahen Achter Brandt und Stürmer Guirassy zu finden. Indem Brandt sich fallenließ und Kristensen vor das Problem zwischen den zentralen Innenverteidiger, Koch, absichern und Druck auf Brandt ausüben, stellte, wurde zudem eine gut auszuspielende diagonale Leiter (Escadinha) von Schlotterbeck über Brandt und Guirassy gebildet. Diese versuchte Dortmund häufiger herzustellen und auszuspielen. Sobald Kristensen herausrückte und die Tiefe öffnete, startete der schnelle Beier in den freigezogenen Raum im Rücken der Abwehr.

Schlotterbecks diagonale Pässe aus einer eigentlich geschlossenen Körperhaltung finden das Zentrum über die Escadinha. Beier startet in den aufgezogenen Raum hinter der Abwehr.
Klarheit bedingt Vorhersehbarkeit
Frankfurt versucht durch klare Zuordnungen und einfache Abläufe die eigene Defensive zu stabilisieren. Auffällig ist, dass Frankfurt nun dauerhaft versucht, Druck auf den Ballführenden Spieler auszuüben, anders als zu Beginn der Saison. Diese Neuerung sollte eigentlich zu einer höheren defensiven Stabilität führen, da die gegnerischen Spieler nicht mehr ohne Druck Tiefenpässe hinter die hohe letzte Kette der Frankfurter spielen können. Die Kombination aus fehlendem Druck auf den Ballführenden und hoher Abwehrkette ist schließlich eigentlich immer fatal.
Dennoch zeigen sich weiterhin Probleme im Frankfurter Defensivverhalten. Das dauerhafte Anlaufen des ballführenden Spielers sorgt zwar für einen Mindestdruck auf diesen, nicht jedoch für einen ausreichenden Druck, um den Gegner zu Ballverlusten zu zwingen, wodurch dieser risikoaverser im eigenen Ballbesitzspiel agieren müsste. Möglicherweise wäre es aus Frankfurter Sicht besser, häufiger aus einem kompakten Block in bestimmten Momenten gesammelt ins Pressing überzugehen. Warum?
Die Klarheit in den Frankfurter Abläufen sorgt nicht nur für Vorhersehbarkeit für die eigenen Mitspieler, sondern auch für Vorhersehbarkeit für den Gegner. Je weniger „Abwechslung“ im eigenen Spiel ist, desto weniger kann der Gegner überrascht werden. Natürlich liegt hier ein Konflikt. Vorhersehbarkeit für die Mitspieler ist gut, Vorhersehbarkeit für den Gegner ist schlecht. Das gilt es miteinander in Einklang zu bringen. In Bezug auf die Frankfurter Defensive bedeutet das, dass durch weniger vorhersehbare Pressingübergänge, der Gegner überrascht werden kann. Ein dauerhaftes Ausüben eines Mindestdrucks auf den Ballführenden sorgt für viel Klarheit, auch beim Gegner.
Selbiges lässt sich über Dortmunds Ballbesitzspiel berichten. Das 3-2-5 hat eindeutige, einfache Abläufe, auf die sich alle Mitspieler verlassen können. Das bedingt allerdings auch eine gewisse Vorhersehbarkeit für den Gegner. Ausbrüche aus diesem Spiel, wie beispielsweise Schlotterbecks überraschende diagonalen Pässe, tun dem Spiel sichtbar gut. Weniger Vorhersehbarkeit für den Gegner würde auch dem Dortmunder Ballbesitzspiel gut tun, wenn auch auf Kosten der Vorhersehbarkeit für die eigenen Mitspieler.
Fazit
Mit Frankfurt und Dortmund trafen zwei Mannschaften aufeinander, die nicht sonderlich innovativen Fußball, dennoch in der Bundesliga verhältnismäßig erfolgreichen Fußball spielen. Schließlich traf bei diesem Spiel der Zweitplatzierte auf den Siebtplatzierten.
Interessant wird es sein, ob Frankfurt die eigene defensive Strategie im Mittelfeldpressing und Abwehrpressing weiter anpasst oder (auch?) durch mehr Ballbesitz Kontrolle über das Spiel erlangen will. Frankfurt befindet sich an einem Scheideweg zwischen einer Umschaltmannschaft und einer Ballbesitzmannschaft.
In Dortmund wiederum wird man trotz des ebenfalls nicht sehr innovativen Fußballs sehr zufrieden mit dem aktuellen Saisonverlauf sein. Immerhin musste der BVB bislang lediglich eine Saisonniederlage hinnehmen.



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