Stuttgart manndeckt Leverkusen nieder – MX

1:4

Leverkusen erlitt zum Start nach der Winterpause direkt einen Rückschlag und lag schon zur Halbzeit mit 0:4 gegen effiziente Stuttgarter hinten. Einerseits tat man sich schwer mit der Manndeckung der Cannstätter, andererseits agierte man auch im Umschaltspiel zu passiv.

Nach der Winterpause ging es in der BayArena direkt mit einem Topspiel zwischen Bayer 04 und dem VfB Stuttgart weiter, wobei mit Spannung erwartet wurde, wie die zum Ende der Hinrunde verbesserten Leverkusener sowie Hjulmands Mannschaft aus der Pause kommen würden. Dafür schickte er eine 3-4-3-Grundformation auf das Feld: Flekken stand zwischen den Pfosten, davor agierte Andrich als mittlerer Innenverteidiger, Quansah und Belocian in den Halbspuren. Davor spielten Fernández und García auf der Acht, Arthur und Grimaldo agierten auf den Schienen. Tillman und Tella besetzten die Außenstürmerpositionen um Mittelstürmer Terrier herum.

Die Grundformationen

Sebastian Hoeneß schickte hingegen eine 4-2-3-1-Grundformation auf das Feld: Nübel agierte im Tor, davor Chabot und Hendriks als Innenverteidiger, Mittelstädt und Vagnoman als Außenverteidiger. Stiller und Karazor bildeten das zentrale Mittelfeld, Nartey agierte davor als Zehner, flankiert von Führich und Leweling auf den Flügeln, während Undav die Sturmspitze besetzte. Beide Teams sahen sich also – auch aufgrund des laufenden Afrika-Cups – durchaus ersatzgeschwächt gegenüber: So fehlten unter anderem Palacios und Maza bei Leverkusen, bei Stuttgart Jaquez, El Khannouss, Al-Dakhil und Tiago Tomás.

Leverkusen hat ein Manndeckungsproblem…

Nach dem Spiel erklärte Kasper Hjulmand, dass vor allem die Manndeckung der Stuttgarter an diesem Tag ausschlaggebend für die desaströse erste Halbzeit der Leverkusener gewesen sei, obwohl man darauf vorbereitet war. Die Probleme aus dem tiefen 2-4-4-Aufbauspiel wurden von Beginn an deutlich: Grundsätzlich versuchte Bayer Leverkusen wieder, über die enge Positionierung von Fernández und García im Zentrum die Stuttgarter Achter eng zu binden und darüber die Passwege vom Torhüter Flekken in den Halbraum zu öffnen, in den sich die Stürmer anschließend bewegen. Dort versucht man insbesondere, die aufschiebenden Außenverteidiger im Ablagenspiel zu bedienen und diese so breit ins Dribbling zu bekommen. Dieses Grundmuster unterband der VfB Stuttgart jedoch sehr gut über die diagonalen Anlaufwinkel der Stürmer auf den Torhüter.

Dieses diagonale Anlaufen führte allerdings dazu, dass Flekken den anlaufenden Stürmer durchaus überspielen bzw. den linken Innenverteidiger Andrich anspielen konnte. Dessen Vertikalpassweg in den Halbraum war zwar anschließend durch die engen Achter offen, jedoch stand Leverkusen vor einem alten Problem: Tillman kippte beim Ballspiel Flekkens ab und war dann beim Andribbeln Andrichs zu tief auf Höhe des gegnerischen Linksaußen Führich positioniert, sodass er nicht in die Breite hätte ablegen können. Gerade durch diese Nähe zu Führich im Halbraum hätte man sich zudem in eine 1-gegen-2-Unterzahl gegen Führich und den herausverteidigenden Stiller befördert. Entsprechend wurde Tillman nicht von Andrich angespielt, der insgesamt auch im Andribbeln zu wenig Tempo zeigte, sodass der eigentlich überspielte Stürmer Undav ihn mehrmals von hinten stark unter Druck setzen konnte und er folglich meist den langen Ball wählen musste.

Stuttgart im manndeckenden AGP

Insgesamt gehörte das Unterbinden der Ablagenspiele zu einem essenziellen Bestandteil der Stuttgarter Stärke an diesem Tag. Gerade hierbei sind auch die Achter Karazor und Nartey als Manndecker gegen Fernández und García hervorzuheben, die durch ein sehr enges und aggressives Verfolgen der Freilaufbewegungen vor der Box nahezu jedes Anspiel von Flekken auf die Achter unterbanden und damit auch verhinderten, dass diese im Dreieck auf die Innenverteidiger ablegten. Gerade über García war dieses Muster in der Hinrunde durchaus eine Stärke der Leverkusener gewesen. In diesem Zusammenhang ist auch die Personalwahl hervorzuheben: Dass man den sehr zweikampfstarken Karazor gezielt gegen García stellte, war wohl keineswegs ein Zufall und erwies sich in dieser Partie als goldrichtig.

Stuttgart unterband die Zirkulation zwischen den Innenverteidigern beziehungsweise innerhalb der ersten Aufbaulinie auch durch das Aufschieben des ballfernen Stürmers sehr gut, wodurch die Heimelf immer wieder zu einer gewissen Direktheit gezwungen wurde, die sich vor allem in langen Bällen in die letzte Linie ausdrückte. Gerade die tiefen Achter sowie das Abkippen Tillmans führten dazu, dass man Zielspieler Terrier in isolierte 1-gegen-1-Duelle gegen Chabot  brachte, wobei er gerade in den ersten Minuten im Wandspiel einige Male den Ball festmachen konnte, da sich der Niederländer vom VfB gegen den gut abschirmenden Terrier anfangs etwas unterlegen im physischen Bereich zeigte. Ein Problem bei den langen Bällen auf Terrier war jedoch der große Abstand im Zentrum zu den sehr tiefen Achtern. Gerade Karazor und Nartey agierten im Rückwärtspressing nach den langen Bällen deutlich aktiver als die Leverkusener Achter im Nachrücken, wodurch der Zugriff auf zweite Bälle im Zentrum aus Leverkusener Sicht gering blieb und sich ein Nachteil des bewusst in Kauf genommenen großen Zwischenlinienraums deutlich bemerkbar machte. Ähnlich gestaltete es sich später, als man innerhalb dieser Muster rotierte und phasenweise Tillman als Zielspieler agierte. Er tat sich aufgrund seiner Vorteile im Bewegungskomplex sowie in der Explosivität im Lösen durchaus leicht in der direkten Ballverarbeitung gegen Stiller, hatte aber anschließend Probleme gegen den direkt rückwärtspressenden Karazor.

…und sucht Lösungen

Flügelspieler schieben im Rücken der Innenverteidiger

Dadurch ging man zunehmend auf lange Bälle auf die Flügelspieler Arthur und Tella über. Hierbei kippten einer oder beide Stürmer meist im Zentrum ab, um die Innenverteidiger aus dem Zentrum zu ziehen. Dieses Herausrücken wurde dann vom ballfernen Flügelspieler diagonal belaufen und sollte direkt per Weiterleitung bespielt werden. Zeitweise funktionierte dieses Muster auch, etwa in der fünften Spielminute, als Tella nach einer Weiterleitung von Arthur in der rechten Breite ins Dribbling geschickt wurde und diesen nach direktem Durchschieben Arthurs im Spielen-und-Gehen erneut in der Box fand, dort jedoch im Dribbling an Chabot scheiterte.

Insgesamt verzeichnete man jedoch Probleme gegen die eng mitverteidigenden Außenverteidiger Stuttgarts, die zudem aus diagonalen Winkeln die Luftduelle gegen Leverkusens Flügelspieler suchten, wodurch das diagonale Weiterleiten ins Zentrum meist isoliert blieb. Gleichzeitig schoben Stuttgarts Innenverteidiger mit der Zeit nicht mehr so eng und direkt mit den Stürmern mit, sondern blieben auf Absprung in der Verteidigungslinie. Folglich ergab sich auch nicht mehr der Raum im Rücken der Innenverteidiger wie noch zu Beginn der Partie. Durch dieses etwas reaktivere Herausrücken konnten sich die Stürmer zwar vereinzelt im Halbraum lösen, ein Aufdrehen war jedoch kaum möglich, da das Problem gegen die rückwärtsverteidigenden Achter Stuttgarts bestehen blieb und Stiller sowie Chabot im Ballspiel gegen Tillman und Terrier zudem mit hoher Aggressivität herausverteidigten.

Grundsätzlich zog sich beim VfB dabei – gerade nach Ecken – das Problem durch, dass die Organisation der Manndeckung durch die schnelle Ausführung von Abstößen und Abwürfen der Leverkusener nicht immer optimal war. Teilweise waren Zuordnungen demnach vertauscht, einzelne Spieler fremdelten dann mit ihren temporären Rollen – Nartey agierte bspw. situativ als Stürmer in der ersten Pressinglinie und hatte Probleme im Halten des Deckungsschatten in den Halbraum. Insgesamt ist das Thema Tempo bei Abwürfen und Abstößen nach Standardsituationen gegen Manndeckung ein unterschätzter Aspekt – Leverkusen arbeitet damit durchaus aktiv.

Leverkusen rotiert, aber findet nicht die Überzahl

Zudem versuchte man, über Rotationen sowohl zwischen den Achtern als auch zwischen Stürmer Tillman und den Achtern die Manndeckung des Gegners zu bearbeiten. Während das Tauschen der Achterseiten folgenlos blieb, da Karazor und Nartey der Rotation zwischen García und Fernández schlichtweg folgten, zeigte sich der VfB bei den Rotationen zwischen Achter und Stürmer durchaus fragil. Gerade Nartey wirkte dabei teils unsicher, ob er Fernández an Stiller übergeben oder ihm beim Durchschieben folgen sollte. Grundsätzlich kann eine Übergabe hier durchaus sinnvoll sein, das Problem bestand jedoch darin, dass Stiller durch das Abkippen Tillmans gebunden war und Fernandez daher gar nicht übernehmen konnte. Diese Unsicherheit – verbunden mit dem Tempovorteil von Fernández gegen Nartey – führte dazu, dass sich Fernández situativ in den Halbraum lösen konnte und dort gegen VfBs Linksverteidiger Mittelstädt zeitweise eine 1-gegen-2-Unterzahl entstand.

Aus Leverkusener Sicht bestand das Problem jedoch darin, diese Überzahl kaum ausspielen zu können: Einerseits isolierte der Stuttgarter Stürmer im fließenden Aufbauspiel häufig den vertikalen Passweg im Halbraum, andererseits fokussierte man sich in diesen Szenen zu stark darauf, Tillman im Zentrum zu suchen. Ein Teil der Rotationen von LEV zielte darauf ab, dass sich García und Fernández voneinander wegbewegten und durch das Mitziehen ihrer Gegenspieler das Zentrum öffnen sollten, in das sich anschließend Tillman bewegte. Gleichzeitig war er aus dem Abkippen heraus dadurch jedoch häufig zu isoliert – weil praktisch keine Anspielstation durch das Wegbewegen der Achter (Fernandez schiebt auf, Garcia kippt ab) vorhanden war.  Eine Varianz lag zudem darin, dass sich Grimaldo beim Abkippen Tillmans teilweise aus der linken Breite in den rechten Halbraum bewegte. Rechtsaußen Vagnoman folgte diesen Bewegungen jedoch und unterband damit mögliche Unterzahlsituationen der Stuttgarter auf der linken Seite.

Insgesamt mag es für den einen oder anderen Lesenden durchaus etwas überraschend sein, dass hier auch Anfälligkeiten der Stuttgarter beschrieben wurden, obwohl genau jene Mannschaft zur Halbzeit mit 4:0 führte – vielleicht liegt darin auch die eigentliche Krux. Man kann durchaus argumentieren, dass solide bis gute Manndeckungen gegen prinzipiell sehr gute Aufbaumannschaften sehr effektiv wirken – und vielleicht griff das auch an diesem Tag. Auch Leverkusen kann man dabei nicht vorwerfen, dass man es nicht versucht hätte, die Manndeckung der Stuttgarter zu bearbeiten. Allerdings war der Aufwand, bestimmte Räume/Spieler – wie etwa vor den Stürmern – freizuziehen, hoch, während der Nutzen in den isolierten Duellen insbesondere in der Angriffslinie relativ gering ausfiel. Hier kommt auch das Thema Spielrhythmus ins Spiel: Gerade dass Stuttgart die Zirkulation zwischen den Innenverteidigern isolierte und gleichzeitig die Passwege der Außen- und Innenverteidiger auf die ballstarken Achter blockierte, führte zu einer aufgezwungenen Direktheit – und daraus entwickelnden spielerischen Hastigkeit/Nervosität – mittels langen Bällen für Bayer 04. Dies tat der Mannschaft von Hjulmand nicht gut und dürfte einer der Hauptgründe sein, warum dies „nicht das Spiel“ (Hjulmand) für die Werkself wurde.

Leverkusen zu lose

Auch durch die Ballgewinne im Angriffspressing kam Stuttgart zu Ballbesitzphasen aus dem 3-3-4-Aufbauspiel gegen das 5-3-2-Mittelfeldpressing der Werkself – wobei man vor allem über die linke Seite aufbaute. Hier isolierte Leverkusen über ein durchaus aggressives Anlaufen von Terrier und Tillman das Andribbeln der Halbverteidiger Stiller und Hendriks und unterband zudem über diagonale Anlaufwinkel mögliche direkte Pässe ins Zentrum auf die Achter Karazor und Nartey, wobei auch der ballnahe Achter García zusätzlich zugestellt wurde. Karazor wich jedoch einige Male in den Halbraum aus, und García agierte hier tendenziell zu stark darauf fokussiert, das Zentrum zu sichern, sodass er diese Bewegungen zu lose verfolgte. Dadurch konnte Karazor mehrfach im Halbraum aufdrehen und das Dribbling suchen – gerade auch im letzten Drittel – und aus dem Halbfeld immer wieder Flanken in die Box schlagen. Insgesamt spielten der Halbraum sowie Halbfeldflanken eine zentrale Rolle für die Cannstätter, denn Halbverteidiger Stiller – die linke Seite wurde insgesamt favorisiert – suchte meist direkt Flügelspieler Führich. Durch dessen extreme Explosivität konnte er sich immer wieder vom rechten Flügelverteidiger Arthur lösen. Durch Mittelstädts entgegengesetztes Durchschieben in die Breite zog er zudem Achter Fernández aus dem Halbraum. So eröffneten sich für Führich inverse Dribblingwege vor der Leverkusener Verteidigungslinie, wodurch er immer wieder gute Halbfeldflanken schlagen konnte – beispielsweise direkt nach 30 Sekunden, als Vagnoman zum Kopfball ansetzte, Flekken jedoch noch zur Stelle war.

Stuttgart findet den Halbraum und den Zwischenlinienraum

Die engen Markierungen von Fernández an Mittelstädt hatten zudem immer wieder zur Folge, dass der deutsche Nationalspieler dies erkannte und sich zunehmend breiter positionierte, wodurch Fernández ihm folgte. Dadurch wurden die Abstände innerhalb der Mittelfeldlinie der Leverkusener situativ zu groß. So konnten die Halbverteidiger Stuttgarts immer wieder vertikal den Halbraum bespielen, und die Stürmer legten daraus ein paar Mal gut in die Breite auf Flügelspieler Führich oder den nachschiebenden Halbraumspieler Mittelstädt ab. Probleme bei den Übergaben hatten die Leverkusener insgesamt, denn gerade der rechte Achter Nartey bewegte sich ballfern beim Ballspiel des Halbverteidigers Stiller immer wieder ins Zentrum in den Zwischenlinienraum vor der Verteidigungslinie beziehungsweise in den Rücken von Leverkusens Achter García, der Karazor eng markierte. Narteys initialer Gegenspieler Tella ging diese Einrückbewegungen jedoch nicht mit, sondern löste die Markierung auf.

Das führte dazu, dass Nartey teils ohne direkten Gegenspieler im Zwischenlinienraum agieren konnte und einer der Leverkusener Halbverteidiger herausschieben und den Stuttgarter Achter übernehmen musste. In der Folge musste der mittlere Innenverteidiger Andrich wiederum die Ausweichbewegungen der Stürmer aufnehmen, konnte diese jedoch nicht an die Halbverteidiger übergeben und hatte dabei durchaus Probleme, eng in der Verfolgung zu bleiben. Zwar zeigten die Stuttgarter Stürmer weiterhin die bekannten Wandspielprobleme seit dem Abgang von Woltemade – gerade in Bezug auf Passqualität und -schärfe im Ablagenspiel ist Woltemade hier schlichtweg noch ein Stück weiter -, insgesamt befeuerte das Einrücken Narteys und das damit verbundene Binden der Halbverteidiger jedoch die generelle Problematik der Leverkusener Verteidiger im Herausrücken in den großen Raum vor der Verteidigungslinie. Teilweise ließ sich zwar später Achter García dann im letzten Drittel lose fallen und schwamm zwischen Nartey und Sechser Karazor im Zentrum, wirkte in dieser Unterzahlsituation jedoch überfordert und bekam dann gerade Karazor keinen direkten Zugriff mehr, der darüber vor allem Verlagerungen vor dem Mittelfeld der Werkself initiieren konnte.

Insgesamt lässt sich durchaus diskutieren, ob die beschriebenen Muster – einerseits die inversen Dribblings Führichs, andererseits Narteys diagonales Einrücken sowie das Wandspiel der Stürmer – nicht vielmehr ein Nebenprodukt des großen Zwischenlinienraums waren. Entsprechend kann man hinterfragen, ob Garcías enge Markierung (zu Anfang der Partie vor allem) an Karazor, durch die er immer wieder aus dem Raum vor der Verteidigungslinie gezogen wurde, in dieser Form sinnvoll gewählt war. Tendenziell war offenbar angedacht, das Ausschieben Karazors über die eigenen äußeren Achter aufzunehmen. Gerade Fernández war jedoch durch das halbräumige Durchschieben Mittelstädts (bzw. nach Rotation – wie im Bild – von Führich) nahezu permanent im Halbraum gebunden und konnte Karazor nicht übernehmen. Eine denkbare Lösung wäre gewesen, dass sich García insbesondere beim Ballspiel Stillers und bei zentraler Positionierung Karazors – in den Zwischenlinienraum fallen lässt und der ballferne Stürmer Terrier sich in den Sechserraum auf Karazor zurückbewegt. Tendenziell hätte man daraus den Zwischenlinienraum zumindest im direkten Verbindungsspiel besser zumachen können.

Leverkusen im Restangriff, Garcia schwimmt

Was mit dieser Lösung jedoch nicht funktioniert hätte, war das sehr hohe Restpressing der Leverkusener Stürmer gegen den ballnahen Verteidiger der Stuttgarter. Durch diesen direkten Zugriff der Stürmer nach Rückpässen auf vor allem Stiller der Cannstätter wurden diese sehr oft zu direkten Rückpässen auf Torhüter Nübel gezwungen, und gerade flache Verlagerungen über die Verteidiger konnte Leverkusen dadurch recht zuverlässig unterbinden. Problematisch war jedoch, dass sich gerade Rechsaußen Vagnoman bei den Rückpässen zu Nübel ebenfalls sehr weit fallen ließ. Grimaldo ging diesen Weg zwar nicht direkt mit, wodurch Vagnoman immer wieder von Nübel angespielt wurde, aber schob beim Ballspiel dann heraus. Für Halbverteidiger Belocian bedeutete dies, dass er die Ausweichbewegungen von Leweling bzw. nach Rotationen von Undav in den Rücken Grimaldos verteidigen musste. Der Halbverteidiger hatte dabei große Probleme – gerade im Bewegungskomplex gegen die dynamischen Stürmer – und konnte die Stürmer kaum greifen und wurden demnach immer wieder von Vagnoman in der Breite ins 1-gegen-1 geschickt. Gleichzeitig konnte der Stürmer immer wieder entweder auf die aufschiebenden Achter Nartey/Karazor in den Zwischenlinienraum ablegen oder selbst im Halbraum aufdrehen und das Dribbling suchen. Demnach unterband Leverkusen zwar die direkten flachen Verlagerungen sehr gut, zeigte sich im Übergangspressing aber durchaus anfällig.

Restangriff zur Halbzeit-Ekstase

Insgesamt hatte der VfB zwar in der ersten Hälfte „nur“ rund 40 % Ballbesitz, setzte aber durchaus wie beschrieben einige Nadelstiche. Entscheidend war jedoch erneut das phänomenale Konterspiel unter Hoeneß, das den Stuttgartern einerseits die frühe Führung (7.) brachte, andererseits für das 3:0 (45.) und das 4:0 (45+2) sorgte. Dass die Stuttgarter zahlreiche Umschaltaktionen hatten, lag auch daran, dass sich Leverkusen zunehmend im höheren Aufbauspiel schwer tat. Denn selbst im höheren Mittelfeldpressing agierte der VfB manndeckend gegen das 3-2-5/3-4-3 der Heimelf. Mittelstürmer Undav lief dabei mittleren Innenverteidiger Andrich meist im Bogenlauf an, um die linke Aufbauseite der Leverkusener zu isolieren. Führich agierte  in der Grundposition etwas weiter weg von Quansah, während Leweling enger an Belocian blieb, um demnach Pass zu Quansah zu provozieren. Dies hatte wohl vor allem den Grund, dass Stuttgart gezielt das Spiel über die linke Aufbauseite Grimaldos unterbinden und auf Arthur forcieren wollte. Dies ging voll auf: Der Brasilianer hatte große Probleme gegen den im Zweikampf sehr stark herausverteidigenden Mittelstädter und konnte kaum aufdrehen, verlor etwa auch vor dem 0:1 in einer solchen Szene den Ball.

Stuttgart im Mittelfeldpressing

Teilweise gelang es Leverkusen dennoch (etwa nach Freistößen in der eigenen Hälfte), über Belocian-Grimaldo aufzubauen. Gerade wenn sich dieser mit der Zeit tiefer positionierte und Vagnoman beim Aufnehmen der Abkipbewegungen des Spaniers Probleme hatte, zeigte sich ein positiver Effekt auf das Aufbauspiel. Grimaldo lieferte im ersten Kontakt deutlich mehr Qualität als sein Pendant und leitete direkt auf Tella weiter, der zwar einen Tempovorteil gegenüber Hendriks in den Ausweichbewegungen hatte, aber physisch gegen den starken Holländer deutliche Probleme bekam. Insgesamt fehlte zudem die Unterstützung der Achter, die im höheren Aufbauspiel gegen Nartey/Karazor Probleme hatten und sich zu stark auf die rechte Aufbauseite treiben ließen. Auch die Leverkusener Zentrumsakteure wurden kaum angespielt und konnten folglich kaum Dribblings im Zentrum suchen, was eine der zentralen Stärken Leverkusens reduzierte – wie sich in dieser Saison mehrfach zeigte.

Dies lag auch daran, dass die Halbverteidiger Leverkusens tendenziell etwas zu eng agierten. Dadurch hatten auch Stuttgarts Außenstürmer eine engere Grundposition, und Fernández sowie García steckten bei freilaufenden Bewegungen im Halbraum immer wieder hinter den Außenstürmern fest. Gerade durch die Probleme Arthurs in der Breite und die Isolation der Achter ergaben sich immer mehr lange Bälle im Halbraum auf den durchschiebenden Tillman. Tillman konnte sich zwar aus der tieferen Grundposition im Highspeed mehrfach von Stiller lösen, doch einerseits waren Quansahs lange Bälle unter dem direkten Druck Führichs ausbaufähig, andererseits wurde Tillman im Dribbling von Stiller meist in die Breite gedrängt. Dort fehlte Leverkusen oft die direkte Unterstützung: Arthur agierte aufgrund der Abkipbewegungen zu weit weg in der Breite, Terrier zu zentral und beim Ausschieben allgemein nicht mit ausreichendem Tempo. Terrier war insgesamt etwas statisch im Zentrum; durch die diagonalen Anlaufwinkel der Außenstürmer auf die Halbverteidiger war er isoliert, konnte kaum ins Wandspiel eingebunden werden und zeigte daraus wenige Freilaufbewegungen.

Leverkusen reagierte daher mit einigen Rotationen in der Angriffsreihe, besonders Tella rotierte mit Terrier. Seinem Gegenspieler Chabot wurden damit zwar durch seine extreme Agilität ein paar Probleme bereitet, und konnte sich mehrmals abkippend lösen, hatte aber am Ende gerade beim Abschirmen weiter Schwierigkeiten und konnte kaum aufdrehen für Dribblings. Folglich fehlten aber auch die direkten Tiefenoptionen: Terrier bot kaum solche an, Tillman agierte häufig zu tief. Tendenziell war der Drang von Tillman, sich vom Gegenspieler zu lösen, so groß, dass er zunehmend auf einer Höhe mit den eigenen Mittelfeldspielern agierte. Dort konnte er zwar vereinzelt von den Verteidigern angespielt werden, oft blieb aber nur ein Abklatschen möglich, da Stiller den Wegen im Rücken eng folgte. Vielmehr verlor man so zusätzliche Präsenz in der Angriffsreihe und im Greifen der zweiten Bälle.

Restangriff sichert die Führung

Die Bewegungen im Zentrum wirkten insgesamt sehr unausgeglichen. Zwar erkannten die Achter mit der Zeit prinzipiell die Problematik, dass Unterstützung aus dem Zentrum notwendig ist, und schoben ballnah im Halbraum mit. Das Kernproblem bestand dann jedoch darin, dass der ballferne Achter oft zu wenig einrückte und die Verteidigungslinie zu wenig nachrückte – das direktere Mitschieben wurde demnach kaum abgesichert. Folglich war gerade der Raum vor der Verteidigungslinie sehr angreifbar für Stuttgart, und insbesondere Undav ließ sich immer wieder restangreifend in diesen Raum fallen. Dort konnte er gerade nach Ballgewinnen in der Breite das Dribbling suchen, während die Außenstürmer direkt als Tiefengeber im Restangriff agierten und durchschoben; demnach ergab sich sehr oft ein 3-gegen-3 im Konterspiel. Insgesamt agierten die Achter beim direkten Nachschieben – besonders Karazor ist hier hervorzuheben – durchaus sehr aktiv und konnten so gerade auch im letzten Drittel die Räume um die Box nach Kontern effektiv besetzen.

Dies war besonders gefährlich für Leverkusen, weil die Zwischenräume innerhalb der Verteidigungslinie in der Restverteidigung sehr unsauber gestellt waren. Gerade Belocian agierte zu mannorientiert in der Restverteidigung gegen Leweling, und Andrich schob häufig zu weit ballnah aus, wodurch immer wieder ein großer Raum zwischen den beiden Verteidigern entstand – den Undav mit seinen Dribblings gezielt suchte. Das Ergebnis war folglich, dass die Verteidigungslinie sehr unkontrolliert zusammenschob und oft die Tiefenläufer im Rücken verlor, die dann von Undav gezielt bespielt werden konnten. Insgesamt sei auch hervorgehoben, wie direkt und gezielt die Stuttgarter Flügelspieler nach Ballgewinnen diagonal ins Zentrum auf den Restangreifer spielten. Durch diese Direktheit konnte Leverkusen kaum Tiefenläufer in der Rückwärtsbewegung mannorientiert aufnehmen und gleichzeitig die Zwischenräume schließen.

Zweite Halbzeit

Hjulmand brachte zur Pause Bade für Belocian und Poku für Tella. Auffällig war jedoch, dass Leverkusen die Abstöße meist direkt lang ausführte und das Kollektiv dabei zusammenschob. Zwar erging man sich dadurch den hohen Ballgewinnen des Gegners, dennoch brachte diese Variante kaum aktive Progression, sondern verschob eher das bestehende Problem. Beim VfB zeigte sich relativ schnell, gerade im Mittelfeldpressing, der Nachteil der Manndeckung: Die physische Belastung vor allem bei den Verfolgungsbewegungen in der Breite – sowohl bei den Flügelspielern als aber auch beim Anlaufen der Halbverteidiger – waren  zunehmend etwas weniger intensiv. Die Achter von Leverkusen agierten nun offensiver, konnten ein paar Mal im Rückraum vor der Verteidigungslinie gefunden werden nach Ablage und auch nun zunehmend die Abpraller sichern, und auch in der Restverteidigung zeigte man sich deutlich kompakter als noch in den ersten 45 Minuten. Dadurch stellte sich für Leverkusen eine gewisse Verbesserung ein.

Linker Außenstürmer Poku kippte immer wieder ins Zentrum ein und zeigte dort gute Aktivität vor der Box. Er wurde im Ablagenspiel vom etwas aktiveren Terrier nun vereinzelt gefunden, auch da Vagnoman Schwierigkeiten hatte, diese horizontalen Bewegungen konsequent zu verfolgen. Diese direkte Präsenz im Zentrum fehlte Leverkusen lange Zeit. Gleichzeitig zeigte aber Alex Nübel bei den vereinzelten Durchbrüchen der Leverkusener im Eins-gegen-eins eine exzellente Leistung. Der eingewechselte Alejo Sarco im Mittelsturm brachte einige aktivere Ansätze, insbesondere im zentralen Abkippen und Wandspiel. Chabot zog zunehmend athletisch den Kürzeren, um ihn zu verfolgen, suchte dabei aber auch Fouls, was den Rhythmus von Sarco gelegentlich unterbrach, der insgesamt auch noch technisch etwas Probleme hatte im ablegen. Auch die Schienenspieler zeigten deutliche Verbesserungen: Einerseits durch gelegentliche Seitenwechsel und dadurch immer mal wieder auch inverse Dribblings, andererseits insbesondere rechts über den tiefer stehenden Grimaldo, über den man ein paar Mal gut das diagonale Spiel ins Zentrum – auf den Mittelstürmer oder Achter vor der Kette – initiieren konnte, da Führich im Anlaufen an Aggressivität verlor. Sarco tauchte vereinzelt hinter der Kette der Stuttgarter auf; einerseits agierte Nübel aktiv im Herausrücken, andererseits blieb das Problem bestehen, dass die Tiefenbälle der Halbverteidiger oft unsauber oder zu weit gespielt wurden.

Fazit

Eine ohne Frage schwache erste Halbzeit der Leverkusener lässt sich durchaus als Rückschritt im Vergleich zu den Fortschritten vor der Winterpause bezeichnen – gerade das Bespielen der Manndeckung hatte man zuvor bereits deutlich besser umgesetzt. Dennoch darf man nicht unterschätzen, wie stark diese Stuttgarter Mannschaft ist. Auch wenn das hohe Ergebnis begünstigt wurde durch eklatante Fehler in der Restverteidigung von Leverkusen, fällt das Ergebnis vielleicht etwas zu hoch gegen die gefestigten Cannstatter aus. Insgesamt ist eine Bewertung darüber hinaus schwierig (und vielleicht bin ich auch deswegen mit meiner Bewertung hier etwas unzufrieden) – auch weil es das erste Spiel nach der Winterpause inklusive Ausfälle ist. Aber auch, weil Stuttgart in diesem Spiel nicht unfehlbar war, aber Leverkusen gerade in den ersten 45 Minuten schlichtweg keinen Fuß in die Tür bekam. Die Wahrheit liegt in den nächsten Spielen.

MX machte sich in Regensburg mit seiner Vorliebe für die Verübersachlichung des Spiels einen Namen. Dabei flirtete er mit der RB-Schule, blieb aber heimlich immer ein Romantiker für Guardiolas Fußballkunst.

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