Liverpool hat ein Interaktionsproblem – MX

0:0

Der FC Liverpool verpasst gegen Leeds United einen Sieg (0:0) und hadert dabei mit Problemen im Positionsspiel. Dabei wurden Schwächen sowohl in den individuellen Positionsprofilen als auch im gruppentaktischen Bereich deutlich.

Die Grundformationen

Arne Slot und der FC Liverpool konnten sich über den Jahreswechsel nach sieben Spielen ohne Niederlage etwas zurücklehnen. Gegen Leeds agierte man wie gewohnt aus einer 4-2-3-1-Grundformation: Alisson agierte im Tor, davor Konaté und van Dijk als Innenverteidiger sowie Bradley und Robertson als Außenverteidiger, Gravenberch und Jones als Achter und Szoboszlai als Zehner, Frimpong und Wirtz agierten auf den Flügeln und Ekitiké agierte im Sturm.

Ähnlich besonnen stellt man sich aktuell in Leeds dar: Daniel Farke ist seit dem 3:1-Sieg gegen Chelsea am 3.12. ohne Niederlage und wird in Englands Medien dafür hochgelobt; das solle sich später auch nach dem Spiel gegen Liverpool weiter fortsetzen. Man agierte an der Anfield Road aus einer 3-5-2-Grundformation: Perri agierte zwischen den Pfosten, davor Struijk, Bijol und Bornauw in der Dreierkette, Gruev agierte zentral im Mittelfeld, daneben Ampadu und Ayling, Gudmundsson sowie Justin als Schienenspieler und Aaronson und Nmecha im Doppelsturm.

Ampadu sichert das Zentrum

Wie zu erwarten war, sah man den FC Liverpool von Beginn an als das ballbesitzdominierende Team aus einem 4-3-3 im höheren Aufbauspiel heraus, worauf Leeds mit einem 5-4-1-Mittelblock reagierte, wobei der nominelle Stürmer Aaronson als linker Flügelspieler agierte. Auffällig war dabei früh auch die Rolle von Lukas Nmecha in der ersten Pressinglinie: So suchte er nicht das aktive Pressing auf die erste Aufbaulinie von Liverpool, sondern versuchte, die Passoption zu Sechser Gravenberch zuzustellen, was auch sehr gut funktionierte – der Niederländer wurde kaum vor dem Mittelfeld Leeds’ angespielt.

Ein potenzieller Knackpunkt war es jedoch, wenn Gravenberch sich in den Halbraum bewegte und allgemein höher schob; gerade beim Ballspiel der Außenverteidiger von Liverpool konnte er dann im Rücken Nmechas angespielt werden. Achter Ampadu erkannte diese Problematik jedoch relativ schnell und markierte Gravenberch beim Ausweichen. Ansonsten ließ sich Ampadu immer wieder auch in den – oft eigentlich zu großen – Zwischenlinienraum fallen, um gerade die Bewegungen von Ekitiké zwischen den Linien im Halbraum aufzunehmen. Gerade das direkte, linienbrechende Spiel von der ersten Aufbaulinie direkt in den Sturm konnte man dadurch relativ gut unterbinden. Liverpool schaffte es kaum, Ampadu durch eine potenzielle Kombination aus Ekitikés tiefen Bewegungen und Gravenberchs Ausweichen zu überstrapazieren, wodurch dieser meist gut zwischen beiden Zentrumsspieler schwimmen konnte und insgesamt eine gute Entscheidungsfindung zeigte.

Robertson bedient den ausweichenden Jones

Insgesamt sollte man nicht unterschätzen, wie wichtig es war, dass Ampadu meist den Zwischenlinienraum gut abdecken konnte und dadurch die Verteidigungslinie sehr effektiv entlastete. Gerade beim Herausverteidigen der Halbverteidiger sucht Liverpool häufig lange Bälle in den Halbraum, in den sich die Flügelspieler dann diagonal hineinbewegen. Dadurch, dass die Halbverteidiger aber kaum in den Halbraum aufschieben mussten, weil Ampadu sich fallen ließ, konnte Liverpool auch den Halbraum kaum tief bespielen.

Demnach suchte man gerade in der Anfangsphase auf der linken Seite den Weg in die Breite auf den ausweichenden Achter Jones, der vom Rechtsaußen Stach aber direkt verfolgt wurde. Der diagonale Anlaufwinkel Stachs auf Jones hatte zudem den Effekt, dass dessen Passwege ins Zentrum vor der Verteidigungslinie (auf bspw. Ekitiké) isoliert waren. Es schien für Leeds United essenziell, dass Liverpool nicht diesen Raum vor der Verteidigungslinie bespielt.

Folglich wurde Liverpool gut in der Breite gehalten in der Anfangsphase. Tendenziell hatte Stach zwar vereinzelt Probleme, Jones’ Dribblings aus dem diagonalen Winkel zu unterbinden, da er etwas zu großen Abstand zum direkten Gegenspieler ließ und sich zu stark auf das Isolieren des Diagonalspiels konzentrierte. Das Zudribbeln auf die Fünferkette erwies sich jedoch als nicht besonders förderliches Mittel. Positiv hervorzuheben ist zudem rechter Flügelverteidiger Justin beim Verfolgen von Wirtzs Abkippbewegungen in der Breite. Durch seine Aggressivität im direkten Duell konnte man weitgehend das Aufdrehen gen Zentrum des Deutschen verhindern. Liverpool musste demnach sehr viel auf der linken Seite zurück in die erste Aufbaulinie spielen.

Anfälligkeit durch aktive Pressingauslösung

Direkteres Spiel auf der rechten Seite

Etwas anfälliger in den ersten 25 Minuten zeigte sich Leeds auf der rechten Aufbauseite. Hier suchte man außerdem aktiv das Pressing auf Rechtsverteidiger Bradley – anders als beim Linksverteidiger Robertson, der nur angegriffen wurde, wenn er sehr weit andribbelte. Zu vermuten ist, dass dies damit zusammenhängt, dass Linksaußen Aaronson, anders als Pendant Rechtsaußen Stach, nicht durch Achter Szoboszlai breit gebunden wurde, da dieser zentraler agierte als Jones und demnach von Gruev markiert wurde. Insgesamt gab man damit auch die Dreiecksbildung auf der rechten Seite teilweise auf und übertrug Szoboszlai vielmehr eine bindende Rolle an Gruev. Demnach konnte Linksaußen Aaronson auch aktiv das Pressing auf Bradley suchen. Zwar isolierte der Amerikaner durch den diagonalen Anlaufwinkel gut den Passweg zu Szoboszlai, aber linker Flügelverteidiger Gudmundsson hatte Probleme, die sehr breite frühe Positionierung von Frimpong aufzunehmen. Dadurch zog er ein paar Mal im 1-gegen-1 den Kürzeren, weil Frimpong mit seinem extrem guten ersten Kontakt oft direkt wieder in den Halbraum ablegte.

In der Folge erwies sich die aktive Pressingauslösung Aaronsons zudem als Problem, da Bradley nach Abspiel auf Frimpong direkt im Spielen & Gehen den Halbraum nachbesetzte. Leeds hatte leichte Probleme in den Zwischenräumen der Fünferkette zwischen Gudmundsson und Struijk, wodurch dieser Raum immer wieder von Bradley genutzt wurde. Durch das aktive Auslösen des Pressings musste Aaronson beim Folgen des Durchschiebens von Bradley plötzlich die Richtung – nach dem Pressing – ändern und hatte so teils Nachteile im Antritt gegen Liverpools Rechtsverteidiger. Dieser konnte dadurch von Frimpong mehrmals im Halbraum angespielt werden. Technische Probleme im Dribbling schwächten den Vorteil des Rechtsverteidigers zwar ab, aber insgesamt zeigte er gute Kombinationen mit Frimpong, da dieser auch direkt im Spielen & Gehen nach Abspiel sich wieder anbot im Rücken des Rechtsverteidigers.

Dadurch, dass Bradley durch das Durchschieben zudem Aaronson aus dem Mittelfeld herauszog, öffnete er auch den Dribblingweg für Frimpong, der invers nach innen vor die Verteidigungslinie Leeds zog. Der Weg in die Box gestaltete sich jedoch durch technisch sehr unsaubere Flanken sowie durch das Blockieren potenzieller Fernschusswege und Räume vor der Box – insbesondere in Zone 14 – durch ein zunehmend tiefer stehendes 5‑4‑1 mit engen Mittelfeld als schwierig. Gudmundsson hatte aber im 1‑gegen‑1 aufgrund des zu großen Abstands weiterhin durchaus Probleme im direkten Duell. Ein paar Mal musste daher Achter Gruev seine Markierung auf Szoboszlai auflösen, um den eindribbelnden Frimpong zu attackieren. Dadurch konnte sich Szoboszlai im Rückraum lösen und wurde mehrmals von Frimpong angespielt. Über den Ungarn vor dem Mittelfeld konnte Liverpool dann verlagern, sich insgesamt aus dem Druck lösen und darüber die Aufbauhöhe steigern.

Zwar schob auch Linksverteidiger Robertson gelegentlich im Halbraum nach Abspiel auf Wirtz durch, aber einerseits lag bei ihm ein etwas zu großer Fokus auf das Besetzen der Tiefe hinter der gegnerischen Fünferkette, die Wirtz aufgrund seines Aufdrehproblems gegen den aggressiv herausverteidigenden Justin nicht bespielen konnte, und andererseits sah man zudem kaum inverse Dribblings von Wirtz, obwohl Robertson durchaus ein paar Mal Stach lose aus dem Mittelfeld zog. So war die Wirkung dessen auf der linken Seite deutlich geringer als auf der rechten.

Rotationen als Schlüssel?

Das Team von Arne Slot sucht gerade auf der linken Seite gegen tiefere und mittlere Blocks auch relativ schnell Rotationen, wenn man Probleme bekommt; so war es auch gegen Leeds zu sehen:

  • Robertson für Wirtz als Flügelspieler: Er agierte in einer tieferen und horizontaleren Grundposition und war daraus deutlich weniger auf das 1-gegen-1 fokussiert als Wirtz, sondern vielmehr auf das Bespielen des Zwischenlinienraums aus dieser Ausgangsposition. Rechter Flügelverteidiger Justin nahm diese tiefe Grundposition nicht direkt auf und hatte anschließend Probleme beim Herausschieben auf Robertson gegen dessen horizontale Körperhaltung,

    Rotationen ziehen den Zwischenlinienraum auf

  • Jones für Robertson als Linksverteidiger: Dafür agierte der nominelle Achter etwas tiefer und eingerückter. Der dadurch entstehende vertikale Anlaufwinkel Stachs auf Jones hatte jedoch den Effekt, dass der Passweg in den Raum vor der Verteidigungslinie auf Stürmer Ekitiké nicht mehr isoliert war. Folglich konnte Jones ein paar Mal den Stürmer dort anspielen. Der Stürmer zeigte zwar eine gute Wahl der Grundpositionierung, spielte aber einerseits technisch unsaubere Ablagen ins Zentrum, da er andererseits gegen den eng mitverteidigenden Bornauw leichte Probleme hatte und sich kaum aktiv einbrachte.
  • Wirtz für Jones als Achter: Die spürbarste Änderung war das situative Einrücken Wirtz’ ins Zentrum bzw. in den linken Halbraum für Jones. Einerseits, weil Wirtz deutlich freier in seiner Positionierung agierte als der Engländer und sich dadurch immer wieder in den Zwischenlinienraum bewegte, und andererseits, weil Ampadu immer wieder lose auf Gravenberch aufschob – gerade durch den neuen Passwinkel Jones. So agierte man im Zentrum situativ im 2‑gegen‑1 gegen Gruev und versuchte, diese Überzahl mittels Ablagenspiel über Ekitiké zu bespielen. Neben den technischen Problemen des Franzosen stellte es sich aber auch als sehr schwierig dar, das Zentrum vor Leeds’ Verteidigung zu bespielen. Einerseits, weil die Achter sehr gut im Rückwärtspressing agierten, und andererseits, weil die Verteidiger die Tiefenlaufwege weiterhin gut zustellten und kaum Räume zwischen den Verteidigern öffneten. Dadurch kamen auch zentrale Dribblings von Wirtz kaum durch.

Probleme gegen Rückwärtspressing

Man konnte also durch die Rotationen situativ den Weg zur letzten Linie freiziehen und darüber gezielt Dynamik erzeugen. Ferner hatte man aber weiterhin extreme Probleme, den Raum hinter Leeds’ Verteidigungslinie zu bespielen. Ein großer Punkt dabei ist auch die Aktivität und ballnahe Präsenz: Zwar gelang es Liverpool, insbesondere Aktivität – gerade mittels Rotationen – partikular und situativ zu erzeugen, jedoch fehlte spürbar eine kollektive Bereitschaft zu unterstützenden Bewegungen, sodass auch kaum ein Herausziehen der Halbverteidiger von Leeds etwa erfolgte – demnach fand man auch kaum Tiefe. Gerade bei Dribblings vor der Verteidigungslinie von Wirtz zeigte sich dies: Ekitiké und Szoboszlai befanden sich meist in einem Radius von mehr als etwa zehn Metern entfernt von Wirtz, wodurch die eigentliche zentrale Überzahl plötzlich gegen die rückwärtspressenden Achter und Halbverteidiger aufgelöst wurde. Wirtz (oder auch teilweise Dominik Szoboszlai) agierte im Dribbling somit häufig in einer 1‑gegen‑3- oder 1‑gegen‑4-Situation. Das Abstandsproblem zeigte sich dann auch in der Box: Gerade Ekitiké konnte zwar den Ball teils in der Box sichern, nachdem Flanken angekommen waren, aber es fehlte schlichtweg an direkter Präsenz um ihn herum für Ablagen. Dadurch verlor er den Ball oft gegen Bijol oder konnte ihn nicht festmachen respektive sich zum Tor aufdrehen.

Es wirkt so, als wäre das Positionsspiel von Slot aktuell zwar nicht gut auf Einzelspieler abgestimmt – man zwingt gerade das Wandspiel in Ekitikés falschen Fuß, spielt Wirtz ständig gegen direkt mitverteidigende Flügelverteidiger im Rücken an und isoliert auch Frimpong häufig im 1‑gegen‑1 -, aber die Abhängigkeit von Einzelspielern ist dennoch (und bewusst?) exorbitant hoch. Es wirkt zwar nicht so, als hätte Liverpool ein grundsätzliches Systemproblem im Positionsspiel, jedoch ein Interaktionsproblem, das sich in fehlender Unterstützung, daraus resultierender mangelnder Explosivität und Aktivität ausdrückt und somit auch Probleme in einzelnen Aktionen verursacht. Dieses Muster zog sich durch das gesamte Spiel.

Liverpool sucht weiter Chancen…

Eine Schwäche der Gäste war ohne Frage die Rückpasssicherung: Nmecha ließ sich, wie eingangs beschrieben, zentral zu Gravenberch zurückfallen und hatte damit keinen direkten Zugriff auf die Innenverteidiger nach etwaigen Rückpässen. Zwar schob teilweise Linksaußen Aaronson nach Rückpässen auf Konate durch, dennoch konnte sich Liverpool oft über Rückpässe aus dem Druck lösen und verlagern. Dies stellte zwar insgesamt kein größeres Problem im flachen Aufbauspiel dar, da die ballfernen Flügelspieler eng an den eingerückten Außenverteidigern von Liverpool verblieben und so keine ballferne Überzahl für die Reds entstand. Gerade weil die Innenverteidiger nach Verlagerungen den ballfernen Außenverteidiger nicht bedienen konnten, bestand dennoch ein gewisser Zwang zur Direktheit nach Verlagerungen. Demnach sah man durchaus einige lange Bälle von Liverpool – insbesondere zur Mitte der ersten Halbzeit.

Das wurde auch vereinzelt gefährlich, gerade wenn Ekitiké mit seiner guten Physis und Qualität im Abschirmen das Laufduell gegen Bijol gewann und in die Box eindringen konnte. Das Kernproblem blieb jedoch weiterhin, dass Leeds durch die engen Abstände innerhalb der Verteidigungslinie die Angreifer in Unterzahl setzen konnte und damit selbst in Momenten, in denen ein langer Ball durchrutschte, improvisierend den Abschluss verhindern konnte. Durch diese Enge verschloss Leeds auch den direkten Weg zum Tor und drängte die Angreifer nach außen nach den langen Bällen. Das Kernproblem war dabei, dass die direkte Präsenz in der Box fehlte, und aus der Isoliertheit heraus kam man kaum zu gefährlichen Abschlüssen.

Dass Leeds mit Aaronson teilweise auf Konate nach Rückpässen durchschob, hatte auch einen guten Grund: Konate spielt exzellente Diagonalverlagerungen auf die sehr breiten Flügelspieler, die dadurch einen gewissen Schwachpunkt für Leeds darstellten, da die ballfernen Flügelverteidiger eingerückt agierten. Das Problem aus Sicht von Leeds war hierbei zweigeteilt: Einerseits hatte Aaronson teils einen zu weiten Pressingweg auf Konate und konnte daraus zu wenig Druck ausüben, um etwaige Diagonalverlagerungen zu unterbinden – gerade weil Konate einen sehr guten Antritt beim Andribbeln hat. Andererseits reagierte Aaronson nur, wenn Konate über Bradley angespielt wurde; verlagerte Liverpool aber von der linken Aufbauseite auf Konate, erfolgte kein Durchpressen.

Konate als Verlagerungsspieler

Tendenziell nutzte Liverpool dies jedoch auch deutlich zu wenig aus und spielte gerade die Verlagerungen zwischen den Innenverteidigern mit zu wenig Tempo, sodass der ballferne Flügelverteidiger von Leeds bereits früh auf den ballfernen Flügelspieler von Liverpool verschieben konnte. Zwar waren infolgedessen die Abstände zwischen Flügelverteidigern und Halbverteidigern durch das fehlende Einrücken der Halbverteidiger etwas unsauber, wodurch der Halbraum teilweise belaufbar war. Jedoch kam es nur vereinzelt dazu, dass dieser bespielt wurde, denn Wirtz und Frimpong hatten unter dem direkten Druck der Flügelverteidiger durchaus Probleme, diese hohen Diagonalverlagerungen zu verarbeiten und konnten so kaum direkt die Tiefe bespielen.

Ferner waren beim FC Liverpool weiterhin durchaus Rotationen zu beobachten. So rotierten immer wieder Achter Jones und Szoboszlai, wobei besonders auf der linken Seite die spielerische Stärke Szoboszlai gegen Stachs Pressing punktuell positiv auffiel. Ampadu nahm hier jedoch im Verlauf eine essenzielle Rolle ein: Durch Stachs vertikales Anpressen war der Passweg ins Zentrum, wie bereits beschrieben, nicht mehr isoliert. Der Waliser wich nun jedoch immer wieder leicht aus und isolierte so den Passweg des linken Achters in den Zwischenlinienraum. Allgemein agierten die Achter von Leeds beim Ballbesitz des linken Achters von Liverpool deutlich tiefer, um den Raum zwischen den Linien zu verengen, der zuvor lange Zeit zu groß war. Folglich tat sich Liverpool nun schwer, weiterhin den Stürmer ins Wandspiel zu bringen.

Aaronson rückt in die Verteidigung ein

Gerade aus dieser zentralen Isolation tauschte auch Ekitiké immer wieder Positionen mit Florian Wirtz. Dabei zeigte Ekitiké in der Breite durchaus gute Ansätze: Durch seine Dribbelstärke, kombiniert mit seiner Physis, konnte er sich ein paar Mal aufdrehen und das 1‑gegen‑1 gegen Justin suchen. Insgesamt sah man nun statt des halbraumorientierten Durchschiebens im „Spielen & Gehen“ der Außenverteidiger von Liverpool zunehmend ein Hinterlaufen, um Tiefe in der Breite zu schaffen. Das Problem aus Sicht der Heimelf war jedoch, dass die Flügelspieler von Leeds die Bewegungen mitverfolgten und beim Hinterlaufen in die Verteidigungslinie in ein 6‑3‑1 einschoben. Dadurch konnten sie bei Tiefenspiel auf den hinterlaufenden Außenverteidiger herausrücken, sodass keine Unterzahl für Leeds in der Breite entstand und die Außenverteidiger kaum freie Räume in der Tiefe fanden.

Man sah jetzt, gerade nach Rückpässen aus diesen 1‑gegen‑1- und 2‑gegen‑2-Situationen in der Breite, einige Halbfeldflanken von Liverpool in die Box, die jedoch fast keinen Abnehmer fanden. Einerseits, weil Ekitiké weiterhin Probleme in der Ballverarbeitung hatte – insbesondere im Luftzweikampf (Quote 21%) – und auch kaum Anspieloptionen besaß. Zwar bewegte sich teils Wirtz in seinem Rücken innerhalb der Box, aber durch die tiefen Achter von Leeds wurde auch der Rückraum gut abgesichert. Insgesamt sah man kaum Einlaufen in der Box seitens Liverpool – wobei gerade die Achter Gravenberch und Szoboszlai sowie die ballfernen Flügelspieler extrem enttäuschten -, sondern einen zu starken Fokus auf das Zielspiel auf den Stürmer. Von 25 Flanken kamen im Spiel gerade einmal vier an (16%).

Liverpool´s Probleme in der Box

…aber Leeds wartet auf das Risiko

Demnach verursachte Liverpool nach Flanken oder langen Bällen insgesamt auch einige Ballverluste, und im Gegenpressing zeigte sich die Elf von Arne Slot sehr anfällig. Zwar zeigte man in der ersten Zugriffswelle (roter Kreis) – gerade durch die direkte Präsenz von Stürmer Ekitiké und der aufgerückten Achter – direkten Zugriff und versuchte Überzahlpressing. Doch gerade auf die Halbverteidiger, die am meisten Flanken und lange Bälle sicherten, entstanden daraus oft nur diagonale oder seitliche Winkel. Der Vertikalpassweg im Halbraum war somit nicht isoliert, und Leeds konnte mehrmals über Tiefbälle die erste Zugriffswelle direkt überspielen. In der zweiten Zugriffswelle (grün) hatte Liverpool große Probleme. Dies lag einerseits am großen Raum vor der Verteidigungslinie, da Sechser Gravenberch nach Ballverlusten auf den ballnahen Achter aufrückte und somit den Sechserraum nicht mehr sicherte.

Liverpool im Gegenpressing

Das war vor allem deshalb problematisch, weil Liverpools Außenverteidiger mit der Zeit immer höher und breiter agierten und so den direkten Zugriff im Umschalten auf Leeds’ Flügelspieler im Halbraum verloren. Folglich mussten diese von den Innenverteidigern übernommen werden. Demnach musste der ballnahe Innenverteidiger Liverpools in den Halbraum schieben, um die Bewegungen des Flügelspielers zu verfolgen, während der ballferne Innenverteidiger Nmecha im Sechserraum markierte. Dieser Übergabeprozess verlief jedoch teilweise unsauber, wodurch Nmecha im Zwischenlinienraum anspielbar blieb und Leeds mehrfach über den Deutschen als Restangreifer den Ballbesitz sichern konnte, da die Innenverteidiger seine Ausweichbewegungen nicht direkt und eng mitverfolgten.

Insgesamt verlor Liverpool gerade durch diese Übergaben den mannorientierten Zugriff und schob infolgedessen nach Ballverlust fast nur noch intuitiv mit den Innenverteidigern zurück, um zumindest die Tiefenlaufwege der langen Bälle auf die Flügelspieler und den Stürmer zu schließen. Das hatte wiederum den Effekt, dass sich der Raum vor der Verteidigung weiter vergrößerte und zweite Bälle nach Klärungen von Leeds immer wieder in diesem Raum landeten. Es entstanden einige Ping-Pong-Duelle und insgesamt wenig Kontrolle seitens Liverpool. Tendenziell muss sich Restangreifer Nmecha jedoch vorwerfen lassen, dass er zu wenige lange Bälle gegen die Innenverteidiger Liverpools in der Luft festmachen konnte, denn hier zog er meistens den Kürzeren (nur 2 von 7 gewonnenen Duellen im Spiel). Insgesamt war der Abstand zwischen dem Restangriff und den übrigen Mannschaftsteilen von Leeds im Umschalten zu groß, sodass man häufig zu isoliert in 2-gegen-2-Situationen agierte. Liverpools Innenverteidiger konnten die Flügelspieler dabei gut in die Breite drängen, um Zeit für das Zurückfallen der eigenen Mannschaft zu gewinnen. In der Folge fehlte Leeds in der Box die notwendige Präsenz.

Gegen Ende der ersten Halbzeit entwickelte sich ein zunehmend zerfahrenes Spiel, geprägt von zahlreichen Umschaltmomenten. Liverpool kam dabei durch Ekitiké zur besten Chance der Partie (33., 0,78 xG), als er nach einem Einlaufen in die Box – was aus Liverpooler Sicht an diesem Abend leider die Ausnahme blieb – im toten Winkel von Keeper Meslier das nahezu leere Tor verfehlte. In dieser Szene wurde zugleich deutlich, welches Potenzial Liverpool liegen ließ: Einerseits hätte man häufiger von der Grundlinie flanken können, wie es Frimpong hier nach einer gesicherten, zu weiten Halbfeldflanke von Robertson gelang. Andererseits hätte Ekitiké insgesamt mehr Aktivität im Einlaufen in die Box zeigen müssen, anstatt sich fast ausschließlich auf das Zielspiel zu fokussieren – gerade auch weil die Verteidiger Leeds im Bewegungskomplex gegen den Franzosen Nachteile haben. Diese Situation sollte letztlich die mit Abstand beste Torchance des Abends bleiben.

Zweite Halbzeit

Arne Slot erklärte nach dem Spiel: “If you look at football, then you see two ways of unlocking a low block. You need pace, you need to be quick and dominate your one-on-one situations, or you need a set-piece.” Beides war in der ersten Halbzeit bei Liverpool jedoch kaum vorhanden. Zum einen fehlte es an Tempo in den Verlagerungen und Durchschlagskraft in den isolierten 1-gegen-1-Situationen, zum anderen konnte man auch aus Standardsituationen kein Kapital schlagen. Leeds verteidigte die Ecken mit klarem Manndeckungsfokus und sicherte beide Pfosten sehr gut mit zwei Raumdeckern ab. Besonders den Verfolgern der Liverpooler Einläufer ist hier ein Lob auszusprechen: Sie verloren ihre Gegenspieler nicht und konnten gerade kopfballstarke Akteure wie van Dijk dadurch gut wegblocken und aus dem Zielspiel nehmen. Insgesamt kann man jedoch auch über Slots Aussage streiten. Gerade mit dieser Offensive ist es mindestens fragwürdig, den Fokus so stark auf isolierte 1-gegen-1-Situationen in der Breite zu legen und Interaktionen zwischen den Spielern zu in den Hintergrund zu stellen – insbesondere, da mit Salah einer der besten (isolierten) Dribbler fehlte an diesem Tag.

Liverpool zieht in HZ2 das Zentrum mit Gravenberch/Szoboszlai frei

Insgesamt setzte sich in der zweiten Halbzeit fort, was sich bereits zum Ende der ersten 45 Minuten angedeutet hatte. Gravenberch agierte nun höher und band dadurch den rechten Achter Ampadu, während Gruev von Szoboszlai gebunden wurde. Der dahinterliegende Gedanke war offenbar, die Achter von Leeds auseinanderzuziehen, den Passweg ins Zentrum auf Wandspieler Ekitiké zu öffnen und diesen über Konatés starkes linienbrechendes Passspiel zu bespielen.

Das funktionierte systematisch durchaus solide, jedoch blieben die Probleme in den Folgebewegungen bestehen. Vor allem die Achter von Leeds agierten weiterhin extrem stark im Rückwärtspressing und nahmen Ekitiké damit nahezu sämtliche Optionen im Ablagespiel – auch deshalb, weil ihm weiterhin direkte Anspielstationen fehlten. Die Achter mussten sich bewusst vom Franzosen wegbewegen, um die gegnerischen Mittelfeldspieler aus dem Zentrum zu ziehen, und waren dadurch kaum im Ablagenspiel anspielbar. Zwar bot sich der höhere Jones immer wieder unterstützend an, wurde jedoch eng von Bornauw verfolgt und agierte zudem zu hoch auf der linken Seite. Dadurch hätte Ekitiké ihn meist mit dem schwachen Fuß anspielen müssen, was er eher vermeidet.

Probleme hatte man auch weiterhin im tiefen Aufbauspiel gegen das manndeckende Zustellen von Leeds, wobei man versuchte, über einen diagonal abkippenden Jones den direkten Gegenspieler Ampadu zu lösen und daraus die Manndeckung auszuhebeln. Dies stellte sich jedoch teils als schwierig dar – schon in der ersten Halbzeit verlor er daraus einen Ball an Ampadu, der beinahe die Führung erzielte. Demnach suchte Jones kaum noch Dribblings und passte meistens zurück zu Alisson, der anschließend den langen Ball in die Präzisionsbildung auf der linken Aufbauseite mit Wirtz und dem ausweichenden Ekitiké suchte. Diese taten sich aber einerseits in der Luft gegen ihre direkten Gegenspieler Bijol und Bornauw sehr schwer, und dadurch, dass sich rechter Flügelverteidiger Justin zudem nun in den Halbraum fallen ließ und so ein 3‑gegen‑2 gegen das Duo von Liverpool herstellte, konnten diese kaum noch Bälle sichern.

Leeds im manndeckenden Angriffspressing

Die zweiten Bälle landeten aber meistens bei den Achtern Szoboszlai und Gravenberch. Leeds ließ sich dann auch relativ schnell wieder ins 5‑4‑1-Mittelfeldpressing fallen und verzichtete auf eine zweite Angriffspressingwelle; vielmehr presste man nur noch beim Abstoß der Reds. In den letzten 30 Minuten fand man zwar ein paar Mal Jones zwischen den Linien im höheren Aufbauspiel, der sich aus der hohen Grundposition immer wieder von Bornauw lösen konnte, der nicht herausverteidigte, und sich dann oft im Halbraum aufdrehte. Meistens wurde er aber von Stach angegriffen und hatte etwas Probleme beim Zudribbeln auf die Verteidigungslinie. Häufig legte er dann auf Flügelspieler Wirtz ab oder auf den aufschiebenden Robertson, der weiterhin fleißig aus dem Halbfeld direkt flankte.

In der Box hatte man ähnliche Probleme wie in den ersten 45 Minuten, auch weil Leeds dort noch direkter und enger doppelte mit dem ballnahen Halbverteidiger und MIV Bijol. Leeds fuhr weiter gelegentlich Konter über Nmecha, und auch Linksaußen Aaronson agierte im Restangriff zunehmend höher und schob direkter durch. Dadurch band er teilweise den linken Innenverteidiger Konate gut und schuf mehr Raum für Nmecha im Sechserraum, den dieser mittels Dribblings auch vereinzelt gut nutzen konnte. Liverpool ließ sich jedoch weiterhin gut fallen nach den Durchbrüchen von Leeds. Tendenziell war gerade im Umschalten der Kraftverlust auf beiden Seiten zunehmend spürbar.

Der eingewechselte Gakpo auf der linken Seite als Flügelspieler brachte gerade im Spielen & Gehen mit dem eingewechselten Linksverteidiger Kerkez etwas neuen Schwung und wurde auch vereinzelt in der Tiefe gefunden. Dies lag auch daran, dass bei rechten Flügelverteidiger Justin langsam die Kräfte beim Herausverteidigen und Schließen der Tiefe nachließen, und auch Stach im Verfolgen zunehmend an Antritt einbüßte gegen Gakpo. Ein paar Mal konnte Gakpo auch im Dribbling nach innen ziehen, doch die Achter von Leeds sicherten vor der Verteidigungslinie ausschiebend gut die inversen Dribblings und damit auch die Fernschussoptionen ab. MacAllister brachte im linken Halbraum für Jones nochmal deutlich mehr Qualität im direkten Ablagenspiel, wobei er gerade mit dem hohen Linksverteidiger Kerkez in der Breite gut harmonierte. Das eingewechselte Trio auf der linken Seite zeigte endlich die Kombinationen aus dem altbekannten Dreiecksspiel, die in den ersten 70 Minuten gefehlt hatten. Zwar verteidigte Leeds die Abkippbewegungen im Halbraum nun direkt mit der Verteidigungslinie mit, hatte jedoch Probleme beim Durchpressen und konnte die Ablagen nicht mehr unterbinden. Der Führungstreffer sollte jedoch nicht mehr gelingen.

Fazit

Aus Liverpool-Sicht kann man mit diesem Spiel nicht zufrieden sein. Bis auf die Schlussphase, in der Leeds kräftebedingt nachließ, zeigte man gerade im eigenen Ballvortrag eine absolut inakzeptable Leistung gegen das kompakt im 5‑4‑1 verteidigende Leeds, das zwischen Tiefenverteidigung und mittlerem Block wechselte und zudem Entlastung über Konter und Angriffspressing fand. Daniel Farke und Leeds United mausern sich langsam aber sicher zu einem komfortablen Platz an der Sonne über dem tristen Abstiegskampf in der Premier League mit sieben Punkten Abstand zu Platz 18, während Liverpool den Anschluss an die Top 3 zunächst verloren hat. Dieses Spiel ist definitiv ein Schritt zurück für Arne Slot – mit Fulham wartet ein ähnlicher Mittelblock (der PPDA-Wert von Leeds liegt bei 13,5 und ist nur um 0,2 kleiner als der von Fulham), die nach xGA jedoch die siebtbeste Defensive der Liga stellt. Liverpool muss sich gegen die Cottagers bessern im Bespielen dieser Blocks – auch wenn mit Arsenal in einer Woche wieder eine ganz andere Mannschaft auf Slot wartet.  

MX machte sich in Regensburg mit seiner Vorliebe für die Verübersachlichung des Spiels einen Namen. Dabei flirtete er mit der RB-Schule, blieb aber heimlich immer ein Romantiker für Guardiolas Fußballkunst.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*