Türchen 12: Hamburger SV – Juventus Turin 1983 – MX
von Next Generation am 12.12.2025 in den Kategorien Adventskalender mit 0 Kommentaren
1:0
Der Sportverein aus dem Norden der Republik feiert im Mai 1983 in Athen den größten Erfolg der Vereinsgeschichte – und den Höhepunkt von Ikone Ernst Happel.
Die Elf von Happel, welche zuvor Real San Sebastián mit 3:2 nach Hin- und Rückspiel aus dem Landesmeistercup kegelte, agierte aus einer 4-4-2-Grundformation heraus: Stein stand im Tor, davor spielten Kaltz und Wehmeyer als Außenverteidiger sowie Jakobs und der weit aufschiebende Hieronymus als Innenverteidiger. Groh und Milewski fungierten als Außenspieler, während Rolff und der spätere Siegtorschütze Magath die Achterpositionen besetzten. Bastrup und Hrubesch bildeten den Doppelsturm. Die Mannschaft von Juventus Turin unter Coach Giovanni Trapattoni hatte im Halbfinale Widzew Łódź ausgeschaltet und reiste als etwas enttäuschter Vizemeister nach Griechenland. Man agierte aus einem 4-1-4-1 heraus: Zoff agierte im Tor, davor Scirea und Brio als Innenverteidiger sowie Cabrini und Gentile als Außenverteidiger. Bonini spielte als Sechser, Platini und Boniek besetzten die Zehnerrollen, während Bettega und Tardelli auf den Flügeln um Stürmer Rossi herum agierten.

Die Grundformationen
Früher Jubel der Rothosen
Tatsächlich ging die Initiative wie zu erwarten eher an die Rothosen, gegen das eher passive 4-1-4-1-Abwehrpressing der Turiner. Die Progression fand man in den ersten Minuten vor allem über Achter Rolff, der sich immer wieder zwischen die Innenverteidiger Jakobs und Hieronymus abkippen ließ und aus dieser zentralen Position weit andribbeln konnte. Das lag einerseits am fehlenden Anlaufen Rossis in der ersten Pressinglinie, wodurch Rolff immer wieder im Raum zwischen den Turiner Flügelspielern und Zehnern im Halbraum andribbeln konnte, ehe Sechser Bonini herausschob. Das Zentrum wurde zudem anfällig, weil die Zehner Platini und Boniek zu mannorientiert im Halbraum gegen Magath und den einkippenden Rechtsverteidiger Kaltz agierten. Dieses Herausrücken des Sechsers öffnete regelmäßig Passwege für Rolff direkt auf die Stürmer, vor allem auf Horst Hrubesch, der sich immer wieder geschickt zwischen den Linien bewegte. Allerdings war seine Ballsicherung gegen die sehr aggressiv mitverteidigenden Scirea und Brio in dieser Phase noch etwas unsauber.
Aggressiv ist insgesamt ein gutes Stichwort bei der Elf von Trapattoni, denn dieses Merkmal sah man auch bei den Außenverteidigern Cabrini und Gentile. Hamburgs Flügelspieler Groh agierte rechts immer wieder aus einer sehr tiefen Grundposition, gerade weil Rechtsverteidiger Kaltz häufig in den Halbraum einrückte. Dadurch konnte Groh immer wieder Dribblings gegen Juves Rechtsaußen Bettega suchen – besonders auffällig dabei sein Fokus auf das inverse Eindribbeln in den Halbraum, während sich Stürmer Bastrup kreuzend in die Breite bewegte. Weil Bettega beim Verteidigen dieser inversen Wege gewisse Probleme hatte, sich teils unsauber drehte und insgesamt Schwierigkeiten in der Balance zeigte, konnte Bastrup darüber immer wieder angespielt werden. Allerdings tat auch er sich in der frühen Phase noch etwas schwer in der Ballsicherung, da Linksverteidiger Cabrini die Ausweichbewegungen Bastrups extrem aggressiv und direkt verfolgte.

HSV im Dreieraufbau
Über diese inversen Wege der tiefen Flügelspieler fand der HSV auch immer wieder die Achter zentral wieder, die sich insgesamt gut im Raum zwischen Juves Zehnern und Sechser Bonini zeigten in den Vorrückbewegungen – und so immer wieder zu Dribblings kamen. Besonders markant bei Rolff und Magath waren zudem die Bewegungen im Spielen & Gehen, wodurch man gerade nach Dribblings sofort diagonal auf Juves Abwehr durchschob und dadurch interessante Dynamiken erzeugte. Das lag vor allem daran, dass dieses diagonale Durchschieben Juves Außenverteidiger immer wieder enger band und dadurch ein 2-gegen-1 gegen eben diese geschaffen wurde. Folglich hatten Groh und Milewski bei Dribblings deutlich mehr Raum und Zeit, und auch die Ausweichbewegungen der Hamburger Stürmer wurden weniger direkt-aggressiv nachverfolgt. Der HSV entlastete sich so bereits nach wenigen Minuten aus dem Turiner Druck.
Insgesamt zeigte sich die Elf von Trapattoni in den Rückfallbewegungen etwas unsauber. Gerade die Flügelspieler ließen den Außenverteidigern, besonders Linksverteidiger Wehmeyer, zu viel Raum und griffen kaum aktiv an, sodass dieser immer wieder andribbeln konnte. Dadurch ergab sich im letzten Drittel zusammen mit Linksaußen Milewski häufig ein 2-gegen-2 gegen Juves Rechtsverteidiger und Rechtsaußen, wodurch die beiden Hamburger immer wieder ins Zentrum ziehen und dort die aufschiebenden Achter Magath und Rolff bedienen konnten. Dieses fehlende Greifen der Turiner setzte sich fort: In der neunten Minute dribbelte Felix Magath halblinks an, wurde von Flügelspieler Bettega nicht entscheidend gestellt und konnte aufgrund der sehr tiefen Juve-Linien ungehindert zum Fernschuss ansetzen – ein wunderschöner Treffer zum 1:0.
Teilweise ließ sich Rechtsaußen Tardelli zudem zu langsam fallen und konnte die Dribblings kaum noch greifen, sodass Innenverteidiger Scirea oder der Sechser weit auf den andribbelnden Außenverteidiger herausschieben mussten. Dadurch öffnete sich immer wieder der Raum zentral vor der Juve-Verteidigung, den der HSV zunehmend zu bespielen versuchte. Auffällig war außerdem, dass Bastrup und Hrubesch bei Flanken kaum aktiv einliefen, sondern sich bewusst in jenen Räumen vor den Innenverteidigern Juves bzw. im Zwischenlinienraum zwischen Sechser Bonini und der Abwehrlinie bewegten. Die vielen frühen Flanken konnte die deutsche Elf jedoch zunächst kaum nutzen.
Platini sucht den Bogen um Bettegas Hacke
Tatsächlich zeigte aber auch der norddeutsche Spitzenklub vor dem Führungstreffer und ebenso danach gewisse Probleme im Spiel gegen den Ball, wo man aus einem 4-4-2-Abwehrpressing heraus agierte. Durch die enge Grundstellung der Hamburger Flügelspieler Groh und Milewski konnten Juves Außenverteidiger häufig den Vertikalpass in die Breite auf die Flügelspieler Bettega und Tardelli suchen. Diese bewegten sich früh tiefer und konnten sich so mehrfach von den HSV-Außenverteidigern Kaltz und Wehmeyer lösen, die im Herausverteidigen noch Probleme hatten.

Platini via Hacke eingesetzt
Das lag auch daran, dass Juves Außenverteidiger nach dem Abspiel direkt im Spielen-und-Gehen nachschoben, die Flügelspieler unterstützten und nach Ballverlust individuell sofort ins Gegenpressing gingen. Dadurch entstanden bei Juve immer wieder gute Pärchenbildungen, besonders auf der linken Seite mit Bettega und Cabrini. Auch Stürmer Rossi rotierte gelegentlich mit den Flügelspielern und konnte dank seiner deutlich hervorzuhebenden Physis den Ball im Wandspiel häufig gut sichern.
Insgesamt hatten Magath und Rolff im Zentrum etwas Probleme mit den inversen Bewegungen der Juve-Flügelspieler, weil dadurch immer wieder ein 3-gegen-2 im Zentrum entstand, das Juve mit entgegengesetzten Bewegungen recht sauber ausspielte. Einerseits lief Platini immer wieder in einem Bogen hinter Bettega in den Halbraum ein, sodass dieser ihn mehrfach per Hacke anspielen konnte. Gleichzeitig schob Bettega zentral durch und band damit Rolff, wodurch Boniek in seinen unterstützenden Bewegungen keinen direkten Gegenspieler hatte. Gerade durch Platinis Bogeneinläufe wurde auch Magath immer wieder in die Breite gezogen und Hamburgs Achter voneinander weggeschoben. Dadurch öffneten sich regelmäßig Räume für Passwege zwischen den Linien, die Juve konsequent suchte – gerade mit dem aufschiebenden Boniek oder auch mit dem abkipenden Stürmer Rossi.
Der HSV pokert auf Entlastung
Ein Problem Juves war jedoch das Agieren im letzten Drittel. Der HSV ließ sich gerade mit den Achtern immer wieder zwischen die eigenen Innenverteidiger fallen, sodass phasenweise eine Art Sechserkette in der Box entstand. Zwar taten sich die Außenverteidiger der Hamburger bei der Flankenverhinderung etwas schwer, doch Juve fand in der Box kaum Lösungen gegen diese dicht gestaffelte Linie. Einerseits spielte Rossi vielleicht zu sehr um die Box herum, sodass ein essenzieller Zielspieler fehlte, andererseits agierten Jakobs und Hieronymus an diesem Abend herausragend im Kopfballspiel. Mit engen Manndeckungen in der Box fing der HSV besonders die einlaufenden Bewegungen von Platini und Boniek immer wieder zuverlässig ab.
„Je weiter der Ball vom gegnerischen Spieler entfernt ist, desto mehr spiele ich auf Raumdeckung; je näher der Ball zum gegnerischen Spieler kommt, desto mehr spielt man auf Manndeckung“ – Ernst Happel
Dass man Juve gewissermaßen die Räume um die Box herum gewährte und sie damit auch bewusst lockte, war wohl durchaus Teil des Plans. Schon nach gut 20 Minuten fuhr der HSV mehrere gute Entlastungsangriffe und konterte die zunehmend höher aufrückenden Turiner effektiv aus. Besonders die dribbelstarken Außenverteidiger wurden nach Ballgewinnen schnell gesucht, weil Juve enorm viel Raum zwischen den eigenen Außenverteidigern und den sehr hoch stehenden Flügelspielern ließ – Räume, die der HSV konsequent für Dribblings nutzte. Gleichzeitig rückten die Hamburger Flügelspieler sofort mit auf, um Juves Außenverteidiger zu binden und deren Herausschieben zu unterbinden.
„Ich bin für offensiven Fußball, von hinten raus, daß ist das totale Spiel. Bei einem starken Gegner muß man jedoch auch zunächst defensiv spielen und dann schnelle Konterangriffe führen. Immer muß der Gegner früh angegriffen werden, alles zusammen nenne ich Pressing.“ – Ernst Happel
Folglich sah man erneut das typische inverse Eindribbeln der Hamburger Außenverteidiger. Gerade gegen die schnell nach Ballverlust zurückfallenden Turiner offenbarten sich jedoch durch deren Hast und die damit verbundene Inkompaktheit immer wieder Räume zwischen den Linien, sodass Hrubesch sich häufig fallen ließ und anspielbar wurde. Relativ schnell wurde klar: Juventus Turin braucht seine Kompaktheit wie die Luft zum Atmen – doch der HSV wusste offenbar, dass Juve diese unmittelbar nach Ballverlusten kaum herstellen konnte. Insgesamt war ein impliziertes Nebenproblem der Italiener auch, dass sie durch die Überladung der letzten Linie mit den aufschiebenden Zehnern kaum Zugriff im Gegenpressing nach eigenen Ballverlusten hatten. Dadurch bekam der HSV immer wieder die Möglichkeit, direkt die Pässe auf die Außenverteidiger zu spielen.
Gerade Wehmeyer und Milewski wurden zunehmend zu einem essenziellen Pärchen für den HSV. Durch Wehmeyers Nachschieben im Spielen und Gehen band er Rechtsverteidiger Gentile so effektiv, dass dieser beim Ballkontakt Milewskis häufig zu spät kam und mehrfach nur noch das Foul ziehen konnte. Milewski beherrschte es auf äußerst elegante Weise, seinen Gegenspieler zunächst auf sich zukommen zu lassen und sich dann den Ball weit diagonal vorzulegen, sodass sich der Verteidiger erst wieder drehen musste, ehe er überhaupt in den Zweikampf kam. Gentile sah dadurch mehrfach nur noch Milewskis Rücken und wählte schließlich die Grätsche. Nach gut einer Viertelstunde hätte daraus beinahe ein Elfmeter entstehen können; etwas überraschend aus Hamburger Sicht zeigte der Schiedsrichter jedoch nicht auf den Punkt.
Aus genau so einer Situation – einem Freistoß – entstand auch die wohl beste Chance neben dem Führungstreffer für die Hamburger. Daraus ließ sich insgesamt die Standardstrategie des HSV ableiten: In der Box positionierten sich meist fünf Spieler, die diagonal auf den ersten Pfosten einliefen und so die Raumdecker Juves immer wieder mitzogen. Gleichzeitig platzierte sich bewusst ein Zielspieler im Rücken der Raumdecker am Ende der Box, in diesem Fall Kaltz, der dann gesucht wurde.

Kaltz lauert im Rückraum
Das notwendige Drehen der Juve-Raumdecker nach diesem Diagonalspiel in deren Rücken sorgte dafür, dass Kaltz immer wieder viel Zeit hatte und so – wie hier – mit seiner hohen Qualität, auf die Happel bei den Außenverteidigern großen Wert legte, auch mal den Volley versuchen konnte. Ein Juve-Spieler konnte den Schuss jedoch noch auf der Linie abwehren. Torspieler Zoff war dabei schon geschlagen, denn auch er agierte oft zu stark auf den ersten Pfosten fokussiert und zeigte sich beim Drehen nach dem Spiel auf die beiden Pfosten beziehungsweise allgemein in seinen toten Winkeln etwas unsauber. So war er auch in dieser Situation praktisch bereits geschlagen.
Juventus´ Probleme im Aufrücken
Zur Mitte der ersten Halbzeit entwickelte sich ohnehin ein etwas wilderes Hin und Her, was vor allem an den vielen Kontern nach Hamburgs Dribblings lag, die in der Gesamtheit jedoch etwas ungenau ausgespielt wurden. Besonders das Thema Scanning ist hier relevant: Teilweise wurden sehr unsaubere Pässe – gerade auch von Linksverteidiger Wehmeyer – ins Zentrum gespielt, die Juve über Sechser Bonini gut abfangen konnte, um anschließend selbst schnell umzuschalten. Die zentralen Ballgewinne führten zu einigen direkten Vertikalspielen zwischen den Linien seitens Juventus Turin, die jedoch genau in die zentrale 2-3-Restverteidigung der Hamburger liefen. Durch das Einrücken von Kaltz (nomineller Rechtsverteidiger) in den Sechserraum sicherte man die Räume vor der eigenen Abwehr recht gut und konnte die Abkippbewegungen von Zielspieler Rossi sowie das Durchschieben von Platini sehr effektiv auffangen. Die Dreierkette fing dabei einige lange Bälle ab, während die temporäre Doppelsechs weitere Bälle anschließend sichern konnte.
Tendenziell verpasste es Juventus Turin, Hamburgs Anfälligkeit in der Breite gezielt anzuvisieren. Das 2-3-Restverteidigungssystem der Hamburger war stark zentrumsfokussiert auf Rossi und Platini, sodass über die Flügelspieler durchaus Optionen für breitere Umschaltmomente bestanden. Diese agierten jedoch im Abwehrpressing einerseits eingerückt und sehr tief, sodass sie nach Ballgewinnen und schnellen Vertikalpässen zu Zielspieler Rossi kaum nachrücken konnten. Somit spielte Juventus den Hamburgern letztlich in die Karten.
Mitte bis Ende der ersten Halbzeit zeigte sich der HSV durchaus sehr stabil, was vor allem an den Ballgewinnen nach Umschaltaktionen Juves lag. Diese Phase mit relativ schnellen Umschaltsituationen auf beiden Seiten wirkte dementsprechend eher profitabel für das führende Team, das gerade das inkompakte Verschieben Juves nach Ballverlusten ausnutzte und zwischen den Linien – vor allem mit Magath und Rolff auf den Achterpositionen – Progression erzeugte. Juves Außenverteidiger agierten nun enger und verfolgten die Hamburger Flügelspieler stärker, wodurch sie jedoch immer wieder Räume im Rücken offenbarten. In diese Räume bewegten sich die HSV-Stürmer Hrubesch und Bastrup und wurden von Hamburgs Achtern gezielt angespielt. So fand der HSV immer wieder Wege in die Box, nur das sehr aggressive Mitverteidigen der Turiner Innenverteidiger verhinderte mehrfach den Abschluss. Insgesamt sei zudem hervorgehoben, dass Brio und Scirea ein extrem gutes Gespür für die Bewegungen von Hrubesch und Bastrup hatten. Dadurch konnten sie diese auffällig gut und konsequent nachverfolgen und mehrmals die Schussbahn zum Tor effektiv blockieren.
Halbfeldflanken als Momentum-Dreher?
Eigentlich hatte der HSV also alles in der Hand. Wie man am Konjunktiv bereits erahnen kann, drehte sich das Kräfteverhältnis gegen Ende der ersten Halbzeit jedoch wieder etwas zugunsten der Italiener. Das lag vor allem daran, dass der HSV aus dem 4-4-2-Abwehrpressing mit sehr tiefen Stürmern Bastrup und Hrubesch zunehmend Probleme gegen die flachen Verlagerungen von Juve bekam. Gerade Sechser Bonini im 4-1-4-1 agierte immer wieder mit seinen ballnahen Bewegungen als verbindendes Element zwischen den sehr breiten Außenverteidigern. Durch die enge Grundstellung sowohl der Hamburger Abwehrreihe als auch des Mittelfelds entstanden für Juve wiederholt 2-gegen-1-Situationen auf den Flügeln – insbesondere Gentile und Tardelli gegen Linksverteidiger Wehmeyer. Aufgrund des fehlenden Zugriffs aus dieser Unterzahl musste der HSV einige Halbfeldflanken der nun frei agierenden Außenverteidiger zulassen.
Diese verteidigte man zwar zunächst sehr ordentlich, doch nun bekam man zunehmend Probleme – gerade gegen den kopfballstarken Stürmer Rossi sowie die nachstoßenden Zehner Boniek und Platini. Interessanterweise fungierte hier Keeper Stein zunehmend als Schlüsselspieler zum Erhalt der Führung: Durch sein frühes Antizipieren, dass die Kopfballverlängerungen auf den zweiten Pfosten gehen würden – wie bei Halbfeldflanken üblich – konnte er mehrfach entscheidend parieren (ähnlich aggressiv-antizipativ agierte er auch beim Abfangen von Flanken). Auch einen Volley des aufgerückten Linksverteidigers Cabrini, nachdem der zweite Ball vor dessen Füße sprang, entschärfte er reaktionsstark, obwohl er kaum Sicht auf den Ball hatte. Innerhalb weniger Minuten – rund um die 30. Minute – verlor der HSV etwas den Faden.

Bastrup sucht die Tiefe im Bogen
Tendenziell fuhr der HSV aber weiterhin einige ordentliche Entlastungsangriffe, und insgesamt war das Problem nach Ballverlusten wohl einer der Hauptgründe dafür, dass Juventus Turin zwar nun mehr Chancen hatte, aber dennoch keine echte Dominanz entwickeln konnte. Es lag fortlaufend daran, dass Juve nach eigenem Ballverlust enorme Schwierigkeiten bekam: Man kam kaum in das individuelle Gegenpressing, das zu jener Zeit üblich war – geschweige denn in ein gruppentaktisches. Vielmehr wirkte man schlichtweg überfordert damit, dass der HSV sofort über die Außenverteidiger umschalten konnte, während die athletisch sehr starken Magath und Rolff sofort unterstützend in den Halbraum nachschoben.
Gerade auch Rolff, der sich weiterhin gelegentlich zwischen die eigenen Innenverteidiger fallen ließ, ermöglichte es diesen, breiter zu schieben. Dadurch konnten sie Rückpässe sichern und den Spielrhythmus stabilisieren. Aus genau so einer Szene – Rolff hält zentral den Ball und Juve findet erneut keinen Druck auf den andribbelnden Achter-, konnte er nach rund 35 Minuten Bastrup in ein direktes 1-gegen-1 vor das Tor von Zoff schicken. Bastrup schob den Ball ins Tor, jedoch startete er einen Tick zu früh, sodass der Treffer aberkannt wurde. Tendenziell ist es durchaus diskutabel, ob diese Entscheidung korrekt war. Insgesamt zeigten Hamburgs Stürmer immer wieder Bogenläufe in die Tiefe bzw. in den großen Zwischenraum zwischen den Turiner Innenverteidiger, starteten also aus einer leicht breiteren Grundposition und schoben dann diagonal hinter die Linie. Damit hatten Juves Innenverteidiger sichtbar Probleme – und vielleicht auch die Linienrichter.
So ging es mit einem 1:0 für den HSV in die Halbzeitpause. In der Endphase des ersten Durchgangs wurden die Zweikämpfe auf beiden Seiten zunehmend härter, und insbesondere die Hamburger Abkippbewegungen von Hrubesch oder auch von Rechtsaußen Groh wurden immer häufiger direkt durch Fouls unterbunden. Dadurch entstand auf beiden Seiten kaum noch Spielfluss. Auch Juventus bekam mit dem Ball – abgesehen von einzelnen Halbfeldflanken der Außenverteidiger – nur noch wenig konstruktiv zusammen.
Zweite Halbzeit
Zu Beginn des zweiten Durchgangs sah man leichte Anpassungen auf Seiten der Italiener. Weiterhin stark auf das Flügelspiel fokussiert, agierten die Außenverteidiger nun jedoch nicht mehr so extrem breit aufschiebend – vermutlich, um genau jene Räume nicht mehr für Hamburger Umschaltsituationen zu öffnen. Zudem zeigte Juventus deutlich mehr Direktheit im eigenen Ballvortrag: Der Ball wurde wesentlich schneller auf die Flügelspieler verlagert. Diese hatten jedoch aus ihren nun deutlich höheren Grundpositionen zunehmend Probleme beim Aufdrehen gegen die eng mitverteidigenden Kaltz und Wehmeyer, wodurch sie kaum mehr Dribblings in der Breite suchen konnten. Besonders die Grätschenqualität von Kaltz gegen Bettega ist hier hervorzuheben.
Die Außenverteidiger von Juventus agierten nun eingerückter im Halbraum und besetzten zunehmend die Räume um die Box herum. Daraus entstanden auch vereinzelt Fernschüsse, weil Hamburgs Flügelspieler aus ihrer sehr tiefen Grundposition nicht immer sofort Zugriff herstellen konnten. Zielspieler Rossi wurde aus diesen Zonen einige Male zentral gesucht, doch der Stürmer hatte weiterhin Schwierigkeiten mit seinen Abkippbewegungen gegen die Hamburger Innenverteidiger. Das lag auch an der strukturellen Eigenlogik des Juve-Systems: Durch die starke Offensivfokussierung agierten die Zehner Platini und Boniek deutlich höher, sodass Rossi schlichtweg die unmittelbaren Ablageoptionen fehlten. Da er zudem häufig vor die Zehner abkippte und Sechser Bonini teilweise zu weit entfernt stand, wirkten seine Bewegungen insgesamt zu isoliert. Am gefährlichsten blieb Juventus bei Halbfeldflanken, die nun aufgrund der eingerückteren Grundpositionen aus näherer Distanz zum Tor geschlagen wurden. Damit hatte die Hamburger Innenverteidigung zumindest phasenweise leichte Probleme.
Wie schon in der ersten Halbzeit beruhte das Übergewicht des HSV im zweiten Durchgang auf guten gruppentaktischen Abständen im Ballbesitz sowie auf der Dreierkettenstruktur, aus der heraus man immer wieder wirkungsvoll ins Zentrum andribbeln konnte. Besonders über den diagonal in den ausweichenden Achter Magath fand man regelmäßig den Raum zwischen Flügelspieler Tardelli und Zehner Platini. Magath konnte dort mehrfach andribbeln und aus diesen Halbraumsituationen auch immer wieder Flanken in die Box schlagen. Allerdings taten sich Hrubesch und Bastrup weiterhin schwer, diese Hereingaben unter Druck umzusetzen. Mit Ball blieb Juventus zwar feldüberlegen, mühte sich aber weiterhin enorm gegen das kompakte und gut abgestimmte 4-4-2-Abwehrpressing der Hamburger. Der HSV stabilisierte das Spiel zudem immer wieder durch langes Ballhalten von Torhüter Stein, der damit sowohl das Tempo herausnahm als auch die eigene Struktur ordnete. In der Schlussphase stellte Trapattoni auf direktere und flächendeckendere Mannorientierungen um. Dies führte jedoch immer wieder dazu, dass die sehr breiten Flügelspieler des HSV Juves Außenverteidiger weit in die Breite zogen. Dadurch öffneten sich zentrale Halbräume für Tiefenläufe der Hamburger Achter. Über diese Laufwege kam der HSV in den letzten Minuten immer wieder gefährlich in die Box.
Am Ende holten sich Ernst Happel und der HSV den Landesmeistercup 1983 völlig verdient. Insgesamt fand Juventus Turin – insbesondere gegen den Ball – kaum Lösungen gegen die variablen Strukturen der Hamburger, geprägt von einer temporären Dreierkette durch den einkippenden Rechtsverteidiger sowie der Asymmetrie auf den Flügeln mit einem hohen Milewski und einem tiefer agierenden Groh. Gleichzeitig entwickelte der HSV daraus eine äußerst stabile Restverteidigung, die auch in der Schlussphase einen essenziellen Beitrag leistete und über nahezu die gesamte Spielzeit hinweg verlässliche Umschaltbewegungen ermöglichte. Zwar erarbeitete sich Juventus vor allem über Halbfeldflanken einige Möglichkeiten zum Ausgleich, doch insgesamt war die Mannschaft von Trapattoni den Hamburgern unter Ernst Happel unterlegen.
MX machte sich in Regensburg mit seiner Vorliebe für die Verübersachlichung des Spiels einen Namen. Dabei flirtete er mit der RB-Schule, blieb aber heimlich immer ein Romantiker für Guardiolas Fußballkunst.
Artikel von Next Generation
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