Aspektanalyse: Das Ballspiel eines Aufsteigers – SR

Der FC Vaduz stieg letzte Saison mit einem ausgeklügelten Ballbesitzspiel von der Challenge League in die Super League auf. Eine Etage höher wird weiterhin auf dieses Pferd gesetzt. Wie sich der Aufsteiger dabei präsentiert, wird anhand der Partie gegen den FC Sion näher untersucht.

Grundformationen

Grundformationen: FC Sion im 4-4-2 und FC Vaduz im 4-4-2-Raute

Liechtensteiner Überladung auf Rechts

Vaduz überlädt die rechte Seite. Durch kurzkommende 8er möchten sie den Linksverteidiger rausziehen und den entstehenden Raum dynamisch besetzen.

Der FC Sion spielte in einem 4-4-2 als Grundformation. Die Stürmer sollten den Deckungschatten auf Sechser Mack halten. Der ballnahe Stürmer Lukembila lief Simani an, während Nivokazi Mack deckte. Dies entlastete Baltazar und Sylla, die raumorientiert agierten und versuchten die diagonalen Passwege auf die Vaduzer Stürmer, zu schliessen. Die Flügel waren eingerückt, um den Passweg auf die Achter zu versperren und agierten „auf Sprung“ auf die Aussenverteidiger. Dadurch war der Pass auf die Aussenverteidiger meistens frei. Vaduz nutzte dies oft.

Cipriano und Lavanchy orientierten sich an den Vaduzer Achtern und gingen deren kurzkommende Bewegungen mit. Dabei verschob die Mannschaft sehr ballnah, weshalb sie ohne viel Intensität Druck aufbauen konnten. Das Ziel war es, das Spiel auf den Aussenverteidiger zu lenken, alle Passoptionen abzuschneiden und diesen zu isolieren.  Doch Sions Pressing war aufgrund der Doppelbelastung durch die europäischen Spiele nicht sehr intensiv. So konnte Vaduz in aller Ruhe die eigenen Angriffe vorbereiten und Exitoptionen einbauen.

Sie überluden die rechte Seite mithilfe von Dalipi, der abwechselnd mit Djokic auf den durch den vorschiebenden Cipriano geöffneten Raum auf dem Flügel durchschob. Generell waren die Besetzungen in der Überladung sehr fluide. Mal kam Dalipi anstelle von Stark kurz oder Stark rochierte mit Hasler. Je nach Spieler wurde die Szene anders ausgespielt, doch das Ziel blieb gleich: Walliser Aussenverteidiger mittels kurzkommenden Bewegungen im Halbraum rausziehen und den geöffneten Raum dahinter bespielen. Die Rotationen der Vaduzer waren aber ziemlich langsam. Auch die Liechtensteiner hatten unter der Woche ein Spiel in der europäischen Qualifikation. Simani wartete mit der Auslösung sehr lange, weshalb Sion die Übergaben und Anpassungen an die Rotationen meistens gelangen. So verpufften die Vaduzer Angriffe über Rechts. Was sie jedoch nicht verhindern konnten, waren die Verlagerungen, die Vaduz einstreute.

Diese wurden begünstigt durch die Vaduzer Überladung auf rechts und das starke Einrücken von Sion. Nivokazi verfolgte Mack zu konsequent. Das heisst: der Pass auf den ballfernen Innenverteidiger blieb offen oder er und Lukembila agierten zu passiv und raumorientiert und die Verlagerung über die Innenverteidiger wurde möglich.

Über links kam Vaduz insbesondere nach Verlagerungen gut an die Grundlinie. Sawadogo und Cabrera wechselten sich im Besetzen der Breite und des Halbraums ab, was ihre Gegenspieler vor jeweils unterschiedliche Aufgaben stellte. Insbesondere Sow hatte Probleme mit dem explosiven und schnellen Sawadogo in der Halbspur. Sein imposanter Körperbau und die Vorliebe, eher die Tiefe zu sichern, ermöglichten es ihm kaum aggressiv rauszurücken. Deshalb liess er ihm ab und an viel Raum und Zeit.

Doch Cabrera und Sawadogo waren darauf angewiesen, ihre Angriffe schnell auszuspielen. Denn sie hatten kaum Anbindung ins Zentrum. Anders als auf der rechten Seite unterstützen der ballnahe Stürmer, Monsberger, und Dalipi die beiden nicht ballnah, sondern gingen direkt in den Strafraum und warteten auf Flanken. Dies führte zu einigen überhasteten Angriffen über links.

Vaduz findet Mack

Lukembila und Rrudhani halten den Passweg  offen und Nivokazi folgt nicht: Mack wird im 1. Zwischenlinienraum gefunden. Er kann in Überzahl andribbeln.

Im Verlauf der Partie wurden die Pressingwege von bspw. Lukembila oder Rrudhani etwas ungenauer. Dies hatte auch mit den klugen Positionierungen  der 1. Aufbaulinie von Vaduz zu tun, die sich flach positionierte oder den Ball bewusst lange hielt und etwas zurück dribbelte, um den 1. Zwischenlinienraum und Passwege zu öffnen. Insbesondere auf der rechten Aussenbahn konnte der Pressingweg von Rrudhani so manipuliert werden, dass er vertikal und nicht mehr diagonal war. So konnte Hasler bzw. Stark in den Halbraum hineinspielen. Auch das Stellungsspiel von Mack muss hier hervorgehoben werden. Er erkannte den Deckungschatten der 1. Pressinglinie gut und löste sich geschickt aus ihm heraus. Der Deckungschatten auf Mack gelang nicht mehr so richtig. Dazu kam, dass Nivokazi ihn nicht mehr sehr weit verfolgte. Mack wurde somit im Zwischenlinienraum gefunden. Da Sylla und Baltazar raumorientiert agierten, war auch nicht klar, wer auf ihn rausschieben sollte. Ausserdem konnten sie aufgrund der Dringlichkeit in diesen Situationen kaum noch nach hinten scannen und ihre blockende Positionierung anpassen. Dadurch wurden Passwege in den Zwischenlinienraum frei.  Mack hatte so viel Zeit und konnte z. B. in der 32. Minute auf den Vaduzer Block andribbeln. Dadurch entstand eine temporäre Überzahl. Mehrere Spieler wurden von ihm gebunden und es entstanden Räume und freie Spieler, die gefunden werden konnten. Vaduz konnte sich an die Grundlinie kombinieren. Aus solchen Situationen hätten Chancen entstehen können, aber es schien immer ein Bein eines Abwehrspielers von Sion im Weg zu stehen. Dies hatte einen Grund: Aufgrund der ballnahen Kompaktheit Sions und der daraus resultierenden kurzen Abständen zu anderen Spielern waren die Verteidiger in solchen Situationen in kurzer Zeit bei ihren Gegenspielern und kamen in die Zweikämpfe.

Aber der Aufsteiger übernahm das spielerische Zepter. Durch das bessere Finden von Mack konnte Vaduz einfacher Verlagerungen durchführen oder in die Überladung hineinspielen und den freien Spieler finden.

Walliser Anpassungen

Die Innenverteidiger können nun andribbeln, finden jedoch keine Anspielstation im Mittelfeld vor.

Nach der Pause übernahm der FC Sion das Diktat. Dies hatte unter anderem mit dem neuen System und Schema zu tun, aber auch mit den Wechseln ab der 54. Minute. Mit ihren frischen Beinen konnten sie intensiver anlaufen und Vaduzer Rotationen unterbinden, bevor sie überhaupt entstanden.

Die Heimelf spielte nämlich nun mehrheitlich in einem 4-2-3-1. Der Stürmer schnitt die Innenverteidiger voneinander ab und lief den Ballführenden in hohem Tempo an. Dadurch hatte dieser weniger Zeit. Zwar hatte er nun einen offenen Andribbelweg, doch das nützte nichts. Alle seine Anspielstationen in die nächste Ebene waren vom Walliser Mittelfeld abgeschnitten. Dank des 4-2-3-1 hatten sie mannorientierten Zugriff auf das Mittelfeld von Vaduz. Die potenzielle Überzahl durch Mack existierte nicht mehr, da er von Rrudhani mannorientiert aufgenommen wurde.

Den Gästen fehlten Antworten auf die Mannorientierungen. Sie zogen keine Räume für einen anderen Spieler auf und versuchten keine Täuschungen. Zusammen mit dem mangelnden Tempo machte dies das Spiel der Vaduzer durchschaubar. Sie spielten meistens Bälle in den Druck, die jedoch verloren gingen. Zudem war das Kopfballspiel einiger Vaduzer Spieler mangelhaft.

Vaduz kam kaum mehr in solche Situationen. Sion schaltete dank der frischen Einwechselspieler einen Gang hoch im Pressing und konnte so das Spiel an sich reissen.

Fazit

Alles in allem hat der FC Vaduz ein solides Ballbesitzspiel. Die Muster sind klar und im Grossen und Ganzen abgestimmt. Was fehlt, ist das Tempo in der Ausführung und die Anbindung auf dem linken Flügel. Dann können sie noch einige Verteidigungen in der Super League vor Probleme stellen. Der Klassenerhalt ist möglich. Der FC Sion hat eigentlich eine gut eingestellte Defensive, doch durch die Doppelbelastung in Europa fehlt es ihnen ab und an an Intensität im Pressing. Alles oberhalb des Tabellenmittelfelds liegt für sie aber aufgrund ihrer offensiven Qualität drin.

SR ist fasziniert vom Fussball und dessen Funktionsweise. Er will die Mechanismen der schönsten Nebensache der Welt  ergründen und ist immer offen für Feedback und Diskussionen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*