Gruppe H: Zwischen Trendwenden und letzten Chancen – MX
Wir werfen einen Blick auf die Gruppe von Spain, Uruguay, Saudi Arabia und Cape Verde – am Ende wagen eine kleine Prognose in dieser halbwegs unberechenbaren Gruppe.
Es könnte viel passieren in dieser Konstellation: ein Turnierfavorit, zwei Teams, die mehr wollen als die Erfolge der letzten Turniere, und ein absoluter Außenseiter und WM-Neuling konkurrieren um zwei oder sogar drei Tickets in die K.-o.-Phase dieser Mega-WM – und könnten dabei aus spielerischer wie taktischer Sicht kaum unterschiedlicher sein.
Favorit der Gruppe: Spanien

Die Grundformation
Ach, die Spanier. Als Deutscher muss man auf diese Mannschaft noch fast prophylaktisch beleidigt sein. Hat sie nicht den DFB-Hype-Train im Jahr 2024 gestoppt und uns aufgezeigt: Die spielerisch attraktivste Mannschaft des Kontinents – na, das sind doch immer noch wir Spanier. Mensch! Und gleichzeitig haben sie uns auch gezeigt, wie man auferstehen kann. Nach dem Ausscheiden in der Gruppenphase 2014 sowie den Achtelfinal-Niederlagen 2018 und 2022 folgte der EM-Sieg 2024 als echte sportliche Auferstehung. Die Kernfrage in Nordamerika dürfte lauten: War 2024 neben dem Nations-League-Finale 2025 eine Ausnahme – oder der Beginn eines noch größeren Trends?
Die Trendwende schaffte dabei Trainer Luis de la Fuente, ohne die ballbesitzorientierte, positionelle Identität des Landes zu beschädigen, sondern eher, indem er über personelle Neubesetzungen und die Neudefinition von Positionsprofilen der Elf eine neue Identität einhauchte. Ohne Frage zählt diese Mannschaft allein durch die Europameisterschaft zu den absoluten Topfavoriten in Nordamerika – goldene Generationen müssen nicht immer glänzend sein, und Trainer solcher Generationen müssen nicht zwangsläufig zuvor die größten Stars ihrer Profession gewesen sein.
Spiel mit dem Ball: In-depth-Analyse
Spiel gegen den Ball:
Allseits bekannt verfolgt Spanien gegen den Ball einen klaren Gegenspielerfokus, was sich auch im Mittelfeldpressing aus der 4-4-2-Grundstruktur heraus zeigt. Gerade im Zentrum setzt man gegen gegnerische Stürmer und zentrale Mittelfeldspieler auf enge Mannorientierungen, wenngleich auch die eigenen Stürmer mit ihren Deckungsschatten das Zentrum isolieren und damit vor allem die gegnerischen Sechser aus dem Spiel nehmen sollen. Das zeigt sich insbesondere daran, dass sich der ballferne Stürmer häufig zum ballfernen Sechser fallen lässt und diesen dadurch doppelt. Die diagonale Eröffnung auf den ballfernen Sechser wird für den Gegner so nahezu unmöglich.
Dieses Zurückfallen erzeugt jedoch lange Pressingwege bei Pässen zwischen den gegnerischen Innenverteidigern. Gerade gegen Ende eines Spiels mangelt es dadurch situativ an Intensität und direktem Zugriff aus der ersten Pressinglinie heraus. Die Isolation des Zentrums verleiht Spanien insgesamt jedoch ein hohes Maß an Stabilität. Die größte Schwachstelle der Spanier liegt allerdings in der Eröffnung über sehr breite Außenverteidiger. Die eigenen Flügelspieler sind im Mittelfeldpressing stark strukturorientiert: Sie sollen möglichst lange im Halbraum verbleiben, um dort Vertikalpasswege der Innenverteidiger zu isolieren und zugleich die Innenverteidiger in den Manndeckungen gegen in den Halbraum ausweichende Stürmer zu entlasten.

Spanien im 4-4-2 und Isolation des Zentrums
Dadurch entstehen jedoch sehr seitliche Pressingwinkel auf die Breite. Das impliziert die Gefahr, dass dribbelstarke Außenverteidiger diese Situationen durch Andribbeln auflösen und die Flügelspieler überdribbeln können. Gleichzeitig erlangt man beim anschließenden Durchschieben der Außenverteidiger nur geringen Zugriff, sodass Gegner häufig ein 2-gegen-1 auf dem Flügel gegen Spaniens Außenverteidiger herstellen können. Hier muss gerade Yamal eine deutlich höhere Bereitschaft zeigen, diese Nachteile im Anlaufen über mehr Nachsetzen, konsequentes Verfolgen aus dem Rücken und gegebenenfalls die Bereitschaft zu taktischen Fouls zu kompensieren. Die seitlichen Winkel eröffnen zudem diagonale Passwege nach innen. Dieses Gefahrenpotenzial erkannte De la Fuente ebenfalls. Gerade in den letzten Monaten lösten die Achter bei gegnerischem Ballbesitz auf den Außenbahnen ihre Manndeckungen auf die gegnerischen Sechser und ließen sich verstärkt in den Raum vor der Verteidigungslinie fallen.
Ziel dieser Anpassung ist es, mögliche Bewegungen der Stürmer zwischen den Linien aufzufangen (gegebenenfalls durch Doppelungen) und damit die Innenverteidiger in ihren initialen Manndeckungen zu entlasten. Durch diese zusätzliche Absicherung müssen die Innenverteidiger die Bewegungen ihrer direkten Gegenspieler nicht mehr konsequent bis in den Halbraum verfolgen und können stattdessen stärker die Tiefe sichern. Dadurch fällt es Gegnern deutlich schwerer, klassische Mechanismen zur Tiefenerzeugung zu nutzen, bei denen etwa ein ballnaher Stürmer den Innenverteidiger aus der Kette herauszieht, um anschließend den durch das Herausverteidigen entstehenden Raum mit einem zweiten Angreifer in der Tiefe zu attackieren. De la Fuente hat damit eine große Instabilität aus dem Weg geräumt – das könnte auch für die anstehende WM entscheidend sein.
Das Fallen der Achter hat jedoch den Nebeneffekt, dass Abkippbewegungen der gegnerischen Zentrums- und Sechserspieler nicht mehr konsequent mitverfolgt werden können. Immer wieder konnten sich so gegnerische Sechser zwischen den Innenverteidigern absetzen, wodurch nach Rückpässen 2-gegen-3-Unterzahlsituationen für Spaniens erste Pressinglinie entstanden. Die Achter konnten diese Unterzahl auch nicht mehr selbst wieder auflösen, da der Übernahmeweg zur gegnerischen ersten Aufbaulinie auf den initialen Gegenspieler schlichtweg zu weit war. In der Folge mussten die Stürmer in Unterzahl anlaufen, zeigten dabei zwar ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit und arbeiteten mit Bogenläufen gegen den temporären Dreieraufbau, um Passwege zwischen den Innenverteidigern zu isolieren – die ursprünglich angedachte Isolation der Passwege in den gegnerischen Sechserraum war jedoch dadurch nur eingeschränkt möglich.
Gerade weil die Achter Spaniens so tief agierten, fehlte ihnen zudem der enge Zugriff auf die weiteren gegnerischen Zentrumsspieler. Diese konnten sich dadurch immer wieder im Raum hinter dem spanischen Sturm freilaufen, wurden durch die fehlende enge Manndeckung anspielbar und konnten situativ aufdrehen sowie über Ablagen das Spiel weiterleiten. Die Zweiteilung nach gegnerischen Rückpässen mit Überzahl machte Spaniens Mittelfeldpressing anfällig und führte dazu, dass die Abstände im Zentrum ungewohnt groß wurden. Deshalb geht es bei Spanien zunehmend darum, diese Rückpässe bereits im Ansatz zu unterbinden. Die Stürmer agieren dabei enger an den Innenverteidigern verbleibend und bleiben eng in der Deckung, um potenzielle Rückpassoptionen zu isolieren. Dieses weite, manndeckende Mitschieben bewährte sich gerade in den letzten Wochen zunehmend, sodass Gegner nur noch selten in Aufbausituationen mit Überzahl gezielt durch Rückpässe in der ersten Linie kommen. Auf diese Basis aufzubauen, hat einen essenziellen Charakter für die Stabilität der Südeuropäer.
Ein weiterer solcher Punkt zeigt sich auch im manndeckenden Angriffspressing. Hier entstehen zunehmend Probleme bei gegnerischer schneller Ausführung, da die Mannschaft zu langsam in die Mann-Zuordnung kommt und sich folglich nach einem schnellen Abstoß häufig ins Mittelfeldpressing zurückfallen lassen muss. Insgesamt stellt die gegnerische schnelle Ausführung bei fehlender Zuordnung eine extreme Belastung für die Innenverteidiger dar, die dadurch immer wieder weit in den Zwischenlinienraum herausverteidigen müssen, wenn etwa die Achter ihre direkten Gegenspieler teilweise zu spät aufnehmen oder die sehr breiten Flügelspieler übernommen werden müssen, da sich die Außenverteidiger im Aufbauspiel zu langsam fallen lassen. Diese weiten Herausverteidigungswege öffnen wiederum häufig Tiefenräume im Rücken der Innenverteidiger, was gerade aufgrund der großen Abstände im ungeordneten Pressing sehr gefährlich werden kann.
Für Gegner stellt sich hier eine zentrale Frage: Nutzt man die Timingprobleme der Spanier permanent aus, oder verhindert man durch zu schnelle Ausführungen – etwa nach Abstößen in (zu erwartenden) spanischen Druckphasen – überhaupt erst, dass man in kontrollierte Aufbausituationen kommt und selbst Rhythmus sowie Struktur entwickeln kann? Diese situationsangepasste Entscheidungsfindung, insbesondere durch den ausführenden Torhüter, ist ein oft unterschätzter Faktor und könnte gerade in dieser Gruppe ein entscheidendes Thema werden.
Ansonsten zeigt man eine ähnliche Priorisierung wie im Mittelfeldpressing: Die Innenverteidiger des Gegners werden mit Deckungsschatten auf die gegnerischen Achter unter hoher Intensität angelaufen, insbesondere weil der ballferne Stürmer den flachen Passweg zwischen den Innenverteidigern unterbindet und so hoher Druck auf den Ballführenden entsteht. Positiv hervorzuheben ist dabei allgemein die hohe Sensibilisierung der Stürmer für die vorherige Wahrnehmung mittels Schulterblicke der Position der gegnerischen Achter. Dadurch wird der Deckungsschatten häufig optimal gestellt.
Die eigenen Achter verlassen sich dabei jedoch situativ zu stark auf den Deckungsschatten und unterschätzen gelegentlich das horizontale Freilaufen der Gegner aus dem Deckungsschatten der spanischen Stürmer. Aus der eher losen Grundorientierung heraus kommen die Spieler dadurch oft zu spät in den Zweikampf, was gerade gegen dribbelstarke Achter, die diagonal in den Halbraum einrücken, häufig zu direktem Aufdrehen und anschließenden Dribblings aus dem Halbraum führt. In solchen Szenen werden nicht selten taktische Fouls gezogen, um Durchbrüche zu unterbinden.
Gerade schwächere Gegner suchen jedoch häufig über hängende Stürmer das Herausziehen der spanischen Innenverteidiger, um anschließend mit einem zweiten Angreifer die Tiefe zu attackieren. Dass Spanien im Angriffspressing dennoch stabil wirkt, liegt auch daran, dass die Außenverteidiger die dadurch entstehenden Räume im Rücken der herausverteidigenden Kette bei langen Bällen ins Zentrum konsequent auffüllen und damit die Tiefe absichern. Bei Gegner mit vielen langen Bällen wirkt es insgesamt so, als würden die Außenverteidiger in ihrer Rolle auch nach Kopfballstärke priorisiert – gerade Cucurella nimmt hierbei eine unterschätzte Rolle ein. Trotz seiner 1,74 m bringt er durch enorme Sprungkraft sowie gutes Abschirmen mit dem Armen im Sprungprozess eine wichtige Qualität im Luftzweikampf in allen Spielphasen ein. Über diesen Tiefensicherung-Mechanismus können die Innenverteidiger enger gegen die Stürmer herausverteidigen, wodurch diese kaum zwischen den Linien effektiv aktiviert werden können.
Fazit
Spanien zieht laut Opta mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 % ins Finale ein und gewinnt mit 75 % die Gruppe. De la Fuente hat eine extrem stabile Mannschaft geschaffen, die in allen Spielphasen eine sehr gute Figur zeigt und über ein nahezu optimal individuell abgestimmtes Spielsystem verfügt. Anfällig reagiert das Spiel jedoch auf Verletzungen und Ausfälle, gerade der Ausfall von Fermín López würde dem Kader spürbar schaden. Auch Yamal und Rodri bleiben Sorgenkinder und sind in einer ohnehin vollgepackten Saison nicht vollständig belastbar. Entscheidend dürfte daher sein, wie gut die variabel bestückte zweite Reihe in Form ist, auf die das Spiel nicht ganz so stark zugeschnitten ist wie auf die erste Elf. Mit Spanien ist zu rechnen – sie sind der Topfavorit dieses Turniers.
Meine These: Spanien bleibt ohne Punktverlust in der Gruppenphase und holt sich den Turniersieg. Yamal verliert aber den Status als unerschütterlicher Stammspieler im Laufe der Vorrunde und Oyarzabal wird Torschützenkönig der WM.
Darf man nicht unterschätzen: Uruguay
Einer meiner ersten (und ziemlich miserablen…) Artikel auf dieser Plattform war einer über einen meiner absoluten Lieblingstrainer: Marcelo Bielsa bei Uruguay. Dieser Besessene, eine Koryphäe des modernen Trainerdaseins, Idealist und Fanatiker – oder, wie ein ehemaliger Bundesliga-Trainer einmal zu mir sagte: „Das ist doch ein komplett Irrer.“ Für diesen Mann gibt es nicht genug Substantive oder Beschreibungen, aber er wirkt faszinierend und ist selbst fasziniert vom Spiel. Damals schrieb ich: „Dass Marcelo Bielsa über kurz oder lang auch bei Uruguay für Furore sorgen wird, war vorhersehbar. Aber mit welcher Geschwindigkeit Bielsa und seine Spieler bereits jetzt durch den internationalen Fußball pflügen, ist mehr als beeindruckend. Ich habe mir mein Vorbild (sic!) mal wieder etwas näher unter die Lupe genommen.“
Rund zwei Jahre später muss man feststellen, dass Uruguay die WM-Qualifikation zwar vor Brasilien abschloss, die anfängliche Euphorie jedoch vor allem nach einem (nur?) dritten Platz bei der Copa América etwas abgeflacht ist. Eine 1:5-Niederlage gegen die USA sowie knappe Siege gegen nominell deutlich schwächere Gegner wie Usbekistan oder die Dominikanische Republik sorgten dafür, dass die öffentliche Wahrnehmung im traditionell mit sehr hohen Ansprüchen versehenen Uruguay nicht mehr ganz so euphorisch ausfiel wie noch zu Beginn der Bielsa-Ära. Außerdem zerstritt sich der Trainer mit Legende Suárez („Die Beziehung war ausschließlich professionell / kühl.“; „Er sah mich an und sagte: ‚Vielen Dank, Luis‘.“), was im Land zu einem deutlichen Einbruch von Bielsas Beliebtheit führte. Eine große Tageszeitung EMOL schrieb nach der Niederlage gegen die USA von „einer Mannschaft ohne Seele“, und El Observador kommentierte: „Man sieht, dass die Spieler kommen und es nicht genießen.“
Ohje, Marcelo! Wieder einmal zeigt sich ein Muster: Seine Autorität und sein Charisma nutzen sich nach einer gewissen Zeit ab, und er zieht daraus personelle Konsequenzen, die wiederum noch stärker am internen wie externen Ansehen des Projekts kratzen. Aber ist Uruguay damit am absteigenden Ast? Das darf man nicht sagen – die Qualität ist weiter in allen Aspekten sehr hoch. Die WM ist für die Südamerikaner eine Bestandsaufnahme, eine Bewährungsprobe für Bielsa und dessen weiterhin riskante Spielweise und Führungsstil. Würde eine Reise früher als erhofft enden, könnte Bielsa schnell wackeln.
Spiel mit dem Ball
Freizíehen des Schlüsselspielers
Marcelo Bielsa ist bekannt für das Aufbauspiel im sehr breiten 4-3-3, so sieht man es auch bei Uruguay. Im tiefen Aufbauspiel wird es strukturell dann zu einem asymmetrischen 2-3-2-3 mit einem nach links hängenden Sechser. Das dient vor allem dem Herausziehen dessen direkten Gegenspielers aus dem Passweg von Torhüter Muslera in den rechten Halbraum auf Achter Valverde. Diese spielmachende Zielspielfunktion unterstreicht allgemein den enormen Schlüsselspieleranspruch, den Bielsa in Valverde setzt („Fede ist ohne Zweifel einer der besten Spieler der Welt.“), und er unterstrich mehrmals in der Vergangenheit, dass die Interpretation Valverdes seiner Position (rechter Achter, vorgeschobener Spielmacher) eine spezielle ist, denn Valverde ist vielleicht der polyvalenteste Spieler der Welt. Als gelernter Rechtsverteidiger agiert er aber genauso primär als Achter, Sechser oder Rechtsaußen – eine Frage der Zeit, bis er als Stürmer agiert.
Valverde bringt durch seinen hohen Körperschwerpunkt eine hohe Stabilität im Luftzweikampf auf und besitzt darüber hinaus eine große Reichweite im Setzen von Tacklings mit den Füßen, was gerade im direkten Gegenpressing einen hohen Mehrwert bietet. Das schafft auch eine Grundlage für sein widerstandsfähiges Abschirmverhalten im offensiven Ablagespiel – er geht sehr früh in eine gebeugte Haltung zur Ballannahme und dreht sich über den Standfuß auf. Von hinten ist so kaum ein Zugriffspunkt für die direkten Gegenspieler zu finden, da sich Valverde bereits sehr früh in der Bewegung zum Ball stabilisiert.
Gleichzeitig ist er ein beidfüßiger Spieler, was ihm gerade im Aufdrehen zu beiden Seiten hilft, und verfügt mit der Innenseite über kurze und mittlere Distanzen über eine sehr hohe Präzision im Passspiel. Aufbauend auf dieser Vielseitigkeit bewegt er sich diagonal zum Ball und verfügt darüber trotz quantitativ geringen Scannings über eine sehr präzise Wahrnehmung der Position des direkten Gegenspielers sowie seines Umfelds mit etwaigen Passoptionen auch bei großen Passdistanzen, was über die erhöhte periphere Wahrnehmung im diagonalen Laufen zu begründen sein könnte. Seine prinzipielle Ballorientierung wird demnach gewissermaßen über sein Laufverhalten kompensiert.
Sein aufrechter Gang bzw. hoher Körperschwerpunkt hat zudem positive Effekte auf das periphere Sehen durch geringeres aktives Kopfheben, eine flachere Atmung und die allgemeine Bewegungsökonomie. Die oft mit Valverde verbundene Motivation im Freilaufverhalten könnte demnach daher rühren: Eine aufrechte Körperhaltung kann mit einem subjektiven Gefühl von mehr Selbstvertrauen, Energie und teilweise geringerem Stresserleben verbunden sein. Autonomie hat Valverde allgemein viel. Immer wieder initiiert er über seine diagonalen Läufe von Halbraum zu Halbraum Rotationen mit dem anderen Achter und rotiert auch gelegentlich mit Sechser Ugarte, teilweise schiebt er auch in die Breite und agiert als Flügelspieler. Diese positionelle Freiheit gewährt Bielsa, indem die initialen Spieler in jenen Räumen auf Valverdes Grundposition rotieren. Das verleiht Uruguay durchaus eine hohe Dynamik im Aufbauspiel.
Adaption in den Dreieraufbau

Uruguay sucht den Halbraum
Spiel gegen den Ball
Fazit
Uruguay und Bielsa erleben harte Zeiten, und diese Weltmeisterschaft wird das Schicksal des aktuellen Schlüsselspielerstamms sowie seines Trainers maßgeblich bestimmen. Neben den gewohnten Offensivproblemen treten zunehmend auch Defensivfragen in den Vordergrund – verstärkt durch die Rahmenbedingungen in den USA und die immer häufiger auftretenden Lösungen der Gegner gegen mannorientierte Defensivkonzepte. Bielsa entfernt sich dabei zunehmend vom vollständigen Fokus auf intensives Manndeckungsverhalten und sucht nach eigenen Lösungen – so etwa wieder mehr Stellen des Blockes. Doch verliert er dadurch seine Identität oder legt er gerade damit den entscheidenden Grundstein für sportlichen Erfolg? Am ersten Spieltag steht mit Saudi-Arabien direkt ein mehr oder weniger vorgezogenes Endspiel um Platz zwei an. Dieses Duell dürfte die Richtung der Gruppe maßgeblich bestimmen. Das Ziel ist klar: Platz zwei und damit der Einzug ins Sechzehntelfinale. Dort würden mit hoher Wahrscheinlichkeit Gegner wie Argentinien oder Österreich warten. Bis dahin muss die bereits eingeleitete Entwicklung hin zu mehr Flexibilität jedoch noch massiv vorangetrieben werden. Diese Entwicklung wird auch maßgeblich von der Genesung Arrascaetas abhängen, deren Verlauf bislang noch unklar ist…
Meine These: Uruguay entgeht knapp dem Ausscheiden der Gruppe, wird weiterhin gerade gegen stärkere Mannschaften defensiv Probleme bekommen und daran in der Endrunde scheitern. Canobbio wird einer der Breakout-Spieler dieses Turniers und sich auch einem breiteren europäischen Publikum nachhaltig präsentieren. Es wird die letzte Weltmeisterschaft von Bielsa mit Uruguay.
Wundertüte der Gruppe: Saudi-Arabien
Danke an LC, welcher Saudi-Arabien sich in diesem Part genauer angesehen hat.
Man hat extrem hohe Ansprüche: So warf man Trainer Hervé Renard schon nach 28 Spielen zum zweiten Mal in fünf Jahren (erster Zeitraum 2019 bis 2023) und installierte nach einer 1:2-Niederlage gegen Serbien nur zwei Monate vor der WM kurzerhand mit Georgios Donis einen neuen Nationaltrainer. Diese Entscheidung kommt nicht überall gut an. So erklärte etwa der mächtige Ex-Präsident von Al Hilal, Prinz Abdulrahman bin Musaad: „Die aktuelle Phase erfordert ein langfristiges Projekt statt kurzfristiger Trainerwechsel.“ Saudi-Arabien ist ein gespaltenes Fußballland.
Renard führte noch im April aus: „Der Boom der saudischen Liga hat sich nicht vollständig in Stabilität der Nationalmannschaft übersetzt“ und offenbarte damit, dass man noch nicht so weit ist, wie man es sich selbst wünscht oder wie man liefern muss. Offizielle des Verbands kritisierten den Franzosen zunehmend für seine „zu wenig moderne Spielidee“ und seine „zu pragmatische Spielweise“ – das soll Donis nun ändern. Die Gründe dürften aber auch vor allem in der Erfahrung des in Berlin geborenen Griechen im saudisch-arabischen Fußball liegen. Mehr als zehn Jahre arbeitete er in dem Land als Vereinstrainer für verschiedene Vereine und hat damit etwas, was Renard möglicherweise gefehlt hat: ein klares Bild vom Fußball und den Anforderungen auf der arabischen Halbinsel. Gleichzeitig gibt es aber schon wenige Wochen (und einem Spiel!) nach dessen Antritt erste Fragezeichen, ob er den spielerischen Anforderungen der Verantwortlichen genügt langfristig – hier tun sich zumindest kleine Zweifel auf. Wir blicken nun fokussiert auf das Testspiel gegen Ecuador (1:2).
Fluidität als zentrales Offensivprinzip
Saudi-Arabien präsentierte sich in den vergangenen Testspielen als äußerst flexible und dynamische Mannschaft. Statt auf starre Positionsvorgaben zu setzen, war das Offensivspiel von permanenten Bewegungen, zahlreichen Positionswechseln und einer hohen Laufintensität geprägt. Die Spieler suchten kontinuierlich neue Räume und versuchten durch ihre Dynamik die gegnerischen Zuordnungen aufzubrechen. Dabei wechselten die Saudis regelmäßig zwischen unterschiedlichen Aufbaustrukturen. Neben einer klassischen Viererkette waren immer wieder dynamische Dreierketten zu erkennen. Häufig blieb der linke Außenverteidiger etwas tiefer positioniert, während sein Pendant auf der rechten Seite deutlich höher agierte. Dadurch entstanden asymmetrische Staffelungen, die dem Ballbesitz zusätzliche Flexibilität verliehen.
Überladungen auf der linken Seite
Ein wiederkehrendes Muster im saudischen Ballbesitzspiel war die gezielte Überladung der linken Spielfeldseite. Vor der Abwehr agierten häufig drei relativ flach positionierte zentrale Mittelfeldspieler, wodurch sich phasenweise eine 4-3-3-artige Struktur ergab. Die eigentliche Dynamik entstand jedoch in den höheren Zonen. Der Mittelstürmer ließ sich regelmäßig auf die linke Seite fallen, der linke Flügelspieler hielt die Breite oder suchte die Tiefe entlang der Außenlinie, während der rechte Flügelspieler verstärkt ins Zentrum einrückte. Dadurch entstand auf der linken Angriffsseite häufig eine lokale Überzahl, die gezielt bespielt wurde.
Grundsätzlich wirkte Saudi-Arabiens Ballbesitz weniger durch feste Strukturen geprägt als durch die permanente Bewegung der Spieler. Die Mannschaft versuchte, Vorteile nicht über langfristige Positionskontrolle zu erzeugen, sondern über Dynamik und Überraschungsmomente. Insbesondere auf der linken Seite entstanden immer wieder Rotationen zwischen Flügelspieler, Stürmer, Außenverteidiger und zentralen Mittelfeldspielern. Diese Bewegungen sollten den Gegner zu ständigen Anpassungen zwingen und Räume für vertikale Anschlussaktionen öffnen. Das Angriffsspiel wirkte dadurch schwer vorhersehbar und zeichnete sich durch ein hohes Tempo in den entscheidenden Momenten aus. Die Übergänge zwischen Ballbesitz und Umschaltmomenten erscheinen bei Saudi-Arabien fließend. Durch die enge Positionierung rund um den Ball entstehen nach Ballverlusten häufig sofortige Rückeroberungsmöglichkeiten. Nach Ballgewinnen wird dagegen unmittelbar der Weg nach vorne gesucht. Insbesondere über die überladene linke Seite versucht die Mannschaft, aus diesen Situationen schnell Raumgewinn zu erzielen. Das Umschaltspiel wirkt dadurch nicht wie ein separater Spielabschnitt, sondern vielmehr als direkte Fortsetzung der zuvor angelegten Ballbesitzstrukturen.
Besonders auffällig war die Reaktion nach Ballverlusten auf der linken Seite. Sobald der Ball in den linken Halbraum oder auf den linken Flügel gespielt wurde, schob die Mannschaft insgesamt sehr eng zum Ball zusammen. Die Abstände zwischen den Spielern wurden deutlich verkleinert, wodurch zahlreiche Gegenpressingsituationen entstanden. Diese enge Staffelung ermöglichte es Saudi-Arabien, viele zweite Bälle und unmittelbare Ballgewinne für sich zu sichern. Gelang dies, wurde der Ball häufig ohne Umwege wieder in die Tiefe gespielt. Vor allem die linke Seite blieb dabei der bevorzugte Angriffsraum. Die enge Ballorientierung sorgte somit nicht nur für Stabilität gegen Konter, sondern wurde gleichzeitig zum Ausgangspunkt neuer Offensivaktionen.
Flexible Pressingstrukturen gegen den Ball
Auch gegen den Ball zeigte sich Saudi-Arabien äußerst anpassungsfähig. Je nach Gegner und Spielsituation wurden unterschiedliche Pressingformationen genutzt, ohne dass die grundsätzliche Aggressivität verloren ging. Nach gegnerischen Abstößen verteidigten die Saudis häufig in einem flachen 4-4-2 mit klaren Mannorientierungen. Die beiden Stürmer liefen die erste Aufbaulinie aggressiv an und versuchten durch ihre abgestimmten Pressingbewegungen lange Bälle zu erzwingen. Ziel war es, dem Gegner möglichst früh die Kontrolle über den Spielaufbau zu nehmen und direkte Duelle in höheren Zonen zu provozieren. In anderen Spielphasen zog sich die Mannschaft dagegen in ein 4-1-4-1 zurück und verteidigte stärker raumorientiert.
Gegen Senegal war zudem eine asynchrone 4-3-3 zu beobachten, bei dem die drei Offensivspieler das Zentrum sehr eng hielten und gezielt Pässe auf die Außenbahnen lenkten. Gegen Puerto Rico folgte ein flaches 4-4-2, mit abkippenden Stürmern. Und ein eher abwartendes Mittelfeldpressing.
Die Vielzahl an genutzten Grundordnungen verdeutlicht, dass Saudi-Arabien seine Pressinghöhe und Defensivstruktur flexibel an den jeweiligen Gegner anpasst. Die Testspiele verdeutlichen aber eher eine Art Testphase unterschiedlicher Pressingstrukturen und Höhen, welches System am Ende auf dem Platz zu erkennen sein wird, bleibt fraglich.
Fazit
Saudi-Arabien präsentiert sich als taktisch flexible Mannschaft, die ihre Spielweise stark an Gegner und Spielsituation anpassen kann. Die zahlreichen Positionswechsel, die linkslastigen Überladungen und die variablen Pressingstrukturen verleihen dem Team eine hohe Unberechenbarkeit. Gleichzeitig sorgen die enge Ballorientierung und das intensive Gegenpressing dafür, dass viele Angriffe unmittelbar nach Ballgewinnen entstehen.
Damit verfügt Saudi-Arabien zwar nicht über die individuelle Qualität vieler Topnationen, besitzt jedoch eine klar erkennbare Spielidee und genügend strukturelle Flexibilität, um auch stärkeren Gegnern Probleme zu bereiten.
Meine These: Saudi-Arabien erzielt am zweitmeisten Tore der Gruppe und auf Platz 3 um das Weiterkommen zittern. Der extrem passstarke vorgeschobene Spielmacher Musab al-Juwayr wird die meisten Vorlagen der Gruppe einfahren können.
Underdog der Gruppe: Kap Verde

Die Grundformation
In einer namhaft besetzten Gruppe ist Kap Verde klarer Außenseiter. Unter Bubista formte sich der Inselstaat jedoch mit einer auf Direktheit ausgelegten und zugleich etwas speziellen Spielweise aus einer 4-2-3-1-Grundordnung zu einer Mannschaft, die ohne Frage auf Augenhöhe mit den Top-Teams ihres Kontinents konkurrieren kann und keinesfalls unterschätzt werden sollte. In allen Spielphasen verfügt das Team über ein solides Grundkonzept, auch wenn in den Details stellenweise die fehlende individuelle Qualität sichtbar wird.
Erst 1986 wurde der Fußballverband Kap Verdes gegründet. Nach Island ist Kap Verde die zweitkleinste Nation, die sich jemals für eine Weltmeisterschaft qualifizieren konnte. Dennoch wäre es falsch, die Mannschaft als klassischen Fußballzwerg zu betrachten. Viertelfinaleinzüge beim Afrika-Cup in den Jahren 2013 und 2024, zwischenzeitlich Platz 27 in der FIFA-Weltrangliste sowie ein 3:0-Sieg gegen Serbien vor wenigen Tagen sprechen eine deutliche Sprache.
Auch die Stärke der Gegner, mit denen sich Kap Verde in den vergangenen Monaten messen konnte, verbunden mit mehreren Achtungserfolgen, unterstreicht die Entwicklung der Mannschaft. Als Überraschungsteam des Turniers ist Kap Verde durchaus in der Lage, auch gegen die großen Nationen für den einen oder anderen Achtungserfolg zu sorgen.
Spiel mit dem Ball
Strukturelle Breite als Hauptmerkmal
Kap Verde hat gerade gegen stärkere Gegner meist nicht mehr als 35 % Ballbesitz, dementsprechend ist ein ähnliches Bild auch bei dieser Weltmeisterschaft zu erwarten. Diese niedrigen Werte sind jedoch auch mit dem Fokus auf Direktheit im Spiel zu begründen. So baut Kap Verde häufig aus einer 2-3-2-3-Struktur heraus auf. Diese Struktur ist durch die sowohl ballnah als auch ballfern an der Seitenlinie klebenden Außenverteidiger und Flügelspieler von extremer Breite geprägt und unterstreicht damit den generellen Flügelfokus der Mannschaft.
Um diese Breite zu bespielen, dribbeln die Innenverteidiger aus breiter Grundposition diagonal mit hohem Antrittstempo an. Gegen ein enges Anlaufen im gegnerischen Mittelfeldpressing kann man dadurch immer wieder erste Pressinglinien überdribbeln. Gerade in der vorausgegangenen Qualifikation mussten Flügelspieler aus der zweiten Pressinglinie häufig im Halbraum herausverteidigen und verloren dadurch die Mannorientierung auf die halbräumigen Achter Kap Verdes zwischen den Linien, wodurch diese häufig in die Verteidigungslinie übergeben wurden. Die Stoßstürmer des Inselstaates suchten anschließend gezielt die Räume im Rücken der herausverteidigenden Innenverteidiger.
Die spielintelligenten Achter Duarte, Santos oder Lenini, die häufig ursprünglich bei ihren Vereinen Flügelspieler sind, weisen dabei bereits aktionsvorbereitend eine hohe Scanningfrequenz nach innen auf und kippen in jenen Übernahmemomenten ihrer eigentlichen Gegenspieler ins Zentrum ein. Dadurch bewegen sie sich aus dem Deckungsschatten der auspressenden Halbraumspieler heraus und sind diagonal nach innen für die Innenverteidiger erreichbar. Der Fokus liegt dabei auf dem direkten Aufdrehen zwischen den Linien und dem anschließenden direkten Bespielen der Tiefe auf den Stoßstürmer, was sich auch im Spielermaterial der Achter widerspiegelt – eine hohe Beweglichkeit im Aufdrehverhalten sowie Beidfüßigkeit im Tiefenpassspiel, um die notwendige Direktheit aufzubieten.
Noch wichtiger ist jedoch, dass man durch die diagonal nach innen schiebenden Außenverteidiger gegnerische Flügelspieler aus dem Halbraum herausziehen und dadurch den direkten Passweg der Innenverteidiger auf die Flügelspieler freiziehen kann. Über den Dreieraufbau lässt sich insgesamt die notwendige Breite in der ersten Aufbaulinie besser herstellen, ohne dass die Abstände zwischen den Spielern zu groß werden. Oft sah man nach Pässen im Zweieraufbau ein direktes Zusammenschieben zur Reduktion der Anfälligkeit nach Ballverlusten. Im Dreieraufbau schoben die Halbverteidiger hingegen immer wieder weit in den Halbraum vor, während die Dynamik im Spielen-und-Gehen vor allem durch die Achter deutlich höher war.
Gerade wenn die Flügelspieler eng aus dem Rücken verfolgt wurden, folgten daraus Ablagen in den Halbraum auf die mitschiebenden Halbverteidiger, die dort ihre Dribblingqualität ausspielen konnten – das erklärt auch, weshalb im letzten Jahr zunehmend häufiger die Achter in die Halbverteidiger-Rolle auskippen als die defensivstärkeren Sechser. Durch deren zusätzliche Antrittsstärke – gerade bei Duarte und Monteiro – taten sich die direkten Gegenspieler in der Qualifikation häufig schwer, das unmittelbare Durchschieben nach dem Pass zu verfolgen. Oft blieben nur taktische Fouls, um Durchbrüche durch Dribblings zu unterbinden.
Lassen sich die gegnerischen Flügelspieler jedoch nicht aus dem Passweg ziehen, so sieht man häufig aus dem Andribbeln heraus direkte lange Bälle in den Halbraum auf den hinter die Kette schiebenden Stoßstürmer. Gerade den Achtern fehlt jedoch häufig die Qualität für diese langen Tiefenbälle, sodass diese oft technisch unsauber gespielt werden. Insgesamt unterstreicht das nochmals die Essenzialität der Breite und der Flügelspieler im Spiel Kap Verdes. Kap Verde fehlt es trotz der häufigen Rotationen zwischen Achtern und Sechsern, über die man sich vereinzelt von direkten Gegenspielern im Zentrum lösen und gelegentlich Optionen zwischen den Linien schaffen kann, insgesamt an konstanten Verbindungen nach innen – daran ändert auch der Dreieraufbau nur bedingt etwas. Kombinationen über mehrere Stationen hinweg sieht man nur selten.
Die gestreckte Struktur in Verbindung mit dem Breitenfokus führt zudem dazu, dass man zwar in der ersten Gegenpressingwelle durchaus eine hohe Intensität aufzeigt, gerade über die unmittelbar ins Gegenpressing gehenden Achter, die großen Zwischenräume in der Verteidigungslinie sowie vor der Verteidigungslinie jedoch eine extreme Anfälligkeit für direkte lange Bälle nach Ballverlusten erzeugen. Für Kap Verde wird es entscheidend für den Erfolg sein, dass man nach Ballverlusten deutlich schneller über ballfernes Einrücken in die Kompaktheit findet als noch in der Qualifikation. Andernfalls werden umschaltstarke Teams wie Spanien oder Uruguay diese Räume zwischen Cap Verdes Verteidiger nutzen.
Das Problem zeigt sich auch im tiefen Aufbau beziehungsweise bei Abstößen wieder, wo man insgesamt einen deutlich höheren Fokus auf lange Bälle legt und diese häufig direkt in Richtung der Flügelspieler schlägt. Der ausschiebende Stürmer versucht dabei situativ, ein 2-gegen-1 gegen den gegnerischen Außenverteidiger herzustellen. Die teils auch in dieser Phase unpräzisen langen Bälle der Innenverteidiger konnten bereits von individuell deutlich schwächeren Gegnern häufig erobert werden. Gerade weil die Abstände zu den Zentrumsspielern für zweiter Bälle strukturell oftmals zu groß sind, fehlt es Kap Verde nach diesen Situationen häufig an unmittelbarem Zugriff oder Progressionsoptionen.
Spiel gegen den Ball
Kap Verde hat mit einem PPDA-Wert von ungefähr 9 einen der niedrigsten Werte des Kontinents, was insgesamt auch die Flexibilität der Mannschaft gegen den Ball unterstreicht. Gegen stärkere Gegner und in K.-o.-Spielen geht man häufig direkt in ein 4-4-2-Mittelfeldpressing. Das Anlaufen der Stürmer auf die erste Pressinglinie ist dabei vor allem auf die Isolation der Passwege ins Zentrum ausgerichtet. Insgesamt ist bei allen Stürmeroptionen eine hohe Versiertheit im Stellen von Pressingwinkeln sowie eine auffällig hohe Anzahl an Schulterblicken erkennbar. Abzüge gibt es jedoch in der Intensität, durch das fehlende Durchpressen und das Suchen des Kontakts im Anpressen.
Das ist auch deshalb wichtig, weil Kap Verdes Achter insbesondere ballnah nur selten strikt zentrumsorientiert agieren, sondern vermehrt in die Verteidigungslinie zur Fünferkette einkippen. Hintergrund ist, dass die Außenverteidiger sehr direkt mannorientiert auf die gegnerischen Flügelspieler in die Breite herausschieben und dadurch einen großen Zwischenraum neben den Innenverteidigern öffnen, den die zurückfallenden Achter füllen. Das ist eine Reaktion auf eine extreme Anfälligkeit Kap Verdes in den letzten Jahren im Halbraum. Durch den großen Raum zwischen Außen- und Innenverteidiger konnten insbesondere temporeiche Stoßstürmer immer wieder direkt in diese Tiefenräume starten, wodurch die Belastung der Innenverteidiger gegen das gegnerische Vertikalspiel enorm war und sie fortlaufend die Tiefenläufe gegnerischer Stürmer aufnehmen mussten.
Gegen die physisch meist weniger fulminanten Stürmer der Qualifikation ließ sich dies häufig noch durch einfaches Abdrängen nach außen lösen. Gegen Teams auf höherem Niveau und mit Stürmern, die sich über aggressiven Armeinsatz zusätzlich stabilisieren und kassierte einige gefährliche Chancen daraus. Das verdeutlicht, wie essenziell das Zurückfallen der Achter für die Tiefensicherung geworden ist. Zudem geht es bei der kommenden Weltmeisterschaft auch um das Kräftesparen unter den zu erwartenden klimatischen Bedingungen. Eine permanente Belastung der Innenverteidiger durch weite Verfolgungsläufe gen Tiefe wäre hierfür kaum förderlich.
Das Zurückfallen der Achter in die Verteidigungslinie hat jedoch den Nachteil, dass vor der letzten Linie ein enorm großer Raum entsteht, zumal der ballferne Achter häufig nicht weit genug ins Zentrum einrückt. Dadurch können Gegner immer wieder über diagonal abkippende Stürmer oder halbräumige Achter zwischen die Linien gelangen. Die in die Verteidigungslinie zurückgeschobenen Achter Kap Verdes fremdeln dabei oft mit der temporären Halbverteidigerrolle und haben folglich Probleme beim Herausverteidigen aus dieser Position. Aufgrund eines teilweise fehlenden Gespürs für das Timing kommen sie nur selten rechtzeitig in den Zugriff zwischen den Linien. Das verspätete Herausverteidigen führt letztlich dazu, dass sich Gegenspieler aufdrehen können und durch das Herausrücken indirekt doch wieder die Tiefenwege im Halbraum geöffnet werden, die Gegner anschließend kombinativ bespielt bekommen.
Diesen Raum zwischen den Linien möchte man zwar bereits in der ersten Pressinglinie isolieren, gegen sehr breite Außenverteidiger stellen die Flügelspieler den Pressingwinkel jedoch häufig zu vertikal und isolieren dadurch den diagonalen Passweg nach innen nicht ausreichend, sodass gerade passstarke Außenverteidiger – wie sie etwa Spanien oder Uruguay besitzen – den Halbraum aktivieren können. Anders als die Stürmer fehlt den Flügelspielern im breiten Anlaufen häufig das Gespür für Deckungsschatten. Daraus ergibt sich auch eine Schwäche im Pressing gegen Dreierketten, bei denen die Flügelspieler ballnah einrücken und die Halbverteidiger anlaufen.
Auch gegen sehr hoch aufschiebende gegnerische Außenverteidiger hat man aufgrund fehlender gegnerorientierter Schulterblicke oftmals eine zu geringe Wahrnehmung der Positionierung des direkten Gegenspielers – dadurch verliert man ihn situativ aus dem Zugriffsbereich. Das unterstreicht die insgesamt fehlende Anpassungsfähigkeit. Die Folge sind häufige Unterzahlsituationen in der Breite, wodurch sich gegnerische Außenverteidiger immer wieder im Rücken der Flügelspieler Kap Verdes lösen können. Nicht wenige Male in der Qualifikation kam es daher zu Szenen, in denen Kap Verdes Außenverteidiger auf jene Bewegungen herausverteidigten und der gegnerische Flügelspieler anschließend frei in die Tiefe durchschieben konnte.

Knackpunkt Angriffspressing?
In den selteneren Phasen (gerade in den letzten Monaten) des Angriffspressings agiert man aus einer 4-2-3-1-Struktur heraus mit einem klareren Mann-Fokus als im Mittelfeldpressing. Gerade im Zentrum setzt man auf sehr enge Manndeckungen und versucht, den gegnerischen Stürmer zu doppeln. Diese Unterzahl in der ersten Pressinglinie versucht man durch das Einrücken des ballfernen Flügelspielers auf den ballfernen Innenverteidiger des Gegners auszugleichen und ist demnach auf der ballfernen Seite in einfacher Unterzahl.
Für Gegner könnte es demnach eine Kernfrage sein, wie man den ballfernen Außenverteidiger ins Spiel bringt, um diese Überzahl auszuspielen. Gegner suchten in der Vergangenheit oft direkt über den Innenverteidiger die ballferne Seite anzuspielen, gerade weil die Bogenläufe der Stürmer (etwa Mendes) situativ zu weit gefasst sind und dadurch die Diagonalverlagerung nicht isoliert wird. Hier könnten dribbelstarke Profile auf den Außenverteidiger-Positionen entgegenkommen, um die Verlagerung schnell auszuspielen und ein Verschieben des ballfernen, eingerückten Flügelspielers zu unterbinden.
Trotz der strukturell engen Manndeckungen in der Ausgangsposition im Zentrum sah man zudem immer wieder Probleme in der Unterbindung von Ablagespielen oder dem Aufdrehen, da man sich infolge von Absetzbewegungen der direkten Gegenspieler zu wenig adaptiv in den Duellen verhält und sich Gegenspieler so teilweise lösen können.
Hier wird es wichtig für Kap Verde, dass man gerade die technisch starken Gegenspieler im Zentrum (Valverde, Gavi etc.) nicht bei deren diagonalen Abkippbewegungen entweichen lässt und notfalls auch taktische Fouls zur Unterbindung von Dribblings zieht. Ein weiterer Kritikpunkt sind die ballnah zu weiten Pressingwege in die Breite aus der halbräumigen Grundposition der Flügelspieler (notwendig zum Einrücken auf den ballfernen Innenverteidiger), wodurch oft der Zugriff auf sehr breite Außenverteidiger fehlt, die zudem im Durchschieben im Spiel-und-Geh kaum eng und direkt verfolgt werden können. So entstehen situative Unterzahlen in der Breite.
Fazit
Eine große Schwachstelle hat Kap Verde definitiv in der Raumverteidigung bei Ecken. So agiert man mit einem Fünferblock im Fünfmeterraum und zwei Manndeckern für einlaufende Zielspieler. Anfälligkeit zeigt die Elf dabei vor allem bei Ecken auf den zweiten Pfosten oder vor den Fünfmeterraum bzw. den Raumblock, da hier häufig Unterzahlsituationen vor der Box entstehen und aus der Raumdeckung im Luftzweikampf selbst ein Dynamiknachteil in den einzelnen Duellen gegen mit Anlauf springende Gegenspieler resultiert sowie eine zu geringe bewusste ballferne Wahrnehmung der Raumdecker. Gerade stärkere Mannschaften binden dabei oft gezielt die Manndecker, um Flankenwege auf die eigentlichen Zielspieler freizublocken. Hier muss Kap Verde noch nachbessern, gerade in engen Spielen (etwa gegen Saudi-Arabien) könnte das essenziell werden.
Kap Verde stellt eine große Underdog-Mannschaft dieser Weltmeisterschaft dar, dabei ist sie jedoch keineswegs zu unterschätzen. Man hat über die letzten Jahre ein solides Fundament entwickelt, mit Fluktuation im Kader, und kann gerade mit dem Ball im Positionsspiel durchaus überzeugen. Gegen den Ball muss man sich gegen stärkere Gegner definitiv steigern, ansonsten könnte es gerade gegen Spanien eng werden.
Meine These: Kap Verde wird mindestens in einem Spiel dieser Weltmeisterschaft punktuell überraschen und mindestens drei Gegentore nach Ecken kassieren.
Ausblick
Spanien gilt als absoluter Topfavorit, weil man in allen Spielphasen eine mindestens solide Basis hat. Das kann man bei Uruguay nicht mehr behaupten, die einerseits mit dem Ball seit Monaten ihren Problemen nachhängen – trotz eigentlich solider Ansätze, die jedoch stark von der personellen Besetzung abhängig sind – und andererseits gegen den Ball einen Wandel vollziehen, der eine gewisse Überraschung mit sich bringt. Die Qualität dürfte aber mindestens für einen Sieg reichen, während man am ersten Spieltag gegen Saudi-Arabien noch zittern muss.
Diese Überraschungskomponente bringt auch Saudi-Arabien mit, die zwar in den letzten Monaten kaum einen Fuß in die Tür bekamen, aber unter Donis von Flexibilität und spannenden Einzelspielern profitieren. Das kann – auch aufgrund fehlender Vergleichbarkeit und erschwerter Gegneranalyse – gerade am ersten Spieltag gegen Uruguay zu Überraschungen führen. Kap Verde ist ein absoluter Außenseiter, könnte aber durchaus bereit sein, jemanden zu ärgern, gerade weil man mit dem Ball über Rotationen und den Fokus auf Dribblings aus der Breite etwas Dynamik erzeugen kann und auch an die klimatischen Bedingungen bei dieser WM gewohnt ist.
Prognose:
- Spanien (9 Punkte)
- Uruguay (4 Punkte)
- Saudi-Arabien (4 Punkte)
- Kap Verde (0 Punkte)















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