Gruppe B: Taktische Vielseitigkeit – AB
In Gruppe B geht weder ein Turnierfavorit, noch ein Topspieler an den Start. Trotzdem ist die Gruppe durchaus sehenswert: Zum einen ist der Gruppenausgang, im Gegensatz zu manch anderer Gruppe, keine ausgemachte Sache. Gerade der Kampf um Platz 2 verspricht Spannung. Zum anderen setzen die vier Teams auf grundverschiedene und teilweise atypische taktische Ansätze, die zu taktisch interessanten Partien führen sollten.
Gastgeber Kanada setzt unter der Führung von Jesse Marsch auf ein ballorientiertes Pressing, das in dieser Form nur noch selten zu beobachten ist. Bei der Copa América konnte das Team so sogar das Halbfinale erreichen. Die Schweizer Nati hat unter Trainer Murat Yakin bereits bei der Europameisterschaft in Deutschland mit ihrem positionell flexiblen Ballbesitzspiel begeistern können. Erst im Elfmeterschießen konnte der spätere Finalteilnehmer England die Schweiz im Viertelfinale schlagen. Katar hat 2022 im eigenen Land zwar schon einmal an einer WM teilgenommen, sich aber erst jetzt zum ersten Mal durch seine sportliche Leistung qualifizieren können. Unter der Regie von Julen Lopetegui versucht Katar im Spielaufbau, trotz der geringen Kaderqualität, vor allem mit kurzen, flachen Pässen zu operieren. Dramatisch konnte Bosnien-Herzegowina den Weltmeister von 2006, Italien, im Qualifikationsplay-off besiegen. Die vom ehemaligen Bundesligastürmer Sergej Barbarez trainierte Mannschaft setzt auf vermeintlich schlichte Mittel: mannorientiertes Pressing, lange Bälle und Halbfeldflanken.
Wer neugierig geworden ist, kann in der nachfolgenden Gruppenvorschau Genaueres über die taktischen Ansätze der 4 Kontrahenten erfahren.
Kanada
Wie in der Einleitung bereits beschrieben ist bei Kanada taktisch vor allem das Pressing bemerkenswert. Seit Jesse Marsch das Team 2024 übernommen hat, setzt es im hohen Verteidigen überwiegend auf ein 4-2-2-2. Die Spieler agieren zunächst mitspieler- und raumorientiert – Marsch spricht von einem Netz, das hergestellt werden soll – und gehen dann in ein extrem ballorientiertes Pressing über. Diese Art des Pressings ist im Klubfußball beinahe ausgestorben, da die meisten Vereinsteams stattdessen stark mannorientiert verteidigen. Der Vorteil des kanadischen Ansatzes liegt darin, dass er Überzahl in Ballnähe schafft und so die Wahrscheinlichkeit eines direkten Ballgewinnes erhöht.
Ein typischer Ablauf aus dem Spiel gegen Kolumbien: Kanada hat seine erste Pressinglinie zwischen Mittellinie und Strafraum positioniert. Die beiden Spitzen sowie die äußeren Mittelfeldspieler blockieren zunächst die Passwege durch die Mitte, um so die Kolumbianer auf den Flügel zu lenken. Gleichzeitig mit einem Pass zwischen den kolumbianischen Innenverteidigern löst ein Stürmer das kanadische Pressing aus und provoziert einen Pass auf einen Außenverteidiger. Dann zieht sich das kanadische Netz zusammen. Alle 10 Spieler verschieben in Richtung Ball, bis sie fast komplett auf der Ballseite angekommen sind. Kolumbien weiß keinen Ausweg zu finden und Kanada kann den Ball gewinnen.
Auffällig an dieser Spielszene ist, dass Kanada Kolumbien nicht direkt am eigenen Tor unter Druck setzt. Die etwas tiefere Positionierung ermöglicht eine höhere vertikale Kompaktheit, welche für ein ballorientiertes Pressing von besonderer Bedeutung ist, da aufbaustarke Gegner sonst Zwischenräume innerhalb des Blocks finden könnten. Das Zurücksetzen der ersten Pressinglinie war nicht in allen kanadischen Vorbereitungsspielen zu beobachten und erfolgt vermutlich nur gegen manche Gegner. Wenn ein Gegner das kanadische Pressing überspielt hat, versucht das Team, sich schnellstmöglich wieder hinter dem Ball zu positionieren, um dann direkt die nächste Pressingwelle zu starten. Das für dieses Repress nötige gemeinsame Rausschieben bei gegnerischen Rückpässen, gelingt dank einer hohen Kollektivität kompakt.
Insgesamt ist Kanada seit Beginn der Ära Marsch defensiv extrem stabil. Denn weißt das Pressing noch Schwächen auf. Durch die enge Ausgangsposition sind die Abstände am Flügel mitunter zu groß, sodass Gegner außen am kanadischen Block vorbeispielen können. Phasenweise sind die Kanadier zudem zu passiv – der Gegner hat Zeit für einen gezielten langen Ball. Gegen aufbaustarke Teams wird sich zeigen, wie gut die Kanadier im Verhindern von Verlagerungen aus dem Druck sind. Das starke Verschieben lässt ballfern viel freien Raum, was gegnerische Verlagerung zu einer großen Gefahr macht.
Ein weiteres Kernelement der kanadischen Spielweise ist das Konterspiel. Nach Ballgewinn suchen sie entweder direkt die Tiefe oder verlagern in die ballferne Halbspur, um von dort ins Tempo zu kommen. Auch im organisierten Spielaufbau versucht Kanada, zügig in Richtung Tor zu spielen. Das Team von Jesse Marsch favorisiert zwar den flachen Aufbau, schreckt aber unter Bedrängnis nicht vor hohen Bällen zurück. So oder so ist das Ziel meist ein Stürmer, welcher dann versucht, den Ball für einen Mittelfeldspieler zurückzulegen. Die Direktheit im eigenen Ballbesitz geht offensichtlich mit einem Verlust an Spielkontrolle einher.
Torchancen entstehen abseits der Umschaltmomente vor allem, über die Flügel. Dort haben sie mit Davies und Buchanan zwei starke Dribbler. Um bessere Passwinkel auf den Flügel zu schaffen, agieren Außenverteidiger und Mittelfeldspieler nicht in derselben vertikalen Zone. Einer bleibt breit, der andere enger. Vom Flügel sollen hauptsächlich frühe, flache Hereingaben gespielt werden. Ziel ist der Raum zwischen Torwart und Verteidigung. Gelegentlich versucht das Team auch mit flachen Kombinationen durch den gegnerischen Block zu Torchancen zu kommen. Ein Ansatz, der angesichts des kombinationsstarken Jonathan Davids vielleicht noch häufiger zum Einsatz kommen sollte. Im Offensivspiel gibt es sowieso noch einiges zu verbessern, denn gerade gegen tiefstehende Gegner beißt sich Kanada oft die Zähne aus.
Schweiz
Anders als die drei anderen Teams in der Gruppe kontrolliert die Schweiz das Spiel mit dem Ball. Statt nach Ballgewinn bedingungslos direkt in Richtung Tor zu spielen, weiß das Team von Murat Yakin auch situativ längere Ballbesitzphasen zu initiieren. Für die Nati geht es in Ballbesitz nicht allein um das Herausspielen von Torchancen, sondern auch darum, Restverteidigung und Gegenpressing vorzubereiten. Statt Torchancen zu erzwingen, warten sie geduldig auf den richtigen Angriffsmoment. Wenn sich keine offensichtliche Angriffsmöglichkeit ergibt, wird zurückgespielt. Im Zweifelsfall zirkulieren sie den Ball zigmal von einem Flügel zum anderen. Der kontrollierte Ansatz im eigenen Ballbesitz ermöglicht es der Schweiz, im Idealfall gegnerische Angriffsversuche schon im Keim ersticken und das Spiel komplett in die Offensivhälfte zu verlagern.
Im Spielaufbau setzt die Schweiz vorrangig auf kurzes Passspiel durchs Zentrum. Das Spiel ist auf Granit Xhaka zugeschnitten. Immer wieder wird der ballsichere Spielgestalter gesucht. Der 33-Jährige bietet sich oft an der Grenze des gegnerischen Blocks an. Diese Zwischenposition vereinfacht, wie eine Position außerhalb des Blocks, das Anspiel und ermöglicht ihm, das Feld vor sich zu haben, gleichzeitig ist sie aber gefährlicher. Dribblings und Pässe in den Block sind einfacher und die Passdistanz in die Tiefe ist geringer. Abgesehen von der Konstante Xhaka ist der Schweizer Spielaufbau sehr flexibel. In der Vorbereitung auf die WM nutzte das Team verschiedene Staffelungen, und innerhalb dieser waren die Spieler stets variabel in der Positionierung.
Gegen Australien, im letzten Test vor der WM, agierte die Schweiz im Spielaufbau aus einem 4-2-2-2. In der Innenverteidigung spielten Akanji und Elvedi, auf den Außenverteidigerpositionen Rodriguez und Widmer. Davor auf der Doppelsechs, eng beieinander, agierten Xhaka und Freuler und auf der 10 der Freiburger Youngster Manzambi. Vom Flügel rückte der Allrounder Aebischer in den Halbraum ein. Davor Ndoye und Amdouni. Die Überzahl im Zentrum kombiniert mit der flexiblen Positionierung der dortigen Spieler war für Australien oft nicht zu verteidigen. Mit über 60 Prozent Ballbesitz kontrollierte die Nati überwiegend das Spiel, kam im Endeffekt aber nicht über ein 1:1 hinaus. Kein Einzelfall. Zu oft ist der Schweizer Kontrollfußball offensiv harmlos. Auch Kapitän Xhaka äußerte sich nach dem Spiel öffentlich kritisch. Wer so spiele, fahre nach drei Spielen wieder nach Hause.
In der Defensive setzt die Schweiz vor allem auf hohes Pressing. Der gegnerische Spielaufbau wird mannorientiert zugestellt. Erwartet das Team viele lange Bälle, läuft das Team in Unterzahl an, um hinten in Überzahl stehen zu können. Im Pressing kommen dadurch einzelnen Spielern Doppelverantwortungen zu: Sie müssen zwei Spieler verteidigen. Im Qualifikationsspiel gegen Schweden zum Beispiel setzte Murat Yakin gegen den 3-2-2-3-Aufbau auf ein 4-2-3-1, um lange Bälle besser verteidigen zu können. Gegen das spielstarke Deutschland presste das Team in Gleichzahl.
Katar
Die katarische Nationalmannschaft, gecoacht vom ehemaligen Spanien- und Real-Madrid-Trainer Lopetegui, versucht im Spielaufbau, ähnlich wie die Schweiz, kurz zu spielen. Doch haben sie, im Gegensatz, große Probleme, sobald der Gegner halbwegs kompetent anläuft. Das liegt nicht allein an der geringen Spielerqualität, sondern auch an taktischen Defiziten. Im Qualifikationsspiel gegen die Vereinigten Arabischen Emirate baute Katar zum Beispiel in einem 4-2-4 mit großen Abständen zwischen den Spielern auf. Die großen Abstände erschwerten Kombination extrem – der ballführende Spieler hat kaum Optionen. In der Konsequenz ging der regelmäßig, vermeintlich einfach verloren. Der einzige Lichtblick war der umtriebige Afif, der eine Freirolle genoss, und so einige Male in aussichtsreicher Position an den Ball kam.
Im Verteidigen verzichtet Katar meistens auf hohes Pressing und setzt stattdessen auf ein abwartendes 4-4-2. Krass ist, wie wenig kompakt und wie passiv das Team verteidigt; meist wird der Gegner nur gestellt. Taktisch wirkt Katar wie aus einer anderen Zeit.
Bosnien Herzegowina
Die bosnisch-herzegowinische Spielidee ist schnörkellos. Das gegnerische Pressing wird oft direkt hoch überspielt. Wenn das Team doch mal kurz aufbaut, kippt ein Sechser ab, um die erste Aufbaulinie zu überladen. Dort versuchen sie dann, ins Andribbeln zu kommen. Auch in der gegnerischen Hälfte besetzen sie beide Flügel doppelt. Diese maximal breite Staffelung führt zu ballfernen Überladungen, welche über Verlagerungen von einem Flügel auf den anderen gefunden werden können.
Torchancen erspielen sie sich dann vor allem über Halbfeldflanken. Entweder ziehen die inversen Außenstürmer Memic und Bajraktarevic nach innen und spielen die Hereingabe mit Spin zu Tor oder der Ball wird auf einen Außenverteidiger zurückgelegt, welcher den Ball dann ebenfalls reinflankt. Um die Erfolgschancen der Hereingaben zu erhöhen, überladen sie den 2. Pfosten. Zugute kommt ihnen weiterhin, dass sie mit Džeko und Tabakovic (noch verletzt) zwei kopfballstarke Stürmer haben.
Im Pressing versucht Bosnien-Herzegowina, den Gegner aus ihrem 4-Raute-2 Mann gegen Mann zuzustellen. Dafür sind die Innenverteidiger bereit, eine Position nach vorne zu springen, um im Zentrum Gleichzahl zu schaffen. Wenn ihr Pressing überspielt wird, fallen sie in ein kompaktes 4-4-2 zurück. Im tiefen Verteidigen fallen die Mittelfeldspieler situativ in die Kette. Entweder um ein lückenloses Verschieben auf den Flügel zu ermöglichen oder um einen gegnerischen Offensivspieler aufzunehmen. In der Boxverteidigung ist das Team stabil gut. Die gegnerischen Stürmer werden zuverlässig manngedeckt.
Fazit
Die Schweiz ist aufgrund der höchsten Kaderqualität der Favorit. Besonders die Achse Kobel, Akanji, Xhaka, Ndoye sticht heraus. Taktisch kann das Team mit seiner Spielkontrolle und Flexibilität ebenfalls überzeugen. Kanada und Bosnien-Herzegowina sind die beiden Kandidaten für den zweiten Tabellenplatz. Beide Teams dürften zwar unangenehm zu bespielen sein, sind offensiv allerdings sehr ausrechenbar. Es bleibt offen, inwiefern sie in der Lage sind, Spiele gegen schwächere oder gleichwertige Gegner zu kontrollieren. Katar sollte sich dennoch keine allzu großen Hoffnungen machen, denn weder der Kader noch die Spielidee kann überzeugen.
Autor: AB ist seit 8 Jahren Jugendtrainer und interessiert sich besonders für Taktiktheorie und Trainingslehre. Auf Twitter findet man ihn unter @false_pivot.




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