Gruppe A: Ein kleiner Gastgeber und drei Ebenbürtige? – SZ
Es mag nicht die auf den ersten Blick spektakulärste Gruppe dieser Weltmeisterschaft sein – der veränderte Turniermodus mit 48 Mannschaften wird ohnehin unsere Sehgewohnheiten beim Blick auf Vorrundengruppen verändern. Es ist allerdings immerhin die Gruppe des nun dreifachen WM-Ausrichters und amtierenden Gold-Cup-Siegers, der damit nun alleiniger Rekordausrichter wird (Mexiko), des Ausrichters der Weltmeisterschaft 2010 (Südafrika), des Ausrichters der Weltmeisterschaft von 2002 (Südkorea) und des Europameisters von 1976 (Tschechien, damals noch als Teil der Tschechoslowakei), was einerseits die Bedeutung dieser Mannschaften im Weltfußball unterstreicht, andererseits aber auch andeutet, dass die größten Zeiten einiger etwas weiter zurückliegen.
Überblick
Bei der Suche nach einem Favoriten landet man so schnell beim südlichsten der drei Co-Gastgeber. Mexiko stellt sich der Mission “Heim-WM” mit einem (Sub-)Kontinentalen Titel im Rücken, der Aussicht auf Heimspiele bis ins Achtelfinale im Falle eines Gruppensieges sowie einem alten Bekannten an der Seitenlinie. Javier Aguirre wurde 2024 mit genau dieser Aufgabe betraut und führte das Land bereits 2002 und 2010 zu genau den Weltmeisterschaften in den Ländern zweier seiner Gruppengegner, bei denen Mexiko jeweils das Achtelfinale erreichte. Er hat sein Team nicht nur zum Gold-Cup-Gewinn 2025 geführt, sondern auch zum Gewinn der CONCACAF Nations League 2024-2025. Er übernahm das Team nach einem knappen Vorrundenaus bei der Copa America 2024. Von 19 Freundschaftsspielen entschied seine Mannschaft daneben sieben Spiele für sich, verlor vier und trennte sich sage und schreibe achtmal unentschieden, fünfmal gar torlos. Eine Bilanz, die sowohl Stärken als auch Schwächen bereits erahnen lässt.
Auch die tschechische Nationalmannschaft wartet bei der kommenden Weltmeisterschaft mit einem höchst erfahrenen Trainer auf der Bank auf. Im Gegensatz zu Javier Aguirre ist es allerdings für Miroslav Koubek allerdings seine erste Weltmeisterschaft, nicht die vierte (inklusive Aguirres Spielerkarriere). Koubek übernahm das Team erst im Dezember und hatte in den beiden Playoff-Spielen um die Qualifikation gegen Irland und Dänemark noch überhaupt keine Gelegenheit, das Team Patrik Schick, Tomáš Souček und Ladislav Krejči nach seinen Vorstellungen zu formen. Tschechien hatte zuvor den Aufstieg in die Nations League A errungen und eine Qualifikation mit viel Licht und Schatten gespielt, bei der sie – erwartungsgemäß – Kroatien nicht hinter sich lassen konnte, sodass der Weg der Mannschaft in die Playoffs führte. Eine Niederlage gegen die Färinger besiegelte das Schicksal von Koubeks Vorgänger Hašek trotz eines starken 0:0 zuvor gegen Kroatien.
Für Südkorea war die Qualifikation für die WM 2026 erwartungsgemäß eine Formalie, woran auch ein enttäuschendes Ende im Halbfinale gegen Jordanien beim Asian Cup 2024 nichts ändern konnte. Auch der Ausgang der Ostasienmeisterschaft muss für Südkorea als enttäuschend beschrieben werden, wo das Finale gegen den ewigen Rivalen Japan recht unverdient mit 0:1 verlorenging. In den folgenden Freundschaftsspielen stehen vier Siege, drei Niederlagen und ein Unentschieden zu Buche, darunter allerdings zwei herbe Niederlagen gegen Brasilien und die Elfenbeinküste, sowie ein sehr glücklicher Sieg gegen die USA – alles in allem eine durchwachsene Ausbeute. Südkoreas Trainer Hong Myung-bo ist mit 57 bei weitem der jüngste Trainer der Gruppe.
Südafrika ist nominell das schwächste Glied der Gruppe, allerdings auch das wohl am schwersten auszurechnende Team der vier Kontrahenten. Allein die Performance beim Afrika-Cup lässt verschiedene Lesarten zu. Südafrika kam dort nicht über das Achtelfinale hinaus und hatte schon in der Vorrunde einige Mühe mit relativen Fußballzwergen wie Angola und Simbabwe, hielt andererseits aber gegen Ägypten gut mit und war in Überzahl klar überlegen und war auch im einzigen KO-Spiel gegen Kamerun die bessere Mannschaft. Dem Team könnte entgegenkommen, dass es besser gewappnet ist, Teams zu bezwingen, die bereit sind, gegen sie das Spiel zu machen. Mit dem Belgier Hugo Broos verfügt auch Südafrika über einen reichen Erfahrungsschatz auf der Trainerbank.
Mexiko
Javier Aguirres WM-Bilanz kann sich sehen lassen: sechs Gruppenspiele, davon drei Siege, zwei Unentschieden und eine Niederlage bei 7:4 Toren. Hinzu kommen ein 0:2 und ein 1:3 im Achtelfinale gegen die USA und Argentinien. Er ist ein Mann der engen Spiele und der inkrementellen Vorteile. Schon 2010 – 2002 noch 3-1-4-2 – war 4-3-3 die Grundordnung, die er seiner Mannschaft verordnete, mit der sie sich auch heute in der Regel präsentiert.
Aguirres Mexiko ist kein Team, dass sich darauf verlegt, den Gegner im tiefen Block auf sich zukommen zu lassen. Allein Portugal (67%) und Belgien (52%) gelang es über die ganze Saison hinweg überhaupt, den Mexikanern die Mehrheit des Ballbesitzes abzuringen. Selbst diese Statistik täuscht allerdings noch ein wenig zu Mexikos Ungunsten, da die Mexikaner gegen Belgien nur 0.1xG zuließen und Belgiens Offensive völlig unter Kontrolle hielten. Das ist dabei auch Mexikos erste Priorität und die Grundlage ihrer zeitweiligen Dominanz: Sie ersticken ihren Gegner weniger, indem sie ihn mit Chance um Chance zwingen, sich weit zurückzuziehen, sondern indem sie sie ihn ihrem Pressing und Gegenpressing nicht in gefährliche Räume kommen lassen beziehungsweise ihnen dort jede Freiheit nehmen.
Zentrales Element ist der schnelle Zugriff, sobald der Gegner in Mexikos mittleren Block hineinspielt oder -dribbelt. Sie postieren sich gegen den Ball stets kompakt, häufig in einem 4-1-4-1 oder 2-3-1-3-1. Erster Anläufer ist der Mittelstürmer. Bleibt der ballführende Gegenspieler vor oder neben dem mexikanischen Block, wird er nur von einem Spieler angelaufen. Die Reihe dahinter soll vor allem den Weg für Pässe durch das Zentrum geschlossen halten. Ein Gegner der sich mit Ball erfolgreich in den Block hineinbewegt oder doch ein Zuspiel bekommt, wird von zwei, idealiter von drei Spielern bedrängt, wobei ein Spieler vertikal hinauspresst, ein weiterer aus zentraler Richtung unter Zuhilfenahme des eigenen Deckungsschattens hinzukommt sowie ein Spieler rückwärtig presst, teilweise auch zwei Spieler, die rückwärtig pressen anstatt eines Spielers aus der Mitte. Das aggressive Herauspressen soll ein Aufdrehen verhindern oder, wenn es dafür zu spät ist, dem Spieler keine Zeit geben, seine aufgedrehte Stellung zu nutzen, während das Unterdrucksetzen aus verschiedenen Richtungen es für den Spieler unmöglich macht, alle relevanten Gegenspielers im Auge zu behalten. Der Gegner wird also in aller Regel davon abgehalten, sich aufzudrehen, beziehungsweise dazu gezwungen, abzudrehen, und soll nur den Ausweg nach außen vorfinden. Dreht der Gegner dann nach außen ab, wird die Verfolgung nur noch von einem Spieler fortgesetzt. Die Formation der Mexikaner wird dabei nicht selten zum 4-2-3-1, dem grundlegenden 4-3-3 oder auch 5-2-3, je nachdem, wie viele Spieler der Gegner in die letzte Linie bringt und wie viele Spieler nötig sind, um jeden zentralen Spieler des Gegners frontal anlaufen zu können, sollte er ein Zuspiel erhalten. Entsprechend rückt häufig der ballnahe Außenspieler in die Kette zurück, teils aber auch der Sechser, typischerweise Edson Álvarez oder Erik Lira.
Ein weiterer Vorteil für Mexiko besteht dabei darin, dass nach schnellem Ballgewinn mit hoher Wahrscheinlichkeit ein (kurzer) vertikaler Pass möglich ist, entweder nach vorne oder zurück, dessen Wahrscheinlichkeit, abgefangen zu werden, kleiner ist als bei einem Querpass. Das führt wiederum dazu, dass entweder sofort oder im zweiten Schritt ein Spieler in offener Stellung einen Pass nach vorne spielen kann.
Gefahr für Mexikos Defensive entsteht in der Regel dann, wenn es dem Gegner gelingt, den Block außenherum zu umspielen, sodass ein offensiver Außenspieler ins Eins-gegen-Eins geschickt werden kann, seltener durch lange Bälle hinter die Kette und durch technisch hochkarätiges Spiel durch die Mitte, mit dem es gelingt, sich dem Zugriff mehrer Mexikaner zu entziehen und so den Raum zu nutzen, der sich für kurze Zeit abseits des Spielfeldbereichs öffnet, indem Mexikos Pressingfalle gerade zugeschnappt und nur Luft zu fassen bekommen hat.
Auch mit Ball bleiben manche Prinzipien erhalten, die gegen den Ball gelten, etwa eine kompakte Grundstruktur mit einem Fokus auf Dreiecksbildungen und häufige vertikale Bewegung. Hinzu kommt eine generelle relativ tiefe Positionierung mit (in diesem Fall) wenigen Spielern vor dem Ball. Die Mexikaner bauen in der Regel ruhig von hinten auf, scheuen aber auch den langen Ball nicht. Ein Problem haben sie oftmals dann, wenn der Gegner sich weit zurückzieht und sich aufs Kontern verlegt. Die Mittel, eine tiefe, disziplinierte Defensive zu überwinden, sind nicht weit entwickelt. Besondere mannschaftstaktische Elemente im Offensivspiel sind dabei selten zu erkennen, etwa das paarweise diagonale Durchschieben zweier Spieler aus dem Zentrum in Verbindung mit dem seitlichen Verschieben der Angriffsreihe. Häufiger und meist erfolgreicher sind gruppentaktische Elemente wie Steil-Klatsch-Varianten, Spielen und Gehen und Ähnliches, denen dann aber eben nicht selten die Einbettung in einen größeren Zusammenhang fehlt.
Ein wichtiger Faktor für das Offensivspiel ist die Wahl des Mittelstürmers. Raúl Jiménez, Gold-Cup-Held und erfahrener Premier-League-Recke, bringt hier Fähigkeiten als Wand- und Zielspieler mit, die Aguirres anderen Optionen eher abgehen. So sehr er taktisch wichtig dafür werden könnte, um Mexikos Offensivbestrebungen zu bündeln, so sehr ist seine Athletik mit inzwischen 35 Jahren nicht mehr auf dem ohnehin nie überragenden Niveau früherer Jahre und seine Effektivität im Strafraum ein bekanntes Problem. Mexiko ist dadurch mehr von Chancen abhängig, die aus Pressing oder Gegepressing resultieren, als es gut wäre, insbesondere wenn man bedenkt, dass man sich in einer Gruppe ohne krasse Außenseiter wiederfindet, dabei aber, zumal als Gastgeber, tendenziell mit dem Druck eines Favoriten in alle drei Gruppenspiele gehen dürfte. Bereits und insbesondere im Eröffnungsspiel gegen Südafrika dürfte sich erweisen, wie gut El Tri mit der ungewohnten Rolle als Favorit auf den Gruppensieg umgehen kann, die das neue Turnierformat ihr beschert.
Südafrika
Bafana Bafana hat am 12. Juni zum ersten Mal seit 2010 die Ehre, ein WM-Eröffnungsspiel zu bestreiten und auch was den Gegner betrifft, ist es eine Neuauflage, denn der heißt wie vor 16 Jahren Mexiko mit Trainer Javier Aguirre. Was allerdings fehlt ist die übermächtige Konkurrenz, vertreten durch Uruguay und Frankreich, was natürlich für veränderte Vorzeichen sorgt, ebenso wie die veränderte Situation der Südafrikaner, die eher kein afrikanisches Top Team mehr sind und freilich den Heimvorteil an Mexiko abgegeben haben und damit auch den damit einhergehenden besonderen Druck.
Es gibt tatsächlich einige Gemeinsamkeiten zwischen der mexikanischen Mannschaft und den Südafrikanern. Beide Teams sind bereit, das Spiel zu machen, haben allerdings ihre Probleme, wenn der Gegner überhaupt nicht bereit ist, etwas beizutragen. Und beide sind ein Stück weit abhängig von einem Premier-League-Stürmer, die nicht ohne Probleme sind. Lyle Foster verbindet mit Raúl Jiménez, dass auch er für einen Mittelstürmer nicht gerade als Torgarant gelten kann.
Südafrika setzt normalerweise auf ein 4-2-3-1, auch wenn sie im Afrika-Cup-Achtelfinale gegen Kamerun auf ein 5-2-3 ausgewichen sind, in dem sie ihrer Niederlage zum Trotz die bessere Mannschaft waren und den Ballbesitz kontrollierten. Mit Ball spielt Südafrika initial sehr gerne vertikal, egal, ob aus Umschaltsituationen heraus oder aus dem eigenen geordneten Aufbau. Trotzdem bleibt ihr Spiel relativ risikoavers, da zugleich relativ viele Spieler tief bleiben. Im Ballbesitz positionieren sie sich gerne 2-4-1-3 und dann in der Folge 2-3-2-3 unter starker Einbindung des Torwarts, wobei ein Spieler aus der vordersten Reihe, insbesondere Foster, sich gerne auch ein Stück fallen lässt. Sie suchen so häufig das direkte Anspiel in den Raum zwischen den Linien, insbesondere wiederum auf Foster, um dann auf diagonal durchlaufende Mitspieler aus dem Zentrum abzulegen. Alternativ attackieren sie häufig die Schnittstellen in der Abwehrreihe, wiederum nicht selten auf Foster, der sich horizontal und vertikal viel bewegt, oder lange Bälle auf die Flügelspieler, etwa wenn es ihnen gelungen ist, einen Außenverteidiger herauszulocken.

Südafrika bildet links ein 3-gegen-3, in der Mitte lauern zwei Spieler eng beeinander, von denen sich diesmal keiner ins Flügelspiel einschaltet. Auf der Gegenseite wartet der isolierte Außenspieler mit viel Platz.

Nur ein schwacher Abschluss steht am Ende zwischen Appollos und dem frühen 1:0 gegen Botswana im Afrika-Cup.
Ist Südafrika nicht mit einem schnellen Angriff zum Erfolg gelangt und weiter im Ballbesitz, liegt der Schwerpunkt auf dem Flügelspiel. Südafrikas Zehner orientiert sich dabei auf den ballnahen Flügel, sodass dort vier Spieler eine kleinräumige Überzahl herstellen (meist mit Außenverteidiger, Außenspieler und entweder Mittelstürmer oder durchschiebendem Sechser/Achter), der sonst auf der ballfernen Seite zum 2-3-2-3 ergänzt. Hier wirken die Südafrikaner auch tatsächlich gut eingespielt und aufgestellt. Mittelstürmer und Zehner befinden sich initial, wenn der Ball durch die Mitte nach vorne getragen werden kann, nahe beieinander auf einer vertikalen Linie, bis sich dann einer von beiden ins Flügelspiel einschaltet oder sogar beide zugleich, dann gerne mit kreuzenden Laufwegen. Erfolgt der Ballvortrag über außen, dann typischerweise aus dem 2-3-2-3 heraus. Sie bringen in der Folge vier Spieler auf einen Flügel, typischerweise Flügelspieler, Außenverteidiger, Zehner und den offensiveren Achter/Sechser. In dieser Gruppe rotieren dann weitere Spieler hinein und wieder heraus, insbesondere der Mittelstürmer und der andere Sechser/Achter. Aus dieser Struktur heraus sollen Tiefenläufe bespielt werden, die Grundlinie gefunden werden oder sonst Halbfeldflanken oder Verlagerungen gespielt werden. Ein weiteres Mittel, wenn gar nichts anderes gelingen will, etwa nach Abbruch und Rückpass, ist der lange Diagonalball vom Innenverteidiger auf den Flügelspieler der Gegenseite hinter der gegnerische Kette.
Gegen den Ball verteidigt Südafrika relativ schnell tief. Bevor es dazu kommt. Bevor es dazu kommt, erwarten sie ihren Gegner im Mittelfeldpressing im 4-2-3-1, wobei insbesondere in der Mitte stärker mannorientierter gedeckt wird, nämlich durch den Zehner und die beiden Acher/Sechser, während der Mittelstürmer davor leichten Druck etwa auf ballführende Innenverteidiger ausübt. Generell bleibt der Zehner in aller Regel tiefer als die beiden Außenspieler, sodass die Staffelung nicht selten als 4-3-3 beschreiben könnte.
Sie nutzen insbesondere Rückpässe, Standardsituationen und gegnerische Fehler zur Pressingauslösung, in welchem Moment die ballnahen Spieler dann einem Gegenspieler zugeordnet sind und auf den sie rausschieben. Südafrika bleibt allerdings extrem zögerlich darin, in Pressingsituationen mehr als vier Spieler weiter nach vorne rücken zu lassen. Meist bleibt das defensive 4-2 weitgehend intakt, wodurch große Lücken hinter der ersten Linie entstehen können. Insbesondere die Außenverteidiger lassen sich dann manchmal allzu leicht herauslocken und lassen mitunter gefährliche Flügelangriffe zu.
Die Gruppenkonstellation könnte für Südafrika tatsächlich eher entgegenkommen. Mannschaften, die dem Gegner nicht einfach den Ball auf einem silbernen Tablett überreichen und beim leichtesten Hauch von Gefahr in den tiefen Block fallen, liegen ihnen tendenziell. Um genau solche handelt es sich bei den Gruppengegnern, wohl gemerkt, ohne dass auch nur eines der Teams Bafana Bafana spielerisch von vornherein haushoch überlegen wäre. Als gefährlich könnte sich aber das eher etwas naive Pressing erweisen.
Südkorea
Südkorea dürfte eines von zwei Dreierkettenteams in Gruppe A sein, auch wenn man sie punktuell auch im 4-2-3-1 sehen konnte. Wenn man die Südkoreaner loben möchte, dann kommt einem vielleicht zuerst ihr Mut und ihre Konsequenz in den Sinn. Das klingt allerdings vielleicht besser, als es dann auf den zweiten Blick daherkommt. Der Mut der Südkoreaner äußert sich so darin, dass sie sich trauen, unentwegt von hinten heraus aufzubauen, ganz egal, gegen welchen Gegner, und sich davon nicht abbringen lassen. Südkorea entwickelt seinen Aufbau aus einem 2-4-4 oder 2-4-1-3 heraus und bindet dabei den Torwart stark mit ein. Ein weiteres Beispiel ihres Mutes ist, dass sie recht bereitwillig ins hohe Pressing gehen, auch gegen überlegene Gegner wie Brasilien. Im mannorientierten hohen Pressing gehen sie allerdings in der Regel nicht so weit, die Überzahl in der eigenen letzten Linie aufzugeben. Wenn der Mittelstürmer Gelegenheit findet, den Passweg zwischen den beiden Innenverteidigern zu verstellen und zugleich der Rückpass auf den Torwart so weit ist, dass er diesen zugleich bedrohen kann, nutzt er diese Gelegenheit und die Koreaner pressen energisch die ballnahe Seite.
Solange die Südkoreaner in ihrem mittleren Block stehen, ist 5-2-3 ihre Ausgangsposition. Da die beiden Außenstürmer sich generell in eher zentraleren Räumen aufhalten, lastet defensiv ein besonderer Druck auf den beiden Flügelverteidigern, die aggressiv herauspressen, wenn der Gegner auf die Außen spielt. So entsteht mitunter viel Platz hinter ihnen, ohne dass immer gleich die ganze Kette energisch verschieben würde. Generell ist das mutige Nach-vorne-Verteidigen zwar notwendig, aber bisweilen auch höchst gefährlich, da teils mehrere Koreaner sehr auf die Gegenspieler fixiert wirken, auf die sie selbst hinausschieben wollen, mehr als auf die Positionierung ihrer Mitspieler. Nur der zentrale Innenverteidiger zeigt sich hier oft zurückhaltender. So energisch, wie sie pressen und gegenpressen, wollen sie auch offensiv umschalten. Fallen die Südkoreaner tiefer, nähert sich ihr 5-2-3 stärker einen 5-4-1 an, allerdings werden sie nie zu einem Team, dass das Verteidigen im tiefen Block ruhig und gleichmütig erträgt, sondern schielen immer auf den schnellen Ballgewinn, den sie ständig mit hoher Intensität herbeizuführen versuchen.

Vierienhalb Brasilien filetieren die südkoreanische Verteidigung. Zuvor konnte Magalhães mit einem Dribblinbg das halbe Feld überbrücken, da wenige pressende Koreaner vorne isoliert waren.
Mit Ball ähnelt ihr 5-2-3 durchaus ihrem 4-2-3-1, indem ein Außenspieler einrückt und zum Zehner wird. Der Flügelverteidiger auf dieser Seite rückt dann nach vorne und gibt die Breite, während der andere tiefer bleibt und bei Bedarf einrückt. Die Koreaner blieben mit recht vielen Spielern tief und lenken das Spiel aus dem Aufbau bereitwillig auf eine Seite. Der Versuch, im Sechserraum aufzudrehen, wird überhaupt nur selten unternommen. Schon im Übergangsdrittel überladen sie die ballnahe Seite stark. Das führt dazu, dass Verlagerungen fast nur möglich sind, wenn der ballferne Außen sehr viel Platz hat oder der weite Weg über das große U genutzt würde, was aber nicht zur südkoreanischen Art Fußball zu spielen passt. Eine häufige Alternative und ein häufiger Ausweg ist der Ball auf den Mittelstürmer und Topstar Heung-Min Son, wenn er sich in den Zwischenraum fallen lässt. Das Problem ist allerdings. Dass der sehr häufig keine Spieler um sich hat, auf die er ablegen kann und, selbst wenn er zurück klatschen lässt, häufig niemand den potentiell freigewordenen Raum besetzt hat.
So kommt es oft dazu, jedenfalls gegen kleinere und vergleichbare Gegner, dass die Südkoreaner trotz relativ beherztem Spiel nach vorne im letzten Drittel viel Dynamik verlieren und erstmal nachschieben müssen. In dieser Situation wird aus dem starken Fokus auf einen Flügel dann auch wieder eine ausgewogenere Verteilung.
Am wohlsten fühlen sich die Koreaner gegen Teams, die ihnen in der Mitte nicht jede Luft zum Atmen nehmen und deren eigenes Flügelspiel nicht extrem schwer zu kontrollieren ist. Das dürfte auf Tschechien am besten zutreffen.
Tschechien
Wer hüpft hier nicht? Viel zu oft die Tschechen. Die Tschechen sind eindeutig die Wundertüte der WM-Gruppe A. Das liegt daran, dass sie erst im Dezember von Miroslav Koubek übernommen wurden, der damit Ivan Hašek ersetzte, dem die direkte Qualifikation für die Weltmeisterschaft nicht gelungen war. Hašeks Bilanz verdient dabei eine genauere Betrachtung. Tschechien befand sich in einer Gruppe mit den in den letzten Jahren und Jahrzehnten durchweg höher einzuschätzenden Kroaten und drei Teams, die es standesgemäß hinter sich zu lassen galt mit Montenegro, Färöer und Gibraltar. Mit den Plätzen 11, 41, 81, 123 und 203 eine Qualifikationsgruppe mit extrem klar verteilten Rollen, in der Färöer mit Platz 3 statt 4 am Ende die mittelgroße Überraschung gelang. Mit anderen Worten: Alles andere als ein zweiter Platz für die Tschechien wäre eine ebensolche Überraschung gewesen – und diese Überraschung blieb aus.
Hašek den Job gekostet hat dabei aber sicherlich weniger dieser zweite Platz per se, sondern viel mehr sein Zustandekommen. Zu vier standesgemäßen Siegen gesellte sich eine etwas zu herb geratene Niederlage gegen die Kroaten, aber auch ein sehr respektables 0:0 im Rückspiel, dann aber auch nach 2:1 im Hinspiel eine 1:2-Niederlage im Rückspiel gegen kämpferische Färinger, das Hašeks Engagement dann nicht mehr überstand. Auf ein Interims-Intermezzo folgte dann schließlich Koubek für zwei Playoff-Spiele, von denen Tschechien das eine gegen Irland leicht verdient, das zweite gegen Dänemark aber reichlich unverdient je im Elfmeterschießen auf seine Seite ziehen könnte. Außer diesen beiden Spielen, bei denen sich Experimente verbaten, hatte der neue Trainer nur zwei Testspiele, um seine Vorstellungen zu implementieren – und entsprechend wenig ist auch bislang von seiner Handschrift zu erkennen. Eine solche noch im größeren Stile zu implementieren, erscheint kaum denkbar, sodass eher ein Hašek-System mit einzelnen kleinen Koubek-Anpassungen zu erwarten sein dürfte für das bevorstehende Turnier. Die offensichtlichste davon ist die Umstellung auf ein 5-2-3, die allerdings auf dem Papier drastischer erscheint als auf dem Rasen, insbesondere da diese Grundordnung auch unter Hašek teilweise vorkam, wenn auch nicht als der Normalfall.
Das wichtigste Element im tschechischen Spiel sind ihre langen Bälle auf ihre großgewachsenen Angreifer. Patrick Schick dürfte dabei gesetzt sein. Es bleibt allerdings offen, ob er die Mehrheit der Spiele als nomineller Mittelstürmer bestreiten wird. Vielleicht noch wahrscheinlicher ist eine Angriffsreihe mit Tomáš Chorý flankiert von Patrick Schick und Pavel Šulc. Hieran lässt sich bereits erkennen, dass es sich dabei um drei Spieler mit klarem Fokus auf die Mitte handelt und nicht Kräfte, die ihrer Natur nach eher als Außenspieler zu begreifen wären. Mit Ball lauert Šulc de facto oft hintern den beiden größeren Mitspielern, während beide zentral die letzte Linie bedrohen. Nicht selten gesellt sich noch einer der beiden Achter/Sechser hinzu, sobald der Ball weiter nach vorne getragen wird, sodass Šulc dezidiert den einen der beiden Halbräume besetzt. Dahinter befindet sich die tschechische Aufbauraute und außen die beiden Flügelverteidiger. Am gefährlichsten sind die Tschechen allerdings tatsächlich, wenn es dazu gar nicht erst kommt, sondern sie vorher den langen hohen Passweg auf Schick oder Chorý finden und derjenige gefährlich ablegen kann.
In ein hohes Pressing gehen die Tschechen nur sehr situativ; sie verlegen sich stattdessen initial aufs Mittelfeldpressing, wobei sie ballnah und zentral 1-gegen-1-Zuordnungen bilden. Wenn das beim Verschieben nicht schnell genug möglich ist, fallen sie zurück in ihren tiefen Block. Dabei werden die Tschechen oft zu passiv und fallen teils vorschnell in ein 6-3-1 und/oder verlieren etwas ihre Ordnung, wobei ihnen dann generell im Zwischenraum der Zugriff leicht verloren geht, da der Gegner relativ problemlos auch viele eigene Spieler weit nach vorne schieben kann. Ein weiterer typischer Problemfall für die tschechische Verteidigung sind direkte flache Verlagerungen, bei denen sich häufig die ballferne Unterzahl und das nicht immer gelingende Verschieben rächen. Das dürfte insbesondere den Südafrikanern zupasskommen, die auf diese Weise regelmäßig Tore erzielen.
Fazit
Es könnte wirklich eine aufregende Gruppe mit engem Ausgang werden. In der besten Form befinden sich wohl die Mexikaner, die nun acht Spiele in Folge ungeschlagen sind und darum auch – dem größten Druck zum Trotz – mein Favorit auf den Gruppensieg bleiben. Die zweitbeste Serie bringen die Tschechen mit zur WM mit zuletzt sechs Siegen, darunter allerdings keiner, der zugleich überzeugend und gegen einen relevanten Gegner gewesen wäre. Mein Tipp für Platz 2 in der Gruppe ist darum Südafrika, die mit der Hitze gut klarkommen dürften und vielleicht genau die richtigen Stärken mitbringen, um speziell Mexiko und Südkorea wehzutun. Dahinter sehe ich die Südkoreaner noch vor den Tschechen, die dringend zu einem besseren Rezept finden müssen als dem, das sie mit Ach und Krach die Relegation überstehen ließ.
SZ nennt Adolfo Valencia weiterhin konsequent den “Bayern-Express”, anstatt den “Entlauber”, egal was Uli H. darüber denkt, und ist außer Podcaster a.D. (Super Bayern Podcast) auch Germanist.


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