Kommentar: Albert Rieras Start in Frankfurt – MH
In Frankfurt ist man sich momentan uneinig, wie die ersten neun Spiele des neuen Trainers Albert Riera zu bewerten sind. Ich möchte an dieser Stelle einen kurzen Kommentar zur taktischen Einordnung des Stils von Riera abgeben.
Bereits bei NK Celje wurde deutlich, dass Riera einen besonderen Fokus auf Ballbesitz hat. Ziel Rieras ist nicht nur die Kontrolle des Spiels durch den Ballbesitz des eigenen Teams. Der Ballbesitzfußball zeichnet sich vielmehr dadurch aus, dass Riera selbst eine möglichst große Kontrolle über das Spiel haben möchte – also maximale Steuerbarkeit des Spiels durch den Trainer. Das wird in der Art und Weise sichtbar, wie Riera Fußball versteht. Sein Ziel war es bislang immer, Spiele über Ballbesitz zu kontrollieren und dabei gezielt an den Gegner angepasste Räume zu öffnen, um diese anschließend zu bespielen. Diese Art des Ballbesitzfußballs sorgt für eine hohe Vorhersehbarkeit bei den Mitspielern, da es immer ähnliche, einfach auszuspielende Passoptionen gibt. Diese Vorhersehbarkeit ermöglicht wiederum einfachere Anpassungen durch den Trainer, um das Spiel zu beeinflussen. Insofern versucht Riera, eine möglichst große Kontrolle über das Spiel zu erlangen. Dieser Ansatz mit seiner positionistischen Idee im Ballbesitz hat dazu geführt, dass Riera Frankfurts Defensivprobleme in den Griff bekommen hat.
„Mein Traum ist es, dass diese Mannschaft ein Spiel mit geschlossenen Augen gewinnt.“ ~ Albert Riera
Ebenfalls unter Celje zu beobachten war die Art des Pressings, das Riera spielen lässt. Frankfurt spielt zwar Manndeckung, wie beinahe alle anderen Bundesligaklubs auch. Allerdings behalten sie auf der letzten Verteidigungslinie eine +1 Überzahl durch einen Innenverteidiger. Das führt gleichzeitig dazu, dass Frankfurt vorne im -2 presst. Dadurch lässt sich nur selten Druck auf den Gegner aufbauen. Dennoch sorgt auch dieser Ansatz für eine hohe Vorhersehbarkeit bei den Mitspielern und ist eine sehr einfach umzusetzende Variante, bei der kein Spieler risikoreichere Zweikämpfe führen muss. Dementsprechend trägt er zur bisherigen Stabilisierung der Defensive bei. Allerdings ist aufgrund des Pressings im -2 häufig zu beobachten, wie Verteidiger der gegnerischen Mannschaft mit viel Raum andribbeln. Bislang ist es noch keinem Gegner gelungen, diese Art des Pressings wiederholt auszuspielen. Dabei bietet der Ansatz eigentlich relativ einfache Lösungen für den Gegner. Die Kombination aus Manndeckung und fehlendem Druck auf den Ballführenden ist anfällig. Der Gegner kann die Positionen der Frankfurter Verteidiger diktieren, sie gegeneinander ausspielen, um die Manndeckung zu manipulieren und hat gleichzeitig aufgrund des fehlenden Drucks viel Zeit, diese Situationen auszuspielen. Es wird spannend sein zu sehen, wie spielstarke Gegner, wie beispielsweise Stuttgart, dagegen Lösungen entwickeln. Freiburg hat beispielsweise versucht, Kalimuendo immer wieder auf die letzte Linie in 1-gegen-1-Duelle auf der Außenbahn zu zwingen. Allerdings gab es kaum andere Ideen durch Freiburg, um die Manndeckung gezielt zu manipulieren. Hier wird sich auch sehr wahrscheinlich in Zukunft ein großer Nachteil des Ansatzes von Riera zeigen, der bereits im Ballbesitz sichtbar geworden ist. Die Vorhersehbarkeit im Pressing und im Ballbesitz sorgt auch für Vorhersehbarkeit beim Gegner. Es ist gut möglich, sich gezielt auf diese Art des Pressings vorzubereiten und entsprechende Lösungen im Vorfeld zu trainieren.
Wie bereits beschrieben, gibt Riera in Ballbesitz exakte Vorgaben, welcher Spieler wann welchen Raum gegen welchen Gegner zu öffnen hat und wie dieser anschließend zu bespielen ist. Dadurch entsteht auch der Eindruck eines mechanischen Offensivspiels mit wenig Zug zum Tor, da die Spieler in einem Spiel immer wieder die gleichen Wege gehen und Kontrolle durch Ballbesitz beinhaltet, dass der Ball häufig in weniger tornahen Regionen gehalten wird. Insofern ist fraglich, ob diese Art des Ballbesitzspiels wirklich das ist, was man in Frankfurt erwartet. Eigentlich wurde durch die Frankfurter Vorstände von „Heavy-Metal-Fußball“ gesprochen. Dennoch schließt sich das meiner Meinung nach nicht grundsätzlich mit Ballbesitzfußball aus. Eintracht Frankfurt hat seit dieser Saison erkannt, dass die Spielweise umgestellt werden muss, um nachhaltig erfolgreich zu sein. Der Schritt weg von einer reinen Umschaltmannschaft hin zu mehr Ballbesitz ist enorm wichtig und wurde bereits unter Toppmöller eingeleitet. Dazu passend wurde auch der Kader gestaltet, der inzwischen genügend Spieler enthält, um auch gegen tiefstehende Gegner erfolgreich Torchancen herauszuspielen. Da Toppmöller die Spielweise gegen den Ball nicht ausreichend angepasst hat, ist ihm insbesondere das passive Mittelfeldpressing zum Verhängnis geworden. Dieses war auf Ballgewinne durch Fehlpässe ausgerichtet und ein Überbleibsel des Umschaltfußballs, das nicht mehr zur angestrebten Ballbesitzidee passte. Schließlich wurden gegnerische Teams bei Ballverlusten nicht mit sofortigen, gefährlichen Umschaltmomenten bestraft. Das sorgte auch dafür, dass Gegner deutlich mehr Risiko im Ballbesitzspiel gehen konnten. Dieses Problem in Kombination mit einer hohen letzten Kette ohne Druck auf den Ball waren mitverantwortlich für die Masse an Gegentoren. Riera hingegen sorgt durch Vorhersehbarkeit für defensive Stabilität. Gleichzeitig führt diese Vorhersehbarkeit jedoch zu weniger Unberechenbarkeit für den Gegner. Das resultiert in weniger Tormöglichkeiten, insbesondere gegen tiefstehende Gegner.
„Wenn wir angreifen und uns im letzten Viertel befinden, dann konzentriere ich mich mehr darauf, was passiert, wenn wir den Ball verlieren. Sind wir in einer guten Position, um den Ball wieder zurückzugewinnen? Ich versuche jedes Detail des Spiels zu kontrollieren.“ ~ Albert Riera
Insofern wird es Rieras zukünftige Aufgabe in Frankfurt sein, etwas zu tun, das eigentlich nicht seiner Spielidee entspricht. Er muss auf ähnliche Probleme reagieren, wie sie bspw. Guardiola hat(te?) und mehr Unvorhersehbarkeit für den Gegner schaffen. Im letzten Drittel geht es nach meinem Verständnis von Fußball nicht nur um größtmögliche Kontrolle durch den Trainer, indem der Fokus darauf liegt, wie Spieler sich positionieren sollen, um nach Ballverlusten den Ball schnell zurückzuerobern. Es geht darum, Lösungen in Ballbesitz zu entwickeln, die anders als seine eigentliche Spielidee ihm als Trainer ein Stück Kontrolle über die Beeinflussung des Spiels nimmt, sie dafür den Spielern gibt und gleichzeitig dadurch auch dem Gegner defensive Kontrolle nimmt. Das wird der entscheidende Entwicklungsschritt sein und darüber bestimmen, ob Riera in Frankfurt erfolgreich wird. Es geht um die Balance zwischen Kontrolle und Unvorhersehbarkeit sowie um eine Abkehr von den klassischen rein raumorientierten Lösungen, die insbesondere in solchen Situationen versagen.
Keine Kommentare vorhanden Alle anzeigen