Hoffenheim auf Kurs Europa: Ein Erfolg mit System – LC
Die TSG 1899 Hoffenheim präsentiert sich in der laufenden Saison als eine der Überraschungsmannschaften der Bundesliga und steht nach 20 Spieltagen mit 42 Punkten auf einem starken dritten Tabellenplatz, nur hinter dem FC Bayern München und Borussia Dortmund . Dieser Erfolg ist kein Zufall, sondern fußt auf einer beeindruckenden Balance zwischen Effizienz in der Offensive und Stabilität in der Defensive.
Mit 43 erzielten Toren bei 23 Gegentoren verfügt Hoffenheim über eines der produktivsten Angriffe der Liga und gleichzeitig eine der kompaktesten Abwehrreihen . Besonders auffällig ist die hohe Sprint- und Intensitätsleistung, die Hoffenheim ligaweit an die Spitze bringt und in vielen Spielen dafür sorgt, dass sie nach Balleroberungen schnell in gefährliche Umschaltmomente kommen. Diese Kombination aus dynamischer Spielweise, klarer Teamstruktur und taktischer Disziplin erklärt, warum die Kraichgauer derzeit weit oben stehen – mit realen Chancen, am Ende auch international wieder ein Wort mitzureden.
Von der Formation zur Spielidee: Hoffenheims Ansatz
Bei der TSG Hoffenheim lässt sich kein klar festgeschriebenes System oder eine dauerhaft stabile Grundordnung erkennen. Vielmehr zeichnet sich das Spiel der Kraichgauer durch eine hohe situative Anpassungsfähigkeit aus, die sowohl mit als auch gegen den Ball stark vom Verhalten des Gegners geprägt ist. Besonders im Spiel um den Ball agiert Hoffenheim häufig mannorientiert am Gegenspieler, was sich auch in der hohen und sehr mutigen Pressingausrichtung widerspiegelt. Diese Mannorientierungen sind mit einem bewusst eingegangenen Risiko verbunden, da sie Räume öffnen können, gleichzeitig aber eine enorme Intensität und Aggressivität im Anlaufen ermöglichen.
In ihrer Ausrichtung rotieren die Hoffenheimer selten, Veränderungen erfolgen meist positionsspezifisch und in klaren Paarungen: Prömel und Kramarić wechseln sich in ihren Rollen ab, ebenso Moerstedt und Lemperle in der Spitze sowie Traoré und Prass auf den Außenbahnen. Diese gezielten Rotationen sorgen für Frische, ohne die grundlegenden Abläufe zu verändern, und tragen zur Stabilität innerhalb der variablen Spielweise bei.
Mit Ball zeigt sich Hoffenheim äußerst flexibel und schwer zu greifen. Die Mannschaft ist in der Lage, den Gegner bewusst anzulocken, um ihn anschließend mit Dynamik und flachen Kombinationen zu überspielen. Gleichzeitig dient der lange Ball als klar definierte Exit-Variante, um sich aus Drucksituationen zu lösen oder sofort Tiefe zu erzeugen. Diese Mischung aus kontrolliertem Aufbau und direktem Spiel verleiht den Kraichgauern eine hohe Unberechenbarkeit im Offensivspiel.
Gegen den Ball unterstreicht Hoffenheim seine intensive Herangehensweise auch statistisch. Die Mannschaft führt die Liga bei den Fouls am Gegner an, was die aggressive und körperbetonte Defensivarbeit widerspiegelt. Ergänzt wird dies durch Spitzenwerte bei den Sprints und intensiven Läufen, die den enormen physischen Aufwand verdeutlichen, den Hoffenheim in jeder Spielphase betreibt. Diese Daten belegen eindrucksvoll, dass der Erfolg der TSG nicht nur auf taktischer Variabilität, sondern vor allem auf hoher Intensität, Mut und konsequenter Arbeit gegen den Ball basiert.
Spiel mit Ball: Variabilität statt fester Struktur
Mit Ball agiert die TSG Hoffenheim äußerst flexibel und variabel in ihren Aufbau- und Angriffsstrukturen. Der Spielaufbau beginnt häufig flach über Torhüter Baumann, der mit einer nahezu 100-prozentigen Passgenauigkeit auf kurze und mittlere Distanzen als sicherer erster Ballverteiler fungiert. Ziel dieses Ansatzes ist es, den Gegner bewusst ins Pressing zu locken. Dabei werden die beiden Innenverteidiger aktiv in den Aufbau eingebunden, positionieren sich sehr breit und stehen teilweise auf einer Linie mit den gegnerischen Stürmern, um das Spielfeld maximal zu öffnen.
Die Außenverteidiger schieben zunächst hoch, können bei Bedarf jedoch auch wieder flach eingebunden werden. Dabei zeigt sich eine klare Asymmetrie: Bernardo agiert auf der linken Seite häufig tiefer und aufbauorientierter, während Coufal auf der rechten Seite höher positioniert ist. Hinter den Stürmern staffeln sich die beiden Sechser, die sich in den Räumen hinter der ersten gegnerischen Pressinglinie anbieten. Besonders Avdullahu positioniert sich dabei oft sehr eng an der gegnerischen Pressinglinie, um die gegnerischen Stürmer eng zu binden und Passwege in den Rücken des Pressings zu öffnen.

Der Spielaufbau, hier gegen Leverkusen zeigt sich als Variabel. Der Gegner wird mit entgegenkommenden Läufen ins Pressing gebunden und eine 3vs3 Situation in letzter Linie erzeugt. Durch einen horizontalen Lauf von Coufal kann dieser in einem offenen Fuß angespielt werden und die 3vs3 Situation angreifen.
Baumann sucht in dieser Struktur entweder die sichere Kurzpasslösung in die Zwischenräume oder entscheidet sich bewusst für den vertikalen, hohen Ball in die Tiefe. Diese langen Zuspiele sind kein Notbehelf, sondern klar vorbereitet: Die offensiven Spieler stellen sich bereits auf den zweiten Ball ein. Häufig agieren dabei Kramarić und Asllani als Spieler vor Lemperle, um Ablagen oder zweite Bälle sofort weiterzuverarbeiten. Steht die gegnerische Abwehrkette sehr hoch, wird gezielt der Raum hinter der Linie attackiert – entweder mit direkten Tiefenbällen auf Touré oder durch einstartende Spieler aus dem Rückraum.

Der Spielaufbau gegen Frankfurt wahrt ähnliche Muster. Dabei wurde die letzte Linie mit Moerstedt, Prass und Coufal besetzt. Kramaric und Asllani warten auf die zweiten Bälle oder attackieren, wir hier Kramaric die Tiefe. Hajdari konnte das zögernde Pressing Frankfurts ausnutzen und den Ball über die Kette spielen. Moerstedt zielt hierbei darauf, den gegnerischen Verteidiger zu binden.
In längeren Ballbesitzphasen zeigt sich eine linksorientierte, asymmetrische Ausrichtung. Der linke Flügel wird hoch und breit besetzt, während die rechte Seite zunächst frei bleibt. Kramarić bewegt sich bevorzugt in den Raum zwischen Außen- und Innenverteidiger und bindet dort gezielt die letzte Linie. Auch Lemperle und Asllani positionieren sich zwischen den Verteidigern, um die gegnerische Kette horizontal zu strecken. Der rechte Flügel wird häufig erst dynamisch bespielt: Coufal startet aus einer höheren Ausgangsposition in die Tiefe und öffnet dadurch den Raum für Flankenangriffe.

Der Spielzug zur Entstehung des Tors gegen Hamburg beginnt durch die Raumbesetzung Kramaric‘. Mit der Bindung beider Verteidiger durch einen „Klatsch-Pass“ öffnet der den Raum für Coufal der mit Tempo hinter die Kette in den freigespielten Raum starten kann.
Dieser frei werdende Flügelraum kann zudem aus dem Zentrum heraus belaufen werden. Spieler wie Avdullahu, Burger, Kramarić oder Prömel stoßen mit intensiven Läufen in diese Zone und sorgen so für zusätzliche Präsenz und Dynamik. In der Folge wird der Strafraum konsequent besetzt. Meist befinden sich dort die Spieler, die zuvor die letzte Linie gebunden haben, ergänzt durch den einrückenden ballfernen Flügelspieler. Die Box wird regelmäßig mit mindestens vier Spielern gefüllt und über Halbfeld- oder Boxflanken bespielt.
Besonders Coufal hebt sich dabei als zentraler Vorlagengeber hervor und ist der Spieler mit den meisten Flanken im Hoffenheimer Team. Die hohe Anzahl an Spielern im Strafraum erhöht die Abnahmewahrscheinlichkeit deutlich und macht das Flankenspiel der TSG zu einem konstanten Gefahrenmoment. Die Kombination aus struktureller Flexibilität, intensiven Tiefenläufen und konsequenter Boxbesetzung verleiht Hoffenheim im Ballbesitz eine hohe Durchschlagskraft.

Die Boxbesetzung der Hoffenheimer, hier am Beispiel gegen den Hamburger SV, staffelt sich an einer hohen Quantität an Spielern. Avdullahu zieht hier mit seinem Lauf den Raum vor den Verteidigern frei. Im 4vs4 und dem Gewinn des zweiten Balls entstand dadurch ein Tor nach Flanke.
Gegen den Ball: Struktur durch Aggressivität
Gegen den Ball agiert die TSG Hoffenheim in einem klar mannorientierten Pressing, bei dem sich die Spieler so sortieren, dass nahezu jeder Akteur einen direkt zugeordneten Gegenspieler übernimmt. Die Grundausrichtung erfolgt dabei vom Zentrum nach außen, wodurch die Kontrolle der zentralen Räume stets Priorität hat. Der gegnerische Torhüter wird nicht permanent direkt angelaufen; erfolgt ein Pressing auf ihn, wird dieses aus dem Zentrum herausausgelöst und gezielt gesteuert.

In dieser Grafik sichtbar: das mannorientierte Pressing der Hoffenheimer gegen Frankfurt. Dabei ist der Kontakt ballnah und zentral sehr eng, ballfern hingegen besteht der Kontakt eher auf die ballnahe, zentrale Seite auf Höhe des Gegners.
Hoffenheim positioniert sich insgesamt sehr hoch im Pressing und bleibt in allen Defensivphasen stark gegnerorientiert. Trotz der ausgeprägten Mannorientierungen behalten die Spieler eine zentrumsnahe Grundpositionierung bei und sichern sich gegenseitig ab, um Durchbrüche im Halbraum oder Zentrum zu verhindern. Ballferne Spieler schieben aktiv ein, bleiben dabei jedoch stets im Kontakt mit ihrem direkten Gegenspieler, um Seitenverlagerungen unter Kontrolle zu halten und die horizontale Kompaktheit zu wahren.

Innen vor Außen: Im Spiel gegen Leverkusen zeigt sich die mannorientierung deutlich. Alle Feldspieler haben einen zugeordneten Gegenspieler, stehen aber im zentralen Raum des Feldes.
Das Anlaufen des gegnerischen Torhüters wird in der Regel von einem klar definierten Spieler ausgeführt. Dabei agieren die Hoffenheimer bewusst mit Deckungsschatten und raumorientierten Positionierungen, um jene Räume zu kontrollieren, die durch das mannorientierte Herausrücken potenziell frei werden. So gelingt es der Mannschaft, trotz hoher Intensität und aggressivem Pressing eine gewisse strukturelle Absicherung aufrechtzuerhalten und den Gegner gezielt in vorher definierte Zonen zu lenken.

Im Spiel gegen Gladbach erkennbar, ist das Pressing auf den Torhüter von einem Spieler der zweiten Pressinglinie aus dem Zentrum. Mithilfe des Deckungsschatten übt dieser Druck aus und zwingt den Torhüter zum langen Ball. Prass & Avdullahu beziehen dabei Kontakt zu den mittellangen Optionen im Zentrum, um ein weiteres Pressing vorzubereiten.
Rückt der Gegner tief in Hoffenheims Hälfte vor und etabliert Ballbesitz nahe der eigenen Box, passt sich die Defensivstruktur situativ an. In diesen Phasen füllt entweder Avdullahu aus der Sechserposition oder Prass vom linken Flügel die letzte Linie auf. Dadurch entsteht in seltenen Fällen eine 5-3-2-ähnliche Staffelung, die zusätzliche Stabilität im Strafraum und im ballnahen Halbraum erzeugt, ohne die Mannorientierungen vollständig aufzulösen.
Das übergeordnete Ziel des Hoffenheimer Pressings besteht darin, den Gegner zu langen Bällen zu zwingen. Durch das konsequente Schließen kurzer Passoptionen und das aggressive Anlaufen mit Deckungsschatten werden kontrollierte Aufbaulösungen gezielt verhindert. Die Effektivität dieses Ansatzes spiegelt sich auch statistisch wider: Hoffenheim belegt ligaweit Platz vier bei den gewonnenen Kopfballduellen und ist dadurch gut darauf vorbereitet, direkte Klärungsversuche des Gegners zu verarbeiten. Entscheidend ist dabei die außergewöhnlich hohe Lauf- und Pressingintensität, mit der die Kraichgauer auch nach überspielten ersten Pressinglinien konsequent nachsetzen. Durch intensive negative Pressingläufe sichern mehrere Spieler gleichzeitig den Raum um den ersten Kontakt des Gegners, wodurch Hoffenheim häufig Zugriff auf zweite Bälle erhält. Diese Kombination aus physischer Präsenz, kollektiver Laufarbeit und sofortigem Nachschieben ermöglicht es der Mannschaft, selbst aus scheinbar geklärten Situationen erneut Druck zu erzeugen und den Gegner dauerhaft unter Stress zu halten.
Auch der Umschaltmoment Offensiv lässt sich mithilfe des Mann-Mann Pressing in zahlreiche Torchancen ummünzen. Durch die Mannorientierung stehen den Hoffenheimern in Ballnähe Gleichzahl-Situationen bis zum Torabschluss vor. Die Orientierung bei hohen Ballgewinnen richtet sich dann durch den ballführenden Spieler hin zum Tor, wohin die restlichen Spieler sich auf den Positionen und vom Gegenspieler lösen und den Raum hinter der Kette oder in die Box suchen. Ein probates Mittel in den Umschaltmomenten sind dann auch Halbfeldflanken um die Unsortiertheit der Abwehr ausnutzen zu können.
Fazit: Intensität, Risiko und kollektive Überzeugung als Erfolgsfaktoren
Die TSG Hoffenheim steht in der aktuellen Saison nicht zufällig weit oben in der Tabelle. Der Erfolg der Kraichgauer basiert auf einer klaren inhaltlichen Identität, die weniger durch starre Systeme als vielmehr durch Intensität, Mut und konsequente Gegenspielerorientierung geprägt ist. Sowohl mit als auch gegen den Ball setzt Hoffenheim auf flexible Strukturen, hohe physische Belastung und eine ausgeprägte Bereitschaft, Risiken einzugehen, um Kontrolle über das Spiel zu gewinnen.
Im Ballbesitz überzeugt die Mannschaft durch Variabilität und Anpassungsfähigkeit. Der strukturierte Aufbau über Baumann, die bewusste Nutzung von Lockbewegungen sowie die klare Asymmetrie in der Flügelbesetzung machen Hoffenheim schwer ausrechenbar. Gleichzeitig dient der lange Ball als funktionale Exit-Option, die nicht nur Drucksituationen auflöst, sondern durch vorbereitete zweite Bälle unmittelbar in offensive Anschlussaktionen überführt wird. Die konsequente Boxbesetzung und das intensive Flankenspiel unterstreichen den direkten und zielgerichteten Ansatz im letzten Drittel.
Gegen den Ball spiegelt sich Hoffenheims Spielidee besonders deutlich wider. Das mannorientierte, hohe Pressing zielt darauf ab, den Gegner frühzeitig zu isolieren und zu langen Bällen zu zwingen. Die hohe Anzahl an gewonnenen Kopfballduellen, kombiniert mit intensiven negativen Pressingläufen, ermöglicht es der Mannschaft, auch nach ersten Klärungen Zugriff auf zweite Bälle zu erhalten und den Druck aufrechtzuerhalten. Situative Anpassungen, wie das Auffüllen der letzten Linie zu einer Fünferkette nahe des eigenen Strafraums, sorgen zusätzlich für defensive Stabilität in kritischen Spielphasen.
Insgesamt zeigt sich Hoffenheim als Team mit hoher kollektiver Überzeugung und klarer körperlicher wie taktischer Bereitschaft, Spiele aktiv zu gestalten. Gelingt es, die Balance zwischen Risiko und Absicherung weiterhin zu halten und die hohe Intensität über die gesamte Saison zu konservieren, besitzt die TSG beste Voraussetzungen, ihre Position in der oberen Tabellenregion zu festigen und sich nachhaltig im Kampf um die internationalen Plätze zu etablieren.
LC ist ein junger Vorzeigestudent, der während der Vorlesung lieber Spiele analysiert und Grafiken erstellt. In seiner Freizeit ist er jede Sekunde auf dem Fußballplatz. Zu finden erst aber auch auf LinkedIn.
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