Pressingfragen im Stade de la Meinau – MX
Nach dem Wechsel von Liam Rosenior zu Garry O’Neil war bei Straßburg zunächst kaum ein Bruch zu erkennen. Am Sonntag jedoch waren die Rekordmeister aus Paris zu Gast – und es setzte für Racing die erste Niederlage seit Anfang Dezember.
PSG steht etwas unter Druck, zwar hatte der Zweitplatzierte Lens vor zwei Wochen gegen Marseille verloren, dennoch liegen sie in Reichweite des Dauermeisters aus der Hauptstadt, der zuletzt insgesamt etwas instabil wirkte – auch aufgrund der angeschlagenen Schlüsselspieler Ruiz, Kvaratskhelia und Lee. Die Pariser gingen mit einer 4-3-3-Grundformationen in die Partie – die Heimelf trat aus einer 4-2-3-1-Grundformation an. Gelbgesperrt fehlte bei RC Valentin Barco, der von vielen bereits als der nächste Vorgriff des Mutterclubs aus London gehandelt wird. Auf der Acht agierte Ouattara, der gerade im Spiel gegen den Ball an diesem Tag noch eine nicht ganz unentscheidende Rolle spielen sollte. Daneben fehlte Stürmer Emegha, der durch Panichelli ersetzt wurde – auch er sollte durch einen verschossenen Elfmeter noch eine sehr unglückliche Rolle an diesem Abend spielen.
Deckungsschatten sichern Straßburgs Stabilität
Zunächst agierte die Heimelf aus einem asymmetrischen 4-3-3 im Mittelfeldpressing heraus. Die Asymmetrie entstand aus der Anordnung der Flügelspieler, wobei insbesondere Linksaußen Godo ballfern immer wieder weit in die Breite abkippte, um die frühen Aufrückbewegungen des rechten Schienenspielers Hakimi mitzuverfolgen und so etwaige Unterzahlsituationen nach langen Bällen in die Breite zu unterbinden. Besonders interessant waren jedoch die Bewegungen von Zehner Enciso: Beim Ballbesitz des zentralen Innenverteidigers Pacho legte er den Fokus darauf, sowohl die Passwege ins Zentrum auf Mittelstürmer Mayulu zwischen den Linien als auch auf Sechser Vitinha zu isolieren. Daneben zeigten die Stürmer ein hohes Maß an qualitativem Scanning über Schulterblicke in den Rücken und schätzten die Bewegungen der PSG-Achter Neves und Zaïre-Emery aus dem 3-3-4 im Halbraum mehrfach sehr gut ein. Gerade Moreira repositionierte sich halbrechts immer wieder entscheidend, sodass er die teils sehr frühen Ausweichbewegungen des Portugiesen isolieren konnte.
Gerade diese Isolation der Passwege auf die Achter wirkte durchaus entscheidend, denn früh im Spiel erkannte Sechser Vitinha, dass er zentral im Rücken von Zehner Enciso isoliert war, und wich früh halbräumig aus. Häufig sieht man bei PSG, dass man über das diagonale Auskippen von Neves gegnerische Zentrumsspieler aus dem Raum vor der Verteidigungslinie mitzieht und diesen Raum anschließend über Vitinha nachbesetzt. Straßburgs Achter Mourabet musste Neves jedoch schlichtweg nicht direkt folgen, da dieser durch Moreiras Deckungsschatten im Halbraum isoliert war; aus seiner Grundposition hatte Mourabet dadurch Zugriff auf Vitinha und konnte unterbinden, dass PSG über den Sechser zwischen die Linien kam.

PSG im 3-3-4-Aufbauspiel
Mit zunehmender Spielzeit hatte man zwar den Eindruck, dass sich Vitinha bewusst enger um Mourabet herum positionierte, um dessen Ausschieben beim Ballspiel von Neves in die Breite zu unterbinden. Allerdings übernahm Enciso beim Pass von Pacho auf die Halbverteidiger konsequent den Sechser, sodass Mourabet wiederum auf Neves in die Breite ausschieben konnte und dessen Bindungsversuche ins Leere liefen. Zwar führte dieser Übergabeprozess von Vitinha über Mourabet zu Enciso situativ dazu, dass Mourabet etwas zu spät diagonal in die Breite. Nominell ergab sich dort kurzfristig ein 2-gegen-1 mit Neves und Barcola gegen Linksverteidiger Doué, dieser ging jedoch sofort in die enge Markierung auf Barcola. kam.
In der Folge suchte Neves weder aktiv das mögliche breite 2-gegen-1 im Dribbling noch den Pass auf Barcola, sondern entschied sich – auch angesichts einer insgesamt spürbaren Grundvorsicht in der Anfangsphase – für den Rückpass auf Mendes. Tendenziell kann man Barcola hierbei vorwerfen, dass er in diesen Szenen etwas zu statisch in der Breite agierte und sich kaum von Doué lösen konnte. Dadurch öffnete er weder klare Anspielwinkel noch mögliche Dribblingwege für Neves. Interessant wäre es gewesen, wenn Barcola eine engere Grundposition gewählt hätte, um Neves den Dribblingweg in der Breite freizuziehen.
Etwas mehr Dynamik zeigte hingegen Stürmer Mayulu, der immer wieder versuchte, sich zentral zwischen den Linien freizulaufen. Durch das Ausschieben Encisos beim Ballspiel der Halbverteidiger öffnete sich dieser Raum wiederholt im Rücken des Argentiniers, sodass insbesondere der diagonale Passweg von Neves ins Zentrum grundsätzlich möglich gewesen wäre. Das Problem bestand jedoch darin, dass der ballferne Achter Ouattara zentral einrückte und sich zudem tiefer positionierte. Dadurch sicherte er den Raum vor der Verteidigungslinie ab und unterband das diagonale Spiel nach innen. Insgesamt zahlte sich auch das weite Rückfallen der Stürmer aus: Der Passweg auf den ballfernen Zaïre-Emery wurde durch das Zurückfallen Panichellis immer wieder isoliert, sodass auch mögliche direkte Verlagerungen über den Achter unterbunden wurden. Straßburg unterband insgesamt sehr gut die Direktheit ins Zentrum von Paris und verhinderte damit insbesondere Kettenreaktionen, die entstehen, wenn PSG versucht, in den Raum hinter der aus dem Zentrum herausgezogenen Gegenspielern nachzubesetzen und diese über Ablagenspiel (gerade über den Stürmer) anzuspielen.
Fragiles Übergangspressing stärkt die Gäste
Die Kombination aus der Häufigkeit der Rückpässe von PSG und dem grundsätzlich stabilisierenden Zurückfallen der Straßburger Stürmer wurde beim Übergang ins manndeckende Übergangspressing nach diesen Rückpässen problematisch. Straßburg verlor dabei etwas an Stabilität, wodurch PSG immer wieder zwischen die Linien gelangen konnte. Erwähnenswert war dabei die Vorbereitung seitens der Pariser: Über eine sehr tiefe erste Aufbaulinie und vor allem des ballnahen Halbverteidigers Mendes verlängerten sie den Pressingweg der zurückgefallenen Straßburger Stürmer im Übergangspressing, sodass sich rechter Außenstürmer Moreira so weit von Mendes entfernte, dass Zehner Enciso den Halbverteidiger anpressen musste.
Grundsätzlich funktionierte dies: Enciso konnte zwar nur bedingt Druck ausüben, unterband aber durch seinen diagonalen Anlaufwinkel zumindest den Passweg auf Zaïre-Emery zwischen den Linien. Das große Problem für Straßburg war jedoch, dass Encisos initialer Gegenspieler Vitinha nicht von Moreira übernommen wurde, obwohl die beiden situativ praktisch die Rollen tauschten. Zwar zeigte O’Neil an der Seitenlinie die Problematik deutlich gestikulierend auf, doch Moreira verfolgte die diagonalen Bewegungen Vitinhas in den rechten Halbraum mehrfach nicht.
Dadurch konnten Vitinha und Zaïre-Emery ein 2‑gegen‑1 gegen Ouattara bilden, der sichtlich Probleme hatte und die initiale Manndeckung auf Zaïre-Emery lösen musste. Infolgedessen konnte Zaïre-Emery im Halbraum angespielt werden und sich aufdrehen. Allgemein sind die Diagonalbewegungen nach Rückpässen der PSG-Zentrumsspieler ein oft unterschätztes Thema: Dadurch werden gegnerische Flügelspieler oder Achter vor das Problem gestellt, sehr weite Verfolgungswege mitgehen zu müssen, dies führt oft zu einem spürbaren Verlust der Enge in den Manndeckungen und führt zu Aufdrehoptionen im Halbraum – oft kann man dadurch kompakte Systeme (wie etwa von RCS) aushebeln. Neben diesem Problem kam für die Heimelf ein weiteres hinzu, bedingt durch das Auspressen von Zehner Enciso auf Mendes. Einerseits musste dadurch Mittelstürmer Panichelli den mittleren Innenverteidiger Pacho übernehmen, und Linksaußen Godo Marquinhos. Wie eingangs beschrieben, rückte Godo jedoch sehr weit zurück, um Hakimi ballfern zu verfolgen, und hatte dadurch einen besonders langen Pressingweg auf den brasilianischen Halbverteidiger, sodass er kaum Druck ausüben konnte.
Durch Godos breite Grundposition wurden auch die Passwege des Halbverteidigers vertikal im Halbraum nicht isoliert, wodurch die Unterzahlsituation dort besonders präsent wurde. Godos Aufrücken in der ersten Pressinglinie hatte außerdem zur Folge, dass der initiale Gegenspieler Hakimi in der Breite übernommen werden musste. Linksverteidiger Chilwell erkannte zwar die Problematik des Ausschiebens bei der Übernahme von Hakimi, da er dadurch den direkten Tiefenweg für Mbaye geöffnet hätte und insgesamt eine hohe Anfälligkeit für lange Bälle bestand – doch geleitet von Hakimis Abkippbewegungen schob er beim Anspiel auf Zaïre-Emery im Halbraum meist auf Hakimi aus. Diese Zwischenlösung Chilwells hatte jedoch zur Folge, dass IV Doukouré etwas unvorbereitet agierte und zusätzlich durch seinen Tempo- und Agilitätsnachteil gegen Mbaye diesen im Tiefenlauf teils verlor. Zaire-Emery konnte ihn daraufhin mehrfach nach aufdrehen direkt in die Tiefe beziehungsweise ins Dribbling einsetzen und ins letzte Drittel bringen, weil Outtara zu lose im direkten Duell agierte, – wie etwa in der 5. Spielminute Neves vor der Box anspielen, der ähnlich wie zuvor Zaire-Emery diagonal einrückte und dadurch den Raum vor der Box besetzte.
PSG sucht die Horizontalität
Allgemein variierten die Gäste zunehmend im höheren Spielaufbau. Auf der linken Seite – die zunächst systematisch nur einfach mit Linksaußen Barcola in der Breite besetzt war – rotierten Sechser Vitinha oder Achter Neves mit Halbverteidiger Mendes, der dafür in die volle Breite als Schienenspieler aufschob. Gleichzeitig rückte Flügelspieler Barcola als Außenstürmer in den Halbraum ein. Das führte dazu, dass RCs Rechtsverteidiger Doue immer wieder noch direkter in die Breite ausschieben und insgesamt häufiger den Zweikampf suchen musste, während in der Anfangsphase meist der ausgeschobene Neves den Rückpass suchte, statt Barcola in ein 1-gegen-1 zu schicken.

Zaire-Emery als Überzahlschaffer, horizontale Stellung schafft Optionen zwischen den Linien
Zwar suchten PSGs Schienenspieler kaum Dribblings, doch mit ihrer horizontalen Körperhaltung lag der Fokus stark auf dem Horizontalspiel in den Raum zwischen Verteidigung und Mittelfeld der Straßburger. Insgesamt bestand das Problem für Straßburgs Außenverteidiger darin, dass man über den diagonalen Anlaufwinkel zwar prinzipiell einen guten Winkel zur Unterbindung der Dribblings hatte, jedoch trotz des Horizontalfokus der Schienenspieler kaum Repositionierung (etwa eine höhere Grundstellung) zur Anpassung des Anlaufwinkels vornahm – dabei sei auch erwähnen, dass sich die Schienenspieler (gerade Mendes) vor der Ballannahme immer leicht fallen ließen, wodurch der Zugriffswinkel noch etwas diagonaler manipuliert wurde. Dementsprechend konnten Mendes und Hakimi immer wieder den Raum zwischen den Linien nutzen.
Das Problem auf der linken Seite bestand darin, dass sich Achter Mourabet sehr früh fallen ließ und dadurch den Raum vor der Verteidigungslinie sowie insbesondere den Passweg zum abkippenden Barcola effektiv schloss. Dadurch wurde das Horizontalspiel sehr gut unterbunden. Im Vergleich dazu ließ sich Outtara auf der rechten Seite deutlich zu spät fallen und konnte den Raum zwischen den Linien kaum schließen, sodass Hakimi mehrmals Mbaye zwischen den Linien suchen konnte. Mbaye positionierte sich insgesamt deutlich früher in diesen Räumen als Barcola, wodurch Hakimi ihn auch in den offenen Fuß spielen konnte. Daraus entstanden mehrfach sehr gute Doppelpassmuster, in denen Hakimi im Spielen & Gehen wieder in die Breite verschob und Mbaye direkt wieder ablegte.
Zwar ließ sich Linksaußen Godo, wie bereits beschrieben, auf der linken Seite mit Hakimi mannorientiert fallen und konnte dadurch vor allem direkte Verlagerungen auf die linke Seite unterbinden. Dennoch hatte er beim Ballspiel des Marokkaners ähnliche Probleme im Anlaufwinkel wie RV Doue, da er ballnah immer wieder neben Chilwell in eine temporäre Fünferkette als Flügelverteidiger einkippte, statt auf gleicher Höhe mit Hakimi zu bleiben. Durch diesen diagonalen Anlaufwinkel konnte das Horizontalspiel nicht isoliert werden – zudem hatte Godo Schwierigkeiten im Bewegungskomplex, um den Tiefenlauf Hakimis nach der Ablage von Mbaye aufzunehmen. Die Flanken Hakimis führten bislang jedoch zu nichts, auch weil Mayulu durch seine Präsenz zwischen den Linien zunehmend in der Box fehlte und der ballferne Flügelspieler Barcola zu selten in die Box nachschob.
Zunehmend sah man zudem ein Ausbrechen des rechten Achters Zaïre-Emery vor die erste Pressinglinie der Straßburger. Dadurch entstand situativ eine 4-gegen-2-Überzahl für die erste Aufbaulinie der Pariser, woraufhin RCs Achter Ouattara vermehrt mit in die erste Pressinglinie aufschob und vor allem Zaïre-Emery anlief. So konnten Stürmer Moreira beziehungsweise Panichelli weiterhin Neves respektive Marquinhos anlaufen. In diesem temporären Viereraufbau agierte PSG jedoch breiter als zuvor im Dreieraufbau, wodurch die Pressingwinkel der Stürmer seitlicher wurden. Eine Repositionierung von Moreira und Panichelli blieb dabei aus, sodass der Pass in den Halbraum kaum noch isoliert werden konnte. Besonders deutlich wurde dies, da PSG infolge des Aufrückens Ouattaras auf der rechten Seite – ausgelöst durch das Ausbrechen von Zaïre-Emery – wiederholt über Marquinhos oder Zaïre-Emery direkt in den Raum vor der Verteidigungslinie spielen konnte. Ouattara hatte dabei Schwierigkeiten, aus der ersten Pressinglinie ausreichend Druck insbesondere auf Zaïre-Emery auszuüben, da er tendenziell etwas zu spät aufrückte und sich dadurch der Pressingweg verlängerte.
Zudem ließ sich Außenstürmer Mbaye wiederholt in den Halbraum fallen, ohne dass Chilwell diese Abkippbewegungen aufnahm; auch Linksaußen Godo übernahm Mbaye nicht direkt Dadurch konnte sich Mbaye mehrfach zwischen den Linien aufdrehen und ins Dribbling gehen. Zwar schob Godo in diesen Situationen häufig improvisierend nach den Aufdrehbewegungen heraus Außenstürmer heraus und unterband ein direktes Zudribbeln auf die Verteidigungslinie, allerdings musste Chilwell demnach Schienenspieler Hakimi übernehmen, wodurch sich wiederum Tiefenwege für Mayulu im Rücken des Engländers öffneten, die dieser bislang jedoch nur selten suchte. Diese strukturelle Instabilität blieb auch bestehen, als Ouattara zur Mitte der ersten Halbzeit eher blockend statt aktiv auspressend agierte. In diesen Szenen konnte Zaïre-Emery ohne direkten Gegnerdruck wiederholt Chipbälle hinter die Straßburger Verteidigungslinie spielen – durch Chilwells Probleme im Drehen bei der Aufnahme von Mbayes / Hakimis Tiefenläufen tauchte der Außenstürmer dadurch mehrfach vor der Box auf; häufig war es erst ein Herausrücken von IV Doukourés, das den Abschluss noch unterband.
PSG mit Problemen gegen 4-4-2-Angriffspressing
Nachdem das direkte, manndeckende Übergangspressing aus dem Mittelblock ins Angriffspressing – wie oben beschrieben – zunehmend instabil wirkte, verzichtete Straßburg weitgehend auf diesen unmittelbaren Übergang. Stattdessen verblieb man häufiger im 4-3-3 und ließ sich zunächst wieder tiefer in den Block zurückfallen. Das führte zwar dazu, dass PSG mehr längere Ballbesitzphasen im letzten Drittel erhielt und Straßburg sich vermehrt im tieferen Verteidigen wiederfand, jedoch suchte man dort kaum aktive Pressingauslösungen auf die erste Aufbaulinie. Gerade dadurch zeigten sich für PSG im letzten Drittel ähnliche Probleme im Bespielen der Breite wie zuvor im zweiten Drittel.
Über Neves, der dort etwas systematischer besetzend als linker Schienenspieler agierte, kam Paris zwar einige Male über dessen sehr gutes Tiefenpassspiel in den Rücken Moreias in der Breite auf Flügelspieler Barcola, dieser hatte jedoch weiterhin Schwierigkeiten, sich gegen den eng mitverteidigenden Doué aufzudrehen. In der Folge wurde häufig der Rückpass gesucht. Daraufhin konnte Straßburg aus dem tiefen Block gut nachschieben, wodurch PSG mit zunehmender Spielzeit an Aufbauhöhe verlor. In mehreren Situationen suchten die Pariser schließlich auch oft den weiten Rückpass auf Torhüter Safonov, offenbar mit dem Ziel, das Übergangspressing der Blau-Weißen erneut zu provozieren Nach jenen Rückpässen auf den russischen Keeper suchte Straßburg jedoch nicht mehr das Übergangspressing, sondern ging in ein direktes und strukturiertes Angriffspressing aus einem mannorientierten 4-4-2 gegen das tiefe 2-4-4-Aufbauspiel der Pariser über. Relativ klar erkennbar war dabei das Bestreben, das Aufbauspiel der Gäste gezielt auf die linke Aufbauseite zu lenken. Dies erfolgte über bogenförmige Anlaufwege von Panichelli, die technisch mehrfach sauber ausgeführt wurden, sodass Marquinhos von Safonov kaum anspielbar war und Paris häufig über Pacho eröffnen musste.
Der Ecuadorianer wurde anschließend meist von Enciso angelaufen, der im Angriffspressing als zweiter Stürmer agierte, während Moreira dafür als Rechtsaußen einrückte. Encisos Anlauf erfolgte dabei diagonal und unterband das Spiel ins Zentrum auf Neves sowie auf Zaire-Emery. Das Zentrum nahm insgesamt eine interessante Rolle ein: In der Grundposition orientierte sich Ouattara zunächst eng an Vitinha, um dessen Freilaufbewegungen bei der Pressingauslösung durch Panichelli aufnehmen zu können. Gleichzeitig agierte ballfern Mourabet zunächst hängend im Zwischenlinienraum, um bei möglichen langen Anspielen auf Zaire-Emery im rechten Halbraum Zugriff herstellen zu können – wodurch Doukoure in der Verteidigungslinie verbleiben konnte und man Stürmer Mayulu bei hohen Zuspielen doppeln konnte. Dadurch hatte Mayulu gerade bei langen Bällen durchaus Probleme. Nach der Eröffnung über Pacho zog Mourabet seine Orientierung auf Neves enger. Zwar gelang es LIV Pacho durch sein gutes linienbrechendes Passspiel vereinzelt, Neves hinter Enciso anzuspielen, jedoch geriet dieser anschließend sowohl durch das Einrücken Moreiras als auch durch das Herausschieben Mourabets in ein 1‑gegen‑2. Entsprechend konnte Neves kaum aufdrehen und auch nicht den durch Mourabets Aufrücken freien Zehner Zaire-Emery anspielen.
Neves und Vitinha rotierten zunehmend und versuchten offenbar, durch ihre Bewegungen die Zuordnung von Straßburgs Achtern durcheinanderzubringen bzw. Mourabet zu einem engeren Ausverteidigen auf Neves zu bewegen,und darüber mehr Raum für Zaire-Emery geschaffen wurde. Das gelang auch: Mourabet markierte Neves bei den Rotationen eng mit und verfolgte seine Bewegungen, sodass Straßburg zunehmend in eine direktere Manndeckung überging. Denn auch LIV Doukouré rückte nun auf den Zehner Zaire-Emery im Zwischenlinienraum auf und verhinderte so, dass dieser frei zwischen den Linien agieren konnte. Insgesamt funktionierte dies aber für Straßburg sehr gut: Gerade vom Torhüter Safonov kamen kaum lange Bälle auf Zaire-Emery. Das Problem lag jedoch darin, dass Doukouré zwar die zunehmend tieferen Bewegungen des Zehners verfolgte und ein direktes Anspiel unterband, dabei aber tendenziell die Markierung zu früh nach Pässen auf die Flügelspieler von PSG löste und sich wieder fallen ließ. Zaire-Emery konnte nach Rückpässen dadurch teils zwischen den Linien angespielt werden und ins Dribbling gehen -dies führte häufig zu einem aggressiven Rückwärtspressing der Stürmer, wodurch diese ihre Markierungen auf die Innenverteidiger auflösten und im Rücken verloren. Auf diese Weise konnten – wie etwa vor dem 1:0 – nach Rückpässen und Aktionen von Zaire-Emery die Innenverteidiger etwas freigespielt werden und weiter andribbeln.
Das Problem aus Sicht von PSG: Solche Szenen sah man deutlich zu wenig. Gerade auf der linken Aufbauseite hatte LV Mendes Probleme gegen Moreira, der trotz des seitlichen Pressingwinkels sehr aggressiv im direkten Duell war und Mendes mehrfach den Ball abnahm – wie etwa in der 16. Minute, als nach einem Ballverlust ein anschließender Elfmeter entstand, den Panichelli allerdings an Safonov verschoss. Mendes hatte diese Probleme, weil Barcola weiterhin große Schwierigkeiten hatte, sich vom sehr schnellen Doue zu lösen, und es vermied, in den direkten Druck zu spielen. Dadurch konnte Zaire-Emery links nur selten freigespielt werden. Mendes versuchte zwar vereinzelt, Moreira zu überdribbeln, doch ihm fehlte dabei teils die technische Qualität im Auftaktkontakt, wodurch er oft an Antritt verlor. Vielmehr sah man diese Rückpassmuster auf der rechten Seite, da Rechtsaußen Mbaye deutlich mehr Abkippbewegungen zeigte, sich von Chilwell lösen konnte und demnach häufiger von Hakimi angespielt wurde. Problematisch war jedoch, dass die rechte Seite Straßburg weitgehend isolierte – bis auf das 0:1, wo man nach dem verschossenen Elfmeter insgesamt noch etwas ungeordnet in den Manndeckungen war – wodurch auch Mendes Barcola in die Tiefe schicken konnte. PSG nutzte aber diesen einen Moment der Schwäche effizitent aus.
Straßburg schlägt schnell zurück
Interessanterweise war schon nach wenigen Minuten zu sehen, dass Doukouré beim Herausverteidigen auf Zaïre-Emery seine Manndeckung deutlich später auflöste als noch vor dem Gegentor aus diesem Muster und dadurch auch Verlagerungen über den Zehner unterband. Ganz allgemein kam die Elf von O’Neil sehr schnell zurück in die Partie, mit einem Treffer in der 27. Minute durch Doue, der insgesamt in dieser Partie sehr überzeugte. Die Straßburger setzten ihre Akzente im eigenen Ballvortrag vor allem aus dem tiefen Aufbauspiel. Dabei baute man ebenfalls aus einem 2-4-4 gegen ein 4-4-2 auf, während die Pariser typischerweise deutlich manndeckender agierten.
Da PSG über technisch starke Bogenläufe und das Aufrücken des ballfernen Stürmers viel Druck auf die Innenverteidiger ausübte, spielte Keeper Penders eine zentrale Rolle im Aufbauspiel von Le Racing. Er spielte häufig sehr gute Diagonalbälle direkt in den offenen Fuß der Außenverteidiger und vor allem auf Rechtsverteidiger Doue. Durch diese Direktheit hatte Doue einen gewissen Vorteil gegen den anlaufenden Neves, gerade weil die PSG-Flügelspieler aus einer sehr eingerückten Grundposition agierten, um zunächst die Passwege im Halbraum zu blockieren.
Bei einem diagonalen Anlaufwinkel mit langem Pressingweg bot sich häufig das Spielen & Gehen an, da der anlaufende Spieler im Bewegungskomplex Nachteile beim Verfolgen des Durchschiebens bzw. Gehens hat. Dies zeigte sich an diesem Tag auch bei Rechtsverteidiger Doue gegen Neves, der oft direkt auf Moreira ablegte. Die Flügelspieler konnten sich aufgrund ihrer tiefen Grundposition häufig von den Außenverteidigern PSGs lösen und durch den fehlenden Druck aus dem Rücken meist direkt wieder auf die durchschiebenden Außenverteidiger ablegen. So wurden diese mehrmals in Dribblings im Halbraum gebracht. Gerade Neves hatte gegen den physisch sehr starken Doue Probleme, taktische Fouls zu ziehen, um das Durchschieben zu unterbinden. Mehrmals kam man darüber zwar im 2-gegen-1 ins Dribbling, doch im Halbraum fehlte die direkte Anbindung, weil sich der zweite Stürmer Enciso in jenen Szenen tendenziell zu sehr zwischen den Linien befand, statt Tiefe anzudeuten. Dadurch musste das Tempo oft reduziert werden, und PSG konnte wieder Gleichzahl in der Breite herstellen. Ähnliche Probleme hatte man aber, wenn ein Außenverteigier auf der ballfernen Seite durchschob; auch dann nahm man die Verfolgung oft zu spät auf.
Dass sich Enciso meist zwischen den Linien befand, hatte den Hintergrund, dass man neben dem Spielen & Gehen noch ein weiteres Grundmuster implementiert hatte. Über tiefe und breite Zentrumsspieler wollte man die Achter der Pariser aus dem Zentrum ziehen und gleichzeitig direkte Passwege vom Torhüter Penders in den Zwischenlinienraum auf den Wandspieler Panichelli öffnen. Panichelli hatte zwar gegen den aggressiv mitverteidigenden Marquinhos im Rücken leichte physische Probleme im Abschirmen, konnte aber durch das horizontale Einrücken Encisos den Ball beim ersten Kontakt etwa im 1‑gegen‑1 direkt zurücklegen und ihn dadurch über das horizontale Freilaufen in ein Dribbling zwischen den Linien bringen.
Dieses horizontale Freilaufen vor der Verteidigungslinie ist insgesamt ein spannendes Muster, denn für direkte Gegenspieler in der Verteidigungslinie – hier Pacho – ist es oft schwer, einerseits horizontal aus der Verteidigungslinie mitzuverteidigen, Raum im Rücken zu öffnen und gleichzeitig mit dem anderen Innenverteidiger im Verfolgen zu kreuzen. Solche Kreuzmuster in der Manndeckung führen häufig zu intuitiven (aber oft unsauberen) Übergabemechanismen. In diesem Fall wollte Pacho seinen Gegenspieler Enciso übergeben, Marquinhos konnte jedoch schlichtweg nicht übernehmen, da er durch Panichelli gebunden war. Dementsprechend bewegte sich Enciso frei zwischen den Linien, auch weil Mourabet und Ouattara durch ihre tiefe Grundposition Vitinha und Zaire-Emery so weit herauszogen, dass sie im Rückwärtspressing Enciso nicht mehr anpressen konnten. Spannenderweise nahm Rechtsverteidiger Doue bei diesen Mustern oft eine halbräumige Grundposition ein und bespielte direkt den durch Encisos Einkippen geöffneten Raum zwischen Innenverteidiger Pacho und Linksverteidiger Mendes. Dadurch konnte er bei Durchbrüchen sofort die Box anlaufen bzw. die nötige Tiefe geben, die durch den Wandspiel-Fokus der Stürmer perspektivisch fehlte – wie etwa beim Ausgleich.
Nach dem Ausgleich wurde PSG zwar wieder dominanter, doch besonders Barcola konnte sich durch eine deutlich breitere und etwas tiefere Grundposition vereinzelt von Doue lösen und über Ablagen auf die Achter, die im höheren Aufbauspiel zunehmend rotierten, Akzente setzen. Insgesamt zogen sich die taktischen Punkte der ersten 35 Minuten bis kurz vor der Halbzeit weiter. Gefährlich wurde es für Straßburg vor allem, wenn PSG schnelle Abstöße ausspielte oder die Struktur im Angriffspressing noch nicht vollständig gefunden war. Dann konnte sich etwa Sechser Vitinha teilweise zwischen den Linien lösen, weil Mourabet teilweise zu tief agierte, und darüber Barcola einsetzen. Über Ablagen auf Neves entstand so vermehrt auch eine gewisse Gefahr durch Fernschüsse aus dem Halbraum für PSG. Die Heimmannschaft setzte jedoch weiter Akzente: Besonders aus dem tiefen Aufbauspiel gelangte man zu Chancen, wenngleich weiterhin das Problem der Tiefenbesetzung bestand. Panichelli konnte gegen Marquinhos in diesem Bereich kaum Akzente setzen und agierte in der Box oft zu statisch am zweiten Pfosten. Gefährlich wurde es in der Box vor allem über das Durchschieben von Doue.
Zweite Halbzeit
Zur Halbzeit wechselte Luis Enrique und brachte Desire Doue – ja, den Bruder des Straßburger Rechtsverteidigers – für Mbaye auf der rechten Seite. Der Rechtsaußen brachte durch seine Beidfüßigkeit, verbunden mit den weiterhin bestehenden Problemen Chilwells im Bewegungskomplex, drehende Dribblings ins Aufbauspiel ein. Anfangs konnte er noch aufgrund etwas hastiger Pässe Zaire-Emery oder Stürmer Mayulu nicht zwischen den Linien anspielen. Nach etwa 60 Minuten zeigte sich jedoch seine eigentliche Stärke: das präzise Passspiel zwischen den Linien, wobei insbesondere seine Passschärfe in den offnen Fuß von etwa Zaire-Emery für Dribblings hervorzuheben ist.
Insgesamt setzte sich der Trend der ersten Hälfte fort: Linksaußen Barcola wurde weiterhin häufig direkt über die Halbverteidiger oder den ausschiebenden Neves in der Breite angespielt, oft eingebettet in Muster des „Spielen & Gehen“ über durchschiebende Neves oder Mendes. Diese Bewegungen füllten den großen Raum zwischen Doue und Sarr, der dadurch entstand, dass Doue Barcola aufgrund seiner größeren Präsenz beim Abkippen direkter herausverteidigen musste. Dennoch löste Straßburg diese Situation insgesamt gut: Rechtsverteidiger Doue verteidigte beim Durchschieben Barcolas nicht eng mit, sondern übernahm den durcshiebenden Spieler, während Rechtsaußen Moreira Barcola anpresste. Insgesamt übernahm Moreira eine größere Rolle im tieferen Verteidigen: Er ließ sich weiter in der Breite fallen, um zusammen mit Doue Barcola in dessen Dribblings zu doppeln und dadurch die inversen Wege in Richtung Tor zu isolieren.
Das Duo spielte auch mit Ball in den zweiten 45 Minuten eine etwas andere Rolle: Doue schob deutlich direkter breit in die Höhe und wurde nun von Keeper Penders häufiger angespielt. Dies geschah insbesondere, nachdem Panichelli zunehmend Probleme im Wandspiel gegen die aggressiv verteidigenden Pariser Innenverteidiger hatte. Moreira sollte – ähnlich wie Enciso – über horizontales Ausschieben via Ablage oder zur Sicherung zweiter Bälle angespielt werden. Dies funktionierte sehr gut, zumal Linksverteidiger Mendes im Luftduell gegen Doue, der ursprünglich als Innenverteidiger kopfballstark ist, einige Probleme hatte. So konnte Moreira mehrfach in Dribblings zwischen den Linien kommen, gerade weil Pacho erneut Schwierigkeiten hatte, direkt zwischen den Linien herauszuverteidigen.
Sieg in Unterzahl
Nach der 60. Minute kamen Dembélé für Mayulu im Sturm sowie Lee für Barcola linksaußen. Gerade Lee brachte im 1‑gegen‑1 gegen Doue nochmals etwas mehr Frische ein und konnte sich teils sogar im 1‑gegen‑2 nahe an den Innenverteidigern absetzen und auf den durchschiebenden Neves im Rückraum ablegen, der daraus mehrmals aus der Ferne abschließen konnte. Insgesamt ließ die Kraft bei den Straßburgern nun deutlich nach. Dies zeigte sich auch daran, dass Dembélé immer wieder zwischen den Linien gefunden wurde und sich dadurch deutlich mehr anbot. Doukouré verteidigte in diesen Situationen relativ indirekt, sodass sich der Franzose immer wieder Richtung Tor aufdrehen konnte und bereits erste Torgefahr ausstrahlte. Mehrmals wurde er dabei auch von Desire Doue nach inversen Dribblings zwischen den Linien im rechten Halbraum diagonal gefunden – bislang fand man aber noch nicht den Weg in die Box und die Fernschüsse blieben ungefährlich.
Die rote Karte von Hakimi in der 74. Minute hätte theoretisch das Potenzial gehabt, die Spieldynamik noch einmal zu drehen. Selbst zu zehnt aus einem 3‑1‑5‑Aufbauspiel gegen das 4‑3‑3 der Straßburger gelang dies jedoch nicht. Straßburg nutzte die Überzahl nicht, um eine Fünferkette zu bilden, die Tiefenwege zu schließen oder in der Box stabil zu stehen, sondern blieb im 4‑3‑3 und hatte gerade ballnah ähnliche Probleme wie in Gleichzahl. Folgerichtig fiel das Tor in der 81. Minute über Desire Doue nach einem inversen Dribbling und einer Aktion von Zaïre-Emery, wie es sich bereits abgezeichnet hatte.
Aus dem 4‑4‑1‑Tiefen-Verteidigen fuhr PSG das Spiel am Ende sehr gut, setzte den frischen Dembélé effektiv ein, um Druck auf den Raum vor dem Mittelfeld – insbesondere auf die ausbrechenden Achter Yassine und Ouattara – auszuüben und darüber Passwege zwischen den Linien zu isolieren. Durch das Einkippen der Flügelspieler wurde der Raum zwischen den Innenverteidigern und den auf Straßburgs Schienenspieler ausverteidigenden Außenverteidigern aufgefüllt, sodass kaum Tiefenwege für deren Stürmer aufgingen. Hinzu kam die zunehmende Nervosität bei Straßburg und die dadurch hohe Anzahl an Flanken, die man gut wegverteididgte – auch Safonov hatte hier im Abfangen durchaus seine Aktien . Ein Wahnsinnsspiel endete damit nicht unverdient mit 2:1 für PSG, wenngleich auch Straßburg nicht wenige Akzente setzen konnte – aber auch ein Spiel, mit dem kein Team wirklich zufrieden sein dürfte.
MX machte sich in Regensburg mit seiner Vorliebe für die Verübersachlichung des Spiels einen Namen. Dabei flirtete er mit der RB-Schule, blieb aber heimlich immer ein Romantiker für Guardiolas Fußballkunst.





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