Racing Santander doppelt gegen Blaugrana – MX

0:2

Racing Santander und der FC Barcelona zählen aktuell zu den spannendsten Mannschaften Spaniens. In der Copa del Rey trafen beide Teams aufeinander: Die Blaugrana bissen sich lange die Zähne aus, setzten sich am Ende jedoch mit 2:0 durch.

Die Grundformationen

Supercup gewonnen, seit Ende November ungeschlagen: Für Hansi Flick und seinen FC Barcelona läuft es aktuell. Mit entsprechendem Selbstvertrauen reiste man auch nach Nordspanien nach Santander, wo Racing zuletzt zwar etwas strauchelte, sich mit einem relationalistischen Ansatz in der Juego-de-Posición-Hochburg Spanien unter Trainer José López jedoch zunehmend dem Aufstieg in die La Liga nähert. Dementsprechend brachte Flick auch seine Stammelf aus der 4-3-3-Grundformation auf den Rasen: García stand im Tor, davor agierten Martín und Cubarsí als Innenverteidiger, Balde und Koundé als Außenverteidiger. Bernal agierte auf der Acht, Casadó und Olmo in den Halbräumen im Mittelfeld. Rashford und Yamal spielten als Flügelspieler um Stürmer Torres herum. Die Heimelf agierte aus einer 4-4-2-Grundformation: Ezkieta im Tor, davor Hernando und Castro als Innenverteidiger, Mantilla und García als Außenverteidiger. Camara und Gueye agierten als Außenspieler im Mittelfeld, Maza und Aldasoro im Zentrum. Arana und Guliashvili bildeten den Sturm.

Tatsächlich tat sich die Großmacht aus Katalonien trotz dominanter Ballbesitzverhältnisse lange schwer gegen Racing. Wie so oft in dieser Saison machte man den Sieg jedoch im letzten Drittel der Partie fest, mit Treffern von Torres (66.) und Yamal (95.). Dennoch hätte sich Santander beinahe in die Verlängerung gemausert. Werfen wir einen Blick auf das Geschehen.

Santander im 5-3-2-Mittelfeldpressing

Santander blockt Bernal und presst auf AVs

Gegen den Ball sah man Racing hauptsächlich aus einem Mittelblock, wobei Rechtsaußen Camara als rechter Flügelverteidiger in die Verteidigungslinie einschob und sich daraus ein 5-3-2 ergab. Daraus agierte man zunächst blockend: Einerseits sollten die Stürmer Sechser Bernal eng umstellen, andererseits agierte das Mittelfeld in einer engen Grundstellung, um die Passwege von Barças Innenverteidigern sowohl zu den Zehnern im Halbraum als auch zu Stürmer Torres zuzustellen – demnach musste Barça meist den Weg über die Außenverteidiger suchen.

Beim Ballspiel dieser suchte Santander dann auch den Übergang ins Pressing, indem der äußere Achter herausschob, während die Stürmer im Zentrum eng an Bernal verblieben. Das ist ein durchaus interessantes Detail, denn Gegner von Barça haben häufig Probleme damit, den Sechserraum beim Ballspiel der Außenverteidiger weiter abzudecken, da der FC Barcelona das gegnerische Zentrum auseinanderziehen will, indem die Innenverteidiger bewusst tiefer agieren, dadurch die Stürmer aus dem Sechserraum ziehen sollen und die Zehner bewusst ausschieben, um die Achter des Gegners mitzuziehen. Über den aufgezogenen Sechserraum kann man dann deutlich direkter verlagern und bereitet gerade Gegnern, die ballfern weit einrücken, große Probleme – über diese Doppelung auf Sechser Bernal unterband Racing dieses Muster.

Auch weil die äußeren Achter von Santander, Gueye und Maza, diagonal auf die Außenverteidiger anpressten und dadurch mögliche Passwege zum Stürmer Torres oder in den Halbraum auf die Zehner isolierten, wählten Koundé und Balde häufig den Pass auf die Flügelspieler in der Breite. Hier zeigte sich jedoch relativ schnell ein Knackpunkt bei Racing: Zwar waren die Zehner in der Ausgangsposition zunächst isoliert, jedoch kippte insbesondere Olmo auf der rechten Seite zunehmend im Rücken Gueyes in die Breite aus und konnte sich dadurch immer wieder vom zentralen Achter Aldasoro lösen, der aufgrund dieser Ausweichbewegungen kaum noch Zugriff auf Olmo bekam. So sah man wiederholt Ablagen von Flügelspieler Yamal auf Olmo, der aus dem Zwischenlinienraum entweder andribbeln oder direkt wieder auf Yamal in die Tiefe ablegen konnte. Yamal schob dabei im Spielen-und-Gehen immer wieder in der Breite durch und stellte so Flügelverteidiger García vor große Probleme, der im Bewegungskomplex gegen den agilen Yamal sichtbar Schwierigkeiten hatte. Früh in der Partie stach Yamal so mehrfach frei in der Breite durch; die Hereingaben in die Box scheiterten jedoch noch an der sehr schnell zurückfallenden Verteidigungslinie von Racing, zumal Torres im Strafraum gedoppelt wurde und dadurch Probleme hatte, sich in der Boxfreizulaufen.

Horizontales Spielen&Gehen

Es sei aber auch die Varianz im Spielen-und-Gehen von Yamal erwähnt: So schob er nicht nur vertikal-tief durch, sondern suchte auch regelmäßig nach Ablagen auf Olmo den Weg horizontal nach innen, womit die Verteidigungslinie Racings durchaus extreme Probleme hatte. Einerseits tat sich García sowohl koordinativ als auch vom Tempo her sehr schwer damit, diese Wege Yamals nach innen zu verfolgen, und auch Castro schob deutlich zu zögerlich heraus, wodurch Yamal mehrmals dribbelnd im Zentrum auftauchte und sich durchaus Fernschussoptionen boten. Insgesamt sorgen diese Ablage-Rotationsspiele für ein hohes Maß an Dynamik in der Breite – weil auch Olmo nach der Zurückablage den ohnehin schon überforderten García hinterlief und demnach direkt wieder Tiefe in der Breite anbot und man sozusagen spielend-gehend rotierte.

Olmo kippt aus

Infolge der Ablagenspiele auf Olmo nahm Halbverteidiger Castro zunehmend die dynamischen Ausweichbewegungen Olmos auf, um die langen Übergabewege von Aldasoro zu unterbinden. Dabei sah man nicht mehr so oft Ablagenspiele von Yamal auf Olmo in den Zwischenlinienraum, sondern vermehrt das Aufdrehen des Flügelspielers in der Breite und das direkte Suchen des Eins-gegen-eins gegen García, wo er bislang nicht durchbrechen konnte. Das lag auch daran, dass Außenspieler Gueye sich immer wieder unterstützend fallen ließ und Yamal in der Breite gedoppelt wurde, weshalb dieser zunehmend den Rückpass zu Koundé suchte – den Gueye durch sein Fallenlassen im Rücken zunehmend verlor. Zwar öffnete Castros Herausrücken auf Olmo mehrfach Räume im Rücken des Verteidigers hinter der Verteidigungslinie, bislang fand Stürmer Torres jedoch nicht die entsprechenden Tiefenwege hinein.

Wohl spürte auch Olmo zunehmend, dass er durch das Mitverteidigen Castros isoliert war, wodurch er situativ noch früher und breiter auswich. Tatsächlich ging Halbverteidiger Castro diese Wege nicht mehr eng mit, sondern verteidigte eher auf Absprung, wodurch sich für Barça nun gelegentlich eine Drei-gegen-Zwei-Überzahl in der Breite ergab. Zwar konnte Koundé Olmo dort immer wieder anspielen, doch weil Yamal sich bewusst nach vorne bewegte – wohl, um ein Herausrücken des Flügelverteidigers García auf Olmo zu unterbinden – isolierte er sich selbst, während Koundé kaum Tiefenbewegungen zeigte. Dadurch blieb Olmo in der Breite relativ isoliert, und da Gueye von hinten zusätzlichen Druck ausübte, konnte er kaum ins Andribbeln kommen. Insgesamt ist auch nicht zu unterschätzen, wie wichtig die Entlastung Aldasoros im Zentrum für Racing war, da dieser dadurch immer wieder raumorientiert in den Halbraum herausschieben und den diagonalen Passweg von Olmo auf Stürmer Torres unterbinden konnte. Olmo suchte nun meist Yamal, der sich jedoch erneut in einer Zwei-gegen-Eins-Unterzahl gegen García und den zurückfallenden Gueye wiederfand – auch deshalb, weil Koundé und Olmo weiterhin kaum durchschiebende Tiefenläufe anboten und somit wenig Unterstützung für den bisher vorsichtigen Yamal vorhanden war.

Koundé sichert Rückpassoptionen

Gerade die Rolle von Koundé lässt sich jedoch auch anders diskutieren, denn das fehlende Durchschieben hatte wohl auch den Hintergrund, stets eine Rückpassoption für Yamal im Halbraum zu gewährleisten und darüber verlagern zu können – gerade weil der Sechserraum durch die blockenden Stürmer Santanders isoliert war. Und eben weil das Mittelfeld von Santander sehr eng und weit auf die ballnahe Seite mitschob, bekam man auch gegen Barcelona – wie schon häufig in dieser Saison – nach Verlagerungen zunehmend Probleme. Das lag vor allem daran, dass Linksverteidiger Balde im Vergleich zu Koundé deutlich höher und breiter agierte und durch sein hohes Tempo im Dribbling mehrfach Außenspieler Maza überdribbeln konnte.

Maza entwickelte dabei einen deutlich horizontaleren Pressingwinkel auf Balde als Gueye auf Koundé, wodurch der Passweg auf Torres nicht immer vollständig isoliert war; tendenziell lief sich dieser jedoch halblinks etwas zu wenig frei, um für Balde erreichbar zu sein. Insgesamt weist Balde im Diagonalpassspiel jedoch etwas weniger Qualität als Koundé auf. Dafür verfügt er über klare Stärken im Dribbling, was insgesamt die etwas asymmetrische Rollenbeschreibung der Flügel bei Barça verdeutlicht. Durch das Überdribbeln Baldes musste Flügelverteidiger Camara teilweise herausschieben und seine Markierung auf Rashford auflösen. Zwar hätten sich für den Engländer daraus durchaus Tiefenoptionen in der Breite ergeben, diese suchte er jedoch kaum – was aus Sicht Barcelonas durchaus schade ist, denn auch Halbverteidiger Mantilla hätte aus der zentralen Grundposition verbunden mit dem Antritt von Rashford Probleme gehabt, die Tiefenläufe aufzunehmen.

Insgesamt zeigte sich Balde auch nach Abspielen auf Rashford deutlich aktiver im direkten Durchschieben im Spielen-und-Gehen als Koundé. Entsprechend musste der durchschiebende Balde immer wieder von Flügelverteidiger Camara übernommen werden, was zwar gut funktionierte, sodass der Spanier kaum in die Tiefe durchbrechen konnte, jedoch übernahm Maza im Zurückfallen Rashford deutlich zu zögerlich, wodurch dieser teilweise sehr viel Zeit in der Breite hatte  dadurch. So konnte der Engländer gerade im letzten Drittel wiederholt Flanken aus dem Halbfeld auf den zweiten Pfosten schlagen. Hier zeigte sich Racing insbesondere beim Durchschieben Olmos zwischen Castro und García etwas anfällig, da Castro Olmo aus dem toten Winkel häufig nicht greifen konnte und García zu lose an Olmo agierte, auch weil er im Tempo einen gewissen Nachteil hatte gegen den Nationalspieler.

Balde schiebt auf, Casado kippt ab

Casado sichert Balde ab

Nicht vernachlässigen sollte man zudem die Rolle von Zehner Casado, denn gerade durch die offensive Rollenausprägung von Linksverteidiger Balde benötigte man anderweitig die Schaffung eines Verbindungsspielers zwischen Breite und Verteidigung. So bewegte sich Casado immer wieder im Rücken des Außenspielers Maza etwas tiefer und konnte gerade von Balde mehrfach im Halbraum zurück angespielt werden. Weil der zentrale Achter von Racing, Aldasoro, nicht auf Casado ausrückte und dadurch ein 3‑gegen‑2 mit Balde und Rashford entstand, konnte Casado wiederholt ohne direkten Gegenspieler im Halbraum andribbeln und so ein Herausrücken von Außenspieler Maza erzwingen. Das schuf wiederum in der Breite immer wieder Raum für dessen initialen Gegenspieler Balde, der daraus entweder direkt mit dem Dribbling auf die Verteidigungslinie zudribbelte oder Rashford einsetzte. Man sah zudem zahlreiche Verlagerungen, die über Casado initiiert wurden. Dadurch wurde die Sechserraum-Isolation durch den blockenden Doppelsturm Racings – der hier vielleicht etwas zu stark auf Bernal fokussiert war – teilweise aufgehoben, denn gerade durch Koundés tiefe Positionierung konnte man über Casado immer wieder direkt von einer Breite auf die andere verlagern. Auch der Doppelsturm bekam aus seiner zentralen Grundposition kaum Zugriff auf Casado im Halbraum.

Nach diesen Verlagerungen sah man häufig das direkte Spiel von Cubarsi auf den rechten Zehner Olmo, der durch das ballferne Einrücken Gueyes oft frei im Zwischenlinienraum vor der Verteidigungslinie agierte und so andribbeln konnte – dies führte teils zu sehr unkontrolliertem Herausverteidigen von Halbverteidiger Castro, wodurch sich Tiefenwege in dessen Rücken öffneten. Diese wurden bislang von Torres noch zu wenig genutzt, dennoch sorgten die Dribblings Olmos weiterhin für Gefahr. Auch Yamal wurde nach Verlagerungen ein paar Mal von Olmo eingesetzt. Allgemein profitierte Barça von der eingerückten Position der direkten Gegenspieler in der Breite, da gerade die Flügelverteidiger nicht direkt im Zweikampf standen und daraus ein großer Abstand im direkten Duell entstand. Yamal nutzte dies mit seiner Agilität aus und zog mehrmals nach innen.

Man könnte dem Doppelsturm insgesamt etwas Unklarheit zuschreiben, denn zu Beginn der Partie zeigte man bei Rückpässen zu den Innenverteidigern durchaus manndeckendes Übergangspressing: Ziel war es, Verlagerungen zu unterbinden, indem man maximale Intensität bei Rückpässen zu erzeugen – beide Stürmer auf die Innenverteidiger ausschieben und Bernal im Zentrum an Achter Aldasoro zu übergeben. Das Problem bestand jedoch darin, dass man offenbar nicht damit rechnete, dass der Abstand zwischen Bernal und den Innenverteidigern so groß werden würde. Dadurch wurde der Pressingweg im Übergang aus dem Blocken des Sechserraums zu den Innenverteidigern schlichtweg zu lang, um dieses Übergangspressing intensiv durchzusetzen. So sah man zwar vereinzelt ein Auspressen der Stürmer, jedoch kaum eine Übernahme von Bernal durch Aldasoro und kaum Druck auf die Innenverteidiger. Folglich konnten diese mehrmals Bernal im Raum vor dem Mittelfeld anspielen, der daraus vor allem die Zehner im Halbraum fand – die infolgedessen vor der Verteidigungslinie gefährlich andribbeln konnten. Aus der Sicht von Racing ist das durchaus schade, denn darüber fuhr man gerade in den ersten Minuten durchaus vereinzelt gefährliche Ballgewinne ein.

Barca (altbekannt) anfällig nach Ballverlusten

Santander nach Ballgewinnen

Barcelona bewegt sich in einem Spannungsfeld: Einerseits gibt es den bewusst großen Abstand zwischen gegnerischem Doppelsturm und den positionierten Innenverteidigern, andererseits fehlt häufig die Besetzung des Sechserraums nach Ballverlusten – das zeigte sich auch in dieser Partie deutlich. Dies lag einerseits daran, dass die erste Gegenpressingwelle gerade auf der rechten Seite etwas unsauber ablief. Durch Olmos’ hohe Position sowie das fehlende Nachschieben Koundés im Ballbesitz fehlte der direkte vertikale Zugriff aus dem Mittelfeld nach Ballverlusten. Folglich konnte Santander nach Ballgewinnen in der Verteidigungslinie sofort den Vertikalpass suchen. Hier nutzte das eng und weit mitschiebende Mittelfeld von Racing die Situation aus: Man konnte sich direkt vertikal lösen und eine saubere, flache Verbindung zu den durchschiebenden Stürmern herstellen. Insgesamt sei hier die Kontrolliertheit von Racing hervorgehoben. Wie bereits besprochen, war das Gegenpressing Barcelonas nicht optimal, dennoch zeigte sich, dass viele Teams in einer solchen Situation eher zu unkontrollierten Befreiungsschlägen neigen würden.

Doch Santander fand im Halbraum immer wieder gute Progression. Gerade durch das Durchschieben der Außenspieler band man die Außenverteidiger Barcelonas in der Breite gut und öffnete so den Vertikalpassweg im Halbraum auf die ballnahen Stürmer, die direkt nach Ballgewinnen in den Zwischenlinienraum durchschoben. Hierbei hatte Barcelonas Sechser Bernal Probleme, die direkten Vertikalbewegungen mitzuverfolgen, und wirkte gegen den Doppelsturm in Unterzahl teils etwas überfordert. Dies brachte zudem die Innenverteidiger in Schwierigkeiten, da es stets herausfordernd ist, Tiefenläufe aus einer statischen Grundposition mitzuverfolgen – insbesondere Cubarsi hatte gegen Guliashvili seine Probleme. Tendenziell ließ sich Santander jedoch folglich dennoch etwas zu sehr in die Breite treiben, insbesondere bei den Dribblings, und zeigte sich beim Nachrücken aus dem Mittelfeld etwas zu langsam. Dadurch operierten die Stürmer isoliert im 2-gegen-2, während Barcelona mit dem Mittelfeld bzw. vor allem der Außenverteidiger infolge doch ganz gut fallen ließ und so lose Überzahlsituationen gegen die Stürmer schaffen konnte in der Rückwärtsbwegung.

Barcelona im Restverteidigungsdreieck

Entlasten konnte man sich jedoch darüber immer wieder. Um Barcelona damit noch gefährlicher zu werden, war aber die Zweiteilung im Konterspiel des Teams aus direkter Tiefe über die Stürmer und einem tiefen Mittelfeld zu groß. Um diesen Entlastungsrhythmus zu brechen, zogen die Gäste auch zunehmend taktische Fouls nach Vertikalpässen nach den Ballgewinnen von Racing. Das musste man auch teilweise nach Ecken tun, wo Barça an diesem Tag durchaus große Probleme hatte, gerade weil Santander die kurzen Ausführungen direkt im 2-gegen-2 verteidigte und man dadurch immer wieder doch die hohe Hereingabe zwangsläufig suchte, wo man gegen die Raumdeckung der Heimelf infolgedessen Probleme hatte. Der FCB operierte wie gewohnt in einer Dreiecksabsicherung mit zwei Rückraumsicherern um die Box und einem Tiefensicherer (meist Balde) auf Höhe der Mittellinie. Hierbei musste jedoch ein Rückraumsicherer oft in die Breite ausschieben, um bei der kurzen Ausführung eine drucklösende Option zu bieten, weil man sich an der Eckfahne eben im 2-gegen-2 schwer tat. Zwar konnte man sich dadurch durchaus aus dem Druck lösen und über die Rückraumsicherer auch Flanken aus dem Halbfeld schlagen, doch dadurch wurden die Abstände innerhalb der Dreiecksstruktur, gerade zwischen den Rückraumsicherern, sehr groß.

Nach den Ballverlusten eröffneten sich so für die direkt durchschiebenden Spieler Santanders Räume im Zentrum, die die Rückraumsicherer aus ihrer breiten Position heraus nicht direkt mitverfolgen konnten. Das bereitete gerade bei den langen Befreiungsschlägen in Richtung des Tiefensicherers extreme Probleme, da dieser demnach situativ sogar in Unterzahl agieren musste – mehrmals musste er den Ball mit großer Not wegköpfen. Racing tat sich aus der Raumdeckung heraus im Nachschieben schlichtweg deutlich leichter als Barcelona aus dem Einlaufen heraus, wodurch man den zweiten Ball, nachdem der Tiefensicherer herausgerückt war, deutlich besser im Zentrum greifen konnte und daraus immer wieder Konter im 3-gegen-3, meist nach dem zweiten Ball, fuhr. Diese spielte man zwar gut aus und kam zu Torschüssen, doch die Abschlüsse waren zu einfach für Keeper García.

Santander sucht das Gegenpressingspiel

Man sollte jedoch insgesamt nicht vergessen, wie groß der Schritt für Racing Santander in diesem Spiel hin zu einem stark auf Konter ausgerichteten Ansatz war, wenn man berücksichtigt, dass die Mannschaft über die gesamte Saison hinweg sehr auf eigene, strukturierte Progression fokussiert ist. Viele Teams tun sich mit einem solchen Schritt gegen stärkere Gegner sehr schwer, doch Racing war dieser temporäre Strategiewechsel nicht fundamental anzumerken – das fiel durchaus positiv auf und ist ausdrücklich hervorzuheben. Auch aus eigenen Abstößen heraus löste man die Situationen meist sehr lang und agierte aus einem 4-1-4-1 heraus stark darauf fokussiert, Spieler aus dem gegnerschen Mittelfeld zu ziehen und darüber Zugriff auf zweite Bälle des Gegners zu schwächen, weshalb man häufig vier Spieler in der Box von Racing sah – in der Hoffnung, dass Barca auch ein 4-gegen-4 herstellt und ein Zehner aufschiebt.

Santander sucht den zweiten Ball

Dieses Vorgehen funktionierte jedoch nur bedingt, da Barcelona weiterhin mit Olmo und Casadó als Zehnern agierte, während die erste Pressinglinie nominell in einer einfachen Unterzahl verblieb. Interessanterweise schob Santander zudem einen Stürmer sehr weit nach vorne, dessen Weg Cubarsí eng mitging, wodurch bei Barcelona situativ eine Art 1-4-2-3 entstand. Zum Bedauern der Heimelf konnte man einerseits aufgrund der direkten langen Auslösungen die Überzahl in der ersten Aufbaulinie kaum ausspielen, weil man aus der flachen Auslösung meist direkt in die Breite auf die Schienenspieler spielte. Diese hatten jedoch gegen die eng im Rücken mitverteidigenden Balde und Koundé Probleme, sich aus dem Abkippen heraus aufzudrehen; zudem fehlte häufig die direkte Unterstützung. Einerseits tat sich Sechser Aldasoro im Ausschieben in Unterzahl gegen die Zehner schwer, andererseits agierten die eigenen Zehner zu hoch, während die erste Aufbaulinie aus der Ballung heraus zu eng stand und im mannorientierten Restpressing der Stürmer Barcelonas gut für Rückpässe isoliert wurde – sodass daraus mehrmals Ballverluste der Schienenspieler entstanden gegen die Außenverteidiger von Barca.

Demnach legte man relativ schnell noch stärker den Fokus auf die direkte lange Auslösung im tiefen Aufbauspiel in Richtung des hoch positionierten Stürmers. Hier zeigte sich Barcelona jedoch sehr gut vorbereitet. Einerseits ließen sich Bernal und auch Innenverteidiger Martín wiederholt fallen und stellten gemeinsam mit Cubarsí ein 3-gegen-1 gegen den hohen Stürmer Arana her, der dadurch kaum in der Lage war, den Ball in der Luft festzumachen. Durch dieses Fallenlassen lösten Martín und Bernal allerdings ihre initialen Mannorientierungen auf die Zehner Santanders auf, die wiederum von Casado und Olmo übernommen wurden und daraus ebenfalls kaum zweite Bälle greifen konnten. Gerade Casados Leistung ist hier hervorzuheben, da er immer wieder guten Zugriff gegen Maza herstellen konnte. Auch die Außenverteidiger Koundé und Balde schoben nach den langen Bällen konsequent ein und sicherten die Halbräume ab.

Vereinzelt kam Santander zwar in Ping-Pong-Situationen noch einmal an den Ball und konnte gerade über den hoch bleibenden Arana Umschaltmomente einleiten, insgesamt ging der Plan des Gegenpressings über lange Bälle jedoch kaum auf. Vor allem ließ sich Barcelonas Mittelfeld nicht von der engen Viererkette Racings  binden und agierte nach den langen Bällen extrem sauber im Fallenlassen sowie in den engen Übergaben im Zentrum. Andererseits wurde auch der Nachteil des sehr hoch positionierten Stürmers hinter der Mittellinie deutlich, denn schlichtweg erreichte ihn der lange Ball teilweise nicht einmal, was den Zugriff für den FC Barcelona natürlich erleichterte.

So ging es auch torlos in die Pause. Zwar agierte der FC Barcelona weiterhin dominant, fand jedoch kaum Tiefe, und auch die Hereingaben in die Box kamen nur selten an. Das lag vor allem daran, dass sich Santanders Verteidiger im eigenen Drittel sehr tief fallen ließen und den Raum um den Fünfmeterraum gut absicherten sowie insbesondere den kurzen Pfosten schlossen, in den die Zehner immer wieder durchschoben. Im Zentrum zeigte Torres erneut Probleme im Freilaufverhalten, wirkte weitgehend zu statisch und hatte schlichtweg auch einen Größennachteil im Kopfballspiel gegen Innenverteidiger Hernando.

Zweite Halbzeit

Santanders Coach López, der die erste Halbzeit aus der Analystenperspektive verfolgt hatte (und auch die zweite aufgrund einer Sperre…), wechselte zur Pause und brachte Lozano für Stürmer Arana. Dieser Wechsel wirkte sich vor allem auch auf den Mittelfeldblock aus, da Lozano nach Rückpässen auf Martín sehr aggressiv das Pressing auslöste und so die Zirkulation zwischen den Innenverteidigern der Blaugrana gut unterband. Mit der Zeit ließ sich Martín jedoch immer tiefer fallen und verlängerte damit erneut den direkten Pressingweg für Lozano, wodurch dessen Druck wieder geringer wurde. Dennoch zeigte die Maßnahme durchaus Wirkung und zwang Barcelona zu etwas mehr Direktheit im Spiel.

Die von mir geforderte Dynamik von Koundé in der ersten Halbzeit sah man nun immer häufiger. So schob er nach Abspielen auf Yamal zunehmend im Halbraum im Spielen-und-Gehen gut durch, zog dadurch Außenspieler Gueye immer wieder heraus und öffnete so inverse Dribblingwege für Yamal. Dieser konnte daraus früh mehrere Abschlusschancen generieren und auch mehrfach flanken. Gerade Rashford tauchte dabei ein paar Mal gefährlich am langen Pfosten im Rücken von Flügelverteidiger Camara auf. Durch das Herausziehen Gueyes entstand zudem keine Doppelung mehr auf Yamal, womit er in der ersten Halbzeit durchaus noch Probleme gehabt hatte. Die Aufbauhöhe Barcelonas gestaltete sich nun insgesamt deutlich höher, nahezu permanent baute man im letzten Drittel auf. Das wirkte sich auch positiv auf das Verhalten nach Ballverlusten aus, da einerseits die Abstände zwischen den Linien deutlich geringer wurden und die Stürmer von Racing kaum noch Raum für Dribblings vorfanden, andererseits wurde man durch Koundés Aufschieben auf der rechten Seite deutlich griffiger im direkten Zugriff nach Ballverlusten. Tatsächlich fand man nun über den linken Zehner López, der in der 55. Minute für Casadó kam, immer wieder den diagonalen Weg aus dem Halbraum auf Stürmer Torres, der sich nun auch im Freilaufen im Zentrum häufiger von Innenverteidiger Hernando lösen konnte und gut auf Olmo in den Zwischenlinienraum ablegte – eine Komponente, die in den ersten 45 Minuten noch etwas ausgeblieben war. Torres war es schließlich auch, der nach einem Tiefenpass von López in der 66. Minute zum 1:0 einschob.

Die Leistungssteigerung des Stürmers, verbunden mit dem zunehmenden Kräfteverschleiß auf Seiten von Hernando, war dabei klar spürbar. Überhaupt entwickelte Barcelona nun immer mehr Dynamik über Rotationen zwischen den Zehnern sowie zwischen Flügelspielern und Außenverteidigern. Die Einwechslungen von Raphinha, Pedri und Lewandowski untermauerten die immer stabiler werdenden Katalonier, wobei gerade Letzterer im Wandspiel und nach langen Bällen noch einmal deutlich mehr Ruhe ins Spiel brachte als Torres zuvor. Mit den frischen Zehnern wirkte man in den Dribblings nach Ablagen noch griffiger, Raphinha brachte zudem im Vergleich zu Rashford etwas mehr Tempo und Zug nach innen im Dribbling. Zwar kam Racing gerade in den letzten Minuten noch ein paar Mal durch und hatte in der 94. Minute sogar durch Lozano nach einem Ballverlust von Yamal nach einem langen Ball die Chance, frei vor dem Tor von Garcia abzuschließen, doch diese Unachtsamkeit kurz vor Schluss wurde nicht bestraft. Und so schob dann Yamal selbst noch kurz vor Ende zum 2:0 ein.

Fazit

Racing Santander bewies sich gegen die solide aufspielenden Katalonier durchaus lange und setzte über das Umschaltspiel sogar einzelne eigene Nadelstiche. Insgesamt fehlte am Ende jedoch noch etwas an den letzten Details im Konterspiel und im Mittelfeldblock, um der Großmacht noch gefährlicher zu werden. Dennoch hätte das Spiel auch in die Verlängerung gehen können, wenn Lozano nicht die Nerven versagt hätten. Am Ende gewann Barcelona aber verdient mit 2:0 und zieht in die nächste Runde ein – wer weiß, vielleicht sieht man dieses Duell bald wieder.

MX machte sich in Regensburg mit seiner Vorliebe für die Verübersachlichung des Spiels einen Namen. Dabei flirtete er mit der RB-Schule, blieb aber heimlich immer ein Romantiker für Guardiolas Fußballkunst.

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