Stuttgart manndeckt Leverkusen nieder – MX
Leverkusen erlitt zum Start nach der Winterpause direkt einen Rückschlag und lag schon zur Halbzeit mit 0:4 gegen effiziente Stuttgarter hinten. Einerseits tat man sich schwer mit der Manndeckung der Cannstätter, andererseits agierte man auch im Umschaltspiel zu passiv.
Leverkusen hat ein Manndeckungsproblem…
Nach dem Spiel erklärte Kasper Hjulmand, dass vor allem die Manndeckung der Stuttgarter an diesem Tag ausschlaggebend für die desaströse erste Halbzeit der Leverkusener gewesen sei, obwohl man darauf vorbereitet war. Die Probleme aus dem tiefen 2-4-4-Aufbauspiel wurden von Beginn an deutlich: Grundsätzlich versuchte Bayer Leverkusen wieder, über die enge Positionierung von Fernández und García im Zentrum die Stuttgarter Achter eng zu binden und darüber die Passwege vom Torhüter Flekken in den Halbraum zu öffnen, in den sich die Stürmer anschließend bewegen. Dort versucht man insbesondere, die aufschiebenden Außenverteidiger im Ablagenspiel zu bedienen und diese so breit ins Dribbling zu bekommen. Dieses Grundmuster unterband der VfB Stuttgart jedoch sehr gut über die diagonalen Anlaufwinkel der Stürmer auf den Torhüter.
Dieses diagonale Anlaufen führte allerdings dazu, dass Flekken den anlaufenden Stürmer durchaus überspielen bzw. den linken Innenverteidiger Andrich anspielen konnte. Dessen Vertikalpassweg in den Halbraum war zwar anschließend durch die engen Achter offen, jedoch stand Leverkusen vor einem alten Problem: Tillman kippte beim Ballspiel Flekkens ab und war dann beim Andribbeln Andrichs zu tief auf Höhe des gegnerischen Linksaußen Führich positioniert, sodass er nicht in die Breite hätte ablegen können. Gerade durch diese Nähe zu Führich im Halbraum hätte man sich zudem in eine 1-gegen-2-Unterzahl gegen Führich und den herausverteidigenden Stiller befördert. Entsprechend wurde Tillman nicht von Andrich angespielt, der insgesamt auch im Andribbeln zu wenig Tempo zeigte, sodass der eigentlich überspielte Stürmer Undav ihn mehrmals von hinten stark unter Druck setzen konnte und er folglich meist den langen Ball wählen musste.

Stuttgart im manndeckenden AGP
Leverkusen zu lose
Auch durch die Ballgewinne im Angriffspressing kam Stuttgart zu Ballbesitzphasen aus dem 3-3-4-Aufbauspiel gegen das 5-3-2-Mittelfeldpressing der Werkself – wobei man vor allem über die linke Seite aufbaute. Hier isolierte Leverkusen über ein durchaus aggressives Anlaufen von Terrier und Tillman das Andribbeln der Halbverteidiger Stiller und Hendriks und unterband zudem über diagonale Anlaufwinkel mögliche direkte Pässe ins Zentrum auf die Achter Karazor und Nartey, wobei auch der ballnahe Achter García zusätzlich zugestellt wurde. Karazor wich jedoch einige Male in den Halbraum aus, und García agierte hier tendenziell zu stark darauf fokussiert, das Zentrum zu sichern, sodass er diese Bewegungen zu lose verfolgte. Dadurch konnte Karazor mehrfach im Halbraum aufdrehen und das Dribbling suchen – gerade auch im letzten Drittel – und aus dem Halbfeld immer wieder Flanken in die Box schlagen. Insgesamt spielten der Halbraum sowie Halbfeldflanken eine zentrale Rolle für die Cannstätter, denn Halbverteidiger Stiller – die linke Seite wurde insgesamt favorisiert – suchte meist direkt Flügelspieler Führich. Durch dessen extreme Explosivität konnte er sich immer wieder vom rechten Flügelverteidiger Arthur lösen. Durch Mittelstädts entgegengesetztes Durchschieben in die Breite zog er zudem Achter Fernández aus dem Halbraum. So eröffneten sich für Führich inverse Dribblingwege vor der Leverkusener Verteidigungslinie, wodurch er immer wieder gute Halbfeldflanken schlagen konnte – beispielsweise direkt nach 30 Sekunden, als Vagnoman zum Kopfball ansetzte, Flekken jedoch noch zur Stelle war.

Stuttgart findet den Halbraum und den Zwischenlinienraum
Die engen Markierungen von Fernández an Mittelstädt hatten zudem immer wieder zur Folge, dass der deutsche Nationalspieler dies erkannte und sich zunehmend breiter positionierte, wodurch Fernández ihm folgte. Dadurch wurden die Abstände innerhalb der Mittelfeldlinie der Leverkusener situativ zu groß. So konnten die Halbverteidiger Stuttgarts immer wieder vertikal den Halbraum bespielen, und die Stürmer legten daraus ein paar Mal gut in die Breite auf Flügelspieler Führich oder den nachschiebenden Halbraumspieler Mittelstädt ab. Probleme bei den Übergaben hatten die Leverkusener insgesamt, denn gerade der rechte Achter Nartey bewegte sich ballfern beim Ballspiel des Halbverteidigers Stiller immer wieder ins Zentrum in den Zwischenlinienraum vor der Verteidigungslinie beziehungsweise in den Rücken von Leverkusens Achter García, der Karazor eng markierte. Narteys initialer Gegenspieler Tella ging diese Einrückbewegungen jedoch nicht mit, sondern löste die Markierung auf.
Restangriff zur Halbzeit-Ekstase
Insgesamt hatte der VfB zwar in der ersten Hälfte „nur“ rund 40 % Ballbesitz, setzte aber durchaus wie beschrieben einige Nadelstiche. Entscheidend war jedoch erneut das phänomenale Konterspiel unter Hoeneß, das den Stuttgartern einerseits die frühe Führung (7.) brachte, andererseits für das 3:0 (45.) und das 4:0 (45+2) sorgte. Dass die Stuttgarter zahlreiche Umschaltaktionen hatten, lag auch daran, dass sich Leverkusen zunehmend im höheren Aufbauspiel schwer tat. Denn selbst im höheren Mittelfeldpressing agierte der VfB manndeckend gegen das 3-2-5/3-4-3 der Heimelf. Mittelstürmer Undav lief dabei mittleren Innenverteidiger Andrich meist im Bogenlauf an, um die linke Aufbauseite der Leverkusener zu isolieren. Führich agierte in der Grundposition etwas weiter weg von Quansah, während Leweling enger an Belocian blieb, um demnach Pass zu Quansah zu provozieren. Dies hatte wohl vor allem den Grund, dass Stuttgart gezielt das Spiel über die linke Aufbauseite Grimaldos unterbinden und auf Arthur forcieren wollte. Dies ging voll auf: Der Brasilianer hatte große Probleme gegen den im Zweikampf sehr stark herausverteidigenden Mittelstädter und konnte kaum aufdrehen, verlor etwa auch vor dem 0:1 in einer solchen Szene den Ball.

Stuttgart im Mittelfeldpressing
Teilweise gelang es Leverkusen dennoch (etwa nach Freistößen in der eigenen Hälfte), über Belocian-Grimaldo aufzubauen. Gerade wenn sich dieser mit der Zeit tiefer positionierte und Vagnoman beim Aufnehmen der Abkipbewegungen des Spaniers Probleme hatte, zeigte sich ein positiver Effekt auf das Aufbauspiel. Grimaldo lieferte im ersten Kontakt deutlich mehr Qualität als sein Pendant und leitete direkt auf Tella weiter, der zwar einen Tempovorteil gegenüber Hendriks in den Ausweichbewegungen hatte, aber physisch gegen den starken Holländer deutliche Probleme bekam. Insgesamt fehlte zudem die Unterstützung der Achter, die im höheren Aufbauspiel gegen Nartey/Karazor Probleme hatten und sich zu stark auf die rechte Aufbauseite treiben ließen. Auch die Leverkusener Zentrumsakteure wurden kaum angespielt und konnten folglich kaum Dribblings im Zentrum suchen, was eine der zentralen Stärken Leverkusens reduzierte – wie sich in dieser Saison mehrfach zeigte.
Dies lag auch daran, dass die Halbverteidiger Leverkusens tendenziell etwas zu eng agierten. Dadurch hatten auch Stuttgarts Außenstürmer eine engere Grundposition, und Fernández sowie García steckten bei freilaufenden Bewegungen im Halbraum immer wieder hinter den Außenstürmern fest. Gerade durch die Probleme Arthurs in der Breite und die Isolation der Achter ergaben sich immer mehr lange Bälle im Halbraum auf den durchschiebenden Tillman. Tillman konnte sich zwar aus der tieferen Grundposition im Highspeed mehrfach von Stiller lösen, doch einerseits waren Quansahs lange Bälle unter dem direkten Druck Führichs ausbaufähig, andererseits wurde Tillman im Dribbling von Stiller meist in die Breite gedrängt. Dort fehlte Leverkusen oft die direkte Unterstützung: Arthur agierte aufgrund der Abkipbewegungen zu weit weg in der Breite, Terrier zu zentral und beim Ausschieben allgemein nicht mit ausreichendem Tempo. Terrier war insgesamt etwas statisch im Zentrum; durch die diagonalen Anlaufwinkel der Außenstürmer auf die Halbverteidiger war er isoliert, konnte kaum ins Wandspiel eingebunden werden und zeigte daraus wenige Freilaufbewegungen.
Leverkusen reagierte daher mit einigen Rotationen in der Angriffsreihe, besonders Tella rotierte mit Terrier. Seinem Gegenspieler Chabot wurden damit zwar durch seine extreme Agilität ein paar Probleme bereitet, und konnte sich mehrmals abkippend lösen, hatte aber am Ende gerade beim Abschirmen weiter Schwierigkeiten und konnte kaum aufdrehen für Dribblings. Folglich fehlten aber auch die direkten Tiefenoptionen: Terrier bot kaum solche an, Tillman agierte häufig zu tief. Tendenziell war der Drang von Tillman, sich vom Gegenspieler zu lösen, so groß, dass er zunehmend auf einer Höhe mit den eigenen Mittelfeldspielern agierte. Dort konnte er zwar vereinzelt von den Verteidigern angespielt werden, oft blieb aber nur ein Abklatschen möglich, da Stiller den Wegen im Rücken eng folgte. Vielmehr verlor man so zusätzliche Präsenz in der Angriffsreihe und im Greifen der zweiten Bälle.

Restangriff sichert die Führung
Die Bewegungen im Zentrum wirkten insgesamt sehr unausgeglichen. Zwar erkannten die Achter mit der Zeit prinzipiell die Problematik, dass Unterstützung aus dem Zentrum notwendig ist, und schoben ballnah im Halbraum mit. Das Kernproblem bestand dann jedoch darin, dass der ballferne Achter oft zu wenig einrückte und die Verteidigungslinie zu wenig nachrückte – das direktere Mitschieben wurde demnach kaum abgesichert. Folglich war gerade der Raum vor der Verteidigungslinie sehr angreifbar für Stuttgart, und insbesondere Undav ließ sich immer wieder restangreifend in diesen Raum fallen. Dort konnte er gerade nach Ballgewinnen in der Breite das Dribbling suchen, während die Außenstürmer direkt als Tiefengeber im Restangriff agierten und durchschoben; demnach ergab sich sehr oft ein 3-gegen-3 im Konterspiel. Insgesamt agierten die Achter beim direkten Nachschieben – besonders Karazor ist hier hervorzuheben – durchaus sehr aktiv und konnten so gerade auch im letzten Drittel die Räume um die Box nach Kontern effektiv besetzen.
Dies war besonders gefährlich für Leverkusen, weil die Zwischenräume innerhalb der Verteidigungslinie in der Restverteidigung sehr unsauber gestellt waren. Gerade Belocian agierte zu mannorientiert in der Restverteidigung gegen Leweling, und Andrich schob häufig zu weit ballnah aus, wodurch immer wieder ein großer Raum zwischen den beiden Verteidigern entstand – den Undav mit seinen Dribblings gezielt suchte. Das Ergebnis war folglich, dass die Verteidigungslinie sehr unkontrolliert zusammenschob und oft die Tiefenläufer im Rücken verlor, die dann von Undav gezielt bespielt werden konnten. Insgesamt sei auch hervorgehoben, wie direkt und gezielt die Stuttgarter Flügelspieler nach Ballgewinnen diagonal ins Zentrum auf den Restangreifer spielten. Durch diese Direktheit konnte Leverkusen kaum Tiefenläufer in der Rückwärtsbewegung mannorientiert aufnehmen und gleichzeitig die Zwischenräume schließen.
Zweite Halbzeit
Hjulmand brachte zur Pause Bade für Belocian und Poku für Tella. Auffällig war jedoch, dass Leverkusen die Abstöße meist direkt lang ausführte und das Kollektiv dabei zusammenschob. Zwar erging man sich dadurch den hohen Ballgewinnen des Gegners, dennoch brachte diese Variante kaum aktive Progression, sondern verschob eher das bestehende Problem. Beim VfB zeigte sich relativ schnell, gerade im Mittelfeldpressing, der Nachteil der Manndeckung: Die physische Belastung vor allem bei den Verfolgungsbewegungen in der Breite – sowohl bei den Flügelspielern als aber auch beim Anlaufen der Halbverteidiger – waren zunehmend etwas weniger intensiv. Die Achter von Leverkusen agierten nun offensiver, konnten ein paar Mal im Rückraum vor der Verteidigungslinie gefunden werden nach Ablage und auch nun zunehmend die Abpraller sichern, und auch in der Restverteidigung zeigte man sich deutlich kompakter als noch in den ersten 45 Minuten. Dadurch stellte sich für Leverkusen eine gewisse Verbesserung ein.
Linker Außenstürmer Poku kippte immer wieder ins Zentrum ein und zeigte dort gute Aktivität vor der Box. Er wurde im Ablagenspiel vom etwas aktiveren Terrier nun vereinzelt gefunden, auch da Vagnoman Schwierigkeiten hatte, diese horizontalen Bewegungen konsequent zu verfolgen. Diese direkte Präsenz im Zentrum fehlte Leverkusen lange Zeit. Gleichzeitig zeigte aber Alex Nübel bei den vereinzelten Durchbrüchen der Leverkusener im Eins-gegen-eins eine exzellente Leistung. Der eingewechselte Alejo Sarco im Mittelsturm brachte einige aktivere Ansätze, insbesondere im zentralen Abkippen und Wandspiel. Chabot zog zunehmend athletisch den Kürzeren, um ihn zu verfolgen, suchte dabei aber auch Fouls, was den Rhythmus von Sarco gelegentlich unterbrach, der insgesamt auch noch technisch etwas Probleme hatte im ablegen. Auch die Schienenspieler zeigten deutliche Verbesserungen: Einerseits durch gelegentliche Seitenwechsel und dadurch immer mal wieder auch inverse Dribblings, andererseits insbesondere rechts über den tiefer stehenden Grimaldo, über den man ein paar Mal gut das diagonale Spiel ins Zentrum – auf den Mittelstürmer oder Achter vor der Kette – initiieren konnte, da Führich im Anlaufen an Aggressivität verlor. Sarco tauchte vereinzelt hinter der Kette der Stuttgarter auf; einerseits agierte Nübel aktiv im Herausrücken, andererseits blieb das Problem bestehen, dass die Tiefenbälle der Halbverteidiger oft unsauber oder zu weit gespielt wurden.
Fazit
Eine ohne Frage schwache erste Halbzeit der Leverkusener lässt sich durchaus als Rückschritt im Vergleich zu den Fortschritten vor der Winterpause bezeichnen – gerade das Bespielen der Manndeckung hatte man zuvor bereits deutlich besser umgesetzt. Dennoch darf man nicht unterschätzen, wie stark diese Stuttgarter Mannschaft ist. Auch wenn das hohe Ergebnis begünstigt wurde durch eklatante Fehler in der Restverteidigung von Leverkusen, fällt das Ergebnis vielleicht etwas zu hoch gegen die gefestigten Cannstatter aus. Insgesamt ist eine Bewertung darüber hinaus schwierig (und vielleicht bin ich auch deswegen mit meiner Bewertung hier etwas unzufrieden) – auch weil es das erste Spiel nach der Winterpause inklusive Ausfälle ist. Aber auch, weil Stuttgart in diesem Spiel nicht unfehlbar war, aber Leverkusen gerade in den ersten 45 Minuten schlichtweg keinen Fuß in die Tür bekam. Die Wahrheit liegt in den nächsten Spielen.
MX machte sich in Regensburg mit seiner Vorliebe für die Verübersachlichung des Spiels einen Namen. Dabei flirtete er mit der RB-Schule, blieb aber heimlich immer ein Romantiker für Guardiolas Fußballkunst.





Keine Kommentare vorhanden Alle anzeigen