Rayo Vallecano – Atlético Madrid 2:1

Señor Paco Jeméz liegt mit Rayo Vallecano aktuell auf dem sechsten Platz in der spanischen Liga.

Das ist eine beeindruckende Leistung, wenn man sich  den Etat von nur sieben Millionen € und die letztjährige Platzierung (15ter) in Erinnerung ruft. Aktuell ist jener Verein, der sich offensichtlich nicht einmal eine Übersetzung der Homepage auf Englisch leisten kann, sogar punktgleich mit Valencia, nur zwei Punkte hinter Malaga.

Grundformationen zu Beginn

Grundformationen zu Beginn

Sie haben sogar einen geringeren Rückstand auf Real Madrid, als diese auf den Tabellenführer FC Barcelona. Und letzte Woche kam die Krönung: Zuhause schlugen sie sogar den Tabellenzweiten Atlético Madrid mit 2:1.

Atléticos Spielweise – und die Anfälligkeiten

Zugegeben, es war nicht eine alles und jeden überzeugende Leistung Rayos. Dies lag aber vorrangig am Kontext, der gegnerischen Klasse und der zweiten Halbzeit, wo sich Atlético klar steigerte und die bessere Mannschaft war. Doch in der ersten Hälfte war Rayo besser und neutralisierte Atlético offensiv, während sie defensiv die sich bietenden Chancen nutzten.

„(…) Rayo Vallecano führt zur Halbzeit gerade gegen Atlético Madrid mit 2:0 – sie haben bislang keinen einzigen Torschuss zugelassen und haben fast 70% Ballbesitz. Bei Atlético kommen statistisch gesehen nur zwei Drittel der Pässe an. Falls das Ergebnis so bleibt, ist Rayo vor Mannschaften wie Valencia, Sevilla, Bilbao und Co. auf Platz 5. Nur knapp hinter Malaga und den „großen Drei“. Beeindruckend.“ – Facebookpost von uns in der vergangenen Woche

Atlético presste nach dem frühen Rückstand in einem interessanten 4-3-2-1/4-3-3-System, mit dem sie extrem kompakt agierten; hatte Rayo den Ball zentral im Aufbauspiel, dann waren nur die Flügel frei. Doch hier zeigte sich, dass Ballbesitz nicht gleich Ballbesitz ist. Im Gegensatz zu anderen Mannschaften wie dem FC Barcelona fühlt sich Rayo nämlich durchaus wohl, wenn man ihnen lediglich die Seiten überlässt. Immer wieder spielten sie extrem schnelle Pässe über die Seiten und rückten auf; nur 15% der Angriffe (ein wahnsinniger Wert) kamen über die Mitte.

Atléticos 4-3-2-1, welches auch etwas asymmetrisch ausgelegt war.

Atléticos 4-3-2-1, welches auch etwas asymmetrisch ausgelegt war.

Gleichzeitig machten die Außenstürmer das Spiel breit, die zentralen Akteure bewegten sich enorm viel und die Außenverteidiger rückten meistens gut getimt auf. Durch diese Spielweise ließ Atlético einige Flanken und schnelle Kombinationen zu – bei beiden Treffern waren es Hereingaben nach ähnlichem Muster, die zu den Toren führten.

Dabei waren es nicht nur die Angriffe, die ähnlich abliefen, sondern auch die taktischen Positionierungen und Orientierungen. Beide Male war es eine Hereingabe von links, wo der rechte Außenstürmer entscheidend war. Beim zweiten Tor zwar nur indirekt, weil er den Ball nicht erwischte, aber dann ein weiteres Mal flankte und dies zum zweiten Tor führte. Das erste Tor verdient eine genauere Betrachtung.

Kurzbetrachtung des Führungstreffers

Bei 01:23 eroberte Rayo den Ball – sie sollten ihn über eine Minute lang nicht wieder Atlético überlassen, einzig ein Einwurf unterbrach die Kurzpassstafetten. Dieser Einwurf kam zustande, als nach der Balleroberung mit schnellem Passspiel im Dreieck mit einer Ballberührung die Enge aufgelöst und das Spiel letztlich flach verlagert wurde. Auf der gegenüberliegenden Seite wurde ein schneller Angriff im zuvor ballfernen und somit noch unsortierten Raum versucht. Dies klappte nicht, der bereits erwähnte Einwurf entstand.

Danach ging es zurück zum Torwart, der Angriff wurde abermals über die zuvor ballferne Seite aufgezogen und mit schnellen, flachen Pässen wurde das Spiel verlagert. Ein brillanter Schnittstellenpass und offene Zwischenlinienräume führten dann zur Flanke zum 1:0.

Rayos Tor in der Entstehung.

Rayos Tor in der Entstehung.

Der ballferne und das Angriffsspiel streckende Rechtsaußen sollte das Tor letztlich erzielen. Die schnellen, flachen, aber dennoch langen Pässe von Rayo sorgen für solche Bilder mangelnder Kompaktheit und offener Räume.

Dieses Strecken des Spiels durch den Außenstürmer kam übrigens öfters vor, auch ohne oder mit einem ausweichenden Mittelstürmer.

Abermals steht der Außenstürmer breit.

Abermals steht der Außenstürmer breit.

Rayos Pressing

Wie so oft war das Beeindruckendste wohl die Kompromisslosigkeit des Pressings bei den Vallecas.  Aus ihrem 4-3-2-31 bilden sie immer wieder situative Dreierketten, rücken extrem weit heraus auf einzelnen Positionen oder lassen Räume verwaisen. In den folgenden Szenen sehen wir uns ein paar interessante Bilder dazu an.

Die Angriffspressingformation Rayos.

Die Angriffspressingformation Rayos.

Beispielsweise wird hier aus dem nominellen 4-2-3-1 ein 3-Raute-3. Allerdings ist der ballferne Außenverteidiger enorm weit eingerückt und die Dreierreihe in der Abwehr verschiebt sehr weit auf die Seite. Ohnehin ist Rayo ein Beleg dafür, dass man die Definition von Formationen grundlegend verändern sollte, aber dazu vielleicht ein anderes Mal. Aus dieser Formation heraus zwingt man den Gegner zu einem Vertikalpass.

Die Raute bleibt erhalten im defensiven Umschaltspiel.

Die situative flache Raute bleibt im defensiven Umschaltspiel erhalten.

Als der angekommen ist, umläuft der Außenverteidiger dank des extrem schnellen Umschaltens seinen Gegenspieler und kann ihn frontal stellen. Der Angriff ist zeitlich verzögert. Die Raute gibt es weiterhin; einer der Sechser sichert den Raum in die Mitte, andere kann Zugriff auf die nahe Passoption ausüben und beide haben nach dem Umlaufen des Außenverteidigers einen gegnerischen Spieler im Deckungsschatten. Sie nähern sich aber dennoch dem Ballführenden, um den Druck zu erhöhen.

Durch diese Staffelung und die Bewegungen können sie gut riskant pressen.

Durch diese Staffelung und die Bewegungen können sie gut riskant pressen.

Dieser sieht sich nun in der Lage, nur noch einen weiten Pass spielen – allerdings aus ungünstiger Lage und Position. Der Ball wird vom Torwart abgefangen.

Neben dieser Extreme im Pressing wussten aber auch andere Aspekte zu gefallen. Beispielsweisewaren dies ein extremes Beispiel für Verschieben bei der Verteidigung von Einwürfen oder auch die Schwarmintelligenz des Kollektivs.

Einwürfe

Bei den Einwürfen befanden sich zum Beispiel immer alle zehn Spieler extrem nahe um den Einwerfenden herum – Ballbehauptung und organisiertes Verschieben war für den Gegner nicht möglich.

Schöne Bilder.

Schöne Bilder.

Durch den Einwerfer verlieren sie kurzzeitig einen Mann, durch die Abwehrkette bei höheren Einwerfern und die ballfernen Spieler kommen weitere hinzu. Dies nutzt Rayo maximal aus beziehungsweise versucht es.

Ohne Rücksicht auf Verluste.

Ohne Rücksicht auf Verluste.

Übergeben

Das für mich taktisch Ästhetischste in dieser Partie war aber wohl folgende Szene. Es gab einen Ballverlust von Rayo.

Übrigens gab es "Anfälle" von Gegenpressing bei Rayo.

Übrigens gab es „Anfälle“ von Gegenpressing bei Rayo.

Der zuvor aufgerückte Rechtsverteidiger eilt zurück, der Sechser orientiert sich in der Mitte. Aber gleichzeitig gibt es nur einen minimalen Moment, wo sie sich beide für das entschieden haben – nämlich als der Ballführende Atléticos sich zur Verlagerung nach rechts entschied. Wäre er links geblieben, hätten die beiden wohl aus ihren ursprünglichen Positionen gepresst. So wechselten sie aber; keine Sekunde zu spät, denn hätten sie wegen dem Übergeben kommunizieren müssen, dann wären in der Mitte Räume offen geblieben.

Übergeben, die Zweite - und die entgegengesetzten Außenverteidigerläufe sehen ebenfalls shcön aus.

Übergeben, die Zweite – und die entgegengesetzten Außenverteidigerläufe sehen ebenfalls shcön aus.

Der rechte Außenverteidiger orientiert sich nach hinten und geht in eine Manndeckung über. Dieses Mittel bei Kontern haben wir bereits bei der Analyse zum Pressing der Münchner Bayern beschrieben. Der Linksverteidiger hingegen geht nach vorne – er übt Druck aus. Wieso auch nicht? Hinter ihm ist keiner. Ein Linien- und Kettenspiel muss variabel sein, Rayo macht dies vor.

Schön zusehen: die Mitte ist dicht.

Schön zu sehen: die Mitte ist dicht.

Er presst nun wie ein Außenstürmer, der vorher freie Spieler in der Mitte ist rechtzeitig in Manndeckung übernommen worden. Atlético kann sich nicht ordentlich befreien.

Lange Bälle gegen gegnerisches Aufrücken

Mit dieser Spielweise sorgt Rayo für ihren hohen Ballbesitz. Dennoch wäre es falsch – und hier spielt man auch anders – im Ballbesitz wie andere Mannschaften zu agieren. Zwar kann Rayo hervorragend auf eine Ballberührung spielen, doch die Pässe sind weniger kommunikativ, als beispielsweise beim FC Barcelona. Sie kommen nicht in den Fuß, sie erhöhen nicht immer die Dynamik oder weichen Sackgassen in den Passmustern nicht ordentlich aus.

Dazu kommt eine geringere individuelle Qualität der Akteure. Diese können unter extremen Druck den Ball zwar behaupten, aber wegen obiger Aspekte nicht konstant stabil zirkulieren lassen. Irgendwann häufen sich die minimalen Ungenauigkeiten, die schwerer zu verarbeitenden Pässe an, und sorgen für einen Ballverlust. Darum werden viele lange Bälle in Drucksituationen gespielt.

Wie wenige andere kümmert sich Rayo auch um Tiefe im Aufbauspiel.

Wie wenige andere kümmert sich Rayo auch um Tiefe im Aufbauspiel.

Gepaart wird dies mit einer hohen Formation der Offensivspieler, welche mit ihrer extremen Geschwindigkeit im Umschalten sofort auf die zweiten Bälle gehen oder die Anspiele frühzeitig verarbeiten können. Außerdem reißt man dadurch Löcher in die gegnerische Vertikalkompaktheit, welche man bespielen kann.

Kein besonders ansehnlicher Spielstil, aber eine Entwicklung des „english passing game“ (welches von Jack Hunter bei Blackburn Olympic genutzt wurde und später zum kick’n’rush wurde) als taktisches Mittel und somit als Ergänzung zum „scottish passing game“ (welches von Jimmy Hogan und Co. adaptiert und bekanntlich das Fundament der vielen, spielstarken Mannschaften Mitteleuropas wurde).

Fazit

Ein starkes Spiel Rayos in der ersten Halbzeit, welche aber mit fortschreitender Spieldauer nachließen. Atlético hatte dann mehr Chancen, dennoch ist es in Anbetracht des Kontextes wohl ein verdienter Sieg einer taktisch hochinteressanten Mannschaft.

Danke an laola1.tv für das Bildmaterial!

YA 16. Februar 2013 um 16:39

Ein sehr toller Bericht! Und der Zeitpunkt dafür ist perfekt gewählt ;). Rayo hat mich dieses Jahr sehr überrascht. Zwar muss ich sagen, dass ich nur die Spiele gesehen habe, wo sie gg eine Topmannschaft spielten, wie in der Hinrunde gg Real und Barca. Damals dachte ich, dass sie eine ’naive‘ Mannschaft wären. Mir hatte das Pressingspiel von ihnen zwar imponiert, aber sie haben doch sehr viel Platz für Konter gelassen. So konnten sie zwar dafür sorgen, dass eine Mannschaft wie Barca viele Ballverluste hatten, und teilweise dachte ich, dass sie mithalten konnten, aber sie wurden Eiskalt ausgekontert bzw ausgespielt und das Spiel endete ja 5:0. Mir kam damals vor, dass ihr Pressingspiel nicht gut koordiniert war, vor allem im defensiven Umschalten. Aber hier redest du ja von, dass die situative Raute beim Umschaltspielen erhalten bleibt. Ist das Pressingspiel von Rayo über die Saison überlegter geworden bzw. abgestimmter und geplanter geworden, oder kann man das nicht so sagen?? Was hat sich da z.B. gegenüber dem Spiel gg Barca verändert?

Aber wie es scheint haben sie sich verbessert und ihr Pressingspiel haben sie wohl verinnerlicht. Vor allem das Kapitel ‚Übergeben‘ macht mich neugierig. So eine Art ‚Übergeben‘ habe ich bisher noch nie gesehen gehabt. Auch diese Konsequenz ihrer Spielphilosophie beim Einwurf ist erstaunlich.(langsam ärgere ich mich, dass ich ihr Spiel gg Atletico nicht gesehen habe). Freu mich jedenfalls auf das morgige Spiel. Mal sehen wie sie mit der besten Konter-Mannschaft klar kommen. ;).

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TW 16. Februar 2013 um 15:11

Vielen Dank für den Artikel. Es ist eine super Einstimmung auf das Spiel von Real gegen Rayo morgen Abend.

Das Einrücken von Rayo ist wirklich extrem. Sie stehen in den Bildern ja teilweise komplett im ballnahen Drittel der Spielfeldbreite. Ich bin gespannt wie sich das gegen Real auswirkt. Mit Alonso und Özil ist Real durchaus in der Lage anspruchsvolle Verlagerungen zu spielen. Wenn Ronaldo dann als Spieler auf der ballfernen Seite so viel Platz zum Tempo aufnehmen hat, wird es sehr schwer für Rayo, das noch zu verteidigen.

Das bringt mich zu meiner Frage: Ist diese extrem ballorientierte Kompaktheit eine regelmäßige Sache bei Rayo oder war das in diesem Spiel besonders? Erwartest Du eine ähnliche Taktik gegen Real?

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RM 16. Februar 2013 um 15:15

Ich finde, dass die das eigentlich sehr regelmäßig machen, wobei das Pressing zu Saisonbeginn noch extremer und auch etwas chaotischer war. Ich erwarte also eine ähnliche Taktik gegen Real, wobei man sich nie sicher sein kann.

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TW 16. Februar 2013 um 16:13

Vielen Dank für die Antwort. Die Vorfreude auf das Spiel ist jetzt noch größer. Wisst Ihr schon, ob Ihr auch eine Analyse dazu machen werdet?

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RM 16. Februar 2013 um 17:29

Die ist geplant.

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