Montag, 01.09.2014

Raumverknappung

Raumverknappung:

Die Raumverknappung ist eine Defensivstrategie Arrigo Sacchis, die auf dem Pressing aufbaut, welches von Maslov, Lobanowskiy, Michels und Happel entwickelt wurde.

Bei der Raumverknappung geht man einen Schritt weiter, die gesamte Mannschaft ist ohne Unterbrechung in Bewegung, um einen Abstand von circa 25 Metern (von Innenverteidiger zu Stürmer) im kollektiven Block zu gewährleisten und gleichzeitig mit unterschiedlichem Fokus ballorientiert zu verschieben.

Das grundlegende Prinzip ist bei der Raumverknappung schlicht, dass die Räume so eng wie möglich sind, um dem Gegner sämtliche Möglichkeiten durch Zeit- und Raumdruck zu versperren.

Dabei rückten die Verteidiger weit nach vorne, versuchten die Abseitslinie nach vorne zu schieben, um Gegenspieler ins Abseits zu stellen und gleichzeitig Druck im Mittelfeld durch Kompaktheit zu entfachen. Die Abstände waren bewusst sehr eng, um dem Gegnern keine Zeit im Mittelfeld zu lassen und um die Distanzen nach vorne gering zu halten. Dadurch konnte diese Raumverknappung effektiv gespielt werden, die Kompaktheit war der wichtigste Schlüssel. 

Arrigo Sacchi hat diese Strategie in den 80ern beim AC Mailand eingeführt und konnte national wie international große Erfolge feiern.

Zwar wird die Raumverknappung noch ausgeführt, aber aufgrund der Änderung der Abseitsregel ist sie nicht mehr in solch extremen Positionsspiel vertikaler Ausführung möglich; in diesem Video wird die Aggressivität des Zusammenziehens gezeigt, die heute nach Einführung des “passiven Abseits” nicht mehr so möglich ist.

Der genaue Unterschied zwischen Raumverknappung und dem bereits zuvor praktizierten ballfernen Einrücken wird unter Analysten heftig diskutiert. Vergleichen wir dazu Aussagen von bzw. über Helmut Groß:

“In Geislingen konfrontierte ein Spieler Groß mit der Bitte, in der ersten Halbzeit als rechter Verteidiger und in der zweiten Halbzeit als linker Verteidiger spielen zu dürfen. Er wollte partout nicht dorthin, wo sein Vater am Spielfeldrand stand. Der verstand nämlich nicht, dass sein Sohn niemanden bewachen, sondern sogar ignorieren musste, wenn der Ball gerade auf der anderen Seite des Spielfelds war und er als Verteidiger einrücken sollte.”

So schreibt Biermann in seinem Buch “Die Fußball-Matrix”. Dies fand noch einige Jahre vor Sacchis großen Erfolgen im Jahre 1983 statt.

Die großen Errungenschaften der Raumverknappung nach Sacchi liegen somit weder beim Pressing noch beim horizontalen und vertikalen Einrücken – stattdessen liegen sie in der Extremisierung, Kollektivisierung und Strukturierung dieser unterschiedlicher, schon existierender Aspekte sowie der kompletten Loslösung mannorientierter Aspekte in ballfernen Räumen.

Dennoch gibt es einige “Revolutionen” Sacchis, die aber ebenfalls vorwiegend in der Konzeptualisierung des Fußballs bzw. seiner taktisch-strategischen Aspekte zu finden sind. Die eine betrifft die sogenannten vier Referenzpunkte (Ball, Raum, Mitspieler, Gegenspieler), die Raumbewertung, die Prioritätensetzung im individual- und gruppentaktischen Defensivspiel und das Berücksichtigen der kollektiven Dynamiken in der Vorwärtsverteidigung; damit sind nicht nur die Auswirkungen von Kompaktheit und defensiver Überzahl, sondern auch den Vorteilen im offensiven Umschaltspiel nach Balleroberungen in kompakten Räumen gemeint.

Die wirklichen Neuheiten beziehen sich vorrangig auf das diagonale Einrücken und die damit verbundene Auswirkung auf das Pressing. Die Mannschaft verschiebt im Kollektiv ballorientiert und nimmt weniger Rücksicht auf die eigentliche defensive Grundposition, sondern verändert diese stärker in Relation zum Ball und zu Grundprinzipien der Taktik wie Kompaktheit. Es gibt zusätzlich weitere Konzepte wie Pressingmechanismen und -auslöser, eine Ablaufsstrukturierung und den Ballgewinn durch Raumabnahme und kollektivem Stellungsspiel, statt rein zeitlichem Druck oder einem ballerobernden Zweikampf.

Theoretisch könnte man heutzutage auch von einer offensiven Raumverknappung reden. Hier werden auch in eigenem Ballbesitz Engen erzeugt, die für Anspielstationen bei eigenem Ballbesitz sorgen sollen. Auch im defensiven Umschaltmoment sorgt das ballseitige Verschieben nach Ballverlusten für kurze Wege, um den Gegner effektiv zu attackieren. Dieser Aspekt wurde aber primär später mit dem Gegenpressing und beim FC Barcelona genutzt, wo nur einzelne Spieler taktische Aufgaben wie das Geben von Breite hatten, die anderen stellten die erwähnten Engen her. Offensiv wurde dies von Sacchi kaum praktiziert.