Deutschlands Halbfinalgegner: USA drücken ihre Physis durch

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Die US-Amerikanerinnen dominieren die Flügel, China das Zentrum. Am Ende profitierten die USA von dieser Aufteilung, auch weil Gladbach nicht in China liegt.

Im ersten Viertelfinale lieferten sich Frankreich und Deutschland ein Duell auf Messers Schneide. Das zweite Viertelfinale bot ebenfalls zwei große Namen des Frauenfußballs: In einer Neuauflage des WM-Finals von 1999 trafen die US-Amerikanerinnen auf China. Sechzehn Jahre später waren die USA klare Favorit gegen die taktisch disziplinierten Chinesinnen. Und diesen Favoritenstatus untermauerten sie eindrucksvoll.

China verteidigt für’s Lehrbuch

Die Grundformationen USA gegen China

Die Grundformationen USA gegen China

Beide Teams traten mit ähnlichen Formationen an: Die USA gingen in einem nominellen 4-4-2 an den Start. Stürmerin Morgan wich jedoch oft auf die Flügel aus oder ließ sich fallen, sodass Rodriguez oft die einzige Sturmspitze in einer Art 4-2-3-1 war. China machte es genau andersrum: Die Spielernamen deuteten auf ein 4-2-3-1 hin, in der Praxis agierten sie jedoch meist in einem 4-4-2. Zehnerin Lou verteidigte meist auf einer Höhe mit ihrer Sturmkollegin, und da China praktisch nur verteidigte, war das angedachte 4-2-3-1 nur selten zu erkennen.

Die Rollen waren schnell verteilt: China setzte voll und ganz auf die eigene Defensivstärke. Was China in Sachen taktischer Disziplin anbot, war in der Tat beeindruckend. Im 4-4-2 suchten die Chinesinnen den Zugriff im Mittelfeld. Dabei stand die Abwehrkette sehr eng und die Stürmerinnen ließen sich weit zurückfallen. Oft rückte eine Innenverteidigern aus der Kette heraus, um im Mittelfeld-Zentrum eine Überzahl herzustellen. Die enge Abwehrkette fing dieses Herausrücken sehr gut ab.

China sicherte das Zentrum dadurch oft mit fünf Spielerinnen. Beeindruckend war vor allem, wie schematisch China verschob und dabei keine Lücken öffnete. Man hätte fast meinen können, die Spielerinnen posieren für ein Lehrbuch des chinesischen Verbands, Titel: „Perfektes Verschieben, das Bilderbuch.“

USA dominant über die Flügel

Die Amerikanerinnen reagierten auf die chinesische Dominanz im Zentrum, indem sie das Zentrum kaum bespielten. Stattdessen suchten sie aus der Abwehr direkt den Weg über die Flügel. Morgan und Mittelfeld-Motor Lloyd ließen sich häufig auf die Flügel fallen, um Überzahlsituationen herzustellen.

Die USA griffen flexibel über die rechte und über die linke Seite an, wobei sie die rechte Seite leicht bevorzugten. Egal, über welche Seite es ging, es war stets eine Asymmetrie zu erkennen: Die Außenstürmerinnen Heath und O’Hara liefen diagonal in den Strafraum, um am zweiten Pfosten als Flankenabnehmer fungieren zu können. Das Stilmittel Flanken funktionierte recht gut, auch weil die USA diese Flanken mit Tempo schlug und ein gutes Timing zeigte. So brachen sie die Angriffe ab, wenn der Strafraum nicht besetzt war, und blieben so im Ballbesitz.

Wirklich gefährlich waren die USA aber vor allem nach Standardsituationen. Auf dem Flügel gingen die Amerikanerinnen oft in Eins-gegen-Eins-Situationen, wohl wissend, dass sie physische Vorteile gegen die kleineren Chinesinnen vorweisen können. China wusste sich oft nur über Fouls zu helfen – und die USA nutzte diese Standards. Interessant: Die USA flankte bei Standards meist nicht sofort rein, sondern verlagerte oft zunächst einmal mit einem flachen Flügelwechsel. Damit schufen sie Unordnung in Chinas Raumdeckung und befreiten ihre Stürmerinnen für eine Flanke vom anderen Flügel. Auch beim Siegtreffer gingen sie so vor (51.).

China offensiv bieder

Der Siegtreffer beendete das Spiel frühzeitig. China war über 90 Minuten hinweg offensiv viel zu harmlos, als dass ein Ausgleichstreffer auch nur in Frage gekommen wäre. Dass die Chinesinnen ihre Positionen so konsequent hielten, war defensiv ein Segen – in der Offensive war es ein Fluch. China war zu jeder Zeit des Spiels zu bieder, zu einfallslos im Offensivspiel, um die zwei breiten Viererketten der Amerikaner in Verlegenheit zu bringen.

Dabei waren die Grundlagen theoretisch vorhanden. China forcierte im Gladbach-Stil das Ablagenspiel. Der erste Pass sollte zu den Stürmerinnen gehen, die ihn prallen lassen sollten. Allerdings bewies das chinesische Spiel, wie wichtig es ist, in einem Ablagenspiel den Ball sofort weiterzuleiten. Die Chinesinnen stoppen den Ball oft erst umständlich, ehe sie ihn weiterspielten. Sie fanden nie in den Fluss eines schnellen Ein-Kontakt-Spiels. Die USA hatten sich bereits sortiert, ehe die Mittelfeldspielerin die Ablage annehmen konnten. So war es für die Amerikanerinnen ein Leichtes, Chinas Mittelfeldspielerinnen zu isolieren.

USA mit starkem Gegenpressing

Dass China nie wirklich ins Spiel fand, lag auch am starken amerikanischen Gegenpressing. China konnte selten den direkten Pass ins Mittelfeld oder auf die Stürmerinnen spielen, der für ihren Matchplan so wichtig gewesen wäre. Die amerikanischen Stürmerinnen drängten dabei im Pressing nicht sofort auf den Ballgewinn. Sie liefen die chinesischen Verteidigerinnen so an, dass sie den flachen Pass auf die Außenverteidigerinnen spielen mussten (lange Bälle waren für die kleinen Chinesinnen keine Option).

Das Pressing der Amerikanerinnen: Der Ball wird auf die Flügel gelenkt, dort wird die Chinesin isoliert.

Das Pressing der Amerikanerinnen: Der Ball wird auf die Flügel gelenkt, dort wird die Chinesin isoliert.

Auf den Flügeln isolierten die Amerikanerinnen in der Folge die Außenverteidigerinnen sehr geschickt. Vor allem die laufstarken Sechserinnen waren in diesen Situationen Gold wert. Sie schlossen den diagonalen Weg in die Spitze, während die Stürmerinnen den Weg zurück ins Zentrum schlossen. Die Außenstürmerinnen konnten so zahlreiche Ballgewinne verbuchen. Die Amerikannerinen hatten die Defensive voll im Griff – und gewannen auch deshalb völlig verdient mit 1:0.

Fazit

Das zweite Viertelfinale war kein Spannungsgarant wie Deutschland gegen Frankreich, es hatte jedoch seine eigenen Qualitäten. Der Zuschauer durfte eine taktisch nahezu perfekte Defensive bestaunen. Wie China im Raum verschob, war beeindruckend. Dass sie dennoch völlig verdient rausflogen, lag an der schwachen Offensivleistung.

Die USA besannen sich auf ihre ureigenen Stärke: Sie drückten ihre Physis und ihre hohe individuelle Klasse durch, sowohl im Offensivspiel als auch im bärenstarken (Gegen-)Pressing. Dass dieses physisch geprägte Spiel manches Mal zulasten des Kombinationsflusses geht, nehmen die Amerikanerinnen in Kauf. Das macht sie zu einem hochinteressanten Gegner für die deutsche Mannschaft, die ähnliche Stärken und Schwächen besitzt. Wir Zuschauer dürfen uns auf ein intensives Halbfinale freuen.

Ibra Kadabra 29. Juni 2015 um 12:42

Danke für die lobende Erwähnung der Verschiebemechanik. Habe das Spiel zwar nicht gesehen, aber verstehe das so: Chinesische Spielerinnen als Athletico Kompakt-Block. Um das amerikanische Gegen-/Pressing ins Leere laufen zu lassen, hätte eine Sechserin zurückfallen müssen(!), um Überzahl in der ersten Angriffslinie herzustellen (Bayern war sich teilweise mit Alonso auch nicht zu schade dafür), mit der pressingresistenten Sechserin auf Lücken warten, dann mit zweiter Sechserin und zurückfallender 10erin klein-klein nach vorn kombinieren.

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Winkelmann 28. Juni 2015 um 09:56

Faszinierendes Duell völlig unterschiedlicher Systeme.

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