FC Chelsea – Norwich City 3:1

Im zweiten Heimspiel der Saison empfing Vizemeister Chelsea die Mannschaft von Norwich City. Nach zwei guten, aber nicht herausragenden Partien wollte man unbedingt jeglichen Zweifel an der Stärke der Mannschaft mit einem hohen Sieg wegwischen, während Norwich auf einen Punktgewinn spekulierte.

Wechselwirkung der jeweiligen Formationen

Grundformationen

Die Gäste traten mit einem 4-3-1-2 an und wollten das Zentrum dicht machen. Man wählte diese Aufstellung, um keine numerische Unterlegenheit im Mittelfeld zu haben und dennoch die offensiven Außenverteidiger Chelseas abdecken zu können. Holt agierte vor Martin und die beiden wurden vom sehr engmaschigen und fluiden Mittelfeldquartett dahinter unterstützt. Während Crofts die Manndeckung Lampards übernahm, fungierte Johnson als primärer Spielmacher aus der Tiefe und Pilkington wie Hoolahan sorgten in der Vertikale für Angriffe. Hinten spielte eine Viererkette bei der die Außenverteidiger schematisch etwas höher waren und zwar konnte man zu Beginn einige Konterchancen erarbeiten, doch die Fehlpassquote war erschreckend hoch. Ab Minute 30 kam Whitbread ins Spiel und Barnett rückte ins Zentrum, was zu einer asymmetrischen Raute führte.

Bei Chelsea stand abermals Hilario im Tor, während Ivanovic die Rolle des rechten Innenverteidigers übernahm. Drogba spielte als rechter Außenstürmer neben Torres und Malouda, doch wirklich auffällig waren die veränderten Laufwege und Torres‘ schwache Leistung. Ramires und Bosingwa agierten extrem offensiv und vertikal, was an Drogbas schematisch hoher Rolle lag – Ramires füllte das Loch hinter ihm, während Bosingwa als Anspielstation fungierte und zum Hinterlaufen des nach innen ziehenden Drogbas genutzt wurde. Auf Drogbas immerwährende Präsenz und sein Ballfordern reagierte aber Torres wie so oft allergisch und konnte sich nicht frei entfalten.

Spielverlauf

ab Minute 30

Bereits nach sechs Minuten erzielte Bosingwa den ersten Treffer für Chelsea, welches in jeder Phase des Spiels überlegen war und Norwich in deren eigenen Hälfte einschnürte. Norwich agierte ohne Ball jedoch weiterhin sehr tief und passiv, man wartete Angriffe Chelseas ab und hoffte mit schnellen Kontern den Ausgleich erzielen zu können. Chelsea fand kaum eine Lösung gegen dieses Abwehrbollwerk und war die spielüberlegene Mannschaft, indem man den Ball laufen ließ und hin und wieder mit schnellen Kombinationen zum Abschluss kommen wollte, was in Halbzeit eins jedoch kaum glückte. Man bekam zwar einige Freistöße in Tornähe, aber wirkliche Gefahr konnte man nicht ausstrahlen, ebensowenig gelang es Norwich mit den Kontern über ihre offensivere rechte Seite, beide Teams hatten letztlich beim Halbzeitpfiff nur je zwei Strafrauszenen gehabt.

Nach der Halbzeit ein ähnliches Bild, Chelsea sah kaum Land gegen die tiefgestaffelte Defensive, während Norwich kaum was vom Ball sah. In der 60. Minute wurde die eintönige Partie nach einem Missverständnis Hilarios nach einer Halbfeldflanke Naughtons jedoch aus ihrem Trott gerissen, als Grant Holt den Torwartfehler mit dem Ausgleichstreffer bestrafte. Chelsea rannte nun verzweifelt auf das gegnerische Tor an, doch bis auf Einzelaktionen Bosingwas auf rechts konnte man kaum für Überraschungen sorgen und statt einer Führung sah es lange Zeit danach aus, als ob die Blues nur in der Ballbesitzstatistik mit 71% unumstrittener Sieger sein würden. Nach einer schweren Attacke an Drogba musste der bewusstlose Ivorer für Anelka ausgewechselt werden und das Spiel nahm erst nach fast 10 Minuten wieder seinen gewohnten Gang. Verkehrte Welt dann vor der spielentscheidenden Szene – Chelsea kontert schnell, nachdem Norwich ausnahmsweise aufgerückt war und Chelseas box-to-box-midfielder Ramires wird vom gegnerischen Torhüter Ruddy zu Fall gebracht: rote Karte und Elfmeter, welchen Lampard eiskalt verwandelt. Gegen zehn Gegenspieler tat sich Chelsea dann leicht und konnte in der 101. Minute durch den eingewechselten Debütanten Juan Mata noch das schmeichelhafte 3:1 erzielen.

Bosingwas Sturmläufe

Das taktisch auffälligste in diesem Spiel war die extreme offensive Ausrichtung des Rechtsverteidigers von Chelsea, welcher fast wie Dani Alves vom FC Barcelona agierte. Der Portugiese füllte das Loch an der Sechzehnerkante, welches Drogba mit seinen Ausflügen ins Sturmzentrum hinteließ. Torres ließ sich ebenso immer wieder nach halblinks diagonal zurückfallen und durch die aufgerückten zentralen Mittelfeldspieler hatte Chelsea in der gegnerischen Hälfte ein 3-3-4 aufgebaut, welches stark asymmetrisch war.

Ähnlich wie bei dem Prinzip der „zona mista“ beim Catenaccio wollte man den Gegner auf eine bestimmte Seite zwingen, doch in diesem Fall war es nicht die Seite, wo man keinen Verteidiger hatte, sondern die andere Seite. Dies gelang zwar, dennoch wurde öfters der Ball auf der rechten Seite bis ins letzte Drittel des Chelseaspiels gebracht, was diese Taktik Villas-Boas paradoxerweise zu einem Bumerang werden ließ. Bosingwa und Ramires sicherten durch ihre schematische Höhe zwar ihre rechte Seite ab und zwangen den Gegner zu einem Spielaufbau über die andere Seite, wo sich Chelseas Defensive bereits formieren konnte, dennoch hatte dieses eigentlich herausragende taktische Mittel keinen positiven Nutzen für das Chelseaspiel, abgesehen von der offensiven Hilfe Bosingwas.

Verkehrte Spieleröffnung

Villas-Boas' verkehrter Spielaufbau

Interessant war auch, welche Alternative zu einer klassischen Spieleröffnung die Mannschaft von André Villas-Boas an den Tag legte. Hatte das dichte Zentrum Norwichs die Passwege auf Ramires und Lampard zugesperrt, dann würden die beiden die Flucht nach vorne ergreifen, während Terry einen Pass auf Cole spielt (oder auf der rechten Seite Ivanovic mit Bosingwa). Mikel öffnete danach den Raum und Cole zog ins Zentrum, was für Verwirrung im gegnerischen Defensivverbund sorgte und den Außenverteidiger frei in der Mitte agieren ließ. Er konnte nun wählen zwischen einem Pass auf den nun links spielenden Terry oder auf Mikel, je nachdem, wer von der gegnerischen Mannschaft übersehen worden war. Durch Ramires und Lampard in der Tiefe drängte man Norwich zurück und ließ nie Pressing aufkommen, verschaffte sich also Luft im Aufbauspiel und überraschte einige Male mit unorthodoxen Methoden den Gegner, bspw. lief Terry wie ein gelernter Linksverteidiger ungedeckt bis weit in die gegnerische Hälfte.

Ein kleiner, nicht spielentscheidender, aber interessant zu sehender Schachzug des Chelseatrainers.

Fazit

In einem Spiel mit wenigen Highlights und spielerischen Glanzaktionen konnte sich Chelsea zwar mit 3:1 durchsetzen, zufrieden darf man mit dieser Leistung allerdings nicht sein.

Zuhause zeigte man sich gegen eine nominell deutlich schwächere Mannschaft wie Norwich ohne Elan und Kreativität, woran auch die zahlreichen guten taktischen Einfälle Villas-Boas‘ kaum was ändern konnten. Chelseas Trainerteam und Vorstand sollte schleunigst Ausschau halten nach einem kreativen zentralen Spieler, denn obwohl Mata bei seinem Debüt einen hervorragenden Eindruck hinterließ, kann er die Mittelfeldprobleme auch nicht lösen. Ramires und Lampard agieren sehr fleißig, während sich Mikel in der Position des Abräumers überraschend konstant und überzeugend zeigt, dennoch muss man das Mittefeld trotz der eigentlich guten Leistungen dieses Trios umstrukturieren, um gegen die tief stehenden Teams in der englischen League keine wichtigen Punkte im Meisterschaftskampf zu verlieren. Die Blues werden sich überlegen müssen, wie man dieses zentrale Problem lösen kann. Norwich hätte zwar fast ein Unentschieden geholt, wirklich verdient wäre es aber dennoch nicht gewesen, da man sich in der Offensive noch einfallsloser als der Gastgeber zeigte und mit viel Glück den einzigen Treffer für sich verbuchen konnte.

Spielverlagerung wünscht Didier Drogba nach dem unglücklichen Zwischenfall heute gute Besserung und viel Glück.

Tinoforce 10. Oktober 2011 um 17:18

Sehr interessantes taktisches Mittel vom Chelseatrainer. Bitte weiterhin beobachten 🙂

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