Gruppe D: Dark Horse Türkei und riskante USA – HN

Eine extrem offene und kaum abschätzbare Konstellationen bietet sich in Gruppe D. Gastgeber USA geht mit großen Hoffnungen ins Turnier, ebenso der ewige Geheimfavorit Türkei. Dazu kommen mit Paraguay und Australien zwei durchaus konkurrenzfähige Teams mit einer klaren defensiven Ausrichtung. Tatsächlich ist es keine Phrase, dass in dieser Gruppe in jedem Spiel alles möglich ist. Dennoch lassen sich anhand der Qualität der Kader und der taktischen Ausrichtung Rückschlüsse auf die Kräfteverhältnisse ziehen.

Grundformation der USA

Aus der 4-2-3-1-Grundordnung der USA wird in Ballbesitz ein 3-4-2-1 mit Asymmetrie nach links.

USA: Vertical first – Possession second

Die USA haben seit September 2024 einen der angesehensten Trainer im Weltfußball an der Seitenlinie. Mauricio Pochettino setzt wie schon bei Tottenham und Chelsea auf ein 4-2-3-1, das sich im Ballbesitz zu einem 3-4-2-1 (3-2-4-1) wandelt. Linksverteidiger Antonee Robinson schiebt dafür weit vor, rechts lässt sich Freeman in die Dreierkette fallen. Vor der Abwehr sorgt eine klassische Doppelsechs aus einem zentralen Ankerspieler (meist Tyler Adams) und einem abkippenden Aufbauspieler, der in den Halbräumen die Bälle fordert (gg Deutschland im letzten WM-Test Malik Tillman). Unterstützung im Zentrum gibt es vermehrt von Zehner Weston McKennie, der auch eher als Box-to-Box-Spieler agiert, sowie bei hohem gegnerischen Pressing von Christian Pulisic, der sich ausschließlich vertikal in der linken Halbspur bewegt.

Pochettino legt den Fokus ganz klar auf schnelles, vertikales Spiel. Sowohl Tillman, der sich ohnehin eher als offensiver Mittelfeldspieler begreift und dort im Verlauf des Turniers auch eingesetzt werden wird, als auch Pulisic und Folarin Ballogun sind auf technischer und athletischer Ebene dafür prädestiniert. Über Steil-Klatsch-Momente mit anschließenden Tiefenläufen harmonieren vor allem Tillman und Balogun sehr gut miteinander. Der Stürmer von der AS Monaco besticht durch seine Hochgeschwindigkeits-Dribblings mit enger Ballführung, die es ihm ermöglichen, auch selbst mit Ball am Fuß den Verteidiger zu überlaufen. Der Flügel mit Pulisic und Antonee Robinson ist ebenfalls sehr progressiv veranlagt und verleiht dem US-Spiel eine starke Linkslast, die über den rechten Breitengeber Sergino Dest nur bedingt aufgefangen wird. Es fällt jedoch kaum auf, dass Dest oft rechts isoliert auftritt, weil Rechtsverteidiger Freeman situativ aus seiner Rolle in der Dreierkette vorrückt und als Hybrid aus Fullback und breitem Sechser unterstützt. Sowohl Freeman als auch Robinson wird extrem viel Laufarbeit abverlangt, weshalb oft beide im Laufe des Spiels ausgewechselt werden. 

Für mehr Flexibilität und eine offensivere Note hat Pochettino die Möglichkeit, Timothy Weah anstelle von Dest aufzubieten, gleiches gilt auf der anderen Seite für Max Arfsten, der als gelernter Linksaußen inversiver agiert als Robinson. Probleme lassen sich in diesem System vor allem in der Innenverteidigung finden. Kapitän Tim Ream und Miles Robinson halten sich so gut es geht aus dem Spielaufbau heraus. Läuft der Gegner sie hoch an, suchen sie nach einem freien Sechser, da jedoch meist nur Adams für kurze Pässe bereitsteht und die anderen Achter (Tillman, McKennie, Pulisic) höher im Halbraum auf riskantere vertikale Pässe lauern, kommen Ream und Robinson schnell in Bedrängnis. Dann bleibt ihnen nur die Möglichkeit eines ungenauen langen Balls. In Balogun findet sich nicht der richtige Abnehmer dafür. Bis zum WM-Start hofft Pochettino noch auf die Rückkehr des angeschlagenen Chris Richards, der mutiger und progressiver im Aufbau auftritt.

Mutiges bis überstürztes US-Pressing

Ähnlich direkt geht es das US-Team auch gegen den Ball an. Ein 4-3-3-Mittelfeldblock mit Vorliebe für hohes Anlaufen (Mischform aus Mann- und Raumorientierung), soll den Gegner zu schnellem Spiel und Fehlern zwingen – im Idealfall im Mittelfeldzentrum, wo dann der Ball gewonnen werden soll. Anführer des Pressings ist Weston McKennie, der als Halbstürmer fast immer im Sprint die letzte Linie attackiert. Im Test gegen das recht ballsichere deutsche Team ging diese Idee mehrmals gut auf, zwischen der 25. und 45. Minute gab es drei Ballgewinne mit anschließendem schnellen Umschalten und guten (Halb-)Chancen für Pulisic und Ballogun.

Gegen Deutschland wurde jedoch auch klar: Kann sich ein Team dem frontalen Druck (beispielsweise durch Verlagerungen) entziehen, versuchen McKennie, Adams und Co. dennoch weiter nach vorne zu verteidigen. Vor der Abwehr entstehen so schnell große Lücken. In den ersten 25 Minuten gegen Deutschland war dies mehrmals der Fall (siehe Grafik-Galerie).

Auch im Testspiel gegen Ecuador zeigten sich Chancen und Risiken des hohen Verteidigens. Zunächst war das Team in Rückstand geraten, nachdem Sechser Aidan Morris seine Position für einen Ballgewinn aufgegeben hatte und deshalb überspielt wurde. Später entstand durch einen hohen Ballgewinn von Tillman das 1:1.

Da es Pochettino bis Turnierstart kaum schaffen wird, die Grundaggressivität im Pressing auf alle Mannschaftsteile zu übertragen (IVs verteidigen kaum nach vorne, viele Aufdrehmomente für Gegner im Zwischenraum möglich), wird sich die USA wohl auch im Turnierverlauf mit einem intensiven Mittelfeldpressing begnügen. Gegen Paraguay und Australien birgt das situativ hohe Anlaufen weniger große Gefahren als gegen die spielstarke Türkei.

Türkei – endlich zurecht Geheimfavorit?

Die türkische Mannschaft hat sich nach 24 Jahren erstmals wieder für eine WM-Endrunde qualifiziert. Wie üblich strahlt das Team von Vincenzo Montella eine große individuelle Qualität aus und wird wie schon bei der letzten Europameisterschaft als mögliche Turnier-Sensation (vgl. Marokko 2022) gehandelt. Dass an dieser Einschätzung durchaus etwas dran sein könnte, ist vor allem der Leistung von Montella zu verdanken. Der Italiener schaffte das, was vielen türkischen Nationaltrainern vor ihm nicht gelang: Er flößte den hochveranlagten Technikern Pragmatismus und Balance ein – ohne die offensiven Stärken zu stark zu beschränken.

Die mögliche Startaufstellung der Türkei: Ein 4-2-3-1, das oft zum 4-3-3 mutiert.

Die mögliche Startaufstellung der Türkei: Ein 4-2-3-1, das oft zum 4-3-3 mutiert.

Zwar musste die Türkei nach holpriger WM-Qualifikation in die Playoffs, zeigte dort aber bei den Siegen gegen Rumänien und im Kosovo (beide 1:0) klassischen Montella-Ball. Mit dominantem, aber dosiert-riskantem Ballbesitz-Fußball verdiente sich das Team im 4-2-3-1 (4-3-3) zwei knappe Siege, die jedoch über weite Teile des Spiels nicht gefährdet waren.

Noch wichtiger als Güler: Kenan Yıldız als türkischer Unterschiedsspieler

Im Spiel mit dem Ball hat Montella eine sehr große Auswahl an Top-Spielern, die er in sein flexibles System mit drei Achter, zwei klaren Flügeln und einem Mittelstürmer gut implementieren kann. Gesetzt sind Taktgeber Hakan Çalhanoğlu, Kreativspieler Arda Güler sowie Absicherung İsmail Yüksek. Güler kann seine Fähigkeiten im Ballverteilen am besten auf der Zehn im 4-2-3-1 einbringen, Montella setzt ihn gelegentlich auch als zurückfallenden Rechtsaußen ein, damit Orkun Kökçü als weiterer Kombinationsspieler im Zentrum eingesetzt werden kann. In der Grafik ist Barış Alper Yılmaz als Flügelstürmer aufgestellt, da er auch in den meisten Spielen den Vorzug vor Kökçü sowie den Rechtsaußen İrfan Kahveci und Yunus Akgün bekommen hat. Links ist dagegen Kenan Yıldız absolut gesetzt, der im Schatten von Güler der eigentliche offensive Unterschiedsspieler ist. Unterstützt von Linksverteidiger Ferdi Kadıoğlu bilden sie eine der spielstärksten linken Seiten der Weltmeisterschaft und werden jedes Team mit ihrer Spielfreude vor Probleme stellen.

Mit einem Tiefenlauf und perfektem Güler-Pass hebelt Ferdi Kadıoğludie rumänische Abwehr aus.

Mit einem Tiefenlauf und perfektem Güler-Pass hebelt Ferdi Kadıoğlu die rumänische Abwehr aus.

Kadıoğlu hatte das Playoff-Halbfinale gegen Rumänien mit einem perfekt getimten Tiefenlauf entschieden. Eingesetzt von Güler durchbrach der rechtfüßige Linksverteidiger beide rumänische Ketten und schob zum entscheidenden 1:0 ein (siehe Grafik). Je öfter es die Türkei schafft, Yıldız, Güler und Kadıoğlu in direkte Verbindung zu bringen, desto mehr Torgefahr strahlt das gesamte Team aus. Dabei ist auch kein Hinter- oder Vorderlaufen von Kadıoğlu nötig, am liebsten hat es Yıldız, wenn er in isolierte 1vs1/1vs2-Situationen am Flügel geschickt wird und dort auf die Grundlinie durchbrechen kann. So entstanden im Playoff-Finale gegen Kosovo ein halbes Dutzend gefährliche Strafraum-Szenen, von denen Kökçü eine zum 1:0-Siegtreffer nutzte.

Fragezeichen hinter Top-Achse: Yıldız und Kadıoğlu noch nicht fit

Das Problem: Sowohl Yıldız als auch Kadıoğlu sind derzeit noch fraglich für das Auftaktspiel gegen Australien, beide verpassten die letzten beiden WM-Tests gegen Nordmazedonien und Venezuela. Sollten beide ersetzt werden müssen (Elmalı als LV, Yilmaz als LA), würde sich der Fokus vom linken auf den rechten Flügel verlagern. Dort spielt Co-Kapitän Zeki Çelik, der mit gutem Timing, hoher Dynamik und zahlreichen Tiefenläufen ebenfalls linienbrechendes Potenzial als Rechtsverteidiger mitbringt. Sein Fokus liegt jedoch eher auf Hereingaben von außen, Kadıoğlu schiebt in die letzte Verteidigungslinie des Gegners hinein und agiert dort als Destabilisator.

Die Türkei wird es höchstwahrscheinlich gegen Paraguay mit einem tiefstehenden Team zu tun haben. Hier offenbarten sich in den Playoffs Probleme, weil es der Türkei ähnlich wie bei den USA an einem spielstarken, progressiv denkenden Innenverteidiger mangelt. Über Çalhanoğlu, Yüksek und Güler ist das Mittelfeld sehr ballsicher, das Spiel wird immer wieder gut verlagert, in die Breite gezogen und der Gegner nach hinten gedrängt. 

Der linke Innenverteidiger Bardakcı stellt sich hierbei oft als Störfaktor heraus, da sein Spiel nach vorne eher eindimensional und auf Sicherheit bedacht ist. Generell fehlen tiefe Laufwege von Güler oder Çalhanoğlu, die sich als Playmaker verstehen. So sind vertikale oder diagonale flache Schnittstellenbälle auf Mittelstürmer Kerem Aktürkoğlu selten, bei der WM ist deshalb die Anwesenheit des permanent hoch eingerückten Kadıoğlu umso wichtiger. Den von außen eindribbelnden Flügelspielern bleiben aufgrund mangelnder Boxbesetzung meist nur die flache Hereingabe in den Rückraum oder der eigene Abschluss.

Türkeis Pressing: Vorsicht statt Nachteil

Hat sich die türkische Nationalmannschaft in der Vergangenheit noch durch hohe Intensität gegen den Ball und teils riskantes Herausrücken ausgezeichnet, ist Montella auch hier ein Freund von Maß und Mitte. Sein Team lässt der Italiener meist aus einem mittleren und sehr flexiblen 4-1-4-1 heraus agieren. Heißt: Yüksek bewacht die Zwischenräume, während Güler und Çalhanoğlu sich zu den gegnerischen Sechsern orientieren. Davor arbeitet Aktürkoğlu meist in alleiniger Mission zwischen den Innenverteidigern und wird situativ vom jeweiligen Außenspieler unterstützt.

Dabei entsteht wenig Druck auf den ballführenden Aufbauspieler, stattdessen wird die Zone davor extrem verdichtet. Beim Zustellen von gegnerischen Abstößen wird aus dem 4-1-4-1 schnell ein 4-3-3, wenn die Außenspieler bis an den Strafraun vorschieben, die Achter und Innenverteidiger sind beim Nach-Vorne-Verteidigen jedoch eher zaghaft als konsequent, weshalb hohe Ballgewinne eher eine Seltenheit im türkischen Spiel darstellen. Bei Ballverlusten offenbart das Team Schwächen in der Rückwärtsbewegung, da die Spielmacher im eigenen Ballbesitz sich recht breit aufstellen und Yüksek öfter alleine bei der Verteidigung der Tiefe gelassen wird. Gegen die USA, die auf solche Situationen lauert, könnte es hier sehr brenzlig werden. 

Paraguay bangt um Topspieler Enciso

Das bereits erwähnte Paraguay hat ein ähnliches, wenngleich deutlich drastischeres Personalproblem vor dem Start der Weltmeisterschaft. Julio Enciso, der Star und offensive Motor der Albirroja, verletzte sich bei der WM-Generalprobe gegen Nicaragua am Oberschenkel und musste unter Tränen vom Platz getragen werden. Seine Ausfallzeit wird auf zwei bis drei Wochen geschätzt. Das heißt, Enciso wird wahrscheinlich die gesamte Vorrunde verpassen, einen ansatzweise vergleichbaren Ersatz hat Trainer Gustavo Alfaro nicht zur Verfügung.

Encisos Bedeutung zeigte sich deutlich in der WM-Qualifikation: In den ersten sechs Partien, in denen der offensive Mittelfeldspieler von Racing Straßburg verletzt fehlte, gab es nur einen Sieg, in den darauffolgenden neun Spielen mit dem 22-Jährigen blieb Paraguay ungeschlagen und gewann unter anderem gegen Brasilien und Argentinien. Mit drei Toren und zwei Vorlagen in zehn Einsätzen war er der Topscorer in einer von defensiver Kompaktheit geprägten Mannschaft.

Auf den Spuren der indigenen Guarani

In einem 4-4-2 im tiefen Block lässt Paraguay wenig Raum für Kreativität und Aufregung beim Gegner zu. Die Abstände werden sowohl horizontal als auch vertikal stark verdichtet (30 m breit / 25 m tief), bedingungsloses Verschieben und Absichern ist Kern des paraguayischen Verteidigens. Vom Team wird im Gesamtverbund extrem große Widerstands- und Leidensfähigkeit verlangt. In Paraguay hat dieser Spielstil so viel Tradition, dass sich sogar ein Begriff dafür etabliert hat: “La Garra Guaraní” (Die Guaraní-Kralle). 

Mit Kapitän Gustavo Gómez und Omar Alderete verfügt Paraguay über eine der kopfball- und zweikampfstärksten Innenverteidigungen des Turniers. Ein Spiel, das den Gegner auf den Flügel und dort zu Flanken lenkt, kommt dem Duo sehr entgegen. Vor der Abwehr hat Paraguay mit Diego Gómez einen weiteren zweikampfstarken Abräumer auf internationalem Niveau zur Verfügung, der darüber hinaus in der Premier League durch progressive Läufe und linienbrechende Pässe sowie seine ungeheure Torgefahr im und am Strafraum bekannt ist (zehn Pflichtspieltore für Brighton 25/26).

Davon abgesehen ist die Qualität im restlichen Kader von Paraguay überschaubar, weshalb der kämpferische Spielstil fast alternativlos erscheint. Auch im Spiel mit dem Ball wird auf Kampfgeist und Einsatz im 4-4-2 gepocht, lange Bälle von Torhüter Orlando Gill auf einen Mittelstürmer (wahrscheinlich Antonio Sanabria) und der Kampf um die zweiten Bälle ist das Mittel der Wahl, um das Spiel möglichst schnell möglichst weit in die gegnerische Hälfte zu verlagern. Auch Einwürfe und Freistöße werden aus allen Lagen in Richtung Strafraum befördert und auch im Umschaltspiel wird das Mittelfeld schnell überbrückt. Sollte Enciso in der Vorrunde komplett ausfallen, wird dem erfahrenen Rechtsaußen Miguel Almirón die Aufgabe zufallen, aus diesen Situationen für Gefahr zu sorgen.

Australiens unangenehme Fünferkette

Auch die Socceroos aus Australien zeichnen sich durch einen laufintensiven Fußball im engen Mittelfeldblock aus. Unter Trainer Tony Popovic schlugen sie unter anderem Japan und Saudi-Arabien in der WM-Qualifikation dank defensiver Kompaktheit, extremer Laufbereitschaft, schnellem Flügelspiel über Ex-Bayern-Talent Nestory Irankunda sowie gefährlichen Standardsituationen. Zentraler Punkt für die Kopfballstärke, aber auch ein durchaus mutiges vertikal-flaches Herausspielen ist der fast zwei Meter große Kapitän Harry Souttar. Der Innenverteidiger leitet die Dreierkette mit dem jungen Alessandro Circati (22) und dem noch jüngeren Lucas Herrington (18) an. Auf den Außenbahnen gesellen sich gegen spielerisch dominante Gegner links Jordan Bos und rechts Jacob Italiano in die Fünferkette hinzu. Diese Kette erscheint auf der horizontalen Ebene sehr dicht, in der vertikalen Dimension aber anfällig. Die Schweiz konnte im letzten Testspiel vor der WM mit dem pfeilschnellen Dan Ndoye offenlegen, wie schwer sich die hoch aufgeschossenen Innenverteidiger mit gegnerischen Tiefenläufen tun.

Auffällig war außerdem, dass das auf dem Papier passiv anmutende 5-4-1, das im höheren Anlaufen zum 5-3-2 wird, meist in einem engen Mittelfeldblock (40 bis 60 m vor dem Tor) mündet. Die Fünferkette schiebt sehr weit raus, das Sturmduo (MS plus ein Halbstürmer) macht vorne jedoch meist nur zögerlich Druck auf den ballführenden Spieler. Dadurch besteht konstant die Gefahr, durch Chipbälle in die Tiefe ausgehebelt zu werden. Die hohe Grundposition der Fünferkette bietet zwar gute Voraussetzung, um auf die Aufbaulinie des Gegners (bis zum Torhüter) herauszurücken. Durch das frontale Anlaufen war es der Schweiz jedoch mehrmals leicht möglich, über dritte Spieler dem Druck der Aussies zu entfliehen. Im tiefen Abwehrblock, den Australien meist mit laufender Spielzeit einnimmt, wird die Breite und Tiefe dann konsequenter verteidigt, auch hier kommt sehr viel Arbeit beim Verschieben auf die Australier zu. Die meisten Spieler sind an diese Belastung im Nationalteam bereits gewöhnt und werden dies zumindest in der Frühphase des Turniers diszipliniert durchziehen können.

Im Ballbesitz bietet sich dann die bereits angesprochene klassische Dreierkette mit zwei sehr starr positionierten Sechsern davor (3-4-2-1). Die IVs sind darum bemüht, möglichst einfach und direkt tiefe Anspielstationen zu finden, sehr gerne wird dabei zunächst nach dem linken Halbstürmer Irankunda geschaut, der sich deutlich mehr am Flügel aufhält als sein Pendant auf der anderen Seite (Volpato/Metcalfe). Der 20 Jahre alte Dribbler sucht dank seines starken Antritts fast immer die Flucht nach vorne, wenn er den Ball bekommt, offenbart dabei aber technische Unsauberkeiten. Mit Tete Yengi und Mohamed Touré hat Australien zwei klassische Mittelstürmer zur Auswahl, die sich jedoch oft alleine auf weiter Flur befinden und sich beide unter Gegnerdruck bei der Verarbeitung der flachen (oder hohen) Pässe schwer tun. Das Ablagespiel mit Irankunda, Metcalfe oder Volpato, das vor allem von Souttars präzisen Flachpässen ins Zentrum angekurbelt wird, hakt dadurch. Die Breite wird fast ausschließlich von den Schienenspielern gegeben, deren Stärken beim Flanken zum Tragen kommen sollen.

Prognose: Große Spannung – Nuancen entscheiden

Die Türkei wirkt erstaunlich gefestigt, muss sich aber (wie so oft) erst einmal auf der großen Bühne und mit dem Druck aus der Heimat selbst beweisen, dass das Team kühlen Kopf bewahren kann. Ähnliches gilt für die USA, die jedoch umgekehrt auch auf den zusätzlichen Push einer wachsenden Fußballfan-Gemeinde im eigenen Land hofft. Im direkten Duell sehe ich die Türkei aufgrund der individuellen Qualität (wenn Yıldız und Kadıoğlu rechtzeitig fit werden) und gruppentaktischen Sicherheit minimal vorne. Die Duelle mit Paraguay und Australien werden jedoch für beide „Favoriten“ keine Selbstläufer. Australien greift auf ein sehr eingespieltes Grundsystem zurück, das Schwächen hat, dass es aber auch erst einmal zu bespielen gilt. Und Paraguay hat zumindest seinen unerschöpflichen Kampfgeist einzubringen – im letzten entscheidenden Gruppenspiel gegen Australien dann vielleicht auch wieder Unterschiedsspieler Enciso.

Autor: HN ist Sportjournalist mit einem Faible für andribbelnde Inneverteidiger und schwerer Abneigung gegen Halbfeldflanken. Mittlerweile nur noch über Instagram @hannes_ne zu finden.

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