Achter-Festspiele im U19-Pokalfinale – MX
Körperlich starke Stuttgarter machen es dem VfL Wolfsburg von Beginn an schwer und recken am Ende den Pokal verdient in die Höhe. Wie kam es dazu?
Das kleine Pokalfinale fand am Freitag zwischen der U19 des VfL Wolfsburg und der des VfB Stuttgart statt. Während die Wolfsburger in der Bundesliga die Hauptrunde der Liga A auf Platz 1 beendeten, aber gegen Paderborn im Halbfinale der Endrunde ausschieden, verpasste der VfB diese knapp. Gerade die Wolfsburger galten schon seit Saisonbeginn als einer der interessantesten Teams dieser Ebene unter dem späteren
Interimstrainer der Profis Daniel Bauer. Neuer Trainer Niklas Bräuer führte dabei den Weg fort und ist mit 26 Jahren einer der jüngsten und interessantesten Trainer der U19-Bundesliga – in der Szene bereits als Co-Trainer von Tobias Nubbenmeyer (Deutscher Juniorenmeister mit Hoffenheim 24/25) bekannt geworden. Sie starteten in einer 4-2-3-1-Grundformation in die Partie. Dem gegenüber stand Tobias Rathgeb, der im Sommer von Nico Willig übernahm und seine Elf in Babelsberg in einer 4-4-2-Grundformation starten ließ.
Stuttgart isoliert die Breite
Früh war die Partie von einigen Rückpässen geprägt und wenig vertikalem Spiel nach vorne. Durchaus spürbar war in den ersten Minuten die Nervosität der Jugendspieler; gerade die Wolfsburger Achter Furtado Brito und Hensel suchten den Rückpassweg auf Torspieler Zielinski und Wolfsburg formierte sich, statt das direkte Konterspiel auf Restangreifer John im Zentrum zu suchen, der sich schon früh auch zwischen den Linien für direktes Vertikalspiel anbot. Folglich aus dem 2-4-1-3-tiefen Aufbauspiel gegen das 4-4-2-Angriffspressing der Stuttgarter.
Die Wölfe waren dabei darauf bedacht, das Spiel gerade in der ersten Aufbaulinie mit den Innenverteidigern und auch mit den Außenverteidigern extrem in die Breite zu ziehen. Nichtsdestotrotz isolierten die Stuttgarter die Passwege zwischen den Innenverteidigern mittels Bogenläufen der Stürmer Redzepi und Tsigkas, die ihre Ausgangsposition im Anlaufen gut an die Breite des Gegners anpassten. Interessant war dabei vor allem der Stopppunkt im Bogenlauf; diesen setzten die Stürmer nämlich so, dass der Diagonalpass von Torspieler Hellstern auf die Außenverteidiger isoliert wurde. Ein Durchpressen suchten die Stürmer demnach auf den Torspieler nicht – Stuttgart wollte vielmehr das Spiel in die extreme Breite der Grün-Weißen unterbinden. Anders als in den Spielen davor sah man so wenige pressingbrechende Pässe Wolfsburgs flach in der ersten Aufbaulinie.
Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch die Grundposition der Flügelspieler Stuttgarts, welche durch diese Isolation der Breite deutlich enger agieren konnten. So entstand gegen die Abkippbewegungen in den Halbraum von Wolfsburgs Zehner Soylu permanent eine 2-gegen-1-Situation mit dem eng herausverteidigenden Innenverteidiger Knezevic, sodass Torspieler Zielinski den Diagonalpassweg auf den diagonal zwischen den Linien abkippenden Zehner nicht suchen konnte.
Zu Anfang der Partie sah man aus dem 4-4-2 zwar grundsätzlich eine mannorientierte Basis Stuttgarts im Zentrum, die Achter Catovic und Spalt nahmen jedoch eine lose Grundposition in der Deckung gegen die tief agierenden Gegenspieler Brito und Hensel im Wolfsburger Zentrum ein, um den Raum vor der Verteidigungslinie gegen etwaige lange Bälle Wolfsburgs abzusichern. Dennoch suchten die Wolfsburger zunächst vor allem lange Bälle auf den tief in den Rücken des aufgeschobenen Knezevic durchschiebenden Stürmer John.
Zwar ist John mit 1,98 m rund 10 cm größer als Gegenspieler Agizkara, jedoch mangelte es dem Stürmer in diesem Spiel an Verständnis für die Flugbahn des Balles. John versuchte, sich durch eine schnelle Ruckbewegung vom eng klammernden Agizkara zu lösen, verlor dabei jedoch die optimale Position in der Flugkurve des Balles für den Absprung und erreichte diesen dementsprechend nicht mit vollen Umfang, sodass sich der türkische Innenverteidiger mit relativ einfachem Körpereinsatz mit den Armen gegen den Stürmer durchsetzen konnte und der Ball über den Stürmer „hinwegflog“. Die tiefen zentralen Mittelfeldspieler sicherten darüber hinaus mehrmals zweite Bälle ab – lobenswert war insgesamt das direkte ballnahe Drehen, wodurch man sich nach der Änderung der Spielrichtung durch den langen Ball zusätzliche Antrittsvorteile gegenüber den direkten Gegenspielern erarbeitete.
Achter, das Zündlein an der Waage
Andererseits folgten auch aus der Angriffslinie kaum aktive ballnahe Abkippbewegungen zum Ball, um etwa Ablagenspiel zu initiieren, und zudem zeigten auch die dribblingstarken Innenverteidiger keine aktiven Bewegungen im potenziellen Spielen & Gehen zum Belaufen des prinzipiell anfälligen Stuttgarter Zentrums, sondern standen im Deckungsschatten der Stuttgarter Stürmer. Wolfsburg fehlte also die allgemeine Aktivität aus den großen positionellen Abständen des 2-4-4 um den Ball. Den individuellen Dynamikvorteil durch das Aufdrehen konnte der Niederländer so kaum nutzen und geriet gegen den anpressenden Catovic unter großen Zugzwang.
Zu Mitte der ersten Halbzeit rotierten dann die Achter Brito und Hensel zunehmend, wobei Hensel zwar grundsätzlich im Dribbling aus dem Abkippen zwischen die Innenverteidiger etwas weniger Qualität als Brito hat, konnte man über ihn tatsächlich temporär gegen den Doppelsturm Stuttgarts Überzahl schaffen und die Manndeckung Stuttgarts zeitweise aushebeln. Das lag nämlich vor allem am Einrücken von Linksverteidiger Dittrich ins Zentrum, wodurch dieser rechten Achter Spalt band und demnach dieser nicht Hensel in die erste Aufbaulinie folgte. Auch Rechtsaußen Zezelj verpasste zunächst das Aufrücken in die erste Pressinglinie, sodass situativ ein 3-gegen-2 gegen den Doppelsturm Stuttgarts entstand.
Darüber brachte Hensel mehrmals die Innenverteidiger Wolfsburgs im Halbraum ins Andribbeln, und über deren Vertikalpässe profitierte vor allem Zehner Soylu. Gegen den beweglichen Zehner der Wölfe tat sich situativ dabei Innenverteidiger Knezevic schwer im Verfolgen der Tiefenläufe. Aus der tiefen Grundposition schob Soylu im Bogen in die Tiefe durch; Knezevic hatte im Bewegungskomplex dabei Probleme bei der Aufnahme der Läufe. Sodass Soylu entweder auf den im Zentrum durchschiebenden Dittrich durchlegte oder selbst das Dribbling in die Tiefe suchen konnte.
Gerade im 1-gegen-1 vor Keeper Hellstern fand man bislang aber keine Lösungen, der insgesamt ein sehr hohes Verständnis zur Verkleinerung des Schusswinkels im 1-gegen-1 über die gebeugte Grundstellung im Herauslaufen aufzeigte und in der schweren Phase die Null hielt. Erwähnenswert ist dabei auch ballferner Rechtsverteidiger Janjic, welcher bei Durchbrüchen auf der linken Seite direkt ins Zentrum einrückte und so bei etwaigen Durchbrüchen Soylus bzw. Dittrichs diese durch seine enorme Qualität im Finden des Timings im Tackling vom Tor abdrängen konnte.
Beide Teams passten sich daraufhin zur Mitte des Spiels an, die Achter Wolfsburgs kippten nun statt zentral vornehmlich diagonal in den Halbraum neben die Innenverteidiger ab, was es Stuttgart jedoch erleichterte, diese durch die Flügelspieler zu übernehmen, während die eingerückten Außenverteidiger an die Achter übergeben wurden. Gegen die sauberen Übergaben Stuttgarts schuf Wolfsburg nun kaum mehr Überzahlsituationen über das Abkippen der Achter. Zwar konnte man über den Dreieraufbau die abkippenden Flügelspieler Katz und Mandity mehrmals breit im isolierten 1-gegen-1 anspielen, diese konnten aber kaum Akzente im Aufdrehen gegen die direkt herausverteidigenden Außenverteidiger Stuttgarts setzen und es Wolfsburg so weiter flach kaum Tiefe fand; durch die tiefen zentralen Spieler Wolfsburgs fehlte ihnen zudem die direkte Ablageoption, um sich aus dem Druck im Rücken zu lösen.
Vielmehr verlor man bei Anspiel von Achter Brito in der 21. Minute den Ball an Stuttgarts Spalt; der Konter über Rechtsaußen Zezelj endete dabei durch Einschieben von Stürmer Redzepi mit dem Führungstreffer für Stuttgart. Das nun diagonale Auskippen der Achter Wolfsburgs nahm ihnen gleichzeitig nach Ballverlusten das doppelt besetzte Zentrum vor der Verteidigungslinie in der Restverteidigung, die sich direkt bei Ballverlust fallen ließ, und dadurch fehlte die unmittelbare Gegenpressingpräsenz bei Ballverlusten im Zentrum sowie die Absicherung des Rückraums in der Box, welcher dadurch extrem anfällig für Flanken wurde. So konnte man auch Spalt nicht am Andribbeln bzw. Bespielen des Flügels hindern. Direkt nach dem Gegentreffer folgten weitere Konter der Stuttgarter nach Ballgewinnen und Umschalten über das Zentrum.
VfB sucht Kontrolle, VfL sucht Dynamik
Nach 30 Minuten erzielten die Cannstätter aus einem Freistoß aus halblinker Position, der gefährlich vor Keeper Zielinski getreten wurde und durchrutschte, das 2:0. Danach war eine deutliche Erleichterung auf Seiten der Stuttgarter und Ernüchterung der Wolfsburger in Gestik und Körperhaltung zu erkennen; folglich sank auch das Spieltempo fortan bis zur Halbzeitpause. Bei den Stuttgartern zeigte sich das vor allem in einer nun tieferen, mit weniger Antritt und dadurch geringerer Intensität versehenen Pressingauslösung sowie dem häufigeren Positionieren im 4-4-2-Mittelfeldpressing. Der Fokus lag fortan noch stärker auf dem Halten der zentralen Deckungen sowie den geordneten Übergaben der breiten Rotationen Wolfsburgs. Das Mittelfeldpressing ist hier durchaus eine sinnvolle Variante, weil der Raum zwischen den Linien und dadurch auch der Übergabeweg zwischen Verteidigung und Mittelfeld geringer ist.
Vereinzelt gab es zwar Probleme bei Übergaben in der Verteidigungslinie zwischen Innen- und Außenverteidigern beim Einrücken der Wolfsburger Flügelspieler in den Halbraum. Innenverteidiger Knezevic und Agizkara sprangen nämlich nicht direkt in den Zwischenlinienraum und übernahmen die Flügelspieler dadurch zu indirekt, sodass vereinzelt Mandity und Katz halbräumig aufdrehen konnten. Allerdings fehlte jenen weiterhin die direkte Ablage- oder Tiefenoption, sodass die Innenverteidiger sie mehrfach am Vorwärtsspiel hinderten. Insgesamt agierte gerade Stürmer John bei Wolfsburg deutlich zu statisch zentrumsorientiert – wohl auch aufgrund des Fokus auf lange Bälle – und dadurch agierten die Flügelspieler auch zwischen den Linien zu isoliert.
Knezevic ging auch beim Verfolgen der tiefen Position von Zehner Soylu deutlich weniger eng und direkt als zu Beginn mit; dem Zehner fehlte jedoch die Sauberkeit und demnach auch das Tempo im Aufdrehen zwischen den Linien, sodass er meist vom ausrückenden Achter Catovic oder einrückenden Durna übernommen und attackiert werden konnte. Dem Zehner fehlte dabei insgesamt das Timing und Gegenspielerverständnis durch zu wenige Schulterblicke im Abkippen, sodass er deutlich zu spät feststellte, dass Knezevic ihm nicht eng folgte und sich dadurch zu weit in die Gegnerballung hinein absetzte und es so den Stuttgartern erst ermöglichte, dass er übernommen wurde.
So konnte er kaum Dribblings nach vorne ansetzen und den vergrößerten Abstand zum eigentlichen direkten Gegenspieler nicht nutzen. Vielmehr doppelte Stuttgarts Innenverteidigung fortan Stürmer John in der Grundstellung – was sich gerade bei den vielen langen Bällen zu Ende der ersten Hälfte wieder für die Stuttgarter auszahlte, während der Zielspieler weiterhin große Probleme in der Luft hatte.
Die Krux des Abkippens
Kontrollgefährdend für die führenden Stuttgarter wirkte aber gerade gegen Ende der ersten Halbzeit das eigene Aufbauspiel aus dem 2-4-4 heraus gegen das 4-4-2 der Wölfe, wobei sich dies durch einen raumorientierten Sechser Hensel und später Brito vor der Verteidigungslinie zunehmend zu einem 4-1-3-2 im Angriffspressing entwickelte. Insgesamt erwies sich das auch als eine spannende Systemwahl; gerade die diagonalen Pressingwinkel der Stürmer auf die breiten Innenverteidiger Stuttgarts hatten zur Folge, dass man die Passwege diagonal ins Zentrum unterband und darüber eine nominelle Unterzahl im Zentrum ausglich, während der ballferne Flügelspieler lediglich einrückte. Ähnlich zu den Grün-Weißen zog auch Stuttgart das Spiel daraus extrem in die Breite und versuchte dabei, über enge und tiefe Achter Catovic und Spalt die gegnerischen Zentrumsspieler dort zu binden und die Halbräume zu öffnen, welche man über diagonal abkippende Flügelspieler nachbesetzte.
Wolfsburg zeigte sich auf dieses Grundmuster der Cannstätter vorbereitet, und die Flügelspieler Mandity und Katz agierten beim Ballbesitz der Innenverteidiger in der Grundposition im Halbraum und isolierten dadurch die Vertikalpasswege auf die Flügelspieler Stuttgarts. Um sich daraus zu befreien, mussten diese demnach deutlich weiter abkippen und bewegten sich dadurch mehrmals in den Zugriffsbereich von raumsichernden Sechser Hensel, wodurch immer wieder 1-gegen-2-Situationen für die Flügelspieler im Halbraum und demnach einige Ballverluste entstanden.
Fazit
MX machte sich in Regensburg mit seiner Vorliebe für die Verübersachlichung des Spiels einen Namen. Dabei flirtete er mit der Schule des Konterfußballs, blieb aber heimlich immer ein Romantiker für Guardiolas Fußballkunst.






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