Bayerns Tempo, Leverkusens Mitte, Schalkes Selbstfindung | Bundesliga-Spieltage 1-2

Die Bundesliga ist zurück, bewerten wir also die Auftritte von drei Teams zu Beginn der Saison. Bayern München spielt ultraschnell, Leverkusen fehlt die Dominanz zentral und Schalke braucht noch ein bisschen Zeit.

Joakina 22. September 2022 um 10:19

Danke an Koom und die Folgenden für euren interessanten Input. Bin sehr gespannt, wie Nagelsmann mit der Situation umgeht.

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Koom 20. September 2022 um 17:14

Um die verehrten Mitkommentierer zu triggern: FC Bayern, quo Vadis? 🙂

Die Presse – scheinbar wohl auch durchaus gestützt von Brazzo, Kahn und/oder Hoeneß schießt sich ja langsam darauf ein, dass Nagelsmann den Kader überfordert oder gar nicht mehr erreicht. Man geht sogar dazu über zu behaupten, dass Nagelsmann Lewandowski nicht mehr haben wollte.

Um mal die Diskussion zu starten: Ein bisserl wirkt das wie mit Guardiola: Etwas zu sehr fasziniert von der eigenen Genialität hat man den Kader nicht ganz mitgenommen. Und eine Mischung aus massivem Pech (Torausbeute) sorgt dann dafür, dass plötzlich der Glaube fehlt. Letztlich sollte das recht leicht in den Griff bringen lassen. Lewandowski wird durchaus schon fehlen, weil Mane ohne Zweifel vom Status ein ebenbürtiger Kicker ist, aber nicht von der Position/Spielweise. Viele Mane-Tore fielen eher aus Kontersituationen, die für Liverpool typisch sind, während Lewandowski doch sehr viel gegen eine stehende Abwehr scoren konnte.

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AG 20. September 2022 um 22:21

Aber gerne doch 🙂

Erstmal eine einfache Sache: Mané ist ein fantastischer Kicker, und ich fand ihn schon bei Liverpool immer klasse. Nichtsdestotrotz ist Lewandowski als Stürmer einfach unglaublich gut und konsistent. Seit Jahren reisst der unglaubliche Minuten ab und liefert dazu npxG+xA von rund 1 pro Spiel! Mané erreicht im Schnitt über die letzten Jahre „nur“ 2/3 – kein Wunder, wenn dann weniger über die Saison zusammenkommt.

Ansonsten Bayern: die Mannschaft ist definitiv immer noch krass gut, und teilweise auch elektrisierend beim zuschauen. Sie werden auch Meister, da lege ich mich mal fest (+1,6 xG/Spiel >> Rest der Liga). Mir kommt es so vor, dass das das durch die wahnsinnige Offensive kommt, und sie lassen doch etwas zu, zumindest in den letzen Spielen. Vielleicht sind zur Bewertung 7 BuLi-Spiele nicht genug, denn im Schnitt ist die Defensive doch besser als die letzten Jahre (xG gegen sie rund 0,9 pro Spiel). Schauen wir vielleicht doch noch ein bisschen, gerade in der Champions League. Und was den Vergleich zu Guardiola angeht: der war doch letztlich einige Jahre Trainer der Bayern 😀

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Koom 26. September 2022 um 10:02

Danke für den Beleg in Zahlen. Deswegen auch meine Nennung von „massivem Pech“, denn grundsätzlich spielen sie schon gut. Aber so ein bisserl wie bei Dortmund fehlt da in der Offensive der Knipser. Entweder, um mehr Räume für die Kollegen zu machen oder um selbst einzulochen. Sowohl Bayern als auch BVB können sehr cool in den Strafraum spielen, aber die Ausbeute ist da erstaunlich schlecht.

Das kann alles eine Phase sein, potentiell kann natürlich auch der Eindruck von Zusammenschnitten täuschen, denn in einem 10 Minuten Video kann man fast jeden Abstiegskandidaten wie Barca zur Hochphase darstellen.

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tobit 20. September 2022 um 22:37

Naja, man kann ja schlecht Lewy die Schuld geben, den kann man ja nicht mehr feuern (und das Bernat-Fiasko wird man wohl auch noch nicht vergessen haben). Mané ist auch raus, für den feiert man sich zu sehr (und zu Recht). Die restlichen Offensiven sind wer sie die letzten Jahre auch waren, können also an der Veränderung nicht Schuld sein. Bleibt noch Nagelsmann oder Brazzo. Einer davon ist ein Laptoptrainer, also ist die Stoßrichtung klar.

Nagelsmann ist sicherlich nicht unbedingt unglücklich gewesen, nicht mehr alles auf Lewy ausrichten zu müssen. Problem ist, der Kader ist massiv an diesen Fixpunkt gewöhnt. Nicht umsonst hat kein Post-Pep Trainer es geschafft, ihn auch nur ab und zu zur Schonung rauszunehmen, weil es immer sofort zu schlechteren Ergebnissen geführt hat.
Das liegt meiner Meinung nicht an seinen unbestrittenen Torjägerqualitäten, sondern daran, dass er DER offensive Spielmacher der Bayern war. Jeder Angriff lief schon weit vor dem Strafraum über ihn, er war DIE Anspielstation für vertikale Pässe durch das gegnerische Mittelfeld. Außerdem sind seine Anschlussaktionen nach diesen Anspielen ganz andere als beim Rest des Kaders (Mané kann ein bisschen Lewy-„light“, aber halt nicht auf Lewy-Level und physisch sehr anders gelagert), der viel direkter die Drehung und Attacke der Abwehrlinie sucht als Lewy das tat. Lewy war nach Guardiola oft der Schlüssel, um sich im gegnerischen Drittel festzusetzen und so lange die Kontrolle (und Geduld) zu behalten, bis sich eine wirklich gute Chance für ihn ergab.
Es gibt finde ich ein paar Parallelen zu Dortmunds Post-Lewy Absturz. Da war der Versuch ja auch, einfach ohne einen offensiven „Beruhiger“ weiterzumachen und stattdessen auf direktere Spieler zu setzen und die dann massives Abschlusspech hatten. Da kamen natürlich noch etliche andere Faktoren dazu (z.B. Shinji und die daraus folgende Abkehr von allen formativen Schwerpunkten der Vorbereitung). Einen solchen Beruhiger hat Nagelsmann aber eingentlich immer aufgestellt, egal ob das ein physischer Wandstürmer (Wagner, Poulsen) oder ein Techniker (Kramaric, Olmo) war. Vielleicht hat er da jetzt das Potenzial seiner Spieler (Mané, Musiala, Sané) für diese Rolle überschätzt, oder es braucht einfach ein bisschen, sich von Jahrelanger Gewöhnung an einen der besten Spieler aller Zeiten zu lösen.

Disclaimer: Ich finde 4-2-4-0 ohne festen Wandstürmer konzeptionell einfach cool und Lewy brutal langweilig (er ist trotzdem unter den 3 besten Bundesligaspielern mindestens dieses Jahrhunderts). Ich bin hier also in keinster Weise ein neutraler Beobachter.

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Koom 22. September 2022 um 11:19

> Disclaimer: Ich finde 4-2-4-0 ohne festen Wandstürmer konzeptionell einfach cool und Lewy brutal langweilig (er ist trotzdem unter den 3 besten Bundesligaspielern mindestens dieses Jahrhunderts). Ich bin hier also in keinster Weise ein neutraler Beobachter.

Lewandowski ist ein bisserl wie Messi (einst war): Ein Cheat. Er ermöglicht dir Dinge, die im Grunde nur mit ihm gehen, weil er sehr viele Probleme lösen kann mit seinen Talenten. Und das konsistent in jedem Spiel. Das macht es taktisch natürlich auch ein Stück weit uninteressanter. Persönlich finde ich es auch spannender, wenn ein Team von einer Mannschaftsleistung lebt – vergleichsweise eben Liverpool, deren Ansatz sehr viel weniger auf einen einzelnen Spieler setzt (und das trotz solcher Leute wie Salah, Thiago & co.).

Zurück zum FCB: Würde mich da auch anschließen, dass das ein bisserl Umbruch/Entwöhnung ist. Es ist ja auch nicht so, dass der FCB schlecht spielen würde. Es ist momentan vielleicht nen Ticken weniger zwingend, wodurch gerade starke Individualisten wie Sane und Musiala vergleichsweise mehr glänzen als jemand wie Müller, der eine gute Struktur braucht. Auch hier: Erinnert an den BVB. Auch dort glänzen in den letzten Jahren immer die starken Individualisten, die um gut auszusehen keine Nebenspieler brauchen. Haaland, oder Bellingham.

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Daniel 21. September 2022 um 00:58

Na, wenn man getriggert wird antwortet man am Besten mit einer steilen These 😉 Meine ist: Bayerns momentane (Ergebnis)Krise liegt nicht primär am Fehlen von Lewandowski. Chancenwucher vorne und hinten teilweise amateurhafte Fehler: das gab es auch schon in den letzten Jahren mit Lewy oft genug zu bestaunen. Lustigerweise hat er das selbst ja auch vergangene Woche in München gezeigt: auch Lewandowski versiebt hin und wieder die ein oder andere Chance zu viel und in Spielen gegen „große“ Gegner war er im Bayerntrikot nur selten der entscheidende Mann-und auch nicht gegen Bayern. Was natürlich nicht heißen soll, dass Lewandowski Bayern nicht massiv helfen würde, natürlich würde er das. Vor allem wegen seinen von tobit angesprochenen Aufgaben in der Entwicklung eines Angriffs.

Nagelsmann’s Hauptproblem liegt-und das tat es meines Erachtens auch schon letzte Saison-im Fehlen einer konsistenten Defensividee. Flick hat versucht, sämtliche gegnerischen Angriffe durch extrem hohes Pressing im Keim zu ersticken. Davon ist Nagelsmann deutlich abgewichen, Bayern steht gegen den Ball deutlich tiefer und versucht nur noch selten, hohe Ballgewinne zu erzwingen. Mir persönlich hat Flick’s Spielweise mehr zugesagt, aber darum soll es erstmal nicht gehen. Fest steht: wenn ich den Gegner in Ruhe aufbauen lasse kommt dieser öfter zum kontrollierten Aufbau von Angriffen und ich selbst bekomme deutlich seltener Ballgewinne in gefährlichen Zonen. Die damit verbundenen Risiken und Nebenwirkungen hat Nagelsmann noch immer nicht wirklich in den Griff bekommen: die Abwehr ist in jedem Spiel mehrfach schlecht gestaffelt (siehe z.B. die Gegentore bei Union Berlin und Augsburg) oder macht katastrophale individuelle Fehler (z.B. gegen Gladbach). Das war unter Flick auch so, kam aber nicht so oft zum Tragen, weil die meisten gegnerischen Angriffe im Keim erstickt wurden. Die andere Nebenwirkung ist, dass Bayern öfter aus eigenem Ballbesitz ins gegnerische Drittel kombinieren muss als unter Flick, wo der Gegner da im Idealfall kaum rausgekommen ist. Auch das klappt recht schlecht, viel zu oft spielt Bayern simple Fehlpässe oder zumindest keinen geordneten Aufbau-was meines Erachtens auch am Kader liegt: vor ein paar Jahren hatte Bayern mit Boateng, Hummels, (Badstuber), Alaba, (Kimmich) und Lahm die wohl kreativste Abwehr der Fußballgeschichte, im Mittelfeld Passspieler wie Thiago, Alonso oder Schweinsteiger und im Angriff Robert Lewandowski, der auch semigute Anspiele zumindest sichern konnte. Heute leben die Verteidiger von sehr guter Zweikampfführung (Hernandez, de Ligt), phänomenaler Geschwindigkeit (Davies, Upamecano) oder guten Allrounderqualitäten (Pavard). Keinem momentanen Bayern-Verteidiger würde ich einen sehr guten Spielaufbau bescheinigen. Das setzt sich im Mittelfeld fort: Goretzka, Sabitzer und Müller haben im Kombinationsspiel ihre Momente, sind aber keine dominanten Spielgestalter. Und auch vorne leben die meisten Akteure mehr von ihrer Geschwindigkeit als von zündenden Ideen. Nur Musiala und Kimmich sind wirklich in der Lage, gegen einen kompakt stehenden Gegner Überraschungsmomente zu kreieren. Um mit dieser Spielweise Erfolg zu haben muss Nagelsmann sowohl die defensive Stabilität als auch das Ballbesitzspiel noch deutlich verbessern. Oder halt zurück zu Radikalpressing Flick’scher Machart.

Bei Mané kann ich die Begeisterung hier nicht so ganz nachvollziehen, bin angesichts der vielen Vorschusslorbeeren inzwischen doch recht ernüchtert. Für meinen Geschmack turnt er viel zu viel im Abseits herum. Wenn er nicht im Abseits in einer „normalen“ Situation angespielt wird hab ich da bis jetzt nicht viel überzeugendes gesehen…

Wo Guardiola „den Kader nicht ganz mitgenommen“ hat müsstest du mir nochmal erklären. Dessen drei Jahre waren doch in Summe die besten Bayerns der letzten Jahre. Ein vergleichbares Niveau gab es nur unter Heynckes und Flick, aber beide konnten das nicht so lange halten…

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Koom 21. September 2022 um 14:41

> Guardiola und die Kadermitnahme

Es gab auch bei Guardiola diese Momente, wo er sich zu sehr in etwas reinversteift hat (bspw. der extreme Flankenfokus bei den Bayern im 2. Jahr (?)), wo die Dinge einfach etwas zu extrem wurden. Generell hat Guardiola sowas aber immer wieder weiterentwickeln können zu einer anderen Form.

> Mane

Brillianter Fußballer ist er. Aber die Spielweise von den Bundesliga-Bayern und Liverpool sind doch extrem anders. Wie gesagt: Wo die Bayern speziell in den letzten 5-6 Jahren nahezu jeden Gegner einkesseln und um den Strafraum spielen sind die Liverpooler unter Klopp meistens mehr in einem Kick’n rush Spielstil, wo Mane seine Schnelligkeit und Ballfertigkeit ausspielen kann. Er ist kein Mittelstürmer für eine Bayernspielweise.

Aber vielleicht weiß das auch Nagelsmann schon. Deine Beobachtung, dass man tiefer verteidigen lassen will, könnte vielleicht daher kommen, dass er den Speed seines Teams mehr ausspielen will, also wie Liverpool lieber im Mittelfeld den Ball erobern möchte, um dann sein absurd schnelles Team mit Davies, Gnabry, Coman, Mane etc. losrollen zu lassen.

Aber auf diese Art zu verteidigen – das haben die Bayern sehr lange nicht gemacht. Und Liverpool hat hinter den 3 Turbos vorne auch sehr viel mehr „verteidigende“ Spieler auf dem Platz, die auch zum Teil ordentlich Gardemaß haben. Der Bayernkader ist deutlich mehr für eine Einschnürspielweise wie von Flick aufgebaut, im Verteidigen fehlen ihnen die Spieler. Goretzka hat da die grundsätzlichen Optionen, Kimmich auch – danach wirds aber recht schattig, weil die ganzen Spieler entweder verkappte Stürmer (Davies) oder eher Zerstörer (Hernandez) sind.

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tobit 21. September 2022 um 20:51

Flankenfokus war Jahr 3. Da wollte er aber am Anfang auch eigentlich 3-#-3 spielen, wofür ihm dann irgendwann die Spieler (insbesondere Götze) fehlten und er halt hässlich den Titel geholt hat. Am Ende hätte er vllt nochmal was anderes machen können, da war er aber auch glaube ich einfach fertig mit den Bayern und hat eher seine Zeit abgemanaged.

Mané kann schon als Mittelstürmer für die einschnürenden Bayern funktionieren. Er bräuchte halt einen Zehner hinter sich, der die Spielberuhigung im letzten Drittel übernimmt. Musiala hat die theoretischen Fähigkeiten dazu, aber ist halt noch sehr jung, ungestüm und inkonstant. Kimmich könnte das durchaus auch, ist aber auf der Sechs mehr oder weniger gewollt unersetzbar gemacht worden.
So wirklich Kick’n’Rush finde ich Klopps Spielweise bei Liverpool auch nicht. Sie schnüren den Gegner auch sehr stark ein, aber weniger durch das tatsächliche Bespielen des letzten Drittels, sondern durch die Drohung, jedes Herausrücken sofort mit dem Steckpass von Thiago/TAA auf einen Stürmer zu bestrafen. Und lange haben sie mit Firmino auch die Option auf dem Platz gehabt, vorne rein zu spielen. Der wäre vllt der einfacher einzubindende Lewy-Ersatz gewesen, weil er beim LFC eine recht ähnliche Rolle (wenn auch weit weniger dominant und torgefährlich) gespielt hat.
Also de Ligt und Lucas traue ich definitiv zu, tief zu verteidigen. Das Problem sind eher Davies und Kimmich, die das auf ihren aktuellen Positionen nicht konstant können, weil sie sich zu leicht rausziehen lassen. Und man bräuchte halt vorne auch noch mindestens einen zusätzlichen Spieler, der defensiv richtig ackert statt nur ins Gegenpressing zu gehen, weil Müller und Mané das nicht die ganze Saison immer über 90 Minuten durchhalten können.

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Koom 22. September 2022 um 10:57

Klopps Spielweise als „kick’n rush“ zu bezeichnen ist auch sehr simplifiziert. Aber der grundsätzliche Gedanke von Klopp (und seine Fußballliebe) war immer schon eher in dieser Richtung. Für „klassische“ Fußballiebhaber ist sowas auch einfach ästhetischer, wenn da Dynamik auf dem Platz entsteht (behaupte ich jetzt einfach).

Und ja, Firminho wäre wohl ein besserer Lewandowski-Ersatz gewesen für die Bayern.

Mal schauen, was Nagelsmann machen wird. Die grundsätzliche Spielweise eines Teams zu verändern ist sehr schwierig. Von einem superhochstehenden Gegenpressing zu einem Mittelfeldpressing ist im Grunde leichter, aber der Kader ist dafür nur begrenzt gedacht, wie du ja auch gut ausführst. Das ist auch so ein bisserl wie beim BVB: Zu viel ist da offensiv ausgerichtet. Es sind zu wenige Spieler, die horizontal agieren, bei Ballbesitz gehen nahezu alle recht stur Richtung Tor. Es wird dadurch zu wenig abgesichert, es gehen dadurch auch mehr Bälle verloren und wenn man eben nicht mehr superhoch dagegenpresst (wie Flick), dann scheppert es hinten mehr.

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Daniel 23. September 2022 um 23:18

Ok „Momente“, in denen es nicht läuft wirst du ausnahmslos unter jedem Trainer der Fußballgeschichte finden. Aber es sollten halt nur Momente und kurze Phasen sein und darauf kommt es jetzt an. Bei Bayern ist der Trend schon länger nicht gut, die letzte Rückrunde war auch sehr bescheiden und das beunruhigt mich deutlich mehr als die letzten vier Bundesligaspiele. Selbst die vielkritisierte zweite Saison unter Flick war stärker als die Nagelsmann-Zeit (seine erste Hinrunde vielleicht ausgenommen-aber auch dafür muss man ein katastrophales 0:5 in Gladbach ausklammern). Wenn Nagelsmann die Dauerlösung sein soll, die sich alle erhofft haben, muss er jetzt langsam das Ruder herumreißen…

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Koom 26. September 2022 um 09:57

Ja, natürlich. Guardiola, Klopp, Tuchel konnte man bei sowas auch gut beobachten. Speziell die letzteren 2 haben sehr typische Fallback-Lösungen, wenn es mal in die Binsen geht. Sowas würde ich auch von Nagelsmann erwarten, dass er eine Grundstruktur wieder setzt und darauf aufbaut.

Generell verblüffend, wie selten man sowas sieht. Also das ein Trainer eine funktionierende Ausgangsbasis etabliert und auf der dann arbeitet. Wenn ich bspw. an Roses Zeit beim BVB zurückdenke, war das echt enttäuschend. Eine Menge (gehypter) Trainer arbeiten im Grunde nach dem Gisdol-Konzept: Ball nach vorne, irgendwie erobern, irgendwie nen Abschluss – und das ganze mit 110% Intensität. (Gisdol hat das nicht notwendigerweise erfunden, aber ich fand ihn unter den ersten den prägnantesten typischsten Trainer für diese Spielweise).

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Daniel 26. September 2022 um 23:09

Ich glaube, dass das auch ein ganz wichtiger Punkt bei einem Trainer ist: wie gut ist er darin, in einer Krisensituation auf ein einfaches, aber funktionales Absicherungskonzept umzuschalten, das erstmal Punkte sichert und verhindert, in einen massiven Abwärtsstrudel zu geraten. Guardiola und Tuchel sind da sehr gut, bei Klopp bin ich mir nicht ganz so sicher…seine Abschiedssaison aus Dortmund war schon übel. Unter guten Bedingungen ein cooles System eintrainieren können schon einige Trainer, aber viele scheitern dann wenn sich mehrere Faktoren gegen sie stellen.

Lewandowskis Konstanz, mit der er Saison über Saison quasi ohne Verletzungspausen und Formschwankungen durchspielt ist in der Tat krass und ein Unterschied zu allen Spielern, die Bayern im letzten Jahrzehnt verloren hat. Ich persönlich fand Robben und etwas weniger auch Ribéry in ihren allerbesten Phasen noch einen Tick „krasser“ als Lewy, aber weil die halt immer einen signifikanten Anteil der Saison verpasst haben hatte Bayern zu jeder Zeit einen konsistenten Plan ohne die beiden. Bezüglich Konstanz können da von den Bayern-Spielern des letzten Jahrzehnts nur Lahm und Neuer mithalten, wobei ersterer aber schrittweise an Bedeutung verlor und nicht urplötzlich einfach wegbrach und letzterer noch da ist.

Was neben Abschlusspech und Problemen im Spielaufbau sicher auch eine Rolle spielt ist, dass (wie diese Länderspielpause ja auch anschaulich gezeigt hat) extrem viele Bayern-Spieler derzeit einfach individuell unter ihren Möglichkeiten bleiben. Abgesehen von Pavard, Musiala und Sané sind eigentlich alle Bayern-Spieler in einer mehr oder weniger tiefen Krise. Upamecano eigentlich auch nicht, aber er reißt sich noch immer viel zu oft mit ein oder zwei ganz üblen Fehlern das ein, was er ansonsten über 89 Minuten aufbaut.

Koom 27. September 2022 um 15:34

Klopps Abschiedsaison war auch ein Lernprozeß. Ich glaube, er wollte auch durchaus weg, weil er zu „nah“ an der Mannschaft war (die zumindest teilweise in Grüppchen zerfallen ist, die dann auch Tuchel wegnötigten). Grundsätzlich ist Klopps Go-to-Fallback-System der „Tannenbaum“, ein 4-3-2-1.

> Ich glaube, dass das auch ein ganz wichtiger Punkt bei einem Trainer ist: wie gut ist er darin, in einer Krisensituation auf ein einfaches, aber funktionales Absicherungskonzept umzuschalten

Siehe Wolf. Tedesco. Kohfeldt. Vermutlich noch viele weitere. Alle haben zweifelsfrei Talent als Trainer und gute Ideen. Aber allen gemein ist es, dass sie nach dem ersten Schwung schlecht oder gar nicht adaptieren. Wolf und Tedesco verfallen immer wieder in Verlustängste, spielen immer defensiver ohne dabei tatsächlich gut zu verteidigen. Bei Nagelsmann wirkt es momentan so, als ob er lieber noch tiefer in seine Idee geht, anstatt mal einen Schritt zurückzumachen.

> Abgesehen von Pavard, Musiala und Sané sind eigentlich alle Bayern-Spieler in einer mehr oder weniger tiefen Krise.

Hm. Möglich. Liegt aber auch vielleicht daran, dass die oben genannten Spieler im Grunde gut allein zurechtkommen. Musiala und Sane lieben das Dribbling und machen es oft. Während vergleichsweise Gnabry sehr viel simpler funktioniert, bei weitem kein so gutes Dribbling hat (oder zumindest nicht so darauf forciert ist). Müller ist sowieso einer, der frei in einer starken Struktur unterwegs ist. Die findet er momentan nicht, weil vorne kein kongenialer Lewandowski ist. Und Sane und Musiala spielen lieber „allein“.

Ähnlich auch beim BVB, wo Bellingham meistens glänzt. Auch da, weil er von seiner Spielweise sehr „ballnah“ ist und keine Paßmaschine oder Empfänger. Aber diese Spieler sind auch Teil des Problems.

tobit 27. September 2022 um 22:31

Kohfeldt hat doch eine Fallback-Strategie: „kauft mir Kruse“. Und sonst ist er halt einfach grottenschlecht, in keinster Weise mit Tedesco oder Wolf vergleichbar.

Nagelsmann hat halt das Problem, dass das Fallback der Bayern seit mindestens 2011 individuelle Klasse von Ribery/Robben/Lewandowski/(Thiago) war. Dazu hat man den Kader sehr klar weg von simplen Lösungen und hin zu sehr speziellen Einbindungen entwickelt. Nicht erst mit dem Wechsel von Lewy zu Mané, sondern vorher schon mit Davies als LV und Kimmich als einzigem Sechser (nicht nur auf dem Platz, sondern im gesamten Kader).
Prinzipiell hat Nagelsmann finde ich schon eine Fallback-Strategie. Nämlich 5-3-2 mit hartem Spiel gegen den Mann und einem Tank vorne drin. Ist halt mit dem aktuellen Kader nicht spielbar, oder zumindest nicht wesentlich erfolgversprechender als die aktuelle Ausrichtung (die ich noch nicht für gescheitert halte).

Koom 29. September 2022 um 12:27

Ich vermute, tobit mag Kohfeldt nicht. 😉

Ich würde auch nicht sagen, dass die aktuelle Ausrichtung falsch ist. Man erspielt sich Chancen und wenn man anfängt, die mal wieder zu verwerten, dann wird das auch insgesamt ok sein. Es bleibt zu beweisen, wie gut das dann in den harten Spielen funktioniert, aber man muss mit dem Kader irgendwas machen, da ein 4-2-3-1 klassischer Bauweise nicht so wirklich da drin ist. Der Kader ist einfach absurd offensiv zusammengestellt, da bist du gezwungen, alles oder nichts zu spielen.

tobit 29. September 2022 um 21:43

Kohfeldt mit Kruse:
Saison | Spiele | Punkte | Schnitt
17/18 | 23 | 36 | 1,56
18/19 | 32 | 47 | 1,46
21/22 | 14 | 21 | 1,50
Gesamt | 69 | 104 | 1,51

Kohfeldt ohne Kruse:
17/18 | 1 | 1 | 1,00
18/19 | 2 | 6 | 3,00
19/20 | 34 | 31 | 0,91
20/21 | 33 | 31 | 0,94
21/22 | 11 | 8 | 0,73
Gesamt | 81 | 77 | 0,95

Ohne Kruses verletzte Spiele 2017 und 2019 fällt der Schnitt sogar auf 0,90.
Und spielerisch ist das ohne Kruse auch die pure Grütze, weil halt defensiv wenig und offensiv gar kein Konzept da ist.

Zu Bayern, d’accord. Wird auf jeden Fall interessant. Vllt holen die Bayern ja im Winter Kruse, der wäre vom Spielerprofil gar nicht mal so unpassend für die offensiven Lücken des Kaders 😉


nn 2. September 2022 um 21:39

ganz recht Daniel. Site schließen? Warum? Nur um der Aktualitätsdoktrin der Majors im Netz zu entsprechen? alt = schlecht? Wenn im Netz in 20 Jahren etwas von Bedeutung ist, dann sind es die Archive. Und ab und zu kommen ja noch Texte. Alo bitte auf keinen Fall schließen. Viele lesen auch einfach nur.

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AG 23. August 2022 um 22:19

Ja, ich erinnere mich. Sorry, habe keinen Reddit-Account (und dann auch keinen gemacht…)

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Joakina 23. August 2022 um 08:46

Schade, endlich mal wieder ein Artikel von euch, dachte ich…

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mb89 23. August 2022 um 11:04

ich denke, dass das tolle projekt spielverlagerung.de in der ursprünglichen form leider gestorben ist. seit März gibt es einen einzigen geschriebenen artikel.
es ist nachvollziehbar, dass die autoren dieser hp auch andere projekte haben und sich laufend weiterentwickeln. finanziell wird die hp leider auch nicht viel hergeben..
es wäre jedoch besser, die hp dann komplett vom netz zu nehmen und die anderen projekte dafür zu pushen, anstatt dieses unwürdige vor sich hin sichern, mit ein paar video im jahr (welche man sich auch direkt auf youtube ansehen kann)
spielverlagerung.de war eine extreme bereicherung für den deutschsprachigen sportjournalismus und hat dieses traurige schauspiel nicht verdient.

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AG 23. August 2022 um 11:23

Einerseits ja, andererseits sollte das umfangreiche Archiv online bleiben. Und immer wieder entzündet sich hier eine Diskussion, und ich wüsste nicht, wo die sonst geführt wird. :/

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tobit 23. August 2022 um 14:15

Wir haben es Mal auf Reddit mit einem subreddit versucht, das fruchtete aber so gar nicht. Ich denke, u.a. weil dort eben dieses Archiv fehlte.

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Koom 23. August 2022 um 15:47

Jepp. Ausser tobit und mir war dort sonst leider niemand. Und man merkt ja auch, dass so mancher früherer Mitkommentierer auch immer seltener reinschaut.

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Ibou 24. August 2022 um 13:19

As an 19 year old that just started getting interested in this space, it is a shame the website is not as active as it once was. But I still find it really useful to have this archive available to learn from. That is a .legacy in and of itself in my opinion

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Ibou 24. August 2022 um 13:22

So many teams (Brighton, Newcastle, Brentford) have caught my attention now because i look into tactics more. Is there anywhere else on the Internet with similarly detailed discussion of or content about football on teams across Europe right now? If so please let me know

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rb 24. August 2022 um 14:15

maybe betweentheposts?

AG 24. August 2022 um 15:59

Depends a bit on the level of detail, but generally I haven’t found anything comparable. There are many specialized blogs on different teams, but often low on (recent) content. By the way, have you checked out Spielverlagerung.com? Much less content than here, but a number of recent articles (some too long and detailed for my attention span…).

Betweentheposts is decent, but they charge for most articles (can’t complain about that, and they have interesting free ones anyways). The Atlantic has a strong football section, but that is much more journalistic than the Spielverlagerung content. Also, you have to pay, again.

If you like some addition of stats and data analysis into the game, I would recommend a few more resources. Statsbomb is first a data company, but they often publish articles looking at their methods or specific teams or players (statsbomb .com /articles). There are a number of good writers on Twitter, including TheM_L_G, GraceOnFootball, and MC_of_A, that I follow.

And then there’s Transfermarkt, just for the regular content 😉

Felix 23. August 2022 um 23:18

Man könnte halt auch neue Autoren ranholen. Als ob es nicht genug Leute geben würde, die davon träumen mal auf SV zu veröffentlichen und auch genug know-how haben um vernünftige Analysen von PL/BL/CL usw. zu schreiben.

Antworten

Daniel 1. September 2022 um 11:36

Bitte nicht einfach die Seite zu machen…ich les immer wieder gern Artikel aus dem Archiv in Erinnerung an bessere SV-Zeiten. Und zumindest während großer Turniere war hier die letzten Jahre schon noch was los (wenn auch nur ein kleiner Nachhall des einstigen SV-Projektes). Ich hoffe, dass wenigstens die WM-Vorschau im Winter kommt und sich so dem Abwärtstrend der Seite entgegenstellen kann.

Kennt ihr ansonsten noch weitere interessante Fußball-Blogs im Internet?
– miasanrot.de (FCB)
– effzeh.com (1. FC Köln)
– halbfeldflanke.de (S04)
– Rasenfunk (Podcast, wenn man viel Zeit hat)

Das ist jetzt alles nicht auf sv-Niveau, aber zumindest ansprechende Aufarbeitung der jeweiligen Themen über kicker/sport Bild-Niveau…

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