Bayern München und die spielerischen Baustellen

Bayern München gehört weiterhin zu den besten Mannschaften Europas. Aber auch beim Tabellenführer der Bundesliga läuft nicht alles rund. Von der Verteidigung übers Mittelfeld bis hin zur Kreativität ganz vorn gibt es noch Verbesserungsbedarf.

Daniel 4. Januar 2022 um 17:13

Nochmal zum Thema kreativer Zehner: laut kicker sind Müllers 15 Assists in der Hinrunde ein historischer Bundesligarekord. Das hab ich jetzt nicht überprüft, klingt aber nicht unplausibel. Entsprechend hat der kicker Müller auch in der aktuellen Rangliste als einzigem Spieler neben Lewandowski und Haaland das Prädikat Weltklasse verliehen. Diese Rangliste ist jetzt sicher nicht der Weisheit allerletzter Schluss, aber das spricht doch für sich.

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Daniel 12. Dezember 2021 um 23:58

Muss sagen dass mir das generell wieder deutlich zu viel Hysterie ist gerade. Schwächephasen besonders gegen Ende der Vorrunde sind seit Jahren-insbesondere nach Sommern mit großen Turnieren-gang und gäbe.

Das mit dem fehlenden Zehner seh ich tatsächlich ziemlich prinzipiell anders. In meinen Augen ist Müller ein hervorragender Zehner für diese Mannschaft-ob nun „klassisch“ oder nicht. Müller ist eben sehr wohl ein sehr kreativer Spieler, er beschleunigt das Kombinationsspiel durch die Mitte in einer Art und Weise wie das wohl niemand sonst könnte. 15 Assists allein in dieser Hinrunde sprechen da eine deutliche Sprache. Müller wählt immer die erfolgversprechendste Spielfortsetzung-egal wie schwierig diese technisch umzusetzen ist. Und ja, wenn diese technisch schwierige Umsetzung dann schief geht sieht das schonmal doof aus. Aber sehr oft ist es eben auch erfolgreich, und das nicht selten genial. Nicht umsonst haben in den letzten Jahren mit Philippe Coutinho und James Rodriguez zwei klassische Zehner sich an Müllers Stammplatz die Zähne ausgebissen.

Dass Bayern heute nicht mehr so spielen könnte wie 2013 seh ich genauso. Damals waren die Eckpfeiler neben Neuer Lahm, Boateng (wobei der erst beginnend), Martinez, Schweinsteiger, Müller und die offensiven Flügel. Der Rest wurde so ein bisschen mitgezogen. Heute liegt der Fixpunkt des Offensivspiels auf dem Mittelstürmer (völlig anders als damals) und generell haben die allermeisten Spieler des heutigen Teams ihre Stärken viel mehr in der Offensive als damals. Wobei ich die Unterschiede deutlich eher im Fehlen von mit Lahm oder Martinez vergleichbaren Spielern sehe als mit Rib/Rob. Zumindest Sané fehlt in meinen Augen nicht mehr viel zu den beiden großen Flügelstürmern von damals.

Boateng hätte man unter sportlichen Gesichtspunkten verlängern müssen. Die Trennung folgte eher aus atmosphärischen Gründen. Dass allen Beteiligten ein Verbleib Alabas lieber gewesen wäre ist wohl klar.

Fehlt Thiago? Klar. Wenn Kimmich da ist gehts noch, aber sonst brutal. In meinen Augen fehlt ein so spielstarker Akteur wie Thiago viel mehr als ein „klassischer“ Sechser oder Zehner.

Dass Bayern Variabilität im Offensivspiel fehlt kann ich nicht erkennen. Wenn man gegen eine tiefe Fünferkette nicht schnell in Führung geht kanns nunmal leicht zäh werden, das ist ja grad der Sinn des Ganzen. Ich wüsste nicht, dass es in der Fußballgeschichte mal eine Mannschaft gegeben hätte, die das lässig ausgespielt hat.

Gnabry, Musiala, Coman und Sané mit den Peak-Robben und Ribéry zu vergleichen ist halt auch etwas unfair. Man sollte nicht vergessen, dass sie alle noch deutlich jünger sind, als es Rib und Rob 2013 waren.

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AG 13. Dezember 2021 um 08:40

Volle Zustimmung. Der Kader der Bayern ist sicher etwas dünn nach den ersten elf, das ist aber seit Jahren so Politik (und anders können sich das ernsthaft auch nur die Topclubs in der Premier League leisten). Und die Leistungen sind auch super: die Tordifferenz würde extrapoliert über die Saison +70 ergeben, und die xG-Differenz (xG erzeugt minus zugelassen) ist bei +1,9 pro Spiel. Das sind beides Bestwerte seit mindestens der Saison 17/18 und die beste xG-Differenz/90 aller fünf großen Liegen, also verdammt gut.

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Koom 13. Dezember 2021 um 14:11

Ich seh den Kader auch als gut. Die Probleme der Bayern sehe ich wenn dann auch eher darin, dass die Defensive in der Struktur anfällig ist, wenn der Gegner auf der Position Qualität und insgesamt eine gute Stabilität hat. Findet man aber sehr wenig. Entweder treffen sie auf BVB, die offensiv überragend, aber als Mannschaft instabil sind, oder auf brutal kompakt gut agierende Teams wie Freiburg und Mainz, denen dann aber vorne die Klasse fehlt.

Und international ist es auch recht licht geworden, was solche Mannschaften angeht. In Spanien, Italien und Frankreich wackelt es oben, im Grunde bleiben da nur die englischen Topteams, allen voran Liverpool und Chelsea. ManCity auch, aber aus meiner Sicht krankt deren Defensive an den gleichen Problemen wie die Bayern.

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WVQ 27. November 2021 um 16:43

Daß Bayern einen Sechser-Typ wie Rodri oder Casemiro, bei dem defensive Zentrumskontrolle das Existenzprinzip ist und Vorstöße die Ausnahme sind, nicht im Kader hat, ist natürlich offensichtlich; daß Kimmich für die alleinige Sechser-Rolle (wenn wir mal vom im Video gezeigten 3-1-Aufbau ausgehen und nicht von der 2-3-Variante, bei der die Mechanismen ein bißchen anders sind) besser geeignet ist als Goretzka, Sabitzer oder Tolisso, ist auch völlig klar. Aber ich frage mich trotzdem, ob das Problem der Konterabsicherung nicht auch sehr gut mit Kimmich zu lösen wäre, wenn man seine Rolle konservativer anlegen würde. Kimmich ist nun mal vom Naturell her ein vorstoßender Sechser, und wenn man dann in einem System spielt, in dem gerade bei tiefstehendem Gegner praktisch jeder Spieler (inklusive der IV) die Erlaubnis zu haben scheint, spontan vorzustoßen, um Druck und Überzahl zu erzeugen, dann sind diese Situationen mit mangelhafter Restverteidigung einfach vorprogrammiert. Ich frage mich daher vor allem, warum Nagelsmann nicht klarere Vorgaben bezüglich der Restabsicherung macht – oder ob die Spieler sie einfach immer und immer wieder falsch umsetzen (wäre komisch) oder gar immer wieder ignorieren (wäre noch komischer). Wenn Pavard als AV vorrückt (ob nun auf dem Flügel oder im Halbraum) und dann Hernandez gegenüber auch noch dribbelnd die letzte Linie verläßt, derweil der zweite „Sechser“ sowieso längst im Zehnerraum unterwegs ist, kann Kimmich – oder überhaupt jeder einzelne – bei Ballverlusten natürlich auch nur sehr bedingt etwas machen. Da fehlt mir eine klare Vorgabe vom Trainer, daß (bspw.) immer zwei Verteidiger in der letzten Linie zu stehen haben und zwei weitere Spieler im Sechserraum. Hieße am Beispiel eines Hernandez-Andribbelns, daß Pavard als rechter IV mitabsichern und Goretzka aus dem Zehner-/Achterraum Richtung Sechserraum fallen muß, so daß man selbst dann, wenn Hernandez sich verdribbelt, noch vier Spieler hat, die hinter dem Ball stehen bzw. Zugriff auf konternde Spieler haben. Aber dem Anschein nach will Nagelsmann das nicht, sondern bevorzugt die Personaldichte vorne und nimmt das Risiko in Kauf, daß man bei Ballverlust dann eben mal plötzlich in Gleich- oder sogar Unterzahl steht (und noch suboptimal gestaffelt). Kann man natürlich im Sinne einer Kosten-Nutzen-Rechnung machen – wenn man dadurch am Ende mehr Tore schießt als man kassiert, ist ja alles gut. Klappt sogar meistens. Aber wenn es schon gegen Gegner wie Kiew und diverse mittelklassige Bundesligisten regelmäßig zu brenzligen Situationen führt, fragt man sich schon, wie es dann gegen größere internationale Kaliber werden soll.

Glaube jedenfalls nicht, daß es ein Problem des Kaders oder individueller taktischer Mängel ist, sondern daß die Anlage im wesentlichen vom Trainer so gewollt ist. Auch wenn Nagelsmann sich manchmal nach entsprechenden Spielen beklagt, daß Vorgaben nicht richtig umgesetzt wurden; aber mir ist dann meist nicht ganz klar, welche das gewesen sein mögen. Für mich schaut es – wenn überhaupt – eher danach aus, daß die Aufgaben für die Spieler vielleicht etwas zu umfassend definiert werden; der Anspruch, daß praktisch alle Spieler Offensivspieler sein dürfen und zugleich aber auch immer in der Restverteidigung voll da sein müssen, ist halt schon sehr, sehr hoch gegriffen, das scheint mir der Bayern-Kader aktuell (noch) nicht herzugeben. (Das wäre dann vielleicht ein passender Ansatz für die im Video erwähnte Viererkette + Sechs aus der Heynckes- bzw. natürlich auch aus der Guardiola-Ära.)

CEs These eines fehlenden klassischen Zehners teile ich nur sehr bedingt. Klar ist es immer gut, einen kreativen Paßgeber im Zentrum zu haben, aber Bayern besetzt den Zehnerraum ohnehin schon oft dreifach und sehr dynamisch, und gerade Müller und Goretzka können auch kaum als schwache Paßgeber bezeichnet werden. Auch Sané macht in dieser Hinsicht Fortschritte. Gerade in puncto Chipbälle hinter die Kette muß man auch Kimmich dazuzählen. Finde diesen Aspekt so – auf mehrere Kreativspieler verteilt – eigentlich sehr sinnvoll umgesetzt, und für ständige Steckpässe durchs Zentrum oder sonstwelche „genialen“ Methoden, das gegnerische Zentrum zu zerspielen, stehen die Bayern-Gegner sowieso meist viel zu massiv, da sind Halbraum und Flügel die aussichtsreicheren Räume fürs Durchbrechen und das klappt doch auch weitgehend sehr gut und entspricht den Stärken des Kaders. Sehe jetzt nicht, wie da etwas wesentlich besser dadurch würde, daß man nun, sagen wir mal, Thiago statt Goretzka hinstellt, der sich dann ein bißchen weniger durch Lauf- und mehr durch Fußarbeit auszeichnet. Einen „tiefen“ oder „hohen“ Aufbau gibt es ja bei Bayern derzeit ohnehin nur noch sehr eingeschränkt, im wesentlichen ist der Aufbau IV + Sechser und der Rest ist Angriff. Unter Nagelsmann sind die entscheidenden Fragen folglich vor allem, wie der Ball vom Aufbau in den Angriff kommt und dann vom Angriff ins Tor. Für dieses verbindende Element, das ein Typ Thiago gut spielen könnte, gibt es in diesem Sinne gar keinen Raum.

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PeterVincent 27. November 2021 um 11:56

Die Restverteidigung und das Mittelfeld gefallen mir, wie schon unter Flick, überhaupt nicht. Flick hat viel durch extrem hohes (Gegen-) Pressing kaschieren lassen. Das ging zumindest solange gut, wie die Bayern physisch dem Gegner überlegen waren bzw. der Gegner nicht die spielerischen MIttel hatte, sich vom Pressing zu befreien. Nagelsmann ist in anderer Form extrem. Er vernachlässigt schon beim Vortrag vom 2. ins 3. Drittel die Absicherung.

Es fehlt eine starke 6 und eine 10. Ob die 6 der defensive Part (z. B. Kante oder Camavinga) einer „Doppel-Sechs“ oder ein alleiniger 6er (z. B. Casemiro oder Rodri) ist, halte ich dabei gar nicht für entscheidend, wobei ich die alleinige 6 bevorzuge. Auf der 10 fehlt ein Typ wie Modric, der selbst ins Dribbling gehen kann, aber auch die flachen Pässe zw. den Ketten an den Mann bringt.

Als Abschlussspieler #1 Post-Lewy sehe ich Sané. Bei einer Dreierreihe mit Sané, Musiala und einem weiteren abschlussorientierten OA (Adeyemi?) wäre mir nicht Bange. Zumal eine torgefährliche 10 (z. B. Wirtz) und Kimmich auf der 8 ebenfalls scoren könnten.

Ich bin kein großer Davies-Fan. Seine Schwächen im Pass- und Stellungsspiel sind mir zu groß. Außerdem flippert ihn der Ball zu oft vom Fuß. Omar Richards hat mit bisher ganz gut gefallen, vielleicht macht der noch ein, zwei Schritte. In der Innenverteidigung halte ich Süle für die #1 und Lucas für die #2. Alaba vermisse ich nicht. Der hat für mich zu viele Schwächen im Zweikampfverhalten, als dass ich ihn weltklasse (als IV) bezeichnen würde. Allgemein sind für mich die anderen angesprochenen Gründe für die Defensivschwäche verantwortlich und nicht die Abgänge von Boa und Alaba.

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Daniel 12. Dezember 2021 um 23:28

Modric war doch die meiste Zeit gar kein Zehner, sondern eher Achter.
Das mit dem Sechser ist letztlich eine Frage des Geschmacks. Hätte Bayern statt Goretzka einen defensiven Sechser wäre die Absicherung besser, das ist fraglos so. Dafür hätte man dann halt einen Abschluss- und Kombinationsspieler im gegnerischen Zehnerraum weniger und würde ebenso fraglos an Torgefahr einbüßen. Ob man schlussendlich mehr Gegentore reduzieren als eigene Tore verlieren würde ist Spekulatius und hängt von beliebig vielen Faktoren ab. Mir persönlich gefällt die Spielweise unter Flick und Nagelsmann sehr und ich hab es lieber so.

Zu Davies: diese Schwächen kann man nicht wegdiskutieren. Vielleicht sollte man einem 21-jährigen aber auch einfach noch gewisses Verbesserungspotential zugestehen? Dass Richards in diesen Bereichen besser wäre wäre mir bisher auch nicht aufgefallen…

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PeterVincent 17. Dezember 2021 um 13:05

Technisch (Ballbehandlung, Kombinationsspiel, Dribbling) sehe ich Richards stärker, aber im Gesamtpaket ist Davies vorne. Dass Davies sich technisch noch deutlich verbessert, halte ich für sehr unwahrscheinlich. In dem Alter ist die technische Ausbildung schon zu weit fortgeschritten. Man erlebt häufig, dass Fans sich da noch Hoffnungen machen. Als Costa zu Bayern kam, hieß es auch, der werde seine Ballannahme unter Pep noch deutlich verbessern. Wundersamerweise nie geschehen.

Würde gerne mal Spielernamen hören, die mit 21+ technisch sich auf Top-Niveau noch deutlich verbessert haben?! Gibt vielleicht sogar welche, aber wie sieht die Verteilung aus? Auf ein Beispiel kommen 1000 Gegenbeispiele?

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tobit 17. Dezember 2021 um 13:58

Schmelzer unter Tuchel hat sich binnen Monaten von technisch unterstem Zweitliga-Niveau zu einem ordentlichen Bundesligaspieler entwickelt. Einfach nur durch sauber trainierte Basics, wo ja auch Davies die meisten Probleme hat. Gab es meine ich auch Mal Aussagen von Subotic zu, dass Tuchel ihnen da schon in den ersten Wochen sehr viel beigebracht hat, wie man den Ball in bestimmten Situationen am besten annimmt und abspielt und, dass das einer der großen Unterschiede zu Klopp sei.
Bender hat im selben Bereich unter Tuchel ebenfalls Riesenfortschritte gemacht. Da ist die Trennschärfe zwischen seinem Fortschritt und der neuen Position als IV aber nicht so klar.

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Daniel 17. Dezember 2021 um 15:12

Dafür hab ich Richards ehrlich gesagt noch gar nicht oft genug gesehen, um mir da ein Urteil zu erlauben. Dass er da signifikant besser wäre wäre mir jetzt nicht aufgefallen. Als Costa zu Bayern kam war er 25, Davies ist jetzt gerade mal einen guten Monat 21. Das sind vier Jahre, die einen riesigen Unterschied machen.
Goretzka z.B. hat unter Flick nochmal massive Fortschritte im spielerischen und kombinativen Bereich gemacht. Am Anfang hatte ich doch große Bedenken, ob er sich bei Bayern jemals wirklich wird durchsetzen können. Jérôme Boateng galt am Anfang seiner Karriere als technisch schwaches Physismonster, die Laserpässe kamen viel später. Konrad Laimer war am Anfang in Leipzig technisch überhaupt nicht auf der Höhe, inzwischen auch technisch ein guter Bundesligaspieler.
Davies Probleme sind für einen extrem schnellen Spieler meinem Eindruck nach auch nicht so ungewöhnlich…solche Spielertypen machen in der Jugend die Erfahrung, dass sie den Ball auch mal etwas weiter klatschen lassen können und ihn wegen ihrer Geschwindigkeit trotzdem noch erreichen können. In kritischen Situationen passieren Davies praktisch nie technische Fehler, das deutet darauf hin, dass er es eigentlich kann und seine „Unsauberkeiten“ offensiv eher so halb gewollt sind.

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