AS Roma – SSC Napoli 2:2

Ein taktisch sehr interessantes Spiel mit verschiedenen Phasen. Als besonders wichtig erwiesen sich die Positionierungen der Spieler und das Abdecken und Beeinflussen der Spieler untereinander.

Für beide Mannschaften ging es in diesem Spiel noch um den Kampf um den so begehrten dritten Platz, der zur Teilnahme an der Champions-League-Qualifikation berechtigt. Neben diesen beiden Teams kämpfen auch Lazio, Udine und Inter noch um jenen Rang drei.

Wechselwirkung der Formationen – Theorie und Grundlagen

Nach der enttäuschenden 0:4-Niederlage bei Tabellenführer Juventus Turin vom vergangenen Sonntag liefen die Römer vor heimischem Publikum diesmal wieder mit der absoluten Ikone Francesco Totti in der Startelf auf. Dadurch wurde ihr übliches 4-3-1-2-System mit einer Mittelfeldraute wieder moderner interpretiert – nicht das etwas statische und in Italien noch weit verbreitete klassische 4-3-1-2, sondern die aus einem 4-3-3 entstandene Variante dieser Formation.

Darauf wollte Napolis Trainer Walter Mazzari mit einer logischen Maßnahme reagieren. Zum einen wich er nicht von der üblichen Dreierkette ab, die eine gute Gegenmaßnahme gegen einen Gegner mit einem zurückfallenden Totti als Falsche Neun darstellte, und zum anderen veränderte er seine Formation ein klein wenig – aus dem gewohnten 3-4-2-1 wurde ein 3-5-1-1, indem mit Lavezzi einer der viel zitierten drei Tenöre für einen weiteren zentralen Mittelfeldspieler geopfert wurde. Diese drei zentralen Mittelfeldspieler sollten dabei Totti und die beiden Halbspieler der Roma in sehr direkter und mannorientierter Deckung bearbeiten, um ihnen keine Freiräume zu gewähren, was sich ebenso auf die beiden Wing-Backs im Duell mit den offensiven Außenverteidigern der Römer bezog.

Zu Beginn des Spiels funktionierte diese Methode auch relativ gut und es war eine ausgeglichene Partie, in der die Gäste aus dem italienischen Süden weitgehend sicher standen. Dennoch deuteten sich hier in gelegentlichen guten Szenen der Roma bereits tendenziell jene Dinge an, die in den restlichen etwa 25 Minuten der ersten Halbzeit an der Tagesordnung sein sollten. Aus verschiedenen Gründen gelang es den Gastgebern nämlich, das Zepter klar zu übernehmen und eine Vielzahl hochkarätiger Chancen zu erspielen:

Die Überlegenheit der Roma in Halbzeit eins

Normalerweise bildet die Roma im Spielaufbau eine Dreierkette, indem der defensive Mittelfeldspieler zu den Innenverteidigern zurückfällt und die beiden Außenverteidiger dafür weit aufrücken. Diesmal allerdings war es nicht Gago, der für die Dreierkettenbildung abgestellt wurde, sondern Linksverteidiger Rodrigo Taddei, der dafür sorgte.

Ungefähre Grundformation über weite Teile der ersten Halbzeit

Dadurch agierte Taddei deutlich tiefer als sein Pendant Rosi, welcher praktisch zusammen mit Bojan auf der anderen Seite die Außenpositionen besetzte – daher wurden diese beiden von den beiden Wing-Backs der Gäste abgedeckt. Währenddessen ließ Napoli die drei nominellen Mittelfeldspieler der Roma wieder stark mannorientiert decken, wobei Dzemaili zwischen Gago und Taddei pendelte, während Totti von der Innenverteidigung übernommen werden musste.

Diese hatte aber Probleme, den Kapitän der Römer bei seinem Zurückfallen zu verfolgen, so dass jener viel Raum zwischen den Linien vorfand – vor allem, wenn Inler aus diesem Raum weggezogen wurde. Auf diese Weise waren es Totti und der im weiteren Verlauf des Angriffs gelegentlich aufrückende Taddei, die ohne Gegenspieler immer wieder aus der zweiten Reihe den Abschluss suchen konnten und dabei viele gute Versuche produzierten.

In unregelmäßigen Phasen wechselten die Verantwortungsbereiche der Napoli-Spieler auch, wenn man versuchte, Tottis Aktionsradius einzudämmen und Inler auf ihn anzusetzen, wodurch auch Gargano und Dzemaili tiefer standen und sich an den Halbspielern orientierten. Eigentlich hätte dies für deutlich mehr Stabilität sorgen sollen, doch auch gegen diese Defensivtaktik Napolis fand die Roma die richtigen Lösungen.

Ein Mittel gegen eine solche mannorientierte Deckungsweise sind überraschende Vorstöße der Spieler aus den hintersten Reihen – etwas, das Schalkes Joel Matip gegen Augsburg und auch am gestrigen Tage gegen die Hertha eindrucksvoll bewies. Hier waren es nicht nur die Läufe Taddeis, sondern in diesen Fällen besonders jene von Gago, der mit drei Spielern als Absicherung gelegentlich vorstoßen durfte. Wie effektiv dies war, zeigte sich an der besten Chance des ersten Durchgangs, die er allerdings vergab, als er aus etwa 4 Metern das leere Tor verfehlte.

Ebenfalls sehr effektiv waren Vorstöße der beiden Halbspieler in Verbindung mit den Bewegungen Tottis. Diese Mechanismen funktionierten ähnlich wie jene, die Marcelo Bielsas Athletic Bilbao in vorbildlicher Manier zeigt: Totti ließ sich in die Tiefe fallen, zog Inler aus seinem Raum heraus und öffnete damit Platz für die energischen Vorstöße von Marquinho, der dadurch entweder zwischen den Linien frei kam oder im 16er für Gefahr sorgen konnte – zunächst vergab er hier zwei große Chancen, ehe das 1:0 genau auf diese Weise von ihm erzielt wurde, als er nach einer Flanke Rosis traf (41.).

Während die meisten Angriffe über links kamen, wo man mit Bojan, der mit seinem Bestwert von 5 gewonnen Dribblings für viel individuelle Gefahr sorgte, Totti und Marquinho erhöhte Angriffskraft aufbot, entstand der Treffer über die andere Seite, wo man den kompletten Raum – Borini spielte eher zentral, Pjanic recht tief und spielmachend – für Rosi öffnete. Dies zahlte sich hier aus.

Napolis weitgehende Harmlosigkeit

Bei ihren wenigen Konterangriffen hatten die Gäste besonders das Problem, vorne nur zwei statt der gewöhnlichen drei Akteure zu besitzen, die sich für schnelle Gegenstöße in Position brachten und zielstrebig in die Tiefe freiliefen. Zudem fehlte es oftmals an den richtigen Zuspielen, welche Gargano nicht immer liefern konnte. Hamsik musste den Raum zwischen den Linien okkupieren und kam hier auch einige Male frei, doch kamen die Pässe in diesen Raum nicht immer, so dass man ihn auch für diese Aufgabe gebraucht hätte.

Enorm wichtig ist hier aber auch, dass die Roma die beiden Neapolitaner Wing-Backs kalt stellen konnte, welche eine enorm essentielle Hauptwaffe für diese sind. Während Zuniga sich im direkten Duell mit Rosi herumschlagen musste, wurde insbesondere Maggio sehr geschickt aus dem Spiel genommen. Durch die Zwischenposition von Bojan auf links in Verbindung mit Tottis Positionierung, wurde jener oftmals von Fernández abgedeckt, so dass Maggio sich weiter nach hinten orientieren musste, um dort zu helfen.

Folglich war es Bojans wichtige Rolle, zwei Spieler zu okkupieren und damit den gefährlichen Maggio hinten zu binden. Schlussendlich hatte dies auch Auswirkungen auf Cavani, der ein ums andere Mal – nicht mehrheitlich, aber öfter als gewohnt – auf die rechte Seite abdriftete, um die Räume zu besetzen, welche eigentlich Maggio bespielt hätte. Damit war er allerding genau in den Räumen, die die Roma defensiv am sichersten coverte und somit gut zu bändigen.

Zweite Halbzeit: Schneller Ausgleich und kippende Kräfteverhältnisse

So hochverdient diese Pausenführung für die Hauptstädter auch war, so schnell wurden sie nach dem Seitenwechsel mit einem Gegentor kalt erwischt. Schon nach etwa drei Minuten hatte Napoli die Führung der Römer durch einen Treffer von Zuniga egalisiert. Auch wenn der Treffer sich nicht abgezeichnet hatte und nach einer Standardsituation gefallen war, gab er schon einen Ausblick auf die zweite Hälfte – die Kräfteverhältnisse verschoben sich ziemlich deutlich.

Dies lag auch an der Auswechslung, die Mazzari nach etwas mehr als 50 Minuten tätigte – für Dzemaili kam mit dem ausgeliehenen Pandev eine weitere Offensivkraft ins Spiel. Vor allem stellte man nun allerdings wieder auf jene Deckungsart um, die man zu Spielbeginn eigentlich angewandt hatte, die dann allerdings durch die von Luis Enrique veränderte Dreierkettenbildung gekontert worden war, da man sich hatte aus dem Konzept bringen lassen – das korrigierte man jetzt.

Nun wurde Totti von Inler konsequent gedeckt und verfolgt, so dass sein Einfluss auf das Spielgeschehen sichtlich zurückging. Auch für die beiden Angreifer sowie die beiden Halbspieler der Hausherren waren nun wieder klare Gegenspieler festgesetzt, wodurch man das Offensivspiel der Roma deutlich hemmen konnte. Zudem schien Gago durch die erhöhte nominelle Offensivpower in seinen Vorstößen gehemmt, während auch Taddei stärker auf dem Schirm Napolis war.

Napolis verbesserte Offensive

Grundformationen nach der Einwechslung Pandevs

Für die verbesserte Offensive der Neapolitaner waren besonders zwei wichtige Aspekte ausschlaggebend:

Zum einen wurde durch die veränderte Deckungsweise die defensive Bindung von Maggio aufgelöst und dieser wieder für die Offensive befreit. Hinten hatte er „nur“ noch eine Unterstützerrolle gegen Bojan und vorne konnte er die vielen Räume vor sich nutzen, da Taddei weiterhin tief stand. Immer wieder stieß Maggio mit nach vorne und attackierte Taddei, der zu langsam war, um es mit dem Tempo des heran preschenden Wing-Backs  aufnehmen zu können – nach guten Zuspielen von Hamsik kam dieser mehrfach in den Rücken der Abwehr, vergab aber zweimal frei vor Lobont.

Zum anderen sorgte der eingewechselte Pandev für eine wichtige Verbindungs- und Weiterleitungsstation zwischen dem spielmachenden Hamsik und dem torgefährlichen Cavani – in der ersten Halbzeit hatte Hamsik den Raum zwischen den Linien besetzt, so dass man komplett von den Zuspielen Garganos abhängig gewesen war. Nun war Hamsik selbst der Mann, der diese vertikalen Pässe spielte, was ihm auch besser gelang, während Pandev die Zuspiele zwischen den Linien erhielt und dann den finalen Pass auf Cavani spielen konnte. Dieser bewegte sich nun besser auf die linke Seite, da er rechts nicht mehr die eigentlich von Maggio zu bespielenden Räume bearbeiten musste. Auf dieser linken Seite konnte er die Räume hinter dem aufrückenden Rosi nutzen. So geschah es beim traumhaften 1:2-Führungstreffer, als alle diese Punkte – Hamsiks Vertikalpass, Pandev zwischen den Linien, Cavani nach links driftend – bei einem Konter zusammenflossen (68.).

Romas schwungvolle Joker sorgen kurz vor Schluss für den Gegenschlag

Zwischenzeitlich hatte Rosi schon tiefer agiert, was allerdings die Offensivkraft schwächte und Zuniga mehr offensive Freiheiten ermöglichte. Dies trug ebenso dazu bei, dass Napoli in den Minuten nach der Führung dem dritten Tor näher schien als die Roma dem Ausgleich. Mit der Zeit entfaltete dann allerdings der Doppelwechsel Luis Enriques (74.) seine Wirkung, wobei Napoli den Fehler machte, sich wieder weiter zurückzuziehen und der Roma die Spielkontrolle zu übergeben.

Deren Anrennen schien zunächst nicht wirklich konstruktiv oder gefährlich zu sein, doch in den letzten fünf Minuten änderte sich dies. Mit Fabio Simplicio hatte man nun neben Marquinho einen zweiten gefährlichen Läufer aus dem Mittelfeld, während Junior Tallo auf der linken Seite jenen Schwung zurückbrachte, den Bojan im ersten Durchgang vor seinem Ermüden erzeugt hatte. So war es schließlich jener Tallo, der sich auf außen schön durchspielte und in die Mitte flankte, wo Simplicio verwandelte (88.). Erwähnenswert sein Torjubel: Er lief auf die Tribüne, wo er mehrere Reihen nach oben stieg und sich durch die Plätze hindurch bahnte, bis er irgendwann Frau und Kind herzen konnte.

Fazit

Zwar sieht die Statistik die Hausherren im Vorteil (60 % Ballbesitz und 24:14 Schüsse), welche auch aufgrund ihrer ersten Halbzeit den Sieg etwas mehr verdient gehabt hätten, doch letztlich war es wohl ein gerechtes Remis in einem taktisch hochinteressanten Phasenspiel. Während die erste Halbzeit klar an die Roma ging, zeigte Napoli nach der Pause eine sehr gute Reaktion und gewann schnell die Oberhand. Dennoch konnte die Roma in Person ihrer Joker noch einmal zurückschlagen. Für beide Parteien ist das Unentschieden nicht wirklich ideal, da man so auf die anderen Konkurrenten Boden verlieren könnte. Gerade die Roma hätte einen Sieg gebraucht: Man liegt weiterhin vier Punkte hinter Rang drei, was bei einem Sieg von Stadtrivale Lazio die Chance auf diesen Platz bereits heute fast zunichtemachen könnte. Daher liegt die Konzentration nun wohl endgültig darauf, sich vom siebten Platz zu entfernen und noch in die Europa-League-Ränge zu springen.

Henrik 1. Mai 2012 um 16:31

Interessantes Spiel und gute Analyse. Ein paar Anmerkungen:

Gago hat sich anfangs zwischen Kjaer und Heinze fallen lassen, wurde von Napolis Stürmern aber so eng gedeckt, dass Luis Enrique auf die Dreierkette mit Taddei umstellte.

Roma verteidigte im 1-4-1-4-1: Totti als einzige Spitze, Bojan und Borini folgten Maggio und Zuniga, wenn diese aufrückten.

Napoli spielte bevorzugt lange Bälle auf Maggio.

Außerdem versuchte man Überzahlsituationen auf seiner Seite zu kreiren. Dzemaili sollte hierbei eine wichtige Rolle spielen, in der ersten Halbzeit ist der Plan aber gescheitert.

Anfang der zweiten Halbzeit spielte Napoli in Ballbesitz teilweise in einem 1-4-2-3-1 mit Fernandez als Rechtsverteidiger, um über rechts zum Erfolg zu kommen.

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