Spielverlagerung.de http://spielverlagerung.de Wo die Taktiktafel zum Leben erwacht Fri, 17 Nov 2017 09:06:20 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.8.3 Business as usual http://spielverlagerung.de/2017/11/07/business-as-usual/ http://spielverlagerung.de/2017/11/07/business-as-usual/#comments Tue, 07 Nov 2017 22:36:34 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=42113 Manchester City gelingt gegen solide Gunners ein geschäftsmäßiger Sieg. Die Souveränität und Konstanz des Guardiola-Teams beeindruckt dabei einmal mehr.


City vs Arsenal - GrundformationenSeit einigen Wochen setzen die Citizens auf eine 4-3-3-Formation, die mit einigen besonderen Spielerrollen versehen ist. Daran änderte sich auch gegen Arsenal nichts. Die Viererkette bestehend aus Walker, Stones, Otamendi und Delph hat sich vor dem ohnehin gesetzten Ederson etabliert.

Auch das Mittelfeld wurde einmal mehr von Fernandinho, de Bruyne sowie David Silva besetzt. In der Angriffsreihe liefen wie üblich Sterling und Sané auf den Flügeln auf. Aguero nahm den Platz von Gabriel Jesus ein, der sich zunächst auf der Bank wiederfand.

Arsene Wenger setzte dagegen auf ein 3-2-4-1/5-2-2-1, das im Verlauf der bisherigen Saison von ihm ebenfalls präferiert wurde. Eine Überraschung gab es jedoch in der Dreierkette: Coquelin, der bis dato nur auf mehrere Kurzeinsätze gekommen war, übernahm den zentralen Part.

Neben ihm liefen die etablierten Koscielny und Monreal auf. Ramsey und Xhaka bildeten die Doppelsechs, welche von Bellerin und dem Ex-Schalker Kolasinac flankiert wurde. Lacazette fehlte hingegen in der Startelf. Stattdessen begann Sanchez als Spitze, während Iwobi seinen Platz als zweiter Zehner neben Özil einnahm.

Arsenals Ballbesitz…

In dieser Ausrichtung gab es zunächst eher wenige Aufbauszenen vonseiten der Gäste zu sehen. Diese schien gegen das bekannte hohe Anlaufen Manchester Citys nicht Teil des Matchplans zu sein. Eher wurde Alexis Sanchez mit langen Bällen gesucht, die vereinzelt auch einen der Zehner erreichten.

In solchen Situationen sollte Druck vonseiten der Citizens provoziert werden, um das Spiel dank individueller Pressingresistenz in freie Räume zu verlagern und sich so in der gegnerischen Hälfte festzusetzen. Mit zunehmender Spieldauer folgte in der ersten Halbzeit aus derlei Angriffsversuchen Isolation, da die Mitspieler kaum mit hochschoben.

Falls die Angriffe fortgesetzt werden konnten, stach dabei insbesondere Ramsey hervor, der sich immer wieder nachstoßend einbinden konnte. So gab es früh im Spiel dank seiner Bewegung in der Tiefe eine sehenswerte Halbraumüberladung auf rechts. Nach erfolgtem Rückpass ging Iwobi zudem geschickt ins Zentrum und empfing einen diagonalen Pass, den er wiederum in den zuvor bespielten Raum weiterleiten konnte.

Je länger die Angriffe dauerten und je mehr die Dynamik verlorenging, desto schlechter wurden jedoch die Staffelungen. Entsprechend nahm die Gefahr eines Ballverlustes zu. Gerade bei Ballbesitz am Flügel gab es ein bekanntes Problem zu sehen: Alle Spieler liefen an die letzte Linie vor. Es gab kaum Anspielstationen ins Zentrum. Teilweise hinterliefen dann noch die Halbverteidiger und bis zu sieben Spieler fanden sich in einer Linie wieder.

…spielt Manchester City in die Karten

Dadurch gab es für Manchester City vielerlei Chancen in Kontersituationen, die von Pep Guardiolas Team enorm präzise und dynamisch ausgespielt werden können. Mehrere Spieler sprinten direkt aggressiv in den Raum vor. Insbesondere de Bruyne lässt sich außerdem sowohl in der Vorbereitung als auch Vollendung von Schnellangriffen kaum vom Ball trennen.

Für einen Durchbruch halten die Citizens dabei eine optimale Breite, die selten größer ist als jene des Strafraums. Die Passdistanzen sind kurz genug, um schnelle Pässe spielen zu können und lang genug, um den Gegner zur Bewegung zu zwingen.

Ballgewinne zum Einleiten von Gegenangriffen wurden dabei aus einem 4-1-4-1-Pressing generiert. Das Spiel wurde eher auf Arsenals linke Seite gelenkt. Die Flügelspieler attackierten die Halbverteidiger und stellten gleichzeitig noch den Passweg zum jeweiligen Flügelverteidiger zu.

Bekam dieser doch den Ball, rückten Delph und Walker weiter heraus. Silva und de Bruyne reagierten darauf ebenfalls passend und stellten sauber mögliche Passwege in Richtung Zentrum zu. Aguero wählte gute Momente, um überraschend mit nach hinten zu unterstützen.

Ansonsten hielten sich die Gastgeber im Zentrum im Zugriffsbereich zu den unmittelbaren Gegenspielern auf und forcierten somit die erwähnten langen Bälle. Für diese konnte sich Fernandinho dann zusätzlich in die Kette fallen lassen.

Pressing-Rätsel

Gerade zu Beginn versuchte Arsenal das Aufbauspiel der Citizens früh zu stören. Insbesondere flache Abstöße wurden entsprechend angelaufen. Dabei gingen die Gunners durchaus mannorientiert im 5-2-3 vor. Die Innenverteidiger wurden von den Zehnern zugestellt, Sanchez hielt sich nah an Fernandinho. Xhaka und Ramsey nahmen de Bruyne und Silva auf. Kolasinac und Bellerin konnten bei Bedarf zudem Walker und Delph attackieren.

Manchester City zeigte jedoch häufig, warum sie momentan das wohl beste Aufbauteam der Welt gegen ein hohes Pressing sind. De Bruyne und Silva ließen sich passend zurückfallen. Otamendi und Stones fächerten enorm schnell auf, wenn dies erforderlich wurde und Fernandinho löste sich geschickt einige Meter von Sanchez oder entwich aus seinem Deckungsschatten, wenn dieser zu Ederson oder zur Seite durchpresste.

Selbst wenn dann tatsächlich einmal zum langen Ball gegriffen wurde, spielte das Team von Pep Guardiola diesen in den seltensten Fällen aus einer Verlegenheit heraus. Vielmehr hatte man Arsenal dann bereits so weit herausgelockt, dass es genug Platz im Zentrum gab und die Ausgangsposition für mögliche zweite Bälle vorteilhaft war.

Dieses Dilemma lässt sich beispielhaft an Xhaka und Ramsey zeigen: Ließen sie de Bruyne und Silva ungestört tiefer agieren, spielte City sich flach heraus. Attackierten sie die beiden, ergab sich Raum vor der Dreierkette.

Den wunden Punkt finden

Dorthin ließ sich dann Aguero häufig zurückfallen. Selbst wenn Coquelin ihn dabei verfolgte, riss der Argentinier so Löcher, in die sich wiederum Mitspieler von hinten hineinbewegen konnte. Arsenal wurde kontinuierlich weiter zurückgedrängt. In hohen Zonen glänzte City mit ebenso konsequentem wie kontinuierlichem Gegenpressing. Arsenal verteidigte zwar phasenweise überaus kompakt, doch zumeist unintensiv im 5-4-1.

Walker blieb aufseiten der Gastgeber wie schon in anderen Spielen tiefer und bildete eine asymmetrische Dreierreihe, konnte im Laufe der Angriffe aber noch zur Unterstützung vorsprinten. In vorherigen Spielen, etwa beim Duell mit Chelsea, rückte Delph als gelernter zentraler Mittelfeldspieler häufig ins Zentrum. Doch gegen Arsenal interpretierte er seine Rolle konventioneller. Dies hing auch mit einem vor allem in der ersten Halbzeit starken Linksfokus Citys zusammen.

Hier zeigte sich ein Angriffsprinzip, das unmittelbar vor dem 1:0 genutzt wurde. Durch die Überladung zog Arsenal sich noch stärker zusammen als ohnehin. Das Herausrücken eines Spielers aus dem Mittelfeldband wurde provoziert. Der entstehende Raum in dessen Rücken wurde dann umgehend attackiert: entweder durch direkte Vertikalpässe Otamendis oder durch ein Spiel über den Dritten.

Aus selbigen Überladungen ergab sich aber auch die Möglichkeit, das Spiel effektiv zunächst in die Mitte zu verlagern, wo zumeist erst verspätet oder überhaupt kein Balldruck aufgebaut wurde. Sterling konnte per Chipball hinter die Kette oder ins 1 gegen 1 geschickt werden. Arsenal sicherte die Tiefe nicht immer konsequent und hatte Schwierigkeiten sich zu fünft in der Abwehrreihe zu koordinieren – so auch bei der Entstehung des Elfmeters zum 2:0.

Kommt Manchester City einmal in Strafraumnähe, kann die Mannschaft wiederum aus einem breiten Repertoire an gruppentaktischen Abläufen wählen. Insbesondere die Halbräume innerhalb der Box werden konsequent attackiert. Hierfür rochieren die Achter und die Flügelspieler gemeinsam mit den Außenverteidigern vielseitig.

Gerade beim Bespielen vertikaler Läufe von außen in diese Zonen zeigen die Citizens ein hervorragendes Timing. Gelangt der Ball dann einmal dorthin, haben sie sich darauf spezialisiert, ihn flach vor das Tor zu bringen. Diese Flanken haben eine deutlich höhere Erfolgswahrscheinlichkeit als beispielsweise Zuspiele von der Eckfahne. Vor allem, wenn der Bereich vor dem Tor entsprechend attackiert und der Ball noch mit entsprechendem Schnitt geschlagen wird.

Wengers Umstellung funktioniert – für beide

Im Anschluss an das 2:0 nahm Wenger Coquelin vom Feld und brachte stattdessen Lacazette. Somit wechselte er gleichzeitig die Grundformation zu einem 4-2-3-1. Der Franzose besetzte das Sturmzentrum. Alexis ging nach links, Iwobi nach rechts. Özil blieb in der Mitte. Arsenal hatte so grundsätzlich einen Spieler mehr in hohen Zonen, was sich zunächst einmal auf das Pressing auswirkte und für ein aggressiveres Anlaufen sorgte.

Auch konnten so die Halbräume neben Fernandinho konsequenter für Zuspiele genutzt werden, da Alexis und Iwobi sich vermehrt dorthin bewegten. Özil wich dann immer wieder leicht zur Seite, sodass Ramsey aus dem Sechserraum nachstoßen konnte. Nach diesem Muster fiel auch der zwischenzeitliche Anschlusstreffer.

Allerdings gestaltete sich das Pressing Arsenals in der veränderten Grundformation in den tieferen Zonen weniger kompakt. Die Intensität fehlte dort auch weiterhin, sodass Manchester City noch mehr Lücken zum Kombinieren fand.  Zudem stellte Guardiola gegen die Angriffe Arsenals seinerseits auf ein 4-2-3-1 um und brachte nach dem 3:1 durch den eingewechselten Jesus einen standesgemäßen Sieg über die Zeit.

Fazit

Manchester City: 8 Punkte Vorsprung auf Platz 2.
Arsenal: 12 Punkte Rückstand auf Platz 1, 10 Punkte Vorsprung auf Platz 18.

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Hoffe siegt im Geißbockheim http://spielverlagerung.de/2017/11/06/hoffe-siegt-im-geissbockheim/ http://spielverlagerung.de/2017/11/06/hoffe-siegt-im-geissbockheim/#comments Mon, 06 Nov 2017 22:37:26 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=42101 Das ist zwar geographisch ähnlich falsch wie zu sagen, jemand gewänne ein Spiel in Hoffenheim. Aber das Aufeinandertreffen der beiden gegensätzlichen Europapokal-Teilnehmer gestaltete sich dennoch richtungsweisend.


Grundformationen Köln versus Hoffenheim

Grundformationen (nach Positionstausch Osako-Zoller)

Beim 1. FC Köln war nach dem furiosen 5:2-Sieg gegen BATE Borissow trotz lediglich zwei erspielten Bundesliga-Punkten so etwas wie Euphorie vernehmbar. Anders die Lage bei der TSG 1899 Hoffenheim, die nach gutem Bundesliga-Start in den letzten Wochen immer mehr Federn ließ und einige Spiele noch spät aus der Hand gab. So auch unter der Woche in Istanbul, als man in der Nachspielzeit noch den 1:1-Ausgleich gegen Basaksehir zuließ.

Beim Gastspiel in der Domstadt wechselte Julian Nagelsmann daraufhin nicht nur den ein oder anderen Spieler, sondern auch die Grundformation. Statt auf eine Ausrichtung mit Dreierkette zu setzen, wechselte der Fußballlehrer hin zu einer 4-3-3-Grundformation.

Vor Torhüter Baumann spielten Posch, Vogt, Akpoguma und Schulz in der neu zusammengesetzten Viererkette. Grillitsch gab den Solo-Sechser und wurde dabei sowohl von Demirbay als auch Geiger auf den Achterpositionen unterstützt. In vorderster Front liefen neben Nationalspieler Sandro Wagner der gebürtige Kölner Mark Uth und Nadiem Amiri auf.

Der Effzeh setzte demgegenüber auf eine 4-4-2-hafte Grundformation. Im Tor stand wie üblich Timo Horn. Die Abwehrreihe bestand aus Olkowski, Maroh, Heintz und Rausch. Kapitän Lehmann nahm neben Salih Özcan die Rolle des etwas tieferen Sechsers ein. Auf den nominellen Flügelpositionen begannen zunächst Bittencourt und Osako. Neben dem eher als Zielspieler eingesetzten Guirassy wurde zudem Simon Zoller als beweglicher Stürmer aufgeboten.

Kölns Krise. Oder: Mannorientierungen bestimmen das Bild

Es ist ein Trend in der Bundesliga (und nicht nur dort): Immer mehr Mannschaften setzen auf eine mannorientierte Spielweise gegen den Ball. Diese schlägt häufiger denn je in eine regelrechte Manndeckung um. Und das nicht nur bei Teams wie Hannover, Augsburg und Frankfurt, sondern eben auch bei Köln und Hoffenheim.

Beim Gastgeber offenbarten sich nicht bloß die erwartbaren Schwachstellen einer derartigen Spielweise. Sie kamen zusätzlich kaum einmal dazu, die Vorteile auszuspielen. Obwohl die Gegenspieler häufig genug im Zugriffsbereich eines Kölners den Ball erhielten, wurde vergleichsweise wenig Druck auf den Ballführenden ausgeübt. Dies lag zum einen natürlich an der geschickten und überaus dynamischen Spielweise Hoffenheims, kann aber auch paradigmatisch für die (spielerische Identitäts-) Krise des Effzeh herangezogen werden.

Das Team von Peter Stöger war bis vor einiger Zeit vornehmlich für eine Sache bekannt: Defensive Stabilität dank sauberer Mechanismen gegen den Ball. Diese waren nie wirklich besonders, aber stets enorm erfolgsstabil. Eine zweifelsohne hervorragende Leistung von Peter Stöger und seinem Trainerteam. Zusammen mit Martin Schmidts Mainzern galten die Kölner so für eine längere Zeit fast schon als DFB-Musterschüler.

Im Laufe seiner Tätigkeit machte sich der Österreicher allerdings zusätzlich daran, das Ballbesitzspiel seiner Mannschaft stetig zu verbessern. Auch hier ließen sich, angefeuert von passenden Spielertypen im Kader, zusehends Fortschritte erkennen. Zudem wurde die Mannschaft flexibler. In der erfolgreichen vergangenen Saison konnte man nahtlos von Formationen mit Viererkette auf eine Dreier-/Fünferkette wechseln. Doch als die Punkte von Woche zu Woche ausblieben, rückte wieder das etwas vergessene Streben nach Stabilität in den Vordergrund. Eine taktikpsychologisch schwierige Situation.

Die Folge: Der 1. FC Köln spielt momentan ein wenig in einem Graubereich. Die Klarheit, über die man sich lange definierte, ist abhandengekommen. Auch wenn man in der Anfangsphase Hoffenheim durchaus effektiv hoch anlaufen konnte, deckte der Gegner zunehmend Lücken in der Ausrichtung auf.

Angeführt vom überragenden Florian Grillitsch kam man gegen das 4-4-2 dank offensichtlicher 3 gegen 2 Überzahl im Zentrum und damit verbundenen Zuordnungsschwierigkeiten immer wieder in die Bereiche vor dem Mittelfeld der Kölner.

Später, etwa ab der 20. Minute beginnend, tauschten Osako und Zoller die Positionen. Dies hatte gegen den Ball vermehrte 4-1-4-1-Staffelungen und damit theoretisch eine Gleichzahl in diesen Zonen zur Folge. Doch dadurch wurden die Halbräume neben Lehmann, der seinerseits häufig verschiedene Gegenspieler verfolgte, zunehmend anfälliger für Hoffenheimer Angriffe.

Die Gäste agierten ihrerseits in einer 4-1-4-1-Ausrichtung gegen den Ball. Besonders die Flügelspieler orientierten sich dabei leicht eingerückt eher passiv an den Passwegen zu den Außenverteidigern und gerade ballfern auch gerne direkt an diesen. Einer der zentralen Mittelfeldspieler schob häufig gegen ballbesitzende Kölner Spieler neben Sandro Wagner vor. Die beiden verbliebenen Zentrumsspieler übernahmen Gegenspieler. Die Außenverteidiger konnten zusätzlich zur Mitte hin auffüllen. Dennoch waren diese Bereiche nicht optimal gesichert.

Angriffsrouten des Effzeh: Viele Flügelangriffe, ein bisschen Guirassy und immer mehr Osako

Zudem fehlte einige Male, gerade nach Verlagerungen, der Zugriff auf dem Flügel. Hier schoben die Außenverteidiger der Kölner oft weit vor. Da die Hoffenheimer sich immer wieder mit zum Zentrum hin orientierten, war der Richtungswechsel nach entsprechenden Pässen von einer Seite zur anderen nicht so einfach durchzuführen. Daraus folgten kurzzeitige 2 gegen 1-Situationen auf Außen.

Köln hatte hier zudem Ansätze nicht nur linear herunterzuspielen. Im Dreieck zwischen Flügelspieler, Außenverteidiger und Stürmer oder Sechser konnten die Positionen aus der Bewegung heraus getauscht werden. Dabei tat sich vor allem Leonardo Bittencourt positiv hervor und sorgte individuell für Gefahrenmomente. Erst nach der Halbzeit wurde Hoffenheim mit vermehrter 4-5-1-Tendenz etwas sauberer im Pressing und konnte die Flügel effektiver verteidigen.

Interessante Angriffsvariante mit einrückendem Rausch und zurückfallendem Bittencourt. Der ist gut genug, sich auch unter Druck zu drehen. Die Folge: Große Lücken in der Kette Hoffenheims, zumal ballfern zunächst das 2 gegen 1 gehalten wird.

Interessante Angriffsvariante mit einrückendem Rausch und zurückfallendem Bittencourt. Der ist gut genug, sich auch unter Druck zu drehen. Die Folge: Große Lücken in der Kette Hoffenheims, zumal ballfern zunächst das 2 gegen 1 gehalten wird.

Ein weiterer Angriffsweg bestand aus Zuspielen zu Zielspieler Guirassy. Manchmal, insbesondere in der zweiten Halbzeit, geschah dies flach und wurde mit geplanten Halbraumüberladungen verbunden. Doch zumeist gab es lange Bälle, häufig nach Abstößen und häufig nach rechts geschlagen. Aus dem Spiel heraus staffelten sich die Gastgeber hier allerdings zu flach und kamen kaum in gute Ausgangssituationen für zweite Bälle.

Vielmehr konnte Hoffenheim durch die strukturellen Mängel oftmals scheinbar zufällige Situationen nach Abprallern für sich entscheiden. Sandro Wagner zeigte sich dabei überaus effektiv im Sichern sowie unkonventionellen Weiterleiten. Aus einer solchen Situation sollte schließlich auch der Elfmeter zum zwischenzeitlichen 0:2 resultieren.

Eine effektivere Methode näher zum Hoffenheimer Tor zu gelangen bestand nach dem festen Positionswechsel mit Zoller schlichtweg darin, Osako mit Rücken zum Tor anzuspielen. Der Japaner zeigte sich überaus agil und pressingresistent in solchen Situationen und verteilte den Ball im Anschluss sinnvoll. So spielte der Effzeh sich beispielsweise dann auch die größte Chance des Spiels heraus, als Baumann Jojics Schuss aus wenigen Metern spektakulär parierte.

Osako dreht sich vom weit herausrückenden Akpoguma weg. Wiederum große Lücken in der Kette Hoffenheims. Vogt muss durchschieben. Der Laufweg für Jojic zum zweiten Pfosten ist frei.

Osako dreht sich vom weit herausrückenden Akpoguma weg. Wiederum große Lücken in der Kette Hoffenheims. Vogt muss durchschieben. Der Laufweg für Jojic zum zweiten Pfosten ist frei.

Positionsspiel mit Viererkette Kraichgauer Art

Die Vielzahl vielversprechender Angriffe entstand jedoch aus Situationen, in denen Hoffenheim den Ball bei Aufbauversuchen verlor. Wenn man sich das gesamte Spiel anschaut, geschah das gar nicht so selten. Julian Nagelsmann hat das Aufbauspiel unter hohem Druck zu einem Teil der DNA seiner Mannschaft gemacht. Dass dabei Fehler passieren nimmt man bewusst in Kauf.

Auch die Restverteidigung beziehungsweise Absicherung bei derlei Angriffen ist riskanter als bei anderen Teams: Häufig blieben die Innenverteidiger im 2 gegen 2 mit den Stürmern. Ein Außenverteidiger oder Grillitsch hielten sich zwar durchaus tiefer. Sie verhielten sich aber eher wie ein „schwimmender“, „halber“ oder wie-auch-immer-man-das-nennen-will Spieler, der für Anschlussaktionen schnell zurückeilen konnte, weil er doch nah genug dran stand. Doch war es vor allem an Vogt und Akpoguma die erste Angriffswelle zu verzögern und keine Drehung des Gegenspielers zu erlauben.

Selbst nach unsicher wirkenden Phasen greift Hoffenheim nicht vorschnell zum langen Ball, sondern spielt im Zweifelsfall noch einmal einen flachen Pass. Erst wenn Sandro Wagner sich in passender Ausgangsposition befindet und der Gegner herausgelockt wurde, greift man zum alternativen Mittel – jedoch selten aus Verlegenheit, sondern in der Regel systematisch.

High risk, high reward: Der Aufbau vor dem 0:3 begann damit, dass Torhüter Baumann mit Grillitsch und Akpoguma gemeinsam „Rondo“ spielte, ehe Schulz nach innen dribbelte und den Ball diagonal auf die andere Seite zu Kramaric brachte. Auf einer Seite tief überladen, durchs Zentrum auf die andere Seite spielen und auf die ursprüngliche Seite zurück flanken (zweiter Pfosten) – ein wiederkehrendes Muster bei der TSG.

Überhaupt lässt sich die Diagonalität des Teams von Julian Nagelsmann in der 4-3-3-Ausrichtung nochmals hervorheben. Bei Ballbesitz am Flügel gibt es immer wieder Optionen zum Zentrum. Hierfür ist vor allem konstante Dreiecksbildung ein Schlüssel. Ballfern rücken die Spieler weit mit ein, um direkte Anspieloptionen für das schnelle Kombinationsspiel zu schaffen. Nur wenn sie sich dynamisch für eine Verlagerung anbieten, gehen einzelne Spieler über die Breite des Strafraums hinaus. Im Anlaufen freier Räume zeigt sich die Mannschaft in allen Spielphasen stark.

Diagonale Positionsstruktur

Diagonale Positionsstruktur mit vielen Verbindungen und Zentrumsfokus

Ein weiteres Mittel mit Viererkette waren in diesem Spiel zudem Dribblings der Außenverteidiger nach innen. Diese wurde von entsprechenden Bewegungen der Achter sowie von Grillitsch unterstützt. Erstere zogen Gegenspieler mit Läufen weg, letzterer band selbige durch seine Positionierung. In einer Szene dribbelte und kombinierte Posch so von seiner Position als Rechtsverteidiger bis auf die andere Seite, wo er eine Überladung unterstütze und den Angriff mit einem etwas zu weiten Chipball auf Schulz abschloss.

Die Art und Weise wie Hoffenheim aus der Viererkette heraus aufbaute war nicht nur in solchen Situationen besonders. In tieferen Zonen hielten sich die Außenverteidiger tief, sodass sich nahezu eine Linie bildete. Unter hohem Druck blieb Posch tiefer. Eine verschobene Dreierkette entstand.

Besonders interessant und unkonventionell wurde es allerdings vor allem, wenn sich verschiedene Spieler, inklusive Innenverteidiger aus der Kette herausbewegten. Entweder wie Vogt, um den Raum im Rücken der gegnerischen Stürmer dribbelnd zu attackieren oder um eine Raute aus beiden Innenverteidigern, Grillitsch und dem ballnahen Außenverteidiger zu bilden. Diese lud Köln zwar zum Pressing ein, das jedoch schwierig umzusetzen war. Dadurch entstanden große Räume vor der Abwehr des Effzeh. Die Mannschaft agierte weit gestreckt und konnte für den entscheidenden Durchbruch zurechtgelegt werden.

Unkonventionelle Aufbauraute. Demirbay kann im Halbraum freigespielt werden.

Unkonventionelle Aufbauraute. Demirbay kann im Halbraum freigespielt werden.

Hierzu sei abschließend noch ein Merkmal der Hoffenheimer hervorgehoben, das ausgeprägter denn je ist: Die Jungs bewegen sich einfach ganz schön viel in Ballbesitz. Teilweise überdrehen sie dabei zwar merklich, aber nur höchst selten wird das Ganze wirklich unstrukturiert. Insbesondere gegen Mannorientierungen absolut passend. Die Achter bewegten sich oft in die letzte Linie, Wagner fand gutes Timing beim Zurückfallen, die Flügelstürmer zogen manchmal überraschend sowie raumöffnend in die Mitte oder Grillitsch nahm aus tiefer Position Tempo auf.

Häufig kamen die Spieler so in wertvolle „Zwischenpositionen“ im Zugriffsbereich mehrerer Kölner. Das erschwerte die Kommunikation für die Defensive merklich und brachte das Kartenhaus der Mannorientierungen ein ums andere Mal zum Einsturz. In einzelnen Momenten wirkte Hoffenheim dadurch unaufhaltsam.

Beispiel für das Forcieren Kölner Entscheidungen zum Aushebeln der Mannorientierungen. Lehmann verfolgt zunächst Geiger und füllt die Kette auf. Als Demirbay zwischen den Linien frei ist, will er diesen aufnehmen. Genau im Moment seines Sprints in dessen RIchtung spielt Akpoguma zu Geiger in den freigewordenen Raum.

Beispiel für das Forcieren Kölner Entscheidungen zum Aushebeln der Mannorientierungen. Lehmann verfolgt zunächst Geiger und füllt die Kette auf. Als Demirbay zwischen den Linien frei ist, will er diesen aufnehmen. Genau im Moment seines Sprints in dessen RIchtung spielt Akpoguma zu Geiger in den freigewordenen Raum.

Fazit

Häufig musste Julian Nagelsmann in dieser Saison Spiele während sie liefen taktisch noch herumreißen, insbesondere als Hoffenheim vermehrt auf ein direkteres 3-4-3 setzte. Dies war gegen Köln nicht nötig, da der Plan von Beginn an aufging. Damit machte Hoffenheim sich auch wieder mehr daran, die Umsetzung der letztjährigen Herangehensweise weiterzuentwickeln.

Inwiefern dieser Weg in den nächsten Spielen fortgesetzt wird, bleibt spannend zu beobachten. Vor allem in Hinblick auf die Gesamtstabilität des Teams, hinter der durchaus ein Fragezeichen steht. Kalkuliertes Risiko zahlt sich im Fußball sichtlich aus.

Köln hingegen befindet sich tiefer in der Krise denn je. Es gibt genug Ansätze und Individuen die gut genug für eine Wende wären, aber momentan geht dem Team von Peter Stöger die (strategische) Kohärenz dabei ziemlich ab. So könnte es auch für den österreichischen Erfolgstrainer demnächst eng werden.

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TEs Bundesliga-Check: Wie man den Videobeweis retten kann http://spielverlagerung.de/2017/11/06/tes-bundesliga-check-wie-man-den-videobeweis-retten-kann/ http://spielverlagerung.de/2017/11/06/tes-bundesliga-check-wie-man-den-videobeweis-retten-kann/#comments Mon, 06 Nov 2017 11:49:22 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=42095 Diese Woche widmet sich TE in einer Sonderausgabe der Kolumne dem Videoassistenten. Er macht sich Gedanken, was der Videoassistent überhaupt bezwecken soll, und listet vier Forderungen, um den Videoassistenten zu verbessern.

Der Videoassistent ist tot. Zumindest wenn man die Berichterstattung um den Videoassistenten verfolgt. Es ist das neue Lieblingsthema der Sportberichterstattung: Was hat eigentlich der Videoassistent jetzt schon wieder verbrochen? Jede Entscheidung wird zerpflückt, über kein Thema wird so geflissentlich debatiert. Der Rückhalt für den Videoassistenten schwindet.

Bevor ich mich auf den aktuellen Ist-Zustand des Videoassistenten stürze und meine eigenen Forderungen abgebe, wie man ihn verbessern kann, möchte ich ein paar Vorgedanken voranstellen. Denn meine Gedanken zur aktuellen Durchführung des Videoassistenten sind nur dann verständlich, wenn man versteht, warum ich den Videoassistenten grundsätzlich für eine gute Sache halte.

Vorgedanken

Zunächst einmal muss man definieren, was der Videoassistent eigentlich bezwecken soll. Inflationär häufig gebrauchen Befürworter und Gegner des Videobeweises den Begriff „Gerechtigkeit“. „Der Videobeweis soll den Fußball gerechter machen.“ Das mag vielleicht zutreffen, ist aber letztlich eine verkürzte Darstellung.

Gerechtigkeit ist ein sehr dehnbarer Begriff, gerade in einem Sport, der in vielen Situationen darauf angewiesen ist, dass Schiedsrichter in Sekundenschnelle eher schwammige Regeln interpretieren und daraus resultierend Urteile treffen. Es gibt Gerechtigkeit und es gibt Urteile – selten ist Beides dasselbe. Aus meiner Sicht sollte daher die Folge des Videoassistenten nicht sein, absolute Gerechtigkeit zu verbreiten, sondern die Urteile der Schiedsrichter zu verbessern.

Der Videoassistent macht eine Technologie für Schiedsrichter nutzbar, die im Rahmen von Profi-Fußballspielen ohnehin vorhanden ist, namentlich Kamerabilder aus zig unterschiedlichen Einstellungen. Diese sind dank Internet heute leichter zugänglich als je zuvor. Jeder Stadiongänger mit einem Smartphone kann sich nach einer gravierenden Fehlentscheidung davon überzeugen, wie falsch der Schiedsrichter gelegen hat. Nur der Schiedsrichter konnte das bisher nicht.

Es wird nie gelingen, sämtliche Fehlentscheidungen zu revidieren. Die Wunderwelt, in der am Sonntag im Doppelpass niemand über den Schiedsrichter diskutiert, ist eine reine Utopie – irgendwie muss schließlich Sendezeit gefüllt werden, wenn sich der FC Bayern nicht gerade in einer Krise befindet. Es wird immer Entscheidungen geben, die unklar sind. Lasst sie unklar bleiben und den Schiedsrichter entscheiden. Doch wenn ein Tor aus dem Abseits erzielt wird, wenn eine Notbremse übersehen wird, wenn Andi Möller die Schwalbe des Jahrhunderts ausführt: Dann sollte der Videoassistent eingreifen. Denn ein Fußballspiel sollte durch die Fußball spielenden Mannschaften entschieden werden, nicht durch grob falsche Entscheidungen des Schiedsrichters.

Zusammengefasst: Der Videoassistent dient dem Schiedsrichter bei Urteilen mit entscheidendem Charakter für den Ausgang einer Partie als Hilfe.

Gleichzeitig schwebt über den Fußballregeln immer ein kleines, gruseliges Gespenst: der viel beschworene „Geist des Spiels“. Der Mittelpunkt eines Spiels sollten immer die Spieler und deren Aktionen sein. Schiedsrichtern kommt die Funktion zu, den reibungslosen und regelgerechten Ablauf eines Fußballspiels zu gewährleisten. Ein bisschen populistischer ausgedrückt: Niemand geht wegen des Schiedsrichters ins Stadion, und weder Spieler noch Fans freuen sich auf Spielunterbrechungen. Schon gar nicht dann, wenn sie aus nicht wahrnehmbarer Kommunikation zwischen dem Schiedsrichter und der Videoassistenz-Zentrale in Köln fungieren.

Daher meine goldene Regel für den Videoassistenten:

Der Videoassistent soll so oft wie für einen von Schiedsrichterfehlern unabhängigen Ausgang eines Spiels nötig und so selten wie möglich eingreifen.

Der Ist-Zustand

Wir machen erst mal etwas ganz Langweiliges: Wir beginnen mit den Fakten. Der Videoassistent darf bei vier Szenarien eingreifen: Toren, Elfmetern, glatt Roten Karten sowie Spielerverwechslungen. Seit Beginn der Saison protokolliere ich die Eingriffe des Videoassistenten. Leider habe ich nicht jedes Bundesliga-Spiel sehen können, deshalb ist es möglich, dass ich einzelne Eingriffe übersehen habe. Laut meinen Unterlagen kam es bislang 32mal vor, dass eine Entscheidung des Schiedsrichters durch den Eingriff des Videoassistenten beeinflusst wurde. (Situationen, bei denen die Kommunikation mit dem Videoassistenten oder der Gang in die „Review Area“ den Schiedsrichter in einer bereits getroffenen Entscheidung bestärkt haben, zählen also nicht dazu.) Diese Entscheidungen teilen sich wiefolgt auf:

Die Devise lautete zunächst: Nur bei klaren Fehlentscheidungen soll der Videoassistent eingreifen. Vergangene Woche tauchte im kicker ein Dokument auf, nach dem die Schiedsrichter vor dem fünften Spieltag ihren Kurs änderten. Der Videoassistent soll auch dann eingreifen, wenn „die Einordnung der Schiedsrichterentscheidung in die Kategorie ‚Klarer Fehler‘ nicht zweifelsfrei gewährleistet ist, der Video-Assistent aber starke Zweifel an der Berechtigung der Schiedsrichterentscheidung hat.“ Das würde natürlich zu einem Mehr an Videoassistenz-Eingreifen führen.

Das lässt sich in der Tat durch Zahlen untermauern: Bis einschließlich dem vierten Spieltag gab es elf Eingriffe des Videoassistenten, also knapp weniger als drei Eingriffe pro Spieltag. In den darauffolgenden sieben Spieltagen gab es 22 Eingriffe, also mehr als drei Eingriffe pro Spieltag. Der Unterschied ist nicht gravierend, aber aufgrund der Seltenheit der Eingriffe doch spürbar. Es hat vor allem auch die Frage aufgeworfen, wieso der Videoassistent bei manchen Spielen häufig und bei anderen weniger häufig eingreift.

Forderungen

Das sind aus meiner Sicht die wesentlichen Fakten. Welche Schlüsse zieht man daraus? Momentan befindet sich der Videoassistent unter Beschuss. Zu wenig transparent sei das Verfahren, zu unklar, wann der Assistent eingreift, zu undurchsichtig die Entscheidungsprozesse.

Allen Recht machen wird man es nicht können. Wer den Videoassistent ohnehin ablehnt, wird ihn auch in anderer Form ablehnen. Aus meiner bisherigen Argumentation heraus gibt es aber vier Probleme mit dem aktuellen Videobeweis, die es anzugehen gilt:

1. Rückkehr zum Anfang: Nur grobe Fehler per Videobeweis aufklären

Der Videobeweis macht in seiner jetzigen Form vieles richtig. Der Videoassistent greift nicht bei jedem kleinen Zweikampf im Mittelfeld ein, sondern nur bei den großen Entscheidungen. Es wird verhindert, dass der Spielfluss durch ständige Unterbrechungen gebrochen wird. Die Ansage vor der Saison war, der Videoassistent solle nur bei klaren Fehlentscheidungen Kontakt zum Schiedsrichter aufnehmen.

Folglich finde ich die heimliche Kurskorrektur des Videoassistenten falsch (siehe oben). Solch eine Regelung öffnet Tür und Tor für Interpretationen seitens des Videoassistenten. Doch je weniger der Videoassistent zu interpretieren hat, umso leichter sind seine Entscheidungen zu vermitteln – für alle Beteiligten. Nur so bleibt eine klare Linie möglich, die bei allen Videoassistenten und bei allen Spielen möglichst gleich bleibt. Nur so kann die goldene Regel durchgehend angewandt werden.

Insofern bin ich auch dagegen, den Videoassistenten auf weitere Entscheidungen auszuweiten. Die gelb-rote Karte gegen Burnic am Wochenende ist ein Paradebeispiel. Ja, es war eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters. Doch prüfe ich diese Verwarnung durch den Videoassistenten, muss ich alle Verwarnungen in jedem Spiel prüfen. Die Mehrheit aller Gelben Karten hat aber keine hohe Relevanz für den Ausgang einer Partie. Die vier Szenarien, die die Fifa ausgewählt hat, sind aus meiner Sicht wirklich gute Szenarien. Bitte dabei bleiben, um die Zahl der Eingriffe von außen so niedrig zu halten wie unbedingt nötig.

2. So selten wie möglich den TV-Bildschirm nutzen

Wenn der Videoassistent einen klaren Fehler des Schiedsrichters ausgemacht hat: Anfunken, Fehler benennen, Schiedsrichter kommuniziert die Entscheidung. Wenn der Videoassistent (wie in Punkt 1 gefordert) ohnehin nur bei klaren Fehlentscheidungen eingreift, dann sollte es für den Schiedsrichter möglich sein, dies auch den Spielern glaubwürdig zu vermitteln.

Leider hat sich zuletzt in der Bundesliga die Eigenheit eingeschlichen, dass sich die Schiedsrichter die betroffenen Entscheidungen noch einmal selbst am Bildschirm anschauen. Dies kann durchaus Sinn machen bei strittigen Entscheidungen. Beispiel: Der Videoassistent erkennt eine Tätlichkeit, die der Schiedsrichter übersah. Es ist ein Kann-, aber kein Muss-Rot – abhängig von der allgemeinen Linie des Schiedsrichters und dessen Wahrnehmung der Situation. Also besser selbst anschauen.

Wenn der Videoassistent aber ohnehin nur bei groben Fehlern eingreift, sollte die Nutzung des TV-Bildschirms nur in solchen Ausnahmefällen geschehen. Ansonsten kann er schließlich auch dem Videoassistenten vertrauen, der die Bilder vorliegen hat. Das Selberschauen verzögert das Spiel und damit den Spielfluss. Wenn keine klare Fehlentscheidung vorliegt und daher Interpretationsspielraum vorhanden ist, sollte der Videoassistent gar nicht erst eingreifen (siehe Punkt 1). Somit ist ein besserer Spielfluss gewährleistet.

3. Die Entscheidungen transparenter treffen

Der Elefant im Raum für viele Stadiongänger ist die fehlende Kommunikation. Die Fifa erlaubt es nicht, Bilder der Entscheidungen im Stadion zu zeigen, Schuld ist also hier nicht der DFB. Dennoch: Dies kann und darf nicht sein. Jeder im Stadion kann sich die Bilder ohnehin auf seinem Handy anschauen. Wenn man Punkt 1, nämlich nur die Korrektur grober Fehlentscheidungen, gewissenhaft anwendet, darf es eigentlich keinen Grund geben, diese Bilder nicht zu zeigen. Zumindest ein Schriftzug muss möglich sein, beispielsweise: „Das Tor wurde wegen einer Abseitsstellung durch Spieler X nach Prüfung durch den Videoassistenten aberkannt.“

Doch damit ist es nicht getan.

Der Profi-Fußball ist längst ein Massen- und Medienereignis. Nicht nur den Spielern und den Zuschauern im Stadion, sondern auch den Zuschauern an den TV-Bildschirmen muss transparent dargelegt werden, wieso die Entscheidungen so getroffen werden, wie sie getroffen werden. Nur so kann man die Akzeptanz einer neuen Technik steigern.

Für Sportverbände ist Transparenz seit jeher ein Fremdwort. Die Schiedsrichtergilde, ein Teil dieser Verbandsstrukturen, ist da nicht anders. Es gibt keine Erläuterungen zu den Videobeweisen. Kurskorrekturen werden heimlich durchgeführt, ohne die Öffentlichkeit zu informieren. Ansetzungen von Videorichtern und Änderungen am Prozedere erscheinen willkürlich. Das kann nicht sein.

Eine simple Hilfe wäre es, wenn die Schiedsrichtergilde proaktiv ihre Entscheidungen erklärt. Wenn sie auf einer Webseite oder in den sozialen Medien die Videobeweise vom Wochenende aufgreifen und sagen, was gut und was schlecht lief. Wenn sie sich kritisch mit der Materie auseinandersetzen. Wenn sie nicht nur den Medien und den Spielern, sondern auch der Öffentlichkeit mal eine klare Schulung geben, wann und wie der Videoassistent eingreift. Warum finde ich dazu eigentlich kein Erklärvideo auf der Seite des DFB? Wer etwas verändern will, muss die Leute mit ins Boot holen.

Eine weitere wichtige Verbesserung wäre es, wenn der Videoassistent direkt oder indirekt mit den Zuschauern kommunizieren könnte. Der simpelste Vorschlag wäre es, die Tonspur des Videoassistenten den TV-Zuschauern zur Verfügung zu stellen, ähnlich wie dies in der Formel Eins beim Boxenfunk passiert. Man müsste auch nicht die gesamte Kommunikation des Schiedsrichter-Teams zur Verfügung stellen, sondern nur die entscheidenden Schnipsel, bei denen der Videoassistent erläutert, warum er eingreift. Das dürfte viel Wind aus den Segeln nehmen, ist aber angesichts der Öffentlichkeitsscheue vieler DFB-Funktionäre und Schiedsrichter leider eher unrealistisch.

4. Mediale Darstellung

Tatort Wolfsburg. Gleich zweimal verweigerte der Schiedsrichter Robert Kampka Wolfsburg ein Tor, nachdem ihm der Videoassistent auf eine Abseitsentscheidung hingewiesen hat. Beide Entscheidungen waren eindeutig korrekt. Die Entscheidungen wurden von Kampka in weniger als einer Minute getroffen. Zwei Paradebeispiele für gelungene Entscheidungen dank Videoassistent.

Als TV-Zuschauer durfte man aber eine ganze Weile lang rätseln, was da eigentlich los ist. Der Grund: Die Bildregie bekam es bei beiden Toren erst nach mehreren Zeitlupen hin, die korrekte Zeitlupe einzuspielen, mit deren Hilfe die jeweiligen Abseitsstellungen glasklar nachweisbar waren. Das Kind war zu diesem Zeitpunkt schon in den Brunnen gefallen. Mehrfach nutzte der Sky-Kommentator das Wort „Wahnsinn“. Eine Formulierung, die gleich mehrere Medien übernahmen: Bei n-tv und der Bild liest man am Tag danach vom „Video-Wahnsinn in Wolfsburg“.

Hätte Kampkas Linienrichter die Entscheidungen selbst erkannt und auf Abseits entschieden – niemand würde heute von den beiden zurecht aberkannten Toren reden. Da allerdings der Videoassistent eingriff, dreht die halbe Welt durch. Das ist letztlich der eigentliche Wahnsinn: Der Videoassistent macht exakt das, was er machen soll. Und doch reden manche von „Wahnsinn“.

Manche Probleme des Videobeweises sind letztlich keine Probleme. Sie entstehen erst durch den enormen Fokus, der auf jeden einzelnen Eingriff des Videoassistenten gelegt wird. Die beste Möglichkeit, dieses Problem zu lösen, wäre eine Beruhigung und Versachlichung in der medialen Debatte um den Videoassistenten. Ein Vorschlag, der in der Medienlandschaft des 21. Jahrhunderts ähnlich realistisch ist wie die Forderung nach Freibier für alle Deutsche.

Daher ein etwas realistischerer Vorschlag: Vielleicht könnte man auch hier mit etwas mehr Transparenz schaffen. Es wäre hilfreich, wenn die Bildregie die Bilder nutzen dürfte, anhand derer die Videoassistenten das Spiel verfolgen. Im konkreten Fall von Wolfsburg hätte man somit viel schneller die Abseitsentscheidung für den TV-Zuschauer aufklären können. (Ja, die dahinter steckende Idee lautet ein Stück weit: Entmachtet die Bildregie! Entgegen allgemeinen Glaubens produziert nicht Sky die Bilder, sondern die Bundesliga selbst. Sky übernimmt die Bilder nur. Und diese Bildauswahl ist meist mehr schlecht als recht.)

Vielleicht wäre es daher eine sinnvolle Idee, wenn die Videorichter ihren Kokon in Köln verlassen und aus dem Übertratungswagen operieren, in denen auch die TV-Bilder produziert werden. Es könnte eine direktere Kommunikation zwischen Bildregie und Videoassistent geben, beispielsweise über einen Mittelsmann, der die Kommunikation des Videoassistenten mit dem Schiedsrichter verfolgt.

Ich glaube tatsächlich, dass man mit einer besseren Kommunikation die Akzeptanz des Videoassistenten massiv steigern könnte. Schließlich waren in dieser Saison die meisten Entscheidungen, bei denen der Videoassistent eingriff, korrekt und haben damit geholfen, dass die Leistungen der Teams und nicht Fehlentscheidungen eine Partie entschieden. Und das sollte ja letztlich das Ziel des Videoassistenten sein.

Ansonten hilft einfach: Geduld. Je länger der Videoassistent operiert, umso normaler werden Entscheidungen wie jene in Wolfsburg. Entscheidungen, für die der Videoassistent eigentlich eingeführt wurde.

Ausführliche Analysen des 11. Spieltags

Hamburger SV – VfB Stuttgart 3:1
Borussia Dortmund – Bayern München 1:3

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Der Verfall deutscher „Spitzenklasse“ http://spielverlagerung.de/2017/11/06/der-verfall-deutscher-spitzenklasse/ http://spielverlagerung.de/2017/11/06/der-verfall-deutscher-spitzenklasse/#comments Mon, 06 Nov 2017 08:14:05 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=42076 Borussia Dortmund unterliegt Bayern München. Peter Bosz bleibt unter Druck. Jupp Heynckes behält seit seiner Amtsübernahme eine weiße Weste. Doch das sogenannte Spitzenspiel der Bundesliga war nur noch ein Schatten vergangener Tage.

2017-11-04_Dortmund-Bayern_GrundformationenDenn weder Dortmund noch Bayern konnten nur in Ansätzen an die Klasse von einst anknüpfen. Noch vor wenigen Jahren waren die Duelle zwischen beiden Mannschaften ein Augenschmaus. Trainer bekriegten sich am Schachbrett; Spieler versuchten sich gegenseitig auszutricksen. Es ging darum, wer den Fußball hierzulande dominieren würde, wer schlauer als der andere ist.

Aber der Reihe nach: BVB-Trainer Bosz nahm angesichts des Gegners und der zuletzt vorhandenen Probleme eine taktische Änderung vor. Er ließ seine Mannschaft in einer 4-2-3-1-Grundordnung spielen. Gonzalo Castro positionierte sich in der Ausgangsformation neben Julian Weigl. Shinji Kagawa spielte vor beiden und reihte sich gegen den Ball neben Pierre-Emerick Aubameyang ein.

Die Dortmunder versuchten in den Anfangsminuten ein hohes Pressing zu spielen und Bayern bereits am Strafraum anzulaufen. Später zogen sie sich weiter zurück und störten die frühe Zirkulation der Gäste seltener. In jedem Fall aber verteidigten sie extrem mannorientiert, was gerade im Mittelfeld deutlich wurde.

Castro pendelte zwischen Javi Martínez und James Rodríguez. Weigl hängte sich an Thiago. Christian Pulisic und Andriy Yarmolenko hatten ihre festen Gegenspieler auf den Flügeln. Und wenn sie doch einmal einrückten, um einen der Achter mit zu bewachen, gab es außen direkt viel Platz, den die bayerischen Innenverteidiger mit ihren Pässen ansteuerten.

Nun kann man die individuellen Leistungen in der Defensive natürlich auseinanderpflügen und mit dem Finger auf einzelne Spieler zeigen. Aber dem Versagen der Dortmunder in der Arbeit gegen den Ball lag vornehmlich eine systemische Problematik zugrunde. Mit dieser mannorientierten Verteidigungsweise war es für die Bayern schlicht zu einfach, den BVB auseinanderzuspielen.

Hohes Pressing des BVB aus der Anfangsphase der Partie

Hohes Pressing des BVB aus der Anfangsphase der Partie

Ein ganz einfaches Angriffsmuster bestand darin, dass sich Kingsley Coman im Halbraum zurückfallen ließ, damit er Marc Bartra aus seiner Position herauszog und die Seite öffnete. David Alaba startete und überholte den defensiv limitierten und reaktionslangsamen Yarmolenko mit Leichtigkeit. Dies geschah nicht nur im Vorlauf zum 1:0 durch Arjen Robben, es geschah mehrfach und war eigentlich immer ein Mittel, um für Gefahr vorm Gehäuse von Roman Bürki zu sorgen.

Ein anderes Muster, das erfolgsversprechend wirkte, war der Rückpass nach Vordringen ins letzte Drittel. Da Dortmunds hohe Abwehrlinie nie bereit war, blitzschnell auf lange Pässe zu reagieren, war es für die Bayern ein Leichtes, eben diese Schwäche nach Rückpässen auszunutzen. Ganz grundsätzlich bleibt es eine Schwachstelle des BVB, dass die Abwehrspieler zu selten ihre Körperpositionen entsprechend anpassen und auf Sprints nach hinten vorbereitet sind.

Nun gut, defensiv war der BVB also ein einziger Totalausfall. Wie sah es beim Spiel in die entgegengesetzte Richtung aus? Die Bayern spielten nämlich ebenso mannorientiert wie der BVB, hatten aber bessere Pressingabläufe und Trigger.

Trotzdem ergaben sich beispielsweise halblinks Räume für Vorstöße von Ömer Toprak, welche dieser aber nahezu nie andribbelte. Stattdessen gab es viel kleinteiliges Passspiel mit Castro. Ließen die Borussen den Ball über die Breite laufen, ging der erste Offensivpass häufig auf Schmelzer oder Yarmolenko. Keiner von beiden konnte aber direkt aufdrehen oder in eine freie Lücke laufen.

In der Mitte waren Kagawa oder Pulisic zumeist zugestellt. Aber selbst wenn kein bayerischer Gegenspieler direkt im Rücken lauerte, fehlte oftmals der Mut zum Aufdrehen. Einzig Pulisic bildete an diesem Abend eine Ausnahme. Der US-Amerikaner suchte die Dribblings, riskierte etwas im Zwischenlinienraum und war gerade in der zweiten Halbzeit der Go-to-Guy für den BVB.

Bayern gegen den Ball

Bayern gegen den Ball

Ansonsten entwickelten die Borussen vor allem offensiven Druck, wenn der Ball irgendwo im Spielfeldzentrum gewonnen wurde – so wie etwa vor Yarmolenkos Chance in der 30. Minute – oder sie mit Steilpässen auf Aubameyang erfolgreich waren. Es sagt auch etwas über die Qualität der Bayern aus, dass der BVB mehrfach zu Möglichkeiten kam, sobald der Aufbau der Gäste durch die Mitte ging.

Die Bayern nutzten noch in der ersten Halbzeit einen Fehler Dortmunds in der Spieleröffnung und trafen nach schönem Umschaltangriff zum 2:0. Wenngleich der BVB nach der Pause mehr Offensivdruck entfalten wollte, kam der nächste Nackenschlag gerade zum richtigen Zeitpunkt, um den Sieg für die Gäste aus München zu zementieren. In der Expected-Goals-Statistik lagen beide Teams bis zur Schlussphase, als Dortmund auf 1:3 verkürzte, gleich auf. Dies kann allerdings für die Borussia keineswegs als Grundlage dienen, die Niederlage schön zu reden.

Ebenso sollte der FC Bayern vor den eigenen Problemen nicht die Augen verschließen, obwohl innerhalb von sieben Tagen die beiden ärgsten Konkurrenten in der Liga geschlagen wurden. Beim Spiel in Dortmund war zu beobachten, dass Heynckes‘ Mannschaft weiterhin große Schwierigkeiten hat, Angriffe durch die Mitte zu spielen, wenn keine absolute Zweikampfhoheit vorherrscht. Ähnlich sah es schon im Pokal in Leipzig aus.

Dass diese Analyse eher kurz ausfällt, hat auch damit zu tun, dass es wenig zu analysieren gab. Es erinnerte mich an so manches Premier-League-Spiel aus den letzten Jahren, als es uns immer schwer fiel, eine detaillierte Aus- und Bewertung zu liefern, weil vieles innerhalb der 90 Minuten auf Eins-gegen-Eins-Duellen und nicht etwa auf durchdachten Strukturen basierte.

Spiegel Online titelte im Nachgang am Samstagabend „Schwach und schwächer“. Leider kann man sich diesem Fazit nur anschließen. Keiner erwartet momentan einen taktischen Schlagabtausch, wie ihn sich einst Pep Guardiola und Jürgen Klopp oder Guardiola und Thomas Tuchel lieferten. Aber die zunehmende Eindimensionalität in Kombination mit einem seichten Qualitätsabfall in beiden Kadern hinterlässt einen Eindruck, die Entwicklung geht klar in die falsche Richtung.

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Schüchterne Lichtblicke in Hamburg http://spielverlagerung.de/2017/11/05/schuechterne-lichtblicke-in-hamburg/ http://spielverlagerung.de/2017/11/05/schuechterne-lichtblicke-in-hamburg/#comments Sun, 05 Nov 2017 18:05:13 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=42078 Mit etwas Verzögerung ergreift der HSV die auf dem Silbertablett liegende Chance zu einem Befreiungsschlag. Gegen zehn Stuttgarter waren die Hamburger eigentlich ganz gut aufgestellt, wegen Unsicherheiten in Entscheidungsfindung und konsequenter Raumnutzung blieb der Sieg aber lange Zeit in der Schwebe.


Unter für die Hausherren schlechten Vorzeichen stehend, nahm die Begegnung zwischen dem HSV und dem VfB einen ganz anderen Verlauf als erwartet. So trat Markus Gisdols Ankündigung einer „Veränderung“ in gewisser Weise ein. Personell hatte der Hamburger Coach vollendete Tatsachen geschaffen und die beiden offensiven Nachwuchshoffnungen Ito und Arp (wurde dem Hype durchaus gerecht; Zurückhaltung wird an dieser Stelle mit Überschriftenwortspielen geübt) von Anfang an in die wieder zurückgekehrte 4-2-3-1-Formation beordert. Insgesamt zeigte sich der HSV verbessert, hatte früh alle Trümpfe in der Hand, aber agierte auch noch mit viel Unsicherheit bei der Ausnutzung dieser Chance.

Frühe Räume neben den Sechsern

Startformationen

Startformationen

Von Beginn bis zum Platzverweis war es ein sehr dynamisches Spiel, in dem beide viel Pressing spielten und dabei verschiedene diagonale Nachrückbewegungen in die erste Linie nutzen. Als Folge ging es dann darum, dass dahinter etwas unorthodox nachgeschoben wurde und bei langen Bällen die Rückzugsbewegung nicht immer schnell genug greifen konnte. Der HSV setzte solche weiten Zuspiele etwas weniger ein als sonst, Stuttgart gezwungenermaßen etwas häufiger als sonst, bedingt durch die 4-2-1-3-Pressingphasen der Hausherren. Einige Abpraller konnte der VfB neben der gegnerischen Doppel-Sechs aufnehmen, links über den eingerückten Özcan, um den sich manche gute Gruppenstaffelung samt entsprechender Ansätze ergaben, und rechts über die sehr offensive Rolle von Beck.

Dessen Einbindung bzw. eigentlich die gesamte hochgeschobene Charakteristik der rechten Seite des 4-2-3-1 zeigte sich aggressiver ausgelegt als schon in anderen Partien, dafür nicht so ganz balanciert. Auch gegen den Ball „hing“ die Formation der Schwaben zu jenem Flügel und Asano versuchte oft Mavraj anzulaufen, in der Umsetzung erfolgte das aber zu individuell und mechanisch. Dadurch wurde Beck also zu riskantem Nachrücken gezwungen und dahinter mussten beim Durchsichern sowohl Baumgartl als auch der ballnahe Sechser viel improvisieren. Das geschah aus einer Spielweise heraus, in der die beiden Akteure vor der Abwehr überhaupt eher breit – wohl gegen den grundsätzlichen Flügelfokus des HSV – orientiert waren und eine weiträumige Rolle sehr individuell umsetzen durften. Taktisch hatte das schon einen Sinn, richtig optimal abgestimmt wirkte es aber nicht.

Zwischen den Sechsern gelegene Lücken besetzte der HSV zwar nicht immer konsequent. Man sah die entsprechende Problematik aber indirekt, wenn bei den Stuttgartern die Spieler sich gegenseitig nicht so zuverlässig absichern konnten oder bei abgeprallten Bällen etwas unsicher oder leicht chaotisch wirkten. Wenn Baumgartl mal sehr weit nach außen nachschieben musste, wurden schnell die Abstände in der letzten Reihe ungleichmäßig. Auch für Hamburg lagen die interessanten Räume potentiell neben dem gegnerischen Mittelfeld: In tieferen Zonen beispielsweise konnte sich der umtriebige Hunt einige Male neben der zweiten Pressinglinie für leichte Pässe von Mavraj anbieten, weiter vorne dann insbesondere Ito um die gegnerischen Sechser herum lauern. Durch die Disharmonien in ihrer Asymmetrien waren die Gäste insgesamt nicht ganz so gut im Spiel wie der HSV. In unruhigen Phasen gingen beide Teams situativ immer mal wieder stärker zu Mannorientierungen über.

Faktor Pressinghöhe

Viele grundlegende Elemente der Partie, die sich schon in der flotten unmittelbaren Anfangsphase abzeichneten, blieben auch danach prägend, obwohl sich mit dem merkwürdigen Platzverweis gegen die Schwaben ganz früh im Spiel das Bild doch auch entscheidend veränderte. Für Stuttgart wurde es gegen die spielbestimmenden Hausherren nun zunächst einmal gewissermaßen eine Frage der Pressinghöhe: Sie zogen sich nicht nur automatisch weiter zurück, sondern schienen auch bewusst im strategischen Verhalten mehr Vorsicht walten zu lassen. So fokussierten sich etwa die offensiven Flügel – zumal gegenüber den weiträumigen Sechsern – klarer auf die positionelle (sofern man nicht klare Pärchenbildungen am Flügel zu verteidigen hatte) Disziplin und rückten (teilweise zu passiv gegenüber den Zentrumsspielern) eng ein. Das war aber kein einschneidender, radikaler Wechsel, sondern eine Akzentverschiebung, bei der eine gewisse Variation bestehen blieb.

Ungefähre Grundformationen nach dem Platzverweis

Ungefähre Grundformationen nach dem Platzverweis

Weiterhin die Flügelstürmer – nun aus dem 4-2-3 – im Pressing nach vorne ziehen zu lassen, war jetzt aber schwieriger umsetzen und ermöglichte dem HSV eher Raum am Flügel, wo sie nach Verlagerungen schnell Offensivpräsenz zum Strafraum herstellen konnten. Beispielsweise tauschten bei höheren Zirkulationsphasen häufiger Ito und Diekmeier die Positionen auf rechts, so dass Ersterer dann Bälle aus der Tiefe nach vorne trug. Auf der anderen Seite stellte das Anliegen, über die hohe Beck-Rolle zusätzlich neben Asano Druck zu machen, ein Risiko dar: Wenn der Rechtsverteidiger nicht entscheidend in den Zweikampf kam, musste Baumgartl – noch mehr als ohnehin schon gegen den Zehner – viel Raum alleine verteidigen und die Restverteidigung noch vorsichtiger agieren, so dass keine Kapazitäten mehr beispielsweise für Herausrückbewegungen gegen Itos Einrücken blieben.

Nach diesem Muster entstand die Großchance für Diekmeier zum 2:0 – in einer Phase Mitte der ersten Halbzeit, in der Hamburg gegen mehr Vertikalität bei den Schwaben mal wieder mehr Druck zu erzeugen wussten. Mit einer etwas tieferen Haltung funktionierte es für den VfB zunächst einmal tatsächlich besser, auch wenn sich das gegnerische Ballbesitzübergewicht dadurch noch weiter ausweitete. Nach jener Riesenchance konnte der HSV dafür aber nicht mehr viel nachlegen, zumal schon das Führungstor per Freistoß gefallen war. Auch wenn aus schwäbischer Sicht erst einmal das Vorwärtsspiel sozusagen zurückgestellt wurde: Währenddessen legte der VfB doch merklich an Stabilität zu und konnte die diagonalen Halbraumwege in Strafraumnähe wesentlich besser verdichten.

Konstellationen im Angriffsbereich

Nach vorne ging aber wenig: Der offensive Fokus lag auf der rechten Seite, gegen das Herausrücken von Kostic. Schon zuvor hatte Arp beim Anlaufen immer wieder erfolgreich versucht, die Wege über Pavard abzuschneiden und Stuttgart den Aufbau über jene Seite aufzudrängen. Die Schwaben versuchten mit diagonalen Flugbällen den Raum im Rücken des Serben zu bespielen, wo hinter Becks weitem Aufrücken sich nun Aogo sehr konsequent mit auf die Seite schob. Bei Hamburg änderte sich nach dem Platzverweis die Anschlussorganisation insofern, dass Douglas Santos weniger herausrückte und – als in der Restverteidigung nicht so risikoreiche Variante – vielmehr Sakai weit auf den Flügel nachschob. Zu diesem Stabilitätsmotiv passte auch die tendenzielle Zuordnung, dass Ekdal sich zentral nicht einfach nur im Sechserraum positionierte, sondern knapp vor Ginczek hielt, der als weiterer optionaler Zielspieler beachtet werden musste. Die Rollen der offensiven Flügel hätten beim VfB noch etwas vielfältiger sein können.

Wenn der Gast sich also nun erst einmal über die Defensive definierte und darauf fokussieren musste, machte es dagegen für den HSV in Überzahl durchaus Sinn, den Ball um das gegnerische Konstrukt laufen zu lassen und im Zweifel mit einem Zurückfallen Hunts und viel Halbraumpräsenz außerhalb der Defensivformation Kontrolle zu generieren. Strategisch taten sie das teilweise recht gezielt und machten das ordentlich. Besonders im defensiven Mittelfeld bewegten sich die Stuttgarter dagegen aufmerksam und der HSV mied somit den Zwischenlinienraum oft, teilweise zu viel. Stattdessen ließen sie den Ball um den Block herum laufen und suchten die Offensivwege eher von den Außenbahnen, entweder mit Flügelangriffen oder von dort durch Horizontaldribblings.

Ordentliche Zirkulation und die Timingfrage

Diese fügten sich in einen ambivalenten Eindruck: Sie boten viel Potential und wurden mit gegenläufigen, raumschaffenden Bewegungen des Mitspielers gekoppelt. Vom Timing her drängten die Dribbler aber zu oft bei gleichzeitigem Ausweichen der Kollegen in die Mitte und mussten aufpassen, nicht in gegnerische Überzahlen hineinzulaufen. Erwartungsgemäß nach den letzten Wochen gab es beim HSV neben Licht auch viel Schatten. Die Übergänge aus der strategisch sinnvoll gewählten Zirkulation in die weiteren Angriffe wurden also nicht unbedingt optimal gesetzt, eben zu häufig in Form jener Dribblings. Dagegen dienten die Halbräume vor der gegnerischen Mittelfeldreihe rein der Zirkulation, aber kaum – in zusätzlicher Funktion – als Ausgangspunkt für die Angriffseinleitung.

Manchmal passte Hunts häufiges Zurückfallen gut und manchmal weniger gut, aber insgesamt wären schon Möglichkeiten da gewesen, um gegen die trotz guter Improvisation nicht ganz sauber herausschiebenden Stuttgarter Sechser die Überzahl im Mittelfeldzentrum klar als 3gegen2 auszumanövrieren. Hier hätte Hamburg noch aggressiver und energischer auch mal versuchen können, per Mittelfeldspiel zwischen die Linien einzudringen, zumal Konter seit dem Platzverweis viel weniger zu befürchten waren. Punktuell bot sich Hunt dann stattdessen um das Strafraumeck für kurze Pässe von den Außenpositionen an und wurde dort auch häufiger bedient. In jenen Räumen konnte er aber – sofern er also nicht zur Grundlinie zog – lokal von Stuttgart in Überzahl gestellt werden.

Auch wenn sie Potential liegen ließen und sich die einzelnen „Puzzleteile“ beim HSV selten wirklich harmonisch zusammenfügten, sondern eher für sich wirkten: Iinsgesamt ging der Hamburger Auftritt schon in Ordnung. Vor allem die grundsätzliche Organisation passte als Positivelement: Mit den halbraumfokussierten, vielleicht etwas zu weit auffächernden Sechsern, der weit pendelnden Rolle des überall auftauchenden Hunt, situativem Einrücken Itos und der unterschiedlichen Außenverteidiger-Einbindung gab es manchen Lichtblick. Allein die Raumnutzung und die Entscheidungsfindung standen als Problempunkt dahinter zurück. So wurden viele Angriffe, hinter denen viel Aufwand steckte, einfach schlecht ausgespielt.

Der HSV findet spät den richtigen Moment und die richtige Dosierung

In vereinzelten Szenen brachten selbst große Zentrumslücken oder aussichtsreiche Konter nichts ein, weil die Spieler anstelle eines zielstrebigen Umgangs mit der Situation einfach unpassend abwarteten, bis sich eine seitlich überlaufende Anspielstation ergeben hatte. Eine wirkliche Problematik erwuchs daraus erst in der zweiten Halbzeit, zuvor standen mehrheitlich zumindest konstruktive Versuche. Kurzzeitig gab es bei Stuttgart aus einem engen 4-2-3 mit mehr Fokus auf das Verschließen des Sechserraums und einzelnen guten lauernden Bewegungen der Flügel wieder eine druckvollere – wenngleich nicht unbedingt höhere – Phase, in der sie hinter dem ballnahen Pressingmoment teilweise riskant mit drei Mannorientierungen gegen drei Angreifer restverteidigen mussten.

Danach wurde das Ganze wieder 4-4-1-hafter. Hier verpassten es die Hanseaten, auszunutzen, dass der VfB nach der langen Unterzahl die Sauberkeit in Positionsabdeckung und Verschieben nachließ. Erstens wirkte sich im Hamburger Ballbesitzspiel der potentielle Problembereich Raumnutzung auch vermehrt aus, nicht zuletzt, weil er nun wichtiger wurde. Denn: Zweitens hätte es in jener Phase strategisch einer stärker attackierenden Haltung bedurft. Die einzig wirklich klar schwache Phase von Entscheidungsfindung und Raumnutzung fiel dann in dem Abschnitt zwischen dem Ausgleich und der erneuten 2:1-Führung. Die Entstehung jenes Tores war wiederum mal eine Szene, in der die Halbräume nicht nur als Durchlaufstation dienten, sondern offensiver bespielt wurden – und dann ergaben sich auch direkt Überzahlmöglichkeiten.

Davor hatte der HSV immer wieder konsequent versucht, den Gegner breit zu ziehen, und das auch gut gemacht, aber solche Chancen dann verpasst und entsprechend aus den Effekten der breiten Zirkulation wenig Effekt ziehen können. Für den VfB war die tiefere Verteidigung nunmehr auf Dauer doch zum Problem geworden – in dem Moment eben, in dem der HSV seinen eigenen entscheidenden Knackpunkt fand. In einem kurzem Zeitraum spielte der HSV mal einige Angriffe einfach offensiver in die Zwischenräume – und schon zeigte sich, als dann auch die entsprechenden durchschlagskräftigen Aktionen genau in jenen Momenten kamen, wie viel Potential das gebracht und wie lohnenswert das hätten sein können. So geschah das nun doch noch: Im Eiltempo machte der HSV den lange auf dünnem Eis liegenden Sieg klar.

Fazit

Ein seltsames Spiel doch insgesamt: Dermaßen frühe Platzverweise machen es oft schwer, allzu viel generelle Dinge zu einer Partie zu sagen. Aus Hamburger Sicht wird man trotzdem manch Positives aus der Begegnung mitnehmen und sich über einige weitere Lichtblicke freuen können. Ein Schritt in die richtige Richtung ist doch immer ganz nett, in diesem Fall kann man den schon auch allgemeingültig sehen.

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Blick über den Tellerrand – Folge 46 http://spielverlagerung.de/2017/10/30/blick-ueber-den-tellerrand-folge-46/ http://spielverlagerung.de/2017/10/30/blick-ueber-den-tellerrand-folge-46/#comments Mon, 30 Oct 2017 22:56:40 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=42051 Während Köln sich gegen die Krise stemmt: Was macht eigentlich das neue Team von Modeste in China? Zudem fällt dieser Blick über den Tellerrand auf das Stadtderby in Porto und einen spielstarken Linksverteidiger, der im Sommer von der Fußballbühne abtrat.

Wo es (recht) gut läuft: Tianjin Quanjian

Vor gut einem halben Jahr wurde an dieser Stelle schon einmal über Tianjin Quanjian aus der chinesischen Super League gesprochen, bei denen Fabio Cannavaro sein Debüt als Profitrainer feiert. Zum damaligen Zeitpunkt hatte es nach den ersten paar Partien einen durchwachsenen Start gegeben. Kurz vor Saisonende sieht es bei Quanjian – übrigens die Mannschaft, die mittlerweile Anthony Modeste unter Vertrag hat – so aus, als könne der Italiener in seiner ersten Spielzeit als Coach direkt einen oberen Tabellenrang – und vielleicht den Einzug in die AFC Champions League – verbuchen. Diese „Erfolgsgeschichte“ stand und steht aber zumindest auf nicht ganz sicherem Boden. Viele Elemente aus dem Frühjahr lassen sich aktuell weiterhin feststellen.

Wollte man es auf eine kurze Formel bringen, könnte man bei Tianjin Quanjian von einer Spielweise mit vielen vertikalen Aktionen und attackierendem Aufrückverhalten sprechen, in der Summe dann auch mit entsprechender Weiträumigkeit, wie sie beispielsweise einem Modeste nicht ungelegen kommt. Fluidität kann man dabei innerhalb der Grundräume und im Zuge bestimmter Rochademechanismen – klassisch zwischen Achter und Flügelstürmer, sowie den Pärchen auf den Außenbahnen – in hohem Maße verorten, allerdings werden temporär unbesetzte Räume bei Ballbesitz nicht immer gemeinschaftlich positionell aufgefüllt.

Häufige Besetzungen der letzten Wochen

Häufige Besetzungen der letzten Wochen

Aus dem nominellen 4-3-3 Quanjians heraus zeigen die beiden Achter im Aufbauspiel abwechselnd weite Vorstöße in die hohen Offensivzonen. Dies bildet ein prägendes und wiederkehrendes Moment. Trotz der flexiblen Umsetzung bleibt Witsel – mittlerweile tiefster Akteur – oft allein im Mittelfeld. So ergibt sich aber eine akute Gefährdung, die Anbindungen nach vorne zu verlieren. Gegen ein Angriffspressing, wie es Hebei CFFC im vorletzten Spiel über regelmäßige Phasen praktizierte, führte das zu Problemen: Die fünf hinteren Akteure bei Tianjin fanden kaum Anspielstationen und so gelang es selten, sich aus diesen Situationen herauszuspielen. Daher operiert das Team auch häufiger mal mit langen Bällen. Dafür hat sich mit Modeste mittlerweile ein passender Zielspieler herausgebildet, der vor allem den Rechtsaußen mit Weiterleitungen als auch Pato kreativ mit kurzen Kopfballablagen oder Hackenpässen bedienen kann.

Möglich sind natürlich gezielte und stringente Eröffnungsmuster am Flügel entlang. Auch diese Route praktiziert Tianjin mit Vertikalpässen der Außenverteidiger auf ihre Vorderleute, von denen sich beispielsweise Pato auch schon mal ballfordernder zurückfallen lässt. Die Spielstärke von Zhang Cheng und Mi Haolun hilft dabei natürlich, beide wurden zuletzt aber nicht mehr so konsequent gesucht und Letzterer musste zudem einige Partien aussetzen. So kann sich aufgrund der Achterrollen dann dasselbe Anbindungsproblem erneut ergeben, nur eben in anderen Zonen. So gab es schon manche Partien, in denen die Mannschaft etwas zu „regelmäßig“ Ballverluste und Konter hinnehmen musste.

Von der Sechs organisiert Witsel sein Mittelfeld nicht immer ganz konsequent auf Gegenpressing, sondern eher auf individualisierten Rückzug. Markant ist das hinter den weit aufrückenden Außenverteidigern eng und zentral bleibende Verhalten der Innenverteidiger in der Absicherung. Sie bleiben lieber etwas tiefer und schieben aus ihrer Position nur bedingt diagonal in die Anschlussräume nach. Gegen diese Gesamtkonstellation kann ein Gegner somit vergleichsweise viele Konter auslösen, dafür allerdings auch selbst im Umschalten die beiden verbleibenden Sicherungskräfte praktisch nie vor dem Angriffsdrittel schon überspielen. Teilweise treten bei Tianjian also etwas unorthodoxe Konstellationen zwischen Kompaktheit und torseitiger Restverteidigung zutage.

Generell lässt sich der Befund auf alle „defensiven Phasen“ ausweiten: Einerseits sind kleinere Schwächen in der Kompaktheit – etwa durch zu riskant koordiniertes Herausrücken des Mittelfelds im zweiten Felddrittel – zu konstatieren, in den Situationen selbst ist ansonsten das mannschafts- und gruppentaktische Verhalten jedoch recht gut: Positiv zeigen sich die gute Ballorientierung des Mittelfelds beim Verschieben zum Flügel – schon im April sehr wichtig – und die Balance in der Staffelungsfindung. Bei sehr dynamischen Szenen – vor allem natürlich im defensiven Umschalten – zeigen die Achter mitunter herausragende Rückwärtspressingkationen, aber ohne Konstanz, beim scheinbar sicheren Rückzug zum Strafraum gegen Flügelangriffe gibt es in guten Staffelungen wieder manche Nachlässigkeit mit der Kompaktheit.

Die Situation im Aufbauspiel wird etwas komplexer dadurch, dass die vielseitigen, in ihrer Balance jedoch problematischen Aufrückbewegungen der Achter mit bestimmten Abläufen gekoppelt sind. So geht ein typisches Muster in die Richtung, dass der halbrechte Mittelfeldmann genau dann vorstößt, wenn der rechte Innenverteidiger andribbelt. Im Stadtduell gegen Tianjian Teda war dies beispielsweise ganz fokussiert zu sehen. Im besten Fall kann sich dadurch passend ein raumöffnender Effekt ergeben und dem Defensivmann die Möglichkeit zum weiten Vorstoß geben. Gleichzeitig lief sich der andere Achter quasi rückwärts im ballfernen Halbraum frei, um bei Bedarf dort eine Verlagerung zu erhalten.

Die weiten Aufrückbewegungen der Achter können die Verbindungen verringern und flache Staffelungen hervorrufen, wie hier angedeutet, passen mit andribbelndem Aufrücken eines Innenverteidigers aber wiederum zusammen und böten dabei theoretisch auch ein Potential.

Die weiten Aufrückbewegungen der Achter können die Verbindungen verringern und flache Staffelungen hervorrufen, wie hier angedeutet, passen mit andribbelndem Aufrücken eines Innenverteidigers aber wiederum zusammen und böten dabei theoretisch auch ein Potential.

Fortgang dieser Szene gegen Tianjin Teda: Witsels Bewegung nach halbrechts vorne hat den gegnerischen Zehner weggezogen. Dadurch verlor der Gegner Präsenz auf der anderen Seite und Kompaktheit zum Stürmer. So wurde das Andribbeln nicht umgesetzt, sondern vielmehr die Zirkulation nach halblinks gesucht. Dem Achter bieten sich dort Möglichkeiten im Halbraum. Der gegnerische Flügel versucht herauszurücken, kann aber auch wegen seltsamer Orientierung des ballnahen Sechsers (schräg nach innen) nicht wirklich Effektivität entwickeln. Entsprechend wird es für Tianjin Teda schwer, abgesichert zum Flügel nachzuschieben, wo Pato Raum erhält und vor der Rückzugsbewegung noch den Diagonalweg zu Mittelstürmer Modeste anvisieren kann.

Fortgang dieser Szene gegen Tianjin Teda: Witsels Bewegung nach halbrechts vorne hat den gegnerischen Zehner weggezogen. Dadurch verlor der Gegner Präsenz auf der anderen Seite und Kompaktheit zum Stürmer. So wurde das Andribbeln nicht umgesetzt, sondern vielmehr die Zirkulation nach halblinks gesucht. Dem Achter bieten sich dort Möglichkeiten im Halbraum. Der gegnerische Flügel versucht herauszurücken, kann aber auch wegen seltsamer Orientierung des ballnahen Sechsers (schräg nach innen) nicht wirklich Effektivität entwickeln. Entsprechend wird es für Tianjin Teda schwer, abgesichert zum Flügel nachzuschieben, wo Pato Raum erhält und vor der Rückzugsbewegung noch den Diagonalweg zu Mittelstürmer Modeste anvisieren kann.

Dafür passte wiederum auch die Abstimmung mit Witsel sehr koordiniert, der etwa in jener Derbypartie ebenfalls Ausweichläufe beisteuerte. Wenn das gegnerische Mittelfeldband dagegen an Kohärenz einbüßte oder sich horizontal gegen den Vorstoß des Innenverteidigers zusammenziehen musste, war es dem ballfernen Achter möglich, Passwege zum Flügelaufrücken oder gar in den Halbraum zu bespielen. Dann kam Quanjian auch mal sehr kontrolliert in die vorderen Zonen. Generell gibt es auf den Außenbahnen als Ergänzung entsprechende Bewegungsmuster der dortigen Pärchen, die sich Flügel- und Halbraumbesetzung aufteilten. Gruppentaktisch hatten sie hier schon früh in der Saison eine gute Dynamik entwickelt, stützten sich in ihren ersten Partien vor allem auf Dreiecksabläufe an den Außenbahnen.

Vor diesem Hintergrund hat sich bei der Mannschaft Cannavaros eine Ambivalenz entwickelt, dass die Leerstellen des Anbindungsproblems teilweise von gut angelegten Mechanismen gefüllt werden. Anders gesagt: Wenn Quanjian diese eigene Schwäche in einzelnen Situationen mal beheben kann, entstehen mitunter sofort sehr gute Strukturen: Vor allem Wang Yongpo bietet sich mit vorstoßenden Diagonalläufen teilweise sehr klug genau in den strukturellen Problemzonen der gegnerischen Formation für Zuspiele etwa des Außenverteidigers an. In ihrer besten Saisonphase Mitte Juli sorgte schon eine kleine Balancesteigerung in der Umsetzung, wie genau die Aufrückbewegungen der dann nicht ganz so offensiven Achter stattfanden, zu einem deutlichen Leistungsschub bei Quanjian.

Zuletzt beim Derby gegen Tianjin Teda gab es einige Szenen, in denen Zhao Xuri sich von der Achterposition zunächst nach außen freilief und im Anschluss wieder sehr gut in die Schnittstelle der gegnerischen Mittelfeldkette einrückte. Allerdings konnten sie in jener Begegnung daraus im Endeffekt lange Zeit nichts Zählbares machen, obwohl der Gegner mit einer phasenweise zockenden Rolle auf der abwechselnd von Aloísio und Lavezzi besetzten Linksaußenposition sogar noch zusätzlichen Raum anbot. Über diese Bereiche kamen sie zwar mehrmals gut nach vorne, verschwendeten aber zahlreiche Szenen. Ein entscheidendes strategisches Problem der Mannschaft von Fabio Cannavaro – in ihrer allgemein vertikalen Anlage – liegt in einer Art von Entscheidungsfindung, in der sie oftmals viel zu früh den offensiven Pass in die Spitze versuchen.

Bei Kontern ist das nicht so problematisch: Da die drei Stürmer kaum bis an den Strafraum zurück verteidigen, haben sie gute Umschaltvoraussetzungen, zumal bei Typen wie Pato und Modeste mit ihren interessanten Absetzbewegungen. Ansonsten machen sie sich aber mit ihrer übervertikalen Art sogar viele Schnellangriffe selber kaputt. Zudem neigen sie in allen Spielphasen durch die Achterrollen dazu, in ihren Staffelungen an der letzten Linie zu flach zu werden – ein typisches Dilemma ihrer Saison. Wenn ein Stürmer aber einen langen Ball festgemacht hat und somit Ballbesitz im Angriffsdrittel gesichert ist, zeigt der Rhythmus ein gegenteiliges Bild: Gegen einen tiefstehenden Gegner verhält sich Tianjin wesentlich geduldiger. Bietet sich im eigenen Aufrückverhalten gerade keine sinnvolle offensive Möglichkeit, wählen sie recht passend das Warten und den Weg in die Rückzirkulation über das äußere Formationsgerüst. Teilweise lassen sich über kombinativ ankurbelnde Aktionen der Achter doch wieder Spielzüge aufnehmen.

Spiel der Woche: Boavista FC – FC Porto 0:3

büdt-46-boavista-vs-portoFußball ist ein komplexer Sport. Das kommt manchmal gerade dann zur Geltung, wenn man es gar nicht so sehr erwartet: Beispielsweise sind manche scheinbar simple Duelle zweier 4-4-2-Teams mit weiträumigen Prägungen teilweise in ihren Wechselwirkungen sogar besonders kompliziert, nicht nur durch gewisse Zufallseinflüsse, sondern aufgrund der potentiell hohen Wirksamkeit von schwierig fassbaren Details. Ein bisschen in diese Richtung ging am späten Samstagabend das Stadtderby in Porto zwischen dem europaweit gut bekannten Mehrfachmeister FC Porto und dem um 2000 mal ganz erfolgreichen, dann aber zwischenzeitlich gar drittklassigen Boavista. Prägend für die beiden 4-4-2-Formation in dieser Begegnung waren besonders die jeweils hohen Ausrichtungen der Offensivabteilungen, mit viel Präsenz, aber auch viel Bewegung an der letzten Linie.

Potentiell konnten beide Teams die Innenverteidiger des Gegners im Pressing aggressiv zustellen. Die allerletzte entscheidende Kontrolle brachte dagegen letztlich keine Mannschaft nachhaltig zustande. Die Gäste in Blau hatten insgesamt etwas mehr vom Spiel, mussten aber ebenfalls viel mit langen Bällen eröffnen. Statistisch schlugen am Ende beide Teams 20 % ihrer Zuspiele weit nach vorne. Bevorzugt suchten die Außenverteidiger der Gäste den Ball in den Rücken ihrer gegnerischen Pendants, wohin sich die wuchtigen, athletischen Angreifer immer wieder freiliefen. Das Raumöffnen gegen lose Mannorientierungen der Außenverteidiger funktionierte zwar, aber selten konnte Porto – eine Ballsicherung durch den Stürmer schon vorausgesetzt – dann stabile Anschlussunterstützung herstellen, vor allem nicht, wenn sich der jeweilige Angreifer mal etwas tiefer für den Direktball angeboten hatte:

Der Grund hierfür lag in der wichtigsten Defensivstärke Boavistas, der guten Ballorientierung ihrer Doppel-Sechs im Verschieben. Vor allem der jeweils ballnahe Akteur bewegte sich weit zur Seite herüber und füllte im Dreieck zwischen Flügelspielern und dem herausgeschobenen Innenverteidiger die passenden Räume auf. Versuchte sich ein Stürmer Portos zurück in die Mitte zu lösen, unterstützte er geschickt, um diesen zu isolieren. In Halbzeit eins konnte Boavista den Stadtrivalen häufiger auf dessen rechte Seite – weg von Brahimi – leiten, wo jener Mechanismus gegen den besonders weit nach außen tendierenden Marega gut funktionierte. Vielversprechender war es für die Blau-Weißen, auch aus seitlichen Zonen die langen Bälle in mittige Bereiche zu spielen – und das, obwohl sich Boavistas Flügelspieler nicht nur wegen des Anschlusses an die weit verschiebenden Sechser recht eng formierten.

Das Potential für „Oporto“ entwickelte sich vor allem aus Abprallern. Sprangen diese nach hinten in den eigenen Ballbesitz auf die lauernden Danilo und Herrera, konnte man das Spiel über schnelle Verlagerungen auf die nachstoßenden Außenverteidiger öffnen und so einfach zügiger in Richtung Grundlinie marschieren. Links klappte jenes Raumschaffen wegen Brahimis Einrücken häufiger. Dieser trieb sich dabei immer wieder vor den zwei gegnerischen Defensivketten herum und versuchte im Anschluss an zweite oder lose Bälle dort anzukurbeln. Allerdings kamen kaum Synergien mit den Sechsern zustande, die im Gegenzug nur wenig als Ergänzung in die Offensivzonen drängten. Das reichte dann selten gegen die gruppentaktisch stimmige Konstellation im Mittelfeld Boavistas, welches mit Anpassungsfähigkeit und intensivem Nachsetzen auffiel.

Wenn die beiden Stürmer neben der Pressingkoordination auch noch Sechser Danilo zustellten, kontrollierte die zweite Linie dahinter weiträumig fast sämtliche Versuche des Favoriten und konnte situative Freilaufbewegungen eines Flügelstürmers in den Halbraum im Normalfall per Überzahl aufnehmen. So entwickelte sich ein insgesamt sehr chancenarmes Spiel. Auch Boavista gelang nach vorne wenig, trotz phasenweise stärkerer Linksüberladungen durch die Dynamik der schlaksigen Kuca und Yusupha. Gute Akzente gingen immer wieder von David Simão aus, aber die 4-4-2-Struktur reichte wie beim Gegner nicht für ausreichende Kontrolle im Mittelfeldzentrum. So gab es viele lange Bälle, punktuelle Gefahr deutete sich mal über Espinho an, der sich recht gut diagonal hinter den gegnerischen Außenmittelfeldspielern freilief.

Letztlich entschied sich die Partie in Halbzeit zwei: Porto ging aus dem Nichts in Führung, nachdem sich Aboubakar mal für einen Querpass fallen ließ, sich gegen zwei Mann durchsetzte und so Raum für eine Verlagerung generierte. Danach musste Boavista irgendwann offensiver werden, wechselte später auch recht angriffslustig mit veränderter Besetzung des 4-4-2. Erhöhtes Risiko wirkte sich in der ohnehin umkämpften und von langen Bällen geprägten Spielcharakteristik aber stets in Form von steigender Tendenz zu Wildheit und Chaos aus. In der Schlussphase verlor der Gastgeber zunehmend die Organisation und die Konsequenz in der Absicherung, fing sich per Schnellangriff und per Konter noch zwei späte Gegentreffer. So ging eine Serie von vier ungeschlagenen Partien für das gut mithaltende Team von Jorge Simão zu Ende, während auf der anderen Seite Coach Sergio Conceição über die Rückkehr an die Tabellenspitze jubeln durfte.

Spieler der Woche: Maxwell

Im vergangenen Sommer ging eine schillernde Fußballerkarriere zu Ende, die man so vielleicht gar nicht unbedingt auf dem Schirm hat: Mit 37 internationalen Vereinstiteln zählt man Maxwell zu den am besten dekorierten Spielern überhaupt – gelungene Klubwahl mag man dem brasilianischen Linksverteidiger da attestieren. Schon sehr früh führte in sein Weg nach Europa, bei Ajax erlangte er zu Beginn dieses neuen Jahrtausends größere Bekanntheit, ehe dann die Stationen Inter, Barca und abschließend für mehrere Jahre PSG – wo er nun nach der aktiven Laufbahn direkt den Posten als Sportdirektor übernommen hat – folgten.

Selten war Maxwell in diesen erfolgreichen Mannschaften eine tragende Hauptfigur, vielmehr ergänzte er seine Teams stets gut. Mit seiner Vielseitigkeit fand er sich in verschiedenen Rollen zurecht, wenngleich er vor allem in den letzten Jahren hauptsächlich als klassischer Role-Player auf der Linksverteidigerposition fungierte. Er spielte solide und vor allem unaufgeregt, ohne große Hektik, strategisch nicht herausragend, ohne den großen struktur- und taktgebenden Einfluss, in Stellungsspiel und Positionsfindung mit nüchterner Zuverlässigkeit, in der Entscheidungsfindung manchmal etwas zu gleichförmig. Interessant war der Brasilianer vor allem als offensiver Spielertyp, durch seine Beiträge für die Phasen eigenen Ballbesitzes.

Technisch hatte er sehr viele Fähigkeiten, nutzte das auch im Passspiel immer wieder regelmäßig als eine seiner vielleicht wichtigsten Stärken: Wenn sich Optionen für diagonale Zuspiele in Zwischenräume boten, nahm sie Maxwell ziemlich konstant war und konnte sie sozusagen aus dem Stehgreif nutzen. In jüngeren Jahren verband sich das noch stärker mit Drang in die Angriffszonen, zumal aus offensiveren Positionen heraus, wie häufig bei Ajax. Dann spielte er noch ankurbelnder und vor allem weiträumiger, band sich gezielter mit Diagonalläufen ein. Diese Kombinationsstärke ging zwischen der ansonsten weitgehend unspektakulären Spielweise fast unter. Als Illustration kann diese einfach auch nett anzuschauende Top10 seiner Ajax-Tore dienen:

Prinzipiell hätte er sich noch aggressiver einbinden und damit für die Offensivzonen zu einem dominanteren, bestimmenderen Spielertyp werden können, dazu hatte er dann aber wohl auch nicht die entsprechenden Teams. Vielmehr passte er in jenen mannschaftlichen Umgebungen dann jeweils sehr gut als situationslösender, punktuell kreativer Mitspieler. Insgesamt kann man festhalten: Maxwell war schon ein ziemlich guter, moderner und wendiger Spielertyp, eigentlich eher eine dezent bleibende Künstlerseele. Nette Randnotiz übrigens: Gewissermaßen als seinen eigenen Ersatz hat er selbst für diese Saison Linksverteidiger Yuri Berchiche von Real Sociedad verpflichtet, der für PSG eine hilfreiche Alternative werden sollte. Mit ebenfalls diagonalen und auch ankurbelnden Ansätzen sowie guter Passgewichtung hat dieser in La Liga schon auf sich aufmerksam gemacht.

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Rudy killt Leipzig nach 11 Minuten http://spielverlagerung.de/2017/10/30/rudy-killt-leipzig-nach-11-minuten/ http://spielverlagerung.de/2017/10/30/rudy-killt-leipzig-nach-11-minuten/#comments Mon, 30 Oct 2017 22:12:40 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=42045 Leipzig wollte sich eigentlich für das knappe Pokal-Aus im Elfmeterschießen revanchieren. Nach Orbans Ausschluss konnten die Bayern den Gast aus Leipzig nach Belieben dominieren und erklimmen mit einem ungefährdeten 2:0 die Tabellenspitze.

Grundformationen

Grundformationen

Beide Trainer änderten ihre Startelf im Vergleich zum Pokal-Spiel am Mittwoch. Hasenhüttl brachte dabei in seinem gewohnten 4-2-2-2 positionsgetreu Werner, Demme und Klostermann für Augustin, Kampl und Bernardo. Interessanter waren hierbei jedoch die Wechsel von Comebacker Jupp Heynckes. Dieser setzte nicht nur neuerlich auf Javi Martinez als Sechser vor der Abwehr, sondern brachte mit Rudy und James für Tolisso und Coman zwei Spielertypen, welche die Spielweise des Rekordmeisters grundlegend definieren sollten.

Man muss bei dieser Analyse jedoch auch eine klare Unterscheidung zwischen den ersten 11 Minuten und dem Rest der Partie vornehmen. In der Anfangsphase, welche noch im 11 gegen 11 stattfand, wiederholten sich viele Aspekte aus dem letzten Aufeinandertreffen. Die Bayern suchten mit Diagonalbällen von der linken Seite aus immer wieder Arjen Robben auf rechts und wollten dadurch die horizontale Kompaktheit der Gäste an ihre Grenzen bringen.

Die Leipziger hingegen versuchten mit hohem Offensivpressing die Bayern – explizit Hummels und Boateng – schon in der ersten Ballprogression zu behindern und so aus dem Konzept zu bringen. Es gab nichtsdestotrotz Unterschiede. Naby Keita war in der Anfangsphase beispielsweise öfter eine Reihe weiter vorne anzutreffen und gesellte sich im Pressing zu den Stürmern Werner und Poulsen. Komplettiert wurde das Angriffspressings-Quartett durch Marcel Sabitzer. Sein Pendant auf der linken Seite, Emil Forsberg, rückte hingegen nur sehr situativ heraus und versperrte lieber den ballfernen Halbraum neben dem verbliebenen Sechser Diego Demme.

Verstärkter Fokus auf Flügelwechsel auf Kosten des Zentrums

Es ist natürlich denkbar, dass sich diese asymmetrische Rollenverteilung ausschließlich dadurch ergab, dass die Hausherren im ersten Drittel ihre linke Seite besonders fokussierten. Doch gleichzeitig wirkte Marcel Sabitzers Orientierung fokussierter. So versuchte der Österreicher mit einem leicht modifizierten Umblickverhalten abzuschätzen, wann es möglich war seinen direkten Gegenspieler Alaba zu isolieren ohne dabei die Halbspur aufzureißen. Es schien kurzzeitig auch so, als könnten die Leipziger mit den leicht angepassten Rollen im Pressing die Bayern an ihren Spielzügen „von Seitenlinie zu Seitenlinie“ besser einschränken als noch im Pokal-Spiel. Ein dadurch entstandenes und grundlegendes Problem war jedoch die mangelnde Sicherung des Zentrums. Durch das vermehrte „Schielen“ auf die Außenspuren fehlte den Leipzigern oft die passende Orientierung, um die Spielfeldmitte zu verteidigen. Dies fiel jedoch bemerkenswerterweise nicht besonders ins Gewicht, wenn Keita rausrückte um eine Linie höher zu pressen, weil die Bullen hier eine sehr raffinierte Nutzung der Deckungsschatten zeigten und den Bayern so trotz fehlender Präsenz im Zentrum das Bespielen dieses Raumes untersagten.  Im Gegenteil: es wurde vor allem dann brenzlig, wenn der Guineer tiefer starten musste und dadurch quasi zum Rausrücken „zu spät“ dran war.

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Szene unmittelbar vor dem Ausschluss von Orban. Boateng spielt einen gar nicht mal so scharf gewichteten Pass auf Rudy. Dieser dreht sich beeindruckend am Leipziger Mittelfeld vorbei und steckt auf Robben durch.

Fast mustergültig konnten die Bayern eine solche Orientierungslosigkeit im Zentrum ausnutzen. Nach 11 Minuten war es Rudy, der auf Robben durchstecken konnte, und die Leipziger dadurch vorzeitig killte. Oder viel eher waren es die Leipziger, die sich durch die rote Karte selbst schwächten. Im Anschluss an eine – erneut strittige und langwierige – Videobeweis-Entscheidung flog letztenendes Kapitän Orban vom Platz. Die Bayern konnten kurze Zeit später das 1:0 nachlegen, wodurch die Partie früh gelaufen war.

Probleme in der Tiefenstaffelung nach dem Ausschluss

Die Leipziger waren gezwungen eine Sache zu machen, welche Pressingmannschaften wie ihnen fast schon traditionell das Genick bricht: die Gäste waren gezwungen abwartend, im tiefen Block zu verteidigen. In diesem tieferen Block entwickelte sich zwangsläufig eine modifizierte Vertikalstaffelung. Agieren die Leipziger üblicherweise – ähnlich wie Red Bull Salzburg und Leverkusen unter Roger Schmidt – am Liebsten in ihrem altbekannten 4-2-2-2, so wurden sie in Unterzahl immer öfter dazu gezwungen in einem 4-4-1, teilweise sogar vereinzelt in einem 4-5-0, zu verteidigen.

Der gravierende Unterschied zwischen dem 4-2-2-2 und dem 4-4-1 liegt hierbei auf der Hand. Im 4-2-2-2 haben die Leipziger schlichtweg eine Pressinglinie mehr zur Verfügung. Die Existenz dieser zusätzlichen Linie streckt einerseits die Formation gegen den Ball, geht in diesem Fall jedoch nicht zulasten der vertikalen Kompaktheit. Werden die Leipziger gezwungen in einem 4-4-2 – oder wie nach dem Ausschluss von Orban eben im 4-4-1 – zu verteidigen, verlieren sie ihre Adaptationsfähigkeit auf die Angriffe des Gegners, und können diesem die spielzugrelevanten Räume nicht mehr ohne weiteres verwehren. Durch die durchgehend hohe Kompaktheit ergeben sich immer weniger potentielle Zugriffsmöglichkeiten auf den Gegner, sollten diese von ihm anvisiert werden.

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Extrembeispiel: RBL im 4-5-0

Rudy und Thiago dominieren die Halbräume nach Belieben

Nachdem die Bayern den Bullen erfolgreich aufzwingen konnten, wie diese zu verteidigen haben, war es für den Rekordmeister ein Leichtes den Gegner nach Belieben zu dominieren. Dabei war vor allem die Halbraumbesetzung durch Thiago und Rudy beeindruckend. Die Bayern ließen oft den Zehnerraum (beziehungsweise sogar teilweise das gesamte Zentrum) frei und konzentrierten sich strikt auf die Halbräume. Dabei rochierten Rudy und Thiago immer wieder und tauschten hierbei die (Halb)Seiten. Vor allem wenn Rudy im rechten Halbraum landete, entwickelten sich starke Synergien mit Joschua Kimmich. Die Leipziger konnten ihre Orientierungen nicht schnell genug nachjustieren, um diese dynamische und flexible Nutzung der strategisch essentiellen Räume entscheidend zu erschweren.

Erschwerend kam hinzu, dass die Leipziger, nach dem Ausschluss von Orban, einen Stürmer opfern mussten und dadurch keinen adäquaten Druck mehr auf die erste Aufbaureihe der Bayern ausüben konnten. Boateng und Hummels hatten dadurch freie Hand und konnten sich dementsprechend in aller Ruhe auf ihre genauen Laserpässe in die Halbräume fokussieren, welche, wie bereits gesagt, auch dementsprechend besetzt wurden. Mit Thiago und Rudy hatte man aber auch die passenden Spielertypen, welche besonders stark darin sind, durchgehend eine relativ offene Stellung zum Ball einzunehmen und sich dadurch spielend leicht in den Laserpass der Innenverteidiger „einzudrehen“ und dementsprechend mit dem ersten Kontakt die Linie des Gegners zu brechen und mit Blick zum gegnerischen Tor das letzte Drittel des Gegners zu attackieren.

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Bayern fokussieren Halbraum statt Zentrum

Fazit

Nach dem Ausschluss von Orban und dem 1:0 durch James Rodriguez bestand prinzipiell kein Zweifel mehr an einem Erfolg der Bayern. Die Leipziger sind ambitioniert gestartet und schienen aus dem Ausscheiden im Pokal gelernt zu haben. Die gesteigerte Aufmerksamkeit auf die schnellen Flügelwechsel der Bayern schien jedoch zulasten der Orientierung in der Verteidigung des Zentrums zu gehen. Die Bayern konnten mit Thiago und Rudy eine dynamische und in den Halbräumen unheimlich starke Doppelacht aufbieten, welche die zwei letzten Linien der Leipziger vor unlösbare Probleme stellte. Gleichzeitig konnten die Gäste mit einem Mann weniger nicht mehr ausreichend Druck auf Hummels und Boateng ausüben, um diese an der konstanten Nutzung ihrer Laserpässe zu hindern. Ein kleiner Dynamik-Umschwung fand zwar noch nach der Auswechslung von Lewandowski statt, zu diesem Zeitpunkt war das Spiel jedoch bereits längst entschieden.

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TEs Bundesliga-Check: Gladiolen oder Ochsenstall, Herr Bosz! http://spielverlagerung.de/2017/10/30/tes-bundesliga-check-gladiolen-oder-ochsenstall-herr-bosz/ http://spielverlagerung.de/2017/10/30/tes-bundesliga-check-gladiolen-oder-ochsenstall-herr-bosz/#comments Mon, 30 Oct 2017 12:55:03 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=42041 Peter Bosz steht am Scheideweg. Gleich zweimal nacheinander verlor er gegen dieselbe Taktik. TE geht der Frage nach, wie man den BVB aktuell knackt, und fragt sich, warum niemand Hannover oder Augsburg hyped.

Spielverlagerung-Autor TE sucht sich nach jedem Bundesliga-Spieltag zwei bis drei Aspekte heraus, die er kurz und knackig analysiert. TEs Bundesliga-Check ist der Analysehappen für Zwischendurch – eine Spielwiese für taktische Beobachtungen, die in den ausführlichen Spielanalysen keinen Platz finden.

Bosz‘ System-Dilemma

Ein schönes Zitat aus dem Film Lucky Number Slevin lautet: „Wenn Dich das erste Mal jemand Ochse nennt, hau ihm auf die Nase. Wenn Dich das zweite Mal jemand Ochse nennt, nenn ihn Vollidiot. Und wenn Dich das dritte Mal jemand Ochse nennt, dann wird’s wohl Zeit, sich nach ’nem Kuhstall umzusehen.“ Borussia Dortmund wurde nun zum zweiten Mal Ochse genannt.

Eintracht Frankfurt hat sich in der vergangenen Woche ein 2:2 gegen den BVB erkämpft. Mindestens so aufsehenerregend wie das Ergebnis war das Wie: Frankfurt zwang Dortmund in einen offenen Schlagabtausch. Nur eine Woche später passierte genau dasselbe: Hannover lieferte sich mit Dortmund ein Duell, das von Strafraum zu Strafraum ging. Am Ende bezwangen sie den Tabellenführer 4:2. Das Auffällige: Sie waren taktisch sehr ähnlich auf- und eingestellt wie Frankfurt in der Vorwoche.

Wie sieht diese Anti-BVB-Taktik aus? Sowohl Frankfurt als auch Hannover setzten auf ein System, das man am ehesten als ein 5-2-1-2 bezeichnen kann. Es ähnelt in den Abläufen den derzeit weit verbreiteten 5-3-2-Formationen. Der kleine, aber feine Unterschied: Ein Zehner agiert vor einer Doppelsechs. Somit spiegelten Frankfurt und 96 die Dortmunder Mittelfeldaufstellung: Der Zehner klebte am Dortmunder Sechser Nuri Sahin, die Doppelsechs nahm Dortmunds Doppelacht in Manndeckung.

Ich benutze den Begriff Manndeckung bewusst, denn in der Tat wäre der bei uns häufig verwendete Begriff „Mannorientierung“ eine Untertreibung. Die Mittelfeldspieler hingen an ihren Gegenspielern, in jeder Situation, in jeder Position. Auch auf den Außen gingen die Außenverteidiger weit vor, um Dortmunds Außenverteidiger zu übernehmen. Es entstanden auf dem ganzen Feld praktisch Manndeckungen:

Manndeckungen bei Hannover gegen Dortmund. Aber auch Frankfurt spielte vor Wochenfrist bereits dieselbe Variante.

Manndeckungen bei Hannover gegen Dortmund. Aber auch Frankfurt spielte vor Wochenfrist bereits dieselbe Variante.

Dortmund hatte große Mühe, diese Manndeckungen zu bespielen. Die Innenverteidiger verfielen angesichts des gegnerischen Drucks oftmals in Hektik. Die vorgesehenen Anspielstationen im Mittelfeld und auf den Außenverteidiger-Positionen werden vom Gegner konsequent zugestellt. Oft mussten Dortmunds Verteidiger auf lange Bälle zurückgreifen. Doch wer sollte diese langen Bälle erreichen? Pierre-Emerick Aubameyang hat viele Stärken, sein Spiel mit dem Rücken zum Tor gehört sicher nicht dazu.

Was gegen eine derart rigorose Manndeckung hilft, habe ich vor zwei Wochen in der Kolumne beschrieben: Bewegung, Bewegung, Bewegung. Immer wieder den Manndecker aus der Position ziehen, den freien Raum besetzen und dadurch wieder den Manndecker aus der Position ziehen. Außerdem benötigt man ein möglichst schnelles Ein-Kontakt-Spiel, um den die frei werdenden Lücken bespielen zu können, auch wenn der Gegner an den eigenen Hacken klebt.

Dortmund bietet diese Bewegung derzeit nicht an. Sie verharren recht stark in ihrem 4-3-3-Konstrukt. Einzelne Bewegungen der Außenstürmer nach innen oder von Sahin nach vorne bringen nicht die entscheidenden Impulse, um Lücken zu provozieren. Die Struktur wird gehalten, vielleicht auch, um nach Ballverlusten besser abgesichert zu sein. (Eines der taktischen Leitprinzipien unter Bosz: Die Angreifer sollen sich nicht zu weit von ihren Gegenspielern entfernen, um im Zweifel sofort ins Gegenpressing übergehen zu können).

Sollte guter Zugriff im Gegenpressing das Ziel sein, wird es derzeit verfehlt. Frankfurt und Hannover machten sich nach Ballverlusten die aggressive Vorgehensweise der Dortmunder zunutze. Dortmunds Abwehr rückt nach Ballverlusten vor, will den Raum für den Gegner eng machen. Da sie aber oft Ballverluste nach unsauberen Zuspielen aus der ersten in die letzte Linie erleiden, gelangen die Dortmunder nicht ins Gegenpressing. Die Raumverknappung erzielt keinen Effekt.

Stattdessen sprinten die gegnerischen Stürmer und Zehner mit Vollgas gegen die Dynamik der Dortmunder Abwehr. Gerade die Zehner können aus tieferer Position und mangels Gegenspieler – Sahin orientiert sich im Gegenpressing nach vorne – mit Dynamik hinter die Abwehr starten. Bei Frankfurt machte Marius Wolf in dieser Rolle Werbung in eigener Sache, bei 96 überzeugte Felix Klaus in dieser Position.

Peter Bosz hält weiter an seinem System fest. Das ist keine Sünde. Er muss aber in den kommenden Wochen sicherstellen, dass er gegen Anti-BVB-Taktiken wie jene von Frankfurt und Hannover eine Lösung findet. Sonst sollte er sich nach einem Kuhstall umsehen.

Augsburg und Philipp Max, die Indikatoren der Liga

Womit wir auch schon beim zweiten Thema wären: Hannover befindet sich nach zehn Spieltagen auf Rang vier, der FC Augsburg auf neun, Eintracht Frankfurt auf Rang zehn. Alle weisen eine überraschend hohe Punktausbeute vor und haben ein positives Torverhältnis. Warum finden sie in der öffentlichen Wahrnehmung kaum statt? Von einem Hype ist nichts zu spüren.

Das hat sicher viele Gründe. Aus unserer Spielverlagerung-Sicht ist es relativ einfach: Es gibt kein großes Hannover-, Augsburg- oder Frankfurt-Porträt, weil wir schlicht nicht wüssten, was wir Großartiges in diese Porträts hineinschreiben sollen. Ja, die Teams sind allesamt defensiv stark, anpassungsfähig und wandelbar. Sie stehen für eine mannorientierte Spielweise und für den flexiblen Wechsel zwischen Dreier-, Vierer- und Fünferketten. Sie verkörpern den Trend zur genauen Einstellung auf den kommenden Gegner. Aber eben nur defensiv.

Sie sind Profiteure einer Liga, in der sich viele Klubs schwertun, solch gut organisierten Defensiven zu knacken. Augsburgs Sieg gegen Werder Bremen war in dieser Hinsicht symptomatisch: Augsburg agierte passiv, baute zwei Viererketten auf und ließ Bremen kommen. Zwischendurch fiel Rani Khedira in die Abwehr, um die Endverteidigung zu stabilisieren. Das genügte, um Bremens Offensive absolut schachmatt zu setzen. Und offensiv spielt Augsburg ein paar gute Konter und schöne Flügelangriffe. Das reicht momentan in dieser Liga.

Was sagt es über eine Liga aus, in der Augsburgs Philipp Max nach zehn Spieltagen der beste Vorlagengeber ist? Nichts gegen Max, er ist ein solider Linksverteidiger und schlägt starke Flanken. Doch drei seiner fünf Vorlagen waren Halbfeldflanken, die eigentlich zu verteidigen sein müssen. Oder es sollte zumindest irgendeinen offensiven Kreativen geben, der in zehn Spielen mehr Vorlagen zustande bringt als ein Linksverteidiger mit Hang zu Willy-Sagnol-Gedächtnisflanken.

Gibt es aber nicht. Und somit sind die Überraschungsteams dieser Saison allesamt Mannschaften, die mit ihrer Defensive punkten, nicht mit ihrem Spiel nach vorne.

(Sollte Max das wider Erwarten lesen: Meine Entschuldigung. Es ist immer doof, für kritische Entwicklungen herangezogen zu werden, wenn man selbst gar nichts falsch, sondern eigentlich alles richtig gemacht hat. Er kann ja letztlich nichts dafür, wenn alle anderen schlecht sind.)

Ausführliche Analysen des 10. Spieltags

Schalke 04 – VfL Wolfsburg 1:1

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Samstag, 15:30 Uhr http://spielverlagerung.de/2017/10/29/samstag-1530-uhr/ http://spielverlagerung.de/2017/10/29/samstag-1530-uhr/#comments Sun, 29 Oct 2017 15:26:55 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=42035 Wie ein durchaus typisches Bundesligaspiel von heute in überdurchschnittlich guter Ausführung aussehen kann.


Beim Duell Schalke gegen Wolfsburg waren Serien fortzuschreiben oder zu brechen: Schalke wollte den kleinen Ergebnistrend der letzten Wochen bestätigen, Wolfsburg die kuriose Unentschieden-Reihe des neuen Trainers Martin Schmidt beenden. Beide Mannschaften bemühten sich im Aufbau mit weiträumiger Anlage und zirkulierten im Schalker Fall auch länger wie kontrollierter in der Tiefe, verbuchten aber nicht allzu viel Effizienz, die Gastgeber wiederum noch etwas mehr. Sie waren in den tiefen Zonen zudem stärker auf Sicherheit bedacht als der VfL. Da zudem beide Teams insgesamt viele Tiefenpässe nutzten und ansonsten das Leder eher am Flügel verloren, konnten wenig Konterangriffe zwischen der ansonsten klaren Spielstruktur ausgelöst werden. Die kontrollierten Ballstafetten zwischen Verteidigern und Mittelfeld bildeten bei Schalke auch einen Baustein dafür, dass die Gastgeber die Begegnung – speziell die erste Halbzeit – vor allem über das Thema Defensivstabilität im Griff hatten.

schalke-wolfsburg-2017Neben einigen guten Pressingansätzen gab es in jenem Bereich zwar auch manche Probleme, diese wurden aber zumeist durch die präsente Endverteidigung und die zügige Rückzugsbewegung ausgeglichen. In der ersten Halbzeit agierten die Gastgeber souverän, ohne zu glänzen, erlaubten dem VfL nur zwei Abschlüsse, davon keinen auf das Tor. Allerdings trugen die Gäste dazu auch ganz entscheidend selbst bei, ließen reichlich Potential ungenutzt – und das, obwohl sie gesamttaktisch eigentlich ziemlich sinnvoll eingestellt waren und auch konkret auf den Offensivpositionen einige ansprechende Elemente präsentierten.

Aus der offensiven Dreierreihe heraus sahen die Wolfsburger Bewegungen gefällig und vor allem dafür vielversprechend aus, Raumgewinn zu nutzen. Trieb beispielsweise Arnold das Leder länger nach vorne, startete Malli kurze Läufe in gefährliche Verbindungszonen, kreuzte Gerhardt einige Male diagonal hinter die Sechser und verhielt sich Kuba in seiner unterstützenden Art grundsätzlich ebenfalls geschickt. Allerdings eignete sich die Ausrichtung im Wolfsburger Bewegungsspiel nur bedingt dazu, Raumgewinn zu erzeugen. Das war über weite Phasen der ersten Halbzeit der vordringliche Knackpunkt im Aufbau – und wenn dies am Anfang nicht gelang, stockte alles Weitere entsprechend, so gut es auch aussah.

Raumnutzungsfragen zwischen Aufbauschwierigkeiten

Gegen das Anlaufen der Schalker Stürmer und das Nachschieben des folgenden Blocks hatte Wolfsburg ohne natürlichen „freien Mann“ gewisse Probleme. Zum Flügel hin wechselten sich bei den Hausherren im Verschieben die ballnahen Achter und Außenspieler in gewohnter Manier ab. Das erfolgte in einer stärker zweikampforientierten und auch recht weiträumigen Umsetzung. Eine theoretische Bruchstelle in dieser gut funktionierenden Systematik betrifft die diagonale Balance im Nachschieben des Mittelfelds – zwischen Unterstützung des ballnahen Achters gewissermaßen horizontal und der vertikalen Kohärenz. Konkret hieß das für Wolfsburg: Schnelle, konsequente Rückpässe vom Flügel als potentielles Schlüsselelement. Hinter den nachrückenden Stürmern konnten sich kleinere Räume ergeben, wenn das Schalker Mittelfeld noch gebunden war.

Konnte sich der VfL mal spielerisch lösen, dann geschah das auf diese Weise. Die Innenverteidiger und Casteels spielten solche Möglichkeiten auch sehr konstruktiv aus und einer der Sechser band sich zügig zur Dreiecksbildung hinter den gegnerischen Angreifern ein. Statt Weiterleitungen in die Breite hätten sie sich aber noch häufiger auch aufdrehen können. Wenn über diese Dreiecksbildungen mal Raumgewinn erzeugt war, boten sich eigentlich gute Voraussetzungen. Nur stellte sich dann ein anderes Problem: Der jeweils andere Sechser reagierte etwas zu passiv oder wurde von den anpassenden Bewegungen der Schalker Restverteidigung zugedeckt, während einzelne Spieler sehr schnell in die Vorwärtsorientierung übergingen. Gleichzeitig sorgte das gute Rückwärtspressing der Schalker sofort wieder für Unruhe.

Prinzipiell hätte das Bewegungsspiel der Offensivabteilung ein Prunkstück für die Gäste in dieser Begegnung werden können. Nur spielten sie das lange Zeit viel zu wenig an: Nach erzeugtem Raumgewinn folgte immer sehr schnell der ambitionierte Diagonalpass in die Tiefe auf Gomez, der sich gegen die Dreierkette der Schalker behaupten musste und für den erst langsam Unterstützung nachrückte. Gerhardt machte das zügig, aber auch Meyer schob von Schalker Seite – wie überhaupt oft zu den Flügeln – flink mit in die Anschlussräume. Der Regelfall sah für die Gäste gegen das Pressing aber so aus, dass sie lange Bälle schlagen oder sich improvisiert über die Außenbahnen entlang zu spielen versuchen mussten. Mit dem offensiv ausgerichteten und tatsächlich ziemlich dribbelstarken Tisserand erschlossen sie links einige Aufrückmöglichkeiten, da sich Arnold und Malli häufiger in jenem Halbraum neben den Achter freiliefen und dann schnell das Leder nach vorne tragen konnten.

„Aufbau gegen Pressing“ ohne klaren Sieger

Bei den Wolfsburgern funktionierte im Pressing die Keilstaffelung sehr gut, die Gomez und Malli aus dem etwas breiteren 4-4-2-Zustellen heraus letztlich immer wieder bildeten: Erstgenannter stellte den ballfernen Verbindungsraum innerhalb der Dreierkette zu, der Zehner orientierte sich an Max Meyer als tiefstem Sechser und hielt sich dabei lose ballseitig. Bei Schalke agierten die Halbverteidiger eher (zu) vorsichtig und verzichteten über weite Strecken auf attackierendes Andribbeln, zumindest zu Beginn von Aufbauszenen. Zur Unterstützung von Meyer besetzten abwechselnd die Achter zurückfallend die Bereiche neben jener Keilstaffelung. Bentaleb band sich naturgemäß noch etwas präsenter ein, aber auch Harit forderte viele Bälle und versuchte dann zu dribbeln und anzukurbeln.

Vonseiten der Wolfsburger rückte Guilavogui besonders weiträumig und aggressiv gegen den Schalker Achter nach und verfolgte diesen auch bei diagonalen Vorstößen eng, ansonsten teilte sich das Mittelfeldband das Herausschieben um Malli herum recht balanciert auf. Die nominellen Flügel spielten beim VfL – gegen das Schalker Zentrumstrio auch sinnvoll – ziemlich eng und recht gut mit ihren Hintermännern abgestimmt, schoben bei Pässen nach außen meist so nach, dass der direkte Querpassweg in die Achterräume erschwert wurde. Gegen Bentaleb und Harit arbeiteten sie ohnehin viel mit in die Halbräume zur Unterstützung. An diesen Punkten entwickelte sich ein beherztes Mittelfeldduell zwischen dem Pressing der Niedersachsen und dem Ballvortrag der Gastgeber.

Ballzirkulation, Verlagerungen, Anschlussaktionen

Versuchten deren Achter das Spiel aus dem Halbraum weiter zu tragen, taten sie sich trotz diagonaler Ausgangslage schwer. In der Vertikalen kamen dann schnell schon die Stürmer als nächste Option in Frage, die aber lieber ausweichend agierten und deren technische Ambivalenz in jenem weiträumigen Kontext problematisch hätte sein können. Meyer wiederum konnten die Achter kaum offensiver einbinden, da er seine Rolle als Ankerpunkt gegen die Pressingkonstellation der Wolfsburger halten musste. Oftmals bewegte er sich aber geschickt etwas in den ballnahen Halbraum für kurze Anspiele und sofortiges Prallenlassen, wodurch sich kleine Asymmetrien ermöglichten und Räume im ballfernen Halbraum für eine neuerliche Spielöffnung ergaben.

So konnte Schalke das Leder dynamisch durch das tiefe zweite Drittel laufen lassen, einerseits das gute gegnerische Pressing selten ausspielen, andererseits dagegen über die Achterpositionen immer wieder die Ballsicherung gegen Zugriffsversuche schaffen. Ausgehend davon rückte aus diesen Zirkulationsphasen heraus eine bestimmte Angriffsroute in den Fokus: Über die Art der Einbindung ihres Mittelfelds konnten sie potentiell die zweite Linie der Wolfsburger anlocken und so Ausgangslagen für – ballfern wie auch ballnah gespielte – Diagonalpässe und Verlagerungen ermöglichen. Solche Zuspiele auf Caligiuri bzw. Oczipka stellten Schlüsselelemente dar, um dynamisch ins Angriffsdrittel vorzudringen.

Auf diese Weise hatte Schalke schon quantitativ viel mehr Offensivszenen als Wolfsburg. Wichtig für den ordentlichen Vortrag in Halbzeit eins: Die Anschlussaktionen von den Flügeln aus nutzte der Gastgeber ziemlich sinnvoll. Sie spielten viele Bälle von dort wieder in die Mitte und konnten über diese Dynamik ihre Offensivkräfte einbinden. Entweder die Stürmer rochierten für den „einfacheren“ Tiefenpass nach außen in die Spitze und die Achter stießen in „ihrem“ Halbraum vor oder die Aufteilung erfolgte umgekehrt: Dann ließ sich ein Angreifer kurz fallen und forderte den Pass vom Flügelläufer, um diesen in den Lauf des gegenläufig aus der Tiefe zur Seite – hinter gegnerischen Außen- oder Innenverteidiger – startenden Achters weiterzuleiten. Ersteres war noch etwas gefährlicher: Mit Harit respektive Bentaleb im Zwischenlinienraum lassen sich gute Szenen kreieren, wie es Schalke gelegentlich gelang.

Eine veränderte zweite Halbzeit

Beim überraschenden Punktgewinn in München hatte Martin Schmidt eine Art Trendwende nach der Halbzeitpause erzielen können, indem er einfach deutlich mehr auf Mitspielen setzte. Ähnliches entwickelte sich zum zweiten Durchgang auch in dieser Partie: Wolfsburg versuchte deutlich mehr zu machen und erhielt wesentlich höhere Spielanteile, auch weil Schalke sich gleichzeitig stärker zurückzog, in der genauen Umsetzung innerhalb des Kollektivs dabei nicht ganz einig schien. Der VfL fächerte noch aggressiver auf und suchte bei Bällen auf die Außenverteidiger nun sofort den aggressiven Horizontalpass ins Mittelfeld, wo sich die Sechser wesentlich aktiver freiliefen – in diesen Szenen oft sogar der eigentlich ballferne Akteur, während dessen Partner die zweite Schalker Linie beschäftigte.

So kam Wolfsburg immer häufiger hinter die Angreifer der Königsblauen, welche ihre Intensität weniger heruntergeschraubt hatten als die Kollegen, nun aber bei den langen Wegen nicht mehr hinterherkamen. Dass sich di Santo stärker an Guilavogui – in der Aufteilung zur tieferen Weiterleitungsstation geworden – zu orientieren versuchte, schwächte eher die Kohärenz und den Zugriff vorne. Die Niedersachsen gewannen nun an Dominanz und Offensivpräsenz. Überhaupt wurde das Freilaufverhalten mutiger, nutzten sie immer wieder Dribblings sehr fokussiert, um offene Räume zu attackieren und einzelne Pressingbewegungen zu umspielen. Malli ging häufiger in den Zwischenbereich von verschiebendem Achter und Flügelläufer, um Meyer heraus zu zwingen und einem Kollegen den Ball zum Dribbling nach innen vorzulegen. Vermutlich wollte Tedesco diesen Mechanismen entgegenwirken, als er seine vorderen Reihen neu organisierte und auf ein 5-4-1 mit tendenziell enger Mittelfeldlinie umstellte.

Andererseits musste man somit aber endgültig auf Druck auf die erste Reihe verzichten. Gegen den alleinigen verbleibenden Stürmer hatte Wolfsburg viel Zeit. Auch gegen das 5-4-1 zeigten sie ein gutes Ballbesitzspiel, besetzten die Räume um die gegnerische Struktur herum eigentlich passend. Es war aber schwierig, da Schalke auf Kompaktheitsschwächen meistens gut reagierte und nun auch schon wieder dichter stand, während die Wolfsburger Anlage auch noch nicht ganz sauber funktionierte. Das größte Problem bei dieser eigentlich sehr vielversprechenden Leistung des VfL: Die Entscheidungen für die Aufnahme von Vertikalaktionen passten weiterhin nicht. Normalerweise wurden solche Szenen wie in der Entstehung des vergebenen Elfmeters, die den Raum hinter der Abwehr suchten und dabei jenen vor der Abwehr ignorierten, nie gefährlich. Über das gute Ballbesitzspiel und das zunehmende Übergewicht zwang Wolfsburg den Gegner aber nach hinten und schaffte so abermals ein spätes Remis.

Fazit

Gegen ein gutes Pressing der Wolfsburger konnte Schalke zwar nicht allzu viele Angriffe auslösen, aber mit kontrollierter Ausrichtung fast durchgehend gefährliche Ballverluste vermeiden. Über gute Anschlussaktionen nach Diagonalbällen auf die Flügelläufer meldeten sie sich zu ihren gelegentlichen Offensivmomenten. Dagegen kam Wolfsburg nicht zu ausreichend Spielanteilen. Ihre unterschiedlichsten und oft gar nicht schlechten Ansätze fanden überhaupt nicht zu einem kohärenten Gesamtbild zusammen: viele gute Dreiecksbildungen zwischen Innenverteidigern und einem Sechser, aber kaum Übergangsspiel; interessante Offensivbewegungen, aber bei Raumgewinn immer wieder Pässe, die stattdessen Gomez gegen drei Verteidiger auf die Reise schickten. Vor diesem Hintergrund bildete Durchgang zwei ein Kontrastbild, als die Gäste ihren zunehmenden Ballbesitz weitgehend konstruktiv ausspielten und Schalke so weit zurückdrängen konnten, dass am Ende der Treffer zum Ausgleich abfiel. Aus Sicht der Niedersachsen war im zweiten Durchgang viel Positives dabei. Wegen solcher Phasen oder beispielsweise wegen der vielen guten Horizontalpässe von den Flügelpositionen war diese vielleicht gar nicht so spektakulär wirkende Begegnung insgesamt doch etwas mehr als nur ein „ganz normales“ Bundesligaspiel anno 2017.

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Nach dem Spitzenspiel ist vor dem Spitzenspiel http://spielverlagerung.de/2017/10/28/nach-dem-spitzenspiel-ist-vor-dem-spitzenspiel/ http://spielverlagerung.de/2017/10/28/nach-dem-spitzenspiel-ist-vor-dem-spitzenspiel/#comments Sat, 28 Oct 2017 12:35:47 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=42027 Den Fans des gepflegten deutschen Fußballs wird in diesen Tagen ein doppeltes Gigantentreffen geboten. Erst spielten RB Leipzig und Bayern München am Mittwoch um den Einzug in die nächste Runde des DFB-Pokals. Nun treffen sie am Samstag in der bayerischen Hauptstadt zu einem Punktspiel aufeinander. Die Analyse der Pokalpartie soll auf drei wesentliche Punkte heruntergebrochen werden. Danach erfolgt noch eine Vorschau auf das heute anstehende Duell.

Grundformationen

Grundformationen

Die beiden Trainer überraschten mit ihrer jeweiligen Personalwahl am Mittwoch nicht. Bei Leipzig stellte sich vor allem die Frage, wer denn im Sturmzentrum zum Einsatz kommen würde. Ralph Hasenhüttl entschied sich für Jean-Kévin Augustin und Yussuf Poulsen. Timo Werner musste also zunächst auf der Bank Platz nehmen. Am Ende der Partie würde er mit seinem verschossenen Elfmeter im Elfmeterschießen zur tragischen Figur werden.

Apropos tragische Figur: Naby Keïta spielte wie gewohnt auf der Doppelsechs. Sein Nebenmann war der vielseitig aktive Slowene Kevin Kampl, welcher folglich Diego Demme in eine Reservistenrolle verdrängte. Das 4-2-2-2 der Leipziger entsprach den bekannten Mustern. Eine makrotaktische Anpassung aufgrund des hochklassigen Gegners erfolgte nicht.

Bei den Bayern musste Trainer Jupp Heynckes mit einigen Ausfällen kämpfen. Gerade auf der Zehnerposition blieb ihm eigentlich nur Thiago als Option übrig. Er setzte den Spanier allerdings nicht auf der Zehn, sondern vornehmlich auf der Acht in einem 4-1-4-1/4-3-3 ein, was sich sowohl im Spielaufbau als auch im Pressing regelmäßig zeigte.

Aspekt I: Leipzigs Pressing

Ein wichtiges Fundament des Spiels von RB Leipzigs ist bekanntermaßen das eigene Pressing. Gegen die Bayern ergab sich folgendes Muster: Mats Hummels und Jérôme Boateng spielten sich oftmals den Ball zu und banden Sven Ulreich nur gelegentlich ein. Ein Leipziger Außenstürmer schob vom Flügel außen auf den ballfernen Innenverteidiger. Der dann mittlere Spieler – also einer der beiden Stürmer – positionierte sich zumeist in der Nähe von Arturo Vidal. Der zweite Stürmer lief den ballführenden Münchener an. Bei einem Rückpass auf Ulreich schob in der Regel der erste Stürmer durch. Allerdings wurde der Bayern-Torhüter nicht immer angelaufen; situativ wurden ihm schlichtweg die kurzen Passoptionen versperrt.

2017-10-25_Leipzig-Bayern_Leipzig-Angriffspressing

Das angesprochene Pressingverhalten führte zu sauberen Verschiebungen innerhalb der ersten Linie, wenn die Bayern von einer auf die andere Seite spielten. Das gelegentliche Nicht-Einbinden von Ulreich führte zu einem Vier-gegen-Fünf in diesem Bereich des Spielfeldes, was wiederum kurzzeitige Dopplungen auf den Außenbahnen ermöglichte, wenn beispielsweise Joshua Kimmich angespielt wurde, da dann der Leipziger Mittelstürmer von innen kam und den Passweg zu Boateng zustellen konnte.

In der ersten Halbzeit gab es nur vereinzelt tiefere Pressingstaffelungen, in denen die Doppelsechs etwas zurückgezogener stand und durch die Kompaktheit versuchte, Thiago und Tolisso zu kontrollieren. Nach der Halbzeitpause machten die Bayern zunächst einige Minuten lang recht viel Druck in der Offensive. Leipzig zog sich ins 4-4-2 zurück, wodurch auffiel, dass es den Sachsen in dieser Ausrichtung bei weitem schwerer fiel, die Angriffe des deutschen Rekordmeisters zu stoppen. Es war eine Mischung aus individueller Unterlegenheit in mannorientierter Ausrichtung und einer natürlich statischen Grundkonstellation, welche druckvolle Läufe aufgrund des komprimierten Spielfelds nicht zuließ.

Aspekt II: Bayerns und Leipzigs Angriffsmuster

Auf das weiter oben angesprochene Angriffspressing der Leipziger reagierte Heynckes‘ Mannschaft vor allem mit versuchten Verlagerungen auf die Flügel. Pässe durchs Zentrum erschienen riskant und mündeten ab und zu in Ballverluste, die man gegen RBL in tiefer Feldposition tunlichst vermeiden sollte. Eine Szene, die Bayerns versuchte Einbindung der Flügel gut darlegt, ist unter dem nächsten Absatz zu sehen.

Hummels ging dabei recht langsam nach innen und schüttelte so Sabitzer ab, der in seiner Position verharrte und zunächst wohl auch nicht wusste, welche Bewegung folgen sollte. Taktikpsychologisch war es ganz clever von Hummels, denn der Innenverteidiger wirkte zunächst, als wüsste er nicht so recht, was er tun konnte, nutzte aber dann mit einem Lupfer den Freiraum, den David Alaba auf der linken Seite vorfand. Anschließend löste sich Thiago von Kampl, der sich etwas zurückfallen ließ. Marcel Halstenberg war eingerückt und blieb in der Nähe von Tolisso, was wiederum Arjen Robben mehr Platz gab und die Verlagerung zum Niederländer ermöglichte.

2017-10-25_Leipzig-Bayern_Bayern-Flügellupfer

Dieses Angriffsmuster gab es indes häufiger zu sehen. Die Bayern überraschten also nicht. Bereits in unserer Vorschau auf einer anderen Seite deutete ich an, dass der deutsche Rekordmeister es sicherlich des Öfteren mit Verlagerungen versuchen wird. Ich ging davon aus, dass Boateng mit seinem rechten Fuß von der halbrechten Position den Diagonalball einige Male probieren wird. In der oben erwähnten Szene war es Hummels mit einem fast noch anspruchsvolleren – und vor allem riskanteren – Ball.

In jedem Fall wollten die Bayern von links dann auf die Robben-Seite gelangen. Die eingerückte Viererkette der Leipziger und die hohe Grundposition von Emil Forsberg gaben dem Niederländer den benötigten Freiraum. Nur seine typischen Dribblings nach innen waren nicht häufig von Erfolg gekrönt.

Angriffsmuster des FC Bayern

Angriffsmuster des FC Bayern

Bei den Leipzigern spielte sich im Aufbau viel über die tiefe Einbindung Kampls ab. Der Slowene kippte mal zwischen, mal neben die Innenverteidiger. Mal blieb er vor ihnen. Seine Dominanz gab den Roten Bullen etwas mehr Sicherheit in der Tiefe, beeinflusste aber die Vorgehensweise im Aufbau nur leicht. Im Grunde konnten die Leipziger gegen den Dreierblock Bayerns nicht durchs Zentrum vordringen. Ein etwaiges Zurückziehen eines Angreifers, um die Zahlen im Mittelfeld auszugleichen, wurde unterlassen.

An sich eine richtige Entscheidung, denn damit blieben vier Akteure vorn fürs Gegenpressing nach den Diagonalbällen von der Außenbahn, die immer wieder aus dem eigenen Aufbau heraus erfolgten. Wurden die Bälle jedoch kurz auf den ballnahen Flügel- oder Mittelstürmer gespielt, konnten Bayerns Verteidiger zumeist die Situation direkt durch scharfes Herausrücken klären. RBL versuchte augenscheinlich, nicht durchweg den zweiten Ball zu forcieren, sondern auch dosiert in den Halbraum zu spielen. Der Erfolg blieb aber eben überschaubar.

Wirklich gefährlich waren die Hausherren vor allem nach Ballgewinnen im zweiten Drittel, die allerdings eher aus einzelnen Zweikämpfen oder technischen Fehlern des Gegners entstanden, als dass sie ganz gezielt durch die erste Pressingwelle forciert wurden.

Angriffsmuster von RB Leipzig

Angriffsmuster von RB Leipzig

Aspekt III: Kimmichs Freirolle

Wir könnten nun lange und breit über die gegebene Rote und nicht gegebene Rote Karten sprechen. Oder auch die Konterversuche Leipzigs nach dem Platzverweis von Keïta sowie die bereits bei der Analyse ihres Auswärtssieges in Dortmund angesprochene Schwierigkeit eines Pressings in Unterzahl ausgiebig diskutieren. Doch ein anderer Aspekt erscheint viel spannender, weil er eher ungewöhnlich für Bayern-Trainer Heynckes ist.

2017-10-25_Leipzig-Bayern_Grundformationen_VerlängerungIn der 88. Minute wechselte der 72-Jährige Rafinha für Tolisso ein. Der Franzose hatte zuvor für fast 30 Minuten – nach der Einwechslung Javi Martínez‘ für Kingsley Coman – auf der linken Seite gespielt. Nach der Hereinnahe von Rafinha sprach dieser sich kurz mit Kimmich ab und nahm dann die Position rechts außen ein, während Kimmich im Halbraum neben dem Brasilianer verblieb.

Zu Beginn machte es fast den Anschein, als hätte Heynckes auf Dreierkette umgestellt und Kimmich würde die Vorstöße von Boateng und Hummels absichern. Aber gerade in der Verlängerung trieb sich Kimmich überall herum. Er stieß bis zu Robert Lewandowski vor, positionierte sich situativ auf der Zehn und rochierte immer wieder halbrechts. Diese Form einer Freirolle war grundsätzlich eine gute Idee, um nicht nur etwaige Überladungen zu schaffen oder bestimmte Räume zu besetzen, sondern auch um die Zuordnung in Leipzigs 4-4-1 zu verkomplizieren.

Vorschau auf den zweiten Teil des Doppelduells

Heute Abend nun treffen beide Teams wieder aufeinander. Je nach Spielverlauf in Hannover, das auf Borussia Dortmund trifft, könnte es für beide Clubs um die Tabellenführung in der Bundesliga gehen. Trotzdem werden die zwei Mannschaften aufgrund der engen tabellarischen Konstellation nun keine Kamikaze-Strategien wählen.

Die Grundausrichtungen sollten ähnlich wie am Mittwoch aussehen. Obwohl RB Leipzig nun auswärts antritt, dürfen die Sachsen nicht zu viele passive 4-4-2-Phasen einstreuen, denn dann könnte Bayern sicher über die ersten beiden Linien zirkulieren und häufiger Eins-gegen-Eins-Duelle auf den Flügel erzwingen. Genau das gilt es für Leipzig zu verhindern. Das im Mittwochsspiel gezeigte Angriffspressing neutralisierte den Spielaufbau der Bayern weitestgehend. Die Anzahl an Ballgewinnen während der ersten Welle oder in den Sekunden danach war eher überschaubar, weil dieser Aspekt allerdings dem Anschein nach weniger fokussiert wurde. Stattdessen versuchten die Leipziger aus dem Gegenpressing heraus Bälle in guten Feldpositionen zu gewinnen, was in Kombination mit dem verbesserten Ballbesitzspiel ein passender Ansatz scheint.

Isolationen der Außenverteidiger oder auch gezielte Doppelattacken auf Tolisso sollten allerdings auch im Rahmen der Pressingabläufe (weiterhin) als Mittel zum Gewinn des Balles in Betracht gezogen und genutzt werden. Ebenso ist es eine gangbare Strategie, Gegenkonterversuche der Bayern frühzeitig mit taktischen Fouls in der gegnerischen Hälfte zu stoppen, da die Chance auf eine Gelbe Karte hierbei geringer scheint. Keïtas Foul an Lewandowski, das dem Guineer den Platzverweis einbrachte, geschah in einer Szene, in der die Bayern schon auf dem Weg zum Durchbruch auf der linken Seite waren.

Für den FCB besteht weiterhin die Frage, wie er den Spielaufbau gestalten möchte. Vieles bleibt im Moment an den Innenverteidigern hängen, da gerade Vidal in der ersten Phase der Spieleröffnung eher kontraproduktiv arbeitet. Gegen den Hamburger SV am vergangenen Wochenende versperrte er teilweise aufgrund seines unbedingten Willens Präsenz im Aufbau zu entwickeln den Weg für die beiden Verteidiger. Gegen Leipzig hielt sich der Chilene zurück, was aber für einen Spieler in dieser Rolle auch keine Lösung sein kann.

Sollte Leipzig jedoch keine zu großen Lücken im Zentrum offerieren, wird es für den deutschen Rekordmeister schwer, durch die Mitte nach vorn zu kommen. Die geringe Einbindung Ulreichs macht es für die vorderen vier RBL-Akteure leichter, stets sauber und kompakt zu verschieben. Also wird erneut vieles auf Flügelangriffe und Verlagerungen auf die ballferne Seite hinauslaufen.

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RB Leipzig: Die Suche nach dem Keïta-Ersatz http://spielverlagerung.de/2017/10/23/rb-leipzig-die-suche-nach-dem-keita-ersatz/ http://spielverlagerung.de/2017/10/23/rb-leipzig-die-suche-nach-dem-keita-ersatz/#comments Mon, 23 Oct 2017 13:37:55 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=41977 Im vergangenen Sommer traf Vizemeister RB Leipzig eine interessante Transferentscheidung. Statt Mittelfeldanker Naby Keïta direkt an Liverpool abzugeben, einigten sich die Sachsen mit dem Premier-League-Club auf einen Verkauf im Sommer 2018. Damit haben die Roten Bullen einige Monate Zeit, den perfekten Ersatzmann für Keïta zu finden.

Da ich mich zuletzt weniger mit den Leipzigern beschäftigt habe, soll dieser Text der Auftakt für RBL-reichere Monate werden. Ein Porträt zu Keïta wird im Dezember erscheinen, in welchem ich erläutere, weshalb der 22-Jährige in meinen Augen ein Generalist und Spezialist zugleich ist und damit einen besonderen und seltenen Spielertypus verkörpert. Jeder aufmerksame Beobachter wird aber auch ohne das angesprochene Porträt um seine Stärken und die Wichtigkeit für das Leipziger System wissen.

RB Leipzig in dieser Saison

RB Leipzig in dieser Saison

Die Suche nach einem Ersatzmann läuft gewiss schon auf Hochtouren. Zudem verfügt RB Leipzig in den eigenen Reihen bereits über interessante Sechser und Achter wie etwa Konrad Laimer und Kevin Kampl. Aber um die Brachialität des gegenwärtigen Systems aufrechtzuerhalten, wäre es sicherlich hilfreich, einen Keïta-ähnlichen oder andersartigen und gleichsam präsenten Spieler hinzuzuholen.

Der Guineer selbst wirkt in diesem Jahr noch nicht so stark wie in der vergangenen Saison, aber performt weiterhin auf einem hohen Niveau und bleibt der wichtige Anker für die Leipziger. Einzig seine höhere Rate an Tacklings sticht statistisch heraus. Es gab bereits die öffentliche Diskussion, inwieweit Keïta etwas übermotiviert oder überaggressiv zu Werke geht. Sicherlich kann es sein, dass er vor dem Hintergrund seiner hervorragenden Leistung in der letzten Spielzeit und angesichts der hohen Transfersumme von 70 Millionen Euro, die für ihn aufgerufen wurde, einen gewissen Druck verspürt, sich als Führungsspieler zu beweisen.

Aber in der Realität kann es in der Mehrheit damit zu tun haben, dass die Leipziger im Pressing nicht immer die Erfolgsrate wie noch vor einigen Monaten aufweisen. Werden weniger Balleroberungen über die bekannten Pressingmechanismen erzwungen – 22,26 abgefangene Bälle pro Partie in 2016/17 stehen 17,56 in dieser Saison gegenüber –, kann ein Sechser mit größerer Präsenz in direkten Zweikämpfen reagieren. Das ist nicht optimal, aber gelegentlich eine Zwangsläufigkeit.

Auf der anderen Seite geht Keïta, der schon in der ersten Bundesliga-Spielzeit verhältnismäßig viele Dribblings für einen Sechser erfolgreich bestritt, noch häufiger mit dem Ball in Duelle. Das ist eine Spezialität des 22-Jährigen, die nur sehr wenige Spieler in einer ähnlich gearteten Rolle konstant abrufen können. Und gerade dieser Aspekt macht die Suche nach einem Nachfolger umso schwieriger. Es gibt die klassischen Sechser, die sich in Aufbau und Umschaltspiel auf Pässe und Balance konzentrieren. Es gibt ebenso die Sechser-Achter-Hybride, die nicht über Keïtas Pressing- und Zweikampfqualitäten verfügen.

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Die grundsätzlichen Parameter für die Suche lauten: Der Spieler sollte zum jetzigen Zeitpunkt nicht älter als 23 Jahre alt sein, bereits etwas Erfahrung auf europäischem Top-Niveau haben und nicht bei einem absoluten Spitzenclub unter Vertrag stehen. Realistisch gesehen wird RB Leipzig natürlich keinen Saúl Ñíguez oder selbst einen Rodrigo Bentancur verpflichten können. Obwohl Keïta auch hin und wieder auf der Zehner-Flügelstürmer-Hybrid-Position zum Einsatz kommt, konzentrieren wir uns zunächst auf Spieler, die auf der Sechs zuhause sind.

1. Denis Zakaria (Borussia Mönchengladbach)

Mein persönlicher Favorit ist im Moment dieser Mittelfeldakteur vom Ligakonkurrent aus Mönchengladbach. Denis Zakaria kam vor der Saison von den BSC Young Boys zu den Fohlen und hat dort bereits innerhalb kürzester Zeit einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Aus dem Mittelfeld der Gladbacher ist er nicht mehr wegzudenken. Seine Vielseitigkeit macht ihn auf der Doppelsechs umso wertvoller. Denn Zakaria kann sich sowohl als tiefer Mittelfeldspieler im Aufbau einschalten, aber ebenso durch Bewegungen weg vom Aufbau-Sechser für Präsenz in den Mittelzonen sorgen.

Allerdings hält er sich mit Vorstößen zuweilen zurück. In Bern übernahm er als wichtiger Schlüsselspieler in diesem Kontext mehr Verantwortung, indem er das Spiel häufiger an sich zu reißen versuchte. Aber auch dort tendierte Zakaria eher dazu, nach Balleroberungen lange Verlagerungen aus dem Sechserraum zu schlagen, die in aller Regelmäßigkeit präzise und mit passendem Schnitt ankamen, und sich anschließend im Rückraum zu positionieren. Diese Tendenz war ebenso in dieser Saison bereits zu beobachten. Zakaria sichert dann hinter den vier Offensivspielern und Nebenmann Christoph Kramer ab.

Allerdings ist er imstande, selbst den Vorstoß durch die Mitte zu forcieren. Ihm geht jedoch die Geschmeidigkeit im Dribbling etwas ab. Verbesserungspotenzial im kleinteiligen Passspiel ist ebenso vorhanden. Als physisch präsenter Absicherer und Raumblocker vor der Abwehr ist Zakaria bereits auf hohem Niveau. Kleine Unsicherheiten im Dribbling verlangen beispielsweise, dass er strategisch intelligent vorgeht und eben nicht überdreht und dadurch Ballverluste verursacht. Die Keïta’sche Offensivpräsenz hat er nicht, aber er könnte seinen ganz eigenen Stil als eine Art Umschaltzehner entwickeln, was für die Leipziger eine interessante Option darstellen könnte.

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2. Max Meyer (Schalke 04)

Bis vor kurzem hätte wahrscheinlich niemand Max Meyer als ernsthafte Alternative angesehen, wurde er doch stets von der Sechserposition ferngehalten. Aber Domenico Tedesco setzte ihn zuletzt verstärkt genau dort ein – und das mit Erfolg. Meyer übernimmt sogar immer wieder den tieferen Part im Aufbauspiel, kann aber natürlich ebenso mit seiner kleinräumigen Dynamik ab und zu in höhere Zonen vorstoßen. Die gewonnene Flexibilität macht ihn als Keïta-Nachfolger interessant, wird zudem bedacht, dass sein Vertrag am Ende der Saison ausläuft.

In den Partien der vergangenen Wochen agierte Meyer als tiefer Sechser und war erster Schalker vor der Verteidigerreihe. Aufgrund seiner Ballsicherheit positionierte er sich auch bewusst mal zwischen den gegnerischen Pressingspielern oder ging situativ in eine Pressingballung hinein, um entweder schnell klatschen zu lassen oder Passkanäle sowie Räume für Vorder- und Hintermänner zu öffnen. Meyer hielt im Aufbau seine Kontaktzeiten kurz und beschränkte sich auf die Absicherung der Zirkulation, gerade wenn der Gegner versuchte Fallen aufzustellen.

Gegen den Ball verhielt er sich bedacht absichernd hinter den Achtern oder bewegte sich bei Flügelangriffen des Gegners in absichernde Positionen im äußeren ballnahen Raum, um entsprechend mit einem kurzen Antritt als Unterstützung eingreifen zu können. Die taktische Klarheit seiner Rolle hilft ihm aktuell enorm. Er kann sich auf die Sauberkeit seiner Aktionen konzentrieren, ohne selbst zu viel Kreativität einbringen zu müssen. Er leitet den Ball präzise weiter, schießt für Verlagerungen aus den Engen nach der eigenen Ballannahme oder bietet sich als Rückraumoption an.

Es bleiben gewiss noch Fragen, wie sich Meyer – außerhalb der Komfortzone – als Überbrückungsspieler schlagen könnte, der dann noch stärker im Umschaltspiel und gegen den Pressingdruck des Gegners bestehen müsste. Die Ansätze sind in jedem Fall vielversprechend. Tedesco wird sicherlich das Projekt auch so schnell nicht verwerfen und weiteres Material für Analysen liefern.

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3. Vincent Koziello (OGC Nice)

Ein weiterer kleingewachsener Spieler, der ebenso auf mehreren Mittelfeldpositionen zuhause ist, spielt im Moment an der Côte d’Azur unter Lucien Favre. Wie mit so vielen anderen Jungtalenten werden auch im Fall von Vincent Koziello bereits Vergleiche zu den ganz Großen des Geschäfts herangezogen. Manche sprechen vom „neuen Xavi“ etwa und wollen damit seine Ruhe am Ball als wichtiges Merkmal seines Spiels betonen. Koziello hat in der Tat eine Ruhe, die ihm vor allem bei Schlüsselentscheidungen im Aufbauspiel zuträglich wird. Denn trotz seiner explosiven Spielweise kann der 21-Jährige ebenso geschickt abdrehen und den Spielzug stoppen, wenn ihm die Gesamtkonstellation missfällt oder er fürchtet, er könne in eine Sackgasse laufen.

Gerade in der jüngeren Vergangenheit war zu beobachten, dass Koziello seltener das Eins-gegen-Eins sucht und sich unterdessen zu einem Pass-lastigen Spielgestalter entwickelt. Noch vor einem Jahr fiel der junge Franzose mit seinen explosiven Vorstößen nach Ballgewinnen auf, die ihn zu einem dominanten Umschaltachter mutieren ließen. Seine leichte Unruhe in Dribblings deutete schon damals darauf hin, dass er innerhalb einer Aktion ständig die Optionen für Anschlusshandlungen eruierte.

Sein druckvolles Passspiel wie auch die guten Rhythmuswechsel nach Raumeroberungen, die ihn dabei halfen nicht zu überdrehen, deuteten jedoch schon länger an, dass in Koziello ein vielversprechender Spielgestalter und eben keineswegs ein reiner Dribbelachter steckt. Die hohe Präzision und ansprechende Gewichtung im Passspiel haben in den vergangenen Monaten dem Anschein nach nochmal an Wichtigkeit für sein Spiel gewonnen. Ähnlich wie im Fall von Meyer haben wir es hier nicht mit einem physisch imposanten Mittelfeldspieler zu tun, sondern mit dem Typus an Spieler, der potenziell eine niedrige offensive Fehlerquote mit defensiver Bedachtheit und notwendiger Grundaggressivität verbinden kann.

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4. Thiago Maia (LOSC Lille)

Hier haben wir einen schwierig gelagerten Fall. Bis zum Sommer spielte Thiago Maia noch beim Santos FC und war dort ein proaktiver, attackierender Mittelfeldspieler, der durch seine enge Ballführung, seine Agilität, sein gutes Timing bei Vorstößen auffiel. Offensiv wirkte er vielleicht gelegentlich fast schon überambitioniert, aber seine Technik und auch der gute Körperschwerpunkt in diffizilen Situationen stachen so sehr heraus, dass man davon ausgehen konnte, dass kleinere individualtaktische Schwächen rasch ausgemerzt werden könnten und ein System wie jenes von RB Leipzig auch lenkend auf Thiago Maia einwirken könnte.

Ein paar Monate später sieht die Welt jedoch anders aus. Beim LOSC unter Marcelo Bielsa kam der Brasilianer bereits auf einer Vielzahl an Positionen – zuletzt sogar als Zentralverteidiger in der Dreierkette – zum Einsatz. Innerhalb des intensiven, Bielsa-typischen Spielstils offenbart Thiago Maia leider kleinere, nicht zu ignorierende Schwächen bei Ballmitnahmen und im Vorantreiben von Angriffen. In anderen Partien blieb er wiederum zurückhaltend hinter den aktiven Offensivspielern und sicherte den Rückraum, was seine Präsenz natürlich vermindert und dem eigentlichen Spielertyp auch nicht entgegenkommt. Insgesamt müsste man ihn in weiteren Partien für die Mannschaft aus Lille beobachten, um genau herauszufinden, wieviel der aktuellen Entwicklung Bielsa und dem Stil von LOSC geschuldet ist.

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5. Gedion Zelalem (Arsenal)

Der ehemalige Hertha-Jugendspieler ist zugegeben ein etwas abwegiger Vorschlag. Der 20-Jährige konnte sich bis jetzt noch nicht bei Arsenal durchsetzen und wurde bereits zweimal verliehen. Zu allem Überfluss erholt er sich aktuell von einem Kreuzbandriss. Aber das Potenzial ist vorhanden und es könnte innerhalb des Leipziger Systems abgerufen werden.

Gedion Zelalem verfügt über eine enge, rechte geradlinige und flache Ballführung. Er ist kein verspielter Offensivallrounder, zeigt aber regelmäßig gute Bewegungen, wenn er über zentrale Zonen nach vorn stößt. Der gebürtige Berliner entscheidet sich oftmals für simples Abdrehen oder einfache Körpertäuschungen. Speziell seine rechtsfüßigen Außenristdrehungen aus dem Halbraum heraus können viele taktische Optionen eröffnen und sind zudem schwer zu verteidigen, selbst wenn der Gegenspieler weiß, was Zelalem vorhat.

Er könnte vor allem den dribbelnden Part von Keïta ohne weiteres übernehmen. Da er während seiner Leihe bei den Rangers häufiger auf dem Flügel zum Einsatz kam, haben sich seine Bewegungen unter dem Druck von engen Räumen sowie seine gesamte Wahrnehmung in unübersichtlichen Situationen nochmals entscheidend verbessert. Was ihm fehlt, ist die notwendige Dominanz im Umschaltspiel. Bis jetzt löst er vieles mit kleinteiligen Aktionen, was auch den jeweiligen Systemen, in denen er bisher eingesetzt wurde, geschuldet ist.

6. Godfred Donsah (Bologna F.C.)

Auch um diesen 21-Jährigen gibt es bereits den üblichen Hype. Größere Clubs sollen interessiert sein. Aber eigentlich bräuchte Godfred Donsah in seiner Karriere einen Zwischenschritt, der ihn erst auf das notwendige Niveau für die ganz Großen bringen kann. Bis jetzt ist er vor allem Dribbler und weniger Passgeber. Durch seine hohe Schrittfrequenz wirkt Donsah vielleicht etwas überhastet, er hat aber an sich eine gute Wahrnehmung. Er kennt seine Passziele frühzeitig oder plant Aktionen durch die entsprechende Vororientierung im Voraus.

Trotzdem sucht Donsah die Lösungen noch zu häufig übers Dribbling beziehungsweise das Eins-gegen-Eins, wobei er sich selbst nach einem gewonnenen Zweikampf nicht selten in die Kompaktheit hineinbewegt. Ihm fehlt die strategische Reife und Übersicht, um gewissen Duellen aus dem Weg zu gehen und stattdessen die clevere Verlagerung zu suchen oder den zwischenzeitlichen Abbruch des Angriffs zu veranlassen. Seine leicht hibbelige Art ist – wie bereits erwähnt – nicht einer etwaigen Unsicherheit geschuldet, kann aber nichtsdestotrotz einen negativen Effekt auf die eigenen Mitspieler haben. Viele kleine Aktionen am Ball führen gegebenenfalls zu Reaktionen bei den Kollegen, was unnötig und womöglich sogar kontraproduktiv ist.

Also warum könnte Donsah trotzdem eine Alternative sein? Er bringt die physischen wie auch technischen Grundlagen mit. Es geht vornehmlich um taktische Schulung, die er noch erfahren müsste. Dies betrifft seine offensive Entscheidungs- wie auch defensive Positionsfindung. Zunächst bräuchte er die Unterstützung eines pressingstarken Sechsers zur Koordination im Mittelfeld. Sofern Donsah lernfähig genug ist, könnte diese Übergangsphase allerdings verkürzt werden.

2017-10-20_Donsah_2016-2017

2017-10-23_Donsah_2017-2018

Natürlich ist damit die Liste möglicher Kandidaten noch lange nicht erschöpft. Es gibt derart viele talentierte Mittelfeldspieler in Europa und anderswo, dass sicherlich immer wieder neue Namen in den Sinn kommen, die eine Analyse wert wären. Sei es nun der Pole Karol Linetty von U.C. Sampdoria oder auch Lazios Sergej Milinković-Savić, der allerdings bereits mit Clubs aus Madrid, Manchester, Liverpool und so weiter in Verbindung gebracht wird. Bedenkt man die Beziehung der Leipziger mit dem FC Red Bull Salzburg, so sollte vielleicht auch Amadou Haidara nicht unerwähnt bleiben. Für ihn käme der Schritt in eine Startelfrolle in Leipzig aber eventuell ein wenig zu früh. In den kommenden Monaten kann sich allerdings hinsichtlich dieser Persoanlie noch einiges tun.

Andere Kicker – wie etwa Esteban Rolón – erscheinen auf den ersten Blick wie überlegenswerte Alternativen, halten aber einer genaueren Prüfung nicht unbedingt stand. Das Eigenschaftenprofil, das Keïta in seine Rolle im Leipziger System einbringt, ist doch recht speziell. Und da die Roten Bullen sicherlich auch im kommenden Jahr um die vorderen Ränge mitspielen und sich im Europapokal behaupten wollen, darf es nicht zu viele Abstriche bei der Verpflichtung des Keïta-Ersatzmannes geben.

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http://spielverlagerung.de/2017/10/23/rb-leipzig-die-suche-nach-dem-keita-ersatz/feed/ 110
TEs Bundesliga-Check: Where have all the Sechser gone? http://spielverlagerung.de/2017/10/23/tes-bundesliga-check-where-have-all-the-sechser-gone/ http://spielverlagerung.de/2017/10/23/tes-bundesliga-check-where-have-all-the-sechser-gone/#comments Mon, 23 Oct 2017 12:21:32 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=41975 Diese Woche in der Bundesliga-Kolumne: Hoffenheims neuer Stil ohne Süle und Rudy sowie das Sechser- und Zehner-lose Spiel zwischen Köln und Bremen. Dazu verrät TE, was er nachts träumt.

Spielverlagerung-Autor TE sucht sich nach jedem Bundesliga-Spieltag zwei bis drei Aspekte heraus, die er kurz und knackig analysiert. TEs Bundesliga-Check ist der Analysehappen für Zwischendurch – eine Spielwiese für taktische Beobachtungen, die in den ausführlichen Spielanalysen keinen Platz finden.

TEs Passquoten-Grafik

Wir starten die Kolumne diese Woche mit einem Klassiker: der (leider noch nicht patentierten) TE-Passquoten-Grafik. (Wer nicht weiß, wie diese Grafik funktioniert, findet hier mehr Informationen unter dem Punkt „Spielphilosophie: Ballbesitz und Passgenauigkeit vertieft“.)

Grundsätzlich befinden sich die meisten Teams in dieser Grafik im Rahmen der Erwartungen. Dortmund, Bayern und Leipzig drücken die gegnerische Passquote mit ihrem Pressing und steigern die eigene mit ihrem Ballbesitzspiel. Auch Gladbach weist eine sehr hohe Abweichung bei der eigenen Passquote aus – kein Wunder, betrachtet man ihr starkes Positionsspiel, das immer stärker auf kurze Pässe setzt. Hamburg, Augsburg, Bremen und Hannover befinden sich am anderen Ende der Grafik. Große Veränderungen hat es im Vergleich zur vergangenen Saison nicht gegeben. Mit einer großen Ausnahme.

Kurze Teamanalyse: Hoffenheims neuer Stil

Die Turn- und Sportgemeinschaft aus Hoffenheim befand sich in der vergangenen Saison in etwa an dem Punkt, an dem sich jetzt die Borussia aus Mönchengladbach befindet. Ihre Passquote war auffallend hoch (+7,081). In diesem Jahr ist davon wenig übriggeblieben.

Nach dem Abgängen von Sebastian Rudy und Niklas Süle hat sich die Spielanlage der Hoffenheimer merklich gewandelt. In der vergangenen Saison, gerade in der Hinrunde, definierte sich die TSG stark über ihr Positionsspiel: Die Dreierkette im 3-1-4-2 baute das Spiel ruhig auf. Rudy bewegte sich davor viel, bildete ständig Dreiecke mit seinen Kollegen. Aus der tiefen Ballzirkulation war das Ziel, mit diagonalen Pässen ins zentrale Mittelfeld zu gelangen oder auf die Stürmer zu spielen, die wiederum Bälle ablegen sollten.

Nun fehlt in dieser Saison Rudy und mit ihm der dominante Sechser. Im 3-1-4-2 gibt Dennis Geiger den 1:1-Ersatz, ansonsten vertraut Nagelsmann häufig auf ein 3-4-3 mit einer Doppelsechs, so auch gegen Wolfsburg. In beiden Varianten spielt Hoffenheim den Ballbesitz nicht mehr so dominant in der ersten Linie aus, es wird weniger mit Geiger oder der Doppelsechs in der Tiefe kombiniert. Statt das Pressing über einen kurzen Pass in den Sechserraum aufzulösen, spielt Hoffenheim stärker quer in der ersten Linie. Das wiederum ist für den Gegner leichter zu pressen.

Durch den weniger sauberen Aufbau in der ersten Linie kann sich Hoffenheim den Gegner weniger gut zurechtlegen. Hoffenheim reagiert darauf, indem sie das flache Diagonalspiel weniger stark fokussieren. Sie visieren seltener die Räume zwischen den Linien an, sondern versuchen häufiger, den Ball direkt aus der ersten Linie hinter die Abwehr durchzustecken. Hohe Bälle sind daher en vogue in Sinsheim. Sandro Wagner tut sich hier als Abnehmer hervor. Er lässt sich aber auch wesentlich weiter fallen als in der vergangenen Saison, um Bindung an das Aufbauspiel zu halten. Ein Symptom, das zeigt: Noch steckt Hoffenheim so ein bisschen fest zwischen alter Spielanlage und neuer.

Ein wesentlicher Faktor für diese Veränderung ist sicherlich die Europa League. Nagelsmann muss viel rotieren, bekommt keine klare Anfangself mit fest abgestimmten Ritualen auf das Feld. Er beeinflusst das Spiel aktuell häufig mit kleinen taktischen Veränderungen. Im Spiel gegen Wolfsburg wechselte er früh von 4-3-3 auf 3-4-3, in der Halbzeit passte Hoffenheim die Pressinghöhe an. Die großen Dinge, strategische Anpassungen oder fein abgestimmte Positionierungen, wie sie für ein ausgeklügelteres Positionsspiel nötig wären, lassen sich nicht so leicht ändern; diese Facetten bleiben eher auf der Strecke.

Ja, Hoffenheim punktet. Häufig kann Nagelsmann das Spiel mit einer cleveren Umstellung an sich reißen. Aber sie wirken dabei nicht mehr so dominant wie in der vergangenen Saison. Gegen Wolfsburg verspielten sie zum zweiten Mal in den Schlussminuten eine klare Führung. Die Hoffnung, die Mannschaft könne Führungen stärker über die Defensive und weniger über das Ballbesitzspiel verwalten, funktioniert noch nicht. (Bereits vergangene Saison gehörte Hoffenheim mit ihrer mannorientierten Defensive nicht zu den stabilsten Teams, aber das würde den Rahmen sprengen.)

Die Zahlen zeigen übrigens, dass Hoffenheim eher mehr Punkte geholt hat, als ihnen eigentlich zugestanden hätte. Kein Team ist bei den expected goals (eine Statistik, die Chancenqualität misst) derart über den Erwartungen. Laut expected goals Tabelle ist Hoffenheim Elfter, beim Total Shots Ratio (dem Quotienten aus eigenen und gegnerischen Schüssen) sind sie Elfter, beim shots on target ratio (dem Quotienten aus eigenen und gegnerischen Schüssen aufs Tor) Achter.

Daher bin ich derzeit eher skeptisch, dass Hoffenheim den Coup vom letzten Jahr wiederholt und tatsächlich Vierter bleibt. Aber man soll ja nie den Nagelsmann unterschätzen. Zumal sich die spielerische Linie ja in den kommenden Wochen noch bessern kann, wenn sich das Team findet.

Spielerrollen, die Zweite: Köln gegen Bremen

Auch in dieser Woche arbeite ich weiter an meinem Fortsetzungsroman. Vergangene Woche bin ich kurz darauf eingegangen, warum Spielerrollen für das taktische Geschehen auf dem Platz ungemein wichtig sind. Ich möchte es noch einmal anhand eines konkreten Beispiels ausführen.

Formationen im Spiel Köln gegen Bremen

Formationen im Spiel Köln gegen Bremen

Sonntagmittag stieg das Kellerduell zwischen Köln und Bremen. Beide Trainer entschieden sich, ihr Team mit zwei Viererketten verteidigen zu lassen. Kölns Formation war stärker ein 4-4-2, Bremens Formation eher ein 4-4-1-1. Dies tut nichts zur Sache. Faktisch entstand ein Spiel, das äußerst umkämpft war. Beide Teams neutralisierten sich mit ihren Formationen, nur über die linke Seite konnte Köln Nadelstiche setzen. Bis zur 85. Minute, als Köln alles nach vorne warf, betrug die Schussbilanz 11:10 (6:0 aufs Tor) – nicht gerade ein Offensivfeuerwerk.

Nun könnte man viele Faktoren zurate ziehen, warum es am Ende 0:0 stand. Der Psychologe wird auf die Verunsicherung beider Teams hinweisen, der Fan vielleicht auf fehlenden Torriecher auf beiden Seiten. In der Vergangenheit hätte ich dem 4-4-2 die Schuld gegeben, ein System, das für den Umschaltfokus und schwaches Positionsspiel der Bundesliga stand. Ist ja eigentlich eine gute Story: Vier Viererketten neutralisieren sich, ganz wie in den guten, alten Zeiten vor zwei, drei Jahren. Systeme wie jene von Gladbach oder Leverkusen haben aber meine Weltsicht in diesem Punkt verändert.

So kommen wir aus meiner Sicht zum eigentlichen Problem: der Spielerauswahl. Auf dem Feld stand kein einziger echter Sechser und kein einziger echter Zehner. Die Doppelsechs bestand auf beiden Seiten aus Spielern, die normalerweise eher Achterrollen einnehmen, also etwas höher auf den Feld agieren und eher wohlfühlen, wenn sie dynamisch aus dem Mittelfeld nachstoßen oder aus dem Rückraum Flügelangriffe abschließen können. Salih Özcan und Milos Jojic fühlen sich genauso wie Thomas Delaney in dieser Rolle am wohlsten. Eggestein hat schon öfter als Sechser agiert, nahm aber in dieser Partie die Rolle des vorrückenden Achters ein.

Weiter vorne wiederum gab es keinen Spieler, der sich im Zehnerraum wohl fühlte. Zlatko Junuzovic ist von seinem Naturell eigentlich auch ein Achter, der Raum vor sich braucht, um seine Dynamik auszuspielen. Yuya Osako ist ein klassischer zweiter Stürmer, der um den anderen Stürmer rumwuselt und häufig auf die Flügel ausweicht. Auf beiden Seiten besetzte kein Spieler den Zehnerraum.

Die Partie zeigte, was solch eine Konstellation zur Folge hat: nämlich fehlende spielerische Leichtigkeit im Mittelfeld. Praktisch alle Aktionen liefen über die Flügel. Es gab keinen Sechser, der das Geschehen an sich riss und in Daniel-Baier-Manier seine Vorderleute einsetzte. Es gab niemanden, der den Zehnerraum besetzte und sich dort anbot. Sechser und Zehner, das sind zwei Positionen, die für ein Spiel durch das Zentrum unentbehrlich sind. Insofern verrät die Zusammenstellung des Mittelfelds sehr viel über den Verlauf dieser Partie – und warum diese am Ende 0:0 endete. Beide Teams neutralisierten sich im Mittelfeld einfach, ohne Ideen, wie man aneinander vorbeikommt.

Lustige Anekdote zum Schluss: Neulich habe ich geträumt, dass Martin Rafelt mich dazu überreden wollte, meinen einjährigen Sohn als klassischen Sechser auszubilden. „Schau doch die Bundesliga an, da gibt es keine Sechser, das ist eine Marktlücke!“ Traum-Rafelt hat in der Tat Recht, die Zeit der Mittelfeld-Spielgestalter ala Daniel Baier geht zu Ende, was am Pressing, sicher auch am Trend zur Dreierkette liegt – Sechser wie Makoto Hasebe oder Julian Schuster spielen längst als zentrale Spieler einer Dreierkette. Dennoch muss ich an dieser Stelle sagen, dass der echte Martin Rafelt eine einseitig positionsbezogene Nachwuchsförderung ablehnt. Fazit: Die spielerischen Schwächen der Bundesliga verfolgen mich jetzt auch schon im Schlaf.

Ausführliche Analysen des neunten Spieltags

Borussia Mönchengladbach – Bayer Leverkusen 1:5

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Bayers Umstellungsherrlichkeit schaltet das Spiel um http://spielverlagerung.de/2017/10/22/bayers-umstellungsherrlichkeit-schaltet-das-spiel-um/ http://spielverlagerung.de/2017/10/22/bayers-umstellungsherrlichkeit-schaltet-das-spiel-um/#comments Sat, 21 Oct 2017 22:38:13 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=41966 Gladbach spielt den Ball gut durch die eigenen Reihen und führt nach einer kontrollierten Halbzeit mit 1:0. Dann bringt eine Umstellung hin zu einer passenden Asymmetrie den Leverkusenern reihenweise Balleroberungen.


gladbach-leverkusen-2017Geduldige Zirkulation in der Viererkette prägte die ersten Momente dieses Derbys im Gladbacher Borussia-Park. Sowohl Dieter Hecking als auch Heiko Herrlich schickten ihre Mannschaften in einem 4-4-2 ins Rennen. Im Mittelfeldpressing formierten sich die Sturmduos kompakt vor den hinteren Reihen und konzentrierten sich auf das Zustellen der Sechserräume. Beide Mannschaften spielten dann erst einmal auf den Außenverteidiger und mussten dann sehen, wie sie von dort weiterkamen oder eben nicht. Ideen dafür gab es auch: Bei Leverkusen zeigten sich etwas früher einzelne spezifische Maßnahmen, mit ambivalentem Erfolg, während Gladbach stärker über die eigene Positionsstruktur arbeitete. Herauskippende Bewegungen von der Doppel-Sechs brachten beide Teams in unterschiedlichem Umfang ein, wiederum die Bayer-Elf schon in den allerersten Minuten etwas forscher. Gladbach reagierte aber schnell und ließ Zakaria ebenfalls häufiger von halbrechts den Aufbau mitgestalten.

Legten die „Fohlen“ die Rollenverteilung noch etwas weiträumiger an, setzte der Gast stark auf die Aufteilung zwischen dem eher zentral bis halblinks pendelnden Lars Bender und dem vor allem nach halblinks kippenden Baumgartlinger. Speziell nach Rückverlagerungen während der tiefen Zirkulation konnte dieser punktuell gegen diagonale Pressingversuche von Thorgan Hazard andribbeln, um so dahinter etwas Aufrückraum an der Seite zu provozieren. Allerdings waren bei diesen unterschiedlichen Bemühungen jeweils die Voraussetzungen für beide Spielrichtungen unterschiedlich – mochten die 4-4-2-Grundformation auch ähnlich daherkommen. Während beidseitig der linke Sechser tendenziell herausrückender agierte, zeigte sich das besonders bei der Interpretation auf den offensiven Flügelpositionen. Dort versuchte Leverkusen noch etwas enger nach innen zu verteidigen, während bei Gladbach etwas stärker die Mannorientierungen hervortraten.

Leverkusen versucht es halbrechts und links

Bei ballnahen Vorstößen von Wendell und vor allem Retsos ließen sich deren nominelle Gegenspieler also zumeist in die Abwehrlinie zurückfallen. Auf der rechten Leverkusener Seite ergab sich daraus eine typische Aufbaustruktur, in der Tah gegen die anlaufende Doppelspitze diagonal nach außen andribbelte und dann versuchten musste, aus dem von Retsos frei geschobenen Halbraum den Ball in die gegnerische Formation zu bringen. Das gelang aber praktisch gar nicht, weil Gladbach sich – trotz einzelner riskanter Bewegungen von Cuisance – entsprechend diagonal gut aufstellte und über bogenförmige Staffelungsfindung die Anbindungen in den Zehnerraum versperrte. Dadurch wurde Havertz als potentielle Schlüsselfigur der Offensive entscheidend abgeschirmt, im ersten Durchgang spielte er gerade zwei Pässe in vorderen zentralen Zonen.

Von den anderen Positionen konnte Leverkusen wenig Dynamik entwickeln, da Bailey zunächst eher breit spielte, während die Balance zwischen Retsos Aufrücken und Volland nicht passte. Letzterer war in seiner Rolle eher auf einen anderen spezifischen Spielzug fokussiert, den Leverkusen in früheren Aufbauphasen auszulösen versuchte. Mit längeren Pässen bedienten sie einige Male gezielt Ausweichläufe von Havertz zum Flügel in den Rücken von Wendt, wenn Volland diesen zurückfallend herausgelockt hatte. Gegen Vestergaards Physis und das Nachschieben der lauffreudigen Gladbacher Sechser waren diese Bälle für den Zehner aber kaum festzumachen, so dass die Maßnahme am Ende fruchtlos blieb. Bei breiteren Angriffen über links brachte Leverkusen dann einzelne Horizontalpässe hinter die herausgerückten Sechser, aber da ließ sich Havertz wegen dessen rechtsseitiger und oft in der Rochade mit Volland zuarbeitenden Spielweise auch kaum einsetzen.

Dynamisches Spiel durch die Positionen

Vielmehr gingen die griffigen Angriffsaktionen letztlich über den gesamten ersten Durchgang eher von den Gladbachern aus, die schon in der Anfangsphase zügig das Kommando zu übernehmen versuchten. Insgesamt präsentierten sie einen fußballerisch gefälligen Vortrag und ließen das Leder phasenweise sehr sicher über das Feld laufen. Grundlage dafür waren das aufgefächerte 4-4-2 als Grundstruktur, innerhalb dessen dann weitgehend konsequent und flexibel die situative Besetzung der relevanten Positionen um den Ball herum erfolgte. Entscheidend ging es um den Viererblock aus der Doppel-Sechs mit ihren aktiven Freilaufbewegungen sowie davor Raffael und Stindl in gewohnt vielseitigen Rollen. Zwar gelangten die Hausherren auch nicht viel besser als Leverkusen in den Sechserraum, den Alario und Havertz verschlossen.

Aber sie kamen einige Male effektiv daran vorbei und dann aus den Halbräumen diagonal in die Formation hinein. Ein entscheidendes Muster der Pässe sah so aus (siehe auch Grafik zum 1:0 unten): Sie wurden bevorzugt während seitlicher Bewegungen des ballnahen Leverkusener Sechsers gegenläufig zur Verschieberichtung gespielt. Gladbach fokussierte den Ball in die entstehende Lücke zu dessen Partner und wollte einen überraschenden Rückstoß aus der Offensivabteilung bedienen. Per Ablage konnten dann im Mittelfeld neue Optionen hergestellt werden. Die ursprüngliche Besetzung der Zwischenräume wurde meist gar nicht bedient, sondern ein anderer Spieler, der sich dynamisch dort in eine angrenzende Zone bewegte. So zog häufig Raffael im linken Halbraum die Aufmerksamkeit auf sich und ermöglichte somit Zuspiele auf den einrückenden Hazard oder auf Stindl, der sich immer wieder fallen ließ.

Raumbesetzung und -öffnung

Teilweise schaltete er sich auch in den Aufbau ein, um anstelle von Zakaria aus dem rechten Halbraum neben den gegnerischen Stürmern zu eröffnen. Die Rollenverteilung der Sechser passte ganz gut in diesen Kontext: Zakaria war etwas präsenter im Aufbau und streute einige aufrückende Dribblings ein, Cuisance glänzte mit starken Ansätzen im Freilaufverhalten: Der junge Franzose löste sich mehrmals gut aus dem Deckungsschatten der gegnerischen Sechser und zeigte diagonale Sprints in Halbraumlücken. Über diese Aktionen zwischen den Zentrumsspielern forderte Gladbach die Bayer-Elf heraus: Leverkusen war in diesem Bereich immer wieder gezwungen, sich gegen die situative Positionsstruktur der Hausherren zusammenzuziehen. Vor diesem Hintergrund boten Ablagen dann die Chance, mit einem folgenden Wechselpass das Spiel wieder zu öffnen und große Freiräume auf den Flügeln zu schaffen.

Die Entstehung des Gladbacher Führungstors: Guter Pass von Vestergaard (auch Ginter zeigte sich unter anderem in dieser Beziehung stark [verbessert]), als Lars Bender sich im Verschieben nach links Richtung Raffael orientiert. Stindl läuft den sich bietenden Freiraum an, legt für Cuisance ab und dreht sich dann herausragend in direkter Folgebewegung wieder in offene Stellung, um dann durch die Schnittstelle der Mittelfeldlinie zu verlagern. Das Zentrumsspiel zieht Bailey nach innen, während Wendell zuvor zwecks Absicherung des Herausrückens von Sven Bender gegen Stindl zur Mitte schieben musste.

Die Entstehung des Gladbacher Führungstors: Guter Pass von Vestergaard (auch Ginter zeigte sich unter anderem in dieser Beziehung stark [verbessert]), als Lars Bender sich im Verschieben nach links Richtung Raffael orientiert. Stindl läuft den sich bietenden Freiraum an, legt für Cuisance ab und dreht sich dann herausragend in direkter Folgebewegung wieder in offene Stellung, um dann durch die Schnittstelle der Mittelfeldlinie zu verlagern. Das Zentrumsspiel zieht Bailey nach innen, während Wendell zuvor zwecks Absicherung des Herausrückens von Sven Bender gegen Stindl zur Mitte schieben musste.

Für diese Gesamtstrategie bot der Treffer zum 1:0 ein exzellentes Beispiel. Damit schlossen die Mannen von Dieter Hecking an eine gute Vorstellung in Bremen an, als sie nicht nur die gegnerischen Mannorientierungen systematisch bespielt, sondern auch noch in der Endphase die sich bietenden Räume hinter und um die Absicherung klug genutzt hatten – durch besonnenes Anspielen, ohne durch den Raum und die Vertikalität hektisch zu werden, und vor allem auch durch konsequente Besetzung. Unter verschiedenen Umständen funktionierte das an der Weser jeweils gut und tat es zunächst auch in dieser Begegnung. Neben dem Treffer durch Johnson gab es auch noch die eine oder andere weitere Gelegenheit. Der Lohn für einen gut strukturierten und konzentrierten Auftritt war die 1:0-Halbzeitführung.

Umgestelltes System und Pressingverhalten bei Bayer

Dass sich diese Lage nach dem Seitenwechsel so plötzlich und so radikal umdrehen sollte, war vor allem Verdienst der Umstellung von Heiko Herrlich, der damit nicht zum ersten Mal durchschlagenden Effekt durch eine taktische Anpassung erzielen konnte – man denke nur an das verrückte System der zweiten Halbzeit beim Ligaeröffnungsspiel. Diesmal drückte sich die Entfesselung der Bayer-Elf wesentlich drastischer aus. Beim frühen 1:1 über eine Standardsituationen hatten sie noch etwas Glück, aber schon in dieser Phase zeigten sich jene Faktoren, die dann die Entstehung der entscheidenden Torflut zum 1:4 innerhalb von nur wenigen Minuten bedingen sollten: Leverkusen konterte sich in einen Rausch und setzte die Szenen eiskalt in Treffer um. Möglich wurde das durch das neue Pressingsystem, welches sich nach den Umstellungen ergab.

Im Zuge der Einwechslung von Julian Brandt zur Pause hatte Herrlich nicht einfach nur die Offensivpositionen neu besetzt, Bailey zurück nach rechts gezogen und Volland anstelle von Alario in die Spitze gestellt. Auch im Mittelfeldzentrum gab es Neuordnungen: Havertz agierte nun wesentlich tiefer und linksseitig, quasi neben seine beiden vorigen Hintermänner gerückt und damit wie ein Achter als Pendant zu Lars Bender. Formativ entstand daraus aber kein klassisches 4-1-4-1/4-3-3, sondern vielmehr eine asymmetrische Angelegenheit: Auf halblinks nahm Brandt eine vielseitige Mischposition aus Außen- und Halbstürmer ein, startete im Pressing oft neben Volland. Hinter ihm agierte in dieser neuen Ausrichtung ohne klassischen Flügelstürmer dafür Wendell herausrückender und Havertz etwas breiter.

So ließ Letzterer in der Konsequenz seinem Partner Lars Bender eine vertikale Rolle, aus der der Bayer-Kapitän immer wieder in den offenen Halbraum vorstieß. Durch die Einbindung von Brandt wurden zunächst einmal der einfache Passweg zu Elvedi ebenso erschwert wie der Aufbauraum für mögliches Herauskippen blockiert, das in der ersten Hälfte bei der Borussia schwerpunktmäßig auf jener Seite stattgefunden hatte. Dadurch musste mehr über Zakaria als nun halblinken Sechser laufen, der um die verschobene Pressinglinie herum auch entsprechend Präsenz entwickeln konnte. An dieser Stelle kam die Rolle von Lars Bender ins Spiel, der sich bei den zahlreichen Herausrückbewegungen von der Körperdrehung fast immer so bewegte, dass er den Weg schräg nach innen anbot.

Leverkusens Pressing gegen den Gladbacher Aufbau nach der Umstellung zur Pause

Leverkusens Pressing gegen den Gladbacher Aufbau nach der Umstellung zur Pause

Zuschieben in den linken Halbraum – und Kontern

Dadurch ließen sich die Gladbacher einige Male in unangenehme Engen und die Dichte auf der eigenen rechten Seite gegen Brandt, Havertz und den teils riskant nachschiebenden Baumgartlinger leiten. Im richtigen Moment konnten diese lokal die Wege zu den im Zwischenlinienraum lauernden Gladbachern über die Ballorientierung kappen und dann den Verbindungsgeber isolieren – Paradebeispiel einer solchen Balleroberung war das 1:3. Versuchte die Borussia die offene linke Leverkusener Seite frühzeitiger zu bespielen, bestand für diese die Möglichkeit, über Wendell und die „doppelte“ Halbraumbesetzung davor sehr viel Personal nachzuschieben, um Gladbachs Versuche abzuschnüren.

Das Positionsspiel der Hausherren war nun aber kein gefundenes Fressen für Bayer: Abwechselnd versuchten Stindl und Raffael am Flügel zu unterstützen, teilweise vermochte der Gastgeber sogar Querpasskanäle in den Rücken von Baumgartlinger öffnen oder sich zumindest mit Dynamik am Flügel entlang spielen. Kleine Nachlässigkeiten konnten gegen die Leverkusener Asymmetrie aber schnell teuer werden, so geschehen beim vierten Treffer: Elvedi entschied sich etwas zu frühzeitig und unvorsichtig auf den Pass auf seinen breit postierten Vordermann, isolierte sich damit vor dem Hintergrund noch nicht aufgebauter Unterstützung aber selbst. Leverkusen gewann in klarer Überzahl den Ball und fuhr den nächsten Gegenangriff.

Die Gladbacher mussten sich in dieser Phase vorwerfen lassen, manchmal zu vorschnell und attackierend bestimmte Bewegungen angespielt zu haben, die sie noch gar nicht kontrolliert genug absichern und unterstützen konnten, wo nach Verlagerungen teilweise die ballfernen Akteure noch nicht so schnell hatten mit schieben können oder dies teilweise etwas zu langsam taten. Entsprechend ging also ein Stück an Kompaktheit in der Restverteidigung verloren. Vom 1:2 bis zum 1:4 fielen die Treffer der Werkself sämtlich aus dem Umschaltmoment: Über die durch Benders leitende Spielweise verstärkte horizontale Ballorientierung und nicht zuletzt die Halbraumrolle des glänzend aufgelegten Brandt hatten sie dafür nunmehr beste Voraussetzungen.

Gladbach war aber noch da

Ein paar Mal konnte sich Gladbach aus unangenehmen Szenen auf der rechten Außenbahn per Verlagerung befreien, entweder direkt oder über die Innenverteidigung. Darauf reagierte Bayer mit explosiven diagonalen Herausrückbewegungen von Bailey, die die Weiterleitung nach außen oder in die Tiefe verhindern sollten und teilweise konnten. Da nicht zuletzt auch Lars Bender viel in die Mitte, teilweise quasi in die Bereiche „vor“ Baumgartlinger arbeitete, ließ Leverkusen halbrechts auch mal größere Räume offen. Überhaupt war das weite Verschieben des Mittelfelds nicht ungefährlich und stellte an die Abwehrspieler mitunter hohe Anforderungen, um entsprechende Löcher zwischen den Linien zu stopfen.

Oft musste Sven Bender in seinem Halbraum Stindl aufnehmen, die restliche Abwehrkette weiterhin aufpassen, von Horizontalbewegungen eines Flügelstürmers nicht aus den Abständen gezogen zu werden. So kam Gladbach gelegentlich in die Räume neben Baumgartlinger, häufiger natürlich halblinks, wo Raffael oder Hazard für Halbraumverlagerungen lauerten. Daneben war Andribbeln von Zakaria gegen Benders Leiten ein probates, wenngleich riskantes Mittel, um die zweite Leverkusener Linie zum Ball zu ziehen und dann das Spiel zum Flügel zu öffnen. Insgesamt gelang dies zwar schon noch, da das neue Bayer-Pressing auch mal jene nicht so gut abgesicherten Lücken anbot und damit die entsprechenden Pässe zulassen musste.

Da sich das Pressing gleichzeitig aber eben deutlich druckvoller abspielte, konnten die Bälle nur unter Bedrängnis gespielt werden, nicht mehr so kontrolliert, in der Konsequenz erfolgten also die Raumöffnungen nicht mehr ganz so sauber und temporeich wie vor der Halbzeit. Zumindest reichte es den Gladbachern für ein Abschlussplus auch in Halbzeit zwei, mit einigen ordentlichen Szenen, und beispielsweise einer Riesenchance kurz vor dem 1:4, die genau so eingeleitet worden war. Mit Blick auf die enormen Unterschiede in der Chancenverwertung muss man das Endresultat doch klar relativieren, wenngleich die Leverkusener Treffer eindeutigen strukturellen Punkten entsprangen und absolut hochkarätig herausgearbeitet waren.

Fazit

Das 1:5 war letztlich brutaler Ausdruck einer gelungenen Leverkusener Umstellung, gepaart mit enormer Kaltschnäuzigkeit im Abschluss. Mit seinem neuen, asymmetrischen System und der Wahl der darin inkludierten Rollen traf Heiko Herrlich genau ins Schwarze und gewann damit die Partie. Demgegenüber hatten eigene Ballbesitzmomente – abgesehen von den entschleunigenden Zirkulationsphasen zum Ende der Partie hin – wenig Einfluss: Der offenbar verstärkte Rechtsfokus über unterstützendes Einrücken Brandts, Fokus auf raumgreifende Aktionen Lars Benders und einige lange Bälle musste nicht entscheidend in die Waagschale geworfen werden, trug aber zum fünften Tor bei.

So wirksam das angepasste Pressingverhalten der Leverkusener war, so viel Risiko trug es auch: Trotz der schmerzhaften Ballverluste erspielte sich Gladbach daneben ausreichend Torgelegenheiten für mehr als ein (weiteres) Tor. Sicherlich kann man das etwas forsche Aufrückverhalten und in der Folge die Absicherung thematisieren, aber ein so zustande gekommenes 1:5 erklärt sich zum Großteil aus dem Einzelspiel. An allgemeineren, grundlegenden Erkenntnissen ist daher für die Borussia der Auftritt in Ballbesitz – nicht nur in Halbzeit eins, sondern in manchen Facetten auch darüber hinaus – vielleicht sogar der noch „wichtigere“ Eindruck und der Aspekt, von dem man am meisten mitnehmen kann. Hier geht die Entwicklung, wie gegen Bremen angedeutet, eigentlich in die richtige Richtung. Bei Leverkusen bleibt die Frage zum Verhältnis von Standard-Spielweise und Alternativen – die Frage, ob Elemente der furiosen Ausrichtungen, die schon aus In-Game-Anpassungen erwuchsen, auch stärker ins Hauptsystem Eingang finden werden.

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Blick über den Tellerrand – Folge 45 http://spielverlagerung.de/2017/10/17/blick-ueber-den-tellerrand-folge-45/ http://spielverlagerung.de/2017/10/17/blick-ueber-den-tellerrand-folge-45/#comments Tue, 17 Oct 2017 21:43:52 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=41938 Nach längerer Zeit steht mal wieder eine neue Ausgabe ins Haus. Diesmal im Blickpunkt: Fußball in Madrid und ein chilenischer Sechser der vorigen Dekade. Zudem geht es um die Frage, wie es im (kriselnden?) niederländischen Fußball um das Gegenpressing bestellt ist.

Interessant zu beobachten: Getafes „gutes“ Ergebnis im Madrider Stadtduell

Wenn sich einer der absoluten Meisterschaftsfavoriten in einem Ligabetrieb gegen einen kleineren Gegner schwertut, steht dahinter nicht selten eine interessante taktische Anpassung des Underdogs gegen das typische, bevorzugte, schwierig zu konternde System des Favoriten. Manchmal tritt aber gewissermaßen auch der umgekehrte Fall ein, wie nun am Wochenende beim kleinen Stadtduell Madrids zwischen Getafe und den zäh in die neue Saison gekommenen Champions-League-Siegern von Real. Beim Aufeinandertreffen an diesem Wochenende blieb es lange beim 1:1, ehe die „Königlichen“ ganz spät doch noch den Siegtreffer erzielten.

Anders gesagt: Das vergleichsweise „ungewohnt knappe“ Ergebnis entsprang nicht primär einem spezifischen Plan der Hausherren, sondern in erster Linie aus einer Abweichung des Favoriten von seinem Hauptsystem zu einer Variante, die nicht so gut funktionierte. Aus dem 4-4-2 heraus entstanden bei Real häufig zu flache Offensivstaffelungen. Dagegen setzte der Gastgeber von Trainer José Bordalás auf eine effektive Umsetzung seines Defensivsystems, genauer gesagt seines methodisch recht gewöhnlichen 4-4-1-1/4-4-2-Pressings: sie agierten dabei etwas kompakter und verschoben noch etwas intensiver als der Durchschnitt. Vor allem die Rückzugsbewegung zeigte sich diszipliniert und aufmerksam, auf den offensiven Flügelpositionen über Mannorientierungen in Sechserkettenansätze fast zu sehr. Ballfern blieben sie gelegentlich mal etwas breiter und spekulierten auf Verlagerungen, der Zehner pendelte vielseitig zwischen den gegnerischen Sechsern, einmal presste der früh verletzt ausgewechselte Rechtsaußen Álvaro Jiménez auch stark diagonal auf Kroos.

Was sich aber als sehr markant – und dabei auch wichtig sowie passend gegen den großen Stadtrivalen – darstellte bei Getafe, war die teils außergewöhnlich starke und fokussierte Ballorientierung des jeweils ballnahen Sechsers. Teilweise schob er enorm weit und unterstützend nach außen, wofür die Hausherren auch größere Horizontalabstände innerhalb des Duos vor der Abwehr in Kauf nahmen. Diese Gewichtung kam gut zur Geltung, da Real sich recht stark auf den ballnahen Halbraum fokussierte in ihrer Positionsfindung, aber weniger auf die mittigen Räume. Indem Getafe das quasi adaptierte, konnte Real die beteiligten Akteure im vertikalen Kanal hinter Bergara bei den typischen Aufbauszenen über Herauskippen von Kroos halblinks nicht einsetzen. Einige Male gelang es vielmehr den Gastgebern, über die Keilstaffelung ihrer vorderen Akteure, Kroos nach links zu drängen und Real dort zuzuschnüren.

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Getafe drängt Kroos nach außen, Bergara als ballnaher Sechser schiebt weit in den Halbraum hinüber und kann den vertikalen Passweg belauern. Mit drei Spielern in der letzten Linie kann Real dann nicht entscheidend Zentrumspräsenz aufbauen, während die Sechser horizontal recht weit auseinander gezogen sind.

Ihrerseits fanden die Gäste nicht die letzte Ruhe, um sich dagegen in gewohnter Manier zu lösen: Ohne Modric und Casemiro hatte Zidane auch die standardmäßige 4-3-3-Formation mit seinen unangenehmen, lockenden U-Zirkulationsstrukturen nicht mit im Gepäck. Vor der Abwehr wurde Kroos nur durch Marcos Llorente ergänzt, zentral war zusätzlich vielmehr Cristiano Ronaldo als hängende Spitze neben Benzema aufgeboten. In diesem Systemkontext konnten gewisse Staffelungsprobleme sich direkt mehr auswirken: Die Flügelspieler agierten recht hoch, aus dem Raum hinter dem ballnahen gegnerischen Sechser heraus hätte das Freilaufverhalten aktiver kommen können. Wenn das über Asensio aber mal gelang, konnte es sofort gefährlich werden für das 4-4-2-Getafes. Mit dessen Zurückfallbewegungen schien Real später auch gezielter Bergara herauszulocken (und mit schnellen Weiterleitungen überspielen) versuchen, so dass sich weiträumige Zugriffsbewegungen von dieser Position ins Gegenteil zu verkehren drohten.

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Ähnlich wie oben ist Kroos der Weg durch den Halbraum versperrt und er muss abdrehen. Erneut steht Bergara recht nah am Flügelspieler, muss jetzt aber keinen Gegner zustellen, sondern sichert nur lose den Horizontalabstand innerhalb der Kette. Die zwei voreinander versetzten Offensivspieler Getafes sind für die Anbindung an den gerade nicht bestezten ballfernen Halbraum unangenehm.

Insgesamt hatte das Mittelfeld der Gäste damit nicht so viel Sicherheitsstationen, vor allem nicht so viele Ausweichoptionen wie gewohnt. Auch zwischen den beiden Sechsern bestand nur geringer Kontakt, was eine Verbindung der beiden Halbräume erschwerte. Wenn sich Marcos Llorente halbrechts breiter herausbewegte oder Lucas Vázquez dort – teils überambitioniert – ballfordernd tief in den Halbraum zurückfiel, konnte Getafe durch schnelles Herausschießen des linken Sechsers neben den Außenspieler überfallartig für Druck sorgen. So rissen letztlich einige Bemühungen der „Königlichen“ früh ab. Vielleicht lag es auch an diesem teils fahrigen Charakter der Begegnung, dass den Einzelspielern Reals ungewohnt viele Unsauberkeiten und seltsame Entscheidungen einfach bei „alltäglichen“ Zuspielen unterliefen.

Eine vergleichsweise niedrige Passquote verbuchte auch Getafe, in ihrem Fall durch den sehr vertikal angelegten Umschaltstil und den Fokus auf lange bzw. zweite Bälle. In dieser teilweise offenen Spielcharakteristik kam Real – nicht zuletzt nach Schnellangriffen, wegen des teilweise starken und für die Stabilität wichtigen Gegenpressing Getafes nur gelegentlich über Konteransätze – eigentlich auch recht oft nach vorne, hatte zumindest nicht wenige Szenen in Strafraumnähe: einfach gar nicht so weit entfernt vom „Normalmaß“. Der Gastgeber verteidigte solide und unangenehm, aber nicht überragend, etwa mit gewissen Instabilitäten bei zu starker mannorientierter Rückzugsbewegung, was Cristiano in der Anfangsphase einen gefährlichen Abschluss ermöglicht hatte.  So lockend vorbereitet, wie man es oft von ihnen gesehen hat, konnten die „Königlichen“ diesmal aber nicht durchdringen.

Spieler der Woche: Claudio Maldonado

In der Länderspielpause wurden diesmal einige Weichen in puncto WM-Tickets gestellt, mit den Chilenen wird etwa ein potentielles Schwergewicht das Turnier in Russland verpassen. An dieser Stelle soll es nun etwas Balsam für den amtierenden Doppel-Südamerikameister geben: ein Kurzporträt zu einem Mittelfeldmann des Landes, Claudio Maldonado, der 2015 im Alter von 35 Jahre seine aktive Karriere beendete. In den wichtigsten Phasen seiner Laufbahn hatte sich die chilenische Nationalmannschaft noch nicht den heutigen Status erarbeitet, und als es dann mit dem viel beachteten Ausrufezeichen bei der WM 2010 unter Marcelo Bielsa in diese Richtung ging, lief Maldonados Zeit in der Landesauswahl aus. In der Qualifikationsrunde noch im Kader, wurde er für das letztliche WM-Aufgebot nicht berufen und blieb damit trotz 44 Länderspielen ohne Teilnahme an einem großen Turnier – abgesehen von Olympia-Bronze 2000.

Auf solide und unspektakuläre Weise verkörpert Maldonado einen modernen Sechser, ohne aber ein herausragendes Profil aufzuweisen: Er war in seiner Zeit einfach ein guter Fußballer, er wäre es heutzutage genauso, nicht mehr und nicht weniger. Man könnte ihn als Muster-, aber nicht wirklich als entscheidenden Schlüsselspieler bezeichnen, als jemanden, der das Spiel einer Mannschaft etwas besser und harmonischer machen kann, es aber nicht federführend trägt oder als markanter Kopf anführt.  Alles in allem war Maldonado ein kompletter Aufbau- und zuverlässiger Passspieler im defensiven Mittelfeld, an dem neben seiner konstruktiven Art vor allem seine enorme Ruhe beeindruckt. In fast jeder Situation schien er entspannt seinen Dienst zu verrichten und seine Rolle auszufüllen.

Trotz oder gerade wegen dieser „gemächlichen“ Art lieferte er seine besten Zuspiele als – um den alten Tymoshchuk-Gedächtnis-Begriff von RM zu gebrauchen – Umschaltpassspieler. Daneben zeichnete sich der Chilene durch sein sehr konsequentes und bewusstes Umblickverhalten aus. Insgesamt prägte Rationalität die Spielanlage Maldonados: ein Sechsertypus, dessen Aktionen und Bewegungen stets gut und konstruktiv waren, aber selten vor Kreativität sprühten, der konstant passende und sinnvolle Entscheidungen traf, aber nicht immer unbedingt die optimale Lösung oder jene, die noch überraschende Potentiale erschlossen hätte. Wer es negativ formulieren wollte, hätte Maldonados Spiel vielleicht als langweilig bezeichnet, aber er arbeitete gut für das Team und dessen Struktur.

Insgesamt war der chilenische Mittelfeldmann nicht besonders dynamisch und sogar – wenngleich mit vergleichsweise starkem Antritt – etwas unbeweglich, ebenso koordinativ mit manchen Schwierigkeiten. So zeigte sich seine Passtechnik gar nicht so sauber und wirkte ansatzweise fast unbeholfen, über die sehr starke Gewichtung der Zuspiele ließ sich das für Maldonado aber wieder ausgleichen. So hatte er – ein anderes Beispiel – in der Arbeit gegen den Ball gewisse Schwierigkeiten in der letzten koordinativen Umsetzung der Zugriffsfindung bei eigentlich sinnvoll gewählten Rückzugsbewegungen, musste diese dann bisweilen abbrechen und „eroberte“ bzw. sammelte nur Abpraller, wenn es stattdessen den nahen Kollegen gelungen war, den Gegner zu bedrängen.

Wenn er unterstützend in solche Drucksituationen eingreifen konnte, zeigte sich eine besondere Stärke Maldonados: halbhoch springende lose Bälle konnte er aus der Szenendynamik heraus enorm sauber per One-Touch weiterspielen. Ansonsten zeigte sich seine defensive Positionsfindung schon recht modern, sein Verschiebeverhalten engagiert. Besonders zum Ende seiner Karriere hin schälten sich die genannten Charakteristika des kompletten und soliden Mittelfeldmannes mit einzelnen Besonderheiten deutlicher und exemplarischer heraus. Wie es so häufig ist, agierte Maldonado in jungen Jahren schon noch etwas wilder, verschwendete mit seinen Unsauberkeiten in der Passtechnik häufiger Szenen, zeigte sich in seiner offensiven Positionsfindung ein wenig aufrückender.

Und sonst so? Gegenpressing-Lage (und weitere Statusmeldungen) in den Niederlanden

Noch einmal zurück zur vergangenen Länderspielpause: Auch die Niederländer konnten ihre WM-Chancen nicht mehr wahren, das „Wunder“ im letzten Match gegen Schweden blieb aus. Mit der erneuten Abstinenz von einem großen Turnier fanden Diskussionen um die Zukunft des niederländischen Fußballs wieder neue Konjunktur. Tatsächlich gibt es in dieser Hinsicht einige – schon bei der verpassten EM-Teilnahme vor zwei Jahren geltende – größere Strukturprobleme, allerdings keinesfalls nur rein düstere Aussichten, sondern auch gewisse Hoffnungsschimmer. Rational betrachtet, ist die teils extreme Ausführung der typischen Mannorientierungen beispielsweise eine aktuelle Schwäche vieler niederländischer Teams, nun ist der dortige Fußball aber auch keinesfalls komplett rückständig. Ein Bereich etwa, von dem man eine solche Rückständigkeit nicht so einfach behaupten könnte, ist das Gegenpressing.

Auch wenn man die Niederlande nicht wirklich als Hochburg des Gegenpressings bezeichnen kann, befindet sich selbiges dort doch auf einem ordentlichen Stand und vor allem deuten sich in jüngerer Vergangenheit eher positive Entwicklungstendenzen in Form von Ausbreitung und Verfeinerung an. War beispielsweise Heracles unter John Stegeman mit Gegenpressing als tragendem Faktor recht früh, machen nun weitere Teams Fortschritte, gerade die größeren Namen: Die PSV scheint sich von der Passivität nach Ballverlusten zu entfernen, auch AZ Alkmaar deutete in der aktuellen Spielzeit vielversprechende Momente an. Insgesamt fehlt es den Teams oft noch an der letzten Kollektivität im Nachschieben, lokal und gruppentaktisch zeigen sich die Umsetzungen aber schon recht gut und intensiv. Angesichts der Tatsache, dass viele Mannschaften bevorzugt aus einem weiträumigen Stil heraus agieren, ist das sogar noch etwas höher einzuschätzen.

Ganz gute Voraussetzungen haben Gegenpressing-Entwicklungen dadurch, dass eine Reihe kleinerer Teams viel mit langen Bällen auf eine Seite arbeitet und viel über Abpraller versucht. Von der Theorie her gibt es da mit dieser Jagd auf lose Bälle also einige Überschneidungen, zumal in der Eredivisie dieser Fokus auf Abpraller nicht so klar aus einer Defensivformation heraus gespielt wird wie es eigentlich normal meist der Fall ist. Andererseits hat sich dadurch aber nun kein „Gegenpressing-Trainingsfeld“ herausgeformt: Viele Mannschaften agieren in solchen Spielweisen doch recht wild, andere wiederum setzen nur auf die enge Staffelung um die Ballungsräume und die verschobene Struktur – und wenn das Leder dann trotzdem nicht in die eigenen Reihen springt, ziehen sie sich eher zurück statt unbedingt nach vorne nachzusetzen.

Prinzipiell illustrierte schon das viel besprochene Quali-Match gegen die Schweden die Verhältnismäßigkeit von Problempunkten: Die Niederländer machten das Spiel, hatten gegen einen aus seinem 4-4-2 fast enttäuschend ambitionslosen Gegner viel Ballbesitz und taten sich mit der kreativen Chancenproduktion schwer als mit der Verhinderung von Kontergefahr, die sie in Schach halten. (Randnotiz übrigens: Eigentlich wäre die Partie bei einer solchen Ausgangslage mal geeignet gewesen, um enormes strategisches Risiko zu gehen, soll heißen: extreme Intensität durch ganz offensives Aufrückverhalten und attackierende Entscheidungsvorgaben. Stattdessen entschied sich Advocaat für eine recht gewöhnliche 4-3-3-Interpretation, mit zwar vorgerückten, aber undefiniert-positionsorientierten Achtern, die innerhalb der gegnerischen Formation kaum eingebunden werden konnten. In der Folge entstanden dann die potentiellen Unterzahlen um die diagonalen Wege, die vor allem Robben vom Flügel suchte, und dieser musste quasi abdrehend um den Schwedenblock herumlaufen.) Zugegeben, in weiten Teilen war das Gegenpressing hier auch eine individuelle Angelegenheit, getragen durch einen beeindruckenden Auftritt von Sechser – für den Aufbau dort eine ambivalente Besetzung – Daley Blind, der ständig und aufmerksam mit starkem Timing horizontal rochierte und oft geschickt schräg aus dem Rücken Zugriff suchte.

In der Liga präsentierte sich am vergangenen Wochenende etwa Feyenoord stark im Gegenpressing. Bei der Heimpartie gegen das sehr gut gestartete PEC Zwolle hatten sie einige gute Nachrückbewegungen aus der Tiefe und entwickelten vor allem sehr viel Wucht in diesen defensiven Umschaltmomenten. Insgesamt lag darin ein unscheinbarer Faktor dafür, dass sie gegen das starke 4-4-2-/4-2-4-0-Pressing der Gäste, das sie beim 0:0 am Ende nicht entscheidend knacken konnten, sowie dessen Abstimmung speziell zwischen Sechsern und Außenverteidigern im ballnahen Verschieben doch ziemlich dominant blieben und die eigene Spielanlage druckvoll aufrechterhalten konnten. Gefährliche Offensivszenen für PEC gab es dann übrigens fast ausnahmslos aus deren Aufbau, wo die tiefe Rolle von Thomas als abkippender Sechser Potential andeutete und abwechselnd Namli oder Saymak sehr gezielt die Positionierung im Zwischenlinienraum suchten.

Ansonsten wäre in dieser Reihe guter Gegenpressing-Ansätze nicht zuletzt auch Ajax zu nennen, die unter Peter Bosz das Paradebeispiel der vergangenen Saison stellten. Unter dem neuen Trainer Marcel Keizer versuchen sie das von Bosz installierte System im Wesentlichen fortzusetzen, entsprechend auch die enorme Intensität bei der Ballrückeroberung. Mit geschickten Diagonal- und Bogenläufen sowie hoher Beteiligung konnten sie so auch schon in den ersten paar Saisonpartien gute Momente erzeugen, als es insgesamt aufgrund gewisser Balanceprobleme noch nicht gut lief. Mittlerweile sind die Amsterdamer aber generell besser in der Spur und sogar schon wieder an der Tabellenspitze. Am Wochenende spielten sie beim zweiten 4:0-Sieg in Serie recht ansehnlich, mit guter Doppelpassnutzung, vielen Pässen Richtung Halbraum und Zwischenraumläufen der Achter. Indem diese sich mit der Zeit weiträumiger gegen Mannorientierungen bewegten, konnten sie nach schwächerer Anfangsphase auch der im Ligavergleich stärkeren Horizontalkompakt und Ballorientierung bei Alex Pastoors Sparta Rotterdam den Wind aus den Segeln nehmen.

Um abschließend wieder stärker zum Gegenpressing-Kern zurückzukehren: Entwicklungen in diese Richtung nahmen in den Niederlanden natürlich nicht erst mit Bosz´ Ajax Fahrt auf, wobei bereits dessen Vitesse-Mannschaft diesbezüglich sicher eine Führungsrolle in der Eredivisie einnahm. Es sei nur ein Beispiel mit Blick auf die zuletzt so gebeutelte Nationalmannschaft angeführt: Unter Louis van Gaal in der Periode von 2012 bis 2014 verfügte die „Elftal“ vor der unmittelbar zum WM-Start vorgenommenen Formationsumstellung auf 5-2-1-2 über ein sehr gutes Gegenpressing. Strukturell gestaltete es sich manchmal unsauber und wild, funktionierte aber ansprechend über die Grundaufteilung, dass die aus der Tiefe nachrückenden Akteure sehr aggressiv und fast schon als Impulsgeber auftraten, die zunächst ballnahen Kräfte eher passiver leitend agierten. Gerade Rechtsverteidiger Janmaat war ein Schlüsselspieler für das Gegenpressing (warum spielt der eigentlich, mit Verlaub, in Watford?…).

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Eine Beispielszene, WM-Quali-Spiel Niederlande – Rumänien von März 2013, hier zunächst die Vorgeschichte: nach einer gescheiterten Linksüberladung sammelt die Restverteidigung die Klärung auf und verlagert sehr schnell nach rechts, wo noch nicht so viel Präsenz ist. Lens versucht den Ball durchzustecken, spielt aber unsauber und das Zuspiel bleibt hängen.

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Nur sieben Sekunden später hat sich diese Situation ergeben: Vor allem das aggressive Nachschieben von Janmaat, der zwischenzeitlich als vorderster Pressingspieler agierte, war wirksam, zudem schoben mit dem tiefsten Sechser de Guzmán und mit Strootman die beiden anderen Mittelfeldspieler neben dem hier nun Druck ausübenden Zehner nach. Oranje hat ganz schnell viele Leute ins Gegenpressing gebracht und ist quasi nach Ballverlust noch deutlich weiter aufgerückt als zuvor. Der ballführende Rumäne ist weitgehend zugestellt, versucht hinter Janmaat zu lupfen, die folgende Weiterleitung kann de Guzmán dann abfangen.

Ausgehend von dieser Einzelszene kann man also den prinzipiellen „Vorteil“ für die Kombination aus Gegenpressing und tendenzieller Flügelspielweise, die bei nicht wenigen niederländischen Teams Verbreitung findet, sehen: Verliert man die Bälle außen, sind – von der Logik ähnlich wie beim Pressing – die Räume verknappt und entsprechend auch die gegnerischen Handlungsmöglichkeiten, sich daraus zu lösen. Das Nachschieben ist potentiell auch leichter zu koordinieren, weil sich alle Spieler in dieselbe Richtung mit gemeinsamer Dynamik zusammenziehen. Wie so etwas in Kombination mit hoher Intensität aussehen kann, sieht man in umfassender Form eben bei Bosz. Es bleibt interessant, wie sich das Thema in den Niederlanden generell weiterentwickelt. (Der Vollständigkeit halber noch die abschließende Bemerkung: Vom Typ her wäre Bosz genau der passende Bondscoach, um die Nationalelf – wie oft gefordert wird – zu „modernisieren“ [so problematisch es natürlich wäre, derartige Modernisierung allein an eine Einzelperson auf diesem Posten zu koppeln] und dabei gleichzeitig so viel wie möglich von „klassischen“ oder als klassisch niederländisch geltenden Elementen in so klassischer Form wie möglich zu konservieren.)

Zum Abschluss…

…sei anlässlich der 45. Ausgabe abermals auf das zum Jubiläum der 30. Folge eingrichtete Register verwiesen, in welchem sämtliche bisherigen Themen von „Blick über den Tellerrand“ systematisch sortiert verzeichnet sind. Bei Interesse: Gerne einmal dort stöbern und in die älteren Artikel hineinlesen.

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http://spielverlagerung.de/2017/10/17/blick-ueber-den-tellerrand-folge-45/feed/ 12
Gegenpressing oder Torgefahr? http://spielverlagerung.de/2017/10/17/gegenpressing-oder-torgefahr/ http://spielverlagerung.de/2017/10/17/gegenpressing-oder-torgefahr/#comments Tue, 17 Oct 2017 16:08:17 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=41933 Barca attackiert gegen Atletico in einem stabilen 2-5-1-2. Die Defensivspezialisten aus Madrid können aber durch Ballbesitz dagegenhalten.


Barcelona erleidet bei Atletico den ersten Punktverlust. Die Madrilenen konnten mit ihrem typischen Spiel lange Zeit führen. Unterm Strich enttäuschte Barcelona jedoch nicht und konnte später zunehmend den Druck erhöhen.

Das 2-5-1-2 als Gegenpressing-Netz

Atletico setzte gegen den Ball vereinzelt auf Angriffspressing. Meistens jedoch zogen sie ihr übliches tiefes 4-4-2-0 auf: Beide Stürmer weit in der eigenen Hälfte, kompakt vor dem Mittelfeld. Die Mittelfeldreihe verteidigte wie üblich sehr kompakt, sodass quasi sechs Spieler das Zentrum abschirmten. Besonders Koke rückte weit ein und verhinderte Halbraumverlagerungen von Messi oder Rakitic auf Iniesta. Die Viererkette agierte ein wenig breiter.

Bei Ballbesitz von Barcelona.

Bei Ballbesitz von Barcelona.

Barcelona setzte gegen diese tiefe Formation vor allem auf ein gutes Gegenpressing-Netz: Iniesta und Rakitic positionierten sich recht breit und eher tief, meist etwa auf Höhe von Busquets. So kontrollierten sie die vertikalen Konterräume für die gegnerischen Flügelstürmer und die Ausweichräume für die Mittelstürmer. In der 2-3-Staffelung konnte Barcelona recht problemlos um Atleticos Block herum zirkulieren und stand dann sehr gut bei Ballverlusten.

Die beiden Achter wurden noch dadurch unterstützt, dass Alba und Semedo bei ballferner Position etwas Einrücken, um die Restverteidigung zu stärken. Sie hielten sich nicht in der letzten Linie auf, sondern tiefer, sodass sie im Gegenpressing Zugriff auf Atleticos Flügelstürmer hatten. Die Wege außen entlang waren für Madrid daher dicht.

Atleticos Sechserräume waren hingegen nicht sofort unter höchstem Druck. Hier brillierte aber Busquets, der seine typischen Aufrückbewegungen im Gegenpressing unternahm und mehrfach bis kurz vor den Strafraum „hochpresste“ und dadurch etwaige Vertikalaktionen durch das Zentrum unterband. Bei direkten Pässen auf die Stürmer wiederum waren Pique und vor allem Umtiti sehr aggressiv, verhinderten das Aufdrehen und dann konnten Griezmann oder Correa eingekesselt werden.

Interessante Rolle(n) für Gomes

Während diese feste Struktur sich gut für die Ballzirkulation und Absicherung eignete, so sorgte sie doch für wenig Durchschlagskraft. Die beiden Achter fehlten in den engen Offensivräumen, sowohl strukturell als auch hinsichtlich ihrer individuellen Qualität. Die Besetzungsmöglichkeiten der Offensivräume waren daher sehr limitiert.

Suarez konnte nicht viel Effekt verursachen, da er in Barcelonas asymmetrischer Struktur nicht mehr nach rechts ausweichen kann, nach links aber zwei bis drei Gegenspieler hat. So blieben die Offensivaktionen an Messi, Gomes und den Außenverteidigern hängen.

Gomes und Semedo waren dabei gut aufeinander abgestimmt: Meist war einer von beiden Breitengeber und der andere eingerückt. Gomes‘ Rolle dabei war sehr interessant. Er wechselte zwischen der breiten Position, einer eingerückten Zwischenraumposition für Kombinationen und dynamischer Besetzung der letzten Linie in Raumdeuter-Manier. Diese Mischung aus drei verschiedenen Rollen ist umso kurioser, wenn man bedenkt, dass Gomes eigentlich für keine dieser Rollen der passende Spielertyp ist. Dennoch führte er alle ziemlich gut aus. Im Laufe des Spiels wurde er immer aktiver und zeigte viele gute Bewegungen in vorderster Front.

Zu wenig Messi

Letztlich half dieser Kniff aber wenig, weil Barcelona einfach zu selten in gefährliche Räume kam. Messi wurde von Saúl und seinen Nebenleuten hervorragend abgeschirmt und konnte fast nie im Zwischenlinienraum angespielt werden. Ab und zu fiel er tiefer zurück, hatte dann aber quasi die gesamte Atletico-Mannschaft vor sich.

Ein Problem war auch, dass die Breite der Außenverteidiger wenig nützlich war: Direkte Flügelangriffe zur Grundlinie oder Flanken versuchte Barcelona (typischerweise) nicht. Man zwang Atletico lediglich zum Verschieben, aber das machen die ja gerne. So öffnet man gegen diese Mannschaft keine Lücken. So kam Barcelona in den ersten 30 Minuten nur zu einem einzigen Schussversuch. (Interessant wäre vielleicht gewesen einen oder gar beide Außenverteidiger mit in die Offensivräume rücken zu lassen und auf Breite zu verzichten.)

Atletico überlädt die Lücke ineffektiv

Während Atletico so gut wie keine Konterchancen bekam, konnten sie zumindest aus dem eigenen Ballbesitz heraus etwas Gefahr erzeugen. Ohnehin hat der Kader mit Spielern wie Koke oder Saúl mittlerweile eigentlich enorm viel Ballbesitz-Qualitäten, lediglich die Innenverteidiger fallen da ein bisschen heraus. Dementsprechend war der Aufbau und die Ballzirkulation auch etwas merkwürdig strukturiert: Gabi und Saúl kippten teilweise weit heraus oder kamen sehr tief, um sich Bälle abzuholen. Wegen Barcelonas oftmals laschem Pressing war das jedoch häufig kein Problem.

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Bei Ballbesitz von Atletico.

Die Struktur in der gegnerischen Hälfte war dann recht interessant und schlüssig, da sie sehr asymmetrisch war und an Barcelonas unorthodoxe Defensivstruktur angepasst: Der rechte Flügel wurde als Zirkulationszone genutzt, da Barca dort quasi keinen Spieler hat. Juanfran schob deutlich weiter nach vorne als sein Gegenpart Luis, da er keinen Flügelstürmer abzusichern hatte. Dafür bewegte sich Koke sehr viel durch tiefere und zentralere Räume und unterstützte die beiden Sechser.

Die Spielfortsetzung aus dieser Lücke heraus schien aber nicht so recht durchdacht zu sein: Kokes tiefe Rolle war zuweilen etwas ineffizient und sorgte für Präsenzprobleme in den höheren Halbräumen. Diese besetzte dann primär Griezmann. Das passierte aber unstetig, da der Franzose von halblinks aus längere Wege hatte. Correa startete zuweilen in den Raum hinter Alba, aber konnte nicht angespielt werden. Gabi und Juanfran hatten außerdem wenige tororientierte Aktionen, sodass die Spielauslösung von dieser Seite nicht gut war.

Saúl dominiert Rakitic

Den Unterschied machte dann Saúl, der nicht nur das 1:0 mit einem Kunstschuss selber erzielte, sondern Barca und vor allem Rakitic dabei förmlich vorführte: Er rochierte mit in Richtung der überladenen rechten Seite, bekam dann zentral den Ball, weswegen Rakitic herausrückte. Dann verlagerte er auf links, startete in den offenen Raum hinter Rakitic und schirmte den Kroaten sogar noch kurz mit seinem Körper ab, um torseitig bleiben zu können. Im Zwischenlinienraum brauchte er nur drei Kontakte und kaum Raum, um aufzudrehen und abzuschließen.

Man kann das Duell Saúl gegen Rakitic auch in anderer Hinsicht als entscheidendes Duell der ersten Halbzeit herausstellen: Der Spanier rückte oftmals heraus, um den Raum hinter Griezmann zu schließen und verhinderte dadurch vertikale Aktionen von Rakitic. Außerdem war er natürlich der hauptsächliche „Bewacher“ von Messi und verhinderte in dieser Funktion hervorragend Zuspiele auf den Superstar – diese wiederum wären vor allem Rakitics Aufgabe gewesen. Allerdings darf man in diesem Kontext auch Carrasco loben, der sehr diszipliniert in die Mitte arbeitete und den Raum um Saúl verknappte.

Neue Rollenverteilungen in der Endphase

Passend dazu konnte Barcelona jedoch erst ausgleichen, nachdem Rakitic vom Platz ging – und zwar drei Minuten danach. Paulinho war zwar Saúl nicht überlegen, doch spielte die Rolle anders: Er schob deutlich weiter nach vorne, versuchte hinter Atleticos Mittelfeld präsent zu sein und dadurch Raum für Messi zu öffnen. Beim Tor besetzte er quasi als Mittelstürmer die letzte Linie und schuf damit auch etwas Raum für Suarez, der Sergi Robertos Flanke einköpfen konnte.

Barcelonas Ballbesitz nach den Wechseln.

Barcelonas Ballbesitz nach den Wechseln.

Apropos Roberto; der kam vorher schon für Semedo und gemeinsam mit Deulofeu, was eine Umstrukturierung auf der rechten Seite zur Folge hatte. Deulofeu gab nun meist den Breitengeber und Roberto rückte mit spielmachenden Aufgaben im Halbraum nach vorne. Das harmonierte zunächst nicht mit Rakitics Rolle; oft war einer von beiden ohne Effekt. Doch Roberto konnte doch in dieser diagonalen Rolle Angriffe aus dem richtigen Raum anleiten und kombinierte gut mit Messi.

Zudem wechselte Gomes auf die linke Achterposition, die er etwas höher interpretierte. Busquets spielte dadurch ein wenig linksseitiger, sodass Messi sich ein wenig zentraler anbieten konnte für ihn, was wenige Male effektiv wurde. Zuweilen entstand beinahe eine Busquets-Messi-Doppelsechs.

Alles in allem brachte Barcelona im Laufe des zweiten Durchgangs mehr und mehr Personal in die gefährlichen Räume, ohne die Absicherung großartig zu beschädigen. Dass das Gegenpressing etwas weniger dicht wurde, war in einigen Szenen sogar ein Vorteil: Atletico kam bei den Kontern weiter heraus und offenbarte größere Räume zwischen den Mannschaftsteilen. Barca konnte nach späteren Ballrückeroberungen Gegenkonter fahren. So entstanden einige der gefährlichsten Situationen der Gäste.

Fazit

Ein weiteres interessantes Spiel zwischen Atletico und Barcelona. Interessant war, dass Atletico verstärkt über den Ballbesitz kam und kommen musste, während Barcelona im Kontermoment gefährlicher wirkte.

Für Ernesto Valverde stellt sich die Frage nach der Balance zwischen Restverteidigung und Offensivpräsenz. In der 2-5-1-2-Struktur funktionierte ersteres hervorragend. Zweiteres war später deutlich besser, als man mehr in Richtung 2-3-1-4 tendierte. Unterm Strich scheint sich für Barca anzubieten, sich weniger breit zu staffeln, um das Spiel in Zwischenräume noch mehr zu fokussieren, ohne die Abstände in der Restverteidigung zu erhöhen.

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TEs Bundesliga-Check: Bilderbuch-Fußball http://spielverlagerung.de/2017/10/16/tes-bundesliga-check-bilderbuch-fussball/ http://spielverlagerung.de/2017/10/16/tes-bundesliga-check-bilderbuch-fussball/#comments Mon, 16 Oct 2017 11:30:26 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=41926 Montagmittag heißt: Kolumnenzeit! TE erklärt, wieso Gladbach gegen Werder Bremen Bilderbuch-Fußball gespielt hat. Außerdem: Was die Spielerwahl über einen Trainer aussagt.

Spielverlagerung-Autor TE sucht sich nach jedem Bundesliga-Spieltag zwei bis drei Aspekte heraus, die er kurz und knackig analysiert. TEs Bundesliga-Check ist der Analysehappen für Zwischendurch – eine Spielwiese für taktische Beobachtungen, die in den “langen” Spielanalysen keinen Platz finden.

Gladbachs Bilderbuch-Lösungen gegen Mannorientierungen

So langsam entwickelt sich diese Kolumne zum Fortsetzungsroman. Auch an diesem Spieltag möchte ich wieder an die Kolumne des vergangenen Spieltags anknüpfen. Dort stellte ich fest, dass es in der Liga zwei große taktische Trends gibt, die zugleich auch ihren Anteil an der Torflaute der Liga haben: die Fünferkette sowie die Mannorientierungen. Nun schrieb ich dort, dass mannorientierte Fünferketten-Systeme nicht leicht zu knacken sind. Wie kann dies dennoch gelingen?

Borussia Mönchengladbach lieferte beim 2:0-Erfolg gegen Werder Bremen die Blaupause. Die Ausgangslage: Bremen versuchte (mal wieder), den Gegner auf dem ganzen Feld eng zu decken. Die Stürmer nahmen die gegnerischen Innenverteidiger auf, die Mittelfeldspieler die gegnerische Doppelsechs usw. Im Idealfall sollte sich solch ein Bild ergeben:

Bremens Mannorientierungen gegen Borussia Mönchengladbach

Bremens Mannorientierungen gegen Borussia Mönchengladbach

Gladbachs Lösung lautete Bewegung, Bewegung und Bewegung. Wenn der Gegner dir an den Hacken klebt, gilt es, dies zu nutzen – indem man die Gegenspieler immer wieder aus seiner Position zieht. Daraufhin sollten die frei werdenden Räume besetzt werden, im Idealfall wird wieder ein Gegenspieler aus der Position gezogen. Irgendwann knackt man den Gegner.

Gladbach ist prädestiniert für diese Spielweise. Das für diese Spielweise notwendige Pass und Klatsch gehört mittlerweile zur DNA des Klubs. Dem Ball entgegengehen, klatschen lassen, die sich öffnenden Räume besetzen: Genau das tut Gladbach. Praktisch sieht das so aus, dass die Doppelsechs, aber auch die beiden Stürmer sich sehr viel vertikal bewegen. Sie lassen sich fallen, um eine Anspielstation im Spielaufbau zu bieten. Gleichzeitig ziehen sie ihre Gegenspieler mit sich. Betrachten wir eine Szene aus dem Bremen-Spiel.

Teil 1 der Szene: Stindl kommt den Ball entgegen, zieht damit Bargfrede mit sich. Er gibt ihn direkt weiter zu Kramer.

Teil 1 der Szene: Stindl kommt den Ball entgegen, zieht damit Bargfrede mit sich. Er gibt ihn direkt weiter zu Kramer.

Teil 2 der Szene: Hazard kommt den Ball entgegen, zieht damit Moisander aus der Abwehr. Bargfrede kann nicht den Raum besetzen und für Moisander absichern, da er zuvor ja von Stindl herausgezogen wurde. Hazard legt den Ball ab und über Rechtsverteidiger Elvedi landet der Ball hinter Bremens Abwehr. Darauf hatte Kramer spekuliert, der direkt durchgestartet ist und den frei werdenden Raum besetzt hat. Am Ende schießt Raffael den Ball ans Außennetz.

Teil 2 der Szene: Hazard kommt den Ball entgegen, zieht damit Moisander aus der Abwehr. Bargfrede kann nicht den Raum besetzen und für Moisander absichern, da er zuvor ja von Stindl herausgezogen wurde. Hazard legt den Ball ab und über Rechtsverteidiger Elvedi landet der Ball hinter Bremens Abwehr. Darauf hatte Kramer spekuliert, der direkt durchgestartet war und den frei werdenden Raum besetzt hat. Am Ende schießt Raffael den Ball ans Außennetz.

Hier sieht man die Versatzstücke sehr gut: Die Gegenspieler werden immer wieder aus ihrer Position gezogen, die sich öffnenden Räume dynamisch besetzt. Auch horizontal bewegten sich Zakaria und Kramer viel, stellten die Bremer immer wieder vor Entscheidungen: Sollen wir unseren Gegenspieler folgen? Oder ihn übergeben?

Auch das Positionsspiel, sprich: die Besetzung der einzelnen Zonen des Feldes, war bei Gladbach sehr sauber. Es fand sich immer ein freier Spieler – im Zweifel Torhüter Yann Sommer. Bremen ließ angesichts der Mannorientierungen Sommer unbedrängt, lief ihn nur selten an. Er bot sich aktiv an, auf ihn konnte der Ball im Zweifel immer geklatscht werden. Auch die Außenverteidiger zeigten clevere Bewegungsmuster, bewegten sich immer wieder in die frei werdenden Räume hinter Junuzovic und Delaney.

In der ersten Halbzeit legten sich die Gladbacher den Gegner auf beeindruckende Art und Weise zurecht. Sollte ein Trainer noch Anschauungsmaterial für seine Mannschaft benötigen, wie man Mannorientierungen knackt: einfach diese Halbzeit zeigen.

Sag mir, wer wo spielt, und ich sage dir, wer du bist

Wenn ich nicht gerade Artikel über die Bundesliga schreibe, sieht mein Alltag aktuell so aus, dass ich an meinem neuen Buch arbeite (so viel Schleichwerbung muss sein). Dort porträtiere ich Trainer, von denen ich glaube, dass sie den heutigen Fußball prägen. Welche Trainer vorkommen ist noch nicht in Stein gemeißelt und soll an dieser Stelle auch nicht verraten werden. Die Frage, die mich aktuell umtreibt: Was macht einen Trainer aus? Woran erkennt man seine Handschrift?

Nun haben wir bei Spielverlagerung bereits zigmal festgestellt, dass die Formation kein guter Indikator ist für die Philosophie einer Mannschaft oder eines Trainers. Ob ein Trainer ein 4-3-3, ein 5-3-2 oder ein 3-4-3 spielen lässt, sagt zunächst einmal sehr wenig über seine taktische Philosophie. Es kommt immer auf die Interpretation an, ob das System Ballbesitz- oder Konter-orientiert, stabil oder wild, eher defensiv oder eher offensiv ist.

Ein sehr viel interessanterer Indikator, einen Trainer zu bewerten, ist die Wahl seiner Spieler. Hier folge ich der Einschätzung von Martin Rafelt (die ich leider nicht mehr finden, ergo nicht verlinken kann). Welche Spielertypen ein Trainer auf die einzelnen Positionen stellt, bestimmt maßgeblich, wie die Formation interpretiert wird. Und hier gibt es große Unterschiede zwischen den Bundesliga-Trainern.

Scheinwerfer auf Hertha gegen Schalke. Auf der einen Seite haben wir Pal Dardai, ein Trainer, der auf der Sechserposition schon einmal gelernte Innenverteidiger, meist aber eher robuste oder dynamische Mittelfeldspieler einsetzt. Dem hier der defensive Aspekt und die Solidität der Akteure äußerst wichtig ist.

Und dann haben wir auf der anderen Seite Domenico Tedesco, der einfach Max Meyer auf der Sechs aufstellt. In vielen Situationen agierte dieser sogar als tiefster Sechser in einem 5-3-2. Auch seine Kollegen Leon Goretzka und Amine Harit würden bei vielen Trainern wohl eine Reihe weiter vorne eingesetzt werden. Schließlich stehen sie für Spielstärke und Dynamik nach vorne (Goretzka) bzw. für Dribblings oder leichtfüßige Aktionen (Meyer und Harit).

Das ist am Ende des Tages ein wirklich guter Indikator für die Frage, wie risikofreudig ein Trainer ist: Setzt er auf einer Position auf Akteure, die auch eine Linie weiter vorne spielen könnten? Oder eher auf Akteure, die im Zweifel auch eine Linie weiter hinten spielen können?

Interessant dabei ist, dass gerade Trainer, die als Laptoptrainer verschrien sind, erstere Variante wählen – siehe Nagelsmann Einsatz des gelernten Mittelfeldspielers Kevin Vogt als Innenverteidiger oder ebenjene Variante von Tedesco mit Meyer. Trainer können beide Varianten auch mischen. So spielt Mitchell Weiser, früher oft als Außenstürmer aufgeboten, unter Dardai häufig als Außenverteidiger. (Am Wochenende war dies tatsächlich nicht der Fall, hier wählte Dardai auch auf den Außen die konservative Variante). Um die Frage zu beantworten, welche Philosophie ein Trainer verfolgt, achte ich also als Erstes darauf, welche Spielertypen er wo einsetzt.

Am Wochenende hatte die leichtfüßige Variante die Oberhand. Schalke konnte nach der roten Karte gegen Haraguchi spielerische Lösungen aus dem Mittelfeld anbieten, das ihnen nun völlig offenstand. Gerade Meyer zeigte eine gute Partie und tat sich als Passspieler hervor.

Ausführliche Analysen des achten Spieltags

Bayern München – SC Freiburg 5:0
Borussia Dortmund – RB Leipzig 2:3

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Mittel gegen den Männerfußball http://spielverlagerung.de/2017/10/16/liverpool-manchester-united/ http://spielverlagerung.de/2017/10/16/liverpool-manchester-united/#comments Mon, 16 Oct 2017 02:21:34 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=41908 Würde sich Manchester Uniteds Trend zu einem ballbesitzfokussierten Spiel auch gegen Liverpool fortsetzen?

Nein.


Gegen die von Jürgen Klopp trainierten Reds stellte José Mourinho seine Mannschaft so ein, wie man es aus vorangegangen Partien gegen andere Spitzenteams kennt. Auch formativ gab es keinerlei Experimente. Statt im mit demselben Personal möglichen 5-3-2 lief Manchester United im üblichen 4-2-3-1 auf. Die Viererkette vor Torhüter De Gea bildeten Valencia, Smalling, Jones und Darmian. Davor agierten Matic und Herrera auf der Doppelsechs. Die offensive Dreierreihe hinter Lukaku wurde von Young, Mkhitaryan und Martial gebildet.

In den seltenen Ballbesitzphasen hielten sich entweder zunächst viele Spieler tief und ließen den Ball in den eigenen Reihen zirkulieren ohne dabei in gefährlichere Zonen vorstoßen. Diese sollten dann im Anschluss oder oftmals auch ohne jede Vorbereitung mit langen Bällen erreicht werden. Hierfür stand Lukaku als Zielspieler zur Verfügung. In der Regel wurden hohe Pässe in die Flügelzonen geschlagen, vor allem auf die rechte Seite. Ballnah rückte der Außenverteidiger dann mal etwas auf, auch Mkhitaryan schob zur Seite mit. Ziel war es, den jeweiligen Außenverteidiger Liverpools auf der Seite entweder herauszulocken oder im 2v1 auszuspielen. Gegenpressing oder Ballsicherung gegen Gegenpressing übernahm Matic praktisch alleine.

Die Reds formierten sich wie üblich in einem engen 4-3-3 mit Mignolet im Tor. Die Viererkette bestand aus Gomez, Matip, Lovren und Moreno. Kapitän Henderson gab wie üblich den Sechser und wurde von der Doppelacht aus Wijnaldum sowie Can unterstützt. In der Angriffsreihe agierten (unter Abwesenheit des verletzten Mané) Salah, Firmino sowie Coutinho. Im Pressing wurde durch Vorschieben eines Achters, meist Wijnaldum, immer mal wieder ein 4-2-3-1/4-2-2-2 gebildet, das im tieferen Pressing zum 4-1-4-1 wurde.

Letztlich wurden die Gastgeber in dieser Disziplin jedoch kaum gefordert und es lief auf das Duell zwischen Liverpools Ballbesitz und dem zumeist passiven, stets mannorientierten Pressing Manchester Uniteds hinaus. Dieser Aspekt bietet auch einigen Stoff zu einer etwas detaillierteren Analyse – siehe beispielsweise den außerordentlichen Theorie-Beitrag JDs zum „Dismarking“ auf unserem englischsprachigen Blog.

Funktionsweise des United-Pressings und was Liverpool dagegen einfiel

Phasenweise stellten die Gäste höher mannorientiert zu, konnten das geordnete Aufbauspiel der Liverpooler dadurch aber kaum unterbinden. Zumeist spielte Manchester United in einem Mittelfeldpressing, bei dem sie die direkten Zuordnungen des 4-2-3-1 gegen das 4-3-3-Aufbauspiel nutzten.

Während die Flügelspieler sich durchgehend an ihrem Gegenspieler orientierten, gab es in den Zonen um den Mittelkreis vonseiten der zentralen Mittelfeldspieler auch immer mal wieder andere Verhaltensweisen zu sehen. Gelangte der Ball auf den Flügel, wurden lokal Kompaktheiten erzeugt. Hierfür löste sich der ballferne Sechser beispielsweise von seinem Gegenspieler und nahm diesen oder mögliche andere Optionen in seinen Deckungsschatten. Auch die Innenverteidiger konnten auf entsprechende Spieler herausrücken sobald sich ein Pass unmittelbar andeutete oder bereits gespielt wurde.

Je näher sie am eigenen Tor verteidigten, desto klarer deckten die Red Devils ihre Gegenspieler. Die Viererkette wurde häufig von verschiedenen Spielern aufgefüllt: Etwa, wenn die Sechser Läufe in die Tiefe verfolgten oder die Flügelspieler gegen die hochschiebenden Außenverteidiger eine Sechserkette erzeugten.

Ein logisches Mittel Liverpools gegen diese Art der Verteidigung war es, eine 3 gegen 2-Überzahl gegen die beiden Sechser des Gegners herzustellen. Diese Aufgabe konnten verschiedene Spieler übernehmen, da die Positionen häufig getauscht wurden, wobei die grundsätzliche Struktur ähnlich blieb. Zwei Spieler provozierten dann eine engere Deckung durch Herrera und Matic, um beide idealerweise nach außen zu ziehen. Der zentrale Bereich konnte dann von einem dritten Spieler aufgefüllt werden.

Tat dies zunächst häufiger einmal Firmino, wurde Coutinho nach etwa 20 Minuten deutlich aktiver und weiträumiger in seinem Freilaufverhalten. Zum Ende der ersten Halbzeit spielte er, wie in nachfolgender Grafik zu sehen, des Öfteren die tiefste Mittelfeldrolle, wenn Henderson zwischen die Innenverteidiger abkippte oder sich neben einen von ihnen zurückfallen ließ.

Aus dieser Position und ohne direkten Gegenspieler konnte der Brasilianer Dynamik erzeugen und kleinräumig mit seinen Teamkameraden kombinieren. In der simpelsten Form mithilfe von 2 gegen 1-Situationen, die entstanden, wenn er sich quasi in ein direktes Duell hineinbewegte und dieses „ergänzte“. In der zweiten Halbzeit agierte er dann wieder weiter vorgerückt als freier Spieler vor der Abwehr des Gegners. In jedem Fall blieb er der mit Abstand präsenteste Akteur seines Teams.

3 gegen 2 im Zentrum, Coutinho tief

3 gegen 2 im Zentrum, Coutinho tief

Waren alle direkten Optionen im Mittelfeld zugestellt, wenn etwa der Außenverteidiger United mit vorschob, ergab sich auch aus tieferen Positionen die Möglichkeit zum Dribbling. Dieses provoziert das Auflösen der Manndeckungen, um Zugriff zu erzeugen. Geschieht das nicht, ist es ein Einfaches, den Ball auf einen höher postierten Spieler beziehungsweise direkt hinter die Abwehrkette zu bringen (in nachfolgender Grafik orange eingefärbt).

Alles zugestellt, Henderson dribbelt

Alles zugestellt, Henderson dribbelt

Weiter vorne zeigten sich die Gastgeber noch deutlich effektiver, indem sie einige gruppentaktische Freilaufbewegungen zu ihrem Vorteil nutzten. Es konnte erstens sehr effektiv sein, wenn zwei Spieler durch horizontale Bewegung zueinander ihre Zonen so tauschten, dass der Zugriff für die Hintermannschaft Manchesters etwas unklar wurde.

Dieser Moment des Zögerns ließ sich dann wiederum für ein Zuspiel nutzen. In folgender Grafik geht zum Beispiel Wijnaldum so nach außen, dass er leicht hinter Matic kommt und nicht ganz klar in dessen Zugriffsbereich ist. Darmian muss sich für ein eventuelles Zuspiel nach außen bereithalten, während Salah gleichzeitig von dort ebenfalls in seinen Nähe kommt. Der Italiener übernimmt ihn nicht sofort und Henderson kann den Pass anbringen.

Horizontaler Positionswechsel

Horizontaler Positionswechsel

Diese Wechselbewegung zweier Spieler geht natürlich auch vertikal, typischerweise zwischen Flügelspieler und Außenverteidiger. Ersterer lässt sich fallen und wird vom gegnerischen Außenverteidiger verfolgt. In den so geöffneten Raum kann dann der eigene Außenverteidiger mit Dynamikvorteil hineinstarten – wie Moreno es in der untenstehenden Grafik auch tut.

Vertikaler Positionswechsel

Vertikaler Positionswechsel

Insgesamt fiel bei Klopps Team die häufig hohe Präsenz an der letzten Linie auf. Can und vor allem Wijnaldum zog es regelmäßig nach vorne und auch jeweils einer der Außenverteidiger konnte weit mit vorrücken. Die vielen Spieler sollten vor allem einen gegnerbindenden Effekt auf die Hintermannschaft Uniteds ausüben. Jeder hatte Zugriff auf einen Mann und achtete dann zunächst nicht mehr darauf, was in seinem Rücken passierte.

In folgender Szene hat sich United unter anderem dadurch dann weit zurückdrängen lassen, wodurch Young vor einem Dilemma steht. Entweder er lässt Coutinho offen und dieser läuft mit Tempo in Richtung Strafraum oder er verliert Moreno aus dem Blick, der den Ball im Rücken von Valencia in Nähe des Tores erhalten kann. Young bleibt unentschlossen und Moreno kommt nach diagonalem Chip von Henderson zur Chance.

Diagonales Spiel hinter die Kette gegen ballferne Zuordnungsschwierigkeiten

Diagonales Spiel hinter die Kette gegen ballferne Zuordnungsschwierigkeiten

Was passieren kann, wenn Coutinho den Ball nahe des Strafraums erhält, sieht man im nächsten Beispiel. Erneut decken zwei Spieler Uniteds ballfern ihre direkten Gegenspieler, während Smalling neben ihnen die Mitte sichert und Firmino nicht verfolgt. Young bleibt bei Moreno, als Valencia Herrera gegen Coutinho unterstützen will. Keiner von beiden erzeugt jedoch entscheidend Zugriff und der Ball wird über alle hinweg gechippt.

Chip hinter die Kette gegen ballnahe Zuordnungsschwierigkeiten

Chip hinter die Kette gegen ballnahe Zuordnungsschwierigkeiten

Bei einer der größten Chancen des Spiels gab es in der letzten Linie erneut eine klare 3 gegen 3 Zuordnung. Allerdings postierte sich Can dieses Mal knapp hinter den drei vorderen Spielern und konnte von dort unbeachtet zum ballnahen Pfosten durchlaufen. Selbst wenn ein Spieler Manchesters ihn von weiter vorne verfolgen würde, wäre die Szene überaus schwierig zu lösen, da Can sowohl den Vorteil des früheren Starts auf seiner Seite hat als auch aus dem 3 gegen 3 heraus noch relativ einfach ein Block gestellt werden kann, möglicherweise gar unbeabsichtigt.

Lauf aus der zweiten Reihe hinter die Kette gegen klare Zuordnungen

Lauf aus der zweiten Reihe hinter die Kette gegen klare Zuordnungen

Was fehlte zum Erfolg?

Auf diesen Wegen kam Liverpool zu ausreichend Abschlussaktionen – sämtliche Expected Goals-Modelle sahen die Mannschaft von Jürgen Klopp deutlich vorne und hätten mit etwa zwei Toren der Reds gerechnet. Auffällig hierbei allerdings: Diese Zahl setzt sich aus eher vielen geringen xG-Werten zusammen statt aus wenigen, aber dafür höheren. Genau das ist eines der naheliegenden Ziele von Mourinhos Taktik und vielleicht sogar ein Faktor dafür, dass die Modelle Liverpools Leistung überschätzen.

Ein grundsätzliches Problem der Gastgeber war es, dass sie in tieferen Zonen – also dort, wo United eigentlich noch gar nicht presst – zu viele Spieler postierten. Henderson blieb praktisch dauerhaft tief. Selbiges galt während der ersten Halbzeit zumeist für Moreno. Zudem rückte Can, auch als Coutinho kontinuierlich näherkam, nicht konsequent auf.

Dadurch wurden einerseits Räume versperrt, welche die beiden Innenverteidiger oder Henderson zum Andribbeln hätten nutzen können. Andererseits nahm die Präsenz in vorderen Zonen so weit ab, dass die Lücken, welche sich durch Manchester Uniteds Manndeckung ergaben, nicht konsequent und direkt besetzt werden konnten. Angriffe konnten nicht schnell genug durchgespielt werden, sondern wurden vielmehr in eine Phase der tiefen und eine Phase der hohen (Über-)Präsenz zergliedert.

So rief Liverpool deutlich seltener Entscheidungskrisen aufseiten des Gegners hervor als es möglich gewesen wäre. Sie brachten sich vielmehr selbst in eher aussichtlose Situationen, indem sie nahezu auf den Ballführenden aufliefen. Der Ballbesitz ging zwar nicht verloren, aber Gefahr erzeugten die Gastgeber eben auch nicht.

Beispiel: Can öffnet praktisch den gesamten linken Halbraum, indem er Herrera mit nach rechts zieht. Würden sich die anderen Spieler so bewegen wie die roten Pfeile es zeigen, könnte Henderson Mkhitaryan binden und Matip könnte direkt zu Lovren durchspielen. Je nachdem, ob Coutinho nun von einem der Spieler Uniteds übernommen wird, ergeben sich unterschiedliche Möglichkeiten.

Verfolgt Young ihn, kann Moreno sich zurückfallen lassen und entweder Valencia herausziehen oder den Pass in offener Position selbst erhalten. Geht Valencia auf Coutinho heraus, steht Moreno der gesamte Raum hinter Valencia direkt offen. Kommt Smalling aus der Kette heraus, ergibt sich wiederum viel Platz für Firmino. Nimmt keiner Coutinho auf, dann rennt der einfach selbst durch.

Zu viele Spieler außerhalb der gegnerischen Formation: Linker Halbraum ist offen, kann aber nicht direkt bespielt werden

Zu viele Spieler außerhalb der gegnerischen Formation: Linker Halbraum ist offen, kann aber nicht direkt bespielt werden

In der Anfangsphase fokussierte sich Liverpool zudem übermäßig stark darauf, die rechte Seite zu überladen, ohne dabei jedoch Anschluss nach links zu finden, da sich Moreno eher tief hielt und Coutinho für Pässe ins Zentrum einrückte. Erhielt er den Ball dort, hatte er keine unmittelbaren Anspielstationen und auch keine wirkliche Dynamik, um selbst etwas zu kreieren. Die vielzählige Besetzung der letzten Linie wurde hier statisch und es gab niemanden, der wirklich die Tiefe attackieren konnte.

Rechtsüberladung ohne Anbindung

Rechtsüberladung ohne Anbindung

Im Zusammenhang mit dieser Überladung und anderen vergleichbaren Situationen hätte sich die Manndeckung der ballfernen Spieler Uniteds deutlicher für ein Bespielen des ballfernen Halbraums nutzen lassen, zumal gerade Herrera diesen Bereich gerne verließ. Ein kurzer Sprint in den Raum von Can würde ihn genau in den Bereich bringen, der gleich zwischen vier gegnerischen Spielern liegt. Wer soll den deutschen Nationalspieler dort denn nun aufnehmen?

Ballferner Halbraum muss gegen ballferne Manndeckung häufiger attackiert werden

Ballferner Halbraum muss gegen ballferne Manndeckung häufiger attackiert werden

Gegen mehr oder weniger enge Manndeckung gibt es einige Dinge zu beachten, wenn man zu einem Spieler passt, der mit dem Rücken zum Tor steht. Die Momente, in denen er sich kurz befreien kann und frei ist, müssen unmittelbar erkannt und der Pass so schnell wie möglich gespielt werden.

Geschieht dies etwas zu spät, müssen wenigstens ein bis zwei ballnahe Spieler direkte Passoptionen für Ablagen herstellen. Ansonsten kommt der große Vorteil der Manndeckung zur Geltung: unmittelbarer Zugriff. Aus diesem konnte sich nur Coutinho konstant befreien, worauf sich jedoch keine kollektive Angriffsstrategie machen ließ.

Spieler mit Gegner und Tor im Rücken braucht Optionen für Ablagen

Spieler mit Gegner und Tor im Rücken braucht Optionen für Ablagen

Fazit

Diesen unmittelbaren Zugriff hatte Jürgen Klopps Mannschaft übrigens ihrerseits in der Paradedisziplin des Deutschen: dem Gegenpressing. Wenn man durch die Grafiken schaut, sieht man, dass Liverpool neben Henderson stets noch über zwei weitere Spieler und die beiden Innenverteidiger als Absicherung verfügte. Die enge Staffelung in vorderen Zonen ermöglichte es zudem, dass die ballnahen Spieler schnell Druck auf den Ball ausüben konnte.

Allerdings hatte Manchester United schlichtweg auch kaum bis gar keine Präsenz für Konter. Für die Mannen von José Mourinho lässt sich aus diesem Spiel so wohl am ehesten etwas ableiten: Gegen die absoluten Spitzenteams in der Champions League wird es mit einer derart passiven Ausrichtung kaum mehr als vereinzelte Zufallserfolge geben können.

Wenn man PSG oder Real einfach den Ball überlässt, werden diese einem bloß zeigen: Liverpool mag einen Coutinho haben, wir haben noch zwei bis fünf mehr von der Sorte.

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Die Rückkehr von „Stratege Jupp“ http://spielverlagerung.de/2017/10/15/die-rueckkehr-von-stratege-jupp/ http://spielverlagerung.de/2017/10/15/die-rueckkehr-von-stratege-jupp/#comments Sun, 15 Oct 2017 10:25:44 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=41879 Friede, Freude, Eierkuchen bei Bayern München. Nach ereignisreichen zwei Wochen ist der Gemütszustand in der bayerischen Hauptstadt wieder auf dem Weg nach oben – es sei denn, man heißt Horst Seehofer. (Aber das ist eine andere Geschichte.) 5:0 wurde der SC Freiburg nach Hause geschickt. War es ein rundherum überlegener Auftritt?

Rückkehrer Jupp Heynckes war auf dem ersten Blick natürlich direkt im 2013er-Modus. Javi Martínez auf der Sechs. Arjen Robben und Kingsley Coman auf den Flügeln. Thomas Müller auf der Zehn. David Alaba als vorder- und hinterlaufende Maschine auf links. In der erwartbaren 4-2-3-1-Grundordnung gab es keine personellen Überraschungen. Beobachter fragten sich im Vorfeld, wer denn neben Martínez auf der zweiten Sechserposition auflaufen könnte. Heynckes entschied sich für Thiago.

Grundformationen

Grundformationen

Auch beim SC Freiburg gab es personell keine großartigen Veränderungen im Vergleich zu den Vorwochen. Trainer Christian Streich blieb bei seiner Fünferkette und änderte lediglich davor die Strukturen ein wenig. Statt eines klaren 5-2-3 gab es viele Mischformen mit eindeutigen Tendenzen zu einem 5-3-2. Ryan Kent erhielt ganz vorn den Vorzug gegenüber Marco Terrazzino, der in der ausverkauften Allianz Arena das Spiel von der Bank aus beobachten musste.

Die Tempomacher auf links

Direkt vom Start weg präsentierte sich Freiburg in recht passiver Manier. Die Gäste zogen insbesondere die Fünferkette tief zurück und versuchten dort die Abseitslinie zu verteidigen. Davor waren die Höhen der Linien variabler. Teilweise schossen Nicolas Höfler und Mike Frantz nach vorn, um ihre bayerischen Counterparts anzulaufen. In anderen Szenen bleiben sie nahe der Abwehr. All das kaschierte allerdings ein im Vorfeld zu prophezeiendes Problem nicht.

Die Bayern fokussierten in der Offensive regelmäßig die Außenbahnen, welche nominell nur jeweils von einem Freiburger verteidigt wurden. Auch gelegentliches Zurückziehen eines Freiburger Offensivspielers oder die seitlichen Bewegungen eines Sechsers änderten an diesem Umstand wenig. Die Breisgauer verteidigten vielfach die Mitte mit Fortune, waren aber äußerst anfällig, sobald Thiago und Co. aus dem Halbraum heraus die Mitspieler auf den Flügeln anspielen konnten.

Gerade auf der linken Seite stieß Alaba immer wieder mit Tempo nach vorn und überlief Vordermann Coman. Entweder der Franzose bediente Alaba selbst und ließ diesen an Pascal Stenzel vorbeiziehen oder Alaba ging an Coman vorbei und wurde aus dem Mittelfeld durch die Schnittstelle bedient. Joshua Kimmich auf der anderen Außenbahn war in der Anfangsphase der Partie etwas weniger aktiv, was aber vor allem an der Seitenaufteilung zwischen Müller und Robert Lewandowski lag. Der Pole orientierte sich seiner Vorliebe entsprechend etwas nach links, blieb aber nahe der Freiburger Zentralverteidiger. Müller zog häufiger zum Flügel oder tauschte die Position mit Robben. Kimmich blieb des Öfteren etwas dahinter.

Aufbau in die Weite des Raums

Reibungslos lief das Offensivspiel der Bayern allerdings nicht. Gerade in langsamen Aufbausituationen, in denen Mats Hummels und Jérôme Boateng bereits fast bis zur Mittellinie aufgerückt waren, wurde der zu bespielende Raum zu klein. Die Passwege zu Thiago oder Martínez wurden extrem kurz. Eine problemlose Ballannahme und ein anschließendes Aufdrehen eines Sechsers waren nur schwer möglich.

Freiburg lief mit Kent und Florian Niederlechner die beiden bayerischen Innenverteidiger fast frontal an. Aus dem Mittelfeld wurde gerade Thiago angegangen. Manchmal übernahm dies Janik Haberer, der zwischen linker Flügel- und halblinker Achterposition pendelte. Manchmal war es auch einer der defensiveren Mittelfeldspieler der Gäste.

Gerade für Höfler und Frantz wurden die Wege aber bei weitem länger, wenn die Bayern bereits am eigenen Strafraum die Ballzirkulation starteten und das Feld streckten. Nun hatten Thiago und Martínez mehr Raum und oftmals auch Zeit, um sich zu drehen und saubere Weiterleitungen nach außen zu spielen. Die Freiburger Sechser verhielten sich zurückhaltender. Und kamen sie doch nach vorn, entstanden teils große Löcher vor der eigenen Abwehr, wenn Bayern rasch die Verlagerung nach links oder rechts spielte.

Ballverluste der Bayern in der ersten Halbzeit - drei davon in der eigenen Hälfte | Whoscored.com

Ballverluste der Bayern in der ersten Halbzeit – drei davon in der eigenen Hälfte | Whoscored.com

Ebenso unternahm Müller regelmäßig Versuche, sich in die ersten Zirkulationsphasen einzuschalten. Er ließ sich beispielsweise halbrechts fallen und zog die Aufmerksamkeit der Freiburger Zentrale ein wenig auf sich. Seine diagonalen Vorstöße nach links waren dann wiederum von Wichtigkeit, wenn der FC Bayern über den linken Flügel nach vorn kam. Müller war durch seine spezielle Positionsfindung einmal mehr ein wichtiger Baustein der Münchener Offensive. Nur kleinere technische Fehler verhinderten eine uneingeschränkt löbliche Vorstellung.

Ein technisches Malheur von Müller führte zum Beispiel nach einer halben Stunde zu einem Torversuch für die Gäste, der die Dramaturgie der Partie hätte entscheidend ändern können. Insgesamt machten die Bayern im Spielaufbau noch zu viele kleinere Fehler, bedenkt man die Qualität des Gegners. Freiburg konnte aber die zwei Möglichkeiten in der ersten Halbzeit, ein Tor auf die Anzeigetafel zu zaubern, nicht nutzen.

Pressing und Gegenpressing als Schlüssel zum Erfolg

Eine Folge der Heynckes-Verpflichtung sollte die Verbesserung des bayerischen Pressings sein. Und dies wurde bereits gegen Freiburg deutlich. Die individuelle Entscheidungsfindung war immer auf absolut hohem Niveau in dieser Mannschaft. Aber sie wurde zuletzt in ein derart gleichförmiges, nicht angepasstes System gezwungen, dass Pressingversuche nicht durchweg greifen konnten. Gegen die – zugegeben individuell unterlegenen – Freiburger funktionierten die Abläufe schon sehr gut.

Lewandowski beschäftigte mit seinen seitlichen Läufen, die recht eng zueinander stehenden drei zentralen Gäste-Verteidiger. Coman und Robben belauerten die Passwege zu den beiden Außenverteidigern und neutralisierten diese damit. Müller klemmte sich zumeist an den tiefsten Sechser. Die Folge waren viele lange Bälle der Freiburger, die daraus allerdings wenig Kapital schlagen konnten.

Typische Pressingabläufe bei den Bayern

Typische Pressingabläufe bei den Bayern

Zudem taten sich die Bayern gegen Freiburg leichter, Erfolge im Gegenpressing zu erzielen und diese in Torchancen umzuwandeln. Gerade wenn Freiburg nach Ballgewinnen am eigenen Strafraum einmal flach herauskombinieren wollte, war Streichs Mannschaft heillos überfordert. Der Druck aus dem bayerischen Mittelfeld war schlichtweg zu groß. Das lag nicht an einer ganz ausgeklügelten Gegenpressingstruktur, sondern vornehmlich an der individuellen Qualität der Bayern.

So führte ein versprungener Ball verursacht durch Kent zum Führungstreffer in der achten Minute. So war es ein Ballgewinn nahe des Freiburger Sechzehners, der das 3:0 von Thiago vorbereitete. Andere Tore fielen infolge rasch vorgetragener Angriffe mit teils gefälligem Kombinationsspiel. Dass Robben zudem vorm 2:0 in bekannter Manier nach innen zog und Torhüter Alexander Schwolow zu einer Parade zwang, die im erfolgreichen Nachschuss von Coman endete, der zuvor aus der Mitte Robben bedient hatte, machte das 2013-Revival perfekt.

Im Vorfeld des Führungstreffer vorderlief Alaba und stieß durch die Lücke nach vorn. Müller schlich sich im Rücken der nahen Verteidiger weg.

Im Vorfeld des Führungstreffer vorderlief Alaba und stieß durch die Lücke nach vorn. Müller schlich sich im Rücken der nahen Verteidiger weg.

Fazit

Was sich die Verantwortlichen des FC Bayern von der Verpflichtung von Jupp Heynckes und dessen Assistenten Peter Hermann erhoffen, wissen natürlich nur diese. Während seiner letzten Amtszeit an der Säbener Straße tat er sich als kluger und anpassungsfähiger Taktiker hervor, aber eben auch als Starflüsterer, der aus Franck Ribéry ungeahnte Defensivarbeit herauskitzelte und auf das Vertrauen von Bastian Schweinsteiger und anderen Mannschaftsführern bauen konnte.

Die Gesamtqualität der Bayern-Mannschaft hat in meinen Augen seit 2013 etwas abgenommen. Pep Guardiola konnte dies oftmals noch kaschieren, Ancelotti zuletzt nur noch unzureichend. Insbesondere in Partien gegen die europäische Elite wurde dies in der jüngeren Vergangenheit deutlich. Dass die Spieler auf die Lösungsansätze des Trainers vertrauen, ist sicherlich von großer Bedeutung. Aber ebenso muss eben jener Trainer die richtigen Lösungen finden, ansonsten versiegt all das Vertrauen mittelfristig.

Gegen Freiburg gab es gute Ansätze, aber auch nicht mehr. Die Gefälligkeit im Spielaufbau ist weiterhin begrenzt. Gerade auf engem Raum fehlten den Bayern noch die richtigen Ideen. Unnötige technische Schnitzer etwa von Kimmich oder Müller halfen da natürlich nicht. Dass am Ende die brachiale Offensivgewalt gegen Freiburgs Verteidigung zum Erfolg führte, kann nur zu Teilen auf Heynckes zurückgeführt werden. Er wusste um die Anfälligkeit der Breisgauer auf den Flügeln und nutzte diese bewusst aus. Andere Teams werden den Bayern aber mehr abverlangen – und vielleicht sogar aus den kleinen Erfolgen im eigenen Pressing gegen Hummels, Kimmich und Co. Kapital schlagen.

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Kampf der (Pressing-)Kulturen http://spielverlagerung.de/2017/10/15/kampf-der-pressing-kulturen/ http://spielverlagerung.de/2017/10/15/kampf-der-pressing-kulturen/#comments Sun, 15 Oct 2017 09:42:10 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=41883 Das gibt es nicht aller Tage: Ein Bundesliga-Spitzenspiel erfüllt die (ohnehin recht hohen) Erwartungen. Wir nehmen die Pressing-Systeme von Peter Bosz und Ralph Hasenhüttl auseinander.

Formationen Dortmund gegen Leipzig in der ersten Halbzeit

Formationen Dortmund gegen Leipzig in der ersten Halbzeit

Bereits vor dem Anpfiff war die Partie Dortmund gegen Leipzig überladen mit Emotionen. Nicht nur aufgrund des „Kommerz gegen Tradition“-Charakters war die Spannung vor dem Spiel greifbar. Beide Teams sind für ihr hohes Pressing und ihr offensives Spiel bekannt, dementsprechend hoch waren die Erwartungen an ein attraktives und flottes Spiel.

Die Teams hielten die Erwartungen: Von der ersten Minute weg begann ein offener Schlagabtausch, der geprägt war durch ein hohes, aggressives Pressing auf beiden Seiten. BVB-Coach Peter Bosz und RBL-Trainer Ralph Hasenhüttl hielten dabei an ihren bekannten Konzepten und Formationen fest. Bosz stellte sein Team in einem 4-3-3 auf, Hasenhüttl seine Mannschaft in einem 4-4-2.

Kampf der Pressing-Konzepte

Borussia Dortmund blieb Bosz‘ Philosophie in weiten Teilen treu: Sie versuchten, aus einem ruhigen Ballbesitz heraus den Gegner zu dominieren. (Eine ausführliche Analyse von Bosz‘ BVB gibt es hier.) Ihr Ballbesitzspiel war wie immer breit angelegt, d.h., sie verteilten sich über das ganze Feld und besetzten die Außen. Nach Ballverlusten starteten sie sofort in ein Gegenpressing, das sie mannorientiert ausführten. Sie stellten auch bei gegnerischem Ballbesitz Zuordnungen auf dem gesamten Platz her:

Auch wenn die Szene einen Leipziger Freistoß zeigt, so sind Dortmunds Mannorientierungen hier doch deutlich zu erkennen.

Auch wenn die Szene einen Leipziger Freistoß zeigt, so sind Dortmunds Mannorientierungen hier doch deutlich zu erkennen.

Interessanterweise verzichtete Dortmund in dieser Partie auf das aggressive Herausrücken der Verteidiger. Die Viererkette agierte merklich tiefer als in den vergangenen Spielen, rückte im Gegenpressing nicht wie gewohnt nach. Dortmund hatte offensichtlich großen Respekt vor Leipzigs schnellen Stürmern. Sie wollten verhindern, dass diese schnell in die Spitze starten können, und nahmen dafür auch etwas geöffnete Räume im Mittelfeld in Kauf.

Leipzigs Konzept unterschied sich insofern davon, als dass sie weniger Ballbesitz-orientiert agierten und raumorientierter pressten. Innerhalb ihres 4-4-2-Systems verschoben sie weit nach vorne, um Dortmund bereits in deren Hälfte unter Druck zu setzen. Ihr System war häufig ein 4-2-2-2, in Pressingsituationen wurde es gar zu einem 4-2-4.

Leipzigs Angriffspressing in der gegnerischen Hälfte. Poulsen stört Toprak, der muss nach hinten passen. Poulsen läuft durch und zwingt Bürki zum langen Ball.

Leipzigs Angriffspressing in der gegnerischen Hälfte. Poulsen stört Toprak, der muss nach hinten passen. Poulsen läuft durch und zwingt Bürki zum langen Ball.

Leipzigs Asymmetrie

Nach zehn atemlosen Anfangsminuten, bei dem beide Seiten Angriffspressing spielten, verringerte sich das Tempo leicht (aber nur leicht). Leipzig lief nicht mehr ganz so früh an, sondern presste erst im zweiten Drittel. Auffällig war hierbei, dass sie im Mittelfeldpressing asymmetrisch standen: Sabitzer agierte auf der rechten Seite wesentlich höher als Bruma. Diese Asymmetrie hielt Leipzig auch ein, wenn Bruma und Sabitzer die Seite tauschten. Es war also nach allem Anschein ein im Voraus geplanter Kniff.

Leipzigs Mittelfeldpressing. Die Formation sieht eher wie ein 4-3-3 aus, so hoch wie Sabitzer und so tief wie Bruma steht. Der Passweg zu Sahin steht in dieser Situation offen, Keita befindet sich allerdings in Lauerstellung - eine Pressingfalle.

Leipzigs Mittelfeldpressing. Die Formation sieht eher wie ein 4-3-3 aus, so hoch wie Sabitzer und so tief wie Bruma steht. Anmerkung: Der Passweg zu Sahin steht in dieser Situation offen, Keita befindet sich allerdings in Lauerstellung – eine Pressingfalle.

Leipzig lenkte mit dieser Asymmetrie den Spielaufbau auf Sokratis. Poulsen lief Toprak früh an, Sabitzer blockierte den Passweg zu Zagadou. Dortmund sollte nicht über die linke Seite aufbauen können, zugleich sollten weite Flugbälle von Toprak nach Rechtsaußen verhindert werden. Leipzig wollte das Spiel von Dortmunds linker Seite fernhalten und zugleich bestimmte Pässe von Sokratis provozieren. Diese Pässe waren einerseits Zuspiele auf Sahin, der von Keita angelaufen wurde, andererseits Pässe raus auf die rechte Seite zu Toljan. Hier griff der tiefer postierte Bruma ein.

Dortmund tat sich gegen dieses Konstrukt äußerst schwer. Götze und Castro ließen sich tief fallen, waren dank Leipzigs optimalen Verschieben aber selten anspielbar. Wirkliche Raumgewinne konnte Dortmund nur auf zwei Arten erzielen: Entweder in Situationen, in denen sie mit schneller Zirkulation Yarmolenko fanden. Er ließ sich immer wieder in den rechten Halbraum fallen und bot sich im „blinden Punkt“ des Leipziger Pressings an, da Keita sich hier oft vorgerückt an Sahin orientierte.

Dortmund erobert den Ball, Yarmolenko erhält diesen tief im rechten Halbraum. Er verfügt nun über genügend Raum, um zu dribbeln und anschließend Aubameyang hinter die weit aufgerückte Abwehr zu schicken.

13. Minute. Dortmund erobert den Ball, Yarmolenko erhält diesen tief im rechten Halbraum. Er verfügt nun über genügend Raum, um zu dribbeln und anschließend Aubameyang hinter die weit aufgerückte Abwehr zu schicken.

Die zweite Möglichkeit war, doch einmal Toprak ins Spiel einzubinden und die linke Seite zu überladen. Das gelang selten genug; eigentlich nur, wenn Leipzig unsortiert stand und Toprak Raum ließ. Eine dieser Szenen führte zur größten Chance aus dem Spiel heraus:

Leipzig steht hier nicht gänzlich sortiert, lässt Toprak (am Ball) Zeit und Raum. Vor ihm überladen Philipp, Götze und Castro den linken Halbraum. Philipp und Götze kombinieren sich zusammen vor das Tor.

41. Minute Leipzig steht hier nicht gänzlich sortiert, lässt Toprak (am Ball) Zeit und Raum. Vor ihm überladen Philipp, Götze und Castro den linken Halbraum. Philipp und Götze kombinieren sich zusammen vor das Tor.

Tore ohne taktischen Bezug

Leipzigs Angriffsrouten waren recht simpel gestrickt: Nach Ballgewinnen schoss Keita nach vorne. Er überlud zusammen mit Bruma und dem ausweichenden Augustin die linke Seite. Hier suchte Leipzig Eins-gegen-Eins-Situationen. Der Ball sollte schnell wieder auf die rechte Seite herüberwandern. Rechtsaußen Sabitzer und auch Rechtsverteidiger Bernardo rückten ins Zentrum ein.

Oft blieb Leipzig aber am mannorientierten Gegenpressing der Dortmunder hängen. Sie versuchten zwar, dieses Gegenpressing über Rück- und Querpässe aufzulösen. Leipzigs Plan war es wohl, Dortmund nach vorne zu locken und dann schnell in die Zwischenlinienräume zu spielen. Die Folge war aber eher, dass sie in der Abwehr in Eins-gegen-Eins-Situationen gelangten, die sie nur mit äußerst hohem Risiko auflösen konnten. Oder gar nicht, wie Stefan Ilsanker vor dem 0:1 .

Ansonsten waren die Tore aber eher Produkte individueller Stärken und Schwächen als Produkte der taktischen Ausrichtung. Das war insofern bemerkenswert, als dass die erste Halbzeit klar taktisch geprägt war: Dortmunds Positionsspiel gegen Leipzigs Pressing-Konzept. Leipzig ging mit einer 2:1-Führung in die Pause.

Die Chaos-Phase

In der Pause stellte Bosz auf ein 3-4-3-System mit Philipp und Pulisic als Außenverteidiger um. Eine Analyse dieses potentiell interessanten Systems erübrigte sich jedoch nach nur drei Minuten, als Sokratis nach einer Notbremse die rote Karte sah (49.). Leipzig verwandelte den fälligen Elfmeter zum 3:1. Auch eine Analyse der folgenden Elf-gegen-Zehn-Situation ist nur schwerlich möglich, da Ilsanker nur sieben Minuten später ebenfalls vom Platz musste (56.).

Die folgende Phase war geprägt von Chaos auf beiden Seiten. Leipzig versuchte zunächst, in einer unorthodoxen 5-3-1-Formation zu verteidigen mit Sabitzer und Bruma als Außenverteidiger und Bernardo(!) als zentralem Innenverteidiger. Dortmund stellte sich in einem nicht minder seltsamen 4-2-3 mit tiefen Außenverteidigern und ohne echte Breite auf, da Götze und Yarmolenko weit in die Mitte rückten.

Beide Teams waren zunächst etwas überfordert von der ungewohnten Zehn-gegen-Zehn-Situation. Interessant: Als der Videorichter längere Zeit einen Elfmeter untersuchte (63.), liefen sämtliche Spieler zur Bank. Mit neuen Anweisungen ausgestattet entstand in der Folge wieder ein taktisch runderes Spiel.

Zehn gegen Zehn

    Formationen Dortmund gegen Leipzig ab der 63. Minute

Formationen Dortmund gegen Leipzig ab der 63. Minute

Nach dem 3:2 und der Einwechslung Laimers beruhigte sich das Spiel, klarere Strukturen wurden erkennbar. Dortmund stellte sich nun in einem 4-3-2/4-4-1-Gemisch auf. Yarmolenko agierte hierbei deutlich höher als Götze auf der anderen Seite. Götze pendelte zwischen Linksaußen und Achterrolle im Mittelfeld. Leipzig baute sich in einem 4-4-1 am eigenen Strafraum auf.

In den folgenden Minuten wurde eine taktische Weisheit sichtbar, die man nur selten zu sehen bekommt: Im Duell Zehn-gegen-Zehn ist die Mannschaft im Vorteil, die den Ball hat. Und das war meistens Dortmund. Leipzig konnte keinen Druck mehr auf Dortmunds erste Aufbaulinie ausüben, sondern konnte nur noch passiv auf Dortmunds Seitenwechsel reagieren. Diese agierten äußerst geschickt und nutzten die gesamte Breite des Platzes. Auf rechts bot sich der aufrückende Pulisic an, auf links der ausweichende Götze. Dortmund legte sich den Gegner zurecht, war in den Aufbaubemühungen nicht mehr durch Leipzigs Pressing beschränkt wie in der ersten Halbzeit. Leipzig gelang keinerlei Entlastung in dieser Phase, auch weil außer Sabitzer niemand Angreifer Poulsen unterstützte.

Dortmund konnte das Tempo und die Präzision im Spielaufbau jedoch nicht aufrechterhalten. In der Schlussviertelstunde waren beide Teams stehend K.O. und torkelten merklich über den Platz. Dortmund besetzte die Breite des Feldes nicht mehr konsequent. Das erleichterte Leipzig den Zugriff, sie konnten sich in zwei engen und kompakten Viererketten zusammenziehen. Dortmund hatte weiterhin die größeren Chancen, konnte den Druck aber nicht mehr hochhalten und musste sich am Ende 2:3 geschlagen geben.

Fazit

Dieses Spiel war Werbung für die Bundesliga – und eine Erinnerung daran, dass ein „taktisch geprägtes Spiel“ nicht immer ein dröges 0:0 sein muss. Auch Angriffspressing ist eine Taktik, in Theorie und Praxis meist sogar eine komplexere als Mauerfußball. Die erste Halbzeit war geprägt durch Leipzigs gut organisiertes Pressing, das Dortmund die Luft abschnürte. Nur wenn Leipzig dieses Pressing nicht aufrechterhalten konnte, gelang Dortmund effektiver Raumgewinn. Hier fehlte Dortmund etwas der Plan B, zumal die zentralen Mittelfeldspieler allesamt leicht zu tief agierten, um durch das Zentrum Leipzigs Pressing aufzulösen.

Nach der Pause konnten beide Teams angesichts der ungewohnten Zehn-gegen-Zehn-Situation das taktische Niveau der ersten Halbzeit nicht halten. Es war aber dennoch ein interessanter Schlagabtausch, der deutlich machte, dass ein gutes Ballbesitzspiel in einer Zehn-gegen-Zehn-Situation ein klarer Vorteil ist. Der Abend endete dennoch mit einem Sieg für das Konterteam.

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Kurzbericht aus der zweiten Bundesliga http://spielverlagerung.de/2017/10/12/kurzbericht-aus-der-zweiten-bundesliga/ http://spielverlagerung.de/2017/10/12/kurzbericht-aus-der-zweiten-bundesliga/#comments Thu, 12 Oct 2017 20:04:34 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=41870 Die Bundesliga-Absteiger Darmstadt 98 und der FC Ingolstadt rangieren irgendwo im Mittelfeld der Tabelle. Der FC Heidenheim – in den vergangenen Jahren eine feste Größe der Liga – steht mit acht Punkten nach neun Spielen auf dem Relegationsplatz für die dritte Liga. Was ist denn mit der zweiten Liga los?

Was mit der zweiten Liga los ist? Ehrlicherweise: Keine Ahnung. Auch ein Spielverlagerung-Autor hat neben der ersten Bundesliga, la Liga, der Serie A und der Premier League noch ein Leben neben dem Fußball und nur selten Zeit für einen intensiven Blick auf das Unterhaus des deutschen Fußballs. Trotzdem kann man die Länderspielpause nutzen, um sich die letzten Spiele der genannten Teams anzuschauen.

FC Ingolstadt – Darmstadt 98

Mit dem 3:0 über den SV Darmstadt gelang den Schanzern der erste Heimsieg in dieser Saison. Während die Oberbayern aus einer 4-3-3-Grundordnung heraus agierten, nutzten die Darmstädter eine 4-2-3-1-Grundordnung, die gegen den Ball zu einem 4-4-2- / 4-1-3-2 umgeformt wurde. Dass der FC Ingolstadt die Darmstädter so klar schlug, lag in hohem Maße an der numerischen Konstellation im Mittelfeld beider Teams und deren Folgen für das Darmstädter Aufbauspiel sowie das Spiel auf zweite Bälle.

Mit Ball versuchten die Darmstädter im Aufbauspiel durch die breiten Innenverteidiger sowie die hohen Außenverteidiger Breite und Tiefe ins Spiel zu bringen, damit Altintop und Kamavuaka im Zentrum auf der Sechs theoretisch mehr Raum und Zeit hätten, um das Spiel nach vorne zu tragen. Blöd nur: Ingolstadt ordnete den Darmstädter Sechsern die beiden eigenen Achter zu und verteidigte in der Mitte gegen den Mann, sobald Stürmer Kutschtke einen der beiden Innenverteidiger angelaufen und zur Seite gesteuert hatte. Pledl und Kittel auf den Außenpositionen ließen ihre Gegenspieler zunächst frei und hielten sich für das Spiel auf zweite Bälle am eigenen Block auf. Anschließend pressten sie ihre direkten Gegenspieler Holland und Sirigu mit dem kurzen Anspiel.

Dass Darmstadt sich schnell auf lange Bälle verlegte, behob die numerische Problematik im Zentrum nicht. Denn auch im Anschluss an die langen Bälle hatten die Ingolstädter ballnah zumeist eine Überzahl und konnten zweite Bälle gezielt unter Druck setzen.

Die vielen Ballgewinne im eigenen Pressing sowie nach zweiten Bällen in Kombination mit den hohen Darmstädter Außenverteidigern ermöglichten den Schanzer viele Konterangriffe über die tiefen Halbräume in denen entweder die beiden Flügelspieler oder der dorthin ausweichende Kutschke zu finden waren.

Fazit: Der FC Ingolstadt agierte im Pressing wieder stärker wie noch einst unter Hasenhüttel, der SV Darmstadt etabliert unter Frings offenbar ein wenig Ballbesitz.

FC Heidenheim – Dynamo Dresden

Auch bei der 0:2-Heimniederlage der Heidenheimer gegen Dynamo Dresden zeigten die Gastgeber das grundsätzlich bekannte Gesicht der vergangenen Jahre. Aus einer 4-4-2-Grundordnung mit Fokus auf das Spiel gegen den Ball wollte man schnell nach vorne Umschalten und so zu Torchancen zu kommen. Anders als gewohnt (für jemanden der den FCH jede Saison in ca. fünf Spielen sieht) verhielten die Heidenheimer deutlich stärker auf Kompaktheit sowie direkte Gegnerzuordnungen bedacht und agierten zumeist in einem tiefen Mittelfeldpressing, aus dem sie aber Abstöße zustellten und hin und wieder nach vorne rückten, um höher zu pressen.

Dresden hatte sich für das eigene Spiel mit Ball einen guten Plan gegen diese Spielweise zurechtgelegt. Aus der 4-3-3-Grundordnung heraus lies Konrad sich von der Sechserposition im Spielaufbau zwischen die eigenen Innenverteidiger fallen und stellte so eine breite Dreierkette her. Die Außenverteidiger rückten nach vorne auf und banden so Heidenheims Außen Schnatterer und Halloran in der Tiefe. Im Zentrum hatten Heidenheims Sechser Griesbeck und Titsch-Rivero in den Dresdner Achtern zwei direkte Gegenspieler, deren nach außen abkippende Läufe sie oft verfolgten. In Verbindung mit den tiefen Flügelspielern hatte das zum einen zur Folge, dass die Heidenheimer die Passwege auf Dresdener Spieler im Zwischenlinienraum nicht zuverlässig kontrollieren und zum anderen die Dresdener Rückzugsbewegungen aus dem Übergangsspiel vom Flügel zurück in den Aufbau nicht attackieren konnten. Für den Moment des Umschaltens in die Offensive führte die oftmals tiefe Positionierung der Flügelspieler dazu, dass Heidenheims Stürmern Dovedan und Glatzel die Unterstützung nachstoßender Akteure beim Fertigspielen der Angriffe fehlte.

Dovedan und Glatzel zeigten sich im Anlaufen des Dresdner Aufbaus zudem wenig aktiv, steuerten das Spiel nicht konsequent nach außen und achteten oftmals nicht auf die Sicherung der Schnittstelle zwischen sich. In der Folge entwickelte sich deshalb und aufgrund der anderen genannten Faktoren eine Partie, in der die Heidenheimer zwar prinzipiell kompakt auftraten, gegen den Ball aber vom Wirken der Dresdner in gewisser Weise abhängig waren.

Zusammengefasst: Heidenheim scheint nicht mehr so konsequent und sauber im Spiel gegen den Ball zu agieren, wie noch in der vergangenen Saison. Im Spiel mit Ball bleiben die Unzulänglichkeiten in Bezug auf Aufbau und Übergangsspiel bestehen.

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Den Kriegern fehlte der Mut http://spielverlagerung.de/2017/10/11/den-kriegern-fehlte-der-mut/ http://spielverlagerung.de/2017/10/11/den-kriegern-fehlte-der-mut/#comments Wed, 11 Oct 2017 21:45:32 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=41863 Chile agiert asynchron und bringt vor allem zu wenig Personal in die Offensivzonen. Es hätte auf ein 0:0 – genug für die Play-Offs – hinauslaufen können, doch dann kassierte der Südamerikameister zwei Tore in zwei Minuten.


brasilien-chile-2017Mit der Ausgangslage, gegen einen bereits qualifizierten Gegner eine Art „Entscheidungsspiel“ bestreiten und unbedingt punkten zu müssen, hätte den Chilenen daran gelegen sein können, sehr aggressiv zu agieren und eine hohe Intensität vorzulegen. Dazu kam es aber nicht, zumal die Gäste selbst wohl nicht übermäßig viel Risiko eingehen wollten. Speziell bei Abstößen gab es einige höhere und druckvolle Pressingmomente der „Roja“, ansonsten konnte Brasilien die eher in Ansätzen vorhandenen Druckphasen aber durch viele Zurückfallbewegungen ihrer Achter im Aufbau abbremsen und spielten den Ball auch schon mal länger sehr weit hinten herum.

Solche tiefen Positionierungen aus dem Mittelfeld hatten aber nicht nur strategische Zwecke, sondern schon auch konkrete taktische Hintergründe. Sie sollten den Gegner anlocken und so Räume beispielsweise für Schnellangriffe öffnen. Wenn Hernández unvorsichtig das Zurückfallen Paulinhos im rechten Halbraum zu weit verfolgte, konnte Chile die Kompaktheit nach hinten verlieren. Das bot dann Daniel Alves zu leicht die Möglichkeit, die Pressinglinie mit kurzen oder angelupften Pässen auf Rückstöße Coutinhos oder einem riskanten Dribbling zu attackieren. Wirklich Tiefenüberladung durch enge Ballungen um den aus dem Halbraum ankurbelnden Rechtsverteidiger gab es bei Brasilien diesmal aber gerade in Halbzeit eins deutlich seltener.

Linksfokus gegen Asymmetrie

Das lag nicht zuletzt auch daran, dass das Team sich verstärkt auf die andere Seite fokussierte – also die Neymar-Seite. Wegen der tiefen Einbindung der Achter konnte die rechtsseitige Positionierung von Vargas gegen Miranda das Spiel nicht entscheidend aus diesem Bereich wegleiten. Insgesamt hatte die chilenische Defensivformation eine interessante, aber nicht konsequent genutzte Asymmetrie vorzuweisen: 4-2-3-1-artig angelegt und in Ansätzen wie eine „Dunga-Raute“, schob Alexis Sánchez links enger – bei hohem Pressing oft diagonal aufrückend gegen Marquinhos – und vor allem höher als der eher absichernd und stabilisierend eingebundene Fuenzalida. So staffelte sich Chile gegen den linken Aufbauhalbraum der Brasilianer zurückgezogener, musste dadurch aber etwaigen Druckaufbau anspruchsvoller koordinieren.

Dorthin ließen sich Renato Augusto oder Neymar fallen und konnten sich viele Bälle holen. So brachte Brasilien eine grundlegende Sicherheit und zwischendurch auch immer mal wieder Ruhe ins eigene Spiel. Wollten sie von dort die Ansätze weiter nach vorne tragen, ergab sich ein ambivalentes Bild: Einerseits blieben sie gegen die Dichte der zurückgezogenen chilenischen Restformation einige Male hängen, die sich zunächst klug staffelte. Beispielsweise war bei Ballbesitz Neymars die Anzahl der möglichen Vorwärtsoptionen gar nicht so groß, was es etwas leichter machte, Passwege zuzuschieben. Zudem zeigte sich hier die Risikoabwägung vonseiten der Hausherren nicht ganz optimal. Ihr starkes Gegenpressing verhinderte allerdings, dass aus den zwischenzeitlich gar nicht so seltenen chilenischen Ballgewinnen im zweiten Drittel irgendeine direkte Torgefahr entstand.

Problematische Synchronität bei Chile

Andererseits war ein Problem der Chilenen ihr gewissermaßen „unentschlossenes“ Verhalten aus den eigenen Staffelungen heraus. Von einigen Positionen her kam ein seltsam gewichtetes mannorientiertes Element hinzu, etwa bei Hernández oder Fuenzalida. Letzterer verfolgte etwas zu vorsichtig nach hinten. Gleichzeitig schienen die Spieler nicht einheitlich und sicher eingestellt, in welchem Maß sie sich wann jeweils auf (defensive) Stabilitätssicherung oder auf Balleroberung hin orientieren sollten. So agierten sie zwar prinzipiell flexibel und in manchen Situationen enorm anpassungsfähig, trafen aber auch merkwürdige bis uneinheitliche Entscheidungen im Pressingverhalten. Wenn sie mal Neymar am Flügel in Überzahl gestellt hatten, konzentrierten sich einige der höheren Akteure (z.B. Fuenzalida oder Aránguiz) zu sehr nur noch auf die Abdeckung von Rückpasswegen.

Horizontal konnten dann Lücken zwischen ihnen aufgehen – und damit Querpasswege zwischen den vertikalen Linien hindurch, in die Formation hinein. Da bei Brasilien solche absichernden Bewegungen seitlich hinter den Ball doch eher überdurchschnittlich oft vorgesehen waren, wirkte sich das auch mehr aus. Dazu muss man das hervorragende gruppentaktische Gespür der drei Angreifer der „Seleção“ hervorheben, die mit klugen Läufen und auch kleinen individualtaktischen Aktionen immer wieder die entsprechenden Freiräume provozierten und besetzten. So gelang es Neymar, mit seinen Dribblings teilweise das komplette chilenische Mittelfeld in seinen Halbraum zu ziehen, aber trotzdem eine Lücke für den Ball horizontal nach rechts zu finden, wo Paulinho konsequent mit aufrückte. Insbesondere Philippe Coutinho bewegte sich weit mit auf die linke Seite, infiltrierte offene Bereiche und sorgte mit seiner Wendigkeit für potentielle Überladungen.

Nun brannten die Brasilianer kein Offensivfeuerwerk ab, sie konnten so aber zumindest in gewisser Regelmäßigkeit mit Tempo auf die gegnerische Abwehr zulaufen. Diese dann noch auszuspielen, blieb eine schwierige Aufgabe, es ließen sich aber Bälle dynamischer zur Grundlinie herauslegen und manche ordentliche Abschlussposition aus dem Rückraum generieren. Damit wirkten die Gastgeber schon in der ersten Halbzeit grundsätzlich gefährlicher als die Chilenen, die kaum mal entscheidend in den Sechzehner hineinkamen. Ein Remis hätte ihnen bei fast sämtlichen Konstellationen der anderen Resultate zumindest zum fünften Rang gereicht. Das 0:0 war aber ein gefährliches Ergebnis und so bemühten sich die Chilenen entsprechend um Angriffsinitiativen. Im Endeffekt sollten sie dafür aber zu wenig Offensivpräsenz aufstellen.

Zu wenig Präsenz in die vorderen Zonen gebracht

Bei ihren Aufbauphasen sahen sich die Gäste zunächst einem 4-3-3 der Brasilianer gegenüber, mit flexiblen Pressingbewegungen der Stürmer oft auch in zentralen Positionen, solider Grundorganisation, nicht ganz so sauberen 4-1-4-1-Ansätzen und flacher, raumgreifender Rückzugsbewegung der beiden hinteren Linien. Der erstgenannte Aspekt stach aus einer sehr soliden Leistung heraus und zwang Chile zu einigen hektischen Aktionen im Aufbau. Da Neymar und Co. recht gut einschätzten, wann und wie lange sie im zweiten Drittel eine zentralere Position halten konnten, hatten die chilenischen Sechser Schwierigkeiten, sich gegen diese Anordnungen Luft zu verschaffen und konsequent die Zirkulation voranzutreiben.

Auffallend gestaltete sich das eher vorsichtige Aufrückverhalten Chiles: Alexis Sánchez suchte auf seiner linken Seite Zwischenräume, fand sich gegen das tiefe Zurückschieben Paulinhos an die Kette aber in klarer Unterzahl. Vorne agierte Vargas rechtsseitig, aber schon Valdívia befand sich oft außerhalb des hinteren Blocks, wofür die Sechser hinter ihm ihr Risiko offenbar wenig erhöhen wollten. Auch Fuenzalida war rechts sehr breit eingebunden, teilweise zudem etwas tiefer. Gegen die sieben Defensivkräfte Brasiliens konnte Chile in den Angriffszonen somit fast nie genug Personal aufbieten. Das galt ebenso für die langen Bälle Richtung halblinks, die die Gäste vergleichsweise häufig als Variante einsetzten und zwar gut absicherten, welche aber letztlich oft ins Aus versandeten.

In späteren Phasen der ersten Halbzeit wurde dieses Mittel von den Chilen unpassend und überraschend häufig gewählt, teilweise auch in Situationen mit klaren Überzahlen in den Aufbauzonen. Casemiro konnte sich durch die tiefe Rolle Valdívias recht problemlos nach hinten zurückziehen und teilweise die letzte Reihe nicht zuletzt gegen solche weiten Bälle unterstützen. Die besten Szenen bei Chile entstanden vor allem nach Rückpässen in den Sechserraum, wenn bei Brasilien das situativ zu forsche Mitpressen der engen Stürmer verlagernd überspielt wurde. Da gleichzeitig der dortige Achter hatte nachschieben müssen, war der Kanal zum Aufrücken für den ballfernen Außenverteidiger vergleichsweise breit, so dass er schnell und dynamisch die Anbindung zu seinem Vordermann und mal 2gegen1-Situationen im Bereich des Strafraumecks herstellen konnte.

Brasiliens Qualität: Starke Nutzung schwieriger Situationen

Schon vor dem Seitenwechsel hatte Chile kleinere Anpassungen in der Pressingorganisation vorzunehmen begonnen. In späteren Phasen des ersten Durchgangs ließen sie häufiger Valdívia statt Hernández gegen den Zielraum Paulinhos verteidigen und gewannen damit schon etwas mehr Zugriff wie Spielanteile, unter anderem konnte auch Vargas dann bei Querpässen Casemiros nach links einfacher rückwärtspressen. Nach der Pause ging das ein bisschen weiter: Grundstaffelung und Verschieben wurden symmetrischer im 4-4-2 angelegt, statt einer versuchten leitenden Keilstellung zwischen Mittelstürmer und Zehner überwog nun eine tiefe Doppelspitze, in der die beiden eher nebeneinander agierten. Das Konstrukt war damit ein Stück stabiler angelegt, um den Sechserraum kompakter zu versperren.

Dagegen leiteten die Brasilianer ihr Spiel nun häufiger über die rechte Seite ein, wo Daniel Alves viel Präsenz entwickelte. Häufig spielte er dabei die Linie auf Coutinho entlang – eigentlich eine Szene, wie sie viele Mittelfeldpressingspielweisen provozieren wollen. Ein wichtiger Punkt im brasilianischen Team besteht aktuell aber darin, dass sie derartige Szenen vergleichsweise gut auflösen können und es auch konsequent spielerisch versuchen: Vor allem findet das Ganze viel kleinräumiger und gruppentaktisch aktiver statt, als es sonst oft der Fall ist. Durch tiefe Einbindung Coutinhos und die stetige Mitarbeit des Achters gibt es mehr Zugriffs- und Reaktionsmöglichkeit, Daniel Alves geht solchen Pässen dann sehr engagiert nach, versucht sofort eine neue Anspielstation zu bieten oder so zu laufen, dass er Rückwärtsdribblings bestmöglichst Raum frei drücken kann. Einige Male drehte sich Coutinho auch einfach aus schwierigen Engen stark hinaus – und dann entfaltet ein solcher Mechanismus natürlich seine „nadelspielernde“ Wirkung.

Die Auflösung gezielter Engenbildungen in teils peripheren Bereichen war ein Beispiel für die erwähnte gruppentaktische Stärke des brasilianischen Teams. Damit konnte Chile diesmal in letzter Konsequenz nicht mithalten, auch wenn sie mannschaftlich gesehen lange gut in der Partie blieben. Vor dem Freistoß zum 1:0 machte sich aber in der Entstehung schon bemerkbar, dass die Gäste auf eine längere improvisierte Ballzirkulationsphase nicht wirklich Zugriff gefunden hatten. Sehr unglücklich meinte es dann der Spielverlauf mit den Chilenen, als nach diesem Tor fast direkt der Doppelschlag folgte – per Konter, bei dem übrigens die doppelte Breitenbesetzung auf rechts situativ schlecht abgestimmt war und dann Raum für Neymar ließ. Einer der beiden Spieler hätte im Zentrum helfen können, wo die „Roja“ im ersten Moment nicht ins Gegenpressing gekommen war.

Pizzis Anpassungen verpassen die Rettung

In diesem Zusammenhang trugen die Versuche von Trainer Juan Antonio Pizzi, nach dem Seitenwechsel das Offensivspiel zu beleben, keine Früchte. Hatte er zur Pause bereits einen Tausch im defensiven Mittelfeld vorgenommen, wurde recht bald Fuenzalida durch Puch ersetzt, der hoch und teilweise breit in die Spitze arbeitete. Bei zunehmendem Aufwand im Angriff mehrten sich aber die Probleme mit flachen Staffelungen in der letzten Linie. Gleichzeitig wurde die Doppel-Sechs nicht wirklich aufgebrochen: Es blieb bei einer recht konservativen Besetzung mit zwei nicht allzu speziell definierten und einander auch zu ähnlichen Rollen. Eine weitere und interessantere Anpassung bestand dafür darin, dass sich Valdívia zunehmend nach halblinks absetzte und aus dem Raum hinter Paulinho dann Alexis stärker zu unterstützten versuchte – eine sinnvolle Idee.

In der Umsetzung konnte das über manchen Ansatz hinaus aber auch keinen Umschwung bringen: Durch die flexiblen Bewegungen der engen brasilianischen Stürmer blieben Chiles Sechser weitgehend aus der Verlosung. Daher mussten die entsprechenden Pässe zur Einbindung Valdívias fast immer direkt aus der Abwehr kommen. Wenn Paulinho, der bei seinem ballnahen Aufrücken manchmal den Passweg auch gut mit verteidigte, überspielt werden konnte, zogen sich derselbe und Casemiro aber direkt sehr intensiv und konsequent um jenen Halbraum zusammen, während Renato Augusto etwas breiter mit auf die ballferne Seite achtete. Gegen diesen Rückzug des Mittelfelds tat sich Chile schwer, da es ihrerseits meistens bei einer Beteiligung nur von Valdívia und Alexis blieb. Zumal Letzterer nach der Pause in manchen Szenen auch etwas hektisch den Vorwärtsweg suchte und sich in Zusammenhang mit den lose angebundenen Sechsern nicht so leicht Übergänge zur Neuzirkulation ergaben, reichte das am Ende nicht.

Fazit

Zu wenig Präsenz in den Angriffszonen kostete die in den letzten Jahren so erfolgreichen Chilenen nun doch das WM-Ticket. Im Pressing agierten sie über weite Phasen ebenfalls recht vorsichtig, wagten selten das beim Confed-Cup noch so wichtige und tragende Angriffspressing. Gerade rechtzeitig zum Quali-Endspurt schienen sie ihre Schwächephase überwunden zu haben, in dieser Partie konnten sie auf den Rückstand aber nicht mehr adäquat reagieren und litten bis zum Ende unter zu starker Diskrepanz zwischen den flacher werdenden Offensivstaffelung und der unspezifischen Aufgabenverteilung im defensiven Mittelfeld. Über die Partie hinweg hielt zudem die problematische Synchronisation im gruppenstrategischen Verhalten der gruppentaktischen Abstimmung des brasilianischen Teams nicht stand. Dies gehört zu einem der Grundpfeiler von Tites „Seleção“, die eine beeindruckende Qualifikationsrunde mit einem weiteren, zu hoch ausgefallenen Sieg abschloss. Daneben sind – auch wenn Aufbau- und Offensivspiel gegen die Chilenen nicht so stark daherkamen wie schon in anderen Begegnungen – als weitere Stärken zu nennen: Geduld in Ballbesitz, die Nutzung gewisser tieferer Überladungen, die Ballorientierung des Defensivblocks mit potentiell engen Stürmern davor und auch – diesmal stärker und wichtiger als sonst – die insgesamt gute Intensität in Pressing und Gegenpressing.

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Rollenspiele um die WM-Teilnahme http://spielverlagerung.de/2017/10/10/rollenspiele-um-die-wm-teilnahme/ http://spielverlagerung.de/2017/10/10/rollenspiele-um-die-wm-teilnahme/#comments Tue, 10 Oct 2017 13:31:04 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=41857 Kroatien schleppt sich in die Play-Offs. Modric und Co. lassen viel Potential liegen. Die Ukraine scheitert an Detailproblemen.


Kroatien und die Ukraine traten im Gruppenfinale der WM-Quali an, um den zweiten Platz hinter Island unter sich auszumachen. Die Kroaten hatten die Gruppe zunächst dominiert, in den vergangenen Partien aber viele Punkte gelassen und zuletzt gegen Finnland in letzter Minute noch ein 1:1 kassiert. Der Verband wechselte vor dem entscheidenden Spiel in Kiev den Trainer aus. Zlatko Dalic übernahm für Ante Čačić.

Die Partie ging durch unterschiedliche Phasen, was vor allem an der Pressinghöhe der Kroaten lag. Die Spielanlage beider Mannschaften ähnelte sich in weiten Teilen: Ein 4-4-2 gegen den Ball, ein nominelles 4-2-3-1 mit dem Ball, wobei aber vor allem die Achter viel abkippten. Beide versuchten den Ballbesitz für sich zu nutzen, doch hatten Mängel in taktischen Details.

Rakitic als tiefster Mittelfeldspieler

Kroatien startete nicht im 4-3-3, wie man bei einem Mittelfeldzentrum aus Badelj, Modric und Rakitic vielleicht erwarten könnte. Rakitic besetzte die Doppelsechs mit Badelj und Modric agierte davor. Das stellte sich als Irrtum heraus, besonders weil die Rollenverteilung noch mal seltsamer war: Bei Ballbesitz spielte Rakitic eine sehr aktive, gestaltende Rolle als tiefer Spielmacher und fiel sogar häufig zwischen die Innenverteidiger zurück.

Der Spielaufbau Kroatiens.

Der Spielaufbau Kroatiens.

Badelj hielt den Raum halblinks vor der Abwehr. Modric kippte entweder nach rechts auf seine Real-Madrid-Position oder versuchte die Angriffe am linken Flügel zu unterstützen, die zunächst Kroatiens gefährlichste Aktionen hervorbrachten. Auch Kramaric beteiligte sich an den wilden Rochaden im Mittelfeldzentrum vereinzelt, tauchte sogar als Sechser auf. Später besetzte der Hoffenheimer aber zunehmend die Spitze, was besser klappte und sogar das Spiel entschied.

Die Rochaden im kroatischen Aufbau funktionierten weitestgehend schlecht. Rakitics Aktionen und Läufe in den Offensivräumen fehlten, während er im tiefen Aufbauspiel wenig Akzente setzen konnte. Yarmolenko und Garmash hielten sich auf Höhe von Badelj. So konnten sie zusammen mit der Doppelsechs das Zentrum recht problemlos abschirmen. Badelj bekam kaum Bälle und Modric musste sehr tief zurückfallen um welche zu bekommen.

Dadurch hatte Kroatien kaum Präsenz in den zentral-offensiven Räumen, da auch Mandzukic sich primär in der letzten Linie aufhielt, Perisic breit spielte und Kramaric nur selten den Zwischenlinienraum suchte. Die Hauptfunktion von Rakitics Abkippen war letztlich, dass Lovren weniger aufbauen musste und Mitrovic quasi gar keine Bälle bekam. Ansonsten wurde dadurch hauptsächlich die Positionsstruktur beschädigt und Spieler in unpassende Rollen gedrängt.

Ukraine mit Herauskippen und falscher Neun

Auch bei der Ukraine kippte der nominelle Achter ab, während der Sechser die Position hielt, hier war das aber schlauer organisiert: Kapitän Rotan übernahm quasi die Kroos-Rolle und ähnlich wie bei der deutschen Nationalmannschaft entstand eine Raute im Aufbau. Wenn die Kroaten im 4-4-2-Mittelfeldpressing spielten, konnte Ukraine dadurch relativ problemlos den Ball halten. Etwas ungeschickt war jedoch, dass Rakitskiy, den man getrost als Weltklasse-Aufbauspieler bezeichnen darf, durch das Herauskippen auf seine Seite etwas blockiert wurde und nicht besonders viel Präsenz hatte.

Der Spielaufbau der Ukraine.

Der Spielaufbau der Ukraine.

Die Struktur nach vorne war auch eher „geht so“. Unorthodox waren dabei vor allem die Rollen der nominellen Stürmer. Yarmolenko spielte etwas überraschend als Zehner und die zweite Position wurde von Denys Garmash besetzt, der auch eher ein Zehner oder sogar Achter ist (zwei Tore in 30 Länderspielen). Dementsprechend verhielten sich auch beide: Das Sturmzentrum war selten besetzt, Garmash fiel oft in zentrale Mittelfeldräume zurück und Yarmolenko kam auch eher nach hinten oder kippte etwas nach außen auf seine angestammte rechte Position.

Marlos spielte auf der rechten Seite dafür diagonal und konnte ein wenig Präsenz in Sturmnähe erzeugen. Dadurch öffnete er auch etwas Raum für Yarmolenko, der dann ein paar gefährliche Aktionen von der Seite und aus dem Halbraum hatte.

Präsenter war aber die linke Seite. Konoplyanka kam dort recht oft in klare Duelle mit Vida und konnte sich einige Male durchsetzen und den Ball in den Strafraum bringen. Alles in allem waren die ukrainischen Angriffe aber nicht zwingend genug: Es fehlte an Präsenz zwischen den Linien und in der Spitze. Die Flanken hatten zu wenige mögliche Abnehmer und ansonsten gab es primär Distanzschüsse. Die grundsätzliche Struktur genügte jedoch, um das Schussverhältnis im ersten Durchgang klar zu dominieren.

Kroatische Dominanz steht und fällt mit dem Pressing

Das gelang den Ukrainern jedoch nur, solange sich Kroatien mit dem Pressing auf Höhe der Mittellinie zurückzog. Das taten sie nach einer dominanten Anfangsphase bis zur zweiten Halbzeit. Hierbei war es recht geschickt, dass sie strukturell leicht zum 4-1-4-1 tendierten: Mandzukic konzentrierte sich auf Stepanenko, der kaum Zuspiele bekam; nach links vorne konnte Modric herausrücken, nach rechts vorne Rakitic.

Die Flügelspieler verteidigten im tieferen Pressing aber sehr passiv und breit. Sie ließen sich von den ukrainischen Außenverteidigern vereinzelt sogar neben die Abwehr zurückdrängen und deckten ansonsten kaum die Halbräume ab. Dadurch bekam Kroatien im Mittelfeldpressing kaum Zugriff, sondern musste sich darauf konzentrieren, passiv die Räume zu versperren und zurückzuweichen.

Im Angriffspressing (oder hohen Mittelfeldpressing) funktionierte das deutlich besser: Hier rückten die Flügelspieler mit auf und unterbanden Pässe auf die Flügel. Modric und Rakitic schoben dann oft beide in Richtung des ballnahen Halbraumes und attackierten geschickt. Die Ukrainer versuchten einige Male, sich flach durch dieses Pressing durchzuspielen und kassierten frühe Ballverluste. Wenn die Ukrainer lange Bälle versuchten, führte das mangels Zielspieler meist zu Aufbausituationen für Kroatien.

Individuelle Aktionen entscheiden

Im zweiten Durchgang nutzten die Kroaten ihr hohes Pressing permanenter und waren etwas geduldiger in der Ballzirkulation. Zudem schienen die Kräfte bei der Ukraine etwas nachzulassen, die deshalb weniger Druck auf dem Flügel machen konnte und öfter an den eigenen Strafraum zurückfiel.

Entscheidend waren dann starke Hereingaben von Modric und Rakitic. Das 0:1 fiel aus einer klassischen Real-Madrid-Halbraumflanke. Modric versuchte diese ein erstes Mal, sammelte den abgeblockten Ball selber wieder ein und brachte ihn noch mal zum zweiten Pfosten rein. Geschickt zirkelte er den Ball auf Kramaric, der im Rücken seines Gegenspielers einköpfen konnte.

Das 0:2 entstand aus einem Freistoß nahe der Eckfahne. Der Freistoß konnte geklärt werden, Mitrovic bekam den Abpraller an der gleichen Strafraumecke wie Modric. Er spielte nach hinten in den Mittelkreis auf Vrsajlko, der brachte den Ball hoch in den selben Raum zurück, wo Rakitic frei war und mit dem ersten Kontakt volley und flach auf den zweiten Pfosten weiterleitete. Dort erreichte wiederum Kramaric den Ball am schnellsten.

Fazit

Bei einem Mittelfeldzentrum mit Badelj und Modric ist nicht so recht nachvollziehbar, wieso Rakitic der tiefste und präsenteste Aufbauspieler ist. Kroatien sollte die Rollenverteilung vor den Play-Offs in den Griff bekommen, um konstanter die große Qualität in der Offensive einsetzen zu können. Ansonsten ist das tiefere Pressing problematisch und das hohe Pressing vielversprechend. Das könnte auch für die zwei anstehenden Spiele noch ein entscheidendender Faktor werden. Diese werden kommende Woche in Zürich ausgelost.

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Deutschlands K. u. K. Monarchie siegt in Belfast http://spielverlagerung.de/2017/10/07/deutschlands-k-u-k-monarchie-siegt-in-belfast/ http://spielverlagerung.de/2017/10/07/deutschlands-k-u-k-monarchie-siegt-in-belfast/#comments Sat, 07 Oct 2017 09:40:19 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=41845 Die deutsche Nationalmannschaft hält sich weiterhin schadlos in der WM-Qualifikation. Der 3:1-Sieg gegen Nordirland bescherte Joachim Löws Team das sichere Ticket zur Weltmeisterschaft in Russland. Zwei Spieler machten während der einseitigen Partie besonders auf sich aufmerksam.

Löw konnte personell nicht aus dem Vollen schöpfen. Der Bundestrainer musste beispielsweise auf Mesut Özil und Timo Werner verzichten. Trotzdem schickte der 57-Jährige eine passable Elf aufs Feld, die sich in einem 4-4-1-1/4-3-2-1-Hybrid formierte. Vor der Doppelsechs bestehend aus Sebastian Rudy und Toni Kroos herrschte nämlich keine positionelle Konstanz. Mal spielte Thomas Müller auf der rechten Seite, mal schob Leon Goretzka zum Flügel. Mal war Müller im Sturmzentrum, mal war er links zu finden. Diese kleinen Verschiebungen und Rochaden sollten sich gegen die mauernden Nordiren auszahlen.

Grundformationen

Grundformationen

Die Gastgeber präsentierten sich erwartungsgemäß mit einer passiven und auf Absicherung ausgerichteten Spielweise. Trainer Michael O’Neill setzte auf eine 5-3-2-Grundordnung, die gegen den Ball recht häufig zum 5-4-1, vereinzelt sogar zum 5-5-0 umgeformt. Allein diese Zahlenspiele machen schon deutlich, dass die Nordiren vor allem eines im Sinn hatten: die Anzahl der Gegentore niedrig zu halten.

Flankenregen im nordirischen Strafraum

Ein womöglich erhofftes langes 0:0 war jedoch schnell ad acta gelegt. Denn die Deutschen führten bereits nach zwei Minuten durch einen Fernschuss von Rudy nach abgewehrter Flanke von rechts. Eben jene Flanken von der rechten Seite wurden zum besonderen Merkmal des deutschen Spiels. Rechtsverteidiger Joshua Kimmich rückte frühzeitig im Aufbau nach vorn und positionierte sich ungefähr auf Höhe der nordirischen Abwehrkette, jedoch mit etwas Abstand zu Linksverteidiger Chris Brunt, der nahezu nie den Versuch unternahm, einen Diagonalball auf Kimmich abzufangen, sondern erst nach der Ballannahme des Deutschen diesen langsam anlief, was Kimmich jedoch selten vom Flanken abhielt.

„Bei der Nationalmannschaft haben wir immer eine sehr gute Strafraumbesetzung, da kann auch mal eine schlechte Flanke zu einer guten werden.“ (Joshua Kimmich)

Der Bundestrainer hatte mit dieser schon exzessiven Anzahl an Flanken anscheinend kein Problem und es schien fast so, als hätte es vor der Partie eine explizite Ansage des Bundestrainers gegeben, die nordirische Mauertaktik genau so zu bespielen. Die Fünferkette der Hausherren stand in fast jeder Situation zusammengezogen. Im Zentrum gab es Ansätze von mannorientierter Verteidigung, wobei dazu auch Sechser Oliver Norwood herangezogen wurde, da er beispielsweise Müller oder Goretzka bewachen sollte.

Kroos dirigiert, Kroos filetiert

Der Spielaufbau der Deutschen erfolgte erwartungsgemäß über die tiefe Präsenz von Kroos, der oftmals nach links herauskippte, wodurch er Josh Magennis an sich band. Magennis, der zweite Stürmer der Nordiren, neigte sowieso zum Zurückfallen auf die rechte Seite, wenn sich seine Mannschaft gegen den Ball im 5-4-1 formierte. Durch seine Orientierung an Kroos bekamen Mats Hummels und Jérôme Boateng mehr Freiraum und Zeit, denn sie hatten nur noch Kyle Lafferty vor sich. Boateng wich aufgrund des Herauskippens von Kroos weit auf die rechte Seite und sicherte somit auch das Aufrücken Kimmich perfekt ab.

Der zweite deutsche Sechser, namentlich Bayern-Profi Rudy, verblieb in der Regel in der Mitte und wurde als Übergangsstation in der Ballzirkulation genutzt. Zumeist schoss ein Nordire aus der Mittelfeldreihe heraus, sobald der Ball in die Richtung von Rudy ging, weshalb dieser sich selten drehen konnte und stattdessen direkt auf Hummels, Boateng oder Kroos ablegte. Die leichten Bewegungen, die dadurch aber im Mittelfeldverbund von Nordirland entstanden, waren nicht unbedeutend, ermöglichten sie doch Lücken, um beispielweise flachere Pässe in den vorderen Zwischenlinienraum zu bringen. Kroos tat dies in einigen Fällen mit chirurgischer Präzision.

Gerade weil Müller in der Anfangsphase häufig auf dem rechten Flügel auftauchte, ergab sich für Goretzka die Möglichkeit in den Raum hinter Nordirlands Mittelfeldlinie vorzudringen. Steven Davis, der halblinke Achter der Hausherren, schob situativ auf die Zehnerposition, um Rudy anzulaufen. Goretzka blieb dadurch gelegentlich ohne natürlichen Gegenspieler. Allein seine Präsenz vor der nordirischen Zentralverteidigung lenkte ein wenig die Aufmerksamkeit von Jonny Evans und Co. auf sich und weg von Mittelstürmer Sandro Wagner, den Löw gerade auch als physischen Zielspieler für Kimmichs Flanken aufstellte.

Müller’sche Präsenz im letzten Drittel

Wirklich eindeutige Schwachstellen gab es im deutschen Team nicht. Sicherlich war die Abstimmung zwischen Marvin Plattenhardt und Julian Draxler auf der linken Seite ausbaufähig, zumal beide mit ihren klassischen gruppentaktischen Abläufen weniger Gefahr ausstrahlten, als die sich flexibler bewegenden Akteure auf der anderen deutschen Seite. Da Plattenhardt allerdings eine tiefere Grundposition einnahm und im natürlichen Passkorridor von Kroos‘ rechten Fuß stand, musste er häufiger an der tiefen Zirkulation teilnehmen und sich auf einfache Pässe beschränken. Weiter vorn verlor der Hertha-Profi dann gelegentlich einen Zweikampf und konnte die Flanke nicht in den Strafraum bringen.

Draxler wiederum verschwand ab und zu in der gegnerischen Formation und zeigte sich weniger präsent als Müller, der sofort die Balance des deutschen Offensivspiels veränderte, wenn er sich von rechts nach links bewegte und dort am Passspiel teilnahm. Die Aufgabe der Balanceveränderung war allerdings auch Müller eher auf den Leib geschneidert.

Einen Raumdeuter-Moment hatte Müller vorm zweiten Treffer der Deutschen. Eigentlich handelte es sich um einen unspektakulären Angriff. Die Deutschen drückten Nordirland nach hinten und spielten links über die komplette Breite. Die Verlagerung zurück auf Hummels leitete dann den Torabschluss ein. Müller schlich sich aus Sicht von Hummels in den Rücken von Davis und war frei im rechten Halbraum. Ob Wagners Ballannahme nach dem kurzen Anspiel von Müller in dieser Form gewollt war, weiß natürlich nur er. Für diese spezielle Situation war er jedoch perfekt.

Zweite Halbzeit

Nach dem Pausentee passierte nicht mehr viel. Nordirland wurde im Pressing etwas aggressiver und offensiv forscher. Bis zum Lattentreffer von Conor Washington sprangen allerdings keine nennenswerten Torchancen heraus. Hummels und Boateng bereinigten viele Situationen mit ihrer überlegenen Physis und dem stets hervorragendem Timing. Kimmich erzielte das 3:0 kurz vor Schluss. Magennis besorgte den Ehrentreffer in der Nachspielzeit.

Fazit

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, diese Partie war eine einseitige Angelegenheit, weil Deutschland wenig bis gar keine Fehler in der Ballzirkulation beging, Nordirland aber auch selten die Intention hatte, frühe Ballgewinne zu erzielen. Vielmehr war die Passivität der Hausherren ihr Untergang. Die enge Fünferkette, die wohl unter keinen Umständen die Schnittstellen im Zentrum preisgeben wollte, konnte den Diagonalbällen wenig entgegensetzen. Die Mittelfeldreihe war den Verlagerungspässen der Deutschen ebenso hilflos ausgesetzt.

„Bei den Außenverteidigern sehe ich nur Kimmich auf internationalem Niveau. […] Der Jo ist einfach ein Klassespieler, der unglaubliche Wege macht.“ (Joachim Löw)

Kroos zog die Fäden in der Tiefe, wie er es auch aller Voraussicht nach in Russland bei der WM nächsten Sommer tun wird. Kimmich, der zweite herausstechende Spieler der Partie in Belfast, beweist sich unterdessen als wichtige Komponente auf der Außenbahn. Neben seiner unbestritten starken Physis, die ihm ein unablässiges Vorstoßen überhaupt erst erlauben, ist es vor allem seine technische Konstanz, die ihm ein solches Spiel ermöglichen. Sicherlich kann Fließband-Geflanke nur in Ausnahmefällen ein Mittel sein – und auch nur dann, wenn sich der Flankenabnehmer in aller Regelmäßigkeit gegen seine Mitspieler durchsetzen kann. Aber, wie wir alle wissen, ist Kimmich noch zu ganz anderen Dingen im Stande.

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Zwei Messis sind ein Di María zu viel http://spielverlagerung.de/2017/10/06/zwei-messis-sind-ein-di-maria-zu-viel/ http://spielverlagerung.de/2017/10/06/zwei-messis-sind-ein-di-maria-zu-viel/#comments Fri, 06 Oct 2017 13:20:56 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=41847 Argentinien zeigt tolle Ansätze im Aufbauspiel und versagt im Angriff. Messi wird zu viel gesucht und zu wenig unterstützt.


Die argentinische Nationalmannschaft musste am vorletzten Spieltag der WM-Qualifikation gegen den direkten Tabellennachbarn Peru ran. Neben Chile und Kolumbien sind die Peruaner der ärgste Konkurrent der Gauchos im Kampf um die verbliebenen 2 bis 3 Qualifikationsplätze. Argentinien dominierte die Partie zwar, doch kam nicht zum Torerfolg.

Peru im lockeren 4-5-1

Die Gäste aus Peru setzten auf eine typische Außenseiter-Spielweise: Tiefe, kompakte Stellung vor dem eigenen Strafraum. Druck erst im eigenen Drittel. Warten auf Fehler oder Nadelstiche mit langen Bällen und zweiten Bällen.

ARG - PERDie Defensivformation war dabei ein 4-5-1; bzw. ein 4-5-0-1: Paolo Guerrero blieb isoliert an der Mittellinie stehen und Argentinien konnte ihn locker überspielen und aus dem Sechserraum angreifen. Die drei Sechser kamen auch nicht weit herausgerückt sondern meist nur ein paar Meter. Ansonsten konzentrierte sich die Mittelfeldlinie auf ihre Abstände und wartete auf Zugriffsmomente zwischen den Linien.

Tatsächlich gelang es Peru gar nicht mal so gut, das Eindringen in den Zwischenlinienraum zu verhinden. Mascherano, Biglia und Banega zeigten allesamt hervorragende Vertikalpässe und schienen die Fünferlinie nach Belieben überspielen zu können.

Anschließend reagierte Peru aber sehr flott, aggressiv und präzise. Sie attackierten den Ballführenden schnell und sicherten ebenso schnell ab. So hatten es Di Maria und Messi immer wieder mit zwei und sogar drei direkten Gegenspielern zu tun. Auch die Abwehrspieler beobachteten diese Szenen aufmerksam und passten ihre Positionierung aktiv an.

Argentinien überzeugt in den falschen Zonen

Das Aufbauspiel der Argentinier gegen dieses 4-5-1 war eigentlich überzeugend angelegt. Ähnlich wie Deutschland zogen sie eine nach links versetzte Raute auf mit Biglia als zentralem Sechser und Banega als herauskippendem Achter. Das war strukturell schon schwer zu pressen und außerdem individuell äußerst überzeugend:

Banega ist extrem pressingresistent, Biglia positionierte sich hervorragend und spielte die Bälle sehr sauber und fokussiert zwischen die Linien. Otamendi trieb besonders in der Anfangsphase das Spiel an. Mascherano wurde im Laufe des ersten Durchgangs immer präsenter. Eine der besten Szenen des ersten Durchgangs leitete er ein, als Biglia und Banega etwas ungeschickt gleichzeitig abkippten. Mascherano spielte einen Doppelpass mit Banega und marschierte durch den geöffneten Raum im Mittelfeld. Anschließend wurde er immer dominanter und kreierte das Spiel zunehmend aus dem Sechserraum.

Allein: Diese Qualitäten brachten den Argentiniern nicht so viel, weil Peru in den hohen Zonen sowieso kaum Druck erzeugte. So war Argentinien dort zwar in der Lage, viele Gegenspieler zu überspielen, aber es gab schlichtweg fast keine Gegenspieler. Es kam drauf an, was in den nächsten Linien passierte.

Doppelte Flügelbesetzung zerstört Verbindungen

Und dort passierte leider bei weitem nicht genug. Zunächst war Messis Rolle unnötig tief und präsent. Sehr oft fiel er auf die rechte Achterposition zurück und forderte dort Bälle vor dem gegnerischen Mittelfeld statt zwischen den Linien zu warten. So hatte er viele Ballkontakte, aber in diesen Situationen quasi neun Gegenspieler zwischen sich und dem Tor. Auch ein mehrfacher Weltfußballer verliert dadurch natürlich an Effektivität.

Dazu kam, dass sich sonst im Grunde niemand zwischen den Linien bewegte. Das lag daran, dass die Argentinier oft vier Spieler auf den Flügeln parkten. Flügelstürmer und Außenverteidiger standen sich an den Seiten oft auf den Füßen. Später stieß Linksverteidiger Acuna gelegentlich entlang der Innenseite nach vorne, doch das passierte zu selten und wurde kaum eingebunden.

Alejandro Gómez, der eigentlich die Anlagen für den Zwischenlinienraum hat, spielte auf der rechten Seite eine sehr breite Rolle und fiel hauptsächlich durch Flanken auf. Mittelstürmer Benedetto bewegte sich zunächst nur in der letzten Linie. (Im zweiten Durchgang ließ er sich ein paar Mal auch zurückfallen, was sich nicht als bessere Variante herausstellte.)

Keine Läufe für Messi

Di Maria positionierte sich auch oft breit und versuchte Spielzüge horizontal zu eröffnen. Er rückte auch mal in den Zwischenlinienraum, aber meist recht weit außen, nicht bis in zentrale oder linke Räume; dadurch konnte er Messi kaum unterstützen. Im Grunde spielte Di Maria die typische Messi-Rolle aus Barcelona. Dadurch war er im Zusammenspiel mit Messi verschenkt, konnte gleichzeitig aber auch seine eigenen Stärken nicht wirklich einbringen. Die beiden potentiellen Topstars der Offensive blockierten sich letztlich.

Auch wenn Messi mal in seiner Musterposition halbrechts zwischen den Linien eingesetzt werden konnte, zeigte sich wenig Zusammenspiel mit den Kollegen. Die Läufe für Messi kamen zu spät oder gar nicht und waren auch nicht gut angelegt. Während etwa Luis Suarez immer zentral startet und nach rechts zieht, startete Benedetto oft eher linksseitig und etwas später als Suarez. Dadurch konnte er nicht den Raum für Messi öffnen, sondern bot sich direkt für den – vorhersehbaren – Pass in die Spitze an.

Der typische Diagonallauf von links (Neymar, Alba, Villa) kam für Messi ebenfalls nicht, da Benedetto den entsprechenden Raum verdichtete und Gómez dann zu spät oder gar nicht startete. So dribbelte Messi immer wieder gegen mehrere Gegenspieler ohne passende Dynamiken vor sich. Im ersten Durchgang verlor er dabei – für seine Verhältnisse – enorm viele Bälle. Er konnte zwar Gefahr andeuten, etwa durch Distanzschüsse, aber das reichte nicht.

Verbesserungen im zweiten Durchgang

Zu Beginn der zweiten Hälfte verbesserte sich das Spiel der Argentinier durch zwei Änderungen: Banega schob deutlich höher, tauchte nun auch immer wieder im Zwischenlinienraum auf. Eine Großchance für Gómez entstand etwa aus einer Ablage von Banega auf Messi halblinks. Zudem wurde Di Maria von Emiliano Rigoni ersetzt. Dieser zeigte ein paar sehr effektive Dribblingaktionen und zum anderen bewegte er sich besser in die Spitze als Di Maria und forderte weniger den Ball.

So kam Argentinien für 20-30 Minuten zu einigen sehr guten Abschlusssituationen. Vor allem Kombinationen über halblinks mit folgenden flachen Hereingaben schienen die Peruaner zu knacken. Allerdings kam in dieser Phase das Abschlusspech dazu. Messi traf den Pfosten, bei einigen anderen Großchancen trafen die Gauchos den Ball schlecht.

Die weiteren Wechsel von Sampaoli halfen der Mannschaft nicht. Zunächst kam Gago für Banega, der verletzungsbedingt direkt wieder durch Enzo Pérez ersetzt werden musste. Dieser konnte Banegas Präsenz in den Offensivräumen nicht wirklich ersetzen und bewegte sich auf seiner schwächeren halblinken Seite etwas unharmonisch. Oft stand er zu früh zu hoch, sodass Peru ihn mehr oder minder ignorieren konnte.

In der Endphase passierte das auch anderen Argentiniern. Vereinzelt gab es fünf Spieler in der zweithöchsten Reihe, die aber sehr flach gestaffelt waren und insgesamt zu hoch positioniert. So konnte Peru die Pässe in den Zwischenlinienraum besser kontrollieren als zuvor. Messi wurde immer ungeduldiger und forderte Bälle wieder tiefer. Passende Bewegungen auf seine Ballkontakte gab es weiterhin nicht. So kam Peru einigermaßen komfortabel durch die Endphase und Guerrero hätte beinahe noch einen Freistoß zum Siegtreffer versenkt.

Dominanz reicht nicht

Mit 22:2 Schüssen kam Argentinien eigentlich auf eine sehr gute Bilanz. Die grundsätzliche Spielanlage war gut, der Raum wurde kontrolliert und Konter im Gegenpressing unterbunden. Auch das Pressing war in ein paar Momenten sehr intensiv. Aber 60 bis 70 Minuten lang kamen sie kaum zu ernstzunehmenden Torchancen. Dazu etwas Pech und es reicht eben nicht für ein Tor.

Peru verteidigte stark, war im 4-5-1 jedoch sehr zahnlos. Bei Ballbesitz setzten sie meist auf lange Bälle und zogen sich sehr eng für zweite Bälle zusammen. Auch das wirkte stabil und vermied argentinische Konter, die übrigens im 4-4-2 pressten. Ab und zu konnten sie sich daraus auch in kurze Ballbesitzphasen befreien über die Achter, die Argentinien dann teilweise nicht gut abdeckte. Das waren jedoch zu seltene Szenen und die Offensive war zu eng und unstrukturiert, um ernsthaft für Gefahr zu sorgen. (Daher wird Perus Ballbesitz auch mit diesem kurzen Absatz abgefrühstückt.)

Argentinien ist jetzt Sechster und wäre damit raus. Allerdings: Peru und Kolumbien müssen noch gegeinander, Chile muss in Brasilien ran. Die Albiceleste hat mit Ecuador den leichtesten Gegner. Bei einem Sieg wäre Platz 5 sicher und bei den Play-offs gegen den Vertreter aus Ozeanien wäre Argentinien haushoher Favorit. Insofern haben Messi und Co. immer noch alles selber in der Hand. Doch gegen Ecuador muss nun ein Sieg her. Die Frage dabei wird sein, wie Messi eingebunden wird, aber auch, was die anderen Offensivspieler abliefern. Seit einem Jahr hat nämlich kein anderer Spieler als Messi für Argentinien in den Qualifikationspielen getroffen.

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Trainerporträt: Jupp Heynckes http://spielverlagerung.de/2017/10/05/trainerportraet-jupp-heynckes/ http://spielverlagerung.de/2017/10/05/trainerportraet-jupp-heynckes/#comments Wed, 04 Oct 2017 22:10:41 +0000 http://spielverlagerung.de/?p=26743 Jupp Heynckes ist wohl aus dem Ruhestand zurück. Unser Porträt der Trainerlegende.

(Dieser Artikel wurde original im Mai 2013 in der ersten Ausgabe unseres Ballnah-Magazins veröffentlicht und zu Weihnachten 2014 im Blog.)

Ein leichtes Zögern und dann ein skeptisches Herabsetzen des Glases, falls eine solche Skepsis denn möglich ist. Es sollte die Frage aller Fragen folgen: „Du hältst Jupp Heynckes wirklich für einen der besten Trainer?“

Tue ich das? Ich weiß es nicht. Schon oft hatte ich mit meinem Lieblingsgesprächspartner über Heynckes geredet. Er ist ein ehemaliger Bayernsympathisant, in einer anderen Altersklasse und mit fast schon konträrem Background. Einst hatte er im Fußball zu tun gehabt, allerdings schon etwas her – einer jener Fußballbesessenen, die sich lieber in die guten alten Zeiten zurückversetzen und nur die Spiele Barcelonas nicht verpassen.

Vor zwei Jahren kam Jupp Heynckes zum FC Bayern.  „Was wollen denn die mit dem? Die Mischung aus Jürgen Klinsmanns Inkompetenz und Van Gaals Sturheit. Typische Freunderlwirtschaft. Unter Beckenbauers Ägide wäre das nicht passiert.“

Die Tiraden gingen weiter. Die große Frankfurter Mannschaft habe Osram ruiniert! Schalke und Gladbach waren ebenfalls dem Untergang geweiht, als er mit seiner Möchtegernfuchtel irgendwelche abgelaufenen taktischen Konzepte installieren wollte. Heynckes sei keine Plattform für Starspieler, sondern ein Unterdrücker. Einer, der in den 80ern von Wissen profitiert habe, das heute zur Norm gehöre – und die Sprache der Spieler spreche er ohnehin nicht. Ob er das nicht mehr tue oder noch nie getan habe, traute ich nicht zu erfragen.

Ich persönlich dachte nämlich damals schon anders; immerhin hatte ich mich bereits nach seiner Interimszeit beim FC Bayern durch zahllose Medienberichte gelesen. Und ich vermutete, wieso mein Gesprächspartner diese Meinung vertrat.

Niemand kann Jupp Heynckes richtig einschätzen. Passend dazu war der Grundtenor der Medien, als Heynckes zum FC Bayern kam. Nach Louis Van Gaal, so führten mehrere Zeitungen aus, wollten die Bayern schlicht einen „Kumpeltyp“, einen „Freund der Spieler“ und einen „Freund des Vorstands“, der sich eher durch die Kontrolle des eigenen Kaders als des gegnerischen Spiels hervortut.

Kurzum: Man wolle lieber zurück zu einem Motivator à la Udo Lattek – kein verschrobenen Genie, kein Taktikverrückter wie Van Gaal. Dabei galt auch Jupp Heynckes als solcher. Oder nicht?

Vom Weltklassefußballer zum Trainernovizen

Deutschland vs UdSSR 1972

1979 wurde Jupp Heynckes nach einer sehr erfolgreichen Zeit als Spieler zum Trainer von Borussia Mönchengladbach. Heynckes war dabei Teil der großen 1972er-Mannschaft, die für viele als beste deutsche Nationalmannschaft aller Zeiten in die Geschichte einging. In dieser historischen Mannschaft war der gelernte Mittelstürmer in einer Freirolle als Rechtsaußen aufgeboten. Immer wieder zog er in die Mitte, versuchte mit seiner Spielintelligenz und Athletik freie Räume zu finden und zum Abschluss zu kommen. Aus dem 4-3-3 wurde durch Heynckes ein extrem asymmetrisches 4-3-1-2.

Es sollte einer der wenigen Lichtblicke in seiner Nationalmannschaftskarriere sein. Zentral kam Heynckes auf seiner Idealposition nicht an Gerd Müller vorbei. Bei der WM 1974 spielte Heynckes auch nicht mehr als Außenstürmer – es hagelte Kritik an seiner Spielweise als Linksaußen der deutschen Nationalmannschaft. Heynckes war zu sehr Stürmer und zu sehr Athlet (statt Techniker), um über links Gefahr zu entfachen.

Letztlich stand Heynckes immer im Schatten der großen Spieler seiner Zeit. Dabei war er damals vielleicht der modernste aller Mittelstürmer. Immer wieder zog auf die Flügel, ließ sich intelligent fallen und war passabel im Kombinationsspiel, hervorragend in der Spielintelligenz und zugleich ungemein torgefährlich. 195 Tore für die Gladbacher Borussia und 25 für Hannover 96 in drei Jahren bedeuten Platz 3 in der ewigen Bestenliste der Bundesliga – nur hinter Klaus Fischer (268 Tore) und Gerd Müller (365 Tore).

Mit 51 Toren ist er auch der viertbeste Torschütze in den europäischen Wettbewerben. Seine Quote von 0,80 Toren pro Spiel wirdnur von Gerd Müller (0,89) überboten. Zweimal wurde er Torschützenkönig in der dt. Bundesliga (1974, 30 Tore; 1975, 27 Tore), zweimal im UEFA-Pokal (1973, 12 Tore; 1975, 10 Tore), einmal im Pokal der Pokalsieger (1974, 8 Tore) und einmal gar im Pokal der Landesmeister (1976, 6 Tore). 1978 beendete er seine Karriere standesgemäß mit fünf Toren beim 12:0 gegen den BVB.

Dennoch ist der Spieler Heynckes nur wenigen ein Begriff. Dass er ein moderner und hochintelligenter Stürmer war, ist ebenso in Vergessenheit geraten wie seine Errungenschaften als Trainer in den 80ern.

Ein Jahr nach seinem Karriereende übernahm Jupp Heynckes den Trainerposten bei den Fohlen. In seinem freien Jahr hatte er die Trainerlizenz erworben. Um seine theoretischen Kenntnisse zu erweitern, sollte er Latteks Co-Trainer bei Gladbach werden und ihn nach einer möglichst kurzen Lehrzeit (geplant war aber 1980) als Cheftrainer ablösen. Doch als Lattek von diesem Plan erfuhr, war er wenig begeistert. Im stillen Streit trennten sich die Wege von Lattek und der Borussia. Heynckes trat sein Amt also schon im Sommer 1979 an – und er sollte denkbar erfolgreich werden.  Nach einigen Achtungserfolgen zu jener Zeit galt der ehemalige Weltklassespieler als das Trainertalent des deutschen Fußballs.

Jupp Heynckes bei Borussia Mönchengladbach

Die jüngste Mannschaft der Liga erhielt den jüngsten Cheftrainer – bei seiner Ernennung war Heynckes nur 34 Jahre alt. Bereits drei Jahre zuvor hatte Heynckes gesagt, er wolle Trainer werden.

Seine Begründung:

„Weil ich sehe, welche Fehler Trainer heute begehen. Vor allem Zuwendung und viel Verständnis brauchen die Spieler. Technik und Taktik sind zweitrangig, wenn man gute Spieler zusammen hat“ (in der ZEIT, November 1976)

Und hier beginnen die Paradoxe. Fast 25 Jahre später gab es, einem allerdings angeblich fingierten Bericht zufolge, Gerüchte, dass Heynckes bei einer Trainerfortbildung beinahe in Psychologie durchgefallen sein soll. Auch in den 90ern gab es zahlreiche Beschwerden von Frankfurter Spielern an seinem Führungsstil. Auch Lothar Matthäus, der wohl erfolgreichste Jungspieler aus Heynckes´ Gladbacher Zeit, übte vor Heynckes´ Wechsel zu den Münchner Bayern herbe Kritik.

1979 wurde für Heynckes auch beileibe kein „Fußballlehrer“ wie einst Herberger oder Weisweiler als vermeintlicher Mentor geplant, sondern eben jener Udo Lattek – seines Zeichens ein berüchtigter Motivator und selbst ernannter Fußballpsychologe.

Seinen ersten Achtungserfolg feierte Heynckes mit seiner Mannschaft schon im November 1979. Mit 3:2 gewannen sie trotz eines zwischenzeitlichen 1:2-Rückstandes in Mailand gegen Inter im Europacup.

Als Inter Mailand 2:1 führte, schickte Heynckes Ersatzspieler Norbert Ringels auf den Platz und schrie: „Wir gewinnen das noch, die sind kaputt.“ Ringels erzielte das 2:2. Nickel verwandelte einen Elfmeter zum 3:2-Sieg. – im  Spiegel vom 19. November 1979

Gladbach - Grundformation 1980

Frenetisch wurde der Sieg bejubelt. Trotz der glorreichen Vergangenheit in den 70ern galten die Fohlen als Ausbildungsverein. Fast jährlich mussten sie ihre besten Spieler verkaufen. Heynckes wurde bewusst als Trainer installiert, um mit seinem Image als ehemaliger Star des Vereins und als Fußballtheoretiker die Mannschaft Jahr für Jahr möglichst stark neu aufzustellen. Der teilweise noch kritisch beäugte Jungtrainer schwang sich zum Publikumsliebling auf, versuchte aber die Euphorie zu dämpfen.

Was damals keiner ahnen sollte: Einige Monate später im Finale des UEFA-Cups sollte es einen ähnlichen Verlauf wie gegen Inter geben. Der Titelverteidiger aus Mönchengladbach setzte sich im Folgenden nämlich auch gegen den französischen Rekordmeister AS Saint-Étienne und den VFB Stuttgart in einem rein-deutschen Halbfinale durch.

Kurzanalyse: Gladbach gegen Frankfurt 1980 im UEFA-Pokal-Finale

Im Hinspiel des Finals begannen die Gladbacher überzeugend. Sie spielten mit dem für damalige Verhältnisse keineswegs üblichen Pressing und einer intelligenten Raumdeckung. Sie verschoben zwar mannorientiert, aber feste Manndeckungen gab es nur auf Schlüsselpositionen.

Der titelverteidigende Außenseiter aus Gladbach begann druckvoll. Die Frankfurter konnten trotz individueller Überlegenheit eher wenig entgegensetzen. Zwar kamen sie immer wieder gefährlich nach vorne, doch viele Angriffe entstanden nach langen Bällen oder durch das sehr kreative Mittelfeld. Ob Ronald Borchers, Bernd Nickel oder Bernd Hölzenbein: Alle drei waren trotz gutem Doppeln enorm schwer vom Ball zu trennen.

Die Elf von Jupp Heynckes wirkte überaus modern. Die Abwehrkette spielte noch nicht in einem perfekten Linienspiel, war aber den Frankfurtern überlegen. In Ballbesitz ließen sie den Ball lange zirkulieren und nahmen sich im Aufbauspiel Zeit. Frankfurt wurde dadurch nach hinten gedrückt und erhielt kaum Zugriff auf den Gegner. Lange Bälle gab es bei den Fohlen selten, Befreiungsschläge ebenso wenig.

Stattdessen wirkten sie wie eine langsamere und individuell schwächere Version der heutigen Bayern. Die Außenverteidiger Ringels und Schäffer rückten gut getimt und situativ auf, übernahmen im Aufbauspiel viel Verantwortung. Kulik und Matthäus holten sich hinten die Bälle ab, Kulik war allerdings im Offensivgang deutlich gemäßigter. Einer der beiden kippte auch immer wieder gerne ab, wodurch quasi eine Fünferkette im Aufbau entstand, aus der immer wieder Vertikalsprints in offene Räume folgten.

Stand Frankfurt tief oder öffneten sich Räume in deren Formation, dann schoben Schäfer und Hannes nach vorne; fast im gleichen Moment ließ sich zumeist Kulik fallen oder die Außenverteidiger rückten ein, um die Stabilität zu wahren. Zusätzlich gab es vorne einige Positionswechsel von Ewald Lienen und Del Haye, wobei Letzterer der wohl auffälligste Spieler war. Er betätigte sich als Spielgestalter von der Seite, zog in die Mitte, überlud Räume und war ein klarer Aktivposten, während Mittelstürmer Nickel öfters in die Halbräume auswich und Körbel mit sich zog.

Die Positionswechsel der Frankfurter sorgten hingegen für keinerlei Probleme bei Gladbach. Die Raumdeckung funktionierte hervorragend, obgleich Heynckes nach der intensiven Anfangsphase das Pressing tiefer und passiver spielen ließ.

Besonders beeindruckend waren aber das Rückwärtspressing und die hohe Aggressivität im Mittelfeldpressing. Die erste Szene aus diesem Spiel war bezeichnend: Drei Leute pressen im Halbraum den Ballführenden, der den Ball ins Mittelfeld spielt und dort vom Gladbacher Mittelstürmer erfolgreich rückwärtsgepresst wird.

In der Offensive bot Gladbachs Matchplan ein auffälliges Merkmal: Mit einem extrem fluiden Aufbauspiel in der Mittelfeldzentrale überluden sie oft die rechte Seite.  Fast alle Angriffe fanden über diese Außenbahn statt, wobei sie von unterschiedlichen Spielern vorgetragen wurden.

Vermutlich wollten sie Frankfurts Schwachpunkt Horst Ehrmantraut gezielt attackieren, doch Charly Körbel zeigte eine hervorragende Leistung und konnte seinen Linksverteidiger sehr gut unterstützen. Ohnehin stand insbesondere die Mitte mit Pezzey, Körbel, Lorant und den drei polyvalenten und spielintelligenten Akteuren davor bei Frankfurt sehr sicher. Gladbach dominierte zwar im ersten und zweiten Spielfelddrittel, konnte aber kaum zum Abschluss kommen.

Zusätzlich hatte Frankfurt eine gute Rollenverteilung im Aufbauspiel. Lorant war als der wohl am wenigsten kreative Mittelfeldakteur fast durchgehend raumöffnend unterwegs. Hölzenbein ließ sich im Aufbauspiel immer fallen und zeigte sich mit Nickel überaus pressingresistent. Im weiteren Spielverlauf wurde die Elf von Friedel Rausch immer stärker, indem sie die Räume durch Borchers, den beweglichen Bum-Kun Cha und Hölzenbein überlud.

Ohnehin waren Überladungen das zentrale Thema. Beim Ausgleich war es Matthäus, der eine Überzahl nutzte und ins Dribbling ging. Nach einer von vielen Glanzparaden Pohls an diesem Abend war es Kulik, der außerhalb des Sechzehners beim Abpraller zur Stelle war und mit einem tollen Distanzschuss zum 1:1 traf.

Das 1:2 fiel schon fast auf symbolische Art und Weise. Borchers lief diagonal von links bis auf den rechten Flügel, ohne attackiert werden zu können. Eine Flanke auf den zweiten Pfosten wurde von Hölzenbein per Kopf verwertet. Auch das 0:1 wurde durch eine Flanke eingeleitet, aber aus dem Halbfeld. Allerdings fielen beide Tore eher entgegen dem Spielverlauf. Jeweils dominierten die Gladbacher das Spielgeschehen, mussten sich aber zurückkämpfen.

In der zweiten Halbzeit spielte Kulik noch offensiver, Heynckes blies seine Mannschaft wie gegen Inter nach vorne: Zuerst netzte Matthäus ein und danach erhöhte abermals Kulik, nun zum 3:2-Endstand. Generell wussten die Anpassungen Heynckes‘ zu gefallen.

Im Aufbauspiel rückten die Außenverteidiger oft von der Seite in die Halbräume, wenn der Ball ballfern war, um eine einfachere Anspielstationen bei der Ballzirkulation zu bieten. Nach der Halbzeit wurde Kulik nach vorne geschoben und half beim Überladen. Die Fluidität im Aufbauspiel und die Freirolle Del Hayes sorgten ebenfalls für Überzahlen und mehr Ballbesitz. Nach dem Rückstand agierte Gladbach weiterhin mit vielen kurzen Pässen, mehr Ballbesitz und mehr Chancen. Die einzige große Veränderung gab es im Pressing: Es wurde ein hohes und aggressives Angriffspressing praktiziert, was sich letztlich bezahlt machen sollte.

Die erfolglosen Fohlen als Symbol für eine typische Heynckes-Mannschaft?

Die 80er-Mannschaft war in vielen Aspekten bezeichnend für den Ruf, den Heynckes genoss, und den Fußball, den er in weiten Teilen seiner Trainerkarriere spielen ließ. Sie gewannen 1980 nach einer knappen 0:1-Niederlage im Rückspiel zwar keinen Pokal, doch sie galten dennoch als würdevolle Fortführung der großen Fohlen-Elf der 70er. Jupp Derwall nannte sie nach dem Sieg gegen Inter Mailand gar „Heynckes-Babes“ in Anspielung an die „Busby-Babes“ in England gut 15 Jahre zuvor.

Mit viel Ballbesitz, viel Bewegung und der jüngsten Mannschaft der Liga eroberten sie deutschlandweit die Fan-Herzen. Doch auch Kritik gab es – vorrangig von Kommentatoren. Sieht man sich mehrere Zusammenfassungen damaliger Spiele an, hört man oft Urteile wie „zu wenig Flanken“ oder „zu viel Klein-Klein“. Der Kommentator des Spiels gegen Magdeburg im Jahre 1981 sagte::

„Jetzt übertreiben es die Borussen mit diesem Klein-Klein-Spiel“

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Der gleiche Kommentator schwärmte aber auch phasenweise von den Borussen und beschrieb die Magdeburger Gastgeber als „nervös“ – bis diese aus einem Konter ein Tor erzielten, woraufhin er plötzlich die Gladbacher als „nervös“ bezeichnete. Auch in dieser Partie gab es ähnliche Aspekte wie in der obigen Analyse gegen Frankfurt. Magdeburg stand vor eigenem Stadion tief und überließ den Ballbesitz den Gladbachern, die den Ball zirkulieren ließen und letztlich an der Chancenverwertung bzw. dem letzten Pass scheiterten.

Besonders beeindruckend war dabei die Diagonalität der Außenverteidiger, die zum einzigen Treffer durch Ringels bei der 1:3-Niederlage führte. Heynckes selbst wurde nach der Partie aber für seine offensive Aufstellung kritisiert: Mit Veh, Rahn, Pinkall, Wuttke und Mill standen gleich fünf Stürmer oder nominelle „Zehner“ auf dem Platz, dazu gesellte sich noch Matthäus als vertikaler und offensiver Mittelfeldakteur.

Wirklichen Gegenwind gab es für Heynckes in seiner Gladbacher Amtszeit trotz Berg- und Talfahrt nie. Dies ist durchaus als große Leistung anzusehen. Zu jener Zeit scheiterten viele junge Trainer in der Bundesliga, ob Willi Weber oder Ivica Horvat. Eine Studie in den frühen 80ern wollte sogar beweisen, dass junge Trainer den Anforderungen nicht gewappnet waren:

„14 Bundesligatrainer, darunter nur ein Raucher, waren vor und während den Meisterschaftsspielen untersucht worden. (…) Im Spiel erreichten drei noch ziemlich unerfahrene Trainer Spitzenwerte von 156. Durchweg zeigten Trainerneulinge oder Sportlehrer, die dem Bundesligastreß noch keine zwei Jahre ausgesetzt waren, deutlich höhere Werte. (…) Als Gawliczek bei Hertha in Berlin Klimaschefski ablöste, stellte er erst einmal das System um. Statt Raumdeckung, die gewitzten Spielern Gelegenheit zu geringerer Laufarbeit gibt, ordnete er Manndeckung an.“ – im Spiegel, 15. Februar 1982

Im gleichen Artikel wurde Heynckes als die löbliche Ausnahme bezeichnet. Auch hier stellen sich die Fragen aus der Einleitung: Wer ist dieser Heynckes eigentlich? War er damals das Genie, der als einziger mit den erfahrenen Haudegen in einer rauen Bundesliga mitstreiten konnte? Oder doch nur einer, der in der heutigen Trainerlandschaft nicht auffallen würde, damals aber den Gawliczeks mit 08/15-Kniffen voraus war? Einer, der durch das Vertrauen der Gladbacher, deren Status als Dauer-Underdog und als ehemalige Vereinslegende seinen Platz sicher hatte?

„Ein Geheimtip: Borussia Mönchengladbach. Trainer Jupp Heynckes besitzt unter den jungen Trainern das größte Talent.“ – Der renommierte Fußballautor Jürgen Werner bei seinem „Meistertipp“, in der Ausgabe der ZEIT vom 20. August 1982

Die Zeitungen jener Zeit führten auf seinen intelligenten Umgang mit den Spielern zurück. Im Gegensatz zu seinen (mehr oder minder) gleichaltrigen Trainerkollegen war er autoritär und selbstbewusst in seiner Außendarstellung. Er kritisierte seine Spieler intern scharf und hatte wohl wegen der jungen Mannschaft auch eine größere Altersdistanz als seine anderen Kollegen.

Außerdem schloss er sich phasenweise dem Treiben in der Bundesliga an – in seiner eigenen Art, als bedachter, intelligenter und introvertierter Vertreter der Zunft. Mit Klaus Schlappner stritt er sich, mit Udo Lattek und auch mit den anderen Großen und Mächtigen der Bundesliga legte sich Heynckes an. 1984 machte er z.B. seinem Unmut über Uli Hoeneß‘ Transfergebahren in der Causa Matthäus über die Medien Luft. Wirkliche persönliche Angriffe gab es aber nie, diese wurden Trainern wie Udo Lattek überlassen.

Aus jener Zeit ist übrigens eine extrem wichtige Anekdote überliefert, um den Trainer und auch die Person Jupp Heynckes zu verstehen:

„Als Hoeneß davon Wind bekam, daß die Gladbacher ihre letzte Matthäus-Offerte von 374 000 Mark auf 474 000 Mark Jahresgarantie, Prämien extra, erhöht haben, tobte er: „Das ist unmoralisch. Das machen die nur, um die Ablöse hochzutreiben.“

Was am linken Niederrhein wirklich passiert war, ahnte Hoeneß nicht. Es wäre seinem Naturell auch zu fremd gewesen. Nicht der Verein hatte die 100 000 Mark draufgelegt, sondern Heynckes. 50 000 Mark hatte er sich von einer Firma besorgt, für die anderen 50 000 stand er selber gerade. –  Im Spiegel, 28. Mai 1984

Als Heynckes die Gladbacher übernahm, hatten sie unter Lattek zwar den UEFA-Pokal in der vorherigen Saison gewonnen, waren in der Bundesliga aber nur Zehnter geworden. Mit Heynckes selbst, Herbert Wimmer und Rainer Bonhof hatte es drei namhafte Abgänge gegeben. Im folgenden Sommer waren es Wolfgang Kleff, Horst Köppel und Allan Simonsen. Der Trend setzte sich fort, konnte aber durch blutjunge und oft treffende Transfers kompensiert werden.

Dennoch schaffte Heynckes in seiner Debütsaison den sechsten Platz und einen neuerlichen Einzug in den UEFA-Pokal. Den ersten und einzigen wirklichen Einbruch gab es in der dritten Saison, als man sich auf Platz 12 wiederfand, trotz positiver Tordifferenz und einigen sehr guten Leistungen. Im nächsten Jahr, der Saison 1983/84, folgte aber überraschend die beste Spielzeit in der Heynckes-Ära.

Punktgleich mit dem Meister VfB Stuttgart und Ernst Happels Hamburger SV wurde man Dritter. Hätte es damals die Drei-Punkte-Regel gegeben, wären „die Heynckes-Babes“ sogar hinter der Happel-Elf auf Platz Zwei gelandet. Für die Freunde des Konjunktives und unnützen Wissens: Hätte damals nicht die Tordifferenz, sondern der direkte Vergleich gegolten, wäre Heynckes gar das Meisterstück geglückt.

Diese große Gladbacher-Mannschaft – für viele Fans gar die Letzte in der Tradition der großen 70er-Elf – schaffte es in dieser Saison auch ins DFB-Pokalfinale.

Kurzanalyse: Das DFB-Pokalfinale 1984

Ins Auge sticht sofort, dass Heynckes zwar die 1-3-Rollenverteilung mit einem Libero als Abwehrchef nominell weiter betrieb, aber diese praktisch inexistent war. Bruns und Hannes befanden sich zumeist auf einer Linie, es gab einen funktionierenden Kettenmechanismus in der Viererabwehrkette und ein gutes Spiel auf Abseits.

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Frontzeck spielte dabei als sehr offensiver linker Außenverteidiger, Borowka auf rechts zeigte sich deutlich zurückhaltender. Diese Asymmetrie wurde aber durch die beiden Spieler im Mittelfeld auf den Halbpositionen ausgeglichen. Winni Schäfer hielt sich im Vorwärtsgang etwas zurück, während Matthäus in seinem letzten Spiel für die Gladbacher als box-to-box-Akteur seine Stärken entfalten konnte.

Vorne gab es ebenfalls eine Asymmetrie: Rahn zog immer wieder in die Mitte, Mill wich auf die Flügel aus und Lienen spielte als inverser Flügelstürmer auf der linken Außenbahn. Vom Pressing her hatte sich ebenfalls etwas im Vergleich zum 81er-Team verändert. Die Elf von Jupp Heynckes begann in einem tiefen Mittelfeldpressing, gleichzeitig schienen sie sich auch in der Raumdeckung noch eine Spur positionsorientierter und präziser zu verhalten.

Taktische Fortschritte waren also durchaus gegeben; auch eine eigene Variante des Gegenpressings wurde, wie schon 1981, praktiziert. Man versuchte den Gegner nach Ballverlusten zu stellen und ihn am Fortschreiten zu hindern. Zwar sieht dies anders aus als das kollektive und aggressive heutige „Massengegenpressing“ des FC Bayern und des BVB unter Jürgen Klopp, war von der Grundüberlegung her aber ähnlich. Die Gladbacher kamen auch trotz individueller Unterlegenheit zu einigen Torchancen, scheiterten danach am Elfmeterschießen.

Der Heynckes-Abgang und sein letzter großer Auftritt für die Gladbacher

In der Folgesaison dieser bitteren Niederlage wurden die Gladbacher Vierter. 1985/86 gab es sogar einige, die Heynckes‘ Zeit gekommen sahen:

„Hungrig auf den Titel sind mit Sicherheit die Mönchengladbacher. Die Mannschaft ist „dran“. Sie spielt, unter der Regie von Trainer Jupp Heynckes, nun schon seit Jahren den attraktivsten Angriffsfußball in der Bundesliga.“ – Gerhard Seehase, in der ZEIT vom 9. August 1985

Doch der Angriffsfußball sollte nicht belohnt werden. Unter Heynckes wurde man ein weiteres Mal Vierter und in dessen letzter Saison Dritter. Eine solche Platzierung sollte nach Heynckes‘ Abgang bis heute nicht mehr erreicht werden; nach zwei Platzierungen im einstelligen Bereich landete die Borussia  erstmals 1990 in der Nähe der Abstiegsränge (Platz 15).

In den letzten drei Jahren seiner Ägide gab es zwar noch zwei DFB-Pokal-Halbfinals, doch die größte Aufmerksamkeit dürfte in der Retrospektive wohl den Duellen gegen Real Madrid gelten. Im Dezember 1985 schied man spektakulär aus dem UEFA-Cup aus, obwohl die Fohlen mit einem 5:1-Erfolg aus dem Hinspiel ins Santiago Bernabeu gingen. Den Kantersieg am Bökelberg hatten sie sich durch ein herausragendes Bespielen der Schnittstellen und intelligente Flügelüberladungen gesichert. Uwe Rahn stieß immer wieder in offene Räume der überforderten Madrider, während die Königlichen gegen die Raumdeckung der Gladbacher kaum ein Mittel fanden. Es sollte ein Standard sein, der Real das wichtige Auswärtstor brachte, nachdem sie in der zweiten Halbzeit mustergültig ausgekontert worden waren.

Das Rückspiel selbst war ein unglaublich intensives Spiel. Heynckes warnte schon nach dem Hinspiel, man dürfe sich nicht zurücklehnen und das 5:1 sei kein ausreichendes Resultat – er sollte Recht behalten.

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Real zeigte sich extrem offensiv aufgestellt; drei nominelle Mittelstürmer, die sich immer wieder in den Zwischenlinienraum oder die Halbräume fallen ließen, wurden von zwei freien und stark einrückenden Kreativspielern auf den Außenstürmerpositionen flankiert. Diese unterstützten Gallego in der Mitte im Aufbauspiel  – insgesamt war es fast ein 4-1-5.

Gladbach reagierte darauf im Spielverlauf richtig, zog sich eng zusammen und stand sehr kompakt. Sie verschoben in ihrer Raumdeckung stark zum Ball. Zwischen dem 2:0 (Minute 12) und dem 3:0 (Minute 75) verging fast eine Stunde, in der sie Real den Wind zumindest teilweise aus den Segeln nahmen.

Letztlich wurden sie aber dennoch vorgeführt. Real war in der Arbeit gegen den Ball extrem aufmerksam und überaus aggressiv im Pressing, wodurch die überforderten Gladbacher kaum aus ihrer eigenen Hälfte kamen. Die Konter konnten nicht zu Ende gespielt werden und dennoch: Sie waren dem Weiterkommen nahe. Das 4:0 fiel in der 90. Minute; alle vier Gegentore fingen sich die jungen Gladbacher nach hohen Hereingaben in den Strafraum. Gladbach schied aus, Real gewann den UEFA-Pokal und Heynckes? Der ließ 2013 seine Bayern im Rückspiel beim FC Barcelona mit einem hohen statt einem tiefen Pressing spielen. Ob es an diesem Spiel lag?

Heynckes und die Bayern

Heynckes Ehrgeiz und Hunger nach Titeln trieb ihn 1987 aus Mönchengladbach zu den Münchnern, die in einer kleinen Krise steckten. Im Jahr zuvor überholten die Bayern den 1. FC Nürnberg als deutschen Rekordmeister und konnten drei Titel in Folge feiern. Mit Heynckes sollte die Modernisierung der Mannschaft vorangetrieben werden. Das Ziel war eine schleichende Veränderung der Mannschaft, die im Sommer zuvor den Landesmeister-Titel trotz einer 1:0-Führung gegen den FC Porto verpasst hatte.

Dieser schleichende Umbruch gestaltete sich zunächst schwierig. Ein Aspekt betraf – wie sollte es bei Spielverlagerung anders sein – die Taktik. Bayern spielte zu jener Zeit mit einem klaren Libero, ohne Linienspiel und ohne eingeübte Kettenmechanismen. Auch die Raumdeckung wurde nicht wirklich genutzt, Offensiv wiederum mussten sich nicht die Spieler, sondern Heynckes anpassen. Der Kader der Münchner verlangte hier eine pragmatischere Ausrichtung. Dadurch landeten die Bayern in der Debütsaison Heynckes‘ nur auf Platz Zwei.

„Wir haben, das ist ja bekannt, uns von Spielern getrennt, die in der vorigen Saison nicht mehr mitzogen und sie durch junge, noch hungrige Profis ersetzt. Ich versuche, eine Synthese zu finden aus erfolgreichem und attraktivem Spiel. Wobei hier in München der Erfolg absolute Priorität hat. Zu den Zeiten von Hennes Weisweiler ging es in Mönchengladbach vor allem darum, den Leuten schönen Fußball zu zeigen. Bei den Bayern zählt nur das nackte Ergebnis.“ – Jupp Heynckes im Spiegel, 5. Dezember 1988

Die deutlich größeren Probleme waren aber struktureller Natur.

Jupp Heynckes wollte sich wie schon in Gladbach auf die Jugend fokussieren. Der Unterschied zwischen dem FC Bayern und einer Mannschaft wie Borussia Mönchengladbach besteht aber darin, dass sich Jugendspieler unter unterschiedlichen Bedingungen entwickeln müssen.

Bei einem durchgehenden Titelaspiranten, der medial so stark im Fokus steht, werden die Leistungen von jungen und naturgemäß inkonstanten Spielern deutlich extremer dargestellt. Agiert ein Jungspieler auf hohem Niveau, so wird er automatisch zur Nachwuchshoffnung des gesamten Landes– spielt er schlecht, ist er eine Nulpe, die einer großen Mannschaft den Sieg gekostet hat.

So wurde Heynckes in seiner Bayernzeit dafür kritisiert, dass er Spieler wie Thomas Strunz oder Manni Bender einsetzte. Auch Transfers wie Alan McInally und Radmilo Mihajlovic, wurden kritisch beäugt. Heynckes hatte außerdem Probleme mit seinem Vorgänger Udo Lattek, der ihn über die Medien mehrmals verbal angriff.

Die „mind-games“, die Sir Alex Ferguson in der Premier League großmachte, gehörten in der Bundesliga damals zum Alltag. Lattek unterstellte Hoeneß öffentlich, dass er sich mit Heynckes bewusst einen „schwachen Trainer“ geholt habe, um die Zügel selbst in der Hand zu behalten. Medien von damals sahen die Verpflichtung von Heynckes ohnehin nur als Akt von Hoeneß, um Lattek eines auszuwischen.

Auch Christoph Daum äußerte sich extrem negativ über Jupp Heynckes, der seiner introvertierten und professionell-sachlichen Linie treu blieb, dafür aber Uli Hoeneß sprechen ließ. Die Diskussionen im Sportstudio sind bis heute legendär:

„Die Wetterkarte ist interessanter als ein Gespräch mit Jupp Heynckes“ – Christoph Daum

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Meister wurde trotzdem der FC Bayern.

Dennoch gibt es etwas Wahres an diesen „mind-games“: Sie werden zu sich selbst erfüllenden Prophezeiungen, wenn man daran glaubt. Und damals glaubten die Spieler noch in Massen an die Beeinflussung ihrer Trainer. In England z.B. ist dies bis heute der Fall. Es war auch kein Wunder, denn viele Erfolge von Trainern zu jener Zeit gingen mit medialen Rundumschlägen und einer markanten Persönlichkeit einher. Wie bei Ferguson wurde aus der Korrelation zwischen „mind-games“ und „Aufholjagden oder Titeln“ eine Kausalität, die sich als psychologischer Faktor in den Köpfen der Spieler, Vereinsfunktionäre und Medien festsetzte. Ein in der Retrospektive extrem lesenswerter Beitrag erschien dazu im Oktober 1987 im Spiegel.

Unabhängig davon, ob dies eher als Schwachsinn oder nicht anzusehen ist, erhöhte es für Jupp Heynckes in jener Zeit den Schwierigkeitsgrad seiner Trainertätigkeit. Hierbei muss auch aus fachlicher Sicht der zeitliche Kontext beachtet werden.

In jener Zeit gab es keine als allgemeingültig geltenden taktischen Aspekte wie Kettenmechanismen, das Linienspiel, die Kompaktheit oder das Pressing, welche heute von 90% aller Mannschaften gespielt werden. Es gab kaum Vorreiter von jungen Trainern, die sich über die fachliche Kompetenz, als ihre Ausstrahlung und Vita definierten.

Jeder einzelne Aspekt der Spielphilosophie – besonders eines jungen und titellosen Trainers beim FC Bayern – konnte damals in Frage gestellt werden. Jupp Heynckes war mit seiner Ausstrahlung, seiner Fähigkeitsverteilung und seinen zwar intelligenten, aber immer zurückhaltenden Äußerungen der Antipol zur Ära Udo Lattek. Seine einzigen größeren Reibereien hatte er mit dem FC Bayern selbst gehabt, als diese Matthäus wegschnappten, den er nun wieder trainierte.

Zu diesen Problemen kamen zwei weitere hinzu, die direkt den Kader betrafen. Einerseits waren die Spieler für eine Defensivspielweise wie von Heynckes gefordert körperlich zu schwach, andererseits gab es mentale Probleme innerhalb des Teams. Dieses deutlich größere Problem in jener Bayern-Mannschaft schildert Heynckes selbst am besten:

„Ehemalige Bayern-Spieler haben mich bei meinem Amtsantritt gewarnt, daß ich von meinem Vorgänger einen Sauhaufen übernehmen würde. So war es auch. Diese Cliquenwirtschaft innerhalb der Mannschaft, das Statusdenken der Stars, der Konkurrenzkampf der Münchner Boulevardzeitungen, der auf meine Kosten ausgetragen wurde – ich sage heute ganz ehrlich: So schwer hatte ich mir den Job nicht vorgestellt.“ – Jupp Heynckes im Spiegel, 5. Dezember 1988

Das beste Beispiel die vergiftete Mannschaftsatmosphäre: Einige Spieler forderten Nachtweih als Libero. Heynckes ging damit konform. Im Vergleich zu Klaus Augenthaler sollte dies eine spielstärkere und offensivere Ausrichtung ermöglichen. Nachtweih wurde dann als Libero testweise eingesetzt und sollte schrittweise Stammspieler werden.

Die fachlich vorgetragenen Bedenken der Münchner Spieler waren allerdings keine; ihnen ging es um eine Demontage Augenthalers, was letztlich scheiterte. Heynckes stand vor der Wahl zwischen einer individuell hochwertigen Mannschaft, der es aber an den Fähigkeiten für seine Spielweise und an Disziplin fehlte – er entscheid sich für seine Spielphilosophie.

Nach der ersten Saison wurden Lothar Matthäus, Andy Brehme, Jean-Marie Pfaff und Norbert Eder verkauft, die allesamt entweder innerhalb der Mannschaft negativ auffielen oder von ihrer Spielweise nicht zur neuen Spielphilosophie passten. Als Ersatz kamen fünf neue Spieler, allesamt jünger als 24 Jahre und bildeten das Grundgerüst einer neuen Mannschaft.

Der Libero als solcher wurde abgeschafft. Zuerst sollte Stefan Reuter als möglicher neuer „Libero in einer Linie “ aufgestellt werden, am Ende war es abermals Klaus Augenthaler, der spielte – allerdings als moderner Innenverteidiger, der in Ballbesitz das Spiel gestaltete und nach vorne schob, bei gegnerischem Ballverlust aber auf einer Linie mit seinem Partner agierte. Den Libero gab es zwar noch in der Rollenverteilung, aber nicht mehr in der Anordnung im Defensivspiel. Die Bayern spielten nun mit mehr Kurzpässen, weniger Individualismus und einem modernen Spielsystem: Mittelfeldpressing, Viererkette, Abseitsfalle. Kritik gab es trotz Erfolgen, wie dieses Interview zeigt:

„SPIEGEL: Es war gewiß keine, wie das italienische Fachblatt „Tuttosport“ schwärmte, „märchenhafte Heldentat“, Ihr Team in München zu besiegen. Für den FC Bayern war Inter einfach eine Nummer zu groß, wie überhaupt der Respekt der Bundesligaklubs vor Ihrer Mannschaft ziemlich übertrieben wirkt. So gut ist die, im Vergleich mit Bremen, Stuttgart oder Köln, doch gar nicht besetzt.

HEYNCKES: Wir sind Herbstmeister, haben die meisten Tore geschossen und die wenigsten kassiert. Das reicht doch wohl.

SPIEGEL: Max Merkel meinte unlängst, bis auf Thon und Dorfner, „die noch nicht ausgereift sind, stehen in dieser Elf zu viele Durchschnitts-Fußballer“.

HEYNCKES: Unsere Vorzüge sind Moral, Disziplin, Wille und auch das fußballerische Können. Nur so ist das kräftezehrende Laufspiel zu praktizieren, mit dem wir den Gegner unter Druck setzen. Daß zum Beispiel Spieler wie Thon, Reuter oder Dorfner noch nicht ausgereift sind, wissen wir auch.“ – Ein Interview im Spiegel, 5. Dezember 1988

Im Gegensatz zu nahezu allen damaligen Trainern konzentrierte sich Heynckes auf die sekundären Aspekte eines Spielers. Nicht die reine Qualität war ausschlaggebend, sondern auf welche Art und Weise diese auf den Platz gebracht werden konnte.

In den Spielen sah man auch klar erkennbar die Viererkette im Mischsystem aus Raumdeckung mit einzelnen Manndeckungen und gegen tiefstehende Mannschaften gab es durchaus Ballbesitzfußball. Auch das fluide Aufbauspiel, die vielen aufrückenden Läufe und das „Vorderlaufen“ der Außenverteidiger war abermals sichtbar; unzweifelhafte Parallelen zu seiner Spielweise bei Borussia Mönchengladbach. Interessant ist auch, wie in dieser Saison mit Ausfällen umgegangen wurde.

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Gegen Inters asymmetrisches und defensiv ausgerichtetes 5-4-1 im Rückspiel ließ man Reuter die Halbräume und Mitte überladen, Nachtweih beackerte die Seite, gleichzeitig half Pflügler Ekström auf der linken Außenbahn. Dorfner und Thon bildeten eine offensivstarke Zentrale, die immer wieder von Augenthaler unterstützt wurde.

Im Hinspiel gegen Neapel spielte dann Reuter als Linksverteidiger und sollte Kögl unterstützen, während Hansi Flick Maradona in Manndeckung nahm. Die Abwehrkette war leicht asymmetrisch, um am besten gegen die gegnerischen Stürmer vorgehen zu können. Auch in Neapel kontrollierte man den Ballbesitz, verlor aber 2:0 – im Rückspiel ging sich mit offensiverer Besetzung nur ein 2:2 aus.

Dennoch waren die Bayern jener Zeit interessant. Reuter und Kögl waren unterschiedliche Flügelspielertypen, Reuter selbst ging immer wieder in die Mitte und galt als sehr athletischer, spielintelligenter und polyvalenter Akteur. Mit Flick, Eck, Dorfner und Co. konnte die Mitte variabel besetzt werden. Die Mannschaft selbst wirkte wie eine Mischung aus 4-3-3 und 4-4-2 mit einem Fokus auf Überladungen auf der linken Seite.

Dieses Grundgerüst wurde in der folgenden Saison noch verstärkt. Für Eck, Wegmann, Nachtweih und Ekström wurden Bender, Strunz, Schwabl, Mihajlovic, McInally und Kohler verpflichtet. Die Meisterschaft konnte mit acht Punkten Vorsprung gesichert werden. Heynckes arbeitete weiter an einer verbesserten Mannschaft, als man relativ sang- und klanglos in Europa ausschied. Mit Stefan Effenberg, Michael Sternkopf, Brian Laudrup und Christian Ziege kamen wieder vier talentierte und sehr junge Spieler (alle unter 21 Jahren), doch jetzt begann es in der Mannschaft zu brodeln.

Einige kritisierten den Jugendtrend und das Festhalten an einigen älteren Spielern; es gab keinen einzigen Spieler zwischen 28 und 31 Jahren, über 31 Jahren ohnehin nur zwei und einige der Spieler waren schlichtweg nicht gut / reif genug oder mussten erst in bestimmte Rollen hineinwachsen; Christian Ziege spielte mit nur 19 Jahren plötzlich als Libero, Stefan Effenberg drohte in der Kabine Trainer Heynckes gar Prügel an.

Letztlich gab es einen Einbruch in der Mannschaft, deren Ursachen nicht genau geklärt werden kann. Es war wohl eine Mischung aus mehreren Aspekten: Die individuelle Qualität wurde zugunsten eines taktischen Konzepts ein kleines Bisschen geopfert, während die jungen Spieler ihren Erwartungen nicht vollends gerecht werden konnten. Im Sommer 1991 wanderten Stefan Reuter und Jürgen Kohler nach Italien ab und Klaus Augenthaler beendete seine Karriere.

Auch Heynckes verlor, immerhin erst nach über vier Jahren bei den Bayern, langsam die Kontrolle über seine Mannschaft. Das ist allerdings ein wiederkehrendes Merkmal bei nahezu allen großen Trainern, die eine Mannschaft nicht groß gemacht haben, sondern zu einer großen Mannschaft kamen; ob Ernst Happel beim HSV, Ottmar Hitzfeld bei den Bayern oder gar Pep Guardiola in seiner letzten Saison und José Mourinho aktuell bei Real Madrid und einst bei Chelsea, sie alle mussten solchen minimalen, aber in der Summe signifikanten Verfallerscheinungen in unterschiedlichsten Aspekten Tribut zollen.

 „Wir haben das Talent Sternkopf gekauft, nicht den fertigen Spieler.“ – Heynckes gegenüber dem Spiegel, 27. Mai 1991

Dass es nicht nur an Heynckes gelegen haben kann, zeigen nicht nur seine zwei Meisterschaften zuvor, sondern auch die Leistungen der Mannschaft danach. Weder sein Nachfolger Sören Lerby, noch dessen Nachfolger nach nur fünfmonatiger Amtszeit, Erich Ribbeck, konnten den Bayern einen einstelligen Tabellenplatz bescheren. Die Ursache ist schnell und einfach zu erklären: Ein guter Trainer hatte mit einer passenden, aber ohne Stars spielenden Mannschaft Titel geholt, doch irgendwann verlor das System an Stabilität und die weniger kompetenten Nachfolger vermochten ebenso wenig an den Schrauben zu drehen.

Wohl auch darum bezeichnete Uli Hoeneß die Entlassung Heynckes‘ als seinen größten Fehler. Intern setzte er sich sogar dagegen ein, das endgültige Kommando zum Abschuss gab Fritz Scherer.

„Jupp Heynckes wäre Trainer geblieben, wenn das hier meine Firma wäre
 – Uli Hoeneß zu Heynckes Rauswurf

Die Entstehung von Don Jupp

Nach einem Jahr Pause heuerte Heynckes bei Athletic Club an, einem traditionsreichen baskischen Verein. Von Platz 14 führte er sie auf Platz 8 und in seiner zweiten Saison gar mit Platz 5 in den UEFA-Pokal. Schnell mauserte sich Heynckes zum Helden der Fans bei Athletic. Dazu muss man wissen: Der Stereotyp des entspannten, faulen und in sich selbst ruhenden Spaniers trifft auf die Basken nicht zu. Die Basken sind die Preußen Spaniens, wenn man so will. Hart und diszipliniert zu arbeiten wird auch im Fußball praktiziert. Zudem denken sie deutlich weitreichender, nachhaltiger und konzeptorientierter.

„Dem Bedürftigen zu geben, heißt nicht schenken, sondern säen.“ – Baskisches Sprichwort

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In diese Philosophie passte Heynckes perfekt. Heynckes arbeitete junge Talente ein und sah die baskische Mentalität, die Sprache und die spezifischen Eigenschaften des Vereins, insbesondere auf dem Transfermarkt, als einzigartige Herausforderungen. Immer wieder äußerte er sich zu seiner Arbeit als „Detailarbeit“, die ihm sehr gefalle: Junge Talente aus einem begrenzten Markt filtern, sie in die Mannschaft führen und gleichzeitig in einem realistischen Maß relativen Erfolg erreichen.

Zusätzlich wusste Heynckes genau, wie er Verein und Fans von Beginn auf seine Seite ziehen konnte. Er lernte Wortfetzen der schwierigen baskischen Sprache, befasste sich mit dem Verein und kannte schon bei seinem ersten Besuch alle wichtigen Funktionäre und Sponsoren mit ihren ganzen Namen. Dank dieser Einstellung wurde er zum Liebling der Massen. Man verglich ihn schon mit Johan Cruyff, der beim FC Barcelona viele Jahre zuvor ähnlich gearbeitet hatte, wenn auch in größerem Maßstab.

Ähnliches gab es auch in seiner Trainerstation bei Teneriffa ab 1995. Abermals war es ein kleiner Verein, den er auf Platz 15 übernahm. Doch die Erfolge waren sogar noch größer. Schon in der ersten Saison landeten sie auf Platz 5, vor Real Madrid. Heynckes baute sein Offensivspiel sehr effektiv um den Wandspieler Juan Antonio Pizzi.

Wie schon bei Athletic Bilbao wechselte Heynckes zwischen Mittelfeldpressing und hohem Abwehrpressing. Er stellte Pizzi je nach Spielsituation einen groß gewachsenen oder einen kleinen Partner zur Seite. Das 4-4-2 wurde manchmal wie ein 4-1-3-2 praktiziert, um im Umschaltspiel mehr offensive Durchschlagskraft zu haben.

Pizzi wechselte nach dieser erfolgreichen Saison. Teneriffa stand ohne ihren einzigen Star da – doch Heynckes passte sich an. Auch in der nächsten Saison kamen sie auf einen einstelligen Tabellenplatz und – noch wichtiger – verkauften sich international mehr als gut. Sensationell schaffte es Teneriffa bis ins Halbfinale des UEFA-Cups, wo sie in der Verlängerung gegen den späteren Sieger Schalke 04 ausschieden.

Auch in den Partien gegen die Gelsenkirchner überzeugten sie. Von Heynckes‘ ehemaligem Angriffsfußball waren nur noch Basisaspekte verblieben. Es gab nach wie vor ein intelligentes Aufbauspiel mit gutem Positionsspiel, doch der Fokus lag auf der Defensive und dem Umschalten.

Aus dem 4-4-2 erzeugten sie immer wieder 4-1-3-2-Stellungen und spielten bei gegnerischem Ballbesitz mit einer sehr engen Abwehrkette und einer breiteren Mittelfeldkette, um die gegnerischen Flügel abzusperren. Das Loch des 4-4-2 im Pressing wurde durch enorm intelligentes Herausrücken der zentralen Akteure kompensiert, die individuelle Unterlegenheit bei Gleichzahlsituationen bei Kontern wurde durch Gegenpressingansätze kaschiert.

Nach diesen sensationellen zwei Jahren bei Teneriffa heuerte er bei Real Madrid an. Ziel: Der Champions-League-Sieg.

Von Champions-League-Siegen und fragwürdigen Entlassungen

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Ein 40-Seiten-Dossier sollen die Analysten von Real Madrid über Teneriffa angefertigt haben. Das Ergebnis war die Verpflichtung von Jupp Heynckes. Es gab damals viel Lob an Teneriffa für ihren intelligenten und variablen Fußball – es sollte auch viel Lob für Real unter Jupp Heynckes geben, die aber den Ligatitel bereits früh verloren. Louis Van Gaals Barcelona hatte den besten Saisonstart in der Vereinsgeschichte hingelegt, während Real mit Heynckes und dessen taktischen Veränderungen erst noch warm werden musste. Bereits im November 1997 wurde der Clásico zwischen den beiden Teams zum Duell hochstilisiert, das die Meisterschaft entscheiden würde – und Heynckes´ Madrilenen verloren. In einem ausgeglichenen Spiel im Santiago Bernabeu konnte sich Barcelona knapp mit 2:3 durchsetzen.

Über die gesamte Meisterschaft hinweg gab es Probleme in der Mannschaft. Sie war zu unkonstant, Heynckes galt als zu autoritär und Spieler wie Davor Suker oder Predrag Mijatovic als natürliche Feinde jedes Konzepttrainers. Umso größer ist wohl die Leistung Heynckes´ in der Champions League zu gewichten, wo sie das Endspiel gegen Juventus erreichten.

Kurzanalyse: Das Champions-League-Finale 1998

Die Italiener begannen in einem 4-3-1-2 statt in einem 4-4-2. Oft wird die Aufstellung dieses großen Juventus-Teams, das drei Mal in Folge ins CL-Finale kam, als klassisches 4-4-2 (oder gar mit Fünferkette) bezeichnet. Zumindest in diesem Spiel war es eine Raute, die auch auf diese Art und Weise gespielt wurde. Zinedine Zidane spielte dabei nicht auf dem linken Flügel, sondern in seiner Paraderolle als Zehner hinter zwei Stürmern.

Interessant war das Übernehmen der linken Seite in der Offensive. Hier ging manchmal Edgar Davids mit nach vorne, oft war es Gianluca Pessotto, der die Breite gab und auch Zidane oder Del Piero ließen sich immer wieder auf die linke Seite fallen. Nominell könnte es also durchaus ein 4-4-2 mit Zidane auf der linken Außenbahn gewesen sein, doch dieser hatte offensiv wie defensiv eine Freirolle und Di Livio spielte eingerückter als es für einen Rechtsaußen üblich gewesen wäre.

Die Turiner zeigten sich auch im Defensivspiel überaus diszipliniert, hatten ein sehr gutes Kettenspiel, eine starke Strafraumverteidigung und ein hervorragendes Linienspiel – nicht nur für jene Zeit war es überdurchschnittlich.  Real konterte diese Spielweise mit einem sehr interessanten 4-4-2/4-3-3-Hybridsystem.

Auch hier zeigt sich das hochintelligente Nutzen von Asymmetrien und einem fluiden Aufbauspiel. Redondo war nicht der einzige Anspielpunkt, sondern bewegte sich immer wieder raumöffnend auf die Seite, während Karembeu in die Mitte einrückte. Es gab auch viel freies Abkippen und Herauskippen, insbesondere von Karembeu, der dadurch Roberto Carlos ein paar Mal in die Höhe schob.

Zusätzlich gab es mit Seedorf als nominellem rechtem Flügel bzw. Halbspieler einen weiteren herausragenden Individualisten und Kreativspieler. Raul pendelte zwischen Mitte, wo es dann ein 4-3-1-2/4-3-3 gab, und dem linken Flügel hin und her. Mijatovic hatte ebenfalls eine Freirolle: Manchmal tauchte er auf dem rechten Flügel auf, manchmal auf dem linken und pendelte als von Defensivaufgaben befreiter Stürmer hin und her.

Aus dieser Wechselformation zwischen 4-3-1-2/4-3-3 und 4-4-2 (mit Seedorf Rechtsaußen) entstand auch im Defensivspiel eine variable Formation. Real presste mit einem Mittelfeldpressing in einer positionsorientierten Raumdeckung, aus dem oft einzelne oder mehrere Spieler herausrückten – ein typisches Heynckes-Merkmal, wie wir festgestellt haben.

Manchmal gab es ein 4-3-3-Pressing, in welchem sich die Stürmer als Dreierreihe orientierten, und manchmal ein 4-4-2, wo zumeist Raul auf der linken Seite gegen den defensiveren Torricelli spielte. In einer Szene doppelte Raul sogar mit Roberto Carlos gegen den durchstartenden Di Livio. Das 4-3-3 entstand besonders nach Ballverlusten, in denen – ebenfalls typisch Heynckes – „lose“ gegengepresst wurde. Mit diesem intelligenten Stellen verhinderten sie Konterangriffe.

Um diese fluide Spielweise näher zu zeigen, sehen wir uns vier Szenen aus dem Spiel an.

Szene 1

Szene 1

In dieser Szene fächerte Juventus schnell nach einem Ballgewinn auf und Davids versuchte mit Ball am Fuß nach vorne zu gehen. Fernando Morientes presste ihn von hinten, Raul von vorne und Seedorf rückte von der Seite ein. Besonders interessant ist das StellungsspielSeedorfs, der mit seinem Deckungsschatten Pessotto als Anspielstation effektiv aus dem Spiel nimmt und gleichzeitig den Druck auf den Ballführenden erhöht. Gut zu erkennen ist die relativ hohe Kompaktheit Reals und die defensive Freiheit im Pressing, welche für ein aggressives Pressing genutzt wird.

Szene 2

Szene 2

Nun ist es nicht Juventus, das auffächert, sondern Real Madrid. Raul ist frei auf der linken Seite, Seedorf gibt dem Spiel die nötige Breite und Roberto Carlos schiebt nach vorne und vorderläuft ihn. Die 4-4-2-Formation wirkt in diesem Fall ineffektiv: Für Raul gibt es keine direkten offenen Anspielstationen, doch für ihn ergeben sich mehrere Optionen:

a)      Eine Bewegung nach hinten und die Suche nach einem sicheren Pass.

b)      Ein Raumpass auf Redondo, der ohnehin immer wieder intelligent aufrückte oder gar auf die Seiten ging.

c)       Ein Dribbling (Die Lösung, für die er sich entschied).

Szene 3

Szene 3

Hier sieht man Seedorfs Einrücken in den Halbraum und Karembeus bewegliche Rolle – von halblinks ging er auf halbrechts, spielte von dort einen Pass auf Panucci, der den Ball in den Strafraum brachte. Eine Szene, die letztlich vorrangig in dieser Analyse vorhanden ist, um das unangenehme Fluten des Strafraums mit drei torgefährlichen Stürmern zu zeigen, das die Madrilenen praktizierten.

Szene 4

Szene 4

Die vierte Szene dürfte wohl die eindrücklichste sein. Aus dem Spiel heraus kombinieren Mijatovic und Raul auf dem linken Flügel, während Roberto Carlos zu Beginn als sichere Anspielstation im defensiven Halbraum wartet. Seedorf stößt instinktiv in die Spitze und gibt mit Morientes die Tiefe. Dadurch wird Juventus‘ Zwischenlinienraum erweitert, während Panucci auf der rechten Seite die Breite gibt. Im weiteren Spielverlauf kann Roberto Carlos nach vorne schieben, Raul orientiert sich stärker in die Mitte und Mijatovic zieht ebenfalls dorthin. Karembeu und Redondo bilden einmal mehr eine situative Doppelsechs; phasenweise wirkte diese Mannschaft wie ein 4-2-3-1.

Vom Scheitern

Trotz des Finalsieges wurde Jupp Heynckes entlassen; zu unkonstant waren die Leistungen in der Liga, zu weit lagen sie hinter dem Meister aus Katalonien. Es war nicht die einzige Trainerstation, bei der Heynckes scheiterte. Bei Benfica Lissabon konnte er nach einer starken Anfangsphase ebenfalls nur abgeschlagen hinter dem Spitzenreiter Dritter werden. Auch hier dauerte sein Engagement nur eine Saison. Einen solchen Misserfolg hatte Jupp Heynckes schon 1994 bei Eintracht Frankfurt erlebt.

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Wie bei eigentlich jedem Scheitern in seiner Karriere gab es zwei große Probleme: Die Mannschaft konnte oder wollte seine Ideen nicht umsetzen und er selbst stieß mit seiner Art und Weise bei der Mannschaft an. Heynckes forderte letztlich nur etwas, das heute absoluter Standard ist: Disziplin.

Kultkicker Anthony Yeboah soll 1994 laut Medienberichten von damals mit neun Kilo Übergewicht aus dem Urlaub gekommen sein. Mit einem ähnlichen Übergewicht war der ehemalige Weltfußballer Ronaldo bei Real von Fabio Capello auf die Bank gesetzt worden. Heutzutage würde es für Anthony Yeboah eher Parodien von Matze Knop auf den Spieler geben, als einen Zwist zwischen Trainer und Verein(-sführung).

Dass Heynckes sich allerdings bei der Suspendierung Yeboahs und der anderen Frankfurter Zauberer im damaligen zeitlichen und medialen Kontext etwas ungelenk verhielt, entspricht vermutlich ebenso der Wahrheit. Dass es allerdings auch Probleme im Trainingsbetrieb gab, an denen nicht Heynckes Schuld war, muss erwähnt sein. Wer vom Gesundheitsamt gesperrte Umkleidekabinen besitzt, hat keine infrastrukturellen Voraussetzungen für eine ordentliche Trainingsarbeit.

Die Disziplin des damaligen Zaubertrios Gaudino, Okocha und Yeboah (die ersteren beiden meldeten sich nach der Suspendierung Yeboahs krank) ließ zu wünschen übrig. Das Problem war aber, dass die Eintracht von der individuellen Klasse dieser drei Spieler lebte. Heynckes muss einzig vorgeworfen werden, dass er es nicht schaffte, seine Stars zu Kollektivspielern zu entwickeln und sie dafür auf seine Seite zu ziehen.

„ Wir hatten Angst vor Weisweiler. Heute muß keiner mehr Angst vorm Trainer haben. Umso überraschter sind jetzt in Frankfurt einige Spieler, daß plötzlich Jupp Heynckes vor ihnen steht, der ein Schleifer par excellence ist. Dem geht Disziplin über alles – aber das ist die einzige Sprache, die die meisten Profis verstehen. Nur in Einzelfällen müssen Spieler gestreichelt werden.“ – Toni Schumacher im Spiegel, 12. Dezember 1994

Nach dem Debakel bei der Eintracht flüchtete er nach Spanien; nach dem Scheitern bei Real und Benfica ging Heynckes ebenfalls wieder zu einem kleineren Verein, dieses Mal wieder Athletic Bilbao. Er besserte die Mannschaft wieder auf und ging nach drei Jahren zu Schalke 04. Hier scheiterte er abermals.

Auf Schalke ließ er  ein 4-4-2 mit 4-4-1-1/4-2-3-1-Ansätzen spielen und konnte zumindest eine Saison überzeugen, doch 2004 wurde Heynckes entlassen. Er selbst bewertete seine Amtszeit und seine Arbeit aber immer positiv.  Er führte eine hohe Defensivkompaktheit ein und die Schalker jener Zeit spielten mit guter Raumaufteilung. Anders war dies bei Borussia Mönchengladbach, seiner nächsten Trainerstation.

Nach nur einem halben Jahr musste Heynckes gehen. Zuvor war er aus gesundheitlichen Gründen zwei Jahre ohne Arbeit gewesen. Gladbach startete gut in die Saison, vier der vier Siege unter Heynckes (und vier von sechs Siegen insgesamt in der Saison) holten sie in den ersten sieben Spielen. Wieso brachen sie zusammen? Woran scheiterten sie? Kein Zeitungsbericht und keine Quelle von damals bringen hierzu ordentliche Gründe hervor. Morddrohungen soll es gegen Heynckes gegen haben, dazu noch interne Probleme mit Verein und Spielern, Verletzungsprobleme und notorische Abschlussschwäche.

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Die Bilder von damals lassen ebenfalls keinen endgültigen Schluss zu. Die Mannschaft wirkt normal, eine Mannschaft, deren Kollektivspiel zu ihrer individuellen Stärke passt. Eventuell war auch das das Problem. Der Mannschaft fehlten sämtliche Aspekte, um die typischen Heynckes-Merkmale umzusetzen. Gladbachs Angriffsfußball der 80er und der Selbstanspruch von Heynckes waren zu weit weg von der Gladbacher Mannschaft Mitte der 2000er, die letztlich sang- und klanglos abstieg. Es schien, als ob Heynckes spezielle Mannschaften benötigte: Arbeitsam, in Kernbereichen talentiert und möglichst jung. Der FC Bayern sollte ihm den Sprung zu einer solchen Mannschaft ebnen.

Das Revival und seine Symbolik

2008/09 wurde Jürgen Klinsmann Trainer bei den Bayern – er sprach von schneller Ballrückeroberung, Powerfußball und dem Ein-Kontakt-Spiel der Engländer. Doch seine Zeit währte nur kurz. Fünf Spieltage vor Schluss wurde der Schlussstrich gezogen. Jupp Heynckes sollte die Münchner noch in die Champions League führen, um zumindest das Minimalziel zu erreichen. Dies schaffte er auch, indem er aus dem fitten Restkader nahezu das Maximum rausholte. Mit fast chirurgischer Präzision stellte er richtig auf, ließ sogar einmal mit Raute spielen und konnte vier der fünf Spiele gewinnen.

Diese überzeugende Manier holte Heynckes ganz schnell zurück in das Tagesgeschäft der Bundesliga. Bayer Leverkusen klopfte an und nahm ihn unter Vertrag. Bei Leverkusen fand Heynckes die richtige Mischung und – noch wichtiger – die richtigen Charaktere. Spätestens seit den späten 2000er-Jahren und der neuen Generation junger Spieler, die zur Mündigkeit und Selbstverantwortung erzogen wurde, scheint Heynckes endlich sein Zielpublikum gefunden zu haben. Heynckes ist nämlich nicht autoritär, auch wenn er als solcher dargestellt wird; ganz im Gegenteil.

Jupp Heynckes erwartet sich von seinen Spielern nämlich kein bedingungsloses Befolgen jeglicher Anweisungen. Heynckes ist ein Typ wie Ernst Happel, Louis Van Gaal oder Sir Alex Ferguson, die „mündige“ Spieler wollen, daran aber auch Bedingungen knüpfen. Ein mündiger Spieler hat ein Mitspracherecht bei seinen Trainern.

Ernst Happel hatte beispielsweise oft mehrere Spieler, mit denen er sich vor Partien über mögliche taktische Marschrouten austauschte. Ähnliches praktizierten auch Ferguson und van Gaal. Mit dieser Mündigkeit ging aber auch das Versprechen zu vollster Loyalität abseits des Platzes und durchgehender Disziplin auf dem Platz einher. Des Weiteren gab es trotz der Mündigkeit nur eine „richtige“ Meinung: Die des Trainers.

Im Idealfall gibt es in der Mannschaft also eine flache Hierarchie, aber in der Hierarchie des gesamten Vereins unter dem Trainer stand. Die Mannschaft treibt sich selbst zu Höchstleistungen an (sowohl Ferguson als auch Heynckes sprachen in den Achtzigern von kollektiver Selbstdisziplin). Im heutigen Fußball ist eine solche Mündigkeit und Hierarchienverteilung selbstverständlich.

In diese Zeit passt Jupp Heynckes optimal  hinein. Bei Bayer Leverkusen konnte er dies beweisen: Spieler wie Toni Kroos benötigen die Mischung aus einem sachlichen sowie „erfolgsgeilen“ Fußballlehrer, einem Jugendförderer und einem Trainer, der als Gegenleistung zur nötigen Disziplin den gewissen Grad Freiheit zulässt und Leistungsschwankungen duldet.

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Spieler wie Arturo Vidal waren ebenfalls ideal für Heynckes. Louis Van Gaal sagte einst, dass Andrés Iniesta der ideale van-Gaal-Fußballer sei – ähnliches könnte auch für Jupp Heynckes und Arturo Vidal zutreffen. Der Chilene ist offensiv wie defensiv stark, dynamisch, laufstark, bissig und aggressiv, ohne dabei die offensive Komponente im Spiel missen zu lassen. Bei Bayer nahm er mit Kroos eine Schlüsselrolle ein.

Im 4-4-2-System agierten die Leverkusener mit einem eher geradlinigen und situativ diagonalen Rechtsaußen, Kroos als verkapptem Spielmacher von links und einem klassischen Zweiersturm. Mit Derdiyok und Kießling gab es zwei Spieler, die lange Bälle verarbeiten und sich an Kurzpasskombinationen beteiligen können. Vidal machte aus diesem 4-4-2 in der Offensive ein 4-1-3-2, in welchem der Linksverteidiger mit Kroos die Seite überlud.

Dieses situative Überladen, schnelle Schnittstellenkombinationen und das hervorragende Bespielen von gegnerischen Bewegungen durch zurückfallende Mittelstürmer, hineinstoßende Flügel oder den aufrückenden Vidal sorgten gar dafür, dass die Leverkusener lange Zeit auf Platz Eins der Tabelle standen. Durch eine konstante Vier-Mann-Absicherung standen sie defensiv gut, zusätzlich waren sie in beiden Heynckes-Saisons die torgefährlichste Mannschaft nach Standardsituationen in der ganzen Liga.

In der Folgesaison fiel man zwar nach dem Kroos-Abgang ab, konnte aber dennoch Fünfter werden. Zu jener Zeit findet man auch bei 44quadrat.net eine interessante Analyse, die Heynckes‘ Mannschaft beschreibt.

Die typischen Heynckes-Merkmale zeigten sich bei Leverkusen ebenso wie seine Veränderungen als Trainer: Eine gute Gegneranpassung, eine angemessene Reaktion an veränderte Spielumstände, das seit den 90ern praktizierte tiefere Pressing und eine eher positionsorientierte, aber dennoch bewegliche Raumdeckung mit einzelnen Manndeckungsaspekten.

Nach dem Abgang von Louis Van Gaal bei den Bayern war Heynckes‘ Zeit gekommen. Uli Hoeneß holte seinen „besten Freund“ zurück und korrigierte seinen größten Fehler.

Jupp Heynckes und seine Rekordbayern

Schon in der ersten Saison schien es wie die perfekte Paarung im deutschen Fußball. Heynckes beerbte Louis Van Gaal und die Spieler hatten endlich wieder einen Kumpeltyp, anstatt eines Fußballehrers. Wie unpassend dieser Satz klingt, nicht wahr?

Zu Beginn schienen die Bayern der Konkurrenz zu enteilen. Mit schnellem und fluidem Fußball hatten sie früh viel Vorsprung auf die Dortmunder und auch in der Champions League konnten sie sich bis ins Finale spielen. Die Betonung liegt dabei auf „spielen“. Jupp Heynckes tat viel mehr, als nur eine gute Mannschaft von Louis Van Gaal zu übernehmen und dessen Fehler zu beheben. Es war eine Wechselwirkung zwischen den zwei Trainern, wie sie es in der Fußballgeschichte wohl nur selten gab.

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Louis Van Gaal hatte das getan, woran Klinsmann scheiterte: Alte Zöpfe wurden abgeschnitten, eine neue Spielphilosophie wurde installiert und der Nachwuchsgeneration eine Chance gegeben. Davon profitierte Heynckes, wie von anderen, taktischen Aspekten. Aber Heynckes kultivierte diese Spielweise nicht nur, sondern ergänzte sie.

Der Ballbesitz nahm – für sehr viele unerwartet – nach der letzten Saison unter Van Gaal nicht ab, sondern weiter zu. Das Positionsspiel wurde – typisch Heynckes – fluide und mit leichten Asymmetrien ausgelegt. Defensiv wurde das Pressing angepasst. Dennoch blieben Heynckes nach der Verletzung Schweinsteigers und dem Wegbrechen des fluiden Aufbauspiels nur drei Vizetitel, woraufhin die Bayern investierten. Dieses Mal waren es drei Transfers, an denen Heynckes mitwirkte und die ebenfalls zu seinem Profil passen.

Mit Javi Martínez kam ein Baske und ein Spieler, der ebenso wie Arturo Vidal die idealen Attribute eines Heynckes-Fußballers in sich vereinigt(wenn auch in anderer Ausführung und anderer Position bzw. Rollenverteilung). Auch Dante und Mandzukic entsprechen den Vorstellungen Heynckes: Diszipliniert, bissig, aber dennoch technisch gut und durchaus für einen Spaß zu haben.

Dank dieser Verpflichtungen dürfte die aktuelle Bayern-Mannschaft wohl die ideale Heynckes-Elf sein. Die Stars der Mannschaft ordnen sich dem Kollektiv völlig unter, genießen aber auch deswegen bestimmte Freiheiten – Ribérys herausragende Defensivarbeit und gleichzeitig sein erlaubtes situatives Zocken, bei dem Mandzukic seine Position übernimmt, verbinden zwei eigentliche Paradoxe miteinander und schaffen eine Win-Win-Situation.

Auch im Aufbauspiel wurde die Fluidität teilweise extrem gespielt. Gegen Lille gab es immer wieder Franck Ribéry als Spielgestalter in der Mitte. Dessen Zurückfallen wurde mit einem raumöffnenden Verschiebemechanismus versehen, um die Effektivität zu steigern. Die Kür dürfte Jupp Heynckes aber beim herausragenden Pressing der Münchner in dieser Saison gelungen sein.

Hier verband er ebenfalls typische, frühere taktische Mittel mit der Moderne. Gegen Juventus pressten sie beispielsweise in einem 4-3-3, um die gegnerische Abwehrkette zu bespielen. Andrea Pirlo wurde dabei von Toni Kroos bzw. nach dessen Verletzung Thomas Müller in Manndeckung genommen, um den Wirkungskreis des Spielmachers auszuschalten. Gegen Barcelona wurde im Hinspiel dann mit einem 4-4-2-0 gepresst, um die Überzahl der Katalanen in der Mitte mit ihren drei herausragenden zentralen Akteuren und dem zurückfallenden Messi zu neutralisieren.

Auch das Gegenpressing war in dieser Saison aller Ehren wert. Die Plagiatsvorwürfe Jürgen Klopps diesbezüglich sorgten aber für selten gesehenen Ärger bei Heynckes:

„Sie haben von mir noch nie gesehen, dass ich in irgendeiner Pressekonferenz negativ über eine andere Mannschaft oder kritisch über den Kollegen gesprochen habe.“  – Jupp Heynckes in der FAZ, 1. März 2013

Worauf genau Klopp abzielte, ist nicht klar. Fakt ist aber, dass Heynckes schon in den frühen 80ern das Prinzip des Gegenpressings spielen ließ – deshalb seine Aufregung. Das Gegenpressing selbst wurde von der niederländischen Nationalmannschaft und Ajax in den 70ern praktiziert, u.a. auch in Ansätzen von Feyenoord jener Zeit, die bekanntlich Ernst Happel als Trainer hatten – der sich mit Heynckes einige Duelle in der Bundesliga lieferte. Das „moderne“ Gegenpressing ließ letztlich zuerst Pep Guardiola in seiner kollektiven Variante spielen, ebenfalls vor Jürgen Klopp.

Fazit und Vermächtnis

Bayern - Grundformation2012

Noch weiß man nicht, ob Heynckes Ende dieser Saison seine Karriere beenden wird, obgleich die meisten Medien und Insider davon ausgehen. Angeblich soll es aber Angebote von überall geben; selbst Real Madrid scheint Interesse zu bekunden. Sollte Heynckes seine Karriere beenden(obwohl es beim DFB vielleicht nach 2014 einen schönen Job für ihn gäbe)geht ein großer deutscher Trainer und Fußballdenker.

Heynckes kritisierte in den 90ern die Abwehrspieler wegen ihres Spielaufbaus und zweifelte ihre Qualität deswegen an. Selbst heutzutage würde man dafür zumindest in einigen Teilen der Fußball- und Medienlandschaft kritische Blicke ernten. Er war auch einer der Vorreiter der modernen Trainingsmethodik in Deutschland, ein Vertreter des ganzheitlichen Prinzips und des „interkulturellen Dialogs“ – einem Umgang der Spieler miteinander, nicht nur über die Barrieren der Sprache und Kultur hinweg, sondern auch der Arbeitszeit.

Viele seiner als verschroben geltenden Ideen sind heute Standard. Geplante oder wechselnde Sitzordnungen im Fußball, gemeinsames Essen oder die gemeinsame Beschäftigung mit fußballirrelevanten Themen wurden kritisch beäugt, setzten sich aber durch. Das Einfordern von  Disziplin, das präzise Verbessern individualtaktischer Mängel auch auf höchstem Niveau und die Differenzierung in der Betrachtung sind heute so selbstverständlich, dass die Kritik an Heynckes zu jener Zeit fast lächerlich wirkt.

Mit welchen Problemen sich Heynckes in der damaligen Zeit herumzuschlagen hatte, ist heute kaum mehr zu begreifen. In den 80ern soll er gar mit Otto Rehhagel und Udo Lattek einer der wenigen Trainer gewesen sein, der verletzte Spieler nicht fitspritzen und spielen ließ. Passend dazu sah er die Rotation der Lauterer bei ihrem Titelgewinn 1991 ebenfalls als Vorteil und als ursächlich für den Meistertitel an.

„Wenn die elf Stars permanent strapaziert werden, spielen sie ja nicht mehr top. Dann ist der Kopf leer und der Körper müde. Das ist für mich eine ganz logische Schlußfolgerung.“ – Jupp Heynckes im Spiegel, 27. März 1991

Zusätzlich war er in seiner analytischen Betrachtung von Fußballern und Mannschaften ebenfalls Vorreiter – sogar heute noch. So führte er taktische Aspekte wie Fouls auch auf körperliche und geistige Müdigkeit zurück, unterschied den „Star“ vom „Führungsspieler“, der die Mannschaft befruchtet und nicht knechtet, und lobte 1990 wie schon Arrigo Sacchi die Kolumbianer für ihre Taktik, während alle Welt noch Deutschland zujubelte.

Ohnehin scheint ihn mit Sacchi eine gewisse geistige Ähnlichkeit zu verbinden. Der Italiener lobte die aktuellen Bayern auch als „totalen Fußball“, bei dem jeder alles kann, das Spiel versteht und kollektiv verteidigt wird. Heynckes selbst sah sich ebenfalls als einen Trainertypen wie Sacchi und gar als potenziellen Revolutionär:

„HEYNCKES: Die jungen Trainer haben doch keine Chance mehr. Wenn ich Präsident wäre, dann wären bei so manchem Klub statt des Trainers ein oder zwei Spieler entlassen worden. Die Präsidenten haben doch keine Zivilcourage. Wenn ich höre, daß sich die Dortmunder Spieler ihren neuen Trainer selbst aussuchen wollen, habe ich dafür keinerlei Verständnis. So ist schon vielen jungen und guten Trainern das Rückgrat gebrochen worden.

SPIEGEL: Aber etablierte Trainer wie Sie könnten doch Innovationen anbieten?

HEYNCKES: AC Mailands Trainer Arrigo Sacchi ist für mich der einzige, der in den letzten Jahren im Weltfußball wirklich eine neue Spielstrategie entwickelt hat – er konnte es, weil er mit den drei Holländern die entsprechenden Spieler zur Verfügung hatte. Ich hätte auch gerne was Neues, etwas Revolutionierendes gemacht, mit einem Stefan Reuter auf der Liberoposition hätte ich auch unser Spiel ganz neu interpretieren können.

SPIEGEL: Was hat Sie denn gehindert?

HEYNCKES: Bei den Bayern spielt Klaus Augenthaler seit neun Jahren den typischen Libero hinter der Abwehrkette. Ich habe ganz andere Vorstellungen. Aber dafür muß man vier sehr schnelle Abwehrspieler haben.“ – Interview im Spiegel, 27. März 1991

In Anbetracht des, zugegeben von mir selbst geschriebenen, Artikels kann ich doch mit ruhendem Gewissen die Eingangsfrage beantworten:

„Du hältst Jupp Heynckes wirklich für einen der besten Trainer?“ – Ja, das tue ich. Ganz unabhängig davon, ob er die Champions League gegen den BVB gewinnt, oder nicht.

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